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Ilona Mickienė, Birutė Briaukienė. Lietuvių terminologijos aspektai: metodinė mokomoji knyga

Jolanta Gaivenytė-Butler

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Ilona Mickienė, Birutė Briaukienė ASPEKTE DER LITAUISCHEN TERMINOLOGIE: EIN METHODISCHES LEHRBUCH [Elektronische Ressource] Vilnius: Universität Vilnius, 2016. – 67 S. ISBN 978-609-459-710-7 JOLANTA GAIVENYTĖ-BUTLER Lietuvių kalbos institutas Die humanistische Fakultät Kaunas der Universität Vilnius veröffentlichte 2016 das von Ilona Mickienė und Birutė Briaukienė erstellte elektronische methodische Lehrbuch Aspekte der litauischen Terminologie. Der Veröffentlichung des Buches stimmte der Rat der humanistischen Fakultät Kaunas der Universität Vilnius zu; rezensiert wurde es von zwei Rezensentinnen. Die Publikation ist hochaktuell. Es gibt nicht viele Veröffentlichungen zur litauischen Terminologie, insbesondere keine vielen Lehrwerke. Studierende müssen sich wohl vor allem auf Stasys Keins 1980 erschienenes Werk Terminologijos abėcėlė und Kazimieras Gaivenis’ Buch Lietuvių terminologija: teorijos ir tvarkybos metmenys (2002) stützen. Im Internet war das Skript zu Jūratė Lubienės Vorlesungen über Terminologie zugänglich; außerdem sind Zusammenfassungen von Vorlesungen zu einzelnen Themen der Terminologie von Antanas Smetona und Egidijus Zikauskas zu finden sowie ein 2006 erstelltes kurzes Terminologie-Lehrbuch für Übersetzer, herausgegeben von der litauischen Abteilung der Generaldirektion Übersetzung der Europäischen Kommission. Theoretische und praktische Aspekte der Terminologie werden in den Kapiteln von Lehrbüchern zur Fachsprache behandelt, doch eine eigenständige, ausführliche Lehrhilfe zur litauischen Terminologie gab es bis heute nicht. 240 Jolanta Gaivenytė-Butler | in den Lehrbuchkapiteln behandelt, doch eine eigenständige, ausführliche Lehrhilfe zur litauischen Terminologie gab es bis heute nicht. Im Lehrbuch Aspekte der litauischen Terminologie werden die wichtigsten Fragen der Terminologie behandelt – zunächst werden die theoretischen Aspekte erörtert, danach geht es zu den praktischen über. Das Buch besteht aus elf Kapiteln, die mit der Entwicklung der litauischen Terminologie und der Entstehungsgeschichte der Terminologie als wissenschaftlicher und praktischer Disziplin vertraut machen, die grundlegenden terminologischen Begriffe erläutern sowie Quellen, Bildung und Anforderungen von Termini, ihre Mängel und Methoden der Terminologiearbeit erörtern. Am Ende der Publikation befindet sich ein Verzeichnis der verwendeten und empfohlenen Literatur. Das Vorwort des Buches beginnt mit den folgenden Worten der Autorinnen: „Die Wissenschaft ist groß und ewig, das menschliche Leben aber kurz. Manche Wissenschaftszweige erstarken rasch und machen Fortschritte, die Entwicklung anderer hingegen ist langwierig und schleppend. Die Terminologie ist ein Zweig der angewandten Wissenschaft. Überall auf der Welt entwickelt sie sich langsam und mühsam, gleichsam ohne zu wissen, woran sie sich anschließen soll – an die Sprachwissenschaft, die Informatik oder einen anderen Wissenschaftszweig“ (S. 5). Schön geschrieben. Fast ebenso schön, wie K. Gaivenis in seinem Artikel „Einige Gedanken zur Terminologie“ schrieb, der in der Zeitschrift Terminologijos veröffentlicht wurde: „Man sagt, im Hof der Sorbonne stehe eine Sonnenuhr mit der lateinischen Inschrift ‚Sicut umbra dies nostrae‘ (‚Wie ein Schatten sind unsere Tage‘). Die Wissenschaft ist tatsächlich groß und ewig, das menschliche Leben aber kurz. Doch Wissenschaft ist nicht gleich Wissenschaft. Manche Wissenschaftszweige erstarken kurz nach ihrer Entstehung und machen sofort große Fortschritte, die Entwicklung anderer hingegen ist langwierig und schleppend. Die Terminologie ist ein angewandter Wissenschaftszweig. Überall auf der Welt entwickelt sie sich langsam und mühsam, gleichsam ohne zu wissen, woran sie sich anschließen soll – an die Sprachwissenschaft, die Informatik oder noch einen anderen Wissenschaftszweig“ (Gaivenis 1998: 89). Nehmen wir an, die Autorinnen hätten lediglich vergessen, einen Verweis hinzuzufügen. Das erste Kapitel der Publikation ist der Entwicklung der litauischen Terminologie gewidmet. Beim Lesen fällt zunächst auf, dass die Autorinnen, wenn sie über die Terminologie sprechen, zwei Wörter abwechselnd verwenden – terminologija und terminija. Die Gesamtheit der Termini wird im Litauischen tatsächlich auf zwei Arten bezeichnet: Zwei Bedeutungen von terminologijos sind im Wörterbuch der Gegenwartssprache Litauens (DLKŽ 2015), im Wörterbuch linguistischer Termini (KTŽ 1990) und im Wörterbuch der Internationalismen (TŽŽ 2013) verzeichnet. Bereits 1925 wies Stasys Šalkauskis in seiner Studie „Theorie der Terminologie und litauische philosophische Terminologie“ auf die zwei Bedeutungen des Wortes terminologija hin und schlug vor, zwei Wörter zu verwenden. Terminija sollte man, so S. Šalkauskis, „die Gesamtheit der technischen Termini eines bestimmten Wissenschafts- oder Kunstbereichs“ nennen, während terminologija „die Wissenschaft oder zumindest die Theorie der Terminija“ sei (Šalkauskis 1991: 10). Eine solche Terminologija | 2016 | 23 241 Terminologie und Terminien in der modernen litauischen Lexikologie und Terminologieforschung sowie in Lehrbüchern für die Allgemein- oder Fachsprache zu unterscheiden, ist üblich (vgl. Gaivenis 2002; Jakaitienė 2010; Rutkienė 2015; Vladarskienė 2013; Bielinskienė et al. 2014). Die Unterscheidung zweier Bedeutungen des Wortes Terminologie in Wörterbüchern der Allgemeinsprache oder die Verwendung von Terminologie im Sinne von Terminien in nicht terminologischen Arbeiten ist wohl kein Übel, doch in einer der Terminologie gewidmeten Arbeit stört eine solche Variation. Es wäre nicht verwunderlich, wenn Studierende sich fragten, ob die litauische Terminologie nicht vielleicht ein besonders alter Wissenschaftszweig sei, denn die Autorinnen schreiben, dass „der Beginn der litauischen Terminologie nicht die ersten gedruckten litauischen Bücher sind, sondern viel früher liegt“, und fügen auf derselben Seite noch hinzu, dass „die Terminologie der europäischen Sprachen zu der Zeit, als die ersten litauischen Bücher geschrieben wurden, gerade erst entwickelt zu werden begann“ (S. 6). Es scheint, dass die Autorinnen alle Wörter, die spezielle oder abstrakte Begriffe bezeichnen, als Termini betrachten. Über die Werke von Martynas Mažvydas, Mikalojus Daukša und Konstantinas Sirvydas schreiben sie: „Die Verfasser der ersten litauischen Bücher <...> legten ein gutes Fundament für die weitere Entwicklung der Standardsprache. Ihre Arbeit hinterließ auch Spuren in der litauischen Terminologie. Obwohl die Arbeit der damaligen litauischen Terminologen weder organisierten Charakter noch klare Prinzipien hatte und durch die übersetzten Quellen [sic] bestimmt war, erinnert doch mancher ihrer Termini noch heute an die Verfasser jener Bücher“ (S. 7). Die Bedeutung der Werke von M. Mažvydas, M. Daukša und K. Sirvydas für die Entwicklung der litauischen Sprache ist unbestreitbar, aber man kann sie wohl kaum als Terminologen bezeichnen. Hier wäre es angebracht, erneut an S. Šalkauskis zu erinnern, der erklärte: „Damit ein Wort, das einen Begriff bezeichnet, heutzutage den Namen eines Terminus erhält, muss der durch es ausgedrückte Begriff <...> in den Bereich der von irgendeiner Wissenschaft untersuchten Gegenstände fallen. Daher ist nicht jedes Wort, das einen Begriff bezeichnet, ein wissenschaftlicher Terminus, obwohl jeder Terminus ein Wort ist, das einen Begriff bezeichnet“ (Šalkauskis 1991: 14). Später erläutern die Autorinnen im dritten Kapitel, worin sich Terminien von der Terminologie unterscheidet (sie erwähnen auch S. Šalkauskis), doch in den folgenden Kapiteln verwenden sie diese beiden Termini wieder wechselweise. Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, das Buch mit den Begriffen Terminus, Terminien und Terminologie zu beginnen und anschließend die Geschichte der Entwicklung der litauischen Terminien und Terminologie darzustellen. Das zweite Kapitel des Lehrbuchs trägt den beinahe darwinistisch anmutenden Titel „Theorien zur Entstehung der Terminologie“. Von Entstehungstheorien ist darin nicht die Rede; vielmehr wird versucht, die Entwicklung der Terminologie als Wissenschaft von den Termini zu überblicken. In diesem Kapitel stützen sich die Autorinnen hauptsächlich auf K. Gaivenis und behandeln kurz die terminologischen Theorien von S. Šalkauskis, Eugen Wüster, Dmitrij Lotte und Valerija Danilenko 242 Jolanta Gaivenytė-Butler | Theorien. Man könnte die Namen der Autoren, auf deren Arbeiten sich S. Šalkauskis stützte, berichtigen: nicht Venderyes, sondern Vendryes; der mittelalterliche Philosoph D. Scotus wird auf Litauisch gewöhnlich Jonas Dunsas Škotas (Joannes Duns Scotus) genannt. K. Gaivenis wies bei seiner Darstellung der Arbeiten russischer Wissenschaftler, die den Terminologen seiner Generation am besten bekannt waren, darauf hin, dass die Arbeiten ausländischer Terminologen die Bibliotheken Litauens nicht erreichten und daher wenig über sie bekannt war. Heute lassen sich die Arbeiten ausländischer Terminologen in den Bibliotheken litauischer Universitäten leicht finden. Man hätte zumindest einige Namen erwähnen können. Das Kapitel endet aus unerfindlichem Grund mit einer Kritik an den Tendenzen, die Wissenschaftssprache zu substantivieren und zu terminologisieren. Eine Erörterung der Besonderheiten der Wissenschaftssprache hätte wohl besser in das fünfte Kapitel „Termini – die Grundlage der Wissenschaftssprache“ gepasst. Am Anfang des Kapitels wird auf einen kurzen Artikel von J. Gaivenytė über E. Wüster verwiesen (S. 10), doch darin steht nichts dergleichen. Tatsächlich stützten sich die Autorinnen auf einen Abschnitt in K. Gaivenis’ Buch über die terminologischen Theorien von E. Wüster und Helmut Felber (Gaivenis 2002: 110–111). Nach dem Überblick über die Entwicklung des Terminienwesens und der Terminologie wenden sich die Autorinnen der Erläuterung des Terminus zu. Im dritten Kapitel „Der Terminus. Das Verhältnis zwischen Terminus und Wort, Terminus und Begriff“ wird vieles zu definieren versucht: Es beginnt mit dem Terminienwesen als System, erwähnt die an Termini gestellten Anforderungen (diesen ist das neunte Kapitel gewidmet), definiert den Terminus, versucht das Verhältnis von Terminus und Wort darzustellen, erläutert die enge und die weite Auffassung des Terminus, behandelt Quasitermini und Pseudotermini, erklärt, was Terminienwesen und Terminologie sind, unterscheidet zwei Richtungen der Terminologie, erläutert, was Terminographie ist, erörtert den Begriff der Professionalismen und legt dar, welche Beziehungen zwischen Begriffen und Termini bestehen. Bei der Erörterung des Verhältnisses zwischen Terminus und Wort bringen die Autorinnen einiges durcheinander. Im Buch heißt es: „Wort und Terminus stehen in einem Artverhältnis zueinander – der Begriff des Wortes ist umfassender; Termini sind eine bestimmte Wortart, genauer gesagt eine funktionale und semantische Art. Der Begriff des Terminus geht jedoch über die Grenzen des Wortes hinaus, denn ein Terminus muss nicht unbedingt ein Wort sein. Das heißt, auch bestimmte Wortverbindungen (oder Symbolverbindungen) haben in der Sprache eine festgelegte Bedeutung und einen festgelegten Anwendungsbereich. Solche Wortverbindungen gelten als Mehrworttermini. Der Begriff des Terminus überschreitet somit die Grenzen des Wortes“ (S. 12). Wenn Wort und Terminus in einem Artverhältnis (genauer gesagt, in einem Verhältnis von Art und Gattung) stehen und der Begriff des Wortes umfassender ist, kann dann der Begriff des Terminus über die Grenzen des Wortes hinausgehen? Bei ihrer Erörterung des Verhältnisses zwischen Wort und Terminus verweisen die Autorinnen auf das Buch von K. Gaivenis, doch darin wird das Gegenteil behauptet: „Die Begriffe „Wort“ und „Terminus“ stehen nicht in einem Gattungs-Art-Verhältnis zueinander, denn Terminologija | 2016 | 23 243 Termini sind nicht bloß eine bestimmte Wortart. Außerdem lässt sich der Begriff „Terminus“ auch nicht auf die Grenzen des „Wortes“ beschränken, denn ein Terminus kann sowohl ein Einzelwort als auch eine feste Wortverbindung sein“ (Gaivenis 2002: 14). Tatsächlich wurde St. Keinys herangezogen (Keinys 1980: 15–16); lediglich wurden einige Sätze aus K. Gaivenis’ Buch zu seinen Gedanken hinzugefügt, die nicht mit einem Verweis gekennzeichnet waren. Übrigens betrachtet auch Evalda Jakaitienė das Verhältnis zwischen den Begriffen „Wort“ und „Terminus“ nicht als ein reines Gattungs-Arten-Verhältnis (Jakaitienė 2010: 182). Interessant wäre, welcher Auffassung die Autorinnen des Lehrbuchs zustimmen würden. Die Aussage, dass „die Wörter Terminija und Terminologija in der Gemeinsprache mehr als eine Bedeutung haben“ (S. 13), sollte präzisiert werden (das Wort terminija wird nur in einer Bedeutung verwendet). Im vierten Kapitel wird erläutert, was eine Definition ist, und es werden die Mängel von Definitionen beschrieben. In den letzten Jahren hat sich die Tendenz entwickelt, als Definieren die Angabe der unterscheidenden Merkmale eines Begriffs zu bezeichnen und sein Ergebnis als Definition. Diesen Terminus verwenden nicht nur Terminologen (vgl. Jakaitienė 2010; Rutkienė 2015). Im dritten Kapitel des Lehrbuchs heißt es, dass „die beschreibende Aussage, die einen Begriff definiert und dazu beiträgt, ihn von verwandten Begriffen abzugrenzen, Definition genannt wird“ (S. 16), und es werden intensionale (=intensionale) und extensionale (=extensionale) Definitionen unterschieden; im vierten Kapitel hingegen werden Definitionen als Definierungen bezeichnet. Der Unterabschnitt „Der Begriff der Definition“ beginnt folgendermaßen: „Eine Definition ist die Offenlegung des Inhalts eines Begriffs <...>. Die Aussage, aus der ein Terminusartikel besteht, muss erklären, was der Begriff ist. Nachdem Begriffe ausgewählt wurden, lassen sich Definitionen von Begriffen auswählen und kann präzisiert werden, ob die Termini den Begriffen entsprechen. Das ist jedoch nicht so einfach. In der terminografischen Arbeit kann man nicht auf die Definitionssammlung eines beliebigen Wissenschaftsgebiets zurückgreifen, denn: a) viele Begriffe haben keine Definitionen; b) in der wissenschaftlichen Literatur werden Definitionen durch nur ungefähr zutreffende Erläuterungen ersetzt; c) viele Definitionen sind veraltet und unlogisch; d) vielen existierenden Definitionen fehlen hinreichende und notwendige Merkmale, die die Besonderheit des definierten Begriffs herausarbeiten. Folglich müssen Definitionen und Begriffe ständig überprüft werden, d. h. man muss veraltete und unwissenschaftliche Definitionen aufgeben und neue erstellen“ (S. 18). Dieser Einstieg ist nicht besonders klar. Was wird ausgewählt, woher und warum? Wo finden sich diese mangelhaften Definitionen – in Wörterbüchern, wissenschaftlichen Arbeiten, Lehrbüchern? Warum kann man in der terminografischen Arbeit nicht auf eine „Sammlung von Begriffsdefinitionen“ zurückgreifen? Wer terminografisch arbeitet, ist gewöhnlich in der Lage, Definitionen zu formulieren und zu präzisieren (oder Terminologen helfen dabei). Am Ende des Unterabschnitts heißt es: „Eine Definition darf den wissenschaftlichen Gedanken nicht einschränken. Meist ist sie verbal, während beispielsweise mathematische Formeln 244 Jolanta Gaivenytė-Butler | nur Hilfsmaterial sind. Das heißt, wenn man ein physikalisches Phänomen nur mathematisch beschreibt, legt man den Inhalt des Begriffs im Grunde nicht offen. Es gibt jedoch Begriffe, bei deren Definition man nicht ohne mathematische Formeln auskommt“ (S. 19). Wie schränken Definitionen den wissenschaftlichen Gedanken ein? Warum sind sie meistens verbal? Definitionen sind immer verbal. Fachleute können das Wesen eines Begriffs vermutlich auch anhand einer Formel erfassen. Im nächsten Absatz heißt es: „Wenn in Definitionen mehrdeutige Termini verwendet werden müssen, ist anzugeben, in welcher Bedeutung der jeweilige Terminus verwendet wird“ (S. 19). Es ist schwer vorstellbar, wie die Forderung, in einer Definition die Bedeutung eines mehrdeutigen Terminus anzugeben, in der Praxis umgesetzt wird. Im Unterabschnitt „Grundsätze und Mängel der Definitionserstellung“ wird nur auf Mängel eingegangen. Die Grundsätze sind im Unterabschnitt „Der Begriff der Definition“ aufgeführt. In diesem Unterabschnitt heißt es: „Mängel von Termini entstehen deshalb, weil auch die Definition, die bei der Bildung des Terminus verwendet wurde, Mängel aufwies. Jeder wissenschaftliche Begriff muss präzise sein“ (S. 19). Kann man von einem Begriff Präzision verlangen? Präzise muss der Terminus sein, der den Begriff bezeichnet; Definitionen sollten die wesentlichen, unterscheidenden Merkmale der Begriffe genau wiedergeben. Außerdem können Mängel von Termini nicht nur aufgrund mangelhafter Definitionen entstehen. Das kurze fünfte Kapitel „Termini – die Grundlage der Wissenschaftssprache“ besteht aus zwei Absätzen. Der erste Absatz enthält allgemeine Überlegungen zur Bedeutung der Termini für den wissenschaftlichen Fortschritt und die Sprachentwicklung; der zweite behandelt die Pflege litauischer Termini und nennt litauische Linguisten, die Dissertationen zur Terminologie verteidigt haben. Übrigens wurden Aušra Rimkutė und Markas Paura nicht erwähnt. 2016 verteidigte auch Liudmila Mockienė eine Dissertation auf dem Gebiet der Terminologie. Über terminologische Forschung hätte man wohl besser im zweiten Kapitel gesprochen. Verwirrend ist die aus dem Zusammenhang gerissene Information aus K. Gaivenis’ Buch über die erstellten „10 000 standardisierten Terminologiewörterbücher“ (S. 22). Es entsteht der Eindruck, dass von in Litauen veröffentlichten Terminologiewörterbüchern die Rede ist; K. Gaivenis erwähnte diese Zahl jedoch im Zusammenhang mit E. Wüster und dem Einfluss seiner Arbeiten auf die Standardisierung der Terminologie auf internationaler Ebene. Im sechsten Kapitel „Klassifikation der Termini“ werden Termini nach Form, Inhalt und ihren Beziehungen zueinander klassifiziert. Folgende Einteilung der einteiligen Termini wird vorgestellt: „1) primäre (einfache) Wörter (Auge); 2) abgeleitete Wörter (Derivate) (Brille); 3) zusammengesetzte Wörter (Komposita) (kreivaakis)“ (S. 23) (ist kreivaakis überhaupt ein Terminus?). Diese Einteilung sollte korrigiert werden, da Komposita ebenfalls Derivate sind. Gemeint waren offenbar einfache Wörter, Ableitungen und Komposita. Im siebten Kapitel „Quellen der Terminologie“ werden drei Hauptquellen behandelt: der Wortschatz der eigenen Sprache, die Mittel der Wortbildung und die anderer Sprachen Terminologija | 2016 | 23 245 Lexik. Beispiele, die das Verhältnis zwischen einem internationalen und einem litauischen Terminus veranschaulichen, wurden dem Buch von K. Gaivenis entnommen. Man hätte nach treffenderen Fällen suchen können. Als Beispiel für die Aussage, dass „wir neben einem litauischen Wort dessen internationales Äquivalent haben, das jedoch das passive Glied dieses Wortpaares ist“ (S. 27), wird nuomaris – epilepsija angeführt. Es ist fraglich, ob nuomaris heute häufiger verwendet wird. In dem auf der Website Raštija.lt veröffentlichten Psichologijos terminų žodyne (PTŽ 1993) und dem Medicinos terminų žodyne (MTŽ 1980) lautet der Verweis bei nuomaris: siehe epilepsija. Die internationalen Termini sind tatsächlich die aktiven Glieder der Paare nuovala – placenta und perdanga – diafragma; allerdings lässt sich bezweifeln, ob solche Paare in der heutigen Terminologie überhaupt existieren. Mokomojoje knygoje išskirti dvejopi tarptautiniai terminai – „tikrieji tarptautiniai terminai, kurie pasaulio moksle vartojami sulotyninti ir nė vienoje kalboje nekeičiama nei jų rašyba, nei jie perrašomi kitomis abėcėlėmis“ ir iš kitų kalbų tiesiogiai ar per kalbas tarpininkes pasiskolinti „ne lotyniškieji“ terminai (p. 27). Gaila, kad autorės nepateikė tokių terminų pavyzdžių, nes neaišku, apie kokius „sulotynintus“ terminus kalbama. Ar toks skirstymas tikslus? Anot K. Gaivenio, „į mūsų terminiją ateinantys tarptautiniai žodžiai daugiausia yra kilę iš senovės graikų ir lotynų kalbų. Jie sutvarkomi pagal mūsų kalbos fonetikos, morfologijos, rašybos dėsnius bei taisykles ir virsta norminiais“ (Gaivenis 2002: 58–59). Toliau rašant apie tarptautinius terminus teigiama, kad „šiuo metu tarptautiniams terminams labai intensyviai kuriami lietuviški atitikmenys“, dėl to „didėja tarptautinių ir savų terminų sinonimija“ (p. 27). Kaip tokios sinonimijos pavyzdys pateikti terminai vaakumas (=vakuumas) ir tuštuma nėra sinonimai. Teisybė, kad tarptautinių terminų lietuviški atitikmenys kuriami, bet labai abejotinas teiginys, kad tai vyksta „labai intensyviai“. K. Gaivenis ir Angelė Kaulakienė dar 1996 m. KTU skaitytame pranešime atkreipė dėmesį į priešingą tendenciją – terminijos tarptautėjimą ir nenorą ieškoti lietuviškų atitikmenų (Gaivenis, Kaulakienė 2014: 232). Vargu ar ši tendencija išnyko. Skolinių vietos terminijoje apžvalga baigiama teisingu pastebėjimu: „Svarbiausia, kad skoliniai nestumtų iš vartosenos įsigalėjusiu lietuvišku terminu ir būtų išlaikyta terminų sistemoje derama proporcija tarp savų (nacionalinių) ir svetimų (internacionalinių) terminų“ (p. 30–31). Lygiai taip pat rašoma ir Lietuvių kalbos enciklopedijos straipsnyje terminologija (LKE 2008: 553), todėl reikėtų pridėti nuorodą (šiuo enciklopedijos straipsniu be nuorodos remtasi ir pirmajame skyriuje (p. 7–8)). 246 Jolanta Gaivenytė-Butler | Das umfangreiche achte Kapitel ist der Terminusbildung gewidmet. Es macht etwa ein Fünftel des gesamten Buches aus. Der einleitende Teil des Kapitels ist ziemlich langatmig und etwas ungeordnet; wiederholt werden dieselben Dinge behandelt. So werden beispielsweise die wichtigsten Verfahren der Terminusbildung dreimal erwähnt; zweimal wird festgestellt, dass „Wortbildungsprozesse in der Terminologie eine sehr große Rolle spielen, da die meisten einwortigen und mehrgliedrigen Termini Ableitungen sind“ (einmal mit Verweis auf St. Keinys, beim anderen Mal ohne Quellenangabe) (S. 32), und unter Berufung auf K. Gaivenis wird zusätzlich bekräftigt: „Ableitungen machen den größten Teil der einwortigen Termini aus“ (S. 33). Zur Benennung von Unterbegriffen heißt es: „In der Wissenschaftssprache müssen komplexere Begriffe, darunter Unterbegriffe, benannt werden. Solche Begriffe werden mit einwortigen Termini bezeichnet, aus denen jedoch mehrgliedrige Termini gebildet werden, z. B. aibė – abstrakti aibė, atvira aibė, begalinė aibė“ (S. 33). Was geschieht hier? Auch ohne Quellenangabe ist erkennbar, dass der Gedanke ungenau aus der Terminologijos abėcėlės abgeschrieben wurde (von dort stammen auch die Beispiele). St. Keinys schrieb, dass Unterbegriffe häufig „mit einwortigen Termini bezeichnet werden, dass man sich hier jedoch meist mit mehrgliedrigen Bezeichnungen behilft“ (Keinys 1980: 17). Übrigens lauten die mathematischen Termini abstrakčioji aibė, atviroji aibė. Im weiteren Verlauf dieses Abschnitts wird an eine der an Termini gestellten Anforderungen erinnert: „Bei der Bildung eines Neologismus muss man wissen, dass Korrektheit eine der wichtigsten Anforderungen an Termini ist. Im Republikstandard wird Korrektheit als Übereinstimmung mit den Regeln der Akzentuierung, Rechtschreibung, Grammatik, Wortbildung, grammatischen Anpassung und Verwendung beschrieben (LR-Standard, 2009) [sic]“ (S. 33). Eine merkwürdige Beschreibung in einem noch merkwürdigeren Dokument. Was ist dieser „Republikstandard“? Über diese Publikation wird man wohl nichts Weiteres erfahren, da sie im Literaturverzeichnis nicht aufgeführt ist. Im ersten Unterkapitel „Einwortige Termini“, das recht kleinteilig in Abschnitte gegliedert ist, wird die Bildung einfacher Termini behandelt (Suffix-, Endungs- und Präfixableitungen sowie Zusammensetzungen). Die Suffixableitungen werden in zwei kleineren Abschnitten zu Verbalableitungen und Ableitungen von Nomina erörtert. Daher werden beispielsweise Bezeichnungen für Träger von Eigenschaften und für Orte, die von Nomina abgeleitet sind, an zwei Stellen behandelt. Vielleicht wäre es übersichtlicher, sie an einer Stelle zusammenzufassen. Die Beispiele sollten sorgfältiger ausgewählt werden: Als Beispiel für einen Träger einer verbalen Eigenschaft wird das Wort tyrimas angeführt, als Beispiel für eine selbsttätige Handlung gydymas. Fragwürdig ist die Behauptung, das Suffix -tė, -(i)uotė werde in der heutigen litauischen Sprache „nur bei der Terminusbildung verwendet“ (S. 36). Der Aussage, dass „Zusammensetzungen dazu beitragen, gleichartige Begriffe leicht und systematisch zu benennen“, ist zuzustimmen. Das zeigen die angeführten Beispiele deutlich (savidulka, vėjodulka). Fraglich ist allerdings, ob die folgende Behauptung zutrifft … Terminologija | 2016 | 23 247 … dass „eine Zusammensetzung ihrer Bedeutung nach oft einheitlicher, bestimmter und spezieller ist als die Verbindung ihrer Grundwörter. Daher eignen sich Zusammensetzungen für eine genauere, gehaltvollere und ausdrucksstärkere Ausdrucksweise“ (S. 43). Am Ende des Abschnitts über Zusammensetzungen wird erläutert, welche Wortarten Zusammensetzungen sein können. Die angeführten Beispiele (dalgiakotis, rudauodegis (katinas), kažkas, dvidešimt, bukagalvis, silpnaširdis, proligė) haben kaum etwas mit Terminologie zu tun. In diesem Unterkapitel finden sich weitere Beispiele, die wenig terminologisch sind (zumindest nicht der modernen Terminologie angehören): žabaras, skystimas, kartumynai, vočiukė, apysakaitė, rankytė, upokšnis, užkandinė, dainius und andere. Das zweite Unterkapitel des achten Kapitels, „Termini – Wortverbindungen“, ist den mehrgliedrigen Termini gewidmet. Es sollte darauf hingewiesen werden, dass die Bestandteile mehrgliedriger Termini am Anfang des Kapitels als komponentais, am Ende dagegen als elementais bezeichnet werden. Es werden Beispiele fragwürdiger sprachlicher Korrektheit angeführt: iris žirklikes, minus stiklai, augalai-indikatoriai. Das Unterkapitel beschreibt kurz, durch welche syntaktischen Beziehungen die Bestandteile mehrgliedriger Termini verbunden sein können, doch die Struktur mehrgliedriger Termini und die Anzahl ihrer Bestandteile werden nicht behandelt. Für Studierende wäre es nützlich, auch etwas über die Reihenfolge der Bestandteile zu erfahren. Im neunten Kapitel werden die Anforderungen an Termini behandelt. Die Autorinnen unterscheiden sieben Anforderungen, die sie mit Adjektiven benennen. Es wäre nicht ungewöhnlich, im Text zu schreiben, dass „ein Terminus tikslus sein muss“, doch als Bezeichnungen für Anforderungen (und Unterkapitel) wären Substantive geeigneter, zumal das erste Unterkapitel dieses Kapitels mit der Feststellung beginnt, dass „Korrektheit eine der wichtigsten sprachlichen Anforderungen an Termini ist“ (S. 47). Die in diesem Unterkapitel erwähnten Normen haben Kennzeichnungen, die genau wiedergegeben werden sollten: Die Kennzeichnung der Norm „Terminologijos principai ir metodai“ (1115–90) muss LST 1115-90 lauten; diese Norm wurde nicht nach der internationalen Norm 980: 704-87, sondern nach ISO 704-87 erstellt. Korrektheit, Genauigkeit, Systematik, Kürze, stilistische Neutralität und Wortbildungsfreundlichkeit werden recht ausführlich behandelt – ihnen sind zwischen einigen Absätzen und fast drei Seiten gewidmet, während Klarheit mit einem einzigen Satz beschrieben wird. Man hätte entweder mehr über diese Anforderung schreiben oder sie gar nicht erwähnen sollen. Klarheit wird definiert als „die Anforderung, dass die innere Form des Terminus den Begriff klar wiedergibt“ (S. 47). Aiškumui fehlt es an Klarheit. Was ist die „innere Form des Terminus“? Bei der Beschreibung der Genauigkeit eines Terminus unterscheiden die Autorinnen drei Terminusgruppen: korrekt orientierende, neutrale und irreführende Termini. Die Beschreibung neutraler Termini ist zu korrigieren: „Als neutrale Termini können alle jene Termini gelten, deren lexikalische Bedeutung sich nicht bestimmen lässt. Solche Ter- 248 Jolanta Gaivenytė-Butler | … können sowohl Begriffe als auch Wörter aus anderen Sprachen sein“ (S. 48). Man sollte nach aussagekräftigeren Beispielen für die Unsystematik von Termini suchen (sind garvežys und šilumvežis, skridininis suvirinimas tatsächlich unsystematische Termini (wird dieser Terminus überhaupt verwendet?) und taškinis suvirinimas?). Die Erläuterung der Systematik endet mit folgender Aussage: „Es ist sehr schwierig, die Verwendung eines etablierten Terminus zu verbieten. Dies ist notwendig, wenn der Terminus nicht korrekt ist und zur Instabilität der Begriffe beiträgt, die praktische Fehler nach sich ziehen kann“ (S. 49). Werden Studierende verstehen, was „Instabilität der Begriffe“ bedeutet und wie Termini dazu „beitragen“? Die anschaulichen Beispiele im Unterabschnitt über Kürze sollten überprüft werden. Viele davon sind fragwürdig: Entweder wurden ungeeignete Beispiele gewählt oder sie werden ungenau erläutert. Die „zusammengezogenen Komposita“ metro und taksis (im Sprachgebrauch ist die unveränderliche Form taksi üblich; so ist sie auch im DLKŽ 2015 verzeichnet) sind keine Komposita. Das Terminuspaar akceleratoriaus valdymas droseline sklende ir droselinis akceleratorius zeigt nicht die Übertragung eines Merkmals von einem Gegenstand auf einen anderen. Der Terminus karštasis apdirbimas ist wohl kaum eine „Kurzform der erweiterten Wortgruppe apdirbimas karštame būvyje oder karštų ruošinių apdirbimas“, deren Element karštasis ein Merkmal des Gegenstands bezeichnet und „keine Merkmale ausdrückt, die mit dem Prozess zusammenhängen“ (S. 50). Die im Aiškinamajame elektrotechnikos terminų žodyne (AETŽ 2010) angegebene Definition von karštojo apdirbimo verweist auf ein prozessbezogenes Merkmal: „plastische Verformung des Metalls mit einer solchen Geschwindigkeit und bei einer solchen Temperatur, dass keine Verfestigungsspannungen entstehen“. Das Terminuspaar tiesioginis rezonansinis greitintuvas su stovinčiomis bangomis ir rezonansinis (=rezonansinis) greitintuvas zeigt keine Ersetzung eines Merkmals durch ein anderes. Der längste und am flüssigsten geschriebene Unterabschnitt behandelt die stilistische Neutralität. Vermutlich deshalb, weil der größte Teil seines Textes aus Arbeiten von St. Keinis und K. Gaivenis stammt. Der Verweis auf St. Keinio Terminologijos abėcėlę ist korrekt und an der passenden Stelle eingefügt. Dass das Buch von K. Gaivenis als Quelle diente, wird in der Mitte des Unterabschnitts angegeben; danach folgen jedoch keine weiteren Verweise, obwohl der größte Teil dieses Unterabschnitts nicht von den Verfasserinnen des Lehrbuchs stammt. Es handelt sich um K. Gaivenis’ Aufsatz „Lietuviškų terminų vaizdingumo klausimu“, veröffentlicht in Band 29 der Lietuvių kalbotyros klausimų. Im letzten Unterabschnitt wird die praktische Zweckmäßigkeit knapp beschrieben. Am Ende des Unterabschnitts steht ein Verweis auf das Buch von K. Gaivenis; der zitierte Text sollte jedoch in Anführungszeichen stehen. Im zehnten Kapitel „Terminologiefehler“ geht es um Polysemie, Synonymie, den „Widerspruch des Terminus zum Begriff oder seine Nichtübereinstimmung mit ihm“ und die „schwierige Aussprache des Terminus“. Diese Phänomene sollten präziser bezeichnet werden; außerdem sollte überlegt werden, ob alle diese vier „Fehler“ gleich schwer wiegen. Seltsam wirkt der Vergleich eines so komplexen und vielgestaltigen Phänomens wie der Synonymie von Termini mit einer unbequemen Aussprache des Terminus. Terminologija | 2016 | 23 249 Weder Polysemie noch Synonymie lassen sich eindeutig bewerten; beide Phänomene sind sowohl für die Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens als auch für die der Terminologie bedeutsam. Auch in diesem Kapitel hätten die Aussagen präziser formuliert und die Beispiele sorgfältiger ausgewählt werden müssen. Eine der Hauptursachen der Polysemie wird folgendermaßen erläutert: „Termini werden falsch und unkritisch aus anderen Sprachen entlehnt. Ein einheimisches oder aus einer anderen Sprache übernommenes und gleichsam einheimisch gewordenes (in der Sprache verbreitetes) Wort, zum Beispiel benzinas, stimmt in seiner Bedeutung nicht mit dem französischen Wort benzine überein, denn viele Autoren verwenden diesen Terminus mit der Bedeutung benzolą; in der Kokereichemie gibt es den Terminus benzinė. Somit wird der Wurzel benzin- eine ganz andere Bedeutung zugewiesen“ (S. 54). Warum sollte benzinas mit dem französischen Wort übereinstimmen? Der Terminus benzine ist mir nicht begegnet; die in den Produkten der Steinkohlenverkokung enthaltene Substanz heißt auf Litauisch benzenu. Im Chemijos terminų aiškinamajame žodyne (CHTŽ 2003) gilt benzolas als nicht zu empfehlender Terminus und wird zu benzeną korrigiert. Die Wurzel dieser Wörter lautet nicht benzin-, sondern benz-. Im Unterabschnitt über Synonymie heißt es: „Synonyme stellen immer eine gewisse Gefahr dar, weil manche Autoren anfangen, sie falsch voneinander abzugrenzen. Zum Beispiel wurden in der physikalischen Terminologie lange Zeit folgende Synonyme verwendet: dielektrinis jautrumas, dielektrinis įspūdingumas, dielektriko polarizacijos koeficientas“ (S. 55) (das Wort dielektrinis ist vermutlich ein Korrekturfehler). Im Glossar des Buches von A. Kaulakienė Lietuvių fizikos terminijos raida (Kaulakienė 2009: 281) ist nur ein Synonym für jautrumo aufgeführt – jautris. Weder in diesem Buch noch in anderen Quellen ließen sich die Synonyme dielektrinis jautrumas, dielektrinis įspūdingumas ir dielektriko polarizacijos koeficientas nachweisen. Das elfte Kapitel ist der Terminologiearbeit gewidmet. Es behandelt weitreichende Themen – Terminografie, die Normung von Termini und die computergestützte Terminologiearbeit. Der Unterabschnitt „Terminografie“ besteht aus vierzehn Absätzen; unter drei davon finden wir den Namen K. Gaivenis, unter zwei den von Jonas Klimavičius. Na und? Das wäre vielleicht kein Problem, wenn die Verfasserinnen wenigstens einige dieser Absätze mit Formulierungen wie Gaivenio nuomone, Klima-vičius pastebėjo oder Ähnlichem begonnen hätten. Was die Verfasserinnen über die litauische Terminografie denken oder wissen, erfährt man in diesem Abschnitt nicht, denn fast alles darin sind Gedanken von K. Gaivenis (Kapitel III, Abschnitt I seines Buches Lietuvių terminologija: teorijos ir tvarkybos metmenys) und J. Klimavičius (die Schlussfolgerungen seines Aufsatzes „Lietuvių terminografija: praeities bruožai, dabarties sunkumai ir uždaviniai“). Die letzten drei Absätze des Unterabschnitts enthalten keine Quellenangaben. Es keimt die Hoffnung auf, dass die Verfasserinnen die Trends bei der Veröffentlichung von Terminologiewörterbüchern untersucht und festgestellt haben, dass „in den Jahren der Zweiten Republik Litauen (seit 1990) ein regelrechter Aufschwung der Terminografie einsetzt – es wurden mehr als 200 Wörterbücher und Glossare veröffentlicht“ (S. 60). 250 Jolanta Gaivenytė-Butler | Leider handelt es sich dabei lediglich um eine nicht gekennzeichnete Schlussfolgerung aus J. Klimavičius’ Aufsatz, die er 2003 gezogen hat (Klimavičius 2003: 29). Neben dieser Schlussfolgerung von J. Klimavičius wird in diesem Kapitel noch die aus dem Buch von K. Gaivenis stammende Tatsache erwähnt, dass „in den Nachkriegsjahren in Litauen mehr als 150 Terminologiewörterbücher verschiedener Fachgebiete vorbereitet und veröffentlicht wurden“ (S. 59). Von welchem Zeitraum ist die Rede? Wie aus dem bibliografischen Verzeichnis Lietuvių kalbos terminų žodynai (LKTŽ 2008) hervorgeht, waren 150 Wörterbücher, wenn man ab 1945 zählt, bis 1988 erschienen. Wer wissen möchte, wie viele litauische Terminologiewörterbücher bis heute veröffentlicht wurden, findet die Antwort nicht in diesem Lehrbuch; die Studierenden müssten das genannte bibliografische Verzeichnis und die jährlich in der Zeitschrift Terminologijos veröffentlichten Listen von Terminologiewörterbüchern durchsehen. Bis 2015 waren mehr als 600 litauische Terminologiewörterbücher erschienen, davon etwa 440 im Zeitraum 1990–2015. Übrigens scheint der mit der Unabhängigkeit einsetzende Aufschwung der Terminografie etwas nachzulassen. Von 1990 bis 2005 wurden jährlich durchschnittlich 20 Wörterbücher und Glossare erarbeitet, von 2010 bis 2015 durchschnittlich 12. Eine weitere Aussage in diesem Unterabschnitt sollte präzisiert werden: „Terminologiewörterbücher werden der Terminologieunterkommission der Staatlichen Kommission für die litauische Sprache zur Begutachtung vorgelegt; diese hat Regeln für die Begutachtung von Terminologiewörterbüchern erarbeitet. Zuletzt wurden diese Regeln am 3. Juni 2004 überprüft, ergänzt und bestätigt.“ Valstybinė ist keine Unterkommission, sondern eine Kommission, die 2015 eine neue Fassung der Regeln verabschiedete. Über die Normung von Termini wird in diesem Kapitel nur so viel gesagt, wie K. Gaivenis in dem entsprechenden Kapitel seines Buches dazu gesagt hat. Der Unterabschnitt „Normung von Termini“ beginnt mit der Aussage, dass „die Normung von Termini die Erarbeitung von Terminologienormen bedeutet. <...> Jährlich werden mehrere Dutzend Terminologienormen erarbeitet.“ Diese Aussage sollte präzisiert werden. Der Anwendungsbereich der Terminologienormung ist etwas breiter. Normierte Termini werden nicht nur in Terminologienormen veröffentlicht. Terminologienormen machen nur einen geringen Anteil aller Normen aus. Die meisten Normen internationaler und europäischer Normungsorganisationen, die Litauen als nationale Normen übernimmt, sowie die in Litauen erarbeiteten originären litauischen Normen enthalten Terminologieabschnitte, in denen in der Regel einige bis mehrere Dutzend Termini aufgeführt sind. Daher sollte unter Terminologienormung nicht nur die Erarbeitung von Terminologienormen verstanden werden, sondern auch die Veröffentlichung von Termini in den Terminologieabschnitten von Normen. Würden in Litauen jährlich mehrere Dutzend Terminologienormen erarbeitet, wäre der Bestand an litauischen Termini deutlich bereichert worden. Leider werden nicht so viele Terminologienormen erarbeitet. Von 1990 bis 2016 wurden in Litauen etwa 100 Terminologienormen veröffentlicht. Im weiteren Verlauf dieses Unterabschnitts werden auch die … erwähnt. Terminologija | 2016 | 23 251 Probleme der Terminologienormung: „Je mehr Terminologienormen es gibt, desto schwieriger ist es, neue auszuarbeiten und bestehende zu überarbeiten. Das Problem entsteht auch dadurch, dass Terminologienormen meist nicht von Terminologen, sondern von Fachleuten anderer Bereiche erarbeitet werden, die nicht alle sprachlichen Neuerungen kennen und beurteilen können. Andererseits nutzen aufgrund der Verbreitung und der begrenzten Möglichkeiten nur sehr wenige Menschen Terminologienormen“ (S. 60). Durch die Paraphrasierung wird die Normung der Terminologie mit fragwürdigen Problemen befrachtet. Es wäre sinnvoll, den gesamten Absatz aus K. Gaivenis’ Buch zu zitieren: „Terminologen haben bereits festgestellt, dass es umso schwieriger wird, neue Terminologienormen auszuarbeiten und alte zu überarbeiten, je mehr davon in Kraft sind (Griniovas 1993: 255). Die Terminologie einzelner Normen beginnt, der Terminologie anderer Normen zu widersprechen. Außerdem werden Terminologienormen meist nicht von Terminologen, sondern von Fachleuten anderer Bereiche erarbeitet, die sprachliche Neuerungen weder verfolgen noch beurteilen können. Dadurch wird die Begutachtung von Entwürfen für Terminologienormen erheblich erschwert. Außerdem nutzen in Litauen heute nur sehr wenige Menschen Terminologienormen, da ihre Verbreitung eingeschränkt ist“ (S. 82). Dass die zunehmende Zahl von Terminologienormen ihre Ausarbeitung erschwert, stellte der russische Terminologe Sergej Griniov bereits 1993 fest. Zu jener Zeit hatte die Normung von Terminologie in Litauen gerade erst begonnen. Obwohl die Zahl der Terminologienormen seither weiter gestiegen ist, lassen sich solche Normen heute wesentlich leichter ausarbeiten als 1993, da beim litauischen Normungsamt seit etwa 20 Jahren eine Datenbank standardisierter Termini betrieben wird, die inzwischen frei über das Internet zugänglich ist. Der Beginn des Unterkapitels „Computerunterstützte Terminologieverwaltung“ stützt sich auf K. Gaivenis’ Buch von 2002 und einen Artikel von Rūta Marcinkevičienė aus dem Jahr 1999. Angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich die Informationstechnologien verändern, wäre es sinnvoll gewesen, sich darüber zu informieren, was sich in den gut anderthalb Jahrzehnten seit dem Erscheinen der genannten Arbeiten getan hat. Die Autorinnen des Lehrbuchs behaupten, „derzeit seien die bekanntesten und modernsten Terminologiedatenbanken weltweit diejenigen Belgiens, Spaniens, Deutschlands, Frankreichs, Finnlands, der Schweiz usw.“ (S. 61). Das mag 2002 gestimmt haben, doch in Europa sind seither sicherlich neue Terminologiedatenbanken entstanden – sowohl nationale als auch internationale. Es wäre wirklich nicht leicht festzustellen, welche davon die modernste oder bekannteste ist. Es ist sehr gut, dass die Bedeutung von Textkorpora für die Terminologieverwaltung erwähnt wird; allerdings hätte man sich über die Arbeiten der Kolleginnen und Kollegen an der Vytautas-Magnus-Universität und der Universität Vilnius informieren sollen. Die computerunterstützte Terminologieverwaltung wird anschließend eigenständig und ohne Bezug auf andere Publikationen erörtert (es gibt keine Verweise). Es wird festgestellt, dass „die wissenschaftliche Terminologie in Litauen rasch computerisiert wird“ (S. 61–62), und es werden … 252 Jolanta Gaivenytė-Butler … zwei Terminologieressourcen vorgestellt – das Litauische Terminologieverzeichnis und die Terminologiedatenbank der Republik Litauen. Wir erfahren, dass das Verzeichnis „bereits in Betrieb“ sei und von Fachleuten des Instituts für Mathematik und Informatik entwickelt worden sei, die von der Terminologieabteilung des Instituts für Litauische Sprache beraten worden seien (im nächsten Absatz heißt es, es sei das Terminologiezentrum gewesen) (S. 61). Das Verzeichnis wurde recht lange entwickelt – währenddessen wurde aus der Terminologieabteilung das Terminologiezentrum. Auf der Website der Abteilung für Informatikmethodik des Instituts für Mathematik und Informatik der Universität Vilnius sind für das Projekt des Litauischen Terminologieverzeichnisses die Jahre 2004–2014 angegeben. Inzwischen wird das Verzeichnis nicht mehr erweitert. Ein beträchtlicher Teil der Wörterbücher aus dem Verzeichnis wurde in die frei zugängliche Terminologiedatenbank und auf die 2014 gestartete Website Raštija.lt übernommen, wodurch die Bedeutung des Verzeichnisses abnahm. Offenbar nutzen die Autorinnen diese Terminologiedatenbank nicht oft, denn andernfalls würden sie wohl kaum behaupten, „die Nutzung des Verzeichnisses sei für die Benutzer bequem, da das Litauische Terminologieverzeichnis jedem Internetnutzer zugänglich sei, der auf seinem Computer das Verzeichnisprogramm installiert habe, das den Internetzugang zur Terminologiedatenbank ermögliche“ (S. 61). Über die Terminologiedatenbank der Republik Litauen wird gesagt, sie sei 2005 vorgestellt worden; außerdem wird berichtet, dass bereits Sammlungen von Terminologieeinträgen an die Datenbank übermittelt würden. Ja, sie wurden bereits übermittelt und werden es seit elf Jahren, daher wirkt es etwas merkwürdig, dass das Lehrbuch anschließend im Futur über die Terminologiedatenbank berichtet. Was über die Terminologiedatenbank im Präsens geschrieben wurde, sollte man beispielsweise im 2013 in der Zeitschrift Terminologijos erschienenen Artikel von Alvydas Umbrasas nachlesen (siehe Umbrasas 2013). Am Ende des Lehrbuchs findet sich ein nicht kurzer Verzeichnis der verwendeten und empfohlenen Literatur. Bei einem Blick auf die Publikationen, auf die sich die Autorinnen nicht gestützt haben, die aber offenbar als Empfehlungen in das Verzeichnis aufgenommen wurden, stellt sich die Frage, warum gerade diese Publikationen. Warum zum Beispiel die englischsprachige Norm ISO 1087-1:2000 Terminology work – Vocabulary – Part 1: Theory and application und nicht ihre litauische Fassung LST ISO 1087-1:2005 Terminologijos darbas. Aiškinamasis žodynas. 1 dalis. Teorija ir taikymas? In der Liste finden sich zahlreiche Artikel aus der Zeitschrift Terminologijos; der neueste stammt aus der vierzehnten Ausgabe (2007). 2015 erschien die zweiundzwanzigste Ausgabe; seit der fünfzehnten Ausgabe wird die Zeitschrift im PDF-Format auf der Website des Instituts für Litauische Sprache bereitgestellt. In den acht Jahren sind in der Zeitschrift Terminologijos zahlreiche interessante Artikel erschienen. Für Studierende könnten zum Beispiel die Artikel von Heribert Picht zur Terminologietheorie interessant sein. Warum sollten sie Terminologinis darbas. Pagrindai ir metodai. Pagalbinė priemonė, sudaryta pagal D. Lotės ir TSRS Mokslų akademijos Mokslinės-techninės terminologijos komiteto darbus (1973) lesen? Über Terminologija | 2016 | 23 253 Terminologiearbeit und ihre Methoden gibt es auch neuere Publikationen. Im Lehrbuch wird auf Arbeiten von V. Danilenko, Wladimir Lejtschik und S. Griniov verwiesen. Warum diese Autoren? Warum nicht Maria Teresa Cabré, Rita Temmerman oder Kyo Kageura? Übrigens: Werden im 21. Jahrhundert in Russland keine Arbeiten von Terminologen mehr veröffentlicht? Irgendwie drängt sich der Verdacht auf, dass diese Autoren nur deshalb erwähnt werden, weil K. Gaivenis sich auf sie stützte (auf sein Buch haben sich die Autorinnen des Lehrbuchs erheblich gestützt). Heute ist es üblich, bei zitierten Publikationen Erscheinungsort und Verlag anzugeben. In den Literaturangaben zu den Arbeiten der genannten russischen Terminologen fehlen solche Angaben (sie fehlen auch im Literaturverzeichnis von K. Gaivenis’ Buch). Die Arbeiten von V. Danilenko, V. Lejtschik und S. Griniov sind zweifellos interessant, doch sollte man Studierenden, von denen die meisten kein Russisch lesen, auch Alternativen anbieten. An Lehrbücher, die von Universitäten herausgegeben werden, werden wohl geringere Anforderungen gestellt als an Lehrbücher oder gar Monografien. Beim Lesen eines Lehrbuchs erwartet man vermutlich keine neuen Erkenntnisse, doch würde man gern die persönliche Sicht der Autorinnen auf die behandelten Themen erkennen. Leider waren die Autorinnen offenbar nicht geneigt, in dieser Arbeit weder ihre eigene noch die Meinung anderer Autoren hervorzuheben. An manchen Stellen wird der Mangel an Originalität erst durch den Vergleich der Texte des Lehrbuchs mit anderen Publikationen deutlich. Bei der Lektüre von „Aspekte der litauischen Terminologie“ stellt sich unwillkürlich eine terminologische Frage: Wie werden die Begriffe „Zitieren“, „Paraphrasieren“ und „Kompilation“ erläutert? Die Antwort findet sich in einem weiteren methodischen Lehrbuch, das 2016 von der Humanistischen Fakultät Kaunas der Universität Vilnius herausgegeben wurde: Mokslo darbų metodiniai nurodymai lituanistams (Baranauskienė, Šarkauskienė, Juzelėnienė 2016). Dort wird recht ausführlich und sehr verständlich beschrieben, welche Anforderungen an wissenschaftliche Arbeiten gestellt werden, was als Zitat gilt, wie Zitate und paraphrasierte Texte mit Quellenangaben zu kennzeichnen sind, wie das Zitieren aus einer Sekundärquelle kenntlich gemacht wird, wie ein bibliografischer Eintrag aussehen sollte, wie Fälle bezeichnet werden, in denen die Anforderungen an Quellenangaben nicht eingehalten werden, und wie studentische Arbeiten bewertet werden, in denen solche Fälle vorkommen. Die Autorinnen von Lietuvių terminologijos aspektų können davon nichts wissen. Übrigens war eine von ihnen Gutachterin der Publikation Mokslo darbų metodiniai nurodymai lituanistams. Gelten dieselben Anforderungen auch für Lehrende und Studierende? Quod licet Jovi, non licet bovi? Abschließend würde man gern schreiben, dass „die Publikation eine lange klaffende Lücke geschlossen hat“, „die Mängel des Lehrbuchs unwesentlich sind“, „die Studierenden ein gutes Lernmittel erhalten haben“ oder etwas Ähnliches. Leider kann man nur die Hoffnung ausdrücken, dass solche Beschreibungen auf eine zweite Auflage des Buches zutreffen werden. Vorerst kann man die Autorinnen für die Aktualität der Publikation und ihren Entschluss loben, ein Lehrbuch zur Terminologie zu verfassen. 254 Jolanta Gaivenytė-Butler | LITERATŪRA AETŽ 2010: Aiškinamasis elektrotechnikos terminų žodynas: lietuvių k., vokiečių k., anglų k., prancūzų k., rusų k. Vyr. red. Stasys Žebrauskas, Kaunas: Technologija. 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