Wie iel Mode ne e äg Die P o inz?
Übe legungen zu Mode ne als Li e a u - und
Subjek o m in de Ka lsbade Zei sch i
Die P o inz (1924)*1
Jan Budňák– Masa yk ‑Uni e si ä , B no
ABSTRACT
How Much Mode ni y Can he P o ince Take? Re lec ions on Mode ni y as aLi e a y
and Subjec Fo m in he Ka lo y Va y Jou nal Die P o inz (1924)
This pape analyses he signi icance o he concep s o p o ince and mode ni y in he
jou nal Die P o inz (1924). This “mode n e ue” (as one o he sel -ad e isemen s pu s
i ), in ended p ima ily o (Ge man -speaking) Czechoslo akia (sub i le: Semimon hly o
Czechoslo akia) and published by wo social -democ a ically minded in ellec uals close o
he a is ic a an -ga de (E ns Somme , B uno Adle /U ban Roedl), pu sues abo e all an
educa ional pu pose: he ‘p o ince’ which i add esses is emphasised as he ac ual sphe e
o he ‘human’, bu wi h he po en o he u opian. I s mode n ea u es consis abo e all
in he socialisa ion o solida isa ion o he poli ical pe spec i e, which is di ec ed agains
(na ional, egional, cul u al) pa icula isms. Pos -bou geois iews o he subjec , o exam-
ple in he sense o he cold pe sona o he New Objec i i y (Le hen) o he socialis collec i e
subjec , o pos -bou geois iews o li e a u e in he sense o ab eak wi h adi ion o
an opening o a an -ga des, howe e , canno be a es ed o he jou nal. The jou nal hus
illus a es aspeci ic hyb id o bou geois and pos -bou geois mode ni y.
KEYWORDS
Czechoslo akia, social democ acy, B uno Adle , E ns Somme , mode ni y, egion
Die P o inz, lau Un e i el eine Halbmona ssch i ü die Tschechoslowakei, wu de on
Janua bis Ok obe 1924 in Ka lsbad he ausgegeben und b ach e es insgesam au 5
He e, da on zwei Einzelhe e (N . 1 und 2) und d ei Doppelhe e (3–4, 5–6 und 7–8).
In eine Selbs anzeige, die am Ende des Doppelhe es 3–4 s eh (P o inz 1924: 128),
wi d de Un e i el modi izie und dami auch de hema ische Ak ions adius de
Zei sch i p äzisie : Halbmona ssch i ü Poli ik, Kuns und Wi scha de Tschecho‑
slowakei. Die Zei sch i bewi b sich in diese Selbs anzeige abe o allem mi hil e
des g oßged uck en A ibu s „mode ne Re ue“. Eine e klä e maßen mode ne Re ue,
die ü die P o inz bes imm is ? ag man sich skep isch– und s eh dami o Fo -
* De Bei ag is im Rahmen des P ojek s „Dimensionen de In e kul u ali ä in de deu schsp achigen
Kul u de Tschechoslowakei 1918–1939 am Beispiel ih es linken Segmen s“ en s anden. Das P ojek
wi d on de Fo schungsagen u de Tschechischen Republik (GAČR, N . GA21-06511S) ge ö de .
32 BRÜCKEN 30/1
schungs agen, die auch die S uk u des o liegenden Bei ags o geben: Wie wi d
P o inz denn eigen lich in de P o inz e s anden? Und, im Zusammenhang dami ,
welche Spiela on Mode ne– e s anden nich nu als eine li e a ische Fo m, son-
de n auch als eine „Subjek kul u “ (And eas Reckwi z)– wi d in de P o inz gep leg ?
Und las bu no leas : welches Li e a u e s ändnis de P o inz geh mi diese A
on Mode ne einhe ?
1. DIE PROVINZ DER PROVINZ: „DAS ZUNÄCHST LIEGENDE“
UND DAS „UTOPOGRAPHISCHE“
In de Mi e des mi „S a eines P og amms“ übe sch iebenen Vo wo s zum e s en
He de P o inz s eh de Sa z: „Nich de Wel und de Menschhei , sonde n de
P o inz is diese Zei sch i gewidme .“ (Adle /Somme 1924: 2) Wa um wenden
sich die ( e mu lichen) Ve asse des Vo wo s, die Mi he ausgebe de Zei sch i ,
B uno Adle und E ns Somme , nich an die Wel und die Menschhei und se zen
sich somi dem Einwand aus, ein auch de Quali ä nach ‚p o inzielles‘ P ojek ins
Leben ge u en zu haben? Weil sie– o ensich lich in eine implizi en Polemik gegen
den Spä exp essionismus– an Wel e besse ung1, ja „Kosmos e besse ung“, wie sie
i onisch anme ken, glauben. Zugleich e me ken sie abe dieselben K isensymp
-
ome wie diese und wollen sich ihnen genauso wie diese s ellen. De Un e schied
zwischen den beiden A en on Ak i ismus bes eh jedoch o allem im an isie en
Wi kungsho izon :
Die E kenn nis, dass diese Wel im A gen lieg , is so billig wie die ih sogleich ol-
gende Be ei scha , den Kosmos umzuges al en. Die Bescheidens en lassen es dami
genug sein, die sogenann e neue Kul u au zubauen. Noch nie wa en die g ossen
Töne und Themen so belieb , und noch nie wa es so no wendig, das Ge inge e und
eilich so iel Schwe e e zu un: Die Wi klichkei zu e kennen und nach ih en
ein achen Gese zen das zunächs Liegende zu un; das Endliche, das E eichba e
zu wollen; zu scheiden, zu un e scheiden, sich zu en scheiden; alle Ideologien
p eiszugeben, nich die ‚Wel ‘ zu e besse n, sonde n das bißchen Leben, das in den
Bezi k des Einzelnen eind ing und on ihm ausgeh . Die Wel s äd e, de Wel k ieg,
die Wel blä e haben den Quan i ä swahn gezüch e , und dem kleins en Ke l is
de g öss e Wi kungsk eis kaum g oss genug. So wi d nich s bewi k . Wel und
Menschen bleiben, wie sie sind, solange de Einzelne, die Gemeinde, das Land nu
sie, nich sich ände n wollen. (Adle /Somme 1924: 2)
Die He ausgebe de P o inz keh en hie gewisse maßen die G ößen e häl nisse um,
zu ih en Guns en, e s eh sich: g oß is , we im Kleinen wi ken kann. Die P o inz
1 Nu eines de unzähligen Beispiele ü die Radikali ä des exp essionis ischen Glaubens da an, dass
‚de Mensch‘ sein ‚Ich‘ de ganzen Wel ö mlich einp ägen kann, sei zi ie : „De Exp essionismus
glaub an das Allmögliche. E is die Wel anschauung de U opie. E se z den Menschen wiede in die
Mi e de Schöp ung, dami e nach seinem Wunsch und Willen die Lee e mi Linie, Fa be, Ge äusch,
mi P lanze, Tie , Go , mi dem Raume, mi de Zei und mi dem eigenen Ich be ölke e.“ (Huebne
1920: 5)
33JAN BUDŇÁK
wi d in de P o inz also p imä als ein ealis ische Wi kungsk eis be ach e , als
„das zunächs Liegende“.
Dami einhe geh die in de Zei sch i wiede hol dekla ie e Übe pa eilichkei
im poli ischen und ideologischen Sinne. Obgleich beide Mi he ausgebe Sozialde-
mok a en wa en (Somme ) bzw. mi de Sozialdemok a ie sympa hisie en (Adle )
(Němec 2001: 226, 230; s. auch Adle 1924a: 55–57), läss die Zei sch i höchs ens
implizi e was da on e kennen. Sie posi ionie sich s a dessen als eine „mode ne
Re ue“ ü die ganze P o inz, als O ien ie ungshil e ü alle kul u ell ansp echba en
„Menschen de P o inz“ (Adle /Somme 1924: 2), und o mulie ih soziales, küns -
le isches und poli isches P og amm als ein Konsensangebo :
Ih e [de P o inz, J.B.] sozialen Anschauungen e e en das Rech au die daseins-
wü dige Exis enz Alle […]. Ih e küns le ische Gesinnung soll wede Mode und
Schlagwo wesen noch eine hil los e kümme nde T adi ion p legen; sie dien den
We ken und Pe sönlichkei en, die du ch das s a ke Band des Ausd ucks geis ige
Inhal e übe die G enzen de Klassen und Lände einande zugehö ig sind. Ih e
poli ische S ellung e gib sich aus dem menschlich Allgemeinen: unabhängig on
Pa eidok inen i sie ü die Ve s ändigung de geis ig Ve wand en übe alle
na ionalis ischen Sch anken hinweg ein […]. (Adle /Somme 1924: 3)
An de (meh mals wiede hol en) Be onung des Schlagwo es on de (deu sch-
schechischen) „Ve s ändigung“2 wi d deu lich, dass das du ch die Zei sch i ge-
p äg e Ve s ändnis des Wo es ‚P o inz‘ im scha en Gegensa z zu einem konku ie-
enden Beg i s eh , nämlich dem de ‚Heima ‘. Explizie wi d diese Gegensa z o
allem in de Auseinande se zung mi de ‚Heima li e a u ‘ bzw. de ‚Heima kuns ‘,
die im Abschni 3 des o liegenden Bei ags behandel wi d. Vo allem wi d in dem
p og amma ischen Tex de P o inz de äumliche Beg i de P o inz wei gehend aus
de Opposi ion zu Zen um bzw. Me opole he ausgelös . Zusammen mi de En e -
nung de na ionalen A ibuie ung de – hie gemein en– ‚sude endeu schen‘ P o inz
scheinen hie also die meis en Sch anken ge allen zu sein, die de Kommunika ion
de Zei sch i mi de de deu schen Sp ache mäch igen, nich jedoch na ional den-
kenden Lese scha aus de ganzen Tschechoslowakei hä en hinde lich sein können.
In einem zwei en p og amma ischen Bei ag im e s en He de P o inz (Roedl
1924a) komm es abe auch schon zu eine Auseinande se zung mi jenen Bedenken,
die sich hinsich lich des ‚P o inz e besse ungsau ags‘ de Zei sch i wohl ech
spon an eins ellen muss en. Die op imis ische Sich au die P o inz– hie am ehes en
als ‚Kleins ad ‘ konk e isie – wi d do on Roedl (d.h. Adle ) wei e en wickel ; sie
sei das „ e nun sgemässe, no male Siedlungsgebilde de Menschen […], Re ung
aus Einsamkei und Be iebswahnsinn“ (Roedl 1924a: 12). Nebene ek diese Konk e-
isie ung is alle dings eine iel schä e e, ‚essen ialis ische‘, de Re o mbewegung
geschulde e Abg enzung de P o inzs ad om Do au de einen und on de G oß-
2 Siehe den Bei ag on E ns Somme Ve s ändigung (Somme 1924: 5 .). Das Thema de na ionalen Ve -
s ändigung bzw. Ve mi lung is auch in dem seh in o ma i en Bei ag on Mi ek Němec zu P o inz
zen al (Němec 2001).
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s ad 3 au de ande en Sei e: „[Die Kleins ad ] is wesen lich die No m menschliche
Siedlungsgebilde und als solche on daue nde Gül igkei ; seelisch g und e schieden
om Do wie on de G oßs ad , bedeu e sie die Mi e zwischen ihnen, die Mi e,
welche de eigen liche Bezi k des Menschen is .“ (Roedl 1924a: 13) ‚Mensch‘ lau e denn
auch das in de Zei sch i am häu igs en o kommende Schlüsselwo ; hie wi d e
a sächlich zum Maß alle Dinge. Den– dem Exp essionismus du chaus nahen– An-
sp uch, dem ‚Menschen‘ dazu zu e hel en, in eine „o ganischen“, „ unden“ „Lebens-
ähigkei “ zu exis ie en, kann lau Roedl nu die Klein- bzw. P o inzs ad e üllen:
Mensch und Menschenwe k so zu ö de n, dass sie sich, alle Pola i ä e wand , in
de Mi e alle Gegenk ä e o ganisch und zu selbs ändige Lebens ähigkei und
ges al en, is die Fo de ung, welche die Kleins ad e üllen könn e.
Denn die Kleins ad is de K eis, welche alle menschlichen Beziehungen zu
höchs en Konk e hei en wickeln kann. S e s üb sie, da jede in de Nähe jede -
manns leb , s enge K i ik. So wi d ein Mindes mass an We und Wü de gewäh -
leis e , das wede im Do , noch in de G oßs ad nö ig is . Sie ze s ö den Men-
schen nich du ch Teilnahmslosigkei , sie läss ihn nich am Alleinsein zug unde
gehen. […] In ih e Sphä e sind zu allen Zei en die höchs en Ta en geschehen. […]
Gesellscha liches wie Pe sönliches en häl und bewi k sie in gleichem Masse,
die k assen Un e schiede de Mach , des Besi zes, des S andes, sind in ih nich
so gegeben, wie in Do und G oßs ad , ih e A bei is iel äl ig und handg ei lich
p ak isch. Sie läss dem Menschen die Mach übe sein Gebilde, sie en we e ihn
nich zum Objek . (Roedl 1924a: 14 .)
Roedls Vo s ellung is on Ideen de Re o mbewegung ge agen. Als seinen K on-
zeugen zi ie e den A chi ek en, „Handwe ke und S äd ebaue “ (Roedl 1924: 15)
Hein ich Tessenow (1876–1950), de eine En wicklung zu selbs genügsamen „Acke -
bü ge s äd en“ hin „ e künde “ (Roedl 1924: 15).
Zuguns en Roedls muss hinzuge üg we den, dass e sein Konzep de P o inz-
s ad ausschließlich in de Zukun , als U opie e wi klich sieh und dies auch o en
sag : „Jene e ende Kleins ad gib es nich . Sie is nu u opog aphisch bes immba .“
(Roedl 1924a: 16) T o zdem bes eh e au seinem Ansp uch de Wel e besse ung im
Kleinen, denn so weise wie Oswald Spengle sei jede ; jede wisse, wie die „dämoni-
schen S ad gebilde“ (ebd.) de Ve gangenhei zug unde gegangen seien, und jede
e s ehe die Analogie zwischen ih em Un e gang und dem d ohenden Un e gang de
zei genössischen Me opolen. Um die U opie de P o inz, wie sie Roedl (Adle ) und
Somme o schweb , zu e wi klichen, bedü e es also de „Vo bedingung des kul u-
ell geschlossenen K eises […], welche e s die e ziehe ische A bei möglich mach “
3 Im Li e a u disku s de spä en Mona chie lassen sich meh e e Ve suche e mi eln, in de P o inz die
„eigen liche“ Region de Li e a u und insbesonde e des– auch mode nen– li e a ischen Scha ens zu
e blicken. De namha es e is He mann Bah , dessen Essay „Die En deckung de P o inz“ aus dem Jah e
1899 au ähnlich ausge ich e e Bes ebungen on Pe e Rosegge sowie au p og amma ische Tex e
zei genössische Au o eng uppie ungen aus de ös e eichischen P o inz Bezug nimm . Von seine
e klä e maßen Wiene Pe spek i e iden i izie e sich mi dem Ansp uch de egionalen Au o en,
die Li e a u zu e neue n: „Sind wi [Wiene , J.B.] so äge? Abe ielleich is es die P o inz, die uns
den S oss geben wi d; ielleich ü el und a sie uns doch endlich noch au .“ (Bah 2010: 144).
35JAN BUDŇÁK
(ebd.). Dami sind auch all die Bezugsg ößen genann , de en Schni punk , ode besse :
Fluch punk die beiden Mi he ausgebe im Konzep de ‚P o inz‘ e blicken: Kul u ,
Bildung und Mensch– als olls ändig en wickel es indi iduelles sowie soziales Wesen:
all dies im Angesich eine Wel apokalypse. „Re e die Kleins ad , dami sie uns e e!“
(ebd.), so de lau es e Appell de Zei sch i an die P o inz.
2. MODERNE IN DER PROVINZ ALS FORTSETZUNG BÜRGERLICHER
SUBJEKTKULTUR
Die Aus ich ung au den ‚Menschen‘, au das menschliche Subjek is in de P o inz
buchs äblich ab dem e s en Sa z des e s en Bei ags p äsen : Do such man– dem
al en ‚Zynike ‘, also Diogenes, gleich– den ‚Menschen‘, den „ a en Vogel“ (Adle /Som-
me 1924: 1). Diogenes habe ihn mi de La e ne au dem Ma k on Ko in h ge unden,
wäh end man heu e ü diese Suche „keinen ande en Ma k als den Büche ma k “ zu
Ve ügung habe, weil „zwischen Mensch und Mensch nu noch die Li e a u e mi el “
(Adle /Somme 1924: 1). Die F ages ellung des zwei en Abschni s des o liegenden
Bei ags lau e in diesem Sinne: Handel es sich bei diesem ‚Menschen‘ in de P o inz
um eine Subjek o m, die als mode n zu bezeichnen is ?
Fü diese Annahme sp ächen einige Signale: Die Zei sch i cha ak e isie sich–
e s ens– schließlich selbs als eine „mode ne Re ue“. Ih e He ausgebe sind– zwei-
ens– Exponen en mode ne Kuns : Adle wa An ang de 1920e Jah e Dozen am
S aa lichen Bauhaus in Weima und G ünde des p og essi en, dem Bauhaus nahen
U opia -Ve lags in Weima (Němec 2001: 225 .), Somme wa Au o on einigen g o-
esk e emde en No ellen mi mode ne Na a ion und iel ach agmen ie e ,
pe o ma i - ollenha e Figu enzeichung, z.B. De Au uh on 1920 (Macháčko á-
Riege o á 1969: 26). Auch s ell – d i ens– die sozialdemok a ische Aus ich ung de
Zei sch i , wie ideologisch ‚ausgeglichen‘ auch imme sie wa , sie und ih e S ellung-
nahmen in zei genössischen Disku sen4 au die p og essi e, mode ne Sei e.
Nich zule z sind– ie ens– auch ih e poli isch -kul u ellen, essayis isch -jou -
nalis ischen und li e a ischen Bei äge unmiss e s ändlich in de Mode ne zu e -
o en: Eine A jou nalis ische Schi mhe de P o inz is o ensich lich Ka l K aus,
aus dessen Umk eis sich auch einige Au o en de Zei sch i ek u ie en (O o S oessl,
Be hold Vie el) und dessen Agenda (z.B. de Kamp gegen die ‚Ph ase‘) auch in de
P o inz wei e ge üh wi d. Nich zule z lassen sich auch die ielen an i(spieß-,
klein-)bü ge lichen A acken, die einen de o en Fäden de P o inz bilden, als eine
spezi ische K i ik o m de Mode ne ansehen– sei es als I onisie ungen des kleinbü -
ge lichen P o inzs ad lebens, das de P o inz -U opie Roedls en gegenges ell wi d,
ode sei es als Ve suche, mi bü ge lichen Kon en ionen zu b echen. Als Beispiel kann
die ku ze Skizze De Sinn des Eheb uchs (Roedl 1924b) he angezogen we den: Do
gelang ein Ehemann zum Ve s ändnis om „Sinn jenes Eheb uchs, den [e ] nich be-
gangen [ha ]“ (Roedl 1924b: 148): „Eine E kenn nis: so e n die Ehe übe haup möglich
4 Bei äge zu Bildung, z.B. „Poli ische E ziehung und P esse“ on William Wa kin Da ies, P o inz (1924:
65–71); nachged uck e Bei ag „Schulpoli ik eine sozialis ischen Regie ung“ (80–87); Bei äge zu
Wi scha , z.B. Jose Sebians „Wäh ung, P oblem alle P obleme“ (162–166); „Was is Zahlungsmi el“
(166 .); und „Jose on Ägyp en. Eine olkswi scha liche S udie aus dem al en Tes amen “ (218–220).
36 BRÜCKEN 30/1
is , is sie nu in de äusse s en F eihei möglich. Als Ins i u ion gesellscha liche
O dnung is sie längs unwah gewo den. [… Die Ehe] o de die unbeding e F eihei
beide Teile; au dass sie imme wiede wie zu ih em gegensei igen Mass zueinande
inden.“ Da au eagie dessen F au: „Ich muss dich e lassen. Du has mich übe -
zeug .“ Das le z e Wo ha abe e : „Geh und komm wiede .“ (Roedl 1924b: 148)
Wie mode n wi d also de Mensch konzipie , um dessen Re ung du ch die u o-
pog aphische P o inzs ad es de Zei sch i o allem geh ? Gehen wi om Konzep
de bü ge lichen Subjek kul u on And eas Reckwi z (2020) aus, wi d die Zei o ,
wäh end und ku z nach dem E s en Wel k ieg, in die das P ojek de Ka lsbade P o‑
inz äll , als die Endzei diese Subjek kul u gesehen. Reckwi z bezeichne zwa die
ganze bü ge liche Epoche zwischen dem Ende des 18. Jah hunde s und de Weima e
Republik als „bü ge liche Mode ne“ und e wende somi ein ex ensi es Mode ne-
konzep , wich ige is hie abe die F age, wie e die bü ge liche Epoche und o allem
ih Ende konzep ualisie . Im o liegenden Bei ag wi d de Mode nebeg i ehe im
enge en, ‚li e a u his o ischen‘ Sinne benü z , also eben als die le z e Phase de (auch
on Reckwi z so bezeichne en) bü ge lichen Zei . Ve ein ach gesag üh Reckwi z
bei seine Cha ak e isie ung des bü ge lichen Subjek s des langen 19. Jah hunde s
zwei Na a i e bzw. Subjek o dnungen zusammen, die bis heu e o als ge enn , ja
als gegensä zlich gedach we den. Es is zum einen das „Na a i de Indi idualisie-
ung“ und zum ande en „das Na a i de Disziplinie ung“ (Reckwi z 2020: 13). In
de bü ge lichen Subjek o m, die „in All agsp ak iken he o geb ach , ainie und
s abilisie “ (Reckwi z 2020: 16) wi d, sind demnach beide Subjek o dnungen zugleich
en hal en, in di e sen Fo men und P opo ionen. Ande s o mulie : das bü ge liche
Subjek be eib Selbs disziplinie ung und es ha ‚Tie e‘, es wi d on de Vo s ellung
de indi iduellen Selbs pe ek ionie ba kei und de de ‚heiligen‘ menschlichen In-
di iduali ä bzw. Humani ä gelei e . Dieses an h opologische P ojek wi d na ü lich
du ch Bildung, E ziehung, Kul u , Li e a u genauso wie du ch die Wi scha ode
abe z.B. auch du ch den Kolonialismus e wi klich .
Ein ähnlich ambi ionie es bü ge liches ‚Selbs -Bildungs -P ojek ‘ besch eib auch
Panajo is Kondylis (2010). Die „bü ge liche Lebens o m“ des langen 19. Jah hunde s
cha ak e isie e als eine „syn he isch -ha monisie ende“ O dnung, die au einen
Ausgleich zwischen Ve nun und T ieb/I a ionali ä , zwischen Kul u und Na-
u , zwischen i a ac i a und i a specula i a o ien ie is . Den B ennpunk diese
ha monisie enden Syn hese, die Kondylis genau wie Reckwi z als pe o ma i ( e-)
p oduzie sieh , e blick e in den Ins i u ionen des Be u s und de Ehe, sowie auch
des S aa s: Diese mani es ie en die du chaus ansp uchs olle Syn hese on Tüch ig-
kei und Tie e des Menschen am anschaulichs en.
Reckwi z und Kondylis sowie auch z.B. Helmu Le hen in seinem We k zu Neuen
Sachlichkei Ve hal ensleh en de Käl e (Le hen 1994) modellie en jeweils auch das
Ende des bü ge lichen Zei al e s. Die K isenan älligkei des als indi iduell, kompak
und le n ähig gedach en bü ge lichen Subjek s ha e um 1900 zahl eiche G ünde:
den Ve lus de menschlichen Einziga igkei in de Schöp ung (Da win), die En -
deckung des Unbewuss en (F eud), die K ise de Wah nehmung (Mach) und de
Sp ache (Ho manns hal), Zi ilisa ionsk i ik (Nie zsche) ode die Ve massung– und
dahe den Ve lus – des Subjek s (Indus ialisie ung, Sozialismus) us . Reckwi z
iden i izie zwei zen ale An wo en au diese K ise: ein Sich -Ve ie en im Äs he i-
37JAN BUDŇÁK
schen („das ansg essi e Subjek de A an ga de -Bewegungen“, 1890–1930) und ein
Sich -Einlassen au den Essenz -Ve lus des mode nen indus iellen „Anges ell en-
subjek s“. Als ein Sich -Ab inden mi diesem Zus and de „Käl e“ des Subjek s (das
eine kal e pe sona, keine „K ea u “ meh is ) wi d das Ende de bü ge lichen Epoche,
zu de e auch die U opie des exp essionis ischen ‚neuen Menschen‘ noch zähl , on
Helmu Le hen (1994: 16–52) da ges ell . Le hen zähl eben alls iele Aspek e de ge-
leb en, p ak izie en Subjek kul u au , die ü beide Fo ma ionen ypisch sind (32 .:
z.B. inne e Kon ollins anz, Gewissen, Ges ändnis, Reue ü die o -neusachliche,
ex e ne Kon ollins anz, Scham, Ri uale on Ausg enzung und Wiede gu machung
ü die neusachliche, kal e pe sona). Fü Kondylis ze äll schließlich die bü ge liche
„Syn hese on Mensch und Wel “ (Kondylis 2010: 48) du ch die „massendemok a ische
Au lösung des An h opozen ismus“ (z.B. in Opposi ionen wie Geis s. Technik, Ding
und Wo us .).
Fü Übe legungen zum Mode ne -Gehal in de Ka lsbade P o inz olg aus diesem
Schnelldu chlau du ch Konzep e zu spä bü ge lichen Subjek o dnungen: Die P o inz
s eh eindeu ig in de bü ge lichen T adi ion, und om ‚mode nen‘ Ze all des An h-
opozen ismus, om Ze b öckeln de Bildungs- bzw. E ziehungsmission de ‚hohen‘
Kul u , de Li e a u , de (in ellek uellen) Wo kuns inde sich do keine Spu ;
ganz zu schweigen on de inne lich beein äch ig en kal en pe sona eines Fabian,
eines G ego Samsa ode des du ch die P o inz (Geschä s-)Reisenden Malenski on
O o Roeld (Malenski au de Tou , 1930, neue Ausgabe 2018, gl. G imes 2020). Soga
F ied ich Nie zsche, dessen Zo n au die Deu schen im Bei ag on Wal e Tschuppik
(F ied ich Nie zsche und die Deu schen in Böhmen; Tschuppik 1924) mi iel (Schaden-)
F eude wiede hol be on wi d, wi d in de P o inz nich als Mo alk i ike ode ga
Nihilis ausges ell , sonde n als eine „de g öss en E ziehe , [und zwa , J.B.] ü die
Leh e, dass es nu eine e olg eiche Wa e gib , ehe man zu ande en g ei , die Wa e
des Geis es und de Bildung, und mi ih die E hebung de Poli ik au ein höhe es
Ni eau“ (Tschuppik 1924: 19). Die P o inz i demgegenübe mi de Übe zeugung
in die Wel ,
dass es den Menschen ü den Menschen zu e ziehen gil , und [sie is ] mi allen
K ä en bemüh , mi zuscha en an de Au ich ung eines besse en Lebens, das
he o gehen soll aus eine e nün igen O dnung de F eihei und gegensei igen
Ve p lich ung, aus dem Zwang des Gewissens, dem E ns de Ve an wo ung und
aus de Be ei scha de He zen. (Adle /Somme 1924: 3)
Somi we den nich die S ichwo e de neusachlichen bzw. nachbü ge lichen Subjek -
kul u ange üh , sonde n es wi d noch einmal au die Gül igkei de bü ge lichen
Subjek o m gepoch . In einem nachged uck en äl e en Au sa z on T. G. Masa yk im
e s en He de P o inz wi d zwa de bü ge liche Libe alismus des 19. Jah hunde s
(Masa yk 1924) en schieden e abschiede ,5 abe die „sozialis ische Demok a ie“, die
ihn lau Masa yk (und ganz o ensich lich auch lau Adle und Somme ) e se zen soll,
5 „Poli isch lös sich de Libe alismus imme meh in e schiedene Pa eien au und is da um pa lamen-
a isch gegen die Sozialdemok a ie und ih e uni o me e Masse und ebenso gegen die gou e men ale
Reak ion schwach. Imme meh und meh klamme sich de Libe alismus an o male P inzipien […].
Kul u ell und wi scha lich wi d de Libe alismus imme nega i e ; das ühe e S eben nach F eihei
38 BRÜCKEN 30/1
wi d als eine A Wiede he s ellung bzw. Wei e üh ung de bü ge lichen Ideale und
E ungenscha en da ges ell , die om Libe alismus nu eilweise e eich wu den,
be o diese , „ein Sys em de Halbhei en“ (Masa yk 1924: 7), sie aus den Augen e lo .
3. MODERNE DER PROVINZ ALS SICHTWEISE AUF DIE LITERATUR
Auch an de Auswahl de in de P o inz abged uck en li e a ischen Tex e läss sich
dokumen ie en, wie du chlässig ü die aus dem 19. Jah hunde kommende T adi ion
die Mode ne in diese „mode nen Re ue“ is . Das g öß e li e a isch -poli ische Anlie-
gen, das in de P o inz e olg wi d, is die Ambi ion Adle s/Roedls, die landläu ige
Wah nehmung on Adalbe S i e als einem „Heima dich e “ umzuges al en. In
de P o inz inde sich soga ein li e a ische Tex on S i e abged uck – und zwa
ausge echne eine seine ‚mode ns en‘: nämlich die Skizze Die Sonnen ins e nis am
8. Juli 1842, die heu e wegen de gedämp en, nahezu phänomenologischen Schilde-
ung de as onomischen E scheinung geschä z wi d und die zugleich als eligiöse
Allego ie lesba is .6 Es is eine de kü zes en Tex e S i e s, was wohl auch nich
ohne Belang gewesen sein mag. Nich sdes o o z e läu die A gumen a ion, die, so
de Un e i el des Bei ags on Adle /Roedl, zu „Re ung Adalbe S i e s“ (Adle
1924b) üh en ode zumindes bei agen soll, ganz ande s. S i e wi d nich e wa
als ein Vo läu e de Mode ne be ach e und gewü dig , sonde n als ein „Vollende “,
als „die le z e und lau e s e Ve klä ung eine un e gehenden Wel des bü ge lichen
Idealismus“ (Adle 1924b: 98). Adle wende sich zunächs – öllig losgelös on des-
sen Tex en– gegen die lokale, phan asielose und s ellenweise auch ge äh liche (da
eben mi ölkischem und/ode an isemi ischem Un e on e sehene) Ve eh ung des
o en Klassike s. Zumindes e bal is e dabei doch ech adikal und sp ich e wa
om „Unsinn de Heima kuns “ (Adle 1924b: 97). Sons abe sch eib e S i e eine
A Mys ik des li e a ischen Wo es zu:
Das S o liche wi d as Nebensache. Die Handlung is nu Anlass ode Vo wand
de Fo mges al ung. Die Gelassenhei des Nacheinande s, die Du chsich igkei de
sp achlichen A mosphä e, […] übe kla e Dinglichkei sind Fak o en dieses S ils.
Es gib da endlose Pe ioden, die gegens ändlich du ch nich s beding scheinen
[…]. (Adle 1924b: 99)
Dami bezeichne e im G unde genau jene Aspek e on S i e s We k, die heu e als
(äs he isch) mode n angesehen we den, o allem die Ve selbs ändigung de Wah -
nehmung und ih e Loslösung om menschlichen Subjek (Koscho ke 1989; Mau e
2005), das dami eigena ig obdachlos wi d, s ell sie abe explizi in den Kon ex
bü ge lichen Humanismus: „Vollende de spä goe heschen Humani ä sepoche und
de abklingenden Roman ik, dich e ische Vollende eines Lebenss ils on höchs e
Kul u , u opische Menschengläubigkei , eines S ils des Abschieds.“ (Adle 1924b:
98) Dahin e is unschwe eine eigene Melancholie ob dieses ‚ e lo enen goldenen
wi d du ch eine poli ische Genügsamkei e se z , die un e F eihei das eben noch e ägliche Ausmass
de Un eihei mi F eude akzep ie .“ (Masa yk 1924: 10 .)
6 „Die Ve ins e ung de Sonne, das F emdwe den de e au en Wi klichkei wi d zu Sch eckens-
ision on go lee e Wel , Wel un e gang, Ve nich ung, Tod.“ (Naumann 1979: 80)
39JAN BUDŇÁK
Zei al e s‘ he auszuhö en, die in eine „mode nen Re ue“ und noch dazu on einem
Bauhaus -Dozen en nich unbeding zu e wa en wä e.7
In de P o inz inden sich auch li e a ische Tex e iele Au o en, die du chaus als
zen ale Figu en de Mode ne angesehen we den, an anzösischen Au o en e wa
Jules La o gue ode Cha les Louis Philippe, an ös e eichisch -deu schsp achigen
Al ed Polga , O o S oessl ode Egon E win Kisch und an schechischsp achigen
O oka Březina, F áňa Š ámek und Ka el Čapek. Die li e a ischen Tex e sind (mi de
Ausnahme on Kisch und Čapek) nich neu, sonde n en s ammen ühe en Phasen
de li e a ischen Mode ne (Jah hunde wende). Auch was die Tex so e be i , läss
sich eine Tendenz e kennen: nämlich die, en wede allego isch -essayis ische Tex e
au zunehmen, de en Bildungsau ag p imä is (Březina, Čapek, S oessl), ode be-
on ealis ische, in hema ische Hinsich ‚p o inzielle‘ (Kisch, Polga , La o gue,
Philippe). Auch du ch diese Auswahl wi d on den He ausgebe n de P o inz ü eine
Mode ne o ie , die seh gu Anschluss inden kann an die Ziele de Zei sch i : den
‚Menschen‘ in de ‚P o inz‘ im Geis des klassischen bü ge lichen Humanismus– mi
sozialis ischem Touch– zu e ziehen.
FAZIT
Im o liegenden Bei ag is eine zen ale Agenda de Ka lsbade Zei sch i Die
P o inz ausgespa geblieben, und zwa ih e kul u elle Ve mi lungsa bei zwischen
Deu schen und Tschechen in de Tschechoslowakischen Republik de ühen 1920e
Jah e, da diese Aspek be ei s au s G ündlichs e on Mi ek Němec bea bei e
wu de (Němec 2001). Ich habe mich hie in E gänzung dazu au die keineswegs
selbs e s ändliche, on de Zei sch i abe dennoch dekla ie e Ve bindung zwi-
schen Mode ne und P o inz konzen ie . Das Selek ionsp inzip de Zei sch i im
Umgang mi Tex en de li e a ischen Mode ne, so ha die Un e suchung e geben,
o ien ie e sich an de en hema ischem und o allem e ziehe ischem Gehal , wobei
ehe Tex e de ühen Phase de Mode ne um 1900 be o zug wu den. Das Beispiel
S i e zeig auch, dass sich die Zei sch i – zumindes in äs he ische Hinsich – iel
s ä ke in de (ideal-)bü ge lichen T adi ion e anke sah, als es im Hinblick au
das ‚mode ne‘ Engagemen de beiden Mi he ausgebe anzunehmen wä e. Nich
zule z wa auch de modus ope andi des Te minus ‚P o inz‘ du ch eine spezi ische
Misch o m nachbü ge liche Mode ne (Re o mbewegung, U opiemodelle, Sozialis-
musnähe) und bü ge liche Subjek kul u (o ganisches Subjek , Bildungsau ag)
gekennzeichne .
7 Mi S i e ha sich Roedl/Adle lebenslang beschä ig , seine S i e -Biog aphie Adalbe S i e . Ge‑
schich e seines Lebens is zue s 1936, in neubea bei e e Au lage 1958 e schienen. Zu Roedls/Adle s
S i e -In e p e a ionen siehe S o ck (2002).