Rankraštinis Frydrichui Wilhelmui Hakui priskiriamas vokiečių–lietuvių kalbų žodynas Čekijoje
Full text
ILJA LEMEŠKIN
Karls-Universität Prag
Forschungsschwerpunkte: alte baltische Literatur und Schriftkultur, vergleichende Folkloristik, Lexikografie, Geschichte der Baltistik.
EIN FRIEDRICH WILHELM HAACK ZUGESCHRIEBENES HANDSCHRIFTLICHES DEUTSCH-LITAUISCHES WÖRTERBUCH IN TSCHECHIEN1
Manuskript eines Friedrich-Wilhelm Haack zugeschriebenen deutsch-litauischen Wörterbuchs in der Tschechischen Republik2
Z U S A M M E N F A S S U N G
Eine litauistische lexikografische Quelle, die im Klementinum aufbewahrt wird und in die 1730er–1740er Jahre datiert, gelangte spätestens 1777 in das akademische Umfeld Wiens und Prags. Der Artikel untersucht die mit Österreich verbundene Geschichte des Prager handschriftlichen deutsch-litauischen Wörterbuchs im Zeitraum von 1777 bis 1861. Es wird versucht, die Besitzer des Wörterbuchs und die Reihen der Forscher und „Nutzer“ zu ermitteln. Die Frage wird aufgeworfen, warum und unter welchen Umständen das Wörterbuch nach Wien und später nach Prag gelangte und welche Bedeutung es hatte.
1 Der Artikel wurde im Rahmen des von der Staatlichen Kommission für die litauische Sprache geförderten Projekts erstellt Untersuchung und Druckvorbereitung des Friedrich Wilhelm Haack zugeschriebenen handschriftlichen deutsch-litauischen Wörterbuchs (Anfang des 18. Jahrhunderts) (Vertrag Nr. K-4/2012, abgeschlossen am 01.02.2012).
2 Der Artikel entstand im Rahmen des Projekts Untersuchung und Redaktion des handschriftlichen deutsch-litauischen Wörterbuchs, das Friedrich-Wilhelm Haack zugeschrieben wird (Anfang des 18.th Jahrhunderts). (Vertrag Nr. K-4/2012, abgeschlossen am 01.02.2012).
S T I C H W Ö R T E R: deutsch-litauisches Wörterbuch, Lexikografie Ostpreußens, Friedrich Wilhelm Haack, Motiejus Philonomas Benešovskis, Josef Valentin Zlobickis, Josef Dobrovskis, Pavel Josef Šafárik, František Ladislav Čelakovský, Leopold Geitler.
S C H L Ü S S E L W Ö R T E R: deutsch-litauisches Wörterbuch, Lexikografie Ostpreußens, Friedrich-Wilhelm Haack, Matouš Benešovský Philonomus, Josef Valentin Zlobický, Josef Dobrovský, Pavel Josef Šafárik; František Čelakovský, Leopold Geitler.
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Acta Linguistica Lithuanica LXXI
Ein Frydrich Wilhelm Haack zugeschriebenes handschriftliches deutsch-litauisches Wörterbuch in Tschechien
ANNOTATION
Die im Clementinum aufbewahrte litauistische lexikografische Quelle, die auf die dritte und vierte Dekade des 18th Jahrhunderts zurückgeht, gelangte spätestens 1777 in das akademische Umfeld von Wien–Prag. Der Beitrag untersucht die österreichische Geschichte des Prager Manuskripts des deutsch-litauischen Wörterbuchs im Zeitraum von 1777–1861. Es wird versucht, neben den Forschern – den „Benutzern“ – auch die Eigentümer des Wörterbuchs zu identifizieren. Aufgeworfen wird die Frage, warum und unter welchen Umständen das Wörterbuch in Wien und später in Prag auftauchte und welche Bedeutung es hatte.
Der Kodex mit dem Titel Hacke. Lexicon Lithuanicum (Aufschrift auf dem Buchrücken) wird derzeit im Clementinum, in der Abteilung für Handschriften und alte Drucke der Nationalbibliothek der Tschechischen Republik, aufbewahrt (Národní knihovna Oddělení rukopisů a starých tisků, Signatur XVI.F.30). Das auf die dritte bis vierte Dekade des 18. Jahrhunderts datierte Manuskript besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil (2r–344v) ist ein deutsch-litauisches Wörterbuch, das die Gruppe der Abschriften aus Kleinlitauen repräsentiert, zu der folgende Werke gehören: Lexicon Lithuanicum3, Krauses Wörterbuch4, Richters Wörterbuch5, Clavis Germanico–Lithvana6 sowie das Wörterbuch mit der Signatur Msc. 84 4o7. Der zweite Teil (ab 345r) ist ein weitaus eigenständigeres und fortschrittlicheres lexikografisches Vorhaben, Observatio de origine Verborum Littwhaniorum, genauer gesagt dessen Anfang (ausführlicher zu dieser Handschrift, ihrem Aufbau, der Art ihrer Bestandteile und ihrer Autorschaft siehe Lemeškin 2012, 2013). Den Wasserzeichen zufolge entstand das lexikografische Denkmal in Kleinlitauen und gelangte vermutlich bald darauf nach Halle. Davon zeugt ein auf die Verhältnisse in Halle verweisender Schenkungsvermerk (1r), in dem die Autorschaft des Wörterbuchs Frydrich Wilhelmui Hakui (Friedrich Wilhelm Haack) zugeschrieben wird:
Auctor Hacke War Prediger in Lithauen. Hat zu Halle studirt. Seine Sprach= lehre soll auf dem Weisenhause gedruckt seyn. Dono dedit [D]. Baumgarten
3 Mitte des 17. Jahrhunderts; aufbewahrt in der Handschriftenabteilung der Bibliothek der Litauischen Akademie der Wissenschaften (LMAB RS): Bestand 137–10; Faksimile: Lexicon Lithuanicum 1987.
4 Dritte bis vierte Dekade des 18. Jahrhunderts; aufbewahrt in der Litauischen Nationalbibliothek Martynas Mažvydas, Abteilung für Handschriften: Bestand 1 – 5792. Zur Datierung des Manuskripts siehe Drotvinas 1984.
5 Richters (oder Klaipėdaer) Wörterbuch wird auf 1728 datiert; aufbewahrt im Archiv der Franckeschen Stiftungen in Halle: AFSt J 84.
6 Aufbewahrt in der Handschriftenabteilung der Bibliothek der Litauischen Akademie der Wissenschaften (LMAB RS): Bestand 137 13–14; von Vincentas Drotvinas 1995–1997 herausgegeben – Clavis Germanico-Lithvana 1995–1997.
7 Bis zum Zweiten Weltkrieg im Rēsa-Bestand des Geheimen Königlichen Archivs in Königsberg aufbewahrt; gilt derzeit als verschollen.
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„Der Verfasser Hacke war Prediger in Litauen. Er studierte in Halle. Seine sprachwissenschaftliche Arbeit muss / dürfte in der Druckerei Weisenhause erschienen sein. Baumgarten schenkte sie.“
Die folgende Provenienzangabe (1r) verweist bereits auf einen anderen Kontext der Existenz des lexikografischen Denkmals – den akademischen Kontext Österreich-Ungarns:
Ex Libris Josephi Zlobický Professoris litteratura Bo= hemica Vienna 1777.
1875 machte der tschechische Slawist und Litauist Leopold Geitler (1847–1885) bescheidenen Gebrauch von den Angaben des handschriftlichen Wörterbuchs. In seine Beiträge zu Nesselmanns litauischem wörterbuch nahm er (Geitler 1875: 74–123) die Lexeme merlė (S. 96), patupėlis (S. 103) und pranaras (S. 104) mit der Anmerkung aus einem in der prager bibliothek aufbewahrten lit. wörterbuche. In welchem Jahr das von ihm verwendete Wörterbuch in die „Prager Bibliothek“, d. h. in die damalige Kaiserlich-königliche öffentliche und Universitätsbibliothek in Prag, gelangte, ist nicht bekannt. Der Bibliotheksstempel REGIAE BIBLIOTH. ACAD. PRAGEN., der auf mehreren Blättern des Manuskripts eingedrückt ist, wurde von der Gründung der Bibliothek, also seit 1777, bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts verwendet. Das Wörterbuch ist auch im ältesten Bestandsverzeichnis der Bibliothek (aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts) verzeichnet, und zwar in dessen Hauptteil, der den Zeitraum bis 1861 umfasst.
Somit ist die Herkunft der lexikografischen Arbeit aus Kleinlitauen auf dem Gebiet Österreich-Ungarns für den Zeitraum von 1777 bis 1861 gut belegt. Zugleich stellen sich folgende Fragen:
1. Wann genau, d. h. 1777 oder bereits davor, warum und unter welchen Umständen wurde das Wörterbuch Eigentum von Josef Valentín Zlobický (Zlobický)?
2. Warum und wann gelangte das Wörterbuch von Wien nach Prag, und auf Initiative welcher Person wurde es in den Bestand der öffentlichen Universitätsbibliothek aufgenommen?
3. Welchen Prager Baltisten stand das Wörterbuch zur Verfügung, d. h. wie und wodurch beeinflusste es die Entwicklung der tschechischen Philologie im 19. Jahrhundert?
Antworten auf diese und weitere Fragen suchen wir in diesem Artikel.
1.
Um die Entstehung des litauistischen lexikografischen Materials, seine Verbreitung und seine Bedeutung in Tschechien zu beleuchten, richten wir den Blick zunächst auf eine frühere Epoche. Der Rückblick auf die Geschichte der Linguistik, konkret auf das Ende des XVI. Jahrhunderts, trägt dazu bei, die Einstellung der Prager Philologen des XVIII.–XIX. Jahrhunderts zu den lexikalischen Ressourcen der baltischen Sprachen besser zu verstehen.
Auf der Ebene der Sprachreinheit klingt das litauistische Thema in Tschechien erstmals im Jahr 1587 an. Das in Prag erschienene Werk des Protoslawisten Matěj Philonom Benešovský (Matouš Benešovský Philonomus, 1550–1595) Knijžka slow Czěských wyložených
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Knižka slow Čžeských wyložených odkud swůj počátek magí yaký gest gegich rozum, Knihovna Národního musea, sign.: 26.D.41
odkud swůj počátek magí (totíž) yaký gest gegich rozum („Büchlein tschechischer Wörter, das erklärt, woher sie stammen und was sie bedeuten“) gilt als das erste etymologische Wörterbuch einer slawischen Sprache. Die litauische Sprache erscheint darin nicht im Haupttext (wie heute üblich), sondern im Vorwort des Autors, in dem Gedanken zur Reinigung der tschechischen Sprache verbreitet werden. Aus heutiger Sicht ungewöhnlich ist auch die Rolle, die das Litauische in diesem Vorwort spielt. Es wird nicht als eine von mehreren gleichberechtigten Ausprägungen des Vorworts verstanden, sondern als abschreckendes Beispiel. Das Litauische wird hier zu einem ökolinguistischen Schreckgespenst, das die bewussteren Tschechen warnen und zu einer reinen tschechischen Ausdrucksweise lenken soll:
Unterscheiden wir uns wirklich so sehr von Papageien, Elstern und anderen Vögeln, die menschliche Sprache sprechen können, aber ohne Verstand, weil sie nicht wissen, was sie sagen? Wenn wir also viele deutsche und lateinische Wörter in unsere Sprache mischen und sie nicht mehr verstehen, werden wir jenen unvernünftigen Vögeln gleichen, die so sprechen, wie ihnen ihr Geplapper vorgegeben wurde, also wie sie es gelernt haben. Schließlich wird es unvermeidlich dazu kommen, dass wir ein Sprachgemisch haben, ähnlich wie Litauen, ein Volk, das seinem Namen nach aus verschiedenen Völkern besteht, da Litva ist
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Collectium nomen bezeichnet eine Vielzahl verschiedener Menschen, die [Menschen] aus dem Griechischen, Slawischen, Italienischen und Deutschen zu einem einzigen Wirrwarr vermischen. Deshalb wundere ich mich nicht allzu sehr über ungebildete Menschen, die ohne Rücksicht auf den Verstand [die Bedeutung] alles Mögliche nachplappern. Ich wundere mich über diejenigen, die sich für gelehrt halten oder es tatsächlich [sind], aber in ihre Schriften viele unbekannte, unangenehme und oft wahrhaft schwer auszusprechende Wörter aufnehmen. Wozu das Wort Erbanuńky, wozu Halspant, Armpant und andere ungeschickte Wörter, die unzählige Menschen nicht verstehen? Warum soll ich nicht auf Tschechisch Přezwědnějí sagen, statt des entstellten griechischen Wortes pranostyka, das Bedeutung und Sinn verdunkelt? (Benešovský 1587: 6–7)8
Es erscheint ungewöhnlich, dass M. Benešovský, auch bekannt als Verfasser der Grammatica bohemica von 1577, die damalige Gesellschaft gerade mit der litauischen Sprache erschreckt. Für tschechische Ohren muss sie ungewohnt geklungen haben. Vielleicht hätte eine ähnlich strenge Aussage über eine den Tschechen zugänglichere Sprache bei den Lesern Widerspruch hervorgerufen. Das Beispiel einer angeblich fernen, „verunreinigten“ und „vermischten“ Sprache konnte in dieser Hinsicht viel geeigneter sein. Doch welche Absichten der Autor auch immer hatte: Wenn er über die litauische Sprache sprach und dies und jenes über ihre Beschaffenheit behauptete, musste er sich in seinen Überlegungen dennoch auf etwas Konkretes stützen.
Es lässt sich nicht ausschließen, dass er über eine gewisse persönliche, das heißt unmittelbare, wenn auch fragmentarische Erfahrung verfügte (es gibt Grund zu der Annahme, dass er als Begleiter einer Gesandtschaft kurz in Polen war). Seine Meinung über diese Sprache könnte er auch von anderswo übernommen, das heißt in seinem Werk lediglich wiedergegeben haben. Eine mögliche Quelle lässt sich ebenfalls nennen. Solche Kenntnisse könnte in Tschechien der tschechische Jesuit Balthasar Hostounský (*1535–1600 06 07) verbreitet haben, der nach seiner Rückkehr aus Vilnius im Jahr 1571 am Prager Jesuitenkolleg Latein, Griechisch und Theologie lehrte (ausführlicher siehe Narbutas 2011: 58–60). Gerade zu jener Zeit dürfte Matěj Benešovský sein Studium an diesem Kolleg abgeschlossen haben (von seiner Absicht, das Studium bei den Jesuiten abzuschließen, erfahren wir aus dokumentarischen Quellen; ausführlicher siehe Koupil 2007: 223–234). Die Jesuiten, die das Kolleg in Vilnius gründeten, könnten die Auffassung vom Litauischen als Sprachgemisch geprägt haben; sie könnte aber auch aus früheren Zeiten überliefert worden sein. Spuren davon finden sich bereits im XIX. Jahrhundert, etwa in der literarischen Polemik Simonas Daukantas’ mit den gelehrten Männern, in deren Augen „die Sprache Litauens angeblich ein Gemisch aller möglichen Sprachen sei“ (Daukantas 1976: 64). Darüber hinaus ist ein weiterer wichtiger Umstand zu berücksichtigen. M. Benešovský war eng mit dem Emmauskloster verbunden, in dem er bis 1592 als Pfarrer wirkte. In diesem utraquistischen Kloster in der Prager Neustadt, das heute auch Na Slovanech genannt wird, hielt sich die slawische Liturgie am längsten (Hůňáček 1975). Man nimmt an, dass hier nach den Vorstellungen des Stifters Karl IV. und entsprechend seinen politischen Plänen Kräfte und einschlägige Schriftressourcen gesammelt wurden, die zur Ausdehnung des Reiches nach Osten benötigt wurden. Zu Beginn des Jahrhunderts dürfte dieser für die slawische Schriftkultur besonders bedeutende Ort auch Francysk Skaryna von Nutzen gewesen sein, der dem Hinweis Petro Voits zufolge das Kloster als Dankeszeichen in seiner ruthenischen Prager Bibel darstellte – in der Illustration Осада Иерусалима (Книги... царств... Praha, 1518, f. 183; Voit 2014). Leider ist unser
8 Diese und die übrigen Zitate wurden vom Autor des Artikels übersetzt.
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Der Klosterbibliothekskatalog erreichte sie nicht, aus dem wir Rückschlüsse auf die damals im Kloster aufbewahrten slawistischen und baltistischen Denkmäler ziehen könnten.
Wie dem auch sei: Die 1587 in Prag verbreitete Ansicht über die Eigenschaften der litauischen Sprache war aus Vergleichen mit den slawischen Sprachen hervorgegangen, denen das besprochene Buch unmittelbar gewidmet ist. Die grammatische Struktur der Letzteren, d. h. der slawischen Sprachen, war damals bereits recht gut beschrieben (auch dank M. Benešovský selbst), doch auf eine Grammatik der litauischen Sprache musste man noch bis 1653 warten. Natürlich gründete sich die ablehnende Haltung gegenüber dem Litauischen nicht auf einen Vergleich grammatischer Merkmale, sondern auf handschriftliche Denkmäler nichtlinguistischen Charakters, insbesondere auf deren Wortschatz. Somit wurden die lexikalischen Ressourcen im Rahmen der Theorie der Komponenten (Dini 2009) interpretiert. Im litauischen Wörterbuch unterschied man entsprechend mehrere Bestandteile: griechische, slawische, italienische und deutsche. Für diesen Zweck eigneten sich gerade lexikografische Quellen am besten (im Mittelalter Wörterbücher vom Typ des Elbinger Vokabulars). Aus ihnen zog man lange Zeit Rückschlüsse auf die Eigenart der Sprachen und ihre wechselseitigen Beziehungen, insbesondere außerhalb der Grenzen des ethnischen Litauens. Diese Arbeitsmethode beschränkte sich leider nicht auf die Zeit, in der sich in Tschechien die Paläo-
Sie war im 18. und sogar noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbreitet. Die traditionelle, aus der Antike überlieferte Neigung, mit Wörterbüchern zu arbeiten, war vermutlich auch ausschlaggebend für die Entstehung des deutsch-litauischen Wörterbuchs für Kleinlitauen in Wien und später in Prag.
Ein Blick auf M. Benešovskýs Buch offenbart einen weiteren wichtigen Umstand, der sowohl gegen Ende des 16. als auch zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Interesse an der litauischen Lexikografie und ihre Erforschung förderte. Litauische Wörterbücher waren besonders wichtig, um die Verbreitung der slawischen Sprachen beziehungsweise Völker zu bestimmen. In M. Benešovskýs Werk wird dieses Bestreben deutlich verwirklicht. Der Autor betont die Bedeutung der „tschechisch-slawischen Sprache“ und wertet zugleich das Deutsche ab, während er versucht, die weitläufige Geografie der slawischen Welt zu erfassen:
Ein zweiter Grund bewegt mich, diese Sache zu veröffentlichen – damit alle Deutschen wissen, dass die deutsche Sprache als Mischsprache nicht allein den Deutschen gehört, sondern dass zu derselben deutschen Sprache auch zahlreiche andere Länder [gehören], zum Beispiel Bayern, Schwaben, die Niederlande und
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andere, die ihnen besser bekannt sind. Ebenso ist auch die tschechische Sprache nicht nur im tschechischen Land beheimatet, sondern es gibt mehr als hundert Länder, in denen unsere slawische Sprache gesprochen wird: Böhmen, Mähren, Schlesien, die Lausitzen, Kleinpolen, Großpolen, Masuren, Podlachien, Großrussland, Weißrussland, Wolhynien, Podolien, das Gebiet von Kiew, Sewerien, das Land der Kaschuben und viele andere im Königreich Polen. Außerdem gibt es zahlreiche Gebiete im Moskauer Fürstentum. Beim serbischen Volk. Viele Länder sind unter türkischer [Herrschaft]. Im Königreich Ungarn, in Dalmatien, Kroatien, Bulgarien, Liburnien, Slowenien und im Königreich Bosnien. Alle diese Völker verwenden eine slawische Sprache; deshalb kann unsere Sprache nicht unbedeutend sein.
[...] In wessen Sprache erlangte Cicero großen Ruhm und viel Lob? – Natürlich in seiner Muttersprache. Ebenso ist auch Demosthenes in der Sprache, in der er geboren wurde, als beredter Redner berühmt. Ebenso wissen wir, dass weder das Griechische noch das Lateinische der slawischen Sprache gleichkommen kann, denn alle jene griechischen Länder sprechen bereits slawisch. Auch in den türkischen Gebieten hat sich die kroatische Sprache weit verbreitet. Die griechische und die lateinische Sprache sind untergegangen und halten sich bei den Gelehrten noch mühsam, doch es gibt kein eigenes Land, in dem man entweder Griechisch oder Latein spricht. Unsere Sprache hingegen hat einen so großen Teil der Welt erfasst, dass ihr unter dem Himmelsgewölbe keine andere [Sprache] völlig gleichkommen kann. (Benešovský 1587: 5, 7–8)
Es versteht sich von selbst, dass die litauische Sprache aufgrund ihrer vermeintlichen Verunreinigung nicht zu den eigenen prestigeträchtigen slawischen Sprachen gezählt wird. Litauens Collectiuum nomen findet sich in der langen Aufzählung slawischer Länder zwischen Böhmen, Mähren, Schlesien, den Lausitzen, Polen usw. nicht. Die Argumentation des Autors ist vom Stand der linguistischen Gedankenwelt des 16. Jahrhunderts geprägt. Aus heutiger Perspektive wirkt die Art der Forschung jenes Jahrhunderts recht eigenwillig; umso erstaunlicher ist jedoch die fortschrittliche zentrale Schlussfolgerung, dass die litauische Sprache nicht zu den slawischen Sprachen gehört. Die Bedeutung dieser Schlussfolgerung von 1587 wird vor dem Hintergrund der Philologie der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts deutlich, als die Balten noch häufig den Slawen zugerechnet wurden. Es besteht kein Zweifel, dass das Wörterbuch provenienzmäßig aus Halle im 18.–19. Jahrhundert attraktiv und gefragt war, weil man damit die seit M. Benešovský aktuelle Frage nach den Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Völkern klären wollte. Wahrscheinlich deshalb gelangte das Wörterbuch nach Wien und später auch nach Prag.
Die Kontinuität der Gedanken und der linguistischen Forschung veranschaulicht gut die Tätigkeit des tschechischen Philologen František Ladislav Čelakovský (Čelakovský, 1799–1852) aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Als Baltist trat F. L. Čelakovský erstmals 1825 in Erscheinung, als er Slawische Nationallieder veröffentlichte (Bd. 1 – 1822, Bd. 2 – 1825, Bd. 3 – 1827). In den zweiten Band nahm er drei litauische Lieder auf, die er aus Pilypas Ruigys Untersuchung über Ursprung, Wesen und Eigenschaften der litauischen Sprache: Die Braut des Bruders entnommen hatte (Ich habe meiner Mutter entsagt…, S. 200–202 = Ruhig, Nr. 3, S. 77–78), Das fleißige Mädchen (Ich hatte ein Pferdchen…, S. 202–205 = Ruhig, Nr. 2, S. 76–77), Das Mädchen führt den Geliebten hinaus (Frühmorgens, am frühen Morgen…, S. 205–206 = Ruhig, Nr. 1, S. 75–76). Alle Lieder dieser umfangreichen dreibändigen Sammlung wurden in der Originalsprache mit einer parallelen Übersetzung ins Tschechische veröffentlicht. Dies geschah, damit sich der Leser mit eigenen Augen von der Verwandtschaft der Sprachen überzeugen konnte. Das Erscheinen litauischer Lieder in dieser Sammlung zeigt, dass dem Herausgeber die Ähnlichkeit der baltischen und slawischen Sprachen am Herzen lag.
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Warum litauische Lieder in einer Sammlung slawischer Lieder erschienen sind, erklärt F. L. Čelakovský selbst recht ausführlich, wobei er sich auf sprachliche Argumente und die Aussagen M. Benešovskis stützt:
Diese drei reizvollen Lieder stammen aus Ruigys Abhandlung über die litauische Sprache, die seinem Wörterbuch und der Grammatik seines Sohnes beigefügt ist. Lessing und Herder haben hinreichend über ihre Schönheit berichtet. Gehören sie zu Recht oder zu Unrecht zur Sammlung „Slawische Lieder“? Diese Frage – und eine weitere, noch wichtigere: Kann man die litauische Sprache den slawischen Sprachen zurechnen? – lässt sich leicht beantworten.
Vergleicht man den grammatischen Aufbau und den Wortschatz der litauischen und der slawischen Sprachen, so zeigt sich sofort, dass alle zahlreichen slawischen Sprachen einander ähnlicher und stärker miteinander verbunden sind als irgendeine slawische Sprache mit dem Litauischen, wenn man sie von beiden Seiten her vergleicht. Bislang ist nicht entschieden, welcher der eigenständigeren Sprachen dieses Gemisch aus mehreren Sprachen zuzuordnen wäre. Ungeklärt ist, ob man es – wie der gelehrte Pole Herr [Ksaveras] Boguš behauptet und zu beweisen sucht – als eine eigenständige Sprache bezeichnen kann, die eng mit dem Lettischen, anders gesagt der Sprache Kurlands, verwandt ist. Ruigys hält in seinem oben erwähnten Werk das Griechische für die Großmutter des Litauischen und führt zum Beweis etwa vierhundert gleich oder ähnlich klingende Wörter derselben Wurzel an. Doch ebenso gut kann man auch die slawischen Sprachen für diese Großmutter halten.
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Nachdem ich dasselbe Wörterbuch von Ruhig durchgesehen hatte (auch wenn es unvollständig ist), fand ich mehr als sechshundert Wörter, die ähnlich klingen oder eine gemeinsame Wurzel haben9 mit den slawischen Sprachen, zusammengesetzte und abgeleitete Wörter nicht mitgerechnet. Ich würde jedoch zugestehen, dass der grammatische Aufbau des Litauischen mehr Gemeinsamkeiten mit dem Griechischen als mit den slawischen10 Sprachen aufweist, obwohl auch diese Gemeinsamkeiten gering sind. Eine weitere Verwandtschaft besteht mit den lateinischen und germanischen Sprachen sowie mit der Sprache der Roma (Zigeuner11); ihre Ursachen muss man jedoch weiter zurückliegend unter Einbeziehung des Sanskrit suchen. Daraus wird ersichtlich: Auch wenn sich das Litauische den slawischen Sprachen nicht zurechnen lässt, so weist diese Sprache – zusammen mit dem Lettischen und dem ausgestorbenen Altpreußischen, soweit sich aus dessen Überresten schließen lässt – eine engere Verwandtschaft mit den Slawen als mit den Griechen, Römern und Germanen auf und ist daher zumindest teilweise unserem Sprachstamm zuzurechnen.
So mögen denn auch hier, auf diesen Seiten, die litauischen Lieder als entferntere Verwandte der slawischen verstanden werden. Dr. Rėza versprach, bald (1818) eine umfangreichere Sammlung litauischer Lieder herauszugeben; ob dies geschah, weiß ich nicht. (Čelakovský 1825: 220–222)
1825 wurde in Slawische Volkslieder eine recht ausführliche Anmerkung zur litauischen Sprache, ihrem Wesen und ihrem Verhältnis zu anderen Sprachen, vor allem zu den slawischen, veröffentlicht; diese Anmerkung weist eine deutliche textgeschichtliche Verbindung zur Prager sprachwissenschaftlichen Veröffentlichung von 1587 auf (M. Benešovskis: Nebo Lytwa geft Collectium nomen / lidu množ[t]wí rozličného znamenagicy / Kterýž z Ržckého / z Slovanského / z Wlafkého a z Německého yazyku gednu zpllete-
9 Ein Erforscher und Erklärer der slawischen Sprachen kann die Herkunft mancher Wörter, die sich anhand des Wortschatzes seiner eigenen Sprache (ihrer sprachlichen Mittel) nur schwer erschließen lässt, mithilfe des Litauischen leichter erklären und ableiten. So stammt beispielsweise das Wort nevėsta, lit. nevėdes, von vedu, Inf. vesti, was bedeutet: a) unser „ich führe“, b) „ženjм se, wdàwám se“, ähnlich dem lateinischen ducere (uxorem). Unser nevėsta wäre demnach gleichsam „nicht geführt“, unverheiratet, trotz des weichen ė, das im Mund der Slawen leicht zu einem weichen [Laut] wird. Ebenso pljce [Lungen] von iszplečiu usw.
10 Es sei darauf hingewiesen, dass der Infinitiv auf –ti im Präsens der 1. Person Singular regelmäßig der Endung –u (oder –mi, wie im Griechischen) entspricht, wie auch in den slawischen Sprachen; ebenso wird er flektiert, zum Beispiel: metu, mesti, glaudžiu, glausti usw.
11 Wie etwa lit. ašzara, ro. avs ‚Träne‘, avsapav ‚tränen‘; lit. bàras, ro. bar ‚Garten‘; lit. butinay, ro. but ‚viel‘; lit. rändas, ro. randav ‚Scherben‘; lit. rytas, ro. ratàha ‚am Morgen‘ usw.
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nischen Magi – F. L. Čelakovský: Es ist noch nicht entschieden, zu welcher der selbständigeren Sprachgruppen diese vielsprachige Rede gezählt werden könnte), hatte große Bedeutung. Eine ausführliche Antwort auf die von F. L. Čelakovský aufgeworfene Frage gab in der Mitte des Jahrhunderts August Schleicher (Schleicher 1853: 320–334).
Die von F. L. Čelakovskis angestellten Überlegungen sind für uns aufgrund ihres Bezugs zu dem im Klementinum aufbewahrten handschriftlichen deutsch-litauischen Wörterbuch von Bedeutung. Die Veröffentlichung von 1825 belegt, dass F. L. Čelakovskis bei seiner Arbeit mit P. Ruigio Wörterbuch mehr als sechshundert Wörter auswählte, die ähnlich klingen oder eine gemeinsame Wurzel mit den slawischen Sprachen haben. Diese Lexeme bildeten den Kern eines litauischen Wörterbuchs, dessen Ziel es war, die Ähnlichkeit zwischen dem Litauischen und den slawischen Sprachen aufzuzeigen. Dieser gemeinsame baltisch-slawische Lexikkern wurde von 1825 bis etwa 1852 erweitert, und zwar gerade auf der Grundlage des für uns relevanten lexikografischen Werks aus Kleinlitauen (dazu weiter unten).
Somit lassen sich einige allgemeine Schlussfolgerungen zum Entstehen des hier behandelten deutsch-litauischen Wörterbuchs und zu seiner Rezeption in Tschechien ziehen:
a. Das handschriftliche Wörterbuch, das Zeitgenossen F. W. Hakui zuschrieben, ist weder im Hinblick auf Praha noch auf Vienna einheimisch. Es stammt nicht aus dem Bestand des Klosters Emaus, und es wurde auch nicht von den in Vilnius tätigen Jesuiten geschaffen (in diesem Sinne führte die erste Begegnung mit dem lexikografischen Denkmal zu Enttäuschung). Das Aufkommen des Wörterbuchs in Österreich-Ungarn ist ein sekundäres, spätes Phänomen, das durch akademische und linguistische Erwägungen bedingt war;
b. Die Heranziehung lexikalischer Ressourcen (auch der litauischen) und der Einsatz der Komponententheorie, um die Eigenschaften der untersuchten Sprachen zu erschließen, waren in der Sprachwissenschaft in Tschechien mindestens seit dem späten XVI. Jahrhundert üblich. Dies förderte die systematische Sammlung handschriftlicher und später auch gedruckter Wörterbücher sowie die Arbeit mit ihnen. Eine ähnliche Methodik kam bereits zu Beginn des XIX. Jahrhunderts zur Anwendung;
c. Für den Transfer litauistischen Materials, darunter auch des Wörterbuchs aus Kleinlitauen, nach Österreich-Ungarn war die seit Langem aktuelle Problematik der vergleichenden Slawistik und der Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen maßgeblich.
2.
Der erste in Österreich-Ungarn bekannte Wörterbuchbesitzer wird in der Provenienzangabe von 1777 als Professor für böhmische Literatur in Vienna bezeichnet. J. V. Zlobickis (1743–1810) hatte dieses Amt vom 7. Oktober 1775 bis zu seinem Tod inne. Die Ernennung zum ersten Professor für tschechische Sprache und Literatur an der Universität Vienna hing mit seinen organisatorischen Verdiensten zusammen, vor allem mit der Ausarbeitung des Studienplans für slawische Sprachen Entwurf eines Slawischen Instituts, mit dem die Wiener Hochschule reformiert werden sollte, um den Unterricht in lebenden Sprachen einzubeziehen. Bereits zuvor, am 24. Oktober 1773, ernannte Maria Theresia ihn aufgrund eines anderen Verdienstes (der tschechischen Übersetzung des Hebammenhandbuchs Wedenj k prawému, a dokonalému Babjmu Uměnj: we Wjdni s Sjulcowým Pjſmem von 1773)
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J. V. Zlobickis zum Lehrer der tschechischen Sprache an der Kaiserlich-Königlichen Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt.
Die Einkünfte an der Universität waren nicht ausreichend, weshalb der begabte Philologe als Beamter an der Obersten Justizstelle (Oberste Justizstelle) arbeiten musste, wo er ebenfalls einen hohen Rang erreichte. Für seine Tätigkeit als Zensor und für Übersetzungen musste er viel Zeit und Mühe aufwenden; außerdem verdiente er als Privatlehrer für die Nachkommen Wiener Aristokraten. Die vielseitige Tätigkeit J. V. Zlobickis behinderte seine wissenschaftliche Arbeit. Daher blieb der Großteil seiner Vorhaben unausgeführt oder unvollendet, darunter auch die Abfassung einer Grammatik der slawischen Sprachen.
Die Entstehung einer vergleichenden Grammatik der slawischen Sprachen war eng mit seiner Professur an der Militärschule und ab 1775 an der Universität Vienna verbunden. Das Konzept der Slawistik zeigt sich in dem bereits erwähnten, von J. V. Zlobickis ausgearbeiteten Studienplan Entwurf eines Slavischen Instituts (Reichel 2004: 238–242). Dem Plan zufolge wurden die slawistischen Fächer in Vorlesungen behandelt (drei bis vier Stunden pro Woche), von denen ein Teil in der Wohnung des Gelehrten stattfand. In seiner Wohnung (heute Bäckerstraße 14) begann der zweisemestrige Kurs mit einer Einführung in die Slawistik, die eine Behandlung des Litauischen (Baltischen) nicht auslassen konnte. Der Unterricht zu Hause (auf der gegenüberliegenden Straßenseite vor der Universität) war insofern nützlich, als der Forscher bei Bedarf jederzeit eine benötigte Veröffentlichung oder ein Manuskript aus seiner Privatbibliothek holen (darunter auch das deutsch-litauische Wörterbuch), im Unterricht verwenden oder ausleihen konnte. In der Einführung wurden unter anderem die Vielfalt der slawischen Sprachen, die urslawische Sprache und die Gründe für deren Aufspaltung behandelt. Leider wurde die vergleichende Grammatik der slawischen Sprachen weder abgeschlossen noch veröffentlicht. Das vorbereitende Material übergab der Forscher ungefähr in den 1780er Jahren seinem Schüler Maximilián Václav Šimek (1748–1798), doch der „undankbare Esel“ (wie der Lehrer später seinen Fortsetzer nannte) vollendete das Projekt nicht (das von J. V. Zlobickis für eine tschechische Grammatik zusammengestellte Material veröffentlichte er unkorrekt, ohne Ergänzungen und Änderungen, unter seinem eigenen Namen: M. Schimek, Handbuch für einen Lehrer der bömischen Literatur, Wien: gedruckt bei Christian Friederich Wappler, 1785)12.
Es ist nicht leicht zu entscheiden, in welchem Jahr und warum das handschriftliche deutsch-litauische Wörterbuch die umfangreiche Privatbibliothek von J. V. Zlobickis verließ. Nach dem Tod des Philologen erwartete die Bibliothek ein trauriges Schicksal. Die Büchersammlung von 17 000 Einheiten wurde leider aufgeteilt und löste sich im Laufe der Zeit auf. Uns liegen nur Beschreibungen vor, die auf Initiative der Erben des Philologen erstellt wurden und einen Eindruck vom Inhalt der Bibliothek vermitteln. Eine uns bekannte Beschreibung wird in Vienna aufbewahrt, die andere in Praha; in keiner von beiden ist das Wörterbuch jedoch verzeichnet.
12 Mit dem handschriftlichen Nachlass von Maximilián Šimek befasste sich ausführlich habil. Dr. Tatána Vykypělová (Vykypělová 2012). Die Forscherin beriet uns gerne zu den Fragmenten einer von M. Šimek handschriftlich verfassten Grammatik aller slawischen Sprachen. Hinweise oder Gedanken zum Litauischen finden sich darin nicht. Auch lexikografische Quellen werden nicht erwähnt.
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Die Quelle mit dem Titel Katalog slavik knihovny J. V. Zlobického, die in der Bibliothek des Nationalmuseums in Prag (Knihovna Národního muzea, IX E 37a) aufbewahrt wird, führt auf (27r–28v):
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1747 Littauisch-deutsches, und deutsch Littauisches Lexicon. Königsberg 8.
1755 Biblia, tai eſti: Wiſſas Szventas Ráſtas Séno ir Naujo Teſtamento. Karalauczuje. 8. 880 P.
1754 Propheten, mit den Büchern, die Apokryphen genannt werden. Karaláwczuje. 8. 891–1416.
1755 Naujas Teſtamentas. Karalauczuje. 8. 364 P.
Im Wesentlichen liegen zwei Werke vor: P. Ruhigs Wörterbuch der litauischen und deutschen sowie der deutschen und litauischen Sprache aus dem Jahr 1747 (Littauisch-deutsches und deutsch-littauisches Lexicon, worinnen ein hinlänglicher Vorrath an Wörtern und Redensarten, welche sowol in der H. Schrift, als in allerley Handlungen und Verkehr der menschlichen Gesellschafften vorkommen, befindlich ist / mit möglichster Sorgfalt, vieljährigem Fleiss, und Beyhülfe der erfahrensten Kenner dieser Sprache gesammelt von Philipp Ruhig, Pfarrern und Seniore zu Walterkehmen, Insterburgischen Hauptamtes. 1747) und die von Adomas Frydrichas Schimelpenigis herausgegebene zweite Ausgabe der Bibel von Jonas Bretkūnas (Biblia, tai eſti: Wissas Szventas Rásżtas, Séno ir Naujo Testamento / pagal wokiszką pérstáttimą d. Mertino Luteraus, su kiekwieno pérskyrimo trumpu praneszimu, ir reikalingu pazenklinnimu tu paczû žodźû, kurrie kittose pérskyrimose randomi, nû kellû mokytojû Lietuwoj’ lietuwiszkay pérstattytas, ir antrą kartą iszspáustas. 1755), deren Bestandteile waren: Prarakai, su tomis knygomis kurros wadd vamos Apokrypa [...] und Naujas Testamentas, musû Pono bey Iszgannytojo Jezaus Kristaus.
Der in der Österreichischen Nationalbibliothek aufbewahrte Catalogus librorum impressorum et manuscriptorum ad historiam Slavorum praecipue veero Tschechorum facientium (Österreichische Nationalbibliothek, Sammlung von Handschriften und alten Drucken, cod. 13788), zusammengestellt von Josef Dobrovský, ergänzt das Verzeichnis baltistischer Quellen (f. 50v) um ein weiteres Buch: Dictionarium Polono-Latino-Lottauic: opus [...] P. georgii Elger. S. J. Vilnae 1683. 8. (674P).
Der baltistische Teil der Bibliothek beschränkte sich vermutlich nicht auf die genannten Werke. Im Laufe der Zeit veränderte sich der Bestand der Bibliothek. Bis in die siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts, solange die vergleichende Slawistik von Bedeutung war, müssen litauistische Quellen erheblich zahlreicher gewesen sein. Ein handschriftliches deutsch-litauisches Wörterbuch aus Kleinlitauen veranschaulicht dies sehr gut (der Forscher hatte das Wörterbuch mindestens seit 1777 in seiner Bibliothek, doch die bibliografischen Verzeichnisse führen es nicht auf). J. V. Zlobickis arbeitete mit dem gesamten akademischen Umfeld Wiens und Prags zusammen und pflegte Kontakte dorthin. Bücher, die er besaß, insbesondere solche, die für ihn damals nicht von Interesse waren, lieh er gern aus oder überließ sie engen Kollegen, für die sie nützlicher waren. Wahrscheinlich wechselte auf diese Weise auch das Wörterbuch den Besitzer und gelangte schließlich ins Prager Clementinum.
Aufgrund der lückenhaften Daten lässt sich nichts Genaueres darüber sagen, wann und unter welchen Umständen das Wörterbuch in den Besitz von J. V. Zlobickis gelangte. Er könnte es bei einer Buchauktion in Wien oder während einer Reise ins Ausland erworben haben. Das Buch könnte er …
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von seinem Vorgänger (an der Kriegsakademie), Wiedemann, erben, dessen zusammengetragene Bibliothek die Grundlage seiner persönlichen Bibliothek bildete (Reichel 2004: 28).
Die in der Bibliothek des Nationalmuseums der Tschechischen Republik aufbewahrte Quelle Katalog slavik knihovny J. V. Zlobického gibt teilweise (indirekt) Einblick in J. V. Zlobickis Haltung zur litauischen Sprache. In der Liste der für die Slawistik wichtigen Publikationen und schriftlichen Quellen steht Lituanica neben Lufatica (andere Rubriken: Cyrillica; Glagolitica; Carniolica; Carniolica miscellanea; Russica; Vodnikiana; Dalmatica, Croatica et. Slavonica; Adminicula ad rem Slavicam; Bohemica; Polonica). Die Nachbarschaft gerade mit der sorbischen (lausitzischen) Philologie mag heute überraschen, doch um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert war eine solche Gegenüberstellung offenbar weder außergewöhnlich noch selten. Die litauische Sprache wurde durch das Prisma der sorbischen (weniger der polnischen) Sprachen wahrgenommen. Diese Sichtweise zeigt F. L. Čelakovskýs botanische Epigramm aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Routa, „Die Raute“:
Warum flechten die lieben Litauerinnen und Polinnen, auch die lausitzischen Sorbinnen, aus Raute Kränze und singen Lieder von der Raute? Glückliche Völker bekennen sich nicht zur bitteren Raute; als Gleichnis nahm sie sich nur ein unterjochtes Volk.
Übersetzung:
Warum singen Litauerinnen, liebe Polinnen und jene lausitzischen Sorbinnen Lieder von der Raute, während sie Kränze aus Raute flechten? Glückliche Völker identifizieren sich nicht mit der bitteren Raute; als Beispiel wählen sie nur unterjochte Völker.
3.
Warum und wann gelangte das Wörterbuch von Wien nach Prag, und auf Initiative welcher Person wurde es in den Bestand der öffentlichen Universitätsbibliothek aufgenommen? Um diese Frage zu beantworten, müsste man die Prager Gelehrtenkreise des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts überblicken und diejenigen Forscher herausgreifen, die sich mit baltistischen Fragestellungen befassten und das Verhältnis der baltischen zu den slawischen Sprachen erörterten. Es sind nicht viele, was die Aufgabe erheblich erleichtert.
Bei der Klärung der baltisch-slawischen Frage kam an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert dem tschechischen Philologen und Historiker, Begründer der tschechischen Slawistik und Jesuiten Josef Dobrovský (1753–1829) entscheidende Bedeutung zu. 1788 erschien sein Artikel „Über die Orte in Europa, an denen seit alters Slawen gelebt haben […]“ (Über die ältesten Sitze der Slawen in Europa […]). Darin behauptete der Autor:
Das baltische Küstenland bei der Weichselmündung ist die älteste Heimat der Wenden, mit anderen Worten der Slawen. Hier gab es seit undenklichen Zeiten, viele Jahrhunderte vor Christus, bereits ihre Siedlungen, da auch die ihnen sprachlich verwandten Letten, Preußen und Litauer hier oder in unmittelbarer Nachbarschaft lebten. Keine andere Sprache in ganz Europa ist der slawischen Sprache so ähnlich
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wie auch Altpreußisch, Lettisch und Litauisch. Die drei letztgenannten betrachte ich als Dialekte einer Sprache (den asiatischen Sprachen ist die slawische Sprache etwas weniger ähnlich als die deutsche). Unter den germanischen Sprachen ist die slawische Sprache den skandinavischen, dänischen, schwedischen und niederdeutschen Dialekten verwandter, zeigt jedoch zweifellos eine wesentlich größere Verwandtschaft mit dem Lateinischen. Zwischen Letzterem und den slawischen Sprachen steht die litauische Sprache. (Dobrovský 1788: XIX–XX)
Die nachdrücklich vertretene Auffassung musste auf einem eingehenderen gegenseitigen Vergleich der besprochenen Sprachen beruhen. Kaum dürften J. V. Zlobickis Gedanken, mit dem der Prager Forscher langjährige und enge wissenschaftliche Beziehungen pflegte, J. Dobrovskys Auffassung beeinflusst haben. Der Wiener Slawist konnte jedoch durchaus eine hilfreiche Quelle nach Prag geschickt haben.
Dieselbe Lokalisierung der slawischen Urheimat – an der Ostseeküste nahe der Weichselmündung – vertrat der Fortführer von J. Dobrovskys Werk, der Slawist, Literaturhistoriker, Ethnograf, Sprachwissenschaftler und Schriftsteller Pavel Josef Šafařík (auch Šafárik, 1795–1861), Verfasser von Slovanské starožitnosti (1837 und 1865, Prag). Ab 1841 war er Kustos der Bibliothek der Prager Universität, ab 1848 deren Leiter. Angesichts seiner umfassenden baltistischen Interessen ist es daher sinnvoll, die Entstehung des handschriftlichen Wörterbuchs im Klementinum gerade als Verdienst von P. J. Šafařík anzusehen. Der Verfasser von Slavų senienių sammelte bewusst und systematisch litauisches Material, trug erforderliche Publikationen und handschriftliche Quellen zusammen und fertigte Abschriften litauischer Denkmäler an. Im Sommer 1852 schickte August Schleicher ihm, „dem hochverehrten väterlichen Förderer meiner Studien“, aus Ostpreußen Berichte über die Erfolge der litauistischen Expedition (Schleicher 2008: 670–739). „Dem berühmten Herrn Šafařík“ dankt A. Schleicher in seinem Artikel „O jazyku litevském, zvláště ohledem na slovanský“, in dem die beide so sehr interessierende baltisch-slawische Frage eingehend erörtert wird.
Das im Clementinum aufbewahrte handschriftliche deutsch-litauische Wörterbuch war zweifellos auch für P. J. Šafařík von Nutzen und hilfreich, als er das Verhältnis der baltischen und slawischen Völker und Sprachen in seinem Werk Slawische Altertümer (Teil I, Kapitel III Übersicht über fremde Stämme, Unterabschnitt §19 Der litauische Stamm, S. 359–377) knapp beschrieb.
4.
Wir werden auch weitere Forscher betrachten, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts das handschriftliche Wörterbuch genutzt haben könnten. Beginnen muss man mit P. J. Šafařík und der von ihm auf eine qualitativ neue Ebene gehobenen Erforschung der baltisch-slawischen Beziehungen.
Im Zusammenhang mit P. J. Šafařík und seinen Zeitgenossen ist darauf hinzuweisen, dass einige Gedanken des Universitätsbibliothekars im Laufe der Zeit entstellt wurden. Der Name P. J. Šafařík wird heute gewöhnlich mit der Herleitung der Slawen aus dem Karpatenraum verbunden. In dieser Hinsicht stimmen seine Auffassungen mit den Ideen Oleg Trubačëvs überein. Zwar erwähnt der Wissenschaftler in seinen Werken häufig die Tatra und behauptet, die Slawen hätten „jenseits der Tatra“, „auf der anderen Seite der Tatra“ gelebt. Doch die tatsächliche Lage ist etwas komplexer.
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Tatsächlich unterscheidet sich P. J. Šafaříks Auffassung von der slawischen Urheimat in keiner Weise von den wesentlich früher dargelegten Gedanken J. Dobrovskýs. J. Dobrovský nennt er ausdrücklich als Quelle seiner Position (S. 360) in seinen Slavų senienose: „Die Völker des litauischen Stammes betrachten wir als die alteingesessenen Bewohner unserer Heimat, die in uralten, tief vorgeschichtlichen Zeiten gemeinsam mit ihren slawischen Brüdern an der Ostseeküste lebten“ (Šafařík 1837: 366). Über die Verwandtschaft der Balten und Slawen schreibt er weiter: „Die litauischen und slawischen Völker vorgeschichtlicher Zeit verstehen wir als Zweige desselben Stammes, doch sind sie in geschichtlicher Zeit aus äußeren Gründen so weit auseinandergetreten, dass wir sie heute als verschieden betrachten. Dennoch halten wir diese Stämme unter allen anderen Indogermanen für die engsten Verwandten. Deshalb stellen wir diese beiden brüderlichen Stämme in der Gesamtheit der indogermanischen Völker gemeinsam und nebeneinander und nennen sie zusammen Vindai (Vendae). Die Trennung vom litauischen Stamm erfolgte zweifellos bald nach ihrer Übersiedlung nach Europa“ (Šafařík 1837: 361). Die weitere Entwicklung wurde nach P. J. Šafařík durch das Eindringen fremder Völker in den gemeinsamen baltisch-slawischen Raum bestimmt. Das harmonische Zusammenleben wurde von „den Goten und anderen Germanen“ gestört. Die unterschiedliche Reaktion auf den Druck der Goten führte schließlich zur Spaltung zwischen Slawen und Balten. Die Balten, die an ihren angestammten Orten geblieben waren, gerieten unter gotische Herrschaft, während die nach Freiheit strebenden Slawen weiterzogen – „tiefer in die Gebiete nahe der Tatra“. Die größere Archaischheit der morphologischen Struktur der baltischen Sprachen im Vergleich zu den slawischen erklärt der Sprachwissenschaftler und Historiker auf eigene Weise – im Sinne der tschechischen (und anderer slawischer) nationalen Wiedergeburt: „Die eine (die litauische Sprache) füllte sich viele Jahrhunderte vor Christus mit Fremdelementen und erstarrte; die andere (die slawische) ging ihren eigenen Weg, entwickelte sich frei und aus sich selbst heraus und entfaltete und verbreitete sich als frische und mächtige Pflanze überall mit den Zweigen, Blättern, Blüten und Früchten ihrer verzweigten Triebe“ (Šafařík 1837: 362).
Somit übernahm der Slowake P. J. Šafařík J. Dobrovskýs Auffassung und führte sie weiter. Bemerkenswert ist die Rolle, die den Balten zukommt. Im Prag des 19. Jahrhunderts wurde aktiv nach der slawischen Urheimat gesucht, während die Lokalisierung der alten Balten keine Fragen aufwarf (320 v. Chr. – 175 n. Chr.). P. J. Šafařík selbst begründet die Siedlungsgebiete der Balten mit der baltischen Etymologie des Namens Ostsee. Angesichts der Ähnlichkeit von Sprachen und Kulturen lokalisierten die Forscher, ausgehend von den Balten, auch die Slawen. Bei der Suche nach der slawischen Urheimat dienten die Balten als Ausgangspunkt. Eben dies führte dazu, dass die Urheimat der Slawen (derselben Balten, nur jener nach Freiheit strebenden Gruppe) an der Ostseeküste angesetzt wurde.
Als Beispiel für P. J. Šafaříks Denkweise sei folgender zusammenfassender Auszug angeführt: „Die frühen Bewohner der Ostseeküste nahe der Weichselmündung waren Slawen, die später (wahrscheinlich im 4. Jahrhundert v. Chr.) von den Goten von dort vertrieben wurden. Über die Lage der beiden brüderlichen Völker, der Litauer und der Slawen, insbesondere entlang der Bernsteinküste, und über ihre Beziehungen zueinander können wir nichts Sicheres sagen. Man kann jedoch annehmen, dass sie als Kinder desselben Stammes damals nur wenig oder kaum voneinander abweichend sprachen und dass Religion und Bräuche eng miteinander verbunden waren. In jenem gesamten Küstengebiet lebten sie friedlich und einträchtig nebeneinander. Da sie mit Bernstein handelten und sich von den Slawen weiter über die Tatra in Richtung der Adriaküste bewegten, waren sie den antiken Autoren unter dem Namen Vindai bekannt. Kriegerischer
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Der Einfall der Goten und ihrer Stammesverwandten, die heute als Vindilier oder Vandalen bekannt sind, in die Länder der Vind(en), an die Küste und zur Weichsel, die Vertreibung der Vind(en) von dort und die Eroberung der litauischen Völker veränderten die glücklichen Beziehungen zwischen beiden Völkern. Von den Goten und anderen Germanen von der Ostsee verdrängt und von den Kelten von der Adria vertrieben, sahen die Slawen keinen anderen Ausweg und zogen, da sie das freie und friedliche Leben liebten, noch weiter nach Norden, wo sie auf keinen Widerstand stießen. Die litauischen Völker, die sich mit den Goten und anderen Germanen vermischten und untereinander auch Finno-Ugrer hatten, verloren nach und nach ihre reine ethnische Eigenart und entfernten sich deshalb von den Slawen“ (Šafarík 1837: 366).
Der Litauist F. L. Čelakovský widerspricht jedoch der Auffassung von P. J. Šafarík; auch er schöpfte seine Angaben aus dem handschriftlichen deutsch-litauischen Wörterbuch aus Kleinlitauen. Die gemeinsamen baltischen und slawischen Züge des Wortschatzes veranlassten F. L. Čelakovský, wie bereits erwähnt, eine besondere lexikografische Arbeit in Angriff zu nehmen. Das Wörterbuch, an dem bis zu seinem Tod gearbeitet wurde13, vertrat ein eigenständiges linguistisches Konzept. F. L. Čelakovský legte es im Austausch mit Kollegen und in Vorlesungen an den Universitäten Breslau und Prag ausführlich dar:
Schließlich erkennen wir das besondere und interessante Verhältnis der litauischen Sprache (und zugleich ihrer beiden Schwestern, des Lettischen und der ausgestorbenen altpreußischen Sprache) zu den slawischen Sprachen, das die Aufmerksamkeit jedes Slawisten auf sich zieht. Diese Sprache verdient, dass ihr überhaupt mehr Fürsorge zuteilwird, besonders solange sie noch auf der Welt lebt; denn angesichts ihres raschen Verschwindens und der Ausbreitung der Nachbarsprachen (des Deutschen auf der einen, des Russischen auf der anderen Seite) kann es geschehen, dass in weniger als ein paar Jahrhunderten die Nachkommen vergeblich nach den Litauern Ausschau halten werden.
Die Grammatik der litauischen Sprache ist sehr authentisch und präzise, doch ihr Wortschatz ist von Fremdwörtern überfüllt und verunreinigt. Fast die Hälfte der Wörter der modernen litauischen Sprache ist rein slawisch. Der Großteil dieses Wortschatzes stammt aus dem Polnischen und Russischen, und dies lässt sich leicht durch das historisch wohlbekannte jahrtausendelange Zusammenleben in der Nachbarschaft erklären. Es ist unhaltbar anzunehmen, dass ein weiterer Teil gemeinsamer litauischer und slawischer Wortstämme, die einfache Begriffe bezeichnen, ebenfalls erst in der Zeit der Christianisierung entstanden sei: Am ehesten neigen wir zu jener vorgeschichtlichen Quelle, aus der beispielsweise auch die Verwandtschaft des Sanskrit mit den slawischen Sprachen hervorgeht. Eine weitere Ansammlung von Grundwörtern ist ganz eigenständig und für die litauische Sprache allein charakteristisch. Zum Teil finden wir hier auch Entlehnungen aus den germanischen, finnischen und anderen Sprachen.
Das Verbreitungsgebiet der litauischen Sprache und des litauischen Volkes war vor vierhundert Jahren noch sehr groß – die Großfürsten reichten mit ihrem Zepter sogar bis zum Schwarzen Meer. Die Sprachwissenschaft erhellt jedoch mitunter auch Jahrhunderte, über die die Geschichte schweigt. Mithilfe dieser Wissenschaft erfahren wir, dass der litauische Stamm nicht nur entlang der gesamten Ostsee lebte, sondern mit seinen Siedlungen tief nach Mitteleuropa hineinreichte. Was anderes ließe sich wohl denken, wenn sich in den Schriften Pommerns, Rügens, Mecklenburgs und Brandenburgs vom 11. Jahrhundert an und danach
13 Der auf Anfang 1851 datierte Auszug zu Verwandtschaftsbezeichnungen wurde dem Wörterbuch von G. F. Nesselmann aus dem Jahr 1850 entnommen. F. L. Čelakovský erhielt es am 13. Februar 1851 von einem Buchhändler.
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zahlreiche Ortsnamen finden, die nur mithilfe des Litauischen verständlich sind. Welche andere Schlussfolgerung ließe sich ziehen? Nur die, dass dieses Volk einst hier gelebt haben muss.
Die litauischen Siedlungszweige breiteten sich zweifellos weit in das von Slawen bewohnte Gebiet hinein aus; ebenso ist offensichtlich, dass die Slawen seit alters her vor allem zu diesem Volk hingezogen wurden und nach und nach mit ihm zu einem Ganzen verschmolzen. Was ist daran verwunderlich? Überall gab es genügend unbesiedelte Gegenden; die treue Wesensart des litauischen Stammes, der zum friedlichen Leben als Bauer neigte, passte gut zu unserer slawischen, sodass sich ein Volk nicht nur ausgezeichnet neben einem anderen, sondern auch mitten unter ihm ansiedeln konnte (solche Beispiele finden wir bei unseren ungarischen Nachbarn).
Um die hier dargelegten Behauptungen irgendwie zu belegen, werde ich aus vielen Beweisen einen auswählen, der besonders interessant ist, weil er mit unserer Heimat zusammenhängt.
Es ist bekannt, dass es im Wortschatz der slawischen Sprachen Wortstämme gibt, die überall belegt sind, das heißt, in jeder slawischen Sprache bekannt sind und verwendet werden. Daneben gibt es Wörter, die nur in einer größeren oder kleineren Sprachgruppe verbreitet sind. Schließlich gibt es auch solche, die nur in der einen oder anderen Sprache vorkommen; dennoch zweifelt natürlich niemand an ihrem slawischen Ursprung. Auch wir haben eine gewisse Zahl von Wortstämmen, die als einheimisch gelten, obwohl sie nur im Tschechischen vorkommen. Wenn wir solche Wörter und Namen betrachten, für die wir weder in den slawischen noch in anderen verwandten Sprachen Entsprechungen finden, stellen wir fest, dass sie in genau derselben oder leicht veränderten Form im Litauischen verwendet werden. Zu welcher Schlussfolgerung sind wir also gezwungen? Zweifellos zu der, dass wir Tschechen einst den heutigen Litauern begegnet sein und engen Umgang mit ihnen gepflegt haben müssen.
Doch die Geschichte, soweit sie reicht, liefert nicht die geringste Spur, die von einer Gemeinschaft zeugte, die längere Zeit zwischen uns und diesem Volk bestanden hätte. Daher bleibt uns nichts anderes, als den Gedanken freien Lauf zu lassen, dass diese Gemeinschaft in Zeiten zurückreicht, aus denen keine schriftlichen Zeugnisse erhalten geblieben sind.
Von den vielen solchen Wörtern, die ich sammeln konnte, führe ich nur einige an: švarný: szwarus; náramný: nerammus; sluka = slankė, la. slohka; luňák = lingė ide. Waihe aus lingau „im Kreis nach oben fliegen“; ožanka (Kraut, teucrium): ožys, ebenso heißt auch unser Kraut kozlík „Böckchen“; zákampí: kampas; chomol: kamuolys; krbatý: karbūtas; vyvaditi: iszwadoju; klábositi: kalbu, kalbėsis; šarapatka: szerpétos; loudati se = lendu; kmen = kamėnas; zvířetnice: zvěřinně usw.
Vergeblich würden wir versuchen, einige unserer Orts- und Gewässernamen anhand slawischer Sprachdaten zu erklären; im Litauischen erhalten sie dagegen sofort Klang und Bedeutung, zum Beispiel: Ūpa, Ūpice, Opava: lit. uppė; Labe aus labas; Ogra, Ohře aus geras; der Fluss Ploušnice bei der Stadt Děčín, der in die Elbe mündet, aus plusze (nach Rokytnice); der Ort Řisuty in den Kreisen Rakovník und Litomyšl: lit. reszutis; Lkouš bei der Stadt Lokšany von lokis (wir haben auch Medvėdis); Ula, der Männername Hula und Hulin, Hulice, lit. ŭla (Sláła anstelle von Skalky); Lobze aus lobis; Doksy bei Doksany: ein häufiger litauischer Männername Doksa, seit dem 14. Jahrhundert belegt. Ähnliche Namen, die auf das Litauische verweisen, lassen sich auch in Mähren, Schlesien, der Lausitz und anderswo finden. All dies zeigt, wie weit verbreitet dieses Volk in uns unbekannten Zeiten war und wie sehr es heute geschrumpft ist. (Čelakovský 1877: 64–66)
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F. L. Čelakovskis bemühte sich also, die vorgeschichtliche Nachbarschaft aufzudecken, als die Vorfahren der Tschechen und Litauer besonders eng und erfolgreich miteinander in Kontakt standen. Die moderne Morphologie der litauischen Sprache verstand F. L. Čelakovski als „authentisch und präzise“; sie entspreche der Grammatik der slawischen Sprachen am stärksten. Gerade aufgrund der Ähnlichkeit der baltischen und slawischen, tschechischen und litauischen Sprachen sowie ihrer engen Verwandtschaft entwickelte sich in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine besondere Konzeption, der zufolge die Litauer (Balten) ursprünglich aus Böhmen stammten. F. L. Čelakovskis Bemühungen, die vorgeschichtliche Nachbarschaft aufzudecken, in der sich die Vorfahren der Tschechen und Litauer in einem von Bergen umschlossenen Tiefland (Česká kotlina) besonders eng und erfolgreich verständigten, sind in seinen Vorlesungen für Studierende in Breslau und Prag deutlich zu erkennen. Der Idee einer gemeinsamen Epoche der baltischen und slawischen Entwicklung sowie der Lokalisierung dieser Epoche in Böhmen und ihrer Begründung diente gerade das Wörterbuch der litauischen Sprache (Knihovna Národního muzea, Sign.: IV A 11). Dazu passen die Wortauswahl, die Art ihrer Erklärung und die Neigung zur Etymologisierung. Man kann sagen, dass F. L. Čelakovskis Wörterbuch, das seinerseits aus M. Benešovskýs Büchlein hervorging, seiner Natur nach ein Vorläufer von Reinhold Trautmanns Baltisch-Slavisches Wörterbuch (Göttingen, 1923) ist.
Die von F. L. Čelakovski vorgebrachten Gedanken und das dazugehörige handschriftliche Wörterbuch der litauischen Sprache korrigieren unser Verständnis der Geschichte einer zentralen Frage der baltischen und slawischen Sprachwissenschaft. In den Annalen der Baltistik und Slavistik steht chronologisch A. Schleichers Hypothese von der Existenz einer gemeinsamen baltisch-slawischen Ursprache an erster Stelle. Der etablierten Tradition zufolge wird sie als klassisch bezeichnet, während das Bestreben, eine zeitlich begrenzte gemeinsame Entwicklungsphase zu rekonstruieren, in der sich diese Sprachen einander annäherten, den neueren Modellen zugerechnet wird. Einige Kapitel der Geschichte der tschechischen Baltistik zeigen jedoch, dass die vermeintliche Neuerung lediglich eine weithin vergessene Konzeption ist, die erstmals bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts formuliert und begründet wurde. Es scheint, dass A. Schleichers Idee einer baltisch-slawischen Ursprache als Gegenentwurf zu F. L. Čelakovskis älterer Theorie entstand und sich entwickelte.
Aus quellenkundlicher Sicht ist besonders hervorzuheben, dass F. L. Čelakovski bei der Entwicklung seiner linguistischen Konzeption auf das Material eines handschriftlichen deutsch-litauischen Wörterbuchs zurückgriff. Dies zeigen die Wörterbucheinträge, in denen Wörter vorkommen, die in den F. W. Haack zugeschriebenen und mit ihm verwandten Wörterbüchern belegt sind.
Leopold Geitler war demnach 1875 nicht der erste Forscher, der das Wörterbuch nutzte. Vor ihm untersuchte der romantische Philologe F. L. Čelakovski das lexikalische Material Kleinlitauens und verfasste von 1825 bis 1852 ein Wörterbuch baltisch-slawischer lexikalischer Gemeinsamkeiten, das seiner Theorie von der Herkunft, Ethnogenese und Glottogenese der Balten und Slawen als Grundlage diente. Die Entstehung des Wörterbuchs im Klementinum, also in der Kaiserlich-Königlichen Öffentlichen und Universitätsbibliothek in Prag, dürfte wohl mit einer weiteren bedeutenden Persönlichkeit der Baltistik und Slavistik in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zusammenhängen – P. J. Šafářik, der dieselbe baltisch-slawische Problematik im Wesentlichen anhand ähnlicher Quellen anders löste
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Seine Auffassungen stimmten mit den Forschungsergebnissen J. Dobrovskýs überein. Der Jesuit J. Dobrovský wiederum – als enger Gesinnungsgenosse und Kollege J. V. Zlobickis – ist als Vermittler zu verstehen, durch den das deutsch-litauische Wörterbuch bzw. die deutsch-litauischen Wörterbücher nach Prag gelangten (auch das von F. L. Čelakovski und anderen verwendete Wörterbuch von P. Ruigys könnte aus J. V. Zlobickis Privatbibliothek stammen).
Alle genannten Personen setzten M. Benešovskýs Forschungsrichtung fort, indem sie die Beziehungen zwischen den baltischen und slawischen Sprachen eingehend untersuchten, und arbeiteten systematisch mit gedruckten und handschriftlichen Wörterbüchern. A. Schleichers Bekanntschaft mit dem Prager Wörterbuch muss gesondert untersucht werden.
LITERATŪRA
Benešovský Matouš Philonomus 1587: Knižka slow Čžeských wyložených odkud swůj počátek magí (totiž) yaký gest gegich rozum. Sepsaná od Kněže Mathausse Philonoma, Pjsaře Konsystorže Pražské. Wytisstěna w Starém Městě Pražském w Jmpressy Jiříka Dačického.
Clavis Germanico–Lithvana 1995–1997: Clavis Germanico–Lithvana. Rankraštinis XVII amžiaus vokiečių–lietuvių kalbų žodynas 1–4. Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidykla.
Čelakovský František L. 1825: Slowanské národní pjsně sebrané Frant. Ladisl. Čelakowským. T. 2, V Praze: Pjsmem J. owd. Vetterlowé z Wildenbrunu.
Čelakovský František L. 1850: Kvití – Časopis Musea království českého 24(1), 99–102.
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Daukantas Simonas 1976: Raštai 1. Vilnius: Vaga.
Dini Pietro U. 2009: Baltų kalbotyros apyaušriai. Baltų kalbų paleokomparatyvistinės sampratos kalbotyros istoriografijos kontekste. – Archivum Lithuanicum 11, 439–462.
Dobrovský Josef 1788: Uiber die ältesten Sitze der Slawen in Europa, und ihre Verbreitung seit dem sechsten Jahrhundert; insbesondere über das Stammvolk der Mährer, und ihre Geschichte bis zur Einsetzung des Herzogs Rastislaw – Josef Vratislav Monse. Versuch einer kurzgefaßten politischen Landesgeschichte des Markgrafthums Mähren. Bd. 2. Vom Jahr 1182 bis 1306. Mit vorausgeschickter Abhandlung über die ältesten Sitze der Slawen. Olmutz, IX–LII.
Drotvinas Vincentas 1984: Kada parašytas vadinamasis Krauzės žodynas. – Baltistica 20(2), 163–167.
Geitler Leopold 1875: Litauische studien. Auswahl aus den ältesten denkmlälern, dialectische beispiele, lexikalische und sprachwissenschaftliche beiträge von Dr. Leopold Geitler. Prag: T. Mourek.
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ILJA LEMEŠKIN
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Acta Linguistica Lithuanica LXXI
Rankraštinis Frydrichui Wilhelmui Hakui priskiriamas vokiečių–lietuvių kalbų žodynas Čekijoje
Manuscript German–Lithuanian Dictionary Credited to Friedrich-Wilhelm Haack in the Czech Republic
S U M M A R Y
While analysing the history of the Prague manuscript of the German – Lithuanian dictionary a very special Austro-Hungarian context can be clearly observed. The dictionary was witnessed in Vienna in 1777 and in 1875 the dictionary was undoubtedly referred by Leopold Geitler. However, the owner of the dictionary Josef Valentin Zlobický and Leopold Geitler will remain the only ones who touched this lexicographical source.
There is a substantial reason to presume that prior to Geitler, in the first half and the middle of the 19th century, the lexical material of the East Prussia was analysed by the philologist romantic František Čelakovský who was compiling the dictionary of Baltic – Slavic lexical generalities in the period of 1825 – 1852.
The coming of the manuscript dictionary in Clementinum, i.e. in Imperial and Royal Public and University Library of Prague will most probably be related to one more personality of Baltistics and Slavistics of the first half of the 19th century Pavel Jozef Šafárik. He was referring to the same sources, but approached the issues of the Balts-Slavs differently than František Čelakovský. His approaches towards the ethnogenesis and glotogenesis of the Balts-Slavs accorded with the attitudes of his predecessor Josef Dobrovský.
The Jesuit J. Dobrovský, as a close supporter and a colleague of J. V. Zlobický, should be presumed as a person mediator with the help of who the German – Lithuanian dictionary appeared in Prague.
The coming of the manuscript German – Lithuanian dictionary in Vienna was most probably decided by the scientific interests of J. V. Zlobický, the undertaking of the comparative grammar of all Slavic languages to be precise. The Czechs are inclined on treating the Lithuanian language as a separate, i.e. non-Slavic language from the time of Matouš Benešovský (1587). J. V. Zlobický could compare it to the Sorbian language. However, in this case, the Baltic-Slavic issue was important for the researcher in the seventh decade of the 18th century, and his then available manuscript source was convenient in searching for an appropriate explanation and reasoning of arguments of lexical character.
All the above mentioned individuals took on the research direction of Matouš Benešovský i.e. they consistently worked with printed and manuscript dictionaries while thoroughly analysing the issues of Baltic-Slavic language relations.
Įteikta 2014 m. gruodžio 5 d.
ILJA LEMEŠKIN
Prahos Karolio universitetas
Jana Palacha 2, 116 38 Praha 1, Czech Republic
[email protected]
Straipsniai / Articles
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