141REZENSIONEN
Neil S ewa : Bohemiens im böhmischen Blä e wald. Die Zei sch i
„Mode ní e ue“ und die P age Mode ne. Heidelbe g: Win e , 2019,
521 Sei en und 22 Abbildungen.
Man ed Weinbe g– Ku K olop Fo schungss elle ü deu sch‑
‑böhmische Li e a u , Ka ls ‑Uni e si ä , P ag
An de Bedeu ung de in de S udie des Bonne Kompa a is en und Bohemis en Neil
S ewa behandel en Zei sch i Mode ní e ue kann es keinen Zwei el geben– jeden-
alls in ih e bes en Zei ; e selbs nenn sie an eine S elle die „zen ale Konsek a-
ionsins anz im P age Kul u be ieb“ (S. 61). Dennoch is ih lange nich das In e esse
en gegengeb ach wo den, dass sie e dien ha . Um es o gzunehmen: Übe die
Ta sache hinaus, diese Lücke ge üll zu haben, ha Neil S ewa eine g ündliche, kla
gegliede e, seh gu gesch iebene und den Lese esselnde ‚Falls udie‘ o geleg , ü
die e – öllig zu ech – mi dem O oka Fische P eis 2020 ausgezeichne wo den is .
Im Einzelnen: In de „Einlei ung“ (S. 15 .) e such S ewa e s einmal he zulei en,
wa um das In e esse an de Mode ní e ue p o li e a u u, umění, aži o [Mode ne Re ue
ü Li e a u , Kuns und Leben]– so ih ganze Ti el– ih e Bedeu ung nich ge ech
gewo den is . De K eis, de sich um die Mode ní e ue e sammel ha e, sei o „als
ma ginale Clique on Exzen ike n und Dile an en“ (S. 15) besch ieben wo den– ohne
nennenswe en Ein luss au die schechische Li e a u .
Im zu kommunis ischen Zei en e schienenen d i en Band de o iziellen Dějiny
české li e a u y (Geschich e de schechischen Li e a u ) heiß es, die Mode ní e ue
sei au g und ih es „ausgep äg ana cho -indi idualis ischen S andpunk es, ih e
a is ok a ischen Ve ach ung ü die gesellscha liche Nü zlichkei de Kuns “, on
den meis en küns le ischen Bewegungen de Zei und on de en ‚sozialis ischen
Bes ebungen‘ isolie geblieben. (S. 16)
Nach de Wende (und dami dem Ende des ideologisch e eng en Blicks au die Zei -
sch i ) hä en „die Dekaden en und ih publizis isches O gan nich wenig k i ische
Au me ksamkei e ah en“ (S. 16), doch es ehle eben „eine Monog aphie zu Mode ní
e ue, die sich nich au die Einzelau o en ode -aspek e konzen ie , sonde n in e-
g al medienanaly isch e äh und die dabei o allem auch den kompa a is ischen
Bezügen des Gegens ands konk e e […] nachgeh “ (S. 20). Seine S udie wolle „die
Re ue als zen ale Ins i u ion de P age Mode ne p o ilie en“ (S. 18).
Ganz besonde s in e essie uns die Rolle de Zei sch i bei de Mode nisie ung
und In e na ionalisie ung de schechischen Li e a u , ih e Funk ion als ein Ka-
alysa o , de den Me abolismus des kul u ellen Sys ems an eg e, die Abso p ion
ausländische Ein lüsse und de en k i ische Diges ion o ganisie e. De He aus-
gebe [A noš P ocházka; M.W.] und seine Kollegen beg i en mode ne Iden i ä
dezidie polemisch im Gegensa z zu den S e eo ypen de schechischen ‚na ionalen
Wiede gebu ‘, welche die Kuns des neunzehn en Jah hunde s dominie ha en,
sie wide se z en sich dem übe kommenen pa io ischen Impe a i und e ablie en
142 BRÜCKEN 27/2
mi ih em Publika ionsp ojek einen e i ablen Kno enpunk in dem Ne z on
Kul u beziehungen, das den eu opäischen Kon inen um 1900 übe zog. (S. 18 .)
Das P o il des P age Fin de siècle sei du ch das „Nebeneinande zweie Li e a u sp a-
chen und die Koexis enz d eie (z.T. sich übe schneidende ) Volksg uppen“ (S.23)
zwei ellos ma kan . Doch sei ge ade deshalb zu agen, „ob und wie angesich s on
so iel He e ogeni ä übe haup sinn oll on eine Mode ne gesp ochen we den kann,
zumal sich die genann en e hnisch -linguis ischen F ak ionen de selben gegenein
-
ande o mals so demons a i gleichgül ig ode o en eindselig e hiel en“ (S. 23).
Dies is das s e s gleiche P oblem bei de Auseinande se zung mi de P age Mo-
de ne: In de Fo schung wu de allzu lange die schechische und die deu sche P age
Li e a u oneinande ge enn behandel . Milan Kunde a ha angeme k : „[D]ie uni-
e si ä e Au eilung de Wel zwischen Ge manis ik und Slawis ik (dieses Jal a de
Uni e si ä en) ha Ka ka und Hašek, deu sches und schechisches P ag du ch einen
ie en G aben ge enn .“ (Milan Kunde a [1991], Einlei ungzu eine An hologie ode
Übe d ei Kon ex e.– In: DieP age Mode ne. E zählungen, Gedich e, Mani es e. H sg.
on K ě osla Ch a ík, F ank u /M.: Suh kamp, 7–22, 20). Das leg na ü lich nahe,
dass diese G aben geschlossen we den müsse, wo um sich in den le z en Jah en
und ak uell eine g öße e Zahl on Ge manis en und Bohemis en (auch de Ve asse
diese Rezension) bemüh . Dabei muss abe eben auch den Un e schieden wei e hin
Au me ksamkei gel en; eine o schnelle Syn he isie ung e wa zu eine un e schieds-
losen P age Mode ne is siche auch ein I weg.
S ewa widme sich in de „Einlei ung“ auch den me hodischen P oblemen eine
Falls udie zu eine Zei sch i . Pe iodika seien eben meh „als neu ale Behäl nisse“
(S.25), als die sie in de adi ionellen Fo schung zu ihnen o e schienen. Es sei also ol-
ge ich ig, „die Zei sch i nich absolu und on ologisch, sonde n ela i und his o isch-
unk ional zu de inie en, übe ih e Mi el- und Ve mi le posi ion im kul u ellen
Sys em“ (S. 28) und „his o ische, soziale, poli ische und biog aphische Kon ex e an-
gemessen zu be ücksich igen“ (S. 30) Die Re ue e scheine in seine S udie „als de Tex ,
de sie is : komplex und he e ogen“ (S. 30), „meh s immig“ (S. 30 .) und „dialogisch“
(S. 31). Um dies he auszua bei en, we de die Zei sch i „zunächs einmal ypischen
philologischen, semio ischen und he meneu ischen Analyse e ah en“ un e zogen:
den Tex besch eiben und gliede n, wiede keh ende Themen und Mo i e iden i-
izie en, in e - und ex a ex uelle Re e enzen benennen, Komposi ionsp inzipien
und ideologische Tendenzen ekons uie en, eine äs he isch -his o ische Zuo d-
nung e suchen. Spä e wi d dann noch einmal li e a u soziologisch zu ückge-
blick . (S. 34)
Das kling en schieden adi ionell. Doch is es eben die besonde e Quali ä de S udie,
dass in ih s e s ‚die Sache‘ im Vo de g und s eh und diese nich du ch me hodo-
logische ode heo e ische Re lexionen übe deck wi d. S ewa sieh „die posi i en
Möglichkei en des Fo ma s Falls udie“,
welches es nämlich ge ade ges a e , […] P obleme p agma isch zu behandeln und
kleinsch i ig zu e ö e n, eins weilen ohne abs ak o alisie enden Ansp uch. Am
143REZENSIONEN
his o ischen Einzelbeispiel kann anschaulich we den, dass selbs die elabo ie en
und ehemen p opagie en ‚an ihe meneu ischen Me hoden‘ de jüngs en ‚pe-
iodical s udies‘ gelegen lich an G enzen s oßen, dass es auch ‚disku sanaly isch
du chaus on In e esse [is ], we sp ich ‘ und dass nich jede an Inhal en in e es-
sie e Lek ü e eine Zei sch i zwangsläu ig eine medien e gessene Au assung
de selben als bloße ‚Con aine ‘ implizie . (S. 37 .)
Dass den S udien zu Zei sch i en ode Zei ungen e c. die ‚Reno ie ung‘ ih e Me-
hodologie du chaus gu ge an ha , kann man siche bes ä igen. Abe es e häl sich
wohl wie bei den neuen Sch eibweisen, die in de E hnologie aus de W i ing Cul u e-
Deba e esul ie en, on denen sich e hnog aphische S udien inzwischen o wiede
zuguns en eines ‚Na u alismus‘ à la B onisław Malinowski abgewende ha . Allzu
o wa en die S udien nämlich bloße Demons a ionen neue Zugänge und Da s el-
lungsweisen, und übe den e o sch en und besch iebenen Gegens and e uh man
iel wenige als in den adi ionellen Da s ellungen. Dabei sind ja heo e ische Ein-
wände gegen eine e mein lich unp oblema ische Da s ellung de ‚Sache‘ du chaus
be ech ig , besonde s in de E hnologie, in de es um die E o schung de F emden
geh und dami imme auch um Mach -Hie a chien, die sich aus de Kons ella ion
on Fo sche und E o sch em, Sch eibe und Besch iebenem e geben. Das e häl
sich in de Zei sch i en o schung e sich lich ande s. Und so is Neil S ewa s S udie
auch deshalb so um assend in o ma i , weil e sich eben– heo e isch keineswegs
un e lek ie – au die ‚Sache‘ konzen ie .
Das Buch is übe sich lich gegliede : Das zwei e Kapi el gib un e dem schlich en
Ti el „1894–1925“ (S. 41 .) einen ch onologischen Übe blick übe die En wicklung de
Zei sch i . Das d i e Kapi el „Dekaden mode n“ (S. 209 .) e such , den Beg i
de ‚Dekadenz‘ und das Ve häl nis de Décadence zu Mode ne zu klä en. Kapi el ie
gil un e de Übe sch i „Medial mode n“ (S. 317 .) de „in e mediale[n] S uk u “
(S.36) de Zei sch i . Und in de „Coda: Im Feld“ (S. 409 .) wi d in Anlehnung an
die Soziologie Pie e Bou dieus „de O de Mode ní Re ue im ‚li e a ischen Feld‘ de
P age Mode ne bes imm “ (S. 36).
De e s e Sa z des zwei en Kapi els is höchs lakonisch:
Die Mode ní e ue wu de on dem Bankanges ell en A noš P ocházka un e Mi -
hil e des Pos beam en Jiří Ka ásek in P ag he ausgegeben. Geg ünde im He bs
1894, e schien die Zei sch i meh als d eißig Jah e lang mi nahezu pe ek e
Regelmäßigkei am ach en Tag jedes Mona s. (S. 42)
Ge ade wegen seine Lakonik bie e diese Sa z einen pe ek en Eins ieg in die Ch o-
nologie de Zei sch i . Man e äh die Namen de beiden ‚Haup e an wo lichen‘,
zudem dass sie beide o enba einen B o be u b auch en, dass abe eine A bei als
Bankanges ell e ode Pos beam e o enba keinen Hinde ungsg und da s ell e, eine
jeden alls in de F ühphase a an ga dis ische Zei sch i he auszugeben und sich
lau s a k in die äs he ischen Deba en de Zei einzumischen.
In eine Anzeige, die P ocházka und Ka ásek einen Mona o de e s en Numme
in e schiedenen P age Pe iodika e ö en lich en, wi d die Zei sch i als „allen
Mode nen o en[s ehend]“ (S. 51) besch ieben, sie we de Übe se zungen „besonde s
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p o ilie e[ ] und küns le ische[ ] Au o en“ (S. 51), auch ausländische , „die bei uns
noch nich bekann sind“ (S. 62), bie en, und ih e „einzige P ä en ion“ sei, „ganz und
ga mode n und hochg adig küns le isch zu sein“ (S. 52). Es is eine de Vo züge diese
S udie, dass sie mögliche Miss e s ändnisse jeweils aus äum , denn die Ankündigung
um assende Mode ni ä könn e zu alschen Zusch eibungen üh en. Und so weis
de Ve asse da au hin, dass es sich hie um ein du chaus spezi isches Ve s änd-
nis on Mode ni ä handle, da ieles on dem, was heu e wesen lich zu Mode ne
um 1900 gezähl we de, in de Zei sch i gänzlich unbe ücksich ig blieb– e wa die
Wel auss ellung, Sigmund F eud und de Film ( gl. S. 54 .).
Mi dem p oklamie en „Geis ech e , uch ba e küns le ische und ideeliche
In e na ionali ä “ (S. 62)– so noch einmal die Ankündigung– s ell e sich die Mode ní
e ue gegen die in de schechischen ‚na ionalen Wiede gebu ‘ e ablie e „Vo s ellung
eines homogenen, um das ‚slawische P ag‘ zen ie en schechischen Kul u aums“
und ela i ie e mi ih em „Kosmopoli ismus […] dieses Modell ganz g undsä zlich,
indem die ‚goldene S ad ‘ eine sei s wiede an die gesam eu opäische Pe iphe ie ge-
ück , ande e sei s abe mi ande en Me opolen und Sp achen in Ve bindung gese z
wu de“ (S. 63) Mi de e s en Phase ende e um 1900 dann auch „die ‚no dische Pe iode‘
de Mode ní e ue“ (S. 83), weil man danach die Skandina ie o enba nich meh als
die Fackel äge de Mode ni ä ansah.
Im Teilkapi el zu e s en Phase inde sich auch eine seh gelungene Da s ellung
de A und Weise, wie die Zei sch i den P ozess gegen Osca Wilde kommen ie end
beglei e ha (S. 114–135). Es is eine besonde e Quali ä des Buches, dass manche Ge-
schich en ehe ge a , ande e abe seh aus üh lich ‚e zähl ‘ we den, und au diese
dann spä e imme wiede zu ückgekommen wi d. Das Namens egis e e zeichne
gleich 26– z.T. meh sei ige– S ellen, an denen es um Osca Wilde geh .
Wäh end die Mode ní e ue in de e s en Phase als „Sp ach oh adikal nonkon-
o mis ische In ellek uelle , de en Denken bei alle Dispa i ä in demselben F us-
a ionsge ühl angesich s de zei genössischen bü ge lichen Kul u und Gesellscha
wu zel e“ (S. 114), e schien, wa sie in de Zei on 1900 bis 1914 zwa „eine in de
böhmischen Kul u szene es e ablie e Ins i u ion“ (S. 136), doch es gewannen „kon-
se a i e e neo - oman ische und neo -klassizis ische Tendenzen an Bedeu ung“ (S.
410). Eine neue Phase beginn 1900 auch deshalb, weil Vik o Dyk und S anisla Neu-
mann die Zei sch i e ließen, die „zu den adikale en und poli isch ambi ionie e en
K ä en bei de Mode ní e ue gehö ha en“; dem en sp äche
die konse a i e Wende de Zei sch i insgesam . Nach 1900 weich ih o mals
p o okan sub e si e Habi us eine neuen Linie und wo man zu o ana cho-
indi idualis ische und a heis ische Skandalau o en aus ganz Eu opa ged uck ha e,
dominie en je z spä symbolis ische und neo oman ische, nach und nach auch
neoklassizis ische Tendenzen. Vo allem de anzösische P og ammschwe punk
p äg e sich dabei wei e aus (S. 137).
In de d i en Phase 1914– 1918, also wäh end des e s en Wel k iegs „ e hiel sich die
Mode ní e ue den äuße en En wicklungen gegenübe zunächs beme kenswe un-
be eilig (e s mi de Locke ung de Zensu ab Somme 1917 begannen auch poli ische
Bei äge zu e scheinen“ (S. 172). Alle dings seien in diese Zei „na ionalchau inis ische
145REZENSIONEN
und assis ische Töne bei de Zei sch i imme e nehmba e ; besonde s gegen die
in P ag ja unmi elba p äsen e deu sche Kul u g enz man sich agg essi ab“ (S. 178).
In de le z en Phase 1918– 1925 habe es einen deu lichen Schwund de Au lagen-
höhe gegeben; die Mode ní e ue sei in diese Zei „ehe ein Bla ü einen enge en
K eis on Eingeweih en als ein Medium mi ech e B ei enwi kung“ (S. 190) gewesen.
Auch o kla en We ungen scheu de Ve asse im Üb igen nich zu ück:
Es sei abe auch unumwunden einge äum , dass die le z en Bände de Re ue eine
ziemlich mühsame und s eckenweise ge adezu une euliche Lek ü e sind. Das
Ni eau de kuns - und li e a u k i ischen Rub iken lieg deu lich un e dem ü-
he e Jah e; die Zahl de Mi a bei e is ebenso zusammengesch ump wie die de
ausländischen Bei äge. (S. 192)
Die en scheidende F age abe is ü S ewa : „Wieso ende eine Zei sch i , de en
P og amm es u sp ünglich wa , de schechischen Kul u in e na ionale Ho izon e
zu e ö nen, am äuße s en ech en Rand des poli ischen Spek ums?“ (S. 201 .) Auch
hie zeig e sich höchs umsich ig in seine Einschä zung, inso e n e da au e -
weis , dass „wohl jede gene elle Iden i ika ion on ‚Mode ne‘ und ‚P og essi i ä ‘ mi
‚Tole anz‘ und ‚In e na ionalismus‘– alles höchs ela i e Beg i e!– au einem nai en
Vo u eil be uhe“ (S. 202). Dieses Vo u eil abe bes imm ja du chaus die meis en
Ve wendungen des Mode ne -Beg i s, dessen Ve allgemeine ungen dann in unan-
gemessenen Zusch eibungen enden. Dagegen hil wiede um nu de Blick au die
‚Sache‘, de zeig , dass man es sich dann doch zu ein ach mach , wenn man die Wand-
lung P ocházkas om „Fin -de -Siècle -Äs he zum an isemi ischen Na ionalis en“ (S.205)
als En wicklung eines gu en Mode nen zu einem bösen An i -Mode nen e s eh .
Das Kapi el „Dekaden mode n“ ag , wie schon ange üh , nach dem Phänomen
de Decadence und dessen Ve häl nis zu Mode ne. Es is das Kapi el, dem man am
meis en anme k , dass es sich bei de Falls udie um eine akademische Quali ika ions-
sch i , genaue eine Habili a ionssch i , handel , inso e n hie de Ve such de
Klä ung eines Beg i s un e nommen wi d– mi langen Re e a en de bishe igen
Fo schung zu Décadence, obwohl de Ve asse kla s ell , dass man sich de ‚Sache‘
so nich wi klich nähe :
die eine Essenz eines äs he ischen Phänomens wi d sich […] schon deshalb nich
des illie en lassen, weil es sich bei dem Ma e ial nich um isolie e Lexeme, nich
um eine eine Sp ache handel , sonde n um Äuße ungen, die on p agma ischen
Kon ex en abhängen und dialogischem Spannungen un e liegen (S. 220 .).
Es gel e also ehe , „Schni mengen zu bilden“ (S. 220). Im Folgenden wi d dennoch die
lange Reihe de o handenen De ini ionen abgesch i en und manche E wei e ung
o geschlagen, wodu ch sich die S udie on de ‚Sache‘ und dami auch on jenen
Lese n en e n , die an wissenscha lichen (und in diesem Fall zule z e kennba
un uch ba en) De ini ions e suchen kein In e esse haben. Man lies e wa:
Die Li e a u de Décadence wi d du ch ypische S o e, S immungen und Mo i e
bes imm und zugleich pa izipie sie an de allgemeinen s ilis ischen Tendenz
146 BRÜCKEN 27/2
ih e Epoche zum posi i is ischen Ka alogisie en, leis e diese du ch gewisse
hema ische Vo lieben soga besonde en Vo schub. (S. 240)
Das is wesen lich ‚schwammige ‘ als de Res de S udie. Zu ‚Sache‘ keh S ewa
alle dings zu ück, wenn e en schieden zum „mode nen publizis ischen Li e a u -
be ieb“ es häl , dass do „eben nich , wie eine adi ionelle Geis esgeschich e es
will, eine Ideen au einande p allen, sonde n […] Te mine d ängen und D ucke
wa en“ (263 .).
Ein besonde s gelungenes Teilkapi el inde sich alle dings auch in diesem Kapi el
zu Décadence. S ewa weis au ein „im Nachlass des 1898 im Al e on nich ganz
ie undzwanzig Jah en e s o benen Ka el Hla áček“ ge undenes „Au opo ä “ hin,
„das den Dich e dabei zeig , wie e sich in eine Spinne e wandel “ (S. 286). Bei die-
sem Mo i denken Lese na ü lich gleich an F anz Ka kas E zählung Die Ve wandlung.
Wenn Milan Kunde a die T ennung on Ka ka und Hašek k i isie ha , dann üh
S ewa zwa nich diese beiden, abe eben Ka ka und Hla áček zusammen– und
eil dabei Kunde as Diagnose, wenn e on einem „p oblema ischen Sepa a ismus“
sp ich , „mi dem man sich de mul ie hnischen und zweisp achigen P age Mode ne
on ge manis ische wie bohemis ische Sei e lange Zei genähe ha “ (S. 287). Die
Zusammenschau de beiden sei abe
wede als ein um assendes kompa a is isches app ochemen gedach , noch als ein
e schöp ende Ve gleich on ‚Sub ilnos smu ku‘ [Hla áčeks Zeichnung äg den
gleichen Ti el wie ein Gedich in seine e s en Ly iksammlung und bezieh sich
dami o ensich lich au dieses; M.W.] und Die Ve wandlung. Schon ga nich geh es
da um, eine wei e e Quelle au zu un, die das une klä liche Geschehen um G ego
Samsa e klä liche machen könn e. Vielmeh ich e sich unse E kenn nisin e -
esse o allem au den schechischen Tex , und zwa in seine spezi ischen Quali ä
als We k de böhmischen Décandence: eine Quali ä , die deu liche assba wi d,
wenn e in einem Kon as zu einem ande en ge ä , welche hema isch e wand
is , his o isch und geog aphisch nich seh wei en e n , abe eben nich meh als
‚dekaden ‘ anzusp echen is . (S. 289)
In de Zusammenschau de beiden Tex e on Hla áček und Ka ka geling S ewa
alle dings du chaus meh , als e hie e sp ich , weil im Blick au beide Tex e a -
sächlich sowohl Nähen als auch Di e enzen deu lich we den, die s ell e e end ü
das Ve häl nis de schechischen zu deu schen P age Mode ne s ehen können:
alles ande e als eins, abe – au de Sachebene– eben auch nich du ch einen ie en
G aben ge enn .
Das Kapi el „Medial mode n“ gil , wie schon gesag , de In e mediali ä de Mo-
de ní e ue, in de alle dings „ o z Bildbeilagen und Buchschmuck“ das Wo deu lich
dominie habe und die Reihen olge de im Un e i el genann en Beg i „eine kla e
Hie a chie“ ausged ück habe: „e s ‚die Li e a u ‘, dann und on diese ausgehend
‚die Kuns ‘ in einem allgemeine en Sinne und schließlich, wenn übe haup , alle üb i-
gen Aspek e ‚des Lebens‘.“ (S. 320) Dennoch dü e man die ‚nich -wö lichen‘ An eile
na ü lich nich e nachlässigen. S ewa kündig an:
147REZENSIONEN
Zunächs geh es da um, wie die nich - e balen Fo ma e Musik und Male ei in
de Zei sch i allgemein hema isie und konzep ualisie wu den, danach um
das Nebeneinande on Wo und Bild im illus a o ischen We k on Hla áček
und Kobliha. Schließlich ück die s o liche Bescha enhei des Mediums selbs
in den Mi elpunk des In e esses, also Layou , Komposi ionali ä und bibliophile
Quali ä . (S. 320 .)
Ohne dass diese ins uk i en Aus üh ungen hie aus üh lich gewü dig we den
könn en, bleib es zuhal en, dass S ewa auch in diesem Kapi el seh genau das
einhäl , was e zu o e sp ochen ha .
Das gil auch ü das le z e Kapi el „Coda: Im Feld“, das mi de Bou dieuschen
Feld heo ie „den O de Mode ní Re ue im ‚li e a ischen Feld‘ de P age Mode ne
bes imm “ (S. 36) und gleichzei ig die E gebnisse de S udie esümie end und e -
allgemeine nd zusammen ass . Am Ende de „Coda“ heiß es: Die
Un e suchungen und Resul a e [diese S udie] wa en un e de me hodischen P ä-
misse möglich, die Zei sch i insgesam als komplexe, abe kohä en e Zeichen olge
und als äs he isches Objek in den Blick zu nehmen. Sie soll e so wei wie möglich
als Li e a u gelesen, nich als Medium im Sinne eines neu alen Behäl nisses
au ge ass , nich im Rahmen eine allgemeine eld- ode sys em heo e ischen
Da s ellung au gelös und nich bloß als Schni punk einige küns le ische Bio-
g aphien angesp ochen we den– die Mode ní e ue nich so seh als ‚K eis‘, sonde n
zu o de s konk e : als Tex . (S. 410 .)
Man kann hie ge os das ‚soll e‘ du ch ein ‚wu de‘ e se zen.
Noch einmal: Neil S ewa ha mi seine S udie eine eigen lich une klä liche Lü-
cke, denn an de Bedeu ung de Mode ní e ue ü die P age Mode ne kann es keinen
Zwei el geben, ge üll . Die S udie bes ich du ch iele De ails und Geschich en, die
sich zu eine seh dich en Besch eibung de Zei sch i zusammen ügen. Dabei s ell
sich nie de Eind uck ein, dass hie Ma e ial nu um des Ma e ials willen ausgeb ei e
wi d, sonde n die Einzelhei en wi ken so zusammen, dass ein e kenn nis eiches Bild
de Mode ní e ue en s eh , dem abe eine wei übe die Zei sch i hinausgehende
Bedeu ung zukomm . Mi de Ve ö en lichung diese S udie können sich jeden alls
auch Ge manis en nich meh da au he aus eden, dass sie nun einmal au de einen
Sei e des Kunde aschen G abens s ünden. Auch sie– nich nu Bohemis en– können
an die E gebnisse S ewa s anknüp en und e wa die on ihm schon geleg e Fäh e
eine Nähe eines Tex es on Ka ka zu dem eines Tex es on Hla áček olgen. Es wü de
die Ka ka -Fo schung jeden alls aus manche Ve i ung he aus üh en, wenn dessen
kul u elles Um eld meh Be ücksich igung ände.
Übe all das hinaus is S ewa s Buch auch noch seh gu zu lesen, o soga un e -
hal sam (was man ja nich on ielen akademischen Quali ika ionssch i en sagen
kann), wie es schon de as sp achspiele ische Ti el Bohemiens im böhmischen Blä e -
wald andeu e . De Ve asse spa nich mi Zi a en, die im Haup ex in de deu schen
Übe se zung ange üh sind, in den Fußno en abe auch im schechischen O iginal
nachzulesen sind. Neil S ewa scheu im Üb igen auch nich o Zuspi zungen zu-
ück, die e gelegen lich launig kommen ie : „(Zugegeben, e was gewoll ).“ (S. 303)
148 BRÜCKEN 27/2
Ode poin ie eine These mi einem knappen „Voilá.“ (S. 309) Fü einen deu schen
Ge manis en i i ie end is das imme mal wiede au auchende, e al e wi kende
‚Wi ‘, das alle dings in de schechischen Wissenscha du chaus gang und gäbe is .
Die S udie is siche lich ü lange Zei das en scheidende S anda dwe k zu Mo-
de ní e ue, doch es wü de wi klich zu ku z geg i en sein, sie nu als ‚Falls udie‘ zu
diese Zei sch i zu besch eiben. Am Beispiel de Mode ní e ue zeichne S ewa ein
dich es Bild de ‚P age Mode ne‘, das du chaus auch als B ücke übe den on Milan
Kunde a beklag en Abg und zwischen Ge manis ik und Bohemis ik dienen kann. Von
dahe seien dem Buch nich nu seh iele Lese gewünsch , sonde n auch bohemis-
ische wie ge manis ische (und wei e e) Wissenscha le , die die E gebnisse diese
S udie in an sie anschließenden Fo schungen uch ba machen. Anschlusss ellen
bie e das Buch meh als genug.
Milan Ho ňáček, Sabine Voda Eschg älle , Alžbě a Peš o á (Hgg.):
De E s e Wel k ieg in de deu schsp achigen Li e a u und Publizis ik
Böhmens und Mäh ens. Olomouc: Palacký ‑Uni e si ä , 2017,
150 Sei en.
S e en Höhne– H M Weima /F ied ich ‑Schille Uni e si ä Jena
Die nich nu e inne ungskul u elle Auseinande se zung mi den Jah en 1914 bis
1918 ha in den Geis eswissenscha en in ensi e p oduk i e und zugleich höchs
un e schiedliche Wi kungen en al en können, in denen sich un e schiedliche T a-
die ungen und Kanonisie ungen e kennen lassen. Zieh man allgemein e bind
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liche Deu ungsmus e he an, so ließe sich kons a ie en, dass de E s e Wel k ieg in
Deu schland ehe om Zwei en Wel k ieg übe lage , im Wes en dagegen als g oße
Op e gang e inne wi d. Demgegenübe is e in Russland als Au ak zu Re olu ion
und Bü ge k ieg mi Op e zahlen konno ie , die die des Wel k ieges wei übe s eigen.
Und in Zen aleu opa s ell e ü einige Lände die en scheidende Phase na ional-
s aa liche Wiede gebu bzw. die E üllung i e den is isch beg ünde e E wa un-
gen und e i o iale Fo de ungen da . Einig dü e man sich wohl da in sein, dass
mi 1914 das ku ze, bis 1989 daue nde 20. Jah hunde beginn , ein Jah hunde de
Ex eme, om E s en Wel k ieg als U ka as ophe eingeläu e , de einen zu o nich
gekann en B u alisie ungsschub da s ell e und de jene Ideologien und Gewal en
eise z e, die in de Folge wei e e Op e in Millionenhöhe e u sachen soll en. Nich
zule z de Ze all de Viel ölke mona chien in Eu opa im Epochenjah 1918 üh e
zu einem Ende de poli ischen O dnung des ‚langen‘ 19. Jah hunde s– die zumindes
in wich igen Teilen au den Wiene Kong ess 1814/15 zu ückzu üh en is . Das Jah
1918 b ach e abe eben auch die E üllung na ionale E wa ungen und Ho nungen
in den Nach olges aa en de Habsbu ge mona chie wie de neugeg ünde en Tsche-
choslowakei, dem neue s andenen Jugoslawien, dem wiede e ich e en Polen und
dem deu lich e g öße en Rumänien. Mi 1918 sind abe auch Ve lus e ah ungen
in Ös e eich und o allem in Unga n e bunden, in dem bis heu e das T auma on