Das Übe se zen im 19. Jah hunde als his o ische
Bezug in de Theo ie Vladimí Macu as
Lena Do n– Humbold Uni e si ä zu Be lin
ABSTRACT
Die S udie beleuch e den his o ischen Kon ex de Übe se zungsbeispiele, die Vladimí
Macu a zu En wicklung seines Beg i s des Übe agungscha ak e s analysie . Einige
A gumen e aus den Deba en des 19. Jah hunde s inden bei Macu a einen Wide hall, da
e das kul u bildende Übe se zen als schechisches na ionales Cha ak e is ikum un e ‑
such und es so in eine Na ionalgeschich ssch eibung einpass , die e eigen lich k i isch
hin e ag . Es wi d emp ohlen, die Re lexion dieses his o ischen Zusammenhangs in
die Wei e en wicklung on Macu as Theo iebildung, die auch heu e wich ige Einsich en
zei ig , ein ließen zu lassen.
SCHLÜSSELWÖRTER
Übe se zungs heo ie, Übe se zungsgeschich e, Tschechische Na ionale Wiede gebu ,
kul u elle Übe se zung
ABSTRACT
T ansla ion in he 19 h cen u y as ahis o ical e e ence in Vladimí Macu a’s heo y
The a icle deals wi h he his o ical kon ex o he examples used by Vladimí Macu a
o he de elopmen o his heo y o překlado os /cul u e as ansla ion. Some a gu‑
men s om he deba es o he 19 h cen u y on ansla ion a e echoed by Macu a, as he
examines cul u e ‑ o ming ansla ion as aCzech na ional cha ac e is ic and hus i s i
in o ana ional his o iog aphy ha he ac ually ques ions c i ically. An obse ance o his
con ex is ecommended o u he de elopmen o his hinking o cu en discussions
on cul u al ansla ion.
KEY WORDS
T ansla ion Theo y, T ansla ion His o y, Czech Na ional Re i al, Cul u al T ansla ion
Vladimí Macu a e a bei e e– wie im Vo wo zu diesem Themenhe ausge üh –
be ei s in den 1970e Jah en ein Ve s ändnis on de kul u ellen Bedeu ung des
Übe se zens, das die nach dem ansla ional u n e s ä k mi Au me ksamkei be‑
dach en Gedanken igu en des kul u ellen und pe o ma i en Übe se zens eilweise
o wegnahm. Seine Übe legungen sind zugleich in konk e e Be ach ungen zu
Kul u de sogenann en ‚na ionalen Wiede gebu ‘, de schechischen na ionalen
Bewegung, eingebe e . E en wickel e seinen Beg i des Übe agungscha ak e s–
16 BRÜCKEN 28/1
„překlado os “– in Znamení z odu (Zeichen de Gebu , 1983)1 anhand eine Analyse
on Übe se zungsa bei en ins Tschechische, on denen die meis en aus de e s en
Häl e des 19. Jah hunde s s ammen. De Übe agungscha ak e is ü Macu a ein
P inzip de schechischen Kul u insgesam , „není […] záleži os í ýlučně písemnic í,
ale s á á se p incipem y áření české kul u y ůbec“ [nich lediglich eine Angelegen‑
hei des Sch i ums, sonde n wi d zum P inzip de E scha ung de schechischen
Kul u übe haup ] (Macu a 2015: 87). Im Folgenden soll es um eine Eino dnung de
G undlagen gehen, au die Macu a schon du ch die Wahl seine Beispiele Bezug
nimm , denn auch in de Abs ak ion, die seine bedeu ende heo e ische A bei bie e ,
sind de en Ausgangspunk e his o isch e o e .
Da um möch e ich nun in die Si ua ion de Li e a u übe se zungen des 19. Jah ‑
hunde s in Eu opa ein üh en und ein Schlaglich au die Übe se zungs age we en,
wie sie un e den schechischen In ellek uellen hema isie wu de. Zum Schluss se ze
ich die Beobach ungen ins Ve häl nis zu Theo ie Vladimí Macu as.
NATIONALLITERATUR
Alle Li e a u en sind na ional: Diese Sa z is kein übe zei liches Dik um, sonde n
muss als Fo de ung ode Wunsch e s anden und zei lich und äumlich e o e we ‑
den, denn die Li e a u en Eu opas we den im Sinne de He de ianischen Re olu ion
e s zu na ionalen gemach .2 In ganz Eu opa zeigen sich Li e a u und Na ion au
neue A oneinande abhängig, und de „Roman ische Na ionalismus“
3
um ass auch,
dass in diese En wicklung hin zu den mode nen eu opäischen Na ionalbewegungen
des 18. und 19. Jah hunde s– und zum mode nen Na ionsbeg i – die Li e a u die
Na ion b auch und die Na ion die Li e a u .4 Unweige lich schläg sich dies in den
Übe se zungsp ak iken und Übe se zungs heo ien de Zei niede . Das Konzep de
mode nen eu opäischen Na ion e häl ge ade im 19. Jah hunde seine Aus o mung
1 Ich zi ie e im Folgenden die We kausgabe Znamení z odu ačeské sny (Zeichen de Gebu und schechi‑
sche T äume, 2015).
2 Diese En wicklung wi d zum Beispiel on Pascale Casano a als He de ianische Re olu ion bezeichne :
„Following he He de ian e olu ion, hen, all li e a u es had been decla ed na ional, which is o say
sealed o om each o he behind na ional bounda ies like so many monads ha con ain he p inciple
o hei own causali y. The na ional cha ac e o ali e a u e was ixed in e ms o ase ies o ai s
decla ed o be peculia o i . Mo eo e , now ha he na ion was seen as he na u al and unsu passable
ho izon o li e a u e, na ional li e a y his o ies we e composed and augh in such away ha hey
became closed in upon hemsel es, ha ing no hing in common (o so i was supposed) wi h hei
neighbo s.“ (Casano a 2004: 105)
3 Nach de De ini ion on Joep Lee ssen: „And we may unde s and ha o mean some hing like: he cele‑
b a ion o he na ion (de ined by i s language, his o y, and cul u al cha ac e ) as an inspi ing ideal o
a is ic exp ession; and he ins umen aliza ion o ha exp ession in poli ical consciousness ‑ aising.“
(Lee ssen 2013: 28)
4 Da idL. Coope s ell diese beiden Sei en in seine Monog a ie da . Die Na ion b auch e die Li e a u ,
was b ei e o sch wu de: „Ahos o s udies o e he pas ew decades ha e amply demons a ed how
p o oundly he na ion needed li e a u e o se e as apowe ul symbolic ool.“ (Coope 2010: 4) Wa um
die Li e a u in diese Phase auch die Na ion b auch e: „Li e a u e hus needed anew g ound, anew
si e upon which o ound concep s o li e a y alue. The de eloping mode n concep o he na ion
p esen ed i sel as an ideal si e: concei ed o as sel ‑iden ical, his o ically con inuous and de eloping,
and o su icien impo ance o lay claim o independen alues, he na ion was alocus ha o e came
he de iciencies o he classicis sys em.“ (Coope 2010: 252)
17LENA DORN
und seinen Schli .5 Hie is auch nach dem Konzep de Na ionalli e a u und/ode
Na ionalkul u zu suchen.6
Dabei is das Übe se zen on Li e a u ge adezu p inzipiell da on gep äg , dass
es imme selbs e s ändlich o handen und dabei doch zugleich ums i en is . In
de eu opäischen Geschich e geh dem Höhepunk de schechischen Übe se zungs‑
ä igkei en und Deba en eine En wicklung on Übe se zungsdisku sen o aus, die
da on nich losgelös sind. Ein S ei übe die ich ige A , Home zu übe se zen,
ha e on F ank eich aus Wellen geschlagen.7 Und ge ade in de im Habsbu ge eich
ü die Tschechen so p äsen en deu schen Li e a u wi d das Übe se zen zu eine
dominan en Kul u echnik: „In Ge many, ansla ion was in eg al o he c ea ion o
na ional cul u e.“ (Coope 2010: 90) In de deu schen Li e a u en s anden wich ige
Übe se zungen on Home und Shakespea e,8 und es gab allgemein eine besonde s
in ensi e Übe se zungsp axis.9 Wich ig is ü die eu opäischen Li e a u en dabei die
Suche nach den jeweils ‚eigenen‘ na ionalen und wei zu ück eichenden T adi ionen,
wobei in diesem Zuge auch (Übe se zungs‑)Fälschungen wie die Ossian ‑Gesänge
au auch en.
10
Auch die schechischen Fälschungen angeblich mi elal e liche Hand‑
sch i en, Königinho e und G ünbe ge Handsch i , we den imme wiede his o isch
in eine In e p e a ionslinie mi den Ossian ‑Gesängen ges ell . Das Al e de Li e a u
beweisen zu können e scha e im in e na ionalen Ve gleich einen Vo eil; wie als
Wäh ung soll e es ü die Bedeu ung und äs he ische Quali ä de eigenen na iona‑
len Li e a u ga an ie en.11 Denn zugleich wu de die neue äs he ische Bedeu ung im
Pa ikula en e o e . Es is diese his o ische Si ua ion, in de auch de Ru nach de
Wel li e a u besonde e Rele anz e häl .12
5 Dies wi d ü die Na ionalismen de eu opäischen Na ionen imme wiede so besch ieben, gl. z.B.
Ande son (2006).
6 Zum Kul u beg i im Rahmen de na ionalen Bewegungen siehe auch H och (2009).
7 Auch bezeichne als Que elle des anciens e des mode nes. „The ‘ba le o Home ’ in he F ance o he
ea ly ‑mid ‑se en een h cen u y b ough o he o e Houda de la Mo e, he ansla o ‑‘imp o e ’ o
he poe o poe s, and Mme Dacie , he a den pa isan o ansla ing Home in he ‘p imi i e’ and
‘ ough’ manne o he o iginal.“ (I imia 2011: 167)
8 In de zwei en Häl e des 18. Jah hunde s leg en die deu schen Li e a en g oßen We au die Übe ‑
se zung de g iechischen (und ande e ) Klassike . Es geh hie eben alls um den „ac o b inging in o
he language, and i s li e a y o ms, wha was hen aken o be amodel o all cul u e was o pe mi
Ge man o compe e wi h he g ea es li e a y languages. […] In launching an immense p og am o
ansla ion, hen, he Ge man language asse ed i s claim o he i le o new uni e sal (which is o say,
li e a y) language.“ (Casano a 2004: 236 .)
9 Zu den Übe se zungen i alienische Klassike gl. Polled i (2010).
10 Die schechischen Fälschungen angeblich mi elal e liche Handsch i en, Königinho e und G ünbe ‑
ge Handsch i , we den imme wiede his o isch in eine In e p e a ionslinie mi den Ossian ‑Gesängen
ges ell .
11 „Age is one o he chie aspec s o li e a y capi al: he olde he li e a u e, he mo e subs an ial
acoun y’spa imony, he mo e nume ous he canonical ex s ha con i u e i s li e a y pan heon in
he o m o ‘na ional classics’.“ (Casano a 2004: 14)
12 Casano a ha dies in Bezug au Goe hes Wel li e a u beg i benann und auch hie als pa adox be‑
zeichne : „I is no su p ising, hen, ha Goe he elabo a ed he no ion o Wel li e a u p ecisely a he
momen o Ge many’sen y in o he in e na ional li e a y space. As amembe o ana ion ha was
anewcome o he game, challenging F ench li e a y and in ellecu al hegemony, Goe he had a i al
in e es in unde s anding he eali y o he si ua ion in which his na ion now ound i sel . Displaying
he pe cep i eness commonly ound among newcome s om domina ed communi ies, no only did
he g asp he in e na ional cha ac e o li e a u e, which is o say i s deploymen ou side na ional
18 BRÜCKEN 28/1
Fü die eu opäischen In ellek uellen gehö es zu Bildung dazu, die wich igs en
We ke de Wel li e a u zu kennen. Da in liegen zwei wide sp üchliche Tendenzen:
die na ionale Eng üh ung, in de li e a ische T adi ionen nach na ionalen T ennli‑
nien oneinande geschieden we den und jede Na ion nach den eigenen ‚na ionalen
Meis e n‘ such , und die übe spannende Suche nach dem Kon ak zu den möglichs
zei losen und uni e sell hochwe igen Meis e we ken aus den Na ionen gemeinsam,
wobei selbs edend nich alle Regionen de Wel mi gedach we den, sonde n in den
kolonialis isch gep äg en We o s ellungen nu diejenigen Sp achen und Li e a u en,
die on o nhe ein als ansa zweise gleichbe ech ig ane kann sind, übe haup Teil
de Wel li e a u we den können.
Im Rahmen des mode nen Na ionenkonzep s we den die S immen lau e , die die
eigene Li e a u on den ande en Li e a u en abg enzen und oneinande ge enn e
Spezi ika behaup en, jedoch u dies dem Reiz, de om als ‚ande s‘ gese z en Re‑
pe oi e und den wich igen We ken de ande en Na ionalsp achen ausgeh , keinen
Abb uch.13 Die En s ehung de li e a ischen Pan heons äg dazu bei, dass die hie
e sammel en ‚na ionalen Meis e ‘ in einen Ve gleich zueinande e en (können),
dass sie aneinande gemessen we den, und mi ihnen auch die jeweils zugeo dne en
Na ionen.14 Au de Bühne de mode nen eu opäischen Na ionen mi zuspielen, das
e o de , eine Na ionalli e a u o weisen zu können, und so kann die äs he ische
En wicklung an manche S elle zum P ü s ein ü eine poli ische Bedeu ung we den.
In eben diesem Spannungs eld be inden sich li e a ische Übe se zungsp ak iken
im 19. Jah hunde . Das Übe se zen nahm, wie be ei s e wähn , du chaus auch im
deu schen Disku s eine neue kul u elle Rolle ein.15 Es wu de in Eu opa iel übe se z ,
und es wu de übe das Übe se zen disku ie . Die No wendigkei , sich zu F age de
Li e a u übe se zung zu e hal en, is eine ansna ionale. Das Ringen um die ich ige
Menge, die ich ige A zu übe se zen, die Auswahl de ich igen Vo lagen und das
Ringen um die S ellung de übe se z en Li e a u inne halb de Na ionalli e a u
inden in einem Raum wide sp üchliche An o de ungen s a . Um das Übe se zen
muss ges i en we den. Ge ade in diesem Kon ex e o e Macu a nun den spezi isch
schechischen Übe agungscha ak e , also gleichsam einen spezi ischen na ionalen
Typus dieses Ringens und S ei ens.
Die Übe se zungs ä igkei muss dabei jeweils zu den äs he ischen Pa adigmen
de Epochen ins Ve häl nis gese z we den. Die klassizis ische He angehensweise an
limi s; he also unde s ood a once i s compe i i e na u e and he pa adoxical uni y ha esul s om
i .“ (Casano a 2004: 40)
13 Schon in diesem Sinne is die na ionale Kuns ansna ional. „I onically, a celeb a ing na ionali y
is ansna ionally consumable, and indeed almos indis inguishable om he in e na ional ogue
o exo icis couleu locale; pain e s can wi h equal acili y depic scenes om he na ion’shis o y o
peasan y, o O ien alis ha em an asies.“ (Lee ssen 2014: 15)
14 Zu den li e a ischen Pan heons gl. Nekula (2017). Auße dem Pascale Casano a: „Wi h he cons i u ion
o na ional li e a y pan heons and he associa ed hagiog aphy o g ea w i e s– now conside ed na‑
ional asse s and symbols o in ellec ual in luence and powe – he na ional o ganiza ion o li e a u es
became an essen ial ea u e o li e a y compe i ion among na ion.“ (Casano a 2004: 105)
15 Vgl. Da idL. Coope : „T ansla ion plays an impo an ole in li e a y mode niza ion. The ole o ans‑
la ion in he de elopmen o he pa adigm o na ional li e a u es in pa icula is pe haps su p ising
oday, when socie y has in e nalized he emphasis on o iginali y and na i e sou ces ha became
cha ac e is ic o he es ablished pa adigm. […] In he la e eigh een h cen u y, ansla ion became
in eg al o anew concep ion o Ge man cul u e.“ (Coope 2010: 89)
19LENA DORN
das Übe se zen wa ehe da on gep äg , die äs he ischen No men de Zei in eine
absolu en, dem Bes eben nach uni e salisie ba en Weise zu e g ünden und in de
Übe se zung he zus ellen. Na ionale Cha ak e is ika s ell e man in den Hin e g und,
wäh end sie dann mi de Roman ik einen deu lichen Schub bekamen, wo man ge ade
den Reiz de na ionalen und egionalen Spezi ika auch li e a isch en decken woll e.
In Übe se zungen aus de Roman ik s eh endenziell de indi iduelle Au o und das
spezi ische Kolo i des Tex es im Vo de g und, und in diesem Zuge i die Fo de ung
nach de absolu en T eue in de Übe se zung deu lich he o .16
WOHL UND WEH DER ÜBERSETZUNGEN
Übe se zungen wa en im schechischsp achigen Kon ex gang und gäbe und bilde en
in e schiedenen Gen es wich iges Ma e ial ü die anwachsende schechischsp a‑
chige Lese scha . In de e s en Häl e des 19. Jah hunde s mach en Übe se zungen
die Meh hei de Tex e in schechischen Zei sch i en aus, insbesonde e bis zum Jah
1830, doch auch bis Mi e des Jah hunde s läss sich dies es s ellen.17 Schon ziemlich
schnell s and auße dem die F age im Raum, was das ü die Wei e en wicklung de
schechischen Li e a u und des spezi isch schechischen S ils in de Li e a u wohl
bedeu e e.18 Die Diskussion zu diese F age läss sich übe das ganze 19. Jah hunde
hinweg wei e e olgen.
19
Die Zei sch i en wa en nich nu Pla o men ü die
Ve ö en lichung on Übe se zungen, sonde n das Ve häl nis on U sp ünglichkei
und Übe se z hei selbs konn e hie hema isie we den.20 Die wide sp üchlichen
An o de ungen und bisweilen pa adoxen An wo en au die F agen nach den Hand‑
lungsmöglichkei en zu Fö de ung de Na ionalkul u scheinen sich übe die Zei
hinweg zu e hal en.
Die Ta sache, dass es in den Feuille ons und Li e a u zei sch i en eine Deba e
zum na ionalen Umgang mi Übe se zungen gab, e weis da au , dass die Posi ion
de Übe se zungen in de Na ionalli e a u keine selbs e s ändliche wa . Macu‑
as Gegenübe s ellung des ak i en Übe se ze s de Zei de ‚Wiede gebu ‘ mi de
abhängigen kul u ellen En wicklung olgend, soll nun in Ansä zen eine de dabei
e ö ne en Spu en au genommen we den, und zwa zu dem Thema, ob li e a ische
Übe se zungen nü zlich ü die Na ionalli e a u seien ode nich . Diese F age läss
sich zu Beginn des Jah hunde s, abe auch noch zum Ende des Jah hunde s, als die
schechische na ionale Iden i ä be ei s deu lich e ablie e wa , au inden.
16 Dazu bei Jiří Le ý: „Kul indi idua ede oman ické překlada elé ke snaze zacho a aké indi iduali u
au o a, k e ého překládají. P o o p o i p axi klasicis ů žádá oman ismus překlad absolu ně ě ný.“ [De
Kul des Indi iduums üh die oman ischen Übe se ze zu Bemühung, auch die Indi iduali ä des
Au o s, den sie Übe se zen, zu e hal en. Da um o de de Roman ismus gegenübe de P axis de
Klassizis en eine absolu eue Übe se zung.] (Le ý 1957: 70; zum Thema insgesam S. 67–73).
17 Unge äh ab 1830 wu de imme s ä ke ü o iginale We ke gewo ben, dennoch blieben Übe se zungen
an e s e S elle, wobei eine leich e Ve schiebung s a inde und die Übe se zungen aus slawischen
Sp achen gegenübe den Übe se zungen aus dem Deu schen hie zunehmen (Kusáko á 2005: 26).
18 Bekann e maßen sch ieb be ei s Jose Jungmann selbs , de in de Theo ie Vladimí Macu as als Bei‑
spiel ü einen Übe se ze ange üh wi d, übe diese F age. Vgl. wei e un en im Tex .
19 Au die Kon inui ä en on Disku selemen en bis in die Äs he iken des 20. Jah hunde s hinein möch e
ich an ande e S elle eingehen.
20 Da au weis Lenka Kusáko á (2012: 332–334) hin.
20 BRÜCKEN 28/1
Li e a u übe se zungen scheinen sowohl eine mögliche Chance als auch eine mög‑
liche Ge ah zu sein, wenn es um die Fö de ung de Na ionalli e a u geh . Eine de
Au o en und Übe se ze , die Macu a in seinen S udien zum Übe agungscha ak e
analysie , is Jose Jungmann, bedeu ende na ional gesinn e In ellek uelle ge ade
im ühen 19. Jah hunde . Es is o zi ie wo den, dass diese in einem seine zen‑
alen We ke da on sch ieb, wie die Übe se zungen ü die schechische Li e a u
nü zlich sein könn en, nämlich so wie emde P lanzen in einem Ga en. De Übe ‑
se ze nü ze de Na ionalli e a u , wenn e handle wie ein kluge Gä ne , „buďme
jako moudři zah adíci, k eři ne oliko domácí s omy abyliny asemene pěs ují, ale icizí
os liny do s é zah ady sázejí, jes li se kpůdě hodí as ými plody ak ásou pěs o ání
zasluhují“ (Jungmann 1846: 25) [lass uns wie weise Gä ne sein, die nich nu hei‑
mische Bäume und K äu e und Samen p lanzen, sonde n auch emde P lanzen in
ih en Ga en se zen, wenn sie zum Boden passen und es au g und ih e F üch e und
ih e Schönhei e dienen angebau zu we den].
De Übe se ze is hie als ak i e, handelnde Pe son konzipie . Die mi den „ em‑
de[n] P lanzen“ angesp ochenen Übe se zungen nu zen in diese Lesa de na io‑
nalen Li e a u , jedoch nich au beliebige A , sonde n nu dann, wenn sie nach be‑
wuss en K i e ien ausgewähl und e a bei e we den. Es gib bei Jungmann demnach
eine posi i e Bezugnahme au das ak i e und eing ei ende Übe se zen inne halb de
eigenen Na ionalli e a u . Diese we de nich ge äh de , wenn es einen bewuss en
Umgang mi Übe se zungen gebe.
De eine jünge en Gene a ion angehö ende Li e a u k i ike Hube Go don
Schaue e lek ie um Einiges spä e , im Jah 1890, da übe , welchen Ein luss die
Übe se zungen in de En wicklung de schechischen Li e a u ha en:
Počá ky našeho ži o a XIX. s ole í jsou dílem několika zdělanců; naše li e a u a
počala překlady zněmčiny, kčemuž znenáhla přis oupily překlady z ancouzské
aanglické li e a u y, jakož izli e a u s a ých aslo anských. Naše mlu a obohaco‑
ána byla znenáhla lexikálně i aseologicky, ale u ědomělým ořením spiso a e‑
lů , obdobnými a y mode ních jazyků, půjčkami z uš iny a . p.P ní sku ečné
básnické alen y naše, Mácha, Čelako ský, byli si ědomi s ého žáko s í ucizích
elmis ů (Goe ha, W. Sco aa d.) […].21 (Schaue 1917: 47)
[Die An änge unse es [na ionalen, L.D.] Lebens im 19. Jah hunde sind das We k on
einigen wenigen gebilde en Männe n; unse e Li e a u begann mi Übe se zungen
aus dem Deu schen, zu denen allmählich Übe se zungen aus de anzösischen und
englischen Li e a u hinzu a en, wie auch aus den al en Li e a u en und aus den
slawischen. Unse e Sp ache wu de allmählich lexikalisch und ph aseologisch be‑
eiche , abe du ch bewuss es Scha en on Sch i s elle n, du ch ähnliche Fo men
aus [ande en] mode nen Sp achen, Anleihen aus dem Russischen u. dgl. Unse e
e s en wi klichen dich e ischen Talen e, Mácha, Čelako ský, wa en sich da übe
bewuss , bei emden G oßmeis e n gele n zu haben (Goe he, W. Sco usw.) […].]
21 De Tex e schien 1890 in de Zei sch i Li e á ní lis y [Li e a ische Blä e ] un e dem Ti el „Opodmín‑
kách imožnos i ná odní české li e a u y“ [Übe die Bedingungen und Möglichkei en de na ionalen
schechischen Li e a u ].
21LENA DORN
Auch hie s eh das bewuss e Scha en de Sch i s elle – die zum Teil selbs li e‑
a isch übe se zen– im Zen um, auße dem we den die Anleihen und Übe nahmen
ech kla als eine Be eiche ung e s anden. Es kann eine küns le isch we olle Ta
sein, g oßa ige We ke zu übe se zen und sich dadu ch zu bilden und li e a isch zu
wachsen. Auch sei es ü die na ionalen Sch i s elle besse , wenn sie die Wel li e‑
a u in schechischen Übe se zungen lesen können, dami sie nich imme wiede
zu den deu schen Übe se zungen g ei en müssen, wie an ande e S elle de Li e a‑
u k i ike F an išek Bílý be on , denn „ o o p os řednic í oh ožuje ne oliko čes
li e a u y, ale přede ším její nezá islos asní edy aké ducho ní nezá islos celého
ná oda“ [diese Mi elba kei bed oh nich nu die Eh e de Li e a u , sonde n o
allem ih e Unabhängigkei und mi ih auch die geis ige Unabhängigkei de ganzen
Na ion] (Bílý 1887: 34).
Au de ande en Sei e schein on Übe se zungen auch eine Ge ah auszugehen.
Es is schon angeklungen, dass es um die geis ige Unabhängigkei de Na ion gehe,
womi die P oblema ik on abhängig ode unabhängig benann is . Insbesonde e
wi d es als ein P oblem wah genommen, dass zu iele Übe se zungen on schlech e
Quali ä seien. Das schechische Na ionalbewuss sein häng an de schechischen
Sp ache, was im eu opäischen Ve gleich keine Ausnahme is , abe dennoch be on
we den kann. Ge ade die Au o i ä de ühen ‚Wiede gebu ‘, Jose Jungmann, ha
diesen Zusammenhang explizi o mulie ,
22
und es auch e sei dem imme wiede als
Fo de ung in den Deba en au , dass ein wah e F eund de Na ion au die ko ek e
Ve wendung de schechischen Sp ache ach en müsse:
Kon ola nad ím, zdali překlada el pře ádí o iginal pečli ě a ě ně na jazyk český,
neděje se říkajíc žádná; ale o, co můžeme kon olo a i, známos jazyka českého,
naplňuje žalos í každého úpřímného pří ele naší ná odnos i. (Bílý 1887: 34)
[Eine Kon olle da übe , ob ein Übe se ze das O iginal so g äl ig und eu in die
schechische Sp ache übe äg , inde quasi ga keine s a ; abe das, was wi
kon ollie en können, nämlich die Kenn nis de schechischen Sp ache, e üll
jeden au ich igen F eund unse e Na ionali ä mi Kumme .]
Eine unkon ollie e Ve b ei ung on Übe se zungen, die sp achlich nich hochwe ‑
ig genug sind, wi d aus de na ionalen Pe spek i e abgelehn . Zudem wü de Bílý es
übe haup be ü wo en, wenn die Übe se zungen eine Kon olle un e zogen wü den.
Und schließlich, wie e dann in eben diesem A ikel wei e aus üh , sei es besse , die
na ionalen Sch i s elle o de En emdung om Tschechischen, die mi dem Lesen
on Li e a u in ande en Sp achen einhe gehe, zu bewah en:
Posléz ispiso a elé češ í by omu byli asi po děční, kdyby čás předběžných s udií–
če bu s ě osla ných zo ů– kona i mohli na libojazyčných pře odech domácích
anepo řebo ali se ma e š ině s é odcizo a i ioddalo a i ineč ouce děl ěch o i‑
ginale. (Bílý 1887: 35)
22 E sch eib : „Vjazyku naše ná odnos . Bez čis o y jazyka není p a é ýmlu nos i, není slo esnos i.“ [In
de Sp ache is unse e Na ionali ä . Ohne die Reinhei de Sp ache gib es keine wah e Aussagek a ,
gib es keine Redekuns .] (Jungmann 1846: 35)
22 BRÜCKEN 28/1
[Und schließlich wä en wah scheinlich auch die schechischen Sch i s elle dank‑
ba , wenn sie einen Teil ih e Vo a bei en– die Lek ü e wel be ühm e Vo bilde –
anhand wohlsp achliche einheimische Übe agungen e ledigen könn en und
sich nich on ih e Mu e sp ache en emden und en e nen und diese We ke
nich im O iginal lesen müss en.]
Dies is eine Be ü wo ung on Übe se zungen. Zugleich se z auch das Übe se zen
eine sys ema ische und de aillie e Lek ü e o aus. Hie bei äll au , dass nich spezi‑
izie wi d, du ch wen die Übe agungen beso g we den soll en, um den Sch i ‑
s elle n zu e möglichen, sich nich en emden zu müssen. Auch wenn es ge ade
an diese S elle nich explizi wi d, geh implizi die g öß e Ge ah om Lesen im
deu schen O iginal aus, denn siche is , dass es ü gebilde e Tschechen selbs e ‑
s ändlich is , deu sch zu lesen, und dies wohl de häu igs e Fall is , in welchem zum
O iginal geg i en wi d.
Die Übe se zungs ä igkei en– man könn e auch sagen: de Übe agungscha‑
ak e – we den in e s e Linie dann abgelehn , wenn hie mi eine Konno a ion on
En emdung und Abhängigkei einhe geh . Die In ellek uellen, un e ande em die
oben zi ie en, e suchen also be ei s hie , die ak i e Übe se zungs ä igkei besonde s
he o zukeh en und ü sich zu beansp uchen.
Zusammengenommen: Auszugehen is on eine Si ua ion, in de in Eu opa iel
übe se z wi d und in de in den schechischsp achigen Li e a u zei sch i en die
übe se z en Tex e zahlenmäßig übe wiegen. Imme meh wi d jedoch nach o igi‑
nalen schechischen We ken e lang , und es bes ehen Fo de ungen nach gu en
Übe se zungen li e a ische We ke, dami die schechischen Sch i s elle sie in
ih e eigenen Sp ache lesen können. Zugleich sind S immen wah nehmba , die die
bes ändig wachsende Anzahl de als schlech bezeichne en Übe se zungen au de
li e a ischen Bühne als p oblema isch bezeichnen. Insbesonde e schein es dabei
ü die Na ion bed ohlich, wenn zu iel au Deu sch und ande en Sp achen gelesen,
sowie wenn die schechische Sp ache nich ko ek e wende wi d.
Die No wendigkei de Übe se zungen zu äs he ischen Be eiche ung und die
Angs o eine chao ischen und unkon ollie en Menge an Übe se zungen sind
zwei Sei en de selben Medaille, so pa adox wie die in e na ionale He s ellung de
na ionalen Iden i ä en selbs .23 Die na ionale Eng üh ung und Be onung de u eige‑
nen Äs he ik gehen im Eu opa des 19. Jah hunde s Hand in Hand mi de e klä en
Ö nung in die Wel , die gegensei ige Abg enzung unk ionie nu au e loch ene
A und Weise.24
MACURA JENSEITS DES ROMANTISCHEN NATIONALISMUS
Dieses Pa adox wi d on Macu a eine sei s du chaus benann , ande e sei s nimm
e es eilweise in seine Gedanken igu en auch wiede au .
23 Dazu Anne ‑Ma ie Thiesse (1999: 11): „Rien de plus in e na ional que la o ma ion des iden i és na io‑
nales.“
24 Zum Ve lech ungsbeg i in de Geschich swissenscha siehe auch We ne /Zimme mann (2006).
23LENA DORN
Um Übe se zungen als Regel, nich als Ausnahme zu beg ei en, kann man au den
Ansa z on I ama E en ‑Zoha zu ückg ei en. E en ‑Zoha ass die Li e a u als ein
Polysys em, und dami mein e ,
asemio ic sys em is necessa ily ahe e ogeneous, open s uc u e. I is, he e o e,
e y a ely auni ‑sys em bu is, necessa ily, apolysys em– amul iple sys em, asys‑
em o a ious sys ems which in e sec wi h each o he and pa ly o e lap, using
concu en ly di e en op ions, ye unc ioning as one s uc u ed whole, whose
membe s a e in e dependen . (E en ‑Zoha 1979: 290)
Mi diese Pe spek i e geh E en ‑Zoha da au ein, dass die übe se z e Li e a u nich
on o nhe ein als pe iphe es Beiwe k de eigen lichen ‚Meis e we ke‘ de Li e a u
e nachlässig we den soll e, sonde n dass sie auch ein Sys em in diesem Polysys em
sein kann: „To say ha ansla ed li e a u e main ains acen al posi ion in he li e a y
polysys em means ha i pa icipa es ac i ely in shaping he cen e o he polysys em.“
(E en ‑Zoha 1990: 46) Wenn die Li e a u geschich e nich implizi we end o gehen
will, dann b auch sie We kzeuge, um auch das, was du ch bishe ige Deu ungen an
den Rand ged äng wu de, sich ba zu machen. E en ‑Zoha un e s eich , dass es
bes imm e his o ische Si ua ionen geben kann, in welchen Übe se zungen speziell
an de li e a ischen Fo en wicklung be eilig sind und selbs im Zen um s ehen,
auch wenn dies im Nachhinein ielleich unsich ba wi d.25
Das is eine Pe spek i e, die auch Macu as Ansa z bie e . Das Übe se zen be ach e
e als Ak de ak i en Bezugnahme. Das ak i e Übe se zen schein , wie oben da ge‑
leg , in de schechischsp achigen Diskussion des 19. Jah hunde s posi i bewe e
zu we den, wäh end ein als zu passi wah genommenes Übe se zen, insbesonde e
aus dem poli isch übe mäch igen Deu schen, imme wiede k i isch be ach e und
abgelehn wi d. Die Angs o de zu passi en A de He s ellung on Kul u üh in
den Deba en dazu, die Übe se zungs ä igkei en umso deu liche als ak i e zu kon‑
zipie en, zum Beispiel du ch die Me aphe des Gä ne s, de die P lanzen auswähl
und p lanz , ode auch du ch die Fo de ungen nach eine s ä ke en Kon olle de
Übe se zungs ä igkei en.
In gewisse Weise g ei Macu a dieses Pa adox also au ; das Übe se zen is ihm
zu olge eine ak i e Bezugnahme. Dieses Ve s ändnis des handelnden Übe se zens
beg ei e jedoch zugleich als Ausnahme, als eine speziell schechische Aus o mung,
wäh end die Übe se zung im ‚no malen‘ Fall nu ein passi es Übe mi eln on Inhal‑
en sein müsse:
Subjek překlada ele je ako ém ‚no málním‘ případě jakýmsi ichým zp os řed‑
ko a elem subjek u au o ského, s ou las ní pe spek i u ne y áří. Od ex u pů‑
odního se ex překladu pak ideálně odlišuje pouze é míře, k e á je dána zejména
odlišným jazyko ým ma e iálem obou ex ů.“ (Macu a 2015: 71)
25 E be ach e dies sys ema isch und a bei e meh e e solche Fälle he aus: „(a) when apolysys em has
no ye been c ys allized, ha is o say, when ali e a u e is ‘young,’ in he p ocess o being es ablished;
(b) when ali e a u e is ei he ‘pe iphe al’ (wi hin ala ge g oup o co ela ed li e a u es) o ‘weak,’ o
bo h; and (c) when he e a e u ning poin s, c ises, o li e a y acuums in ali e a u e.“ (E en ‑Zoha
1990: 47)