Kalbinės nuojautos praradimas: ar reali grėsmė?
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STEFANO M. LANZA
Vytautas-Magnus-Universität
DER VERLUST DES SPRACHGEFÜHLS: EINE REALE BEDROHUNG?
SCHLÜSSELWÖRTER: Standardsprache, Intonation, Akzentuierung, Sprachgefühl.
Im Jahr der Sprachpflege sollte jeder Sprachbenutzer über sein Verhältnis zum gemeinsamen Gut der Nation, der Staatssprache, nachdenken. Jeder muss das gemeinsame Gut verantwortungsvoll nutzen: Die Korrektheit der Sprache ist keineswegs allein Sache der Sprachwissenschaftler. Dieser Artikel möchte die Aufmerksamkeit auf die phonetischen Besonderheiten der litauischen Sprache und ihren heutigen Gebrauch lenken und dabei Fakten aus Kultur, Literatur und Sprachgeschichte anführen. So soll dazu beigetragen werden, ein gewisses nationales Bewusstsein zu wecken. Bei der Pflege der litauischen Sprache, die durch ein Intonationssystem1 gekennzeichnet ist und zwischen Vokalquantitäten unterscheidet – was nach wie vor ein phonologisch relevantes Phänomen ist –, sollte der Niedergang der für die europäische Kultur wichtigsten antiken Sprachen als Anlass zum Nachdenken gelten. Wie ist der Zustand des Intonationssystems der litauischen Sprache heute? Ziel dieses Artikels ist es, Problemfragen aufzuwerfen: Lässt sich feststellen, wodurch Abweichungen von den Akzentuierungsnormen bedingt sind, und welche Maßnahmen lassen sich ergreifen, um die charakteristischen Merkmale der litauischen Sprache zu bewahren?
DER PROZESS DES VERLUSTS DES SPRACHGEFÜHLS: DIE ANTIKEN SPRACHEN
Sprachen verändern sich. Ob sie sich entwickeln, aufblühen, verkümmern, sterben (oder vielleicht auch entstehen), hängt im Wesentlichen von einem Faktor ab – den Sprachbenutzern. Dass Sprache als Unterscheidungsmerkmal einer Benutzergruppe (eines Stammes, einer Nation o. Ä.) verstanden wird, war bereits in der Antike bekannt. Im antiken Griechenland erkannte man Fremde an ihrem schlechten Griechisch. Wer auf Griechisch nur stammelte, wurde Barbar genannt (vgl. altgriech. βάρβαρος „im Griechischen stammelnd“2). Mangels einer Sprachpolitik lebte das alte klassische Griechisch, dessen Grundlage die Sprache der Region Attika bildete, dank der in ihm verfassten Werke und des Ansehens ihrer Autoren lange fort. Selbst nach dem Verlust der Unabhängigkeit im Jahr 146 v. Chr. herrschte die Auffassung vor, dass „das eroberte Griechenland
1 Kaum ein phonetisches Merkmal dürfte für die litauische Sprache charakteristischer sein als ihr Intonationssystem. Es ist allen litauischen Dialekten eigen. Antanas Pakerys (1995: 301) unterscheidet die Phonetik des Litauischen von derjenigen der großen Mehrheit der anderen europäischen Sprachen (ebenso von den benachbarten slawischen Sprachen und betont zugleich die Verwandtschaft mit dem Lettischen); sie ist so eigenständig, dass die ersten Forscher der litauischen Sprache, die sie zu beschreiben versuchten, erhebliche Mühe hatten („hi accentus nequeunt exemplificari vocibus Polonis aut aliis“, d. h. „diese Akzente (=Akzentuierungsweisen, Intonationen) lassen sich nicht anhand von Beispielen aus dem Polnischen oder anderen Sprachen erklären“; zitiert nach der 1737 erschienenen Universitas linguarum Lituaniae; vgl. Strockis 2004: 301–302).
2 Es handelt sich um ein lautmalerisches Wort (bar-bar). Aus dem Griechischen gelangte der Begriff in der Form barbarus ins Lateinische (vgl. den Eintrag im im 2. Jh. von Festus verfassten Wörterbuch: Barbari dicebantur antiquitus omnes gentes exceptis Graecis „in der Antike wurden alle Völker außer den Griechen Barbaren genannt“).
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„… den wilden Sieger versklavt“ (d. h. die Römer)3, und kein Römer, der nicht Griechisch gelernt hatte, konnte sich gebildet nennen. Wie bekannt, hatte sich jedoch bereits im 2. Jh. v. Chr. aus verschiedenen politischen und sozialen Gründen4 eine deutliche Kluft zwischen der in älteren Texten verwendeten Literatursprache und der im Alltag gebrauchten Gemeinsprache herausgebildet, der sogenannten κοινή. Letztere ist in den Papyri umfassend belegt. In Schriftstücken des täglichen Geschäftsverkehrs wurden lange und kurze Vokale, Diphthonge und Monophthonge häufig verwechselt, was zu dem Schluss führt, dass diese Verwechslung auch für die gesprochene Sprache charakteristisch war. Ein solcher Verlust des Gefühls für die Klangqualität belegt, dass parallel dazu (obwohl man logischerweise sagen müsste: schon früher) auch ein komplexeres Merkmal der Sprache verloren ging: das Akzentsystem. Der Prozess verlief langsam und allmählich, doch die Kulturschaffenden jener Zeit, die Redner und Rhetoriklehrer, erkannten deutlich, welche Gefahr dem Schönheitsideal der klassischen Sprache und überhaupt ihrer Existenz drohte. Die Reaktion der Verfechter eines guten Stils verkörperte die puristische Strömung des Attizismus. Dionysios von Halikarnassos, einer der Vertreter des Attizismus, lehrte noch im 1. Jh. v. Chr., der Akzent des klassischen Griechisch sei melodisch gewesen, und die Erhöhung der Stimmtonlage habe einen Umfang von drei Ganztönen und einem Halbton umfasst (Περὶ συνθέσεως ὀνομάτων, XI)5. Trotz aller Bemühungen blieb der Versuch der Attizisten, das alte prosodische System künstlich am Leben zu erhalten – denn im Alltag sprach niemand mehr diese Sprachvarietät –, letztlich erfolglos.
Obwohl sich die Wissenschaftler über die Natur des lateinischen Akzents (dynamisch oder melodisch) noch nicht einig sind, ist der Verlust des Sprachgefühls gerade für diese Sprache am besten belegt6. Im Lateinischen ist die quantitative Opposition zwischen zwei Lautklassen (lang / kurz) nicht nur phonologisch relevant7, sondern bildet auch die Grundlage der Versmetrik. Die Involution des Hexameters bezeugt, wie das Lautsystem des Lateinischen innerhalb von kaum mehr als zweihundert Jahren vollständig zerfiel. Der Wechsel von Silben unterschiedlicher Länge bildet die Struktur des klassischen Hexameters:
– ∪ ∪, – ∪ ∪, – ∪ ∪, – ∪ ∪, – ∪ ∪, – ∪
In allen Füßen können zwei kurze Silben durch eine lange ersetzt werden, wenn auch im fünften Fuß nur in seltenen Ausnahmefällen und stets aus stilistischen Gründen (d. h., ein Daktylus kann ersetzt werden durch
3 Graecia capta ferum victorem cepit, schreibt Horaz (Ep. II, 1, 156).
4Traditionell verweist man auf die Feldzüge Alexanders des Großen, die aus praktischen Gründen zur Verbreitung einer vereinfachten Sprache (und zum entsprechenden fortschreitenden Verfall der Aussprache) führten. Auf Litauisch dazu siehe Palionis 1999: 249–250, Poliakov 2008: 152–153.
5Es handelt sich um ein Quintintervall, obwohl Dionysios diesen Begriff nicht verwendet. Diese wichtige Quelle Über die Wortstellungwar Zigmas Zinkevičius offenbar nicht zugänglich, denn er beschränkte sich auf die Aussage: „Man nimmt an, dass die Griechen bei den Wortendungen Akzente unterschieden“ (Zinkevičius 1980: 45).
6Ähnlich uneinig ist man sich auch über die Akzente des Lateinischen. Trotz der erhaltenen schriftlichen Bemerkungen lateinischer Rhetoriklehrer glauben einige Wissenschaftler weiterhin, die lateinischen Akzente seien eine Erfindung spätlateinischer Philologen. Auf Litauisch dazu siehe Strockis 2004: 292.
7Wie im Litauischen kann auch im Lateinischen die Vokallänge das einzige Mittel zur Unterscheidung von Wörtern sein, zum Beispiel: pālus „Sumpf“ und pălus „Pfahl“; lēgo „ich sammle“ und lĕgo „ich vermache (Vermögen)“; dīco „ich bestimme“ und dĭco „ich sage“; pōpulus „Volk“ und pŏpulus „Pappel“; fūgit „er/sie flieht“ und fŭgit „er/sie floh“.
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Spondeus), und der letzte „fehlende“ (katalektische) Fuß kann als − − realisiert werden (d. h. ein Spondeus wird anstelle eines Trochäus verwendet). Daher ist folgende Notation üblich:
− ∪ ∪, − ∪ ∪, − ∪ ∪, − ∪ ∪, − ∪ ∪, − ∪
Der Wortakzent fällt nicht notwendigerweise mit dem starken Teil des Fußes zusammen (d. h. mit dem ersten langen Element, das mit dem Begriff Arsis bezeichnet wird), wie es in der tonischen Verslehre, etwa bei Kristijonas Donelaitis, der Fall wäre. Eine Übereinstimmung ist jedoch am Versende, in der Klausel, üblich (im Hexameter sind dies die letzten beiden Füße). Hier die erste Zeile von Vergils Aeneis (die betonten Silben sind fett hervorgehoben):
Ar-ma vi-rum-que ca-no Tro-iae qui pri-mus ab o-ris.
[ar-ma-vi, rum-que-ca, no-Tro, iae-qui, pri-mu-sa, bo-ris]8
− ∪ ∪, − ∪ ∪, − −, − −, − ∪ ∪, − −
Wie man sieht, entspricht der quantitative Wechsel der Silben der Struktur des Hexameters, während der Wortakzent an zwei Stellen nicht mit der Arsis übereinstimmt: Im Wort cano ist die Silbe ca- betont, doch bildet sie im Metrum das zweite Element des schwachen Teils des Daktylus (der mit dem Begriff Thesis bezeichnet wird), während das Relativpronomen qui den schwachen Teil des Spondeus bildet9.
Vergil schrieb im 1. Jahrhundert v. Chr. Ein anderer, wenig bekannter lateinischer Dichter, Commodian (Commodianus), verfasste drei Jahrhunderte später10 ein Lehrwerk in Hexametern, die Instructiones („Unterweisungen“). Es handelt sich um eine Sammlung von 80 Gedichten, aufgeteilt in zwei Bücher. Hier der Anfang, die erste Zeile des ersten Gedichts (die betonten Silben sind fett hervorgehoben):
Pri-ma prae-fa-tio no-stra vi-am er-ran-ti de-mon-strat
[Pri-ma-prae, fa-ti-o, no-stra, vi-am-er, ran-ti-de, mon-strat]
− ∪ −, − ∪ ∪, − ∪, ∪ ∪ −, − − −, − −
Die absolute Mehrheit seiner Verse (97 Prozent11) weist eine solche, scheinbar zufällige Vermischung verschiedener Füße auf. Bei der Untersuchung der Hexameterklauseln, insbesondere derjenigen, die die letzten Versfüße bilden, zeigt sich die Neigung des Dichters, alle betonten Silben als lang und alle unbetonten als kurz zu behandeln. Er gibt dem rhythmischen Akzent den Vorzug vor dem Metrum. Neben der klassischen regelmäßigen Klauselkombination (− ∪ ∪, − ∪) kommen fast alle anderen möglichen dreisilbigen und
8 Die Silbengrenze fällt nicht notwendigerweise mit der Grenze zwischen Füßen oder Fußteilen zusammen, vgl. pri-mu-sa-bo-ris.
9 Die Präposition ab ist als ein Wort zu betrachten, das im Sprachfluss keinen selbstständigen Akzent trägt.
10 Es ist nicht genau bekannt, wann Commodian lebte. Obwohl die von Forschenden vorgeschlagenen Zeiträume zwischen dem 2. und 5. Jahrhundert liegen, lassen sich in seinen Werken Hinweise auf historische Ereignisse aus der Mitte des 3. Jahrhunderts erkennen (ausführlich dazu siehe Salvatore 1977).
11 Die Statistik wurde anhand der 45 Gedichte des ersten Buches berechnet (Lanza 1997: 81). Es ist anzumerken, dass die Einteilung der Silben in Füße mangels einer regelmäßigen qualitativen Silbenfolge subjektiv wird. Wie dem auch sei, kommen auch vollkommen regelmäßige Hexameter vor.
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zweisilbige Versfüße12. In dieser Verwirrung ist nur der rhythmische Akzentverlauf beständig: eine betonte Silbe, zwei unbetonte, dann eine betonte Silbe, eine unbetonte. Das erinnert an den silbenbetonenden Versbau. Die übrigen Teile der Verse sind jedoch nicht regelmäßig, und was auch immer die Grundlage von Commodianus’ Versmaß sein mag – falls es überhaupt eine gibt –, eines ist klar: Dieser Dichter vermochte kurze und lange Vokale weder in betonten noch in unbetonten Silben zu unterscheiden.
Wie sich das Latein phonetisch veränderte, welche seiner Merkmale verschwanden und welchen Umfang die beschriebene quantitative Nivellierung hatte, davon zeugen am besten die romanischen Sprachen. Ähnlich wie im Neugriechischen verlor die unterschiedliche Vokaldauer ihre phonologische Funktion; der quantitative Vokalgegensatz wurde bedeutungslos. Der Akzent ist in all diesen Sprachen dynamisch, Tonhöhenakzente gibt es nicht.
DIE WICHTIGSTEN ANFORDERUNGEN AN DIE AUSSPRACHE DER LITAUISCHEN SPRACHE
Die Staatliche Kommission für die litauische Sprache hat die wichtigsten Anforderungen an die Aussprache der litauischen Sprache veröffentlicht. Mit der Formulierung litauische Sprache ist hier – selbstverständlich – die Standardsprache Litauisch gemeint. Die dort aufgeführten Sprachfehler gelten als besonders schwerwiegend und sind strikt zu korrigieren, denn diese Liste ist ein Abschnitt des Verzeichnisses der schwerwiegenden Sprachfehler. Der Titel selbst gibt Anlass zu einiger Verwirrung. Offenbar ist er unglücklich formuliert. Wenn diese Anforderungen „die wichtigsten“ sind, müsste man dann nicht folgern, dass sie wichtiger als die wichtigen sind? Das ist sowohl grammatisch als auch logisch mangelhaft. Wird hier etwa unterschwellig nahegelegt, dass es hinnehmbar (oder hinnehmbar?) sei, die grundlegenden Anforderungen außer Acht zu lassen?
Die Anforderungen sind klar formuliert. Zum Vokalgebrauch: 8.1 Kurze und lange Vokale sowohl in betonten als auch in unbetonten Silben unterscheiden; 8.2 die Vokale e, ė, o von den monophthongierten Diphthongen ie, uo sowohl in betonten als auch in unbetonten Silben unterscheiden; 8.3 bei Diphthongen und gemischten Diphthongoiden den Stoßton vom Schleifton unterscheiden. Dazu kommt folgende Anmerkung: Es ist wünschenswert, die Tonakzente langer Vokale und der monophthongierten Diphthonge ie, uo zu unterscheiden. Wieder wird ein bemerkenswerter Gedanke nahegelegt: Im Tonakzentsystem ist nicht alles gleich wichtig. Notwendig („am notwendigsten“) ist die Unterscheidung von lauk – laũk, káltas – kaĩtas, tái – taĩ, rándas – rañdas, téisė – teĩsė usw., aber nur „wünschenswert“ ist die Unterscheidung von kópti (einen Berg hinaufsteigen) – kõpti (Honig schleudern), kóšė (eine Flüssigkeit schöpfen) – kõšė („er/sie schöpfte“), výtis (Infinitiv) – Výtis, lýti (Infinitiv) – lỹti (lyti 3. Person Singular Präsens), gėlė (gelti Partizip Plural Nominativ Präsens Passiv) – gėlė (gėlė Singular Akkusativ), siūsi – siūsi, rūgsta – rūkšta, métos
12 Anstelle des Daktylus findet sich der Molossus (drei lange Silben, vgl. das bereits angeführte Beispiel Instr. I, 1), der Anapäst (zwei kurze Silben und eine lange, z. B. dēus aē(ternus), Instr. XXVII, 7), der Amphibrachys (eine lange Silbe zwischen zwei kurzen, z. B. lōcō mā(ligno), Instr. XXIV, 19), der Kretikus (eine kurze Silbe zwischen zwei langen, z. B. essē dī(cebant), Instr. IV, 6), der Tribrachys (drei kurze Silben, z. B. nēque dō(lores), Instr. XLII, 25), der Bakcheios (eine kurze Silbe und zwei lange, z. B. dōlō vī(vendi), Instr. VI, 19) und der Antibakcheios (zwei lange Silben und eine kurze, z. B. Chrīstō bē(nigno), Instr. XXXVI, 16); anstelle des Spondeus (oder Trochäus) kommt der Jambus vor (eine kurze und eine lange Silbe, z. B. (corpore) sītis, Instr. XXX, 4). Der aus zwei kurzen Silben bestehende Fuß, der Pyrrhichius, ist im lateinischen Versbau insgesamt sehr selten und kommt in den Klauseln des Commodianus nicht vor.
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(sich werfen 3. Person Singular Präsens) – sie werfen sich (sie wirft sich 3. Person Plural Nominativ), sowohl (Adverb) – sowohl (du solltest wissen 2. Person Singular Konjunktiv Imperfekt), laufen (Nominativ Singular) – laufen (er läuft 3. Person Singular Präsens) und so weiter.
Auf welchem Prinzip beruhte dies? Wenn es nur in bestimmten Fällen verboten ist, Tonakzente nicht zu unterscheiden, warum sollte dies dann überhaupt verboten sein? Auch in der zweiten Beispielgruppe ermöglichen allein die Tonakzente eine Bedeutungsunterscheidung. Wenn man anerkennt, dass das Tonakzentsystem ein charakteristisches Merkmal der litauischen Sprache und zugleich ein Kommunikationsmittel ist, klingen diese Vorgaben wie ein bewusster Verzicht auf einen Teil der eigenen Identität. Gibt man auf der Grundlage einer „Empfehlung“ nach, räumt man ein, dass sich der Sprachgebrauch in unseren Tagen willkürlich verändert. Die Punkte 8.1 und 8.2 spiegeln die Besorgnis wider, dass Sprecher dazu neigen, noch weitere Sprachmerkmale zu missachten, und dass wir gerade eine bestimmte grundlegende Phase des Sprachwandels durchleben – eben eine Phase, wie sie das Altgriechische und das Lateinische im Zuge ihres Wandels durchliefen.
Anders als in der Antike wird die Pflege der Sprache heute in einigen Staaten rechtlich geregelt. In Litauen zielen Rechtsvorschriften darauf ab, die litauische Sprache als Staatssprache zu bewahren. Der erste grundlegende Leitsatz der litauischen Sprachpolitik lautet, dass „die litauische Sprache das Kommunikationsmittel des Staates und seiner Einwohner in allen Bereichen des öffentlichen Lebens sowie eines der wichtigsten Zeichen staatlicher Souveränität und Einheit ist“13. Für Fehler Strafen zu verhängen mag durchaus sinnvoll sein, doch zielführender ist es, zu verstehen, aus welchen Gründen von den Normen abgewichen wird. Wer die Ausspracheanforderungen nicht einhält, versucht nicht bewusst oder aus bösem Willen, Rechtsnormen zu verletzen. Hier kann man schließlich nicht von einer vorsätzlichen rechtswidrigen Handlung ausgehen. Daher neigt die Gesellschaft dazu, die normsetzenden Sprachwissenschaftler und ihre Tätigkeit als vermeintlich wirklichkeitsfremd zu kritisieren. Man sollte verstehen, dass es sich gehört, die eigene Sprache korrekt zu sprechen – nicht, um Fehler aus Listen oder Rechtsvorschriften zu vermeiden oder aus Angst vor Bestrafung. Sprachgefühl ist nicht angeboren. Es muss gefördert werden, ebenso wie staatsbürgerliches Bewusstsein, soziale Kompetenzen, nationales Selbstbewusstsein und dergleichen.
Die gezogene Parallele zu den klassischen Sprachen lässt sich fortführen. Die Entwicklung der altgriechischen und lateinischen Verskunst zeigte, wie das Sprachgefühl der Angehörigen dieser großen Völker abstumpfte und sie schließlich beim Gebrauch ihrer Sprache nicht mehr zwischen kurzen und langen Vokalen unterscheiden konnten – weder in betonten noch in unbetonten Silben; ebenso wenig zwischen Vokalen und bestimmten Diphthongen in betonten und unbetonten Silben oder zwischen den Stoß- und Schleiftönen von Vokalen und Diphthongen.
Nach diesen Überlegungen entstand der Gedanke, einige litauische, allgemein bekannte und auch in die Lehrpläne der Schulen aufgenommene Dichtwerke zu untersuchen, um sich ein Bild davon zu machen, ob die Gefahr eines Verlusts des Sprachgefühls im Litauischen ein aktuelles, auch schriftlich belegtes Phänomen ist.
13 Beschluss des Seimas der Republik Litauen „Über die Leitlinien der Staatssprachenpolitik für 2009–2013“, Art. 1 Abs. 4.
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BEISPIELE FÜR DIE ANALYSE DER AKZENTE IN LITAUISCHSPRACHIGER GEDICHTETER DICHTUNG
Um die Verskunst in litauischer Sprache mit dem Sprachgefühl in Verbindung zu bringen, ist dem Reim Aufmerksamkeit zu schenken, denn er ist der nach prosodischen und phonetischen Merkmalen auffälligste Teil der Verse. Für diese Untersuchung sind weder die Klausel noch die letzte betonte Silbe des gesamten Verses von Bedeutung, sondern nur der vokalische Kern der letzten betonten Silbe, die Dauer dieses Vokals (oder Diphthongs) und die Art des Akzents (Akzentuierung). Untersucht wird, ob die gereimten Wörter miteinander übereinstimmen und ob ihre betonten Vokale (oder Diphthonge) quantitativ und qualitativ gleich sind. Daher eignen sich neben den reinen Reimen (aukštai – kalnai, óras – vóras) auch die ungefähren (gañdą – atrañda, žẽmė – sẽmia) und die ungenauen Reime (tùrinio – šùlinio, laiką – mainė)14, sofern die betonten Vokale (oder Diphthonge) gleich sind, das heißt derselben Artikulationsreihe und -höhe angehören. Bei Anwendung der Methode wird angenommen, dass die sechs Grundvokale der litauischen Sprache ([a], [e], [ę], [i], [o], [u]) und alle Diphthonge noch unterschieden werden15, das heißt, wenn ein Dichter Wörter wie ragą und degą, pilti und pulti reimt, wird daraus nicht geschlossen, dass er den Unterschied zwischen [a] und [e], [i] und [u] nicht wahrnahm. Solche Einzelfälle sollten als Ausdruck poetischer Freiheit gelten. Für die Untersuchung des Sprachgefühls sind jene Fälle von Interesse, in denen Silbenkerne desselben Vokals (oder Diphthongs) gereimt werden, die sich in Länge und Akzentart unterscheiden.
Für die Untersuchung wurden Werke ausgewählt, bei denen der Wunsch des Dichters, sich an ein Reimschema zu halten, unzweifelhaft ist, das heißt, in denen der Reim als bewusstes künstlerisches Mittel wirkt. Untersucht wurden ausschließlich Werke von zwei Autoren: eine Auswahl weithin bekannter verschiedener Gedichte von Maironis16 und Justinas Marcinkevičius’ Kindergedicht Grybų karas. Insgesamt umfasst dies jeweils 156 und 164 Verszeilen sowie 81 und 82 Reime. Der ähnliche Umfang ermöglicht einen statistischen Vergleich.
Die Analyse der Reime in Maironis’ Werken ist in Tabelle 1 dargestellt.
14 Eine geringfügig andere Terminologie, jedoch ohne wesentliche Unterschiede, verwendet Juozas Girdzijauskas (1998: 46).
15 Es darf nicht vergessen werden, dass von Lauten und nicht von der Rechtschreibung die Rede ist. Ganz genau stimmen etwa die Vokale in Maironis’ Reimen überein: manė – nežinia ar sugrįžę – jaunystė.
16 = Konkret: Mano gimtinė, Užmigo žemė, Augo putinas, Lietuva brangi, Kur bėga Šešupė, Vilnius, Trakų pilis, Milžinų kapai.
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TABELLE 1. Analyse der Reime in Maironis’ Werken
Reimtyp
Proz.
Anmerkungen zu den Reimen
Vollständige Lautübereinstimmung
83,9
prityrėi – didvyriai, mit nach hinten verlagertem Akzent17; gailiai – sopuliai – giliai, mit nach hinten verlagertem Akzent18; didvyriai – išgyrė, mit nach hinten verlagertem Akzent18; mielà – sielà, mit nach hinten verlagertem Akzent19; garsiai – matei, mit nach hinten verlagertem Akzent20; Trakùs – skruostùs, mit nach hinten verlagertem Akzent21.
Die Akzentarten unterscheiden sich
8,7
Wiesen – Gott22; Vaterland – Heimat; Vaterland – Heimat; Tage – Roggentage; Heimat – Vaterland; Tag – einen.
Die Vokaldauer unterscheidet sich
7,4
Dubysos – visos [2 Belege]; sesytės – įkri̇tės; bekyša – riša; žiba – tikyba; rugpjūtė – matutė.
Die Grundlage aller hier untersuchten Reime ist derselbe Vokal, obwohl bei Weitem nicht alle zur Kategorie der reinen Reime gehören. Bei knapp weniger als einem Fünftel unterscheiden sich die Quantität und/oder die Intonation. Juozas Girdzijauskas widmet sich in seiner Untersuchung des Gedichtbands Pavasario balsai (1966: 208–269) vor allem den metrischen und rhetorischen Mitteln und deren Beziehungen zum emotionalen Gehalt23, schreibt jedoch fast nichts über die Reimtechnik und die Übereinstimmung des Gleichklangs. Indirekt räumt er jedoch ein, dass aufgrund der Vokalquantität in der Poesie „einzelne Laute und Silben je nach ihrer logischen und emotionalen Gewichtung betont, verlängert oder verkürzt werden“. Dass dies bei diesen Reimen der Fall sein könnte, ist als Frage poetischer Freiheit anzusehen, denn Maironis’ Bemühen um den Gleichklang der Reime ist in seinen Werken überall offenkundig. Gerade im späten 19. Jahrhundert tobten Debatten über die litauische Poetik, und es ist kaum vorstellbar, dass Maironis ihnen gegenüber gleichgültig gewesen sein könnte. In seinem Artikel „Tiesos eilėms rašyti“ von 1898 stellte Vincas Kudirka recht strenge Anforderungen an Metrum, Form und Inhalt von Gedichten,
17Die Betonung von didvyris gilt in der Standardsprache zu Recht als falsch. Wahrscheinlich setzt sie sich auch durch den Staatshymnus durch (vgl. Tu, didvyrių žemė). Interessanterweise würde es genügen, die Wörter in der Verszeile umzustellen, damit der Rhythmus wieder mit der Wortbetonung übereinstimmt: Didvyrių tu žemė. Eine so geringfügige Änderung sollte nicht einmal Anstoß erregen, wenn man bedenkt, dass der Text der Hymne bereits einmal geändert wurde: Anstelle von Tegu dirba tavo naudai hatte Vincas Kudirka die slawische Konstruktion Tegu dirba tau ant naudos. geschrieben.
18 Dies ist ein Fall metrischer Transakzentuierung (es müsste gailiai heißen). Eine Betonung auf der Endung ist auch in den Dialekten nicht belegt.
19Allerdings ist die Variante mit Endungsbetonung sielà im LKŽ belegte. Dies ist jedoch der einzige derartige Fall in Maironis’ Verskunst (überall sonst finden sich nur siela, sielos); daher lässt er sich eher durch poetische Freiheit erklären.
20 Dies ist ein Fall metrischer Transakzentuierung (es müsste garsiai heißen). Eine Betonung auf der Endung wurde auch in den Dialekten nicht gefunden.
21 Dies ist ein Fall metrischer Transakzentuierung (es müsste skruostus heißen). Auch im Dialekt wird die Endung nicht betont.
22 Für diese Wörter sind nirgends Varianten der Intonation belegt. Einen weiteren Reimfall mit piev̇as mit Zirkumflex siehe Anmerkung 34.
23 „Maironis <...>, der eine organische Einheit von Inhalt und Form erreicht hat“ (Girdzijauskas 1966: 269).
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Gleichzeitig rechtfertigte er jedoch auch die dichterische Freiheit: „Die Freiheit der Dichter24 (licentia poetica) ermöglicht es dem Schriftsteller, sich bis zu einem gewissen Grade von den Regeln des Verseschmiedens (Rhythmus, Reim, Kürzung von Wörtern usw.) zu entfernen, aber 1. nicht zu sehr und nicht zu oft; 2. jede Abweichung von der äußeren Form muss durch einen Wert im Inneren der Verse aufgewogen werden“ (Kudirka 1909: 67).
Da das Wort Heimat (der Heimat) in Maironis’ Versen eine besondere emotionale Ladung hat, könnte man ihm einen dauerhaften Status als „dichterische Freiheit“ zuschreiben. Es wird sowohl mit einem fallenden Akzent ỹ (Schön bist du, meine teure Heimat, / Land, wo die Helden in Gräbern ruhen: / schön bist du in deines Himmels Blau!) gereimt als auch mit einem steigenden Akzent ý (Schön bist du, meine teure Heimat, / Land, wo die Helden in Gräbern ruhen: / nicht vergebens haben dich die Ahnen so verteidigt) sowie mit kurzem ì (O, ich zittre, da ich nur mein schreckliches Tiefland erkannt habe, / und zitternd liebe ich die Heimat des erhabenen Vaters25). Die drei übrigen Fälle nicht übereinstimmender Akzentverläufe in den für diese Untersuchung ausgewählten Versen (d. h. Vater – Gott, Tage – Stoppelfelder, Tag – einen) gehören zur sogenannten Kategorie der „wunschgemäßen Akzentuierung“ (vgl. die Anmerkung zu Punkt 8.3 der wichtigsten Anforderungen an die litauische Aussprache: „Es ist wünschenswert, die Akzentverläufe der langen Vokale und der Diphthonge ie, uo zu unterscheiden.“)
Reimakzente miteinander zu vergleichen und zu überprüfen, ob die gereimten Laute vollständig übereinstimmen, ist keine Marotte eines heutigen pedantischen Sprachwissenschaftlers. Es ist vielmehr Teil der ästhetischen Beurteilung, denn „in litauischen Versen müssen auch die Akzente übereinstimmen: ein steigender Akzent passt nur zu einem steigenden, und ein fallender zu einem fallenden: pajuodė – ilgakuodė; rasoto – ploto; tiltas – pripiltas. Für einen echten Reim hingegen eignen sich nicht: žaibas – raibas; išplaukia – laukia; pilkas – šilkas; tėvynė – gadi/nė“ (Kudirka 1909: 65–66). Wie man sieht, hatte V. Kudirka ein ausgezeichnetes Gespür für den Klang der Akzentverläufe (pajuodė – ilgakuodė; rasoto – plóto; tiltas – pripiltas, aber žaibas – ráibas; išplaukia – láukia; pilkas – šílkas), und das letzte Beispiel tėvynė – gadi/nė (d. h. gadýinė) kann sogar als Hinweis an Maironis selbst gelten.
Die strengen Vorgaben von V. Kudirka sind keineswegs eine revolutionäre Sichtweise. Sie sind schlicht die logische Schlussfolgerung eines gebildeten Sprachbenutzers, der die Schönheit der litauischen Sprache zu schätzen weiß. Fast hundert Jahre zuvor hatte der erste Theoretiker der litauischen Poetik, Kristijonas Gotlibas Milkus, in einer Polemik mit einem Widersacher geschrieben: „So wie O. [= Ostermejeris; S. M. L.] in seinem Gesangbuch reimt: žús und mùs26. 402,6. visame, dukte. 281,5. davė und nè27. 343,2. draudęs und sugáudęs. 193,8. atlėisk,
24Liuosybė ist ein nicht zu empfehlender Germanismus. Um jedoch den konkreten Fall zu bezeichnen, in dem von dichterischer Freiheit Gebrauch gemacht wird, fehlt ein Terminus. Man könnte poetinė laisvybė. in Betracht ziehen.
25Dies sind die letzten beiden Zeilen von Maironis’ Gedicht Dievo meilė. Es ist nicht in die hier untersuchte Werkauswahl aufgenommen.
26In der Standardsprache bilden diese Wörter tatsächlich einen Reim (žus – mus), doch der von K. G. Milkus gesetzte Akut (źús) verweist auf das samogitische žús, vgl.: „In den Dialekten hat dasselbe Wort häufig Formen mit unterschiedlicher Vokalquantität und unterschiedlichem Akzentverlauf, z. B. samogitisch bùs ‚wird sein‘“ (Zinkevičius 1981: 119).
27Falls es sich hier nicht um einen Druckfehler handelt, ist dies wahrscheinlich ein Beispiel für einen erzwungenen Reim (davė – nė). Vgl. Girdzijauskas 1998: 37.
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nußweisk, es entstehen so unharmonisch gebildete Reime, dass man beim Aussprechen kaum einen Reim hört. Das sind Wortreime. Tatsächlich entscheidet nur das Gehör über den Reim, nicht die geschriebenen Buchstaben.28“
Die Analyse der Reime in J. Marcinkevičius’ Grybų karo ist in Tabelle 2 dargestellt.
TABELLE 2. Analyse der Reime in J. Marcinkevičius’ Grybų karo
Reimtyp
Proz.
Anmerkungen zu den Reimen
Vollständige Lautübereinstimmung
57,1
–
Die Akzenttöne unterscheiden sich
22,2
grỹbų – sodýbų; paliẽpė – liẽpė [2 k.]; gėdai – rėdai, su atkeltu kirčiu29; sijõnas – raudónas; pakláusė – Bobauši; Ūmėdėlė – kėlė; atsimérkti – vėrkti; lūšiai – mūšiui; guõlį – užpúolė; gývas – dývas; gáiliai – káiliai; teisýbę – grýbę; pasilýpėjo – praėjo; sermėgą – bėga; taršo – máršo; bėgti – rėkti; susiraitė – egláitė.
Die Vokallänge unterscheidet sich
20,7
pinavija – es regnet; ryto – es fiel; giria – vyre [2 k.]; supyko – schrie auf; pušį – mūšį [2 k.]; pušys – mūšis [2 k.]; vyre – giria; ryto – kito; šeimyną – ernährt alle; mano – weiß genau; žinių – kaimynę; žinių – pušynę; prikibo – grybo; laiku – vaikų.
28 „Wenn also O. in seinem Gesangbuch reimet: zús und mús. 402,6. wissame, Duktė. 281,5. dawė und nè. 343,2. Draudęs und sugáudęs. 193,8. atlėisk, nußweisk, so sind es so schlecht klappende Reime, daß man bei der Aussprache kaum hört, daß es wörtliche Reime sind. Denn dem Reim beurtheilet nur das Gehör, nicht aber die hingeschriebene Buchstaben“ (Milkus 1800: 201).
29 Das Wort rėdyti ist nicht zu empfehlen. Der Fall ist strittig, denn bei einer Vorverlagerung des Akzents könnte der Akzentton auch fallend sein.
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Verglichen mit Maironis’ Gedichten ist offensichtlich, dass J. Marcinkevičius den Reimen sehr wenig Beachtung schenkte. Auch hier werden lange und kurze Vokale aufeinander abgestimmt, jedoch so häufig (1/5 aller Verse), dass es kaum angebracht erscheint, dies mit dichterischer Freiheit zu rechtfertigen („nicht zu viel und nicht zu dicht“ lautete V. Kudirkas Bedingung). Bei den Akzenten ist das Bild noch düsterer – völlige Verwirrung (22,2 Prozent aller Verse). Lässt man jene Reime außer Acht, bei denen die Akzente aufgrund der Kürze des dem Silbenfundament zugrunde liegenden Vokals fehlen (nuramino – pasivadino), und jene, bei denen eine Vermischung unmöglich ist, weil Endungen gleicher Kasusformen gereimt werden (pušų – lašų), oder die gereimten Wörter dieselben Ausgänge haben (nemadinga – nelaiminga), wäre der Prozentsatz noch höher. Man möchte nicht einfach zu dem Schluss kommen, dass J. Marcinkevičius den Unterschied der Akzente (oder sogar der Vokaldauer) nicht wahrnahm. Doch dass Bobauši(s) sowohl mit pasiklaũsęs als auch mit paklãusė reimt30, ist zumindest ein Beleg dafür, dass ihm der Gleichklang der Akzente gleichgültig war31.
Die hier vorgestellte Analysemethode lässt sich selbstverständlich auch bei der Untersuchung der Werke anderer Dichter anwenden. Es ist anzunehmen, dass sich noch zahlreiche Beispiele für nicht übereinstimmende Reime finden ließen32. Die angeführten Beispiele reichen aus, um die Gefahr des Verlusts des Sprachgefühls zu erörtern.
ZUSAMMENFASSUNG
Ziel dieses Artikels war es nicht, den einen oder anderen Autor zu tadeln, ihre poetische Kultur zu beurteilen oder den künstlerischen Wert ihrer Werke anhand der von V. Kudirka oder anderen litauischen Poetikforschern dargelegten Kriterien zu überprüfen. Die litauische Sprache ist in prosodischer Hinsicht sehr komplex. Auf Litauisch Verse zu schreiben ist wegen der Natur des Akzents (seiner phonetischen Eigenschaften und seiner freien Stellung) sowie aufgrund der unterschiedlichen Vokaldauer schwierig. Dass das Reimen ein wahrhaft komplexer schöpferischer Prozess ist, zeigt die litauische Versdichtungstradition33. Werden Verse in der Standardsprache verfasst, bedarf es großer Meisterschaft, um die Form zu vollenden.
Ziel des Artikels ist es auch nicht, zu beweisen, dass der eine oder andere Dichter den Unterschied zwischen Akzenten oder Vokaldauer nicht wahrnimmt (was übrigens bereits ein beträchtlicher Mangel wäre34). Hier soll die Frage aufgeworfen werden, ob
30 Vgl.: Und der kränkliche Bobaušis / sprach so, nachdem er gelauscht hatte: und Baravykas fragte auch... / – Was redest du da, Bobauši! Man könnte dem entgegenhalten und behaupten, gerade solche Abweichungen lenkten durch ihre Vielfalt die Aufmerksamkeit des Lesers auf die korrekte Akzentuierung. Das hier erörterte Problem entstand jedoch nicht, weil die Menschen die Akzente allzu gut unterscheiden, sondern weil sie sie nicht unterscheiden.
Bei der Untersuchung auch seiner anderen Werke würden wahrscheinlich ähnliche Schlussfolgerungen gezogen. Vgl. die Reime aus Voro vestuvės: puolė – gražuolė, žylė – mažylė; aus Lopšinė gimtinei ir motinai: sužėlė – gėlė, nenuskynė – tėvynė, lig šiolei – broliai.
32 Jeder könnte wohl aus dem Gedächtnis ihm bekannte Verse zitieren. Das können Verse aus dem Poem Anykščių šilelis sein (Es klingt, es klingt der Wald: hier trillert der Pirol leise / „Ieva, Ieva! Weide nicht auf der Wiese!), aus Kinderreimen (Bei deiner Stiefmutter, der mit dem großen Hintern, / wirst du nicht wissen, wie du es ihr recht machen sollst; S. Nėris, Našlaite) oder aus Liedern (Wir sitzen jung, noch nicht gealtert, so viel erlebt. / Das Gesicht der Mutter schwebt still in einer Schar von Tränen; Aktorių trio, Motinos veidas).
33 J. Girdzijauskas bemerkt bei der Untersuchung von Antanas Baranauskas’ Verskunst ebenfalls: Das Wort „Lietuva“ verwendet A. Baranauskas meist in einer metrischen Position, die eine Betonung von „Lietuvą“ erfordert (1966: 181), vgl. aus Dainų dainelė: Lietuvos krašto / ne taip iš rašto / tenai Lietuva / per amžius buvo (II, 1–4).
34 Vgl. „Das wichtigste Merkmal der Laute der litauischen Standardsprache ist die Vokaldauer“ (Pakerys 1995: 44). Ob der Dichter aufgrund seines Dialekts anders betont, ist für das hier behandelte Thema unerheblich.
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Tragen solche Verse zur Entwicklung des Sprachgefühls bei? Oder wirken sie vielleicht eher in die entgegengesetzte Richtung? Wie kann man Kindern die Schönheit und Eigenart ihrer Muttersprache vermitteln, wenn man die Vokallänge und die Intonation nivelliert? Wie man es auch betrachten mag: Die hier vorgestellten, für ein junges Publikum bestimmten Verse von J. Marcinkevičius fördern das Sprachgefühl nicht.
Die Quellen zur Geschichte der gereimten Literatur und ihrer Kritik zeigen, dass die Nivellierung der Vokallängen und Intonationen schon vor langer Zeit begann. Offenbar war die Besorgnis der Gebildeten nicht unbegründet. Die heute weit verbreitete Unfähigkeit, Intonationen zu unterscheiden, lässt sich nicht (geschweige denn rechtfertigen) mit dem Einfluss der Dialekte erklären. Sie ist vielmehr die Folge von Lücken in Erziehung und Lernen, denn korrektes Sprechen kann man erlernen. Unwissenheit kann jedoch kein Grund für einen Sprachwandel sein. Heute hört man häufiger sogar Behauptungen, Sprachveränderungen seien unvermeidlich und man müsse sich keine Sorgen machen. Ist es aber normal, dass ein Volk seine eigene Sprache und die seiner Vorfahren entstellt? Nicht nur die Sprache, sondern das Volk selbst ist in Gefahr, wenn vergessen wird, was überliefert wurde. Das ist nicht einfach mangelnde Sprachkenntnis, sondern eine Geringschätzung der Sprache35.
Die Wahrheit ist einfach: Die Sprachbenutzer müssen unterrichtet werden. Wenn 12 Prozent der Abiturienten die Prüfung in litauischer Sprache nicht bestehen, gibt es dafür einen tiefer liegenden Grund als die mangelnden Kenntnisse eines faulen Schülers. Wie sowohl bekannte als auch gewöhnliche Menschen sprechen und Wörter betonen, kann man täglich hören, etwa in Fernsehsendungen. Aufnahmen, die mit moderner Technologie gemacht wurden, werden unseren Nachkommen unumstößliche Beweise dafür liefern, wie die Litauer begannen, ihre Muttersprache zu vergessen. Um dem fortschreitenden Verfall der Sprache (und langfristig ihrem Verschwinden) entgegenzuwirken, stehen heute weit mehr Mittel zur Verfügung als zu Zeiten der Puristen der Antike. Es gilt, eine gebildete Gesellschaft heranzubilden, Lehrkräfte auszubilden, eine korrekte Sprache in den Medien zu pflegen und sogar dieselben Methoden anzuwenden, mit denen Ausländern Litauisch beigebracht wird (zum Beispiel Texte mit Akzenten zu versehen). Schließlich wäre es sinnvoll, die Anforderungen an die Aussprache zu verschärfen und auf nachsichtige Formulierungen wie „unbedingt erforderlich“, „wünschenswert“ und „besonders inakzeptabel“ zu verzichten.
LITERATŪRA
Commodianus 1965–1966: Instructiones. Testo critico e traduzione di A. Salvatore, Napoli: LSE.
Fraenkel E. 1962–1965: Litauisches etymologisches Wörterbuch 1–2, Heidelberg: Carl Winter Universitätsverlag; Göttingen: Vandenhoek and Ruprecht.
Girdzijauskas J. 1966: Lietuvių eiledara, Vilnius: Vaga.
Girdzijauskas J. 1998: Literatūros terminų žodynas: eiledara, Vilnius: Baltos lankos.
35 Ir puolama vis labiau žemyn. Lietuva jau vartoja valiutą, kur netgi ardoma linksnių sistema. Ant eurų kupiūrų parašyta 5 euro, 10 euro, 20 euro ir t. t. Įdomu, kad teisės aktuose pagal naujai priimtą įstatymo papildymą jau leidžiama vartoti vardininką euro. Tik reikia jį grafiškai išskirti, kaip citatą užsienio kalba. Kam išvis ši išlyga?
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Kudirka V. 1909: Raštai, Tilžė: TMD.
Lanza S. 1997: L’esametro di Commodiano: il primo libro delle Instructiones [Magistro darbas, apdovanotas žyma „Vertas spausdinti“]. Bologna.
LKŽe – Lietuvių kalbos žodynas, elektroninis variantas. Red. kolegija: Gertrūda Naktinienė (vyr. red.), Jonas Paulauskas, Ritutė Petrokienė, Vytautas Vitkauskas, Jolanta Zabarskaitė, Vilnius: Lietuvių kalbos institutas, 2005. – Atnaujinta versija, 2008. Prieiga internete: www.lkz.lt.
Migliorini B. 1927: Dal nome proprio al nome comune, Firenze: Olschki.
Milkus K. G. 1800: Anfangs-Gründe einer littauischen Sprach-Lehre (Lietuvių kalbos mokslo pradmenys).
Palionis J. 1999: Kalbos mokslo pradmenys, Vilnius: Jandrija.
Pakerys A. 1995: Lietuvių bendrinės kalbos fonetika, Vilnius: Žara.
Poliakovas O. 2008: Pasaulis ir lietuvių kalba. Indoeuropiečių ir lietuvių kalbų giminystė, Vilnius: Enciklopedija.
Salvatore A. 1977: Commodiano: Carme Apologetico. Corona Patrum 5. Torino: Società Editrice Internazionale.
Strockis M. 2004: Graikų ir lotynų kirčiavimo įtaka lietuvių kirčio žymėjimui. – Baltistika XXXIX (2), 289–307.
Universitas linguarum Litvaniae. Iš lotynų kalbos vertė ir įvadą parašė K. Eigminas. Vilnius: Mokslas, 1981.
Zinkevičius Z. 1981: Lietuvių kalbos istorinė gramatika 2, Vilnius: Mokslas.
Gauta 2016 11 15
Priimta 2017 01 20
STEFANO M. LANZA
Vytauto Didžiojo universitetas
Humanitarinių mokslų fakulteto
Užsienio kalbų, literatūros ir vertimo katedra
Kristijono Donelaičio g. 52-205, LT-44244 Kaunas
[email protected]
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Santrauka
Autorius pateikia medžiagos atvirai diskusijai apie plačiai pripažįstamą dabartinės lietuvių kalbos reiškinį, t. y. lietuvių gimtakalbių nesugebėjimą skirti priegaidžių. Lietuvių kalbos padėtį palyginus su klasikinių kalbų nuopuoliu, išnagrinėjus lotynų ir graikų kalbų balsių kiekybinės priešpriešos kitimą ir skiemenų priegaidžių išnykimą, straipsnyje aptariama lietuvių kalbos priegaidžių svarba, remiantis Valstybinės lietuvių kalbos komisijos nurodymais.
Antroji straipsnio dalis – praktinio pobūdžio. Pateikiama dviejų lietuvių poetų, Maironio ir Justino Marcinkevičiaus, atrinktų eiliuotų kūrinių rimų priegaidžių analizė. Remiantis poetikos teoretikų jau nuo XVIII a. nustatytais eilėdaros principais, vertinama rimavimo kokybė, ar rimuojamų žodžių priegaidė ta pati (pajuodę – ilgakūodė tipas). Trumpa analizė parodo gana dažną rimuojamų žodžių priegaidžių fonetinį neatitikimą]. Marcinkevičiaus eilėse (pilkas – vilkas tipas), o retesnę Maironio kūryboje.
Kadangi daugelis šių kūrinių vaikams ir pačių vaikų skaitomi, autorius daro išvadą, kad netinkamas rimavimas gali būti kliūtis ugdant kalbinę nuojautą. Iš tiesų, ir gimtakalbiai savo kalbą turi iš pradžių išmokti. Todėl, jeigu kalbos priežiūros institucijos tikrai ketina ginti ir puoselėti lietuvių kalbą, jos privalo imtis priemonių gerinti gimtosios kalbos mokymą nuo pat vaikystės. Tik aplinkoje, kur taisyklinga kalba vartojama ir jos mokoma, pradedant nuo kalbiškai išprususių tėvų, gali augti taisyklingai kalbantys vaikai.
LOSS OF LANGUAGE SENSITIVITY: IS THIS A REAL THREAT?
Summary
The author provides material for an open discussion on a widely recognized linguistic phenomenon of contemporary Lithuanian, i.e. the loss of intonation perception by native language speakers. After a comparison with the decline of classical languages (Latin and Greek), where the phonetic evolution of quantity opposition in vowels and the disappearance of syllable intonation is thoroughly described, the article offers an overview of the importance of intonation in Lithuanian according to the indications of the Commission of the Lithuanian language.
The second, practical part of the article, offers an analysis of rhymes where intonation is relevant in a few works of two Lithuanian poets, Maironis and J. Marcinkevičius. Principles of rhyming laid down since the XVIII c. by poetics theorists are here taken into account as a means to determine whether rhymes are well conceived, when words share the same intonation
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(the type pajuõdė – ilgakuõdė). The results of this brief analysis show that in J. Marcinkevičius verses, much more than in Maironis’, phonetic discrepancy between rhyming words is very frequent (the type pilkas – vìlkas).
Since many of these works are read to and by children, the author arrives to the conclusion that bad rhyming could hinder from building language sensitivity. Since native speakers also need to study their language, if there is a real commitment by authorities to safeguard and foster the Lithuanian language, measures have to be taken in order to improve its teaching from childhood onwards. An environment where good language is spoken and taught, starting from educated parents, leads to educated children.
KEY WORDS: standard language, accent and intonation, stress, language sensitivity.
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