scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Knyga žemaitiškai mokantiems ir besimokantiems

Jūratė Pajėdienė

Full text

JŪRATĖ PAJĖDIENĖ Institut für Litauische Sprache EIN BUCH FÜR LEHRENDE UND LERNENDE DES ŽEMAITISCHEN Rezension: Nordžemaiten aus Kretinga: Lehrbuch, herausgegeben von Jūratė Lubienė, Asta Leskauskaitė. Vilnius: Lietuvių kalbos institutas, 2020, 283 p. ISBN 978-609-411-273-7. Der Verlag des Instituts für Litauische Sprache veröffentlichte im Jahr 2020 gleich mehrere Bücher zur žemaitischen Sprache: eine Sammlung von Predigten des Jurgis Ambroziejus Pabrėža (1771–1849)1 und zwei Lehrbücher, die dem Verständnis der Besonderheiten der nordžemaitischen Kretingaer und südžemaitischen Raseiniai-Subdialekte dienen. Wer Žemaitisch lernen oder erforschen möchte, kann sich nun eingehender mit allen žemaitischen (Sub-)Dialekten2, ihren markantesten sprachlichen Merkmalen und den Besonderheiten der Kulturgeschichte der Žemaiten vertraut machen3, denn in der Reihe Litauische Dialekte für die Schule sind bereits Publikationen zu jedem (Sub-)Dialekt erschienen: Westžemaiten (2006, Hg. Jonas Bukantis, Asta Leskauskaitė, Vilija Salienė), Südžemaiten aus Varniai (2017, Hg. Gintarė Judžentytė-Šinkūnienė, Vida Marcišauskaitė), Südžemaiten aus Raseiniai (2020, Hg. Gintarė Judžentytė, Vida Marcišauskaitė), Nordžemaiten aus Telšiai (2013, Hg. Juozas Pabrėža, Vida Marcišauskaitė, Predigten zu verschiedenen Themen, gehalten von Ambroziejus Pabrėža, bearbeitet von Rita Šepetytė. Vilnius: Institut für Litauische Sprache, 2020. Nach herkömmlicher Auffassung wird der žemaitische Dialekt, wenn vom Dialektsystem ganz Litauens die Rede ist, in drei Subdialekte unterteilt – West-, Nord- und Südžemaitisch (zu den charakteristischen Merkmalen dieser Subdialekte siehe: Chrestomathie litauischer Dialekte, herausgegeben von Rima Bacevičiūtė, Audra Ivanauskienė, Asta Leskauskaitė, Edmundas Trumpa. Vilnius: Institut für Litauische Sprache, 2004, 195–284). Betrachtet man allein das Sprachsystem des žemaitischen Sprachgebiets, lassen sich drei žemaitische Dialekte – West-, Nord- und Südžemaitisch – und zwei Subdialekte unterscheiden: die nordžemaitischen Subdialekte Telšiai und Kretinga sowie die südžemaitischen Subdialekte Varniai und Raseiniai (zu einer solchen relativ verstandenen Gliederung des žemaitischen Sprachgebiets siehe: Juozas Pabrėža Žemaitische Sprache und Rechtschreibung, Šiauliai: Universität Šiauliai, 2017, 47–48). Eine Beschreibung der Merkmale, die die gegenwärtige Situation des žemaitischen Dialekts (der Dialektgruppe) widerspiegeln, findet sich in: Daiva Aliūkaitė, Rima Bakšienė, Jurgita Jaroslavienė, Gintarė Judžentytė, Asta Leskauskaitė, Jūratė Lubienė, Violeta Meiliūnaitė, Dalia Pakalniškienė, Vilija Ragaišienė, Regina Rinkauskienė, Janina Švambarytė-Valužienė, Jolita Urbanavičienė, Daiva Vaišnienė. Dichte des Erhebungsnetzes im Hinblick auf die geolinguistische Unterscheidung Oberlitauer: Žemaiten. – Litauische Dialekte zu Beginn des 21. Jahrhunderts: eine geolinguistische und soziolinguistische Untersuchung, Hg. Danguolė Mikulėnienė, Violeta Meiliūnaitė, Vilnius: Briedis, 2014, 129–146. BENDRINĖ KALBA 94 (2021) http://journals.lki.lt/bendrinekalba ISSN 2351-7204 JŪRATĖ PAJĖDIENĖ. Knyga žemaitiškai mokantiems ir besimokantiems | 2 doi.org/10.35321/bkalba.2021.94.12 Asta Leskauskaitė)4. In jedem dieser Bücher finden wir nicht nur Beschreibungen der kennzeichnenden Merkmale der Mundart(en) und der Besonderheiten des kulturellen Lebens der Region sowie Angaben zum Verbreitungsgebiet der Mundart(en), Verzeichnisse der Ortschaften (Erhebungspunkte) und Karten, sondern auch nützliche methodische Hinweise, Anleitungen und Anmerkungen zum Erlernen und Lehren der mundartlichen Sprechweise. Die Bücher enthalten transkribierte und transponierte Texte in der žemaitischen Sprechweise (auf dem elektronischen Datenträger, der jedem Buch beiliegt, finden sich auch Tonaufnahmen – sie bilden die Grundlage für die Entstehung der Texte), Beispiele mündlicher Kunst sowie Informationen über Schriftsteller und Schreibende – Literaten, Sprachwissenschaftler und Historiker – aus der Region und Beispiele ihres Schaffens. Die Struktur der Bücher ist nicht vollständig einheitlich; sie bewegt sich zwischen Lehrbuch und Lesebuch. 2020 wurde diese umfangreiche Sammlung um ein weiteres Buch ergänzt – Šiaurės žemaičiai kretingiškiai. Wie die anderen Veröffentlichungen der Reihe Lietuvių kalbos tarmės mokyklai liegt auch Šiaurės žemaičiai kretingiškiai in zwei Formen vor: als Buch, herausgegeben von der Dozentin Dr. Jūratė Lubienė, und als elektronischer Tonträger, zusammengestellt von Dr. Asta Leskauskaitė. Bei der Lektüre des Buches wird deutlich, dass der übliche Begriff sudarytoja(s) in diesem Fall nicht wörtlich, sondern weiter gefasst zu verstehen ist: Er umfasst nicht nur die Suche, Auswahl und Aufbereitung der im Buch enthaltenen Texte und Abbildungen, sondern auch das Verfassen umfangreicher Texte und damit eine tatsächliche Autorenschaft. Aus der Feder von J. Lubienė stammen das Pratarmė (S. 7–9), die Teile Metodiniai patarimai (S. 10–25), die eine allgemeine Methodik zur Darstellung des dialektalen Materials umfassen, die Įvadas (S. 26–51) und die Šiaurės žemaičių kretingiškių patarmės aprašas (S. 52–97), die die Besonderheiten der ausgewählten Mundart beschreibt. Außerdem stammen von ihr die nach häufigen Theorieabschnitten (S. 44, 50–51, 62–65, 73, 76–80) und nach jedem Mundarttext (siehe Šiaurės žemaičių kretingiškių patarmės tekstai, S. 98–189) oder Textgruppe (siehe Tarminė poezija, S. 190–226) eingefügten Klausimai ir užduotys, die die Aufmerksamkeit der Lesenden aktivieren, sowie die je nach Bedarf im Buch eingestreuten kürzeren oder längeren Kästen Ar žinote? (siehe z. B. S. 43–44, 49–50, 102–103, 163–165). Diese Kästen sind, verglichen mit den bereits erwähnten Büchern über die žemaitischen Mundarten, eine Neuerung von J. Lubienė. Die darin enthaltenen Informationen schärfen die Aufmerksamkeit der Lesenden – sowohl derjenigen, die die Mundart erlernen oder lehren möchten, als auch derjenigen, die sie bereits beherrschen – und lenken den Blick auf besonders bemerkenswerte Aspekte der Geschichte und Sprache der Žemaiten (vgl. etwa die Anmerkung auf S. 72 zur žemaitischen Herkunft einiger im Standardlitauischen gebräuchlicher Namen, S. 159–160 4 Die genannten Veröffentlichungen erschienen im Verlag des Instituts für Litauische Sprache. Die Staatliche Kommission für die litauische Sprache förderte ihre Vorbereitung und Veröffentlichung aus Mitteln des Programms zur Erhaltung von Dialekten und ethnischen Ortsnamen für die Jahre 2001–2010 sowie des Programms zur Erforschung der Funktion und des Wandels der litauischen Standardsprache, der Dialekte und anderer Sprachvarianten für die Jahre 2011–2020. BENDRINĖ KALBA 94 (2021) http://journals.lki.lt/bendrinekalba ISSN 2351-7204 JŪRATĖ PAJĖDIENĖ. Knyga žemaitiškai mokantiems ir besimokantiems | 3 doi.org/10.35321/bkalba.2021.94.12 sowie die Anmerkungen zum Leben der Juden in Žemaitija). Über das Buch verstreute Abschnitte mit dem Titel Ar žinote? geben der Autorin Gelegenheit, nicht nur allgemeines Wissen, sondern auch ihre eigene Sicht zu vermitteln, etwa ihre Meinung über den häufig allein auf einer Konvention beruhenden Unterschied zwischen den Begriffen kalba und tarmė5, zur möglichen Entstehung der nordžemaitischen Mundart (S. 72) und Ähnlichem. Dem lehrbuchartigen Ansatz entsprechend wird bei den in diesen Abschnitten vermittelten allgemeinen oder fachlichen Informationen allerdings nicht immer die Quelle angegeben, auf die sie sich stützen. Offenbar geschieht dies nur dann, wenn Literatur aus dem am Ende des Buches aufgeführten Literaturverzeichnis herangezogen wird (siehe Literatūra apie tarmes, S. 282–283); bei der Vermittlung interessanter Erkenntnisse aus der Ethnologie, Etymologie und Mythologie – also nicht aus der Dialektologie – werden Quellen hingegen angegeben (vgl. etwa S. 142; 154; 164–165). Etwas störend wirkt dennoch die dabei angewandte Form des zusammenfassenden Zitierens, bei der lediglich die herangezogene Veröffentlichung genannt wird. Dieses Vorgehen findet sich übrigens auch in dem 2006 erschienenen Buch Vakarų žemaičiai6. Wahrscheinlich liegt dieser Entscheidung die äußerst großzügige didaktische Annahme der Autorinnen und Autoren dieser Bücher zugrunde, dass die Lesenden ohne konkrete Quellenangaben selbst nach weiteren Informationen suchen und sie finden werden. Eine weitere Neuerung, durch die sich J. Lubienės Buch von den genannten Lehrbüchern über die žemaitischen Mundarten abhebt, ist das Teminis tarminių žodžių žodynėlis (S. 265–279)7. Obwohl der Wortschatz der Nordžemaiten mit ausgezeichneten Sprechbeispielen in zwei Wörterbüchern recht ausführlich dargestellt ist (sie werden auch im besprochenen Buch erwähnt, S. 75)8, ist jedes Wörterverzeichnis žemaitischer Wörter und insbesondere ein thematisches sowohl für Lernende als auch für Lesende nützlich, deren Muttersprache diese Mundart ist. Ein thematisches Wörterverzeichnis hilft, alte, seltener verwendete mundartliche Wörter in Erinnerung zu rufen. 5 Vgl.: „<...> Die Grenze zwischen Sprache und Dialekt ist eine Frage der Konvention. Früher war das Kriterium einfach: Wenn Menschen einander nicht mehr verstehen, sprechen sie verschiedene Sprachen. In der modernen Welt, besonders in Europa, herrscht die Auffassung vor, dass Sprache und Staat zusammengehören und dass die eigene Sprache ein wesentliches Merkmal eines Staates ist. In Litauen sprechen wir also Litauisch, das verschiedene Gebrauchsvarianten aufweist, darunter auch Dialekte. Die litauische Dialektologie erforscht die Dialekte, Unterdialekte, lokalen Sprechweisen und lokalen Varianten des Litauischen. Wenn wir jedoch nicht das gesamte Litauische, sondern nur einen Dialekt, etwa den der Žemaiten, meinen, können wir ihn als Sprache bezeichnen. <...> Wenn man von Zuhause <...> und Heimat spricht, sagt man ebenfalls: meine Muttersprache (anstelle von Dialekt) – der Žemaiten <...>“ (S. 49–50). 6 In den Büchern Šiaurės žemaičiai telšiškiai (2013), Pietų žemaičiai varniškiai (2017), Pietų žemaičiai raseiniškiai (2020) wurde die genaue Zitierweise gewählt, die die Suche nach gewünschten zusätzlichen Informationen vereinfacht. 7 Knygoje Pietų žemaičiai varniškiai (2017, p. 130–143) pateiktas mokytojos Adelės Urbaitės (1926–2014) sudarytas abėcėlinis žodynėlis Švėkšnoje ir Švėkšnos apylinkėse XX a. vartoti ir tebevartojami žodžiai. 8 Siehe Juozas Aleksandravičius, Kretingos tarmės žodynas (2011; Herausgeberinnen: Danguolė Mikulėnienė, Daiva Vaišnienė, Vilnius: Lietuvių kalbos institutas) und Birutė Vanagienė, Šiaurės vakarų žemaičių žodynas. Ylakių, Lenkimų, Mosėdžio, Skuodo, Šačių apylinkių šnektos, A–O; P–Ž (2014–2015; wissenschaftliche Herausgeber: Danguolė Mikulėnienė, Juozas Pabrėža, Vilnius: Lietuvių kalbos institutas). BENDRINĖ KALBA 94 (2021) http://journals.lki.lt/bendrinekalba ISSN 2351-7204 JŪRATĖ PAJĖDIENĖ. Knyga žemaitiškai mokantiems ir besimokantiems | 4 doi.org/10.35321/bkalba.2021.94.12 Wörter (z. B.: geronkštis ~ geránkštis ‚Backenzahn‘, kondouls ~ kánduolas ‚Kern einer Nuss‘, S. 269, 278), die Herkunft mancher Wörter zu erschließen (vgl. pastalčios ~ pastalčius ‚Schublade‘, S. 274) oder ihre Zusammenhänge zu erkennen (vgl.: kretė – kritė ‚Hosenboden, hinterer Sitzteil‘ und sosekrėtuotė – susikričioti, -ó(ja), -ójo ‚die Ränder eines Kleidungsstücks, meist eines Hemdes, in die Hose stecken‘, S. 275), zu bemerken, dass beispielsweise nicht nur das etwas seltenere šondrėika ~ šùndrėika ‚Wegwarte‘, sondern auch so gängige Pflanzennamen wie trauklapis ~ trauklāpis ‚Wegerich‘, vaivorā ~ vaivórai ‚Rauschbeeren‘ Dialektwörter sind (siehe S. 278)9. Bei der Lektüre über die Besonderheiten lexikalischer, semantischer, morphologischer, derivationeller und morphonemischer Dialektformen (S. 74–75) wird deutlich, dass Dialektwörter für Muttersprachler desselben (Unter-)Dialekts oder derselben Mundart auf unterschiedlicher Ebene akzeptabel sind. Ein Beispiel für diese unterschiedliche Akzeptabilität und damit auch Verwendung ist čīrolis / čīrolis ~ čỹrulis ‚Lerche‘, das die Autorin des besprochenen Buches als geläufiges Dialektwort auffasst (siehe S. 74, 278), obwohl dieses Wort anderen Žemaiten, auch solchen aus benachbarten Orten, weit weniger geläufig, sehr selten oder fremd sein oder zumindest als Lehnwort wahrgenommen werden kann10. Über die Natürlichkeit vieler den Žemaiten geläufiger Lehnwörter und die besonderen Bemühungen, sie im Thematischen Wörterverzeichnis der Dialektwörter möglichst nicht aufzunehmen, schreibt auch J. Lubienė selbst (S. 266–267). Übrigens wird bei der Lektüre des Buches deutlich, dass das thematische Wörterverzeichnis ganz natürlich entstanden ist, als die Autorin nach und nach ihre eigene Methodik für den Unterricht der žemaitischen Sprache entwickelte; denn die didaktischen Abschnitte des Buches enthalten zahlreiche Aufgaben für Einzel- und Gruppenarbeit, bei denen anhand eines gelesenen Textes ein Wörterverzeichnis des eigenen Dialekts (S. 104) oder žemaitischer Wörter (z. B. S. 108, 114, 118) erstellt werden soll. Im Zusammenhang mit dem Wörterverzeichnis ist die etwas zu enge Bedeutungsangabe des morphonemischen Dialektworts silkinis, -ė11 in der Verbindung sėlkėnė košė ~ silkine košė zu erwähnen: Sie wird lediglich als ‚Brei aus Graupen mit geriebenen Kartoffeln‘ umschrieben, ohne die im Namen enthaltene Bedeutung ‚seidig‘ zu wiederholen (die benachbarte Position der Wörter sėlkėnė košė ~ silkine košė und sėlkšoltė ~ šiīksultė ‚Heringlake‘ im Wörterverzeichnis erschwert es, die Verbindung des Wortes silkinis mit dem in der vorhergehenden Themengruppe aufgeführten sėlks ~ šiīkas ‚Seide‘ zu erkennen, S. 275). Zum Schluss ist es besonders wichtig, den Teil der besprochenen Publikation hervorzuheben, der sich am stärksten durch seine Einzigartigkeit auszeichnet und zugleich am bedeutendsten ist – wie auch bei anderen Lehrbüchern über žemaitische Dialekte: die terminologischen … 9 Eine weitere thematische Liste žemaitischer Dialektwörter siehe: Pabrėža Juozas. Min. veik. 2017, S. 105–113. 10 Über den kurischen Ursprung von Wörtern wie cyrulis ‚Lerche‘, pylė ‚Ente‘, pūrai ‚Fels‘, akmuo sowie über das große zusammenhängende Verbreitungsgebiet der Wörter krupis, cyrulis, pūrai in Žemaitija und Lettland siehe Pabrėža Juozas. Min. veik. 2017, S. 108. Vgl. auch den Eintrag „čīrulis – Lerche, vyturys, cyrulis dial.“ in Latvių-lietuvių kalbų žodynas / Latviešu-lietuviešu vārdnīca (2003; Hrsg. Alvydas Butkus, Kaunas: AESTI, S. 141). 11 Apie silkinis ‚šilk inis‘ reikšmę žr.: Vanagienė Birutė. Min. veik. 2015, p. 183. BENDRINĖ KALBA 94 (2021) http://journals.lki.lt/bendrinekalba ISSN 2351-7204 JŪRATĖ PAJĖDIENĖ. Knyga žemaitiškai mokantiems ir besimokantiems | 5 doi.org/10.35321/bkalba.2021.94.12 Texte. Offensichtlich wurden sie für die Zielgruppe ausgewählt und entsprechen den Lernbedürfnissen (die begleitenden Aufgaben zu den Texten wurden bereits erwähnt 12). Am meisten sprechen sie jedoch nicht die bewussten, reflektierten Leser an, sondern die aufrichtigsten Leser dieser Buchreihe – ausgewanderte Muttersprachler, die sich, wie Algirdas Ruškys sagt, nicht nur von ihrem Dialekt „entfernen, weil die Großstädte sie locken“, sondern ihn auch „am meisten vermissen“, denn für sie „gibt es in der Welt des Dialekts andere Lebenssinngebungen“ (S. 247–248). Die professionell präsentierten Dialekttexte bereiten ihnen das größte Lese- (Hör-)Vergnügen und geben ihnen die beruhigende Gewissheit, dass im Dialekt wie auch in ihrem eigenen Verständnis ihrer Muttersprache noch alles so ist wie früher. Im Kapitel Texte im nordžemaitischen Kretinga-Unterdialekt (S. 98–189) sind 24 Gespräche abgedruckt, die nach den Themen gruppiert sind, auf die sich die Aufmerksamkeit der Erzähler richtet – Erfahrungen aus verschiedenen Lebensphasen (Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter) und Zeitabschnitten (Krieg, Deportation), Alltag, Bräuche, Glaube, Erzählungen, Einfallsreichtum und Reflexe mythologischer Vorstellungen. Die im Buch enthaltenen Texte geben Tonaufnahmen aus den Jahren 1964 (3 Stück), 1973 (4 Stück), 1974 (5 Stück), 1980 (1 Stück), 1993 (2 Stück), 2011 (7 Stück) und 2012 (2 Stück) wieder. Die Autoren dieser Texte gehören der älteren Generation an: Ihr Alter liegt zwischen 51 und 92 Jahren (geboren 1890–1940)13; es sind überwiegend Frauen, nur vier Erzähler sind Männer. Alle Transkriptionen stammen von J. Lubienė und sind genau14; sie werden erstmals veröffentlicht. Es besteht kein Zweifel, dass diese Texte nicht nur wegen des Lernens und des Lese- oder Hörvergnügens relevant sind – ihre Daten werden auch in wissenschaftlichen Untersuchungen Verwendung finden. Die Texte spiegeln die Besonderheiten des volkstümlichen žemaitischen Dialogs (mit spezifischen Einwürfen, Anreden und Vergleichen), des Satzes und der Wendung ausgezeichnet wider; beim Zuhören ist es zudem erfreulich, die kaum wahrnehmbaren Nuancen der Befragten aus verschiedenen, weiter voneinander entfernten Orten aufzufangen. Es sind fünfunddreißig Orte15 (siehe die auf S. 280–281 abgedruckte Liste der Wohnorte (Orte der Aufnahmen) der Kretinga-Sprecher und die auf S. 53 abgedruckte Karte Nordžemaiten aus Kretinga16), 12 Hier wäre noch darauf hinzuweisen, dass die Aufgaben gelegentlich (z. B. S. 136, 151) auch mit der Lektüre der im Kapitel Lituanistische Sprachwissenschaftler – Vertreter des nordžemaitischen Kretinga-Unterdialekts (S. 227–264) enthaltenen Texte verknüpft werden. 13 Das Geburtsdatum der Informanten für die 1964 angefertigten Aufnahmen ist als einziges unbekannt (nicht angegeben). 14 In den Transkriptionen gibt es nur einige wenige Abweichungen: In der Erzählung Über die kaukai fehlt die Wendung nėsi datiręs ’du hast es nicht erlebt‘ (vgl. S. 171 und den Abschnitt 3:41–3:42 der Aufnahme); das Wort nuodėje fehlt im Text Erinnerungen eines Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg in der Wendung bâtoriejâu nuodìeję ąnt są́ua gėrô(s) sveikất’s ~ beturėjau nodieję (‚Hoffnung‘) ant sávo gerôs sveikâtos (vgl. die Aufnahme bei 02:29); am Ende des Textes išbovâu mienesi i kèlės tėn savaĩtės / nepėlnà do mieneso ~ Ich blieb einen Monat und ein paar Wochen dort. Nicht ganz zwei Monate. im Text Über die Deportation nach Deutschland fehlt ein Satz (S. 188, vgl. den Abschnitt 04:30–04:35 der Aufnahme). Erwähnenswert ist auch ein Korrekturfehler, bei dem vaitsu (→ vaistu) vertauscht wurde (S. 148). 15 Im Verzeichnis hat sich ein Korrekturfehler eingeschlichen: Der letzte Eintrag verweist nicht auf Position 35, sondern auf Position 37 (S. 281). 16 Falls eine Neuauflage möglich wäre, müsste der Fehler in der Bezeichnung von Ort Nr. 252 auf der aus einer anderen Publikation übernommenen Karte korrigiert werden. An anderen Stellen (S. 7, 281) ist Žadvainai (Bezirk Plungė, Gemeindeverwaltung Pėlaîčiai) richtig geschrieben. BENDRINĖ KALBA 94 (2021) http://journals.lki.lt/bendrinekalba ISSN 2351-7204 JŪRATĖ PAJĖDIENĖ. Knyga žemaitiškai mokantiems ir besimokantiems | 6 doi.org/10.35321/bkalba.2021.94.12 die Besonderheiten des Sprechens und die Nuancen der Aussprache17. Dialekttexte sinnvollerweise unter Berücksichtigung verschiedener Parameter veröffentlichen – nicht nur der Besonderheiten der erzählten Geschichten, ihrer thematischen Gestaltung und literarischen Bedeutung, sondern auch des unterschiedlichen Zeitpunkts der Aufnahmen, des Alters, der Herkunft (des Wohnorts) und des Geschlechts der Befragten und so weiter. Bedeutsam sind nicht nur Aufnahmen aus früherer, sondern auch aus der gegenwärtigen Zeit, die die tatsächliche Situation der Sprache (des Dialekts) zeigen. Schade, dass die Gattung des Lehrbuchs sowie der zulässige und vorgesehene Umfang die Zahl solcher Texte verringert haben. Es bleibt nur zu hoffen, dass die wertvollen Texte, die bereits entdeckt wurden, aber nicht mehr in dieses Buch passten, ebenso wie jene, die noch unbemerkt in den Speichern und Archiven der Tonaufnahmen schlummern oder künftig aufgezeichnet werden, in den Bereich der künftigen kreativen Vorhaben von J. Lubienė gelangen. Eingegangen am 29.12.2021 Angenommen am 31.12.2021 17 Die Tonaufnahme des Textes Der Name des Dorfes Laumaliai (Dauer 2 Min. 33 Sek.) ist auf dem Datenträger beschädigt. BENDRINĖ KALBA 94 (2021) http://journals.lki.lt/bendrinekalba ISSN 2351-7204