F anz Fe dinand d’Es e– das „Lei bild eine
konse a i en Re olu ion“? Zum Bild des
Th on olge s in de deu schsp achigen Li e a u
und His o iog aphie de Böhmischen Lände 1
Milan Ho ňáček– Palacký ‑Uni e si ä Olomouc
ABSTRACT
F anz Fe dinand d’Es e – he „Role Model o aConse a i e Re olu ion“? On he image
o he a chduke in Ge man li e a u e and his o iog aphy o he Bohemian lands
The pe sonali y o F anz Fe dinand, hei o he Aus o ‑Hunga ian h one, al eady di ided
opinion du ing his li e ime: e iled by his opponen s as a u u e au oc a who would subju‑
ga e he peoples o he mona chy, celeb a ed by his suppo e s as he only possible sa iou
o he ‘ailing’ dual mona chy. The assassina ion o he a chduke in Sa aje o symbolically
cha ged his image by linking his dea h o he ou b eak o he ominous ‘seminal ca as o‑
phe’ o he 20 h cen u y. Cha ac e ising F anz Fe dinand’spe sonali y, impac and plans
hus mean , no leas , in e p e ing he long and sho oads o he Fi s Wo ld Wa . The
ollowing a icle will discuss he image o he hei o he h one in Ge man li e a u e and
his o iog aphy o he Bohemian Lands, wi h special emphasis on he connec ion o F anz
Fe dinand’splans o conse a i e hinking on he one hand, and on al e na i e ‑his o ical
momen s in he analysed ex s on he o he .
KEYWORDS
F anz Fe dinand d’Es e; conse a i e hough ; ‘conse a i e e olu ion’; al e na i e his‑
o y; Hannes S ein; Mo i z on Au enbe g ‑Koma ów; B uno B ehm; Ludwig Winde ;
Emil F anzel
„IBIN DOCH NED DEPPAT, IFOHR WIEDER Z’HAUS.“
EIN ALTERNATIVGESCHICHTLICHES SZENARIO OHNE DAS
ATTENTAT VON SARAJEWO
Man sch eib das Jah 2000, Kaise F anz Joseph II he sch übe eine blühende Habs‑
bu ge Mona chie, zu de sei dem „Anschluss“ on 1938 und de „Heimholung“ (S ein
2016: 81) on 1941 auch Gebie e gehö en, welche im 18. Jah hunde nach den Teilungen
1 Die Ausa bei ung dieses Bei ags wu de dank de geziel en Un e s ü zung de Uni e si ä s o schung
e möglich , die das Minis e ium ü Bildung, Jugend und Spo de Tschechischen Republik de Philo‑
sophischen Fakul ä de Palacký ‑Uni e si ä Olmü z gewäh ha (IGA_FF_2021_035).
106 BRÜCKEN 29/1
Polens on P eußen und Russland annek ie wu den. Im benachba en Deu schen
Reich is an de Mach die cha isma ische Kaise in Augus a, die in Be lin Huldigungen
des euen He e o olkes en gegennimm . Zum Kolonialbesi z de Deu schen gehö
auch de Mond, au dem sie dank schnellen Fo sch i en in de Raum ah be ei s in
den 1940e Jah en lande en. Das B i ische Impe ium wi d on Königin und indische
Kaise in Elisabe h II egie , Russland on den Romanows und Paläs ina, wo es nu
e einzel jüdische Siedlungen gib , is noch imme Teil des Osmanischen Reichs.
Dass im Fall de oben ku z skizie en Lage ein al e na i geschich liches
2
Szena io
o lieg , lieg au de Hand. In Hannes S eins 2013 e schienenem Roman De Kome
wi d dieses o angig am Beispiel de Donaumona chie du chgespiel : Die Habsbu ge
Dynas ie he sch übe ein Ös e eich ‑Unga n, welches am ehes en als eine e klä e
‚Wel on Ges e n‘ cha ak e isie we den kann: Von den ealgeschich lichen Kon lik‑
en und P oblemen de (mi el)eu opäischen Wel am An ang des 21. Jah hunde s
gib es keine Spu , denn sowohl na ionale als auch soziale Gegensä ze wu den du ch
um ang eiche Re o men übe wunden, die Eli en sind sich ih e Ve an wo ung gegen‑
übe den Bü ge n bewuss und die as ausschließlich im deu schsp achigen Raum
p oduzie e Kul u is homogen.
Die im Roman p äsen ie e Idylle wi d noch du ch ein ü die al e na i e Ge‑
schich e ypisches Ve ah en un e s ichen: Gemäß den Kon en ionen des Gen es
kommen im Tex imme wiede his o ische Pe sönlichkei en o , de en Schicksal in
de al e na i en Wel adikal ande s, abe doch nich une wa e , e lie . So wi d in
den Zei ungen de Tod de inzwischen 71jäh igen Nobelp eis äge in ü Li e a u
Anne F ank gemelde , Lew B ons ein (T o zki) is als Au o on „wilde[n] u opische[n]
Zukun s omane[n]“ (S ein 2016: 129) be ühm und die beiden Massenmö de Hi le
und S alin sind nie an die Mach gekommen– de eine kam nich übe das Malen on
Ansich ska en hinaus, de ande e wu de un e dem Pseudonym „Soselo“ ein be‑
ühm e g usinische Dich e mi gangs e ha en Zügen und zahl eichen Ve b echen
in seine Jugendzei .
Gleichzei ig wi d in die Handlung des Romans– eben alls den ypischen Ve ‑
ah en de al e na i en Geschich e en sp echend– auch die ealgeschich liche Wel
einbezogen. Wie im wohl ein luss eichs en Tex des Gen es, Philipp KDicks The Man
in he High Cas le (1962), is sie auch in S eins Kome als eine A Phan asma p äsen :
Is es in Dicks Roman ein Buch, in dem de Zwei e Wel k ieg mi de Niede lage
Deu schlands und Japans ende , die im al e na i geschich lichen Szena io sieg eich
und danach zunehmend zu Gegne n in einem al e na i geschich lichen ‚kal en K ieg‘
wu den, übe nehmen in De Kome die gleiche Funk ion die (Alp)T äume on Hi le s
und S alins Enkeln, in denen sich die schlimms en ealgeschich lichen G auen des 20.
Jah hunde s abspielen. Diese beiden Enkel suchen olglich die Hil e on bekann en
Psychoanaly ike n, die übe die Sch eckens isionen ih e Pa ien en B. (Hi le s Enkel)
und D. (S alins Enkel) eine aus üh liche Ko espondenz üh en, da die Alp äume de
beiden e blü end ähnlich sind:
AuchD. glaub also, Eu opa bzw. die Wel sei in einem Ka aklysmus un e gegangen:
eine alles ze s ö enden Ka as ophe. Doch nun die en scheidende Abweichung,
2 G undlegend zu Al e na i geschich e: Hellekson (2001); Du s (2009); Demand (2011); Singles (2013).
107MILAN HORŇÁČEK
und diese Abweichung ha ielleich mi de Familiengeschich e on D. zu un.
DennD. is di ek mi Soselo e wand , es handel sich um seinen Enkel. (Soselo
wa , um es genau zu sagen, de Va e seines Va e s.) D. äum also, Soselo sei zum
He sche a ancie – und nich nu zum He sche on G usinien, nein, gleich des
ganzen Za en eiches! Soselo also als impe iale He sche , ein wenig abe auch als
Robespie e. MeinPa ien D. äum nämlich, Soselo habe Ve b echen begangen, die
jenen de Jakobine gleichen, sie abe wei in den Scha en s ellen. So habe e Be‑
wa ne e geschick , die den Ru henen all ih Saa gu und ih Vieh aub en, wo au
Millionen on ihnen kläglich e hunge en. In einem Wäldchen hä en sich Hä ‑
linge nebeneinande so hinse zen müssen, dass ih e Schlä en einande be üh en;
dann seien sie paa weise e schossen, ih e Leichen in Masseng äbe gesenk wo den.
Soselo ha in den T äumen meines Pa ien en Abe millionen Russen, Polen, Bal en,
Juden, Deu sche, auch G usinie nach Sibi ien depo ie – dann p e ch e e sie in
unmenschliche Lage , und sie muss en hung ig, im ewigen F os , mi ih en bloßen
Händen nach Gold g aben (S ein 2016: 178 .).
Indem die Sch ecken des 20. Jah hunde s in de Romanwel als Alp äume de Enkel
on Hi le und S alin igu ie en, gewinn die ealgeschich liche Wel den Cha ak e
eines Nach mah s on Geis esk anken bzw. eine du ch den dominan gewo denen
Todes ieb e u sach en Psychose, als de en Folge die T äume de Pa ien en B. und D.
im Roman on de Psychoanalyse diagnos izie we den (S ein 2016: 180 .).
De ‚al e na i geschich liche Pak ‘ läss den Lese e wa en, dass im Ve lau de
Handlung deu lich wi d, wie und wann es zum en scheidenden B uch kam, de die
Abweichung de al e na i geschich lichen En wicklung on de ealgeschich lichen
e u sach e. De ‚Nexus‘3 kann dabei kla benann ode nu angedeu e we den und
höchs un e schiedlichen Cha ak e haben: das ühe e Zus andekommen (ode im
Gegen eil Ausbleiben) eine En deckung ode E indung, de Ausb uch eine Plage,
de Tod ode ein abweichendes Schicksal eine zen alen his o ischen Pe sönlichkei
u.a. (Demand 2011: 65–102). In S eins Kome bes ehen übe den Nexus keine Zwei el.
E wi d im Ve lau de Handlung meh mals angedeu e und im zwöl en (und gleich‑
zei ig le z en) Kapi el schließlich auch o engeleg :
Jedes Schulkind kann e die Ta sachen: F ühsomme 1914, T uppeninspek ion in
Sa ajewo. Die Wagenkolonne uh on de Wes g enze de S ad ins Zen um. De
A en ä e wa e e schon. Eine Bombe kam ge logen. F anzII. hob den A m, die
Bombe p all e ab, oll e übe das zu ückgeleg e Ve deck nach hin en und explo‑
die e au de S aße. Meh e e Ve le z e. Und dann ha e F anzII. (damals noch
E zhe zog F anz Fe dinand) die gesam e Wagenkolonne wenden lassen– mi dem
längs his o isch gewo denen Aussp uch: „Ibin doch ned deppa , i oh wiede
z’haus.“ (Fü Reichsdeu sche: Ich bin doch nich bescheue , ich ah e wiede heim.)
Zwei Jah e spä e : Th onbes eigung (S ein 2016: 222).
3 Im Folgenden wi d ü denjenigen Momen , ab dem sich in den al e na i geschich lichen Tex en die
ik ionale En wicklungslinie on de his o ischen abheb , de Beg i ‚Nexus‘ (Hellekson 2000: 252)
e wende . In de Fo schungsli e a u wi d ü den ‚Nexus‘ eine ganze Reihe on Beg i en e wende ,
so u.a.: ‚POD‘ (poin o depa u e, poin o di e gence) und ‚ u ning poin ‘.
108 BRÜCKEN 29/1
De E s e Wel k ieg inde olglich nich s a und die sei Langem geplan en Re‑
o men des neuen Kaise s e wandeln die Habsbu ge Mona chie in eine blühende
mi eleu opäische Föde a ion, in de – o z de mo gan ischen Ehe und des 1900
geleis e en Eides– auch am Ende des 20. Jah hunde s die Nachkommen on F anz
Fe dinand he schen. Diese Nexus und das da aus abgelei e e al e na i geschich ‑
liche Szena io sind aus meh e en G ünden symp oma isch, und zwa sowohl ü
das Bild des Th on olge s (Hannig 2013: 244–273) als auch ü die Wah nehmung de
Doppelmona chie am Vo abend des E s en Wel k iegs. Das Szena io, nach dem F anz
Fe dinand zum bedeu ends en He sche Ös e eich ‑Unga ns a ancie , implizie
eine sei s den in de His o iog aphie des 20. Jah hunde s obsole gewo denen Glau‑
ben an die Rolle des ‚g oßen Mannes‘ in de Geschich e (Gampe 2016), ande e sei s
die– alles ande e als unp oblema ische– Übe zeugung, dass sich die Doppelmona chie
um 1914 nich in eine unübe windba en K ise be and und ih e na ionalen, sozialen,
kul u ellen und ande en P obleme ohne Wei e es du ch einen s a ken He sche und
en sp echende Maßnahmen hä en gelös we den können.
Wie be ei s oben angedeu e wu de, läss sich de S aa , de in S eins Roman aus
F anz Fe dinands ‚Re olu ion on oben‘ he o geh , am ehes en als ein idealisie es
Pendan zu b i ischen kons i u ionellen Mona chie besch eiben. De Kaise ha
p imä eine ep äsen a i e Funk ion und wi d wenn nich gelieb , so au jeden Fall
espek ie ; die p i ilegie en Schich en sehen sich als Diene des S aa es und soziale
Kon lik e scheinen nich o handen zu sein; die Na ionen sind du ch die Föde alisie‑
ung be iede und in Sachen Kul u häl man am Al he geb ach en es .
Un uhe wi d in diese ‚heilen‘ Wel nu du ch pos mode ne In ellek uelle ge‑
s i e , die in ih e ideologischen ‚Ve blendung‘ die Vo züge dieses Habsbu gischen
Pa adieses nich zu schä zen wissen, und du ch den i elgebenden Kome en, de die
Wel zu ze s ö en d oh . Wie im be ühm en „Kome enlied“
4
aus Nes oys Zaube posse
De böse Geis Lumpazi agabundus, ode Das liede liche Kleebla (U au üh ung1833),
an das Hannes S ein nich nu du ch den Ti el seines Romans anspiel , wi d eine
Ka as ophe beschwo en, die jedoch schließlich ausbleib , da sich de Kome beim
Ein i in die A mosphä e au lös – ein zu ungeb ochenen Idylle des Romans und
seine un e lek ie en Ve klä ung de Ös e eichisch ‑Unga ischen ‚Wel on Ges e n‘
passende Schluss.
4 Es is kein O dnung meh je z in die S e n,
D’ Kome en müß en sons e bo en we ’n;
Ein Kome eis ohne Un e laß
Um am Fi mamen und ha kein Paß;
Und je z ich aso aVagabund
Uns die Wel bei Bu z und S ingel z’G und;
Abe laß’n ma das, wie’soben s eh ,
Auch un sieh man, daß ’sau ’n Ruin losgeh .
Abends au man in’szehn e G’wölb sich nich hinein
Vo Glanz, denn sie ich en’swie d’ Feen empel ein;
De Zaube e Luxus schau blendend he o ,
Die böse Fee C ida spe nache ’sG’wölb’ zu .
Da wi d einem hal angs und bang,
Die Wel s eh au kein Fall meh lang […] (Nes oy 1835: 107 .).
109MILAN HORŇÁČEK
Diese e was länge en Aus üh ungen zu S eins al e na i geschich lichem Roman
soll en o allem eines e deu lichen, nämlich dass in de zei genössischen Imagi‑
na ion imme noch de Glaube an die Doppelmona chie als die bes e alle möglichen
Wel o leb , die ohne den E s en Wel k ieg nich un e gegangen wä e,
5
und dass
de in Sa ajewo ge ö e e Th on olge als ein e hinde e ‚Re olu ionä on oben‘
be ach e wi d, de nich nu die Habsbu ge Mona chie, sonde n ganz Eu opa o
den Wi en des 20. Jah hunde s hä e bewah en können. Im Folgenden soll ku z sein
Bild in de deu schsp achigen Li e a u und His o iog aphie de Böhmischen Lände
hema isie we den, wobei kein Ansp uch au Volls ändigkei e hoben wi d, es sollen
ielmeh einige ep äsen a i e Tex e disku ie we den, die m.E. ü die Rekons uk‑
ion dieses Bildes besonde s e giebig sind. Dabei soll nich zule z gezeig we den,
dass das Bild des Th on olge s unze ennlich mi de ominösen ‚U ka as ophe‘ des
20. Jah hunde s (Kennan 1981: 3 .) e bunden is : Das A en a on Sa ajewo als Fa‑
nal zum ‚Zei al e de Ex eme‘ (Hobsbawm 2009) ( e ) üh as au oma isch dazu,
F anz Fe dinand en wede als Sinnbild de 1914 ‚un e gehenden‘ Epoche da zus ellen,
ode – wie man dem Beispiel on S eins Kome en nehmen kann– in kon a ak ischen
Spekula ionen seine po en ielle Rolle in eine Wel ohne das A en a und ohne den
E s en Wel k ieg zu imaginie en.
„[K]EIN MITGLIED DER DYNASTIE [REICHTE] AUCH NUR
ANNÄHERND AN IHN HERAN“. DAS BILD DES THRONFOLGERS
IN MORITZ VON AUFFENBERG ‑KOMARÓWS MEMOIREN
Abgesehen on einigen um ang eiche en Nach u en au den E zhe zog, die ku z nach
dem A en a on Sa ajewo en s anden und on denen siche de bekann es e on
Ka l K aus (1914) s amm e, lassen sich komplexe e Deu ungen seine Pe sönlichkei
und seines Wi kens zunächs in den nach dem K iegsende e schienen Memoi en
on En scheidungs äge n und hoch angingen Mili ä s Ös e eich ‑Unga ns inden.
Kaum übe aschend wu de dabei die Rolle des Th on olge s in den Jah en o 1914
besonde s on seinen engen Mi a bei e n und Ve au en (Chlumecky 1929; Sosnosky
1929) behandel . Zu diesen zählen auch die Ve ö en lichungen des in T oppau gebo‑
enen Mo i z on Au enbe g, de u.a. zwischen 1911 und 1912 k.u.k. K iegsminis e
und danach A meeinspek o wa , im Sep embe 1914 in de Schlach bei Koma ów
(Galizien) ussische T uppen besieg e, um nu wenig spä e in de anschließenden
Schlach bei Rawa ‑Ruska e nich end geschlagen und on seine Kommandos elle
abbe u en zu we den. De da au olgenden E hebung in den F eihe ens and mi
dem P ädika on Koma ów (1915) olg e ein Ge ich s e ah en wegen angeblichen
Ve a s on geheimen In o ma ionen wäh end seines Minis e iums, im Zuge dessen
e schließlich eigesp ochen wu de (S u m 1979: 31). Mi Aus Ös e eichs Teilnahme
am Wel k iege (1920) und Aus Ös e eichs Höhe und Niede gang (1921) leg e e gleich
zwei Büche o , in denen e sein Wi ken in de ös e eichisch ‑unga ischen A mee
e lek ie e (und .a. ech e ig e) und sich an meh e en S ellen auch de Pe sön‑
5 In de His o iog aphie wi d eine e gleichba e Meinung u.a. on A nold Suppan (2014: 141–330) e ‑
e en.
110 BRÜCKEN 29/1
lichkei und Wi kung des Th on olge s widme e, den e o z einige Schwächen, .a.
im Umgang mi seinen Mi a bei e n und de (Un)Fähigkei , Menschen ich ig einzu‑
schä zen, ü einen po en iellen ‚Re e ‘ de Doppelmona chie hiel :
Nich sdes owenige muß e abe jede au me ksame Beobach e , de Gelegenhei
ha e, den E zhe zog zu s udie en, zugeben, daß F anz Fe dinand eine hochbedeu‑
ende Pe sönlichkei wa , die sich on jegliche Umgebung mäch ig abgehoben hä e,
auch wenn man in ihm nich den zukün igen Anwä e de K one e blick hä e.
Des Th on olge s Ve s and und Wille wa en wei übe das Mi elmaß en wickel .
In diese Hinsich eich e kein Mi glied de Dynas ie auch nu annähe nd an ihn
he an. Die Raschhei seine Au assung, die Gewand hei , des Wesens Ke n zu e ‑
assen, wa o s upend und äuße e sich besonde s dann, wenn seine pe sönlichen
ode dynas ischen In e essen ges ei wu den (Au enbe g ‑Koma ów 1921: 225).
In seinen Übe legungen zu F anz Fe dinands Plänen au die Umges al ung de Doppel‑
mona chie g ei auch Au enbe g ‑Koma ów au kon a ak ische Szena ien zu ück,
um die E olgschancen eines po en iellen Kaise s F anzII. zu analysie en. Sein U eil
äll dabei nich eindeu ig, abe dennoch ehe op imis isch aus:
Ich wiede hole, daß F anz Fe dinand eine de bedeu ends en E scheinungen wa ,
die ich au meinem langen Lebensweg kennengele n , und daß e alle Vo aussich
nach auch ein g oße He sche gewo den wä e. Ob ein glückliche , sei dahin‑
ges ell . Zwei elsohne wä e abe du ch ihn eine p ädominan e Pe sönlichkei au
Habsbu gs Th on gelang . […] Sonach wa es du chaus nich ausgeschlossen, daß
man eins – o ausgese z , daß die Mö de kugeln om 28. Juni 1914 ih Ziel nich
e eich hä en– on eine G oßä a F anzII.– so woll e e sich nennen– noch nach
Jah hunde en gesp ochen hä e (Au enbe g ‑Koma ów 1921: 225).
ZWISCHEN TRAGIK UND PATHOLOGIE. FRANZ FERDINAND
BEI BRUNO BREHM UND LUDWIG WINDER
Wie wi be ei s gesehen haben, sind die „Mö de kugeln om 28. Juni 1914“ und ih e
wel geschich lichen Folgen in p ak isch allen Schilde ungen des Th on olge s und
seines Wi kens p äsen : Übe F anz Fe dinand zu sch eiben, bedeu e as zwingend,
die langen und ku zen Wege in die ‚Ka aklysmen‘ des 20. Jah hunde s zu e lek ie en.
Dies gil auch ü sein li e a isches Bild, das in de deu schsp achigen Li e a u de
Böhmischen Lände p ominen e e en is : In B uno B ehms Roman Apis und Es e
(1931), dem e s en Teil seine Wel k iegs ilogie, und Ludwig Winde s De Th on olge
(1937) igu ie F anz Fe dinand jeweils als Sinnbild des ‚al en Eu opa‘. Gegensä zlich
sind jedoch die Vo zeichen, mi denen de Th on olge und mi ihm das Eu opa de
Vo k iegszei e sehen wi d (Ho ňáček/Schöning 2017: 340 .).
Mi de E mo dung des se bischen Königs Alexande Ob eno ic du ch g oßse ‑
bisch o ien ie e Mili ä s am 11. Juni 1903 und de da au olgenden Th onbes eigung
des an iös e eichisch ausge ich e en Königs Pe e Ka adjo dje ic wähl B uno B ehm
ü seine Rekons uk ion des Wegs in die Ka as ophe des Wel k iegs ein ‚p imum
111MILAN HORŇÁČEK
mo ens’
6
, das in seinem s a k mi Pa allelen und Vo ausdeu ungen a bei endem
Tex nich nu das A en a au F enz Fe dinand o wegnimm , sonde n auch den
An agonismus zwischen dem au s ebenden Na ionalismus de Balkan ölke und de
au de Einhei on ‚Th on und Al a ‘ basie enden He scha de Habsbu ge in den
Mi elpunk des In e esses ück (Decloed 1996). In B ehms Pe spek i e wi d olglich
nich nu de Weg in den K ieg, sonde n auch de K ieg selbs zum Kon lik zwischen
den du ch den Mode nisie ungsp ozess ‚en essel en‘ K ä en des Na ionalismus und
dem zwa zu Re o men be ei en, abe ie in de T adi ion e wu zel en Uni e salis‑
mus, de schließlich un e liegen muss: Das Ende de d ei (bzw. mi dem Osmanischen
Reich ie ) eu opäischen Kaise eiche, das de K ieg he bei üh e, g i B ehm auch
im Ti el seine Wel k iegs ilogie au , on de Apis und Es e den e s en Teil bilden: Die
Th one s ü zen (B ehm 1931; B ehm 1932; B ehm 1933). Seine Deu ung de U sachen
des K ieges wa eilich alles ande e als o iginell. Be ei s ku z nach dem A en a on
Sa ajewo e schien in de Fackel un e dem Ti el „F anz Fe dinand und die Talen e“
de be ei s oben ku z e wähn e Nach u au den Th on olge , in dem Ka l K aus „[k]
eine kleine en Mäch e als Fo sch i und Bildung“ (K aus 1914) ü das A en a und
dessen zu e wa ende ka as ophale Folgen, sam eine ölligen Ve ände ungen de
„Landka e Eu opas“ (K aus 1914), e an wo lich mach .
Einen diame al un e schiedlichen F anz ‑Fe dinand ‑Roman leg e 1937 Ludwig
Winde o . Sein Th on olge äg im Gegensa z zu B ehms E zhe zog, de zwa zum
Schei e n e u eil is , abe dennoch in de T agik seines Kamp es ü eine mögliche
konse a i e E neue ung de Doppelmona chie nich unsympa hisch wi k , as aus‑
schließlich nega i e bis pa hologische Züge. Diese we den– und in diesem Punk is
auch de An ang on Winde s Roman signi ikan – au die Vo ah en des E zhe zogs
und somi au die Eli en des al en Eu opa zu ückge üh : sein G oß a e Fe dinandII.,
de 1848den Au s and au Sizilien blu ig niede schlagen ließ und nach dessen Spi z‑
namen, „Re Bomba“, das e s e Kapi el be i el is ; dessen Toch e Ma ia Annunzia a,
die Mu e on F anz Fe dinand, die als k ankha eh geizig und ohne jeglichen Reali‑
ä ssinn p äsen ie wi d; ih zwa gu mü ige , abe öllig inkompe en e Ehemann
Ka l Ludwig on Ös e eich. Winde s F anz Fe dinand wi d als eine A Konzen a
aus den nega i en Eigenscha en alle diese Figu en da ges ell , sodass e in seine
emo ionalen Käl e, seinem übe spann en Ka holizismus, seinen Wu ausb üchen
und seine Un ähigkei , seine poli ischen Visionen umzuse zen, zum Sinnbild eines
kün igen Ty annen wi d, dessen po en iell desas öse He scha du ch die Schüsse
on Sa ajewo e hinde wu de. Die ‚Ab echnung‘ mi dem Th on olge und seinen
Plänen wi d gleichzei ig zu Ab echnung mi den Eli en de Doppelmona chie und
des Deu schen Kaise eichs, denen de auk o iale E zähle eindeu ig die Schuld am
Ausb uch des Wel k iegs zusch eib . Dagegen kann man das Ende des Romans nich
ande s als eine Apo heose de A en ä e lesen, welche „einen elenden Ma e od
e li en“, um ih en ul ima i en T aum „ on einem g oßen selbs ändigen S aa alle
Südslawen“ (Winde 1984: 595) zu e wi klichen.
In den zwei Romanen, die anhand de Vi a und des Todes on F anz Fe dinand
den ‚Weg in den K ieg‘ zeichnen, lassen sich somi sowohl kla e Un e schiede als
6 Den gleichen Ausgangspunk ü seine heu e als maßgebliche gel ende Da s ellung des Ausb uchs des
E s en Wel k iegs wähl e eben alls de aus alische His o ike Ch is ophe Cla k (2013).
112 BRÜCKEN 29/1
auch Gemeinsamkei en im Hinblick au die Deu ung de U sachen des Wel k iegs
und olglich auch au dessen ‚Sinn‘ es s ellen: Wäh end bei B ehm F anz Fe dinand
an den du ch das Jah hunde de Re olu ionen en essel en und als des uk i p ä‑
sen ie en K ä en des Na ionalismus bzw. de Mode ne als solchen schei e , die
eine konse a i ausge ich e e Re o mpoli ik nich meh bändigen kann, e kö pe
Winde s Th on olge die Pa hologie des ‚al en Eu opa‘, welches im Namen on Fo ‑
sch i und F eihei de Völke besei ig we den muss. Dass diese wei gehend de
o iziellen Posi ion und Poli ik de CSR in Bezug au den K ieg als Heilsb inge ü
die ‚geknech e en‘ Völke de Doppelmona chie nahe s eh und jene ehe de Mon‑
a chie bzw. de e lo enen deu schen Vo he scha nach aue , abe gleichzei ig
die Übe legenhei de na ionalen Ideologie ane kenn , zeig übe deu lich, dass im
kul u ellen Gedäch nis de Zwischenk iegszei be ei s die Zei o dem A en a in
Sa ajewo zu einem Schlach eld wu de, au dem man um Hohei im Hinblick au
die Sinndeu ung nich nu des Wel k iegs, sonde n des ganzen 19. Jah hunde s und
seines E bes kämp e.
Eben alls symp oma isch is die Ta sache, dass beide Au o en in ih e We ke spezi‑
ische Handlungss änge und Mo i e ein lech en, die in di ek em Zusammenhang mi
de deu sch ‑ schechischen Kon lik gemeinscha in Böhmen und Mäh en s ehen: So
e binden beide We ke das A en a on Sa ajewo indi ek mi dem g oßen Sokol ‑Fes
in B ünn, das– I onie des Schicksals– eben alls am 28. Juni 1914 s a and und an dem
eben alls se bische Sokol ‑Mi gliede eilnahmen. In B ehms Roman ungie diese
Ta sache als Hinweis au die enge Ve bundenhei de Slawen un e einande und somi
auch ih e gemeinsame Feindscha gegen die Donaumona chie. Zusä zlich geb auch
B ehm geschick das Mo i des Falken ( sch. Sokol) als Vo ausdeu ung des A en a s,
indem e z.B. bei eine Rei enpanne, die F anz Fe dinands Um eld zunächs ü ein
A en a häl , ge ade zwei Falken übe de Szene k eisen läss (B ehm 1931: 142–154).
In Winde s Th on olge is es die Ehe au on F anz Fe dinand, Sophie Cho ek, die
bei de Zug ah nach Sa ajewo die in die en gegengese z e Rich ung nach B ünn
ah enden Züge mi den se bischen Sokols als eine di ek e Bed ohung emp inde : „Am
28. Juni– an dem Tag, den wi in Sa ajewo e b ingen we den, ha e Sophie gedach ;
owie sch ecklich!“ (Winde 1984: 557)
GEGEN DIE „DÄMONEN DES NATIONALISMUS UND NIHILISMUS“.
EMIL FRANZELS BILD DES ERZHERZOGS ALS EINES
„KONSERVATIVEN REVOLUTIONÄRS“
Am Beispiel on Hannes S eins Roman De Kome wu de be ei s gezeig , dass das
A en a on Sa ajewo nich zule z als Ausgangspunk ü al e na i geschich liche
Szena ien ungie en kann, in denen mi dem Th on olge auch die Doppelmona chie
übe leb und zu eine A mi eleu opäischem Pa adies a ancie . Dass in solchen
Szena ien auch die Pe sönlichkei des Th on olge s und seine Pläne zu Umges al ung
de Doppelmona chie e s ä k okussie we den (müssen), wi d nich übe aschen,
da sie den eigen lichen Nexus bilden, de die Abweichung on de ealgeschich lichen
En wicklungslinie ma kie . De ku zen Analyse on S eins Roman konn e man
eben alls en nehmen, dass die al e na i geschich liche Habsbu ge Mona chie F anz
113MILAN HORŇÁČEK
Fe dinandsche P ägung als ein poli isch, sozial und kul u ell s a k konse a i es
Gebilde imaginie wi d.
Bekann lich is die Al e na i geschich e jedoch keine eine Domäne de Belle ‑
is ik, ielmeh inde sie sei ge aume Zei ein e s ä k es In e esse auch in de
His o iog aphie (Fe guson 1997). Dabei spielen kon a ak ische Spekula ionen eine
wich ige Rolle nich nu in We ken, die an sich als al e na i geschich lich konzipie
sind, sonde n häu ig auch in his o iog aphischen A bei en, die diesem Ve ah en au
den e s en Blick nich e p lich e sind, so nich zule z in Biog aphien bedeu ende
Pe sönlichkei en, de en Lau bahn– du ch welche Ums ände auch imme – une wa ‑
e üh beende wu de. Dass F anz Fe dinand in diesem Zusammenhang als ein
Modellbeispiel ungie en kann, ließe sich anhand on zahl eihen dem Th on olge
gewidme en Monog aphien belegen (Chlumecky 1929; Sosnosky 1929; Pola schek 1989).
Die im Folgenden disku ie e Biog aphie F anz Fe dinands aus de Fede des ‚sude‑
endeu schen‘ His o ike s Emil F anzel soll dahe nich nu das hie ekons uie e
Bild des Th on olge s in de deu schsp achigen Li e a u de Böhmischen Lände e ‑
gänzen, sonde n auch die oben e wähn en kon a ak ischen Momen e beim Umgang
de His o iog aphie mi seinem Leben und Wi ken e deu lichen.
Be ei s du ch den Ti el on F anzels F anz Fe dinand ‑Biog aphie wi d die Pe sön‑
lichkei und das Wi ken des Th on olge s in eine seh spezi ische En wicklungslinie
de deu schen Ideengeschich e ges ell : Indem F anzel F anz Fe dinand zum „Lei bild
eine konse a i en Re olu ion“ e klä , g ei e au einen Beg i zu ück, an dem
sich be ei s sei den 1920e Jah en die Geis e scheiden (Kau mann/Somme 2018).
De o allem du ch Hugo on Ho manns hals Rede „Das Sch i um als geis ige
Raum de Na ion“ (Ho manns hal 1984) i ulen gewo dene Beg i de ‚konse a i‑
en Re olu ion‘ wu de nach dem Zwei en Wel k ieg on A min Mohle au geg i en,
de ihn in seine Disse a ion aus dem Jah 1950 (Mohle 1950) als Sammelbeg i ü
eine ganze Reihe on G uppen und he aus agenden Pe sönlichkei en aus de Zei de
Weima e Republik e wende e. Die ‚konse a i e Re olu ion‘ s ell e nach Mohle
zwa eine Gegenbewegung gegen das ‚Sys em‘ de Weima e Republik und insgesam
gegen den Libe alismus da , abe gleichzei ig s and sie auch dem Na ionalsozialis‑
mus ablehnend gegenübe , sodass Mohle die konse a i en Re olu ionä e an eine
S elle als „T ozkis en des Na ionalsozialismus“ (Mohle 1994: 4 .) bezeichne . Obwohl
Mohle die ‚konse a i e Re olu ion‘ in ün g öße e G uppen ein eil (Mohle 1994:
130–165) und somi auch eine bis heu e häu ig au geg i ene Typologie ih e Ve e e
o schläg , lieg de Schwe punk seine A bei au de Analyse on „Lei bilde n“, die
ih e Wel anschauung zug unde liegen und nach seine Übe zeugung eine p inzipiel‑
le Feindscha de ‚konse a i en Re olu ion‘ gegen das linea e Denken und den da in
e wu zel en Fo sch i sbeg i bezeugen. Das linea e Denken in e p e ie dabei
Mohle als ein E be des Ch is en ums, dessen Wi kung zu de bis da o g öß en und
nach Mohle a alen Ve ände ung des menschlichen Denkens ge üh habe:
Die Idee eines unau hal samen Fo sch ei ens au einen bes imm en Punk zu en ‑
we e das jeweils Gegenwä ige zuguns en eines besse en Zukün igen. Es mache
dabei im wesen lichen keinen Un e schied, ob ein Fo sch ei en au das ch is liche
Reich Go es ode die klassenlose Gesellscha ode ein ande es Endziel gemein sei.
[…] Fü das Abendland is au jeden Fall das Ch is en um schicksalsbes immend