scieee Science in your language
[en] (orig)

Inversionen: Marie Luise Kaschnitz’ literarische und lyrische Interviews

Abstract

In ihren literarischen Texten kommentiert und hinterfragt Marie Luise Kaschnitz das journalistische Interview als literarische Gattung und als…

Read accessible full text

Inversionen: Marie Luise Kaschnitz’ literarische und lyrische Interviews

Author: Aeschlimann, Sofie
Year: 2024
DOI: 10.38072/2751-9821/p14
Source: https://macau.uni-kiel.de/servlets/MCRFileNodeServlet/macau_derivate_00006153/kiel-up_2751-9821_p14.pdf
| 81
So ie Aeschlimann
In e sionen
Ma ie Luise Kaschni z’ li e a ische und ly ische In e iews
Abs ac
In he li e a y ex s Ma ie Luise Kaschni z com-
men s and ques ions jou nalis ic in e iews as a
li e a y gen e and as a social p ac ice. The poem
In e iew is a he a monologue o a soliloquy
han a dialogue wi h he in e iewe . This ly ical
in e iew mixes he li e a y gen e o he jou na-
lis ic in e iew wi h o he s, namely he poem, he
con ession, and he example. The con en ions
which cons i u e he li e a y gen es a e pe o -
med and in e ed a once. By his s a egy o in-
e sion, he poem does no only expose how he
con en ions a e cons i u i e o li e a y gen es,
bu also challenges he aim o an in e iew: The
eade o a jou nalis ic in e iew wan s o lea n
mo e abou he amous pe son, which is being
in e iewed, bu he poem In e iew e uses o
communica e. Howe e , a sha ed unde s anding
o li e a y gen e is equi ed o his e usal.
Was lesen Sie ge ne? Was hal en Sie on de ak uellen Li e a u ? Was mögen Sie an de
S ad , in de Sie wohnen? Solche F agen wu den Ma ie Luise Kaschni z (1901–1974) in In-
e iews ges ell . Da Au o *innen Pe sonen des ö en lichen Lebens sind, gil das In e esse
o nich nu ih en Tex en und ih em Sch eibp ozess, sonde n auch ih e Pe son ( gl.Ho -
mann und Kaise 2014, 19; Masschelein e al.2014, 3). Ande s als bei ande en in e iew en
Menschen aus de Poli ik, dem Spo ode de Kuns inde bei Au o *innen das In e iew
in demselben Medium s a , das auch ih Me ie is – de Sp ache.
In e iews mi Au o *innen sind deshalb ielleich besonde s geeigne ü li e a ische
Expe imen e: Au g und de sp achlichen Nähe können Au o *innen die Ga ung und die
soziale P axis des In e iews leich in ih en Tex en au g ei en, e lek ie en und pa odie en.
Solche Expe imen e wu den schon meh ach gemach , o allem in Roman o m, zum Bei-
spiel on Ka h in Röggla ode Wol Haas ( gl.Haas 2007; Röggla 2004; dazu z.B. Ho mann
2018; K au hausen 2006; Scha ick 2014). Die Ve mischung on In e iew und Gedich is
hingegen sel ene und kaum e o sch ( gl.Ho mann 2015, 110; Usla 2016). Ein Beispiel
ü eine solche Ve a bei ung in Gedich o m is In e iew (1962) on Ma ie Luise Kaschni z.
Kiel-UP •
h ps://doi.o g/10.38072/2751-9821/p14
82 | POEMA 2.2024
In e iew
Wenn e komm , de Besuche ,
De Neugie ige und dich ag ,
Dann bekenne ihm, daß du keine B ie ma ken sammels ,
Keine a bigen Au nahmen machs ,
Keine Kak een züch es .
Daß du kein Haus has ,
Keinen Fe nsehappa a ,
Keine Zimme linde.
Daß du nich weiß ,
Wa um du dich hinse z und sch eibs ,
Unwillig, weil es di kein Ve gnügen mach .
Daß du den Sinn deines Lebens imme noch nich
He ausge unden has , obwohl du schon al bis .
Daß du gelieb has , abe unzu eichend,
Daß du gekämp has , abe mi zagha en A men.
Daß du an ielen O en zu Hause wa s ,
Abe ein Heima ech has an keinem.
Daß du dich nach dem Tode sehns und ihn ü ch es .
Daß du kein Beispiel geben kanns als dieses:
Imme noch o en. (GW 5, 333–334)
1
Kaschni z ha e schiedene jou nalis ische In e iews gegeben, die in Zei sch i en und
In e iewsammlungen e schienen sind, sie ha ein In e iew mi sich selbs gesch ieben
und sie ha in ih en li e a ischen Tex en In e iewsi ua ionen e lek ie . Eine diese Tex e
is das Gedich In e iew, das im Zen um meine Un e suchung s eh . Ich zeige da an, wie
das Gedich die soziale P axis und die Ga ung des In e iews hin e ag und in e ie .
Es geh im Folgenden imme um Tex e, also nich um audio isuelle Au nahmen on In e -
iews, die beispielsweise im Fe nsehen gesende wu den. Das Gedich In e iew e gleiche
ich mi einem jou nalis ischen In e iew, das Kaschni z 1961 gegeben ha , sowie mi zwei
wei e en li e a ischen In e iew ex en on Kaschni z.
De Beg i ›In e iew‹ is au Deu sch be ei s sei dem neunzehn en Jah hunde be-
zeug , e s amm aus dem Englischen und is do wiede um eine Ablei ung aus dem an-
zösischen ›en e oi ‹, › e en, sehen‹ ( gl.Kluge; Masschelein e al.2014, 5–7). Spä es ens
sei Beginn des zwanzigs en Jah hunde s sind In e iews es e Bes and eil des Li e a u -
be iebs. Die li e a u wissenscha liche Fo schung ha das In e iew als Gegens and abe
e s in den le z en gu zehn Jah en en deck ( gl.Bi ns iel 2014, 63, 68; Hansen 1998, 462;
1 Kaschni z’ Gesammel e We ke we den im Folgenden mi de Sigle GW zi ie .
Aeschlimann: In e sionen | 83
Ho mann und Kaise 2014, 11; Ho mann und Pabs 2016, 1; Masschelein e al.2014, 6;
Reichwein und Pilz 2017, 250). Zwanzig Jah e o he ha Gé a d Gene e das In e iew als
Pa a ex besch ieben, genaue als Epi ex ( gl.Gene e 1989, 12, 328; Bi ns iel 2014, 75–
78; Wegmann 2016, 10). Gene es Beg i e e möglichen, die Kons ella ion on li e a ischen
Tex en und In e iews zu besch eiben, sie g ei en abe bei li e a ischen Expe imen en mi
In e iews zu ku z. To s en Ho mann ha es eine »En pa a ex ualisie ung« des In e iews
genann und Klaus Bi ns iel ha o geschlagen, das In e iew als »la e alen Pa a ex « zu e -
s ehen, de »neben« dem We k angeo dne is (Ho mann 2011, 316; Bi ns iel 2014, 78). Das
In e iew ha dadu ch Eigens ändigkei e lang und wi d mi le weile meis ens als eigene li-
e a ische Ga ung besch ieben und un e such ( gl.F icke 2019, 432; Ho mann 2015, 104,
108; Ho mann und Pabs 2016, 2–6; Ho mann 2016, 75; Ho mann 2018, 81; Masschelein e
al.2014, 4, 16; Pabs 2016, 46; Reichwein und Pilz 2017, 249–250, 253; Wegmann 2016, 16).
Das In e iew gil als hyb ide Ga ung, weil es zum Jou nalismus und zu Li e a u gehö ,
sich du ch eine doppel e Au o scha auszeichne und aus zwei Medien bes eh , nämlich ei-
nem mündlichen Gesp äch eine sei s und einem sch i lichen, edie en Tex ande e sei s, de
abe imme noch Mündlichkei signalisie ( gl.Ho mann und Kaise 2014, 12; Ho mann
2015, 100; Ho mann 2018, 78; 12; Masschelein e al. 2014, 17; Schumache 2018, 105). Ich
e s ehe Ga ungen hie als kul u elle Deu ungsmus e , die au de Wiede e kennba kei ein-
zelne Me kmale be uhen ( gl.Be g 2014, 5–7; Gymnich und Neumann 2007, 36–37, 39–40).
Bei de Rezep ion eines Tex s we den die Me kmale e kann , die Ga ung wi d ak ualisie
und dami jedes Mal wiede kons i uie ( gl.Gymnich und Neumann 2007, 45). Ga ungen
we den also übe soziale P ak iken he ges ell ( gl.Michle 2015, 21, 46).
Das In e iew basie au meh e en Ga ungskon en ionen. Dazu gehö die Au hen izi-
ä ssugges ion, also die Annahme, dass In e iews au einem ealen Gesp äch be uhen, das
zwischen de In e iewe *in und de in e iew en Pe son ge üh wu de ( gl.Hansen 1998,
464; Ho mann 2018, 77; Masschelein e al. 2014, 37). Es gib gemäß Ho mann »einen Pak
des Au hen ischen« (2018, 78, gl.Masschelein e al. 2014, 37), ähnlich dem »au obiog a-
phischen Pak « nach Philippe Lejeune (1994). Die Kommunika ionssi ua ion on In e iews
is asymme isch, sie ha eine bes imm e Rollen e eilung und is zielge ich e : Die In e -
iewe *in möch e die in e iew e Pe son dazu b ingen, au die ges ell en F agen zu an wo -
en, denn das Ziel is es, meh übe die in e iew e Pe son zu e ah en ( gl.F ied ichs und
Schwinges 2016, 11; Hansen 1998, 466; Halle 2013, 113–114; Ho mann und Kaise 2014, 15;
Ho mann 2015, 100; Ho mann und Pabs 2016, 4; Simons und Vogl 2016, 92). Auße dem is
eine d i e Ins anz zumindes mi gedach , da das Gesp äch ü ein Publikum ge üh wi d
und somi imme ö en lich is ( gl.Hansen 1998, 463; Halle 2013, 118, 124; Ho mann
2015, 100; Ho mann und Pabs 2016, 4). Die Ga ungsme kmale des In e iews um assen
auch einen o malen Aspek , nämlich die F age-An wo -S uk u : Ein ypisches In e iew
bes eh aus eine Ab olge on F agen und An wo en, die in di ek e Rede wiede gegeben
we den ( gl.Halle 2013, 48, 123, 149; Thiele 2009, 20). Meis ens sind die F agen und An -
wo en g a isch ge enn , die F agen beispielsweise ku si ode e ged uck .
84 | POEMA 2.2024
Diese Ga ungsme kmale bilden einen P o o yp. Es is nich zwingend, dass alle Me k-
male o handen sind, um die Wiede e kennba kei de Ga ung zu gewäh leis en. Im Ge-
gen eil, in In e iew-Expe imen en wi d ge ade mi den Me kmalen gespiel . Solche Expe i-
men e gib es wie e wähn in Roman o m, es gib sie abe auch in jou nalis ischen Medien.
Dazu gehö en Tom Kumme s S a in e iews de 1990e Jah e, die sich als Fake he ausge-
s ell haben ( gl.Pabs 2016), ode Heine Mülle s Selbs inszenie ungen in In e iews, die
so nie s a ge unden haben ( gl.Ho mann 2011). Die Ve handlung on Fak und Fik ion is
sowieso Teil on ielen, wenn nich allen In e iews und in de Ga ung selbs be ei s an-
geleg du ch den e wähn en Pak des Au hen ischen, das Spannungs e häl nis on Münd-
lichkei und Sch i lichkei und den hohen S ellenwe des Inszenie ens ( gl.Ho mann
und Kaise 2014, 19; Ho mann 2015, 100–101; Ho mann 2018, 78; Wegmann 2016, 12).
Um das Spek um on In e iews bei Ma ie Luise Kaschni z besse benennen zu kön-
nen, un e scheide ich im Folgenden jou nalis ische, li e a ische und ly ische In e iews. Als
jou nalis isches In e iew bezeichne ich die Ga ung, die sich du ch die oben au gezähl en
Me kmale auszeichne . Das li e a ische In e iew wu de bishe un e schiedlich de inie .
Teilweise e s eh die Fo schung da un e ein In e iew, das mi ode on eine Au o *in
ge üh wi d ( gl.Masschelein e al.2014, 3, 20), manchmal we den gewisse li e a ische
Quali ä en e gänz ( gl.Bi ns iel 2014, 69; Ho mann und Pabs 2016, 3). Beide De ini io-
nen sind ü mein Ko pus nich besonde s ziel üh end, deshalb olge ich Ho mann, de in
seinem le z en Au sa z »jou nalis ische In e iews« on »li e a isch- ik ionalen In e iews«
un e scheide (2018, 78). Das li e a ische In e iew is in diese De ini ion also ehe ein
In e iew in de Li e a u , es is du ch seinen medialen Kon ex gep äg und e häl sich
zum jou nalis ischen In e iew, indem es kommen ie ode pa odie ( gl.Ho mann und
Kaise 2014, 21; Ho mann 2015, 110; Masschelein e al. 2014, 40). Au diese Un e scheidung
könn e man wiede Gene es Beg i e anwenden, das jou nalis ische In e iew wä e dami
ein Pa a ex , das li e a ische In e iew hingegen ein Tex , wobei ich be onen möch e, dass
diese G enzen nich es sind, sonde n im Fall des In e iews imme wiede ausgehandel
we den ( gl.Ho mann 2018, 93). Das ly ische In e iew e gänze ich und e s ehe da un e
eine Auseinande se zung mi de Ga ung des jou nalis ischen In e iews in Gedich en.
Das Gedich In e iew is demnach ein ly isches In e iew. Es kommen ie und hin e -
ag jou nalis ische In e iews, und zwa – so meine These – in doppel e Weise, indem
es sich mi de Ga ung des jou nalis ischen In e iews eine sei s und mi de sozialen
P axis eine In e iewsi ua ion ande e sei s be ass . Das Gedich spiel e schiedene Ga -
ungsme kmale des jou nalis ischen In e iews und zusä zliche Ga ungen gegeneinande
aus. So en s eh ein e wei e e Ga ungshyb id aus dem jou nalis ischen In e iew, das ja
an sich schon eine hyb ide Ga ung is , dem Gedich , dem Bekenn nis und dem Beispiel.
Die Ga ungsme kmale we den dabei nich nu gemisch , sonde n jedes Me kmal wi d
in e ie , ins Gegen eil e d eh . Du ch diese In e sion weis das Gedich die einzelnen
Ga ungsme kmale zu ück und s ell die Ga ung des jou nalis ischen In e iews in F age.
In Bezug au die soziale P axis des In e iews mach das Gedich die e schiedenen In-
Aeschlimann: In e sionen | 85
e essen sich ba , die in de Kommunika ionssi ua ion eines In e iews o handen sind,
und in e ie auch diese. In e iew e weige die ypische zielge ich e e, asymme ische
Be agungssi ua ion, es en s eh im Gedich kein Gesp äch und es we den keine ele an en
In o ma ionen übe die in e iew e Pe son e mi el . T o z diese d ei achen Kommuni-
ka ions e weige ung und de In e sion on Ga ungsme kmalen spiel ein gemeinsames
Ve s ändnis eine wich ige Rolle: Ein gemeinsames Ga ungswissen is Vo ausse zung ü
die In e sionss a egie des Gedich s.
1. Kein Gesp äch
Die e s e Kommunika ions e weige ung bezieh sich au den dialogischen Aus ausch zwi-
schen den In e iewpa ne *innen. Die dialogische Gesp ächssi ua ion is ypisch ü jou -
nalis ische In e iews, abe das Gedich is ja kein jou nalis isches In e iew, sonde n eben
ein Gedich . Da es jedoch den Ti el ›In e iew‹ äg , en s eh ein Spannungs e häl nis
zwischen Tex und Ti el. Ein Ti el benenn das Thema eines Tex s, e bezeichne abe
auch – häu ig als Un e i el – die Ga ung, beispielsweise ›No elle‹ ode ›Roman‹: Wenn
ein Tex , e wa in eine Zei ung, mi ›In e iew‹ be i el is , ha de Ti el meis ens eine ga -
ungsbezeichnende Funk ion, de Tex en sp ich dann wah scheinlich den Me kmalen de
Ga ung, es olg also ein jou nalis isches In e iew. Bei In e iew is das abe ge ade nich
de Fall. De Tex weis keine F age-An wo -S uk u au und auch sons keine o malen
Me kmale, die ü die Ga ung des In e iews ypisch sind. S a dessen bes eh e aus Ve -
sen, die eindeu ig nich zu den Me kmalen de Ga ung eines In e iews gehö en, sonde n
die ich hie als Minimalme kmal eines Gedich s annehme. In e iew is also ein Gedich
und kein jou nalis isches In e iew, obwohl de Ti el das sugge ie en könn e.
Das Gedich nimm also keine o malen Me kmale des jou nalis ischen In e iews au ,
da ü e lek ie es die Kommunika ionssi ua ion. Es geh in In e iew um ein Gesp äch
zwischen zwei Pe sonen, wobei die eine Pe son F agen s ell und die ande e Pe son an -
wo e . In den beiden e s en Ve sen des Gedich s wi d die Kommunika ionssi ua ion mi
ih e dialogischen und asymme ischen Rollen e eilung skizzie : ›Ein neugie ige Besu-
che ‹ »komm « und » ag «, e nimm also die Rolle de agenden Pe son ein. Es is eine
gene ische In e iewsi ua ion und ielleich is sie noch allgemeine angeleg , wenn be-
ücksich ig wi d, dass die In e iewe *in in In e iews manchmal s ell e e end ü das
Publikum s eh ( gl.F ied ichs und Schwinges 2016, 20–21). De Besuche wü de also ü
das gesam e ö en liche In e esse ode eben die ö en liche ›Neugie de‹ s ehen.
Auch die Äuße ung des Besuche s is au den allgemeinen Sp echak de F age edu-
zie : Wi wissen nich , was e ag , sonde n nu , dass e e was ag . De Inhal de F agen
bilde eine Lee s elle. Dami wi d be on , wie e wa ba In e iew agen sind. Sie sind in
jedem In e iew imme wiede so ähnlich, dass sie weggelassen we den können, die in e -

86 | POEMA 2.2024
iew e Pe son kann das In e iew allein ›abspulen‹. Sobald kla is , dass sie sich in eine
In e iewsi ua ion be inde , mi einem Besuche , de »komm « und » ag «, kann sie ih e
An wo en geben, ohne dass die F agen übe haup ges ell we den. Ge ade in ih e Absenz
be onen die F agen die E wa ba kei on In e iews: Weil die Lee s elle p imä mi dem
Naheliegenden, das heiß mi dem E wa ba en, ge üll wi d, we den bei de Rezep ion des
Tex s ypische F agen einge üll . Mi de Lee s elle de F agen wi d auße dem andeu ungs-
weise ein Ga ungsme kmal des In e iews hin e ag , denn zu einem In e iew gehö en
mindes ens zwei ode d ei F agen ( gl.F ied ichs und Schwinges 2016, 11; Halle 2013,
119–120). Ob das in In e iew de Fall is , wi d abe o engelassen.
Obwohl das Gedich mi dem Besuche beginn , is e spä es ens nach dem d i en Ve s
i ele an . Ab da s eh das Du im Mi elpunk , das angesp ochen wi d. An das Du sind die
F agen des Besuche s ge ich e und dem Du wi d de Be ehl gegeben: »Dann bekenne ihm,
daß […]«. Au den Be ehl olg eine Au lis ung on ›dass‹-Sä zen, in denen eine Sp echins-
anz aus üh , was das Du alles bekennen soll. Ausgehend on einem Kommunika ionsmo-
dell muss es eine Ins anz geben, die diese Ve se äuße ( gl.Pe zold 2012, 148; Bo kowski
und Winko 2011, 64). Die Sp echins anz bleib abe unsich ba und kann nu ex nega i o
kons uie we den (zu Abwesenhei eines Ichs in Kaschni z’ Ly ik gl. Roßbach 2002,
65–69). Dass au das Du okussie wi d, is an sich ypisch ü eine In e iewsi ua ion, in
dem nich die agende Pe son, nich de Besuche , im Vo de g und s eh , sonde n die in e -
iew e Pe son. Alle dings bean wo e das Du im Gedich – ande s als in einem ypischen
jou nalis ischen In e iew – keine F agen. Es äuße nich einmal die Bekenn nisse, die es
au e leg bekomm . Das Du sp ich und handel nich , sonde n is nu indi ek in den Äuße-
ungen de Sp echins anz p äsen , wobei diese Sp echins anz selbs wiede um unsich ba
bleib .
Das Gedich als ly isches In e iew g ei mi de Kommunika ionssi ua ion zwischen
zwei Pe sonen also ein nich - o males Ga ungsme kmal on jou nalis ischen In e iews
au . Zue s schein es um eine dialogische Gesp ächssi ua ion zu gehen, ab dem d i en
Ve s is das Gedich abe monologisch. Das Ga ungsme kmal wi d zwa au geg i en, abe
nich umgese z , sonde n in e ie , das Gedich wi d zum Monolog eine unsich ba en
Sp echins anz übe das Du, und zwa mi dem Sp echak eines Be ehls. Das Ziel eines
jou nalis ischen In e iews, dass die in e iew e Pe son au die F agen an wo e , die ih
on eine agenden Pe son ges ell we den, wi d hie e ehl und es en s eh kein Dialog
(zu Sp achlosigkei bei Kaschni z gl.Foo 1982).
Vo ge üh wi d die Kommunika ions e weige ung, indem zwei Ga ungen gegenein-
ande ausgespiel we den: Die Ga ungsme kmale des jou nalis ischen In e iews we den
in einem Gedich , einem ly ischen In e iew, au geg i en und in e ie . Dieses Spiel mi
den Ga ungen g ünde jedoch au einem allgemein bekann en Ga ungswissen – nu wenn
Ga ungsme kmale e kann we den, können sie e ände we den. Fü die S a egie des
Gedich s, Ga ungsme kmale au zug ei en und zu in e ie en, bilde ein gemeinsames Ve -
s ändnis on Ga ungen die Vo ausse zung. Hie wi d also doch wiede Kommunika ion
Aeschlimann: In e sionen | 87
ele an : In Bezug au Ga ungen is Kommunika ion eine Vo ausse zung ü das Gedich ,
das seine sei s Kommunika ion in Bezug au In e iewsi ua ionen e nein .
2. Kein Bekenn nis
Die zwei e Kommunika ions e weige ung geschieh , indem die Ga ung des Bekenn nisses
einge loch en und in e ie wi d. U sp ünglich s amm die con essio aus dem ju is ischen
Kon ex . Im ömischen Rech konn e eine Tä e *in au g und ih es Bekenn nisses ode auch
Ges ändnisses e u eil we den ( gl.Magaß und Robling 1994, 348). Sei die con essio on
Mä y e *innen als Zeugnis des Glaubens e wende wu de, ha sie eine eligiöse Bedeu-
ung, sie is also nich meh das Einges ändnis eine Schuld, sonde n eine ö en liche S el-
lungnahme, ein posi i es Eins ehen ü die eigene Übe zeugung ( gl.Magaß und Robling
1994, 348–349). Dazu gehö en auch die con essiones, Bekenn nissch i en mi au obiog a i-
schem Cha ak e , die au Augus inus zu ückgehen und sei dem ach zehn enJah hunde
nich nu Religion, sonde n auch Indi iduali ä bezeugen ( gl.Magaß und Robling 1994,
350–351). In de he o ischen T adi ion soll das Bekenn nis das Wohlwollen des Publikums
e egen, es kann also auch als scheinba e Ein äumung e wende we den ( gl.Magaß und
Robling 1994, 349). Auch In e iews können einen Bekenn nischa ak e haben ( gl.Mas-
schelein e al. 2014, 18; Simons und Vogl 2016, 92).
Das Bekenn nis nimm im Gedich In e iew eine p ominen e Rolle ein. De Impe a i
»bekenne« is die einzige ini e Ve b o m, die im Gedich in einem Haup sa z s eh . Syn ak-
isch is das Gedich ein einzige Sa z, es gib nu einen Haup sa z (»Dann bekenne ihm«).
Da o s eh ein Konjunk ionalsa z mi »[w]enn«, danach olgen iele Konjunk ionalsä ze
mi »daß« und da on abhängige Nebensä ze. Alle ande en ini en Ve ben neben dem Im-
pe a i »bekenne« s ehen somi in Nebensä zen und de Be ehl zum Bekenn nis bilde
syn ak isch das Zen um des Gedich s.
Die d ei Komponen en des Bekenn nisses – ju is isch, eligiös, au obiog a isch – lassen
sich im Gedich e kennen. Mi seinem Fokus au E lebnissen und Meinungen eih sich
das Gedich in die Ga ung de au obiog a ischen con essiones ein. Be ei s Uwe Schweike
(1984, 60) ha die con essiones mi Kaschni z’ Tex en in Ve bindung geb ach , nämlich
mi den spä en P osabüche n, die eine au obiog a ische G undlage haben. In In e iews
wi d o nach pe sönlichen Ansich en ge ag und in e essan we den In e iews dann,
wenn die in e iew e Pe son ein Bekenn nis ableg , e was Pe sönliches p eisgib . In den
1960e Jah en wu de die Pe son s a k ins Zen um on In e iews ge ück und es wu de
e such , eine pe sönliche A mosphä e zu scha en ( gl.Halle 2013, 61). Ein In e iew
mi Kaschni z e schien in einem Band mi dem Ti el P o okoll zu Pe son (Rudolph 1971),
also mi einem explizi en Fokus au de Pe son wie zum Beispiel in Gün e Gaus’ be-
kann e In e iewse ie Zu Pe son im ZDF, die in den 1960e Jah en begann ( gl.Gaus
1987, 9; Schü 2000, 17, 20). Ande e In e iews mi Kaschni z anden in ih e Wohnung
88 | POEMA 2.2024
in F ank u s a ( gl.Bienek 1962, 34; Klepzig 1961, 20) ode au ih em Familiengu in
Bollschweil ( gl.Wi e 1969, 109). Mi Ben Wi e un e nahm Kaschni z einen »Spazie -
gang« und »[u]m die Do ki che« (Wi e 1969, 109) im Nachba o inklusi e in o mellem
Ka ee inken im Gas haus – diese Spazie gänge kul i ie e Wi e ab den 1960e Jah en,
um ein pe sönliche es Gesp äch zu e möglichen, als es seine Meinung nach in einem ge-
schlossenen
Raum en s ehen wü de ( gl.Halle 2013, 61–63). Die In e iews mi Kaschni z
we den o »Gesp äch« genann (Mech el 1972, 47; GW 7, 930, 970) ode es sind »We k-
s a gesp äche«, die aus dem gemeinsamen Aus ausch en s ehen (Bienek 1962; gl.Hansen
1998, 472–473;
Masschelein e al. 2014, 16). In e iew und Gesp äch sind zwa wei gehend
synonym ( gl.Ho mann und Kaise 2014, 15), das Gesp äch e bi g abe ielleich e was
s ä ke die asymme ische und be agende Kons ella ion eines In e iews.
De ju is ische Aspek ück In e iew hingegen in die Nähe eines Ve hö s. Das jou na-
lis ische In e iew wu zel zum Teil a sächlich im k iminalis ischen Ve hö ( gl. Halle
2013, 92–97; Simons und Vogl 2016, 92), die Deu ung eines In e iews als Ve hö is also
nich abwegig. Die in e iew e Pe son wi d aus diese Pe spek i e im Gedich angeklag
und ges eh eine Schuld ein. Die F age ode F agen des Besuche s sind die Anklage, de en
Inhal aus den Bekenn nissen ekons uie we den kann: Angeklag wi d das Du, keine
B ie ma ken zu sammeln, keine a bigen Au nahmen zu machen und so wei e . In diesen
Ve sen we den sechs S e eo ype eines bü ge lichen Lebens de 1950e und 1960e Jah e
au gezähl , wobei Wohls and, Konsum, Besi z um und gep leg e F eizei beschä igungen
wich ig sind. F i z Ma ini ha ausgehend on diese Au zählung das Gedich als K i ik an
de »zei genössischen Bü ge men ali ä « (1990, 415, gl.414) in e p e ie . Die Un e su-
chung muss abe au g und on Ma inis Nähe zum Na ionalsozialismus k i isch gesehen
we den ( gl.Alb ech und K umeich 2022). Die Ve se, so Ma ini, wü den »die i ialen
A ibu e eine im Nich igen zu iedenen Idylle« benennen und die »dump e Fixie ung
au ein enges Bü
ge glück« zeigen (1990, 414). Alle dings we den ja diese A ibu e alle
e nein . Ma ini deu e die Nega ionen so, dass de »banale[] E wa ungsho izon des
In e iewe s und des Publikums, ü das e ag «, »i onisie « wü de (1990, 414). Ma ini
un e s ell dem Besuche , den e mi einem In e iewe gleichse z , einen »E wa ungs-
ho izon «, au den Ma ini alle dings bloß au g und de au gelis e en Nega ionen zu ück-
schließ und ohne Rücksich da au , dass eine unsich ba e Sp echins anz die Ve se äuße ,
dass sie also keine Aussagen des Besuche s sind. Was Ma ini s a k e allgemeine nd als
I onie bezeichne , e weis meine Meinung nach au das g undlegende Konzep des Ge-
dich s, au die In e sion.
Nach de Au zählung de negie en S e eo ype we den die Ve se exis enzielle , sie bezie-
hen sich au das Sch eiben, den Sinn des Lebens, Liebe, Kämp en, Heima , Tod. Es sind abe
imme noch as alles Nega ionen. Das Du soll o allem bekennen, was es nich mach ,
nich besi z , nich weiß. Am Schluss wissen wi nahezu nich s übe das Du, da es ja e s ens
selbs nich s bekenn , sonde n nu dazu au ge o de wi d, und zwei ens die be ohlenen Be-
kenn nisse wei gehend ex nega i o e olgen. Kommunika ion wi d also wiede e weige .
Aeschlimann: In e sionen | 89
Ande s als das ju is ische Bekenn nis en s eh die eligiöse con essio unge ag , ohne
Anklage, und sie ges eh keine Schuld ein, sonde n e künde die eigene Übe zeugung.
Das Du soll sagen, was es glaub , und dazu s ehen. Dazu pass , dass die F agen im Gedich
eine Lee s elle bilden. De Be ehl zum Bekenn nis e olg ohne Rücksich au die F age
und geh in eine eigene Rich ung. Ein solches Bedü nis, ande e Themen anzusp echen,
als in In e iews gewöhnlich e ag we den, zeig sich in meh e en Tex en on Kaschni z,
die sich mi In e iewsi ua ionen be assen. Plaka i gesag : Um das zu sagen, was man
sagen möch e, muss man als Au o in schon selbs ein jou nalis isches, li e a isches ode
ly isches In e iew sch eiben. Die Beziehung on F agen und An wo en is beim eligiösen
Bekenn nis ande s als beim ju is ischen Bekenn nis. Die An wo en sind bei de eligiösen
con essio unabhängig on den F agen, es is nich ele an , welche F agen genau ges ell
wu den. Wenn die An wo en abe in eine ganz ande e Rich ung gehen als die F agen, wi d
de dialogische Aus ausch, das Ziel des In e iews, wiede nich e eich .
3. Kein Beispiel
Zum d i en Mal wi d Kommunika ion in den le z en beiden Ve sen e weige , wo es um
das Beispiel geh . Im zwanzigs en Jah hunde wi d das Beispiel synonym zu exemplum
e wende und is ein einzelne , mus e ha e Fall, de einen allgemeine en Sach e hal
e anschaulich ( gl.Klein, 1431–1432, 1434). In de an iken Rhe o ik dien das Beispiel
auch als Beweis ( gl.Klein, 1432–1433), A is o eles sieh es alle dings als schwäche en
Beweis ( gl.2002, 108 [1394a, 9–12]). Deshalb emp iehl e , das Beispiel am Schluss zu
e wenden, wo es übe zeugende sei ( gl.A is o eles 2002, 108 [1394a, 12–16]). In In e -
iew is das de Fall, das Beispiel komm ganz zum Schluss. Alle dings e häl sich dieses
Beispiel de T adi ion en gegengese z , es is eben ge ade kein gu e Beweis und keine gu e
Ve anschaulichung eines Sach e hal s, sonde n maximal age: »Daß du kein Beispiel ge-
ben kanns als dieses: / Imme noch o en.«
Zue s soll das Du bekennen, dass es »kein Beispiel geben« könne. Eine solche Ve wen-
dung des Beispiels bezieh sich au ein Vo bild, das Beispiel is de mus e ha e Fall eines
Ideals und o de zu Nachahmung au ( gl.Klein 1433–1434). Zue s e olg im Gedich
eine Absage an diese Fo de ung, das Du kann kein Vo bild sein. Dann wi d die Aussage je-
doch umged eh : Mi de Fo mulie ung »kein Beispiel als dieses« wi d doch noch ein Beispiel
gegeben. Dieses Beispiel is abe ausge echne »o en«. Inhal lich mein die Ellipse ielleich
das Ideal, »[i]mme noch o en« zu sein, also eine o ene Hal ung zu haben, sich ü Vieles
zu in e essie en und emp änglich ü Ve ände ungen zu sein. Me asp achlich bezieh sich
die Ellipse abe au das Beispielgeben selbs , das Beispiel is noch auss ehend, noch »o en«.
Gemeinsam is den beiden Bedeu ungen, dass das Beispiel unbes imm , eben »o en« is .
Das Gedich üh dami e neu eine Ga ung o und in e ie sie. Das Beispiel in
In e iew is wede ein übe zeugende Beweis,
noch zeig es einen anschaulichen Fall.
96 | POEMA 2.2024
Die Religion gehö neben de poli ischen Meinung o enba zu den Themen, die Kasch-
ni z in jou nalis ischen In e iews eilweise e miss e. Es is nich so, dass Kaschni z in
ealen In e iews nie nach dem Ch is en um ge ag wo den wä e ( gl.Rudolph 1971, 91).
T
o zdem is das Bekenn nis und insbesonde e ein Glaubensbekenn nis ein Bedü nis, das
sich in allen d ei In e iew-Tex en zeig : Das Gedich In e iew bau au dem Be ehl zu
einem Bekenn nis au , im O e-Tex be ass sich die Sp echins anz am Ende des Tex s aus-
üh lich mi de eigenen eligiösen Hal ung und das Selbs in e iew ende in eine e -
schwö e ischen Übe eins immung mi einem d eimaligen »Ja.« und einem ausd ücklichen
Bekenn nis zum Ch is en um.
Indem Kaschni z in ih em Selbs in e iew K i ik an ih en Tex en di ek ansp ich und ein
Glaubensbekenn nis einb ing , leg sie ande e Schwe punk e als in jou nalis ischen In e -
iews. Sie bezieh sich abe auch au F agen, die ih in jou nalis ischen In e iews ges ell
wu den. Beispielsweise wu de Kaschni z in In e iews o au ih e iel äl igen li e a ischen
Fo men angesp ochen, wobei die be ei s zi ie e F age im Selbs in e iew deu lich p o o-
kan e ges ell is . Kaschni z ag sich selbs auße dem, ob es sie nich wunde e, dass ih e
Tex e auch junge Menschen ansp echen wü den ( gl.GW 7, 780–781), was eben alls in
einem jou nalis ischen In e iew im Eingangs ex e wähn wu de ( gl.Bienek 1962, 33).
Ausge echne dieses Thema nenn Kaschni z alle dings spä e im O e-Tex , wenn sie ypi-
sche und »langweilig[e]« In e iew agen au lis e ( gl.GW 3, 821).
De Kommen a zu In e iewsi ua ionen im O e-Tex , den Kaschni z in den 1970e Jah-
en no ie und schließlich nich publizie ha , bezieh sich somi nich nu au jou na-
lis ische In e iews, sonde n auch au ih eigenes li e a isches Selbs in e iew. Es is ein
Disku s auszumachen aus jou nalis ischen und li e a ischen In e iews, in dem die li e a-
ischen In e iews – das Gedich In e iew, das Selbs in e iew, de O e-Tex – die jou -
nalis ischen In e iews spiegeln, einige Aspek e au nehmen, sich on ande en Aspek en
abg enzen und die Ga ung sowie die soziale P axis des In e iews hin e agen.
7. Kommunika ions e weige ung und In e sion
In In e iew se z sich Kaschni z mi jou nalis ischen In e iews auseinande . Sie g ei y-
pische Aspek e on In e iewsi ua ionen au , kommen ie und hin e ag sie. Bezüge zu
jou nalis ischen In e iews lassen sich e kennen, das Gedich imi ie jou nalis ische In e -
iews abe nich nu , sonde n e binde die an sich schon hyb ide Ga ung mi wei e en
Ga ungen. Dabei we den die Ga ungsme kmale sys ema isch in e ie und die Ga un-
gen, insbesonde e diejenige des jou nalis ischen In e iews, hin e ag .
Das Gedich als ly isches In e iew mach deu lich, was in jou nalis ischen In e iews
meis ens unausgesp ochen mi schwing : Die E wa ung, dass die in e iew e Pe son ein
pe sönliches Bekenn nis ablegen soll, wi d in In e iew explizi gemach . Das Gedich en -
zieh sich diese E wa ung, indem nu Bekenn nisse ex nega i o au gelis e we den, die

Aeschlimann: In e sionen | 97
das Du nich einmal ableg , sonde n zu denen es nu au ge o de wi d. Im Ve gleich mi
ande en li e a ischen In e iews on Kaschni z wi d das Bedü nis deu lich, ande e Themen
anzusp echen, als ü gewöhnlich in jou nalis ischen In e iews o kommen. Auch dazu is
das Bekenn nis zen al. Es dien im Gedich dazu, eigene Themen einzub ingen, und is in
den ande en Tex en als Glaubensbekenn nis o handen. Kaschni z’ li e a ische und ly ische
In e iews sind abe keine eindeu ige K i ik an jou nalis ischen In e iews, sonde n bilden
gemeinsam mi ihnen einen Disku s, de iel äl ig au geg i en und pa odie wi d.
Eine g undlegende S a egie in In e iew is die In e sion. Mi den Lee s ellen, den negie -
en Bekenn nissen, eine unsich ba en Sp echins anz, einem Be ehl ans elle eines Dialogs
und einem Beispiel, das keines is , das dann doch eines is , abe ein unbes imm es, we den
Ga ungsaspek e jou nalis ische In e iews o ge üh und hin e ag . Dabei wi d imme
wiede Kommunika ion e weige : Es inde kein Gesp äch mi dem Besuche s a , s a -
dessen is das Gedich monologisch ode ein Selbs gesp äch; die Bekenn nisse unk ionie en
nu übe Nega ionen; und ausge echne das Beispiel, das de Anschaulichkei dienen soll,
bleib »o en«. Das Ziel eines jou nalis ischen In e iews, dass die in e iew e Pe son au die
ges ell en F agen an wo e und dadu ch das Publikum meh übe die in e iew e Pe son
e äh , schei e in Kaschni z’ ly ischem In e iew. Abe obwohl die Kommunika ion nich
geling und inhal lich kein gemeinsames Ve s ändnis en s eh , is Ve s ändnis in Bezug au
Ga ungswissen doch ge ade Vo ausse zung ü In e iew und sein Spiel mi den Ga ungen.
Li e a u
Alb ech , And ea, und Jens K umeich. F i z Ma ini und
die deu sche Li e a u wissenscha o und nach
1945. Heidelbe g: Synch on, 2022.
A is o eles. Rhe o ik. Übe se z und e läu e on
Ch is o Rapp (We ke in deu sche Übe se zung,
Bd.4.1). Be lin: Akademie Ve lag, 2002.
Aus , S e an. De Baade -Meinho -Komplex. München:
Wilhelm Goldmann, 2010.
Be g, Gunhild. »Li e a ische Ga ungen als Wissens ex-
u en. Zu Einlei ung und Konzep ion des Bandes«.
Wissens ex u en. O ganisa ions o men on Wissen.
Hg. Gunhild Be g. F ank u a.M.: Lang, 2014. 1–19.
Bienek, Ho s . We ks a gesp äche mi Sch i s elle n.
München: Hanse , 1962.
Bi ns iel, Klaus. »In e iew, P äsenz, Pa a ex . Ve such
eine o läu igen Feldbes immung«. Ech inszenie .
In e iews in Li e a u und Li e a u be ieb. Hg. To s-
en Ho mann und Ge ha d Kaise . Pade bo n: Fink,
2014. 63–80.
Bo kowski, Jan, und Simone Winko. »We sp ich das
Gedich ? Noch einmal zum Beg i ly isches Ich und
zu seinen E se zungs o schlägen«. Ly ische Na a-
ionen – na a i e Ly ik. Ga ungsin e e enzen in de
mi elal e lichen Li e a u . Hg.Ha mu Bleume und
Ca oline Emmelius. Be lin und New Yo k: De G uy e ,
2011. 43–77.
Bu ze , Gün e . Soliloquium. Theo ie und Geschich e
des Selbs gesp ächs in de eu opäischen Li e a u .
München: Fink, 2008.
Foo , Robe .
The Phenomenon o Speachlessness in
he Poe y o Ma ie Luise Kaschni z, Gün e Eich, Nelly
Sachs and Paul Celan.
Bonn: Bou ie , 1982.
F icke , Ch is ophe. »G enzen und Möglichkei en des
Au o enin e iews. Eine li e a u phänomenolo-
gische Analyse de Begegnungen zwischen E ns
Jünge und And é Mülle «. Weima e Bei äge 65.3
(2019): 429–448.
F ied ichs, Jü gen, und Ul ich Schwinges. Das jou -
nalis ische In e iew. [2001]. 4. Au l. Wiesbaden:
Sp inge , 2016.
Gaus, Gün e . Zu Pe son. Von Adenaue bis Wehne .
Po ai s in F age und An wo . Köln: Kiepenheue &
Wi sch, 1987.
98 | POEMA 2.2024
Gene e, Gé a d. Pa a ex e. Das Buch om Beiwe k
des Buches. F ank u a. M. und New Yo k: Campus,
1989.
Ge sdo , Dagma on. Ma ie Luise Kaschni z. Eine Bio-
g aphie. [1992]. 2.Au l.F ank u a.M.und Leipzig:
Insel, 1995.
Gö be , Johannes. »Selbs e zählungen in Gedich -
o m. Einige P olegomena zu Theo ie und P axis au-
obiog aphische Ly ik – mi zwei Beispielanalysen«.
Sich selbs e zählen. Au obiog aphie – Au o ik ion
– Au o scha . Hg. Sonja A nold, S ephanie Ca ani,
Ani a G öge , Ch is oph Jü gensen, Klaus Schenk und
Ma ina Wagne -Egelhaa . Kiel: Ludwig, 2018. 37–57.
Gymnich, Ma ion, und Bi gi Neumann. »Vo schläge
ü eine Rela ionie ung e schiedene Aspek e und
Dimensionen des Ga ungskonzep s. De Kompak -
beg i Ga ung«. Ga ungs heo ie und Ga ungsge-
schich e. Hg. Ma ion Gymnich, Bi gi Neumann und
Ansga Nünning. T ie : Wissenscha liche Ve lag,
2007. 31–52.
Haas, Wol . Das We e o 15 Jah en. Roman. 7. Au l.
Hambu g: Ho mann und Campe, 2007.
Halle , Michael. Das In e iew. [1991]. 5.Au l.Kons anz
und München: UVK Ve lagsgesellscha , 2013.
Hansen, Volkma . »Das li e a ische In e iew«. »In Spu-
en gehen…« Fes sch i ü Helmu Koopmann. Hg.
And ea Ba l, Jü gen Ede , Ha y F öhlich, Klaus Die-
e Pos und U sula Regene . Tübingen: Niemeye ,
1998. 461–473.
Ho mann, To s en. »Die Ausschal ung de Einschal ung
des Au o s. Au o k i ische Selbs inszenie ungen
in In e iews on Heine Mülle und W. G. Sebald«.
Sch i s elle ische Inszenie ungsp ak iken – Typo-
logie und Geschich e. Hg. Ch is oph Jü gensen und
Ge ha d Kaise . Heidelbe g: Win e , 2011. 313–430.
Ho mann, To s en. »In e iews. Zu Inszenie ung on
Nich -Inszenie hei «. Li e a u ü Lese 38.2 (2015):
99–111.
Ho mann, To s en. »Wah hei sspiele. Zu den In e iew-
o ma en And é Mülle s und Mo i z on Usla s«. The
Ge manic Re iew 91.1 (2016): 61–77.
Ho mann, To s en. »›ge edewä s‹«. Mündlichkei se -
ek e in In e iew omanen on Ka h in Röggla, Wol
Haas und John on Dü el. Tex ge ede. In e e enzen
on Mündlichkei und Sch i lichkei in de Gegen-
wa sli e a u . Hg. Da id-Ch is ophe Assmann und
Nicola Menzel. Pade bo n: Fink, 2018. 77–93.
Ho mann, To s en, und Ge ha d Kaise . »Ech inszenie .
Sch i s elle in e iews als Fo schungsgegens and«.
Ech inszenie . In e iews in Li e a u und Li e a u -
be ieb. Hg. To s en Ho mann und Ge ha d Kaise .
Pade bo n: Fink, 2014. 9–25.
Ho mann, To s en, und S e an Pabs . »Einlei ung: Li-
e a ische In e iews«. The Ge manic Re iew 91.1
(2016): 1–6.
Kaléko, Mascha. Säm liche We ke und B ie e in ie Bän-
den. Bd. 1: We ke. Hg. Ju a Rosenk anz. München:
Deu sche Taschenbuch Ve lag, 2012.
Kaschni z, Ma ie Luise. Gesammel e We ke. Hg. Ch is-
ian Bü ich und No be Mille . F ank u a.M.: Insel,
1981–1989.
Kaschni z, Ma ie Luise. Tagebüche . Hg. Ch is ian Bü -
ich, Ma ianne Bü ich und I is Schnebel-Kaschni z.
F ank u a.M. und Leipzig: Insel, 2000.
Klein, Jose . »Beispiel«. His o isches Wö e buch de
Rhe o ik. Hg. Ge Ueding. Tübingen: Niemeye , 1992.
Bd.1.1430–1345.
Klepzig, Ge d. »K is all bei de Kaschni z«. K is all 1.2
(1961): 20–22.
Kluge, F ied ich. »In e iew«. E ymologisches Wö -
e buch. Be lin und Bos on: De G uy e .
h ps://
www.deg uy e .com/da abase/KLUGE/en y/klu-
ge.4959/h ml
. (23. Juni 2023).
K au hausen, Ka in. »Gesp äche mi Un o en. Das kon-
junk i ische In e iew in Ka h in Rögglas Roman
wi schla en nich «. Kul u & Gespens e 2 (2006):
118–135.
Lejeune, Philippe. De au obiog aphische Pak . F ank-
u a. M.: Suh kamp, 1994.
Magaß, Wal e , und F anz-Hube Robling. »Con essio«.
His o isches Wö e buch de Rhe o ik. Bd.2. Hg. Ge
Ueding. Tübingen: Niemeye , 1994..348–350.
Magaß, Wal e , und F anz-Hube Robling. »Con essio-
nes«. His o isches Wö e buch de Rhe o ik. Bd.2. Hg.
Ge Ueding. Tübingen: Niemeye , 1994. .350–352.
Ma ini, F i z. »Au de Suche nach sich selbs . Zu Ma ie
Luise Kaschni z’ Gedich In e iew«. Vom S u m und
D ang zu Gegenwa . Au o enpo ä s und In e p e-
a ionen. Ausgewähl e Au sä ze. F ank u a.M.u.a.:
Lang, 1990. 411–417.
Masschelein, Anneleen, Ch is ophe Meu ée, Da id Ma -
ens und S éphanie Vanas en. »The Li e a y In e iew.
Towa d a Poe ics o a Hyb id Gen e«. Poe ics Today
35.1–2 (2014): 1–49.
Mech el, Angelika. Al e Sch i s elle in de Bundes epub-
lik. Gesp äche und Dokumen e. München: Pipe , 1972.
Michle , We ne . Kul u en de Ga ung. Poe ik im Kon ex .
1750–1950. Gö ingen: Walls ein, 2015.
Pabs , S e
an. »In e iew-Li e a u : Tom Kumme s
Fake-In e iews und die Folgen«. The Ge manic Re-
iew: Li e a u e, Cul u e, Theo y 91.1 (2016): 41–60.
Paulus, Jö g. »›… el un boome ang‹. Au o ik ionale
Spielzüge bei Wi old Gomb owicz und in Selbs in e -
Aeschlimann: In e sionen | 99
iews de 1960e Jah e«. Fak en, Fik ionen und Fac -
Fic ions. Hg. Toni Tholen, Pa icia Ci e Wib ow und
A no Gimbe . Hildesheimu.a.: Olms, 2018. 119–142.
Pe zold, Jochen. Sp echsi ua ionen ly ische Dich ung.
Ein Bei ag zu Ga ungs ypologie. Wü zbu g: Königs-
hausen & Neumann, 2012.
P liege , Klaus. Die Ro e A mee F ak ion RAF. 14.5.1970
bis 20.4.1998. Baden-Baden: Nomos, 2004.
Reichwein, Ma c, und Michael Pilz. »Das In e iew.
Quan i a i e und quali a i e Aspek e eine euille-
onis ischen Fo m«. Feuille on. Sch eiben an de
Schni s elle zwischen Jou nalismus und Li e a u .
Hg. Hildega d Ke nmaye und Simone Jung. Biele eld:
ansc ip , 2017. 237–259.
Röggla, Ka h in. wi schla en nich . Roman. 2. Au l.
F ank u a. M.: Fische , 2004.
Roßbach, Nikola. »›Mein Imme nochda‹. Ich-Fo men
in de Ly ik on Ma ie Luise Kaschni z«. Ma ie Luise
Kaschni z. Eine sensible Zei genossin. Hg.Jan Bade-
wien und Hansgeo g Schmid -Be gmann. Ka ls uhe:
E angelische Akademie Baden, 2002. 47–71.
Rudolph, Ekkeha . P o okoll zu Pe son. Au o en übe
sich und ih We k. München: Lis , 1971.
Scha ick, Ma hias. »Das In e iew als Roman. Das
We e o 15 Jah en on Wol Haas«. Ech inszenie .
In e iews in Li e a u und Li e a u be ieb. Hg. To s-
en Ho mann und Ge ha d Kaise . Pade bo n: Fink,
2014. 417–430.
Schumache , Eckha d. »›Ich wähl e ein g oßes Mik o-
phon…‹«. In e iew und P o okoll als li e a ische Ve -
ah en. Tex ge ede. In e e enzen on Mündlichkei
und Sch i lichkei in de Gegenwa sli e a u . Hg. Da-
id-Ch is ophe Assmann und Nicola Menzel. Pade -
bo n: Fink, 2018. 95–109.
Schü , Hans-Die e . »Gün e Gaus und die pe ek e Bei-
läu igkei on Scheune, Baum und Hügel«. Gün e
Gaus. Was bleib , sind F agen. Hg.Hans-Die e Schü .
Be lin: Das Neue Be lin, 2000. 8–52.
Schweike , Uwe. »Das eingek eis e Ich. Zu Sch i de
E inne ung bei Ma ie Luise Kaschni z«. Ma ie Luise
Kaschni z. Hg. Uwe Schweike . F ank u a.M.: Suh -
kamp, 1984. 58–77.
Simons, Oli e , und Joseph Vogl. »In e iew als Fo m«.
The Ge manic Re iew 91.1 (2016): 87–96.
Sp inge , Mi jam. »Übe k us ungen. Das Selbs po ä
in de deu schen Gegenwa sly ik«. Au o und Subjek
im Gedich . Posi ionen, Pe spek i en und P ak iken
heu e. Hg.Pe e Geis , F iede ike Reen s und Hen ie-
ke S ahl. Be lin: Me zle , 2021. 253–267.
S ack, F ied ich. »›Une bi lichkei ‹ als poe isches Pos-
ula . Zum ly ischen We k on Ma ie Luise Kaschni z«.
wei e sch eiben. wiede sch eiben. Deu schsp a-
chige Li e a u de ün zige Jah e. Hg.Ad ian Hum-
mel und Sig id Niebe le. München: Iudicum, 2004.
278–287.
Thiele, Ch is ian. In e iews üh en. Kons anz: UVK Ve -
lagsgesellscha 2009.
Usla , Mo i z on. »Ein ausend zei lose Thesen zu Kuns
des In e iew üh ens. Remix (München, Feb ua
2014)«. The Ge manic Re iew 91.1 (2016): 78–86.
Ve e , Helga. »Übe das Ve häl nis de O iginal agebü-
che zu li e a ischen Tagebuchp osa bei Ma ie Luise
Kaschni z«. Ma ie Luise Kaschni z. Eine sensible Zei -
genossin. Hg.Jan Badewien und Hansgeo g Schmid -
Be gmann. Ka ls uhe: E angelische Akademie Baden,
2002. 36–46.
Ve e , Helga. Ichsuche. Die Tagebuchp osa on Ma ie
Luise Kaschni z. S u ga : M&P Ve lag ü Wissen-
scha und Fo schung, 1994.
Voges, S e an. Konzil, Dialog und Demok a ie. De Weg
zu Wü zbu ge Synode 1965–1971. Pade bo n: Schö-
ningh, 2015.
Wegmann, Thomas. »›Es s imm ja imme zugleich alles
und nich s‹: Zu Theo ie des Au o s und zum Tod als
Gegens and in In e iews: Mülle , Be nha d, De ida«.
The Ge manic Re iew 91.1 (2016): 7–24.
Wenzel, Tobias, und Ca olin Seelige . Was ich mich schon
imme agen woll e. 77 Sch i s elle im Selbs ge-
sp äch. Be n: Ben eli, 2008.
Wi e , Ben. Spazie gänge mi P ominen en. Zü ich: Dio-
genes, 1969.
100 | POEMA 2.2024
Au o in
So ie Aeschlimann, M. A.
Uni e si ä Be n, Ins i u ü Ge manis ik,
[email p o ec ed]
Open Access
This pape is published unde he C ea i e Commons A ibu ion–Sha eAlike 4.0 In e na ional license (
CC BY-
SA 4.0
). Please no e ha indi idual, app op ia ely ma ked pa s o he pape may be excluded om he license
men ioned o may be subjec o o he copy igh condi ions. I such hi d pa y ma e ial is no unde he C ea i e
Commons license, any copying, edi ing o public ep oduc ion is only pe mi ed wi h he p io consen o he
espec i e copy igh owne o on he basis o ele an legal au ho iza ion egula ions.