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Kalba poezijoje: filologija vs. biofilija

Giedrius Alkauskas

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GIEDRIUS ALKAUSKAS, Universität Vilnius Forschungsschwerpunkte: modulare Formen, Zahlentheorie, Strömungen, Differentialgeometrie; naturwissenschaftliche Aspekte der Musikwissenschaft, die Spätromantik in der dänischen, britischen und russischen Musik. DOI: https://doi.org/10.35321/al181-11 Die Sprache liegt nicht in Büchern, sondern fließt in Bächen von Dialekten aus dem Mund der Menschen und, lebendig wie sie ist, nutzt sie sich allmählich ab und verändert sich. Antanas Baranauskas SPRACHE IN DER POESIE: PHILOLOGIE VS. BIOPHILIE Als jemand, der Gedichte schreibt und hier lebt, als Aufzeichner gelebter Poesie, lege ich einige Gedanken zur Sprache der Lyrik vor. Diese Gedanken stammen nicht nur von mir. Sie sind gemeinschaftlich und werden durch die Gravitation verwandter Seelen ständig verstärkt. Dasselbe ist, zumindest dem Geist nach, auch in den Tagebüchern von Sigitas Geda festgehalten. In diesem Text zitiere ich den Poeten häufig, daher nenne ich seinen Nachnamen nicht. Ähnliches sagen über die lebendige Sprache auch andere Dichter, und es beruhigt mich zu wissen, dass mein selbstgebastelter Kompass genauso magnetisiert ist wie die großen poetischen Sternkarten ausgerichtet sind. Gravitation, elektromagnetische, schwache und starke Wechselwirkung – die vier fundamentalen Kräfte der Natur. Doch schon im ersten Absatz habe ich sie durcheinandergebracht, als wäre ich ein der Chemie unkundiger Alchemist. Und dennoch: Schreien wir die Chemie nicht an. Bei der Erörterung der Diachronie poetischer Sprache stellen sich nur zwei Fragen: 1. Wird der Gaumen zum Sprechen gebracht? 2. Weckt das Wort? Beide Antworten lauten: Ja! Die erste Frage ist mehr oder weniger klar. Schließlich geht es um Perspektive. Summen, Klappern, Onomatopoetika, die Entwicklung von Mund, Gesichtsmuskulatur und Nerven – all das hielt mit dem sich zunehmend komplex entwickelnden zentralen Nervensystem der Humanoiden Schritt, zumindest mit dessen logischem Teil, dem CRT. Ich sage nicht, dass es auch mit dem emotionalen Schritt hielt – vielleicht Einblicke / Insights 235 GIEDRIUS ALKAUSKAS Ganz im Gegenteil. Doch welches Gleichgewicht zwischen Gelehrsamkeit und Intuition besteht und welches bestehen kann – das ist schon ein anderes Thema. Eines ist klar: Beim Dichter muss zumindest eine dieser Komponenten wie eine Glocke dröhnen, wenn die Front näher rückt. Ohne Unterlass! Im Idealfall läuten beide Glocken gemeinsam. Nicht unbedingt harmonisch, sondern einander chaotisch verstärkend. Jede Kommunikation, die Alltagssprache, Texte, die aus persönlichen Erfahrungen hervorgehen, sind im Grunde ein Ausstoßen der Sprache¹. Die Perspektive. Der Großteil der heutigen Poesie scheint so zu sein. Viel schwieriger ist es mit der Retrospektive, mit erweckten und erweckenden Wörtern. Mit erweckten grammatischen Formen, morphologischen Bildungen, Dialektismen, historischer Rechtschreibung, dem Kontext des Seins. Mit dem Bewusstsein der Menschen jener Zeit – des verarmten Kleinadligen, des Jesuiten, des Volkssängers, des Pflügers, des Einsiedlers, des Schmieds, des Pferdediebs. Wenn ich also Sprache retrospektiv verwenden möchte, bemühe ich mich stets, einen zu vitalisierenden, keimenden Samen zu finden. Danach – ihn wachsen zu lassen. Oder wenigstens verrotten zu lassen, damit sichtbar wird, dass es Leben gab, es aber nicht bewahrt wurde: Das Leben ist auf eine ursprüngliche, bakterielle Ebene übergegangen. Ich möchte Sprache nicht so präsentieren, als wäre sie eine Sammlung getrockneter Schmetterlinge in allen Farben. Oder solche von Eulen ausgewürgten Gewölle. Als würden statt eines noch lebenden Menschen kirchliche Register präsentiert. Etwas, das überhaupt keine Chance hat, wieder zum Leben zu erwachen (übrigens, was Eulen angeht – das ist wirklich so, das wird jeder Ornithologe bestätigen, der sich mit Eulen beschäftigt; in diesen ausgewürgten Kügelchen finden sich immer auch Mäuseschädel, Rippen, irgendwelche Steinchen und anderes unklar bestimmbares, unverdauliches Material. Die kleine Folklore des Waldes, in einer solchen Sammlung zusammengetragen! Eulen sind die Wald-Matai Slančiauskai). Beim Festival „Poetischer Herbst von Druskininkai“ 2019 gewann mein Gedicht, das ich (den Wettbewerbsbedingungen entsprechend) unter fremdem Namen verfasst hatte, den ersten Preis. Der Text war selbstverständlich mit den Initialen S. G. unterzeichnet. Doch aus irgendeinem Grund dachten alle (Šiaurės Atenai, 2019-10-11, Nr. 19 (1323), S. 15), ich hätte Gedas Wahnsinn hervorragend gespielt! Dabei hatte ich mich aufrichtig und schmerzlich über jene jungen Dichter geärgert (nicht aus persönlichem Groll), denen Rėza, Daukantas und Bretkūnas wie irgendwelche Kienspäne vorkamen, nützlich nur für die bäurischen, schwarzfüßigen Herrchen aus den Niederungen. Für den modernen Dichter hingegen bloß Ballast. Wozu der Kienspan, wenn das schlaue Fenster den Raum erhellt? Ganz gleich, dass man den Kienspan sogar zum Veliekos Moor mitnehmen könnte (es gibt ein solches Torfmoor zwischen Skuodas und Mažeikiai, wo der Pflug des Teufels liegt; dort befindet sich das Tor zur Hölle). Und das smarte Auge wird sich am zweiten Tag des Marsches schließen, nach einem einzigen heftigen Regenguss. Die Debesnai-Sümpfe bei Varniai sind bekanntlich elektrisiert, und wie! Ganz in der Nähe liegt der Lūkstas-See ¹ Kardelis Naglis 2017: Lengvi lietuvių kalbos sparnai. – ALL LXXVI. Kaip gražiai autorius parodo, kuo skiriasi kalbos komunikacija ir kalbos komunija! Maniškis tekstas gal apie tą patį? Tik poeto patirti persiūtas. 236 Acta Linguistica Lithuanica LXXXI Sprache in der Poesie: Philologie vs. Biophilie und wirft Bernstein – „electron“ – aus (doch das ist schon Philologie). Nur wurde der Elektrifizierungsstandard seit Netimeras Zeiten nicht erneuert und ist mit dem smarten Fenster nicht kompatibel. Die ersten beiden Zeilen des Gedichts, das bei diesem PDR ausgezeichnet wurde (ich habe mich ungeheuer gefreut, das verhehle ich nicht!), lauten: Bastarde! An den geöffneten Toren Zions: Generationen gezeugt – nicht entfacht, sondern wiederholt! Allerdings wollte ich wegen der geplanten Klangbildlichkeit des Gedichts (das erste Oxymoron dieses Textes; drei weitere werden noch folgen!) zunächst nicht „Bastarde“, sondern „Nachkommen“ schreiben. Im Synonymwörterbuch steht dafür: ein Schuft. Leider spürte ich weder die Bedeutung dieses Wortes noch seine emotionalen Nuancen und Launen („Launen“), seine Zeit, Geografie und sein sprachliches Register. Ich suchte in Schriftquellen. Und fand es – zufällig! Als ich das Kapitel für mein zweites Gedichtbuch zusammenstellte, und zwar jenes über L. Rėza (das in dieser ALL-Ausgabe veröffentlicht wird), las ich verschiedene Texte über Gediminas und seinen Namen. Und siehe da3: Fürst <Karijotas, Sohn des Gediminas> <...> sagte zu Živilė <...>: „Du bist eine Bastardtochter, nicht meine Tochter; mit deiner Schändlichkeit hast du das Haus deines Vaters entehrt. Weg von mir! Dich und deine Kropėjai soll der Tod hinwegraffen.“ Und doch wagte ich nicht, „Bastarde“ durch „Nachkommen“ zu ersetzen. Dank Daukantas ist das Wort bereits in den passiven Wortschatz gelangt. Aber welche Kraft hat es, auf welcher Ebene wirkt es, ist das Wort alltagssprachlich oder buchsprachlich – ich spürte es nicht. Vielleicht werde ich es eines Tages, wenn ich eine Sage oder ein Lied schreibe, wirklich empfinden und durchleben. Ich werde es aus seinem passiven Zustand befreien. Noch ein Beispiel. In einem anderen Gedicht schrieb ich4: Den kommenden Leben schauend, verwurzle ich mich im Himmel der nördlichen Tundra. ² Lyberis Antanas 1980: Sinonimų žodynas. Vilnius: Mokslas. ³ Daukantas Simonas 1995: Istorija žemaitiška [I]. Vilnius: Vaga, 526. ⁴ Nördliche Athen 13(1317), 8. Einblicke / Insights 237 GIEDRIUS ALKAUSKAS Ich hatte große Lust, wie aus einem Bücherregal herausgefallen dazusitzen und „raue Tundrahimmel“ aufzuschreiben. Anders als bei „nuokarta“ sind für einen Litauer zumindest einige Anklänge des Wortes „žiaudrus“ recht klar. Wegen der Phonetik, der Aradikation, der instinktiv erahnten Morphologie. Und doch steht das Wort im Wörterbuch. Und wie fremd wirkt es meiner heutigen lebendigen Ausdrucksweise! Gut, dass ich es durch ein einfacheres ersetzt habe. Natürlich kann man, wie irgendein Schamane aus Ghana, Wörter wie die Knochen der Vorfahren in einen Sack werfen, über dem Kopf rasseln lassen und staunen – seht her, welch ein Leben, welch ein Urzeitungeheuer! (Übrigens werden nach dem Glauben der Einheimischen die Ergebnisse der Fußballspiele zwischen den Nationalmannschaften Ghanas und Senegals nicht von den körperlichen Aktionen auf dem Spielfeld bestimmt, sondern von den geistigen Schreien der Schamanen am Spielfeldrand – wessen Kopf überragt, dessen Heer siegt.) Aber wirf diese Knochen auf die Erde. Wenn keine Schlange aus dem Schädel springt, wie es Oleg Visreg⁵ widerfuhr, ist von all dem Leben nicht viel zu sehen. Die Schlange ist der Beweis des Lebens. Was bleibt einem also? In J. R. R. Tolkiens Herr der Ringe gibt es einen solchen Stein: den Palantír. Durch ihn kann man unmittelbar mit dem Herzen des dunklen Reiches Mordor, mit dem Turm von Barad-dûr, kommunizieren. Der Kristall versetzt einen gleichsam dorthin, wo nur die archaischsten Selbsterhaltungstriebe wirken, wo sich der Blick zu einem Tunnelblick verengt hat. Wenn man nicht wie ein von einer vierfachen Adrenalindosis aufgeputschtes Wesen handelt, saugt die Spinne Kankra einem sogleich die Lebenssäfte aus dem Körper, und die Nazgûl, die dunklen Reiter, auch die Seele. Aber in Wirklichkeit ist der Palantír nur eine magische Illusion. Er ruft Visionen hervor, die von der dunklen Wirklichkeit Mordors nicht zu unterscheiden sind – das stimmt. Aber ansonsten sitzt er ganz friedlich bei dem Zauberer Gandalf, und wenn etwas seine Ruhe zu stören droht (so trübt sich auch der Kristall, wenn er die Verbindung zu Sauron, dem gefallenen Gott, verliert), dann sind es nur festliche Feuerwerke. Sie sind beeindruckend! Aber mehr auch nicht. Übrigens ist J. R. R. Tolkien, Professor der Philologie, ein besonders geeigneter Autor, um über lebendige Poesie zu schreiben. Aus mythologischer, umfassender Perspektive, vom Einfangen des Seelenklangs her betrachtet, sind die von J. R. R. Tolkien konstruierten Sprachen – die der Elben (und wie viele es davon gibt, synchronisch und diachronisch⁶), Mordors, der Ents, das Gemeinsame von Mittelerde –, ihre Schriften (z. B. das Sarati-Alphabet) nicht weniger interessant als Volapük, Esperanto oder irgendeine okkulte enochische Sprache⁷. ⁵ Puškinas Aleksandras 1822: Daina apie Pranašingąjį Olegą. – Raštai I, vertė E. Mieželaitis. Vilnius: Valstybinė grožinės literatūros leidykla, 1954, 108. (Весций – gal geriau visregis?) Rekomenduoju paklausyti įspūdingą N. A. Rimskio-Korsakovo kantatą pagal šį tekstą (op. 58, 1899 m.). Žinia, tai iš kaukolės iššokusi gyvatė ir išpildė aiškiaregio (volchvo) pranašystę – Olegą pražudė jo mylimiausias žirgas. ⁶ Online verfügbar unter: https://en.wikipedia.org/wiki/Elvish_languages_(Middle-earth). ⁷ Eine Engelsprache, beschrieben im 16. Jahrhundert von J. Dee und E. Kelley, deren linguistische Analyse jedoch große Ähnlichkeiten in Syntax und Semantik mit dem Englischen belegt. Wie dem auch sei, das Phänomen göttlicher und anderer konstruierter Sprachen (als Kunst – nicht als Wissenschaft!) ist faszinierend. 238 Acta Linguistica Lithuanica LXXXI Kalba poezijoje: filologija vs. biofilija Eine ähnliche Trennung (kein Gegensatz, nein, sondern etwas Unbenennbares, das eben keinen Gegensatz bildet) sehe ich zwischen reanimierter und, leider, mumifizierter Sprache in der Poesie. Sigitas Gėda1 wurde einmal gefragt, warum einige seiner Texte wie botanische Lehrbücher seien. Hier sind die Zeilen des oft gelesenen Gedichts Nachtblüten8: Die gehäuften Schwerter dringen nicht mehr in den Halmstängel, es entstehen große und stille Worte <...> Ich weiß nicht, ob ich den Gedanken des Autors verstehe (und wozu ein Gedicht analysieren?), aber kennt man die Etymologien der Blumennamen (gladijolė – kardelis; gvazdikas – L. Rėzas negalė – vinelė, maža vins; kalavijas – vilko dalgis – vilkdagis – Iris, die Göttin des Regenbogens), werden diese Zeilen noch komplizierter, denn die ganze Umgebung der Strophe ist ein wenig botanisch und geht zugleich in die Tiefe. Mit einer solchen Lupe in der Hand bleibt nicht einmal mehr eine Metapher übrig – eine Sense im Halm. Das ist doch gar keine Poesie, sondern Sommerarbeit! Aber der Dichter antwortete: Beim Schreiben benutze ich niemals Nachschlagewerke oder Enzyklopädien. Es ist doch offensichtlich – man muss die Pflanze in Zeit und Raum kennen, ihre Botanik von der Gattung bis zur Art, und zwar am besten so, als hätte man nur sie allein, die Retterin, für die kranke Mutter gesucht. Wie jene steinernen Blumen9. Tatsächlich: Irgendwo in Litauen lebte ein Mann, der, als seine paklaine riss (so ein großes, über die Scheune gespanntes Netz), kein Heu zum Markt bringen und verkaufen konnte und kein Geld hatte, um Mehl zu kaufen. Der arme Mann hungerte, bis er die paklaine repariert hatte. Mit leerem Magen und vollem Herzen spürte er dann, was für ein Wort das war. Und ich, der Dichter aus Anykščiai, dem das Wetter die Ernte nicht verdirbt, der keine Samen zu Hause aufbewahrt und dessen Tagesordnung der Mond daher weder tags noch nachts festlegt (nächtliche Tagesordnung – Nachtordnung? Der zweite Oxymoron!), der schon lange keine Zügel mehr in der Hand gehalten hat (aber er fährt herum; und wegen des Eisens im Maul wirft er auch den Wagen mit den Steinen um – die Älteren kommen nicht schnell genug dazu, denn das Pferd ist wegen des Eisens aufgeregt), du nimmst dieses Wort paklaine aus dem Wörterbuch und reimst es auf cukraine oder varaine. Gelehrte Buchphilologie ist faszinierend, aber nicht nahrhaft, wenn man sie aufs Brot streichen soll. Wieder, sagen wir, setzt der schlimmste Frost ein. Man schleppt eine andere Art luok (so etwas, mit dem man Fische durch das Eis hindurch fängt) und zieht irgendwo im Schnee eine Spur. Oder der Stiel bricht ab. Befestige den Stiel noch einmal, wenn einem selbst die Finger in Fäustlingen steif geworden sind. Ein luok dient nicht unbedingt dazu, Fische zu betäuben, aber watete weiter, suche zwischen den schneebedeckten Steinen. ⁸ Geda Gitas 1977: Mėnulio žiedai. Vilnius: Vaga, 26. ⁹ S. S. Prokofjews Ballett Das Märchen von der steinernen Blume (op. 118, 1948). Įžvalgos / Insights 239 GIEDRIUS ALKAUSKAS Deshalb musste der eine oder andere aus dem Stamm auch hungern. Nun verstehst du wirklich, was die Strophe bedeutet10: Das sind seine Großväter: Sie gingen auf die Jagd, jagten Mammuts, fischten in Luokė. Dass der Umstand, selbst schon lange niemandem mehr ein Gefühl von Ehrfurcht einzuflößen, bewiesen wird, zeigt auch Viktorija Daujotytė gleich auf der ersten Seite des Buches über den Poeten11. Ein litauischer Dichter reimte einmal Palestrina mit Palestrina. Palestrina ist eine Stadt in Italien, aber natürlich ist der Komponist der Spätrenaissance Giovanni Pierluigi (1525–1594) gemeint. Nachdem ich diese Strophe gelesen hatte, dachte ich: Spürt der Autor wirklich den Unterschied zwischen den Musikkulturen Venedigs, Florenz' und Roms? Zwischen der Renaissance in Flandern, Großbritannien, Deutschland und Ungarn? Den abwegigsten musikalischen Spekulationen (musica reservata, Archicembalo), der Moderne (C. Gesualdo)? Dabei ist die instrumentale Musik der Renaissance ein ganzes Universum! Ob er das empfindet, weiß ich nicht, aber aus dem Text wird es ganz und gar nicht klar. Ich würde keinerlei Lebendiges (bios) als solchen Beweis anführen. Und wer solche Wörter (λόγος) einstreut, der trifft eben seine eigene Wahl. Natürlich muss ein Schöpfer nicht die Namen jener Menschen wiedergeben und die ganze Mühsal durchmachen. Für jeden Bettler kannst du nicht an jeder Kreuzung ein Kreuz errichten. Wie sollte man da nicht Lied vom heimischen Herd zitieren: Ja, auch ich bin hier, gehe durch die Kalvarienberge der Schatten, Sehe nicht, dass längst gealtert, überwuchert und erdig Zurückkehrt der Vater, der Großvater, die weißen Enkel verfluchend: „Wehe denen, die sich von mir entfernt haben!“ Dazu gibt es Literatur, Empathie und archetypische Erfahrungen: damit das Unbewusste sprechen kann. Ein bewusst gemachtes Unbewusstes (das dritte Oxymoron und zugleich eine Tautologie). Denn seien wir uns einig13: 10 Geda Sigitas 1966: Pėdos. Vilnius: Vaga, 24. 11 Daujotytė Viktorija 2010: Tragiškasis meilės laukas. Vilnius: LRS leidykla. 12 Geda Sigitas 1991: Septyni vasarų giesmės. Vilnius: Vaga, 96. 13 Geda Sigitas 1984: Varnėnas po mėnuliu (tekstas ant aplanko). Vilnius: Vaga. 240 Acta Linguistica Lithuanica LXXI Kalba poezijoje: filologija vs. biofilija Was möchte ich damit sagen? Dass alles relativ ist? Oder dass echte Verse von einer Inspiration geprägt sein müssen, die unsere Vorstellungskraft und Fähigkeiten übersteigt? Das wusste man schon vor Tausenden von Jahren. Variationen dieses Gedankens gehen vielen Dichtern durch den Kopf. Mir scheint, das ist offensichtlich. Und sie erklingen nicht als philologische Monodie, sondern als Polyphonie archetypischer Erfahrungen. Natürlich kann man sich eine Faschingsmaske aufsetzen und eine Figur aus dem Jahrmarktsstück spielen, etwas aus der Pekingoper oder Comedia dell’arte. Doch für einen echten Schöpfer sind Masken nicht nur Jungs Archetypen14 (ego, persona, Schatten, animus / anima, self), sondern auch die vielen Eindrücke aus Streifzügen, Lebensläufen und Erlebnissen sowie unzähligen gelesenen Büchern, die sich im Unterbewusstsein abgelagert haben. Genau diese Erfahrungen ermöglichen es einem Mann (chemisch und harmonisch anders als eine Frau), den Schmerz der Paskendolė zu spüren, und einer Frau (physisch und theologisch anders als ein Mann), die Krise des Liudas Vasaris. Solche Masken gibt es15: Ich hatte mich als Priester, als Zentaur, als Strazdas, als Jesus Christus, als größter Dichter Litauens, als alle Menschen und Vögel ausgegeben. Als Charon, als Demiurg, der in der Ostsee mit einer Muschel spielt. Wirklich ein kollektives Unbewusstes! Und um es weniger fein, aber nicht im Katechismusjargon zu sagen: Es tut weh, wenn es einem anderen, der längst gelebt hat, wehgetan hat. Und wir spüren auch die Freude desjenigen, der gelebt hat, falls es eine solche gab. Und die gab es – vielleicht nur die Freude am Dasein, aber es gab sie. Selbst wenn es keine Augen gab, die es sahen: Für diesen einen Rekruten war auch das mehr als genug. Sprachliche Ink r ustationen, Installationen, Feuerwerke – wunderbar! In ihnen steckt Leben, doch dieses kommt vom Betrachter. Die Installationen selbst treiben keine Triebe aus. Sie werden erst durch die Verbindung mit einem lebenden Menschen belebt (Tautologie, ich gebe es zu). Zum letzten Mal den Poeten zitierend16: Alles stirbt, doch Gott stirbt nicht, Ich war in seinem Zähneknirschen. 14 Gudaitė Gražina 1997: Įvadas į analitinę psichologiją. Vilnius: Vilniaus universiteto leidykla. 15 Geda Sigitas 1985: Mamutų tėvynė. Vilnius: Vaga, 42. 16 Geda Sigitas 1991: Septyni vasarų giesmės. Vilnius: Vaga, 63. Įžvalgos / Insights 241 GIEDRIUS ALKAUSKAS Klar, eine solche Hypostase ist eine große Qual, die leider den Genies vorbehalten ist. Über Rimvydas Stankevičius17: Du bist für drei gefallen, für drei, ein Weglein für drei Zentimeter Loch (gerade groß genug, das Auge daran zu legen) auf die andere Seite Wie im Weinberg des Herrn – – – – – – Drei hat er dir gegeben. Mir fällt es leichter – den Bocksfüßigen zu hetzen, für den Kapuziner-Abreißblick – Ich nur für mich. Für drei mit dem Leben zu brennen ist das Los der Menschen mit angeborenem Feuer. M. P. Mussorgski, N. W. Gogol, E. A. Poe, G. Beresnevičius. Und wir, die Menschen ohne angeborenes Feuer, können nur kräftig den Blasebalg betätigen, den Funken entzünden und leben – nur für eines, aber für ein ganzes. Tag für Tag. Und das genügt! Wenn ich in die Erdhütte (das Wörterbuch sagt, sie liege auf der Nordseite; aber vielleicht ist es auch wie ein Wintereinschnitt; die vierte Oxymoron!) in die Gegend von Senaslis fahren und den Ofen im Häuschen eines Freundes anheizen musste, damit die Heizkörper bei Frost nicht platzten, wurde ich überwältigt, wenn es in dieser kaum über null Grad warmen Stube (die Erde wärmt von unten, obwohl man als Stadtkind besser nicht so angezogen hingeht – zurückgekehrt, spürt man weder sich selbst noch kann man die Finger zur Faust schließen) am zweiten Heiztag drinnen bis auf 12 Grad warm wurde. Und siehe da, irgendeine nicht gerade ästhetische Lebensform erstrahlte plötzlich in einer Ecke. Irgendwelche Moose. Sie sprossen dort, wo im Herbst andere Moose abgelegt worden waren. Hier gibt es keine feuerwerkartige Schönheit, dafür aber welche Lebenskraft! Auch wenn man nur einen Tag lebt, wartet man diesen einen, den verheißenen, geduldig ab. Also müssen wir, die wir nur für uns selbst leben, nicht Gottes Zahnknirschen sein. Es genügt, eine Spur von Moos zu hinterlassen. Und nun rottest du diese Sippe aus, wenn du so schlau bist. Doch vergeblich schwenkst du die Hände über dem Kopf, als würdest du beten oder böse Geister verscheuchen. Zum Schluss: Ein (lebendiger, und zwar sehr!) Dichter lernte, nachts keine Angst mehr auf dem Friedhof zu haben, erst nachdem er bis zum Morgengrauen geschlafen hatte (wohin hätte er auch gehen sollen!), nachdem er in Šarnelė das Grab von V. Mačernis besucht hatte. Eine Kritikerin hingegen, die kürzlich eingeladen worden war, bei einer Gedenkveranstaltung für dasselbe V. Mačernis-Denkmal in Telšiai dabei zu sein, kam nicht zur Lesung – das Hotel in Telšiai schien ihr zu schlecht. Nun, das hinderte sie nicht daran, den ersten, was nachts 17 Stankevičius Rimvydas 2018: Mokymasis skaičiuoti. Trys. Sigutų Gedai. – Vahala. Vilnius: Lietuvos rašytojų sąjungos leidykla, 99. 242 Acta Linguistica Lithuanica LXXI Kalba poezijoje: filologija vs. biofilija umarmt, sich wichtiggenommen und übergeistigt zu nennen. Nun, ich lese diese Übergeistigte (Semantische Beziehungen): Ich steche den Himmel mit dem Stachel – die guten Flächen gedeihen. Die Handflächen verschränken sich – und verbinden sich wieder. Für Kritiker, gute Philologen, ist das bekanntlich bloß Literatur. Parabel, Hyperbel, metaphorische Allegorie, metonymische Onomatopoesie, verbale Personifikation, Synthese von These und Antithese. Was immer man will. Mir aber, der ich durch die Poesie Glauben und Leben suche, scheint es, dass es genau so ist, wie geschrieben steht. Manchmal. So muss es sein. Wenigstens manchmal. Es muss! EIN ABSCHNITT AUS DEM GEDICHT WAKIŪJA WIESZPATA 1810 Die Götter der Litauer und Preußen verlieben sich in den literarischen Pastor Liudvikas Martynas, taufen ihn Jedeminu und geben ihm Begeisterung, die Lieder der Litauer zu sammeln Grasilai Blažienei, für den durch sie zustande gekommenen unmittelbaren Kontakt zu den Dichtern, die bereits in der Ewigkeit weilen, zu den Kreuzrittern und ihren Chroniken, zu P. Ruigys, J. Bretkūnas, F. Kuršaitis und zum ganzen inspirierenden, widerhallenden, niemals mehr verstummenden Preußen! § 1 1.1. Weit, weit von der Landzunge Ventė, in Richtung Rusnė, lag die Insel Perkūkalvė. J. Basanavičius, „Aus dem Leben der Seelen und Teufel“, 1898 Įžvalgos / Insights 243 GIEDRIUS ALKAUSKAS 1.2. Ey, es stieg, stieg, und erhob sich aus Gilija der gelbe Kahn des Mestūzas. (P.): Ey, Brüderchen, Brüderchen, mein Brüderchen, wer wird den Kahn wenden, wo ist der Segelmann? (Perkūnas): Was sind das für Schatten – ich ziehe in der Dunkelheit ein Streichholz an, bist du etwa aufgestanden, Liudvikas Rėza? (Liudas): Das Pferd ist abgesattelt, knabbert das Hofgras, und die Bücher liegen wie kleine Krebse auf der Bank. (L.): Da ist die greise Mütterchen, da Preußen, da das Haff, wo sich dem Menschen gewaltige Geheimnisse eröffnen. Aus einem Lied, das L. Rėza J. F. Hertelis aus Alavėnai 1828 zugesandt wurde Sigitas Geda, „Im Kuhdorf, das vom Sand verweht ist“, 1987–2001 1.3. Tawa Nouson kas tu es sei en dangon – die erste Zeile eines preußischen Gebets kann auch als Chiffre gelesen werden. Die Übersetzung hatte einen klaren Adressaten – die Altpreußen, die ihrerseits noch ältere Gebete hatten. Zum Beispiel: Vater unser, der du bist im Himmel... Höchster Gott: Andjas, Ant-dievis, Ant-Dangis. Eine verkürzte Formel. Im neuen Gebet bleiben der Ton, das Echo und die Tiefe des alten. Der neue Gott nimmt das tiefere Selbst an. Sigitas Geda „Vasarė jero šneką“ (Tagebuch aus dem Jahr 2002, S. 317–318), 2008 244 Acta Linguistica Lithuanica LXXI Kalba poezijoje: filologija vs. biofilija 1.4. Der Verlust war jener, der sich noch an den Himmel erinnerte, an die Ordnung des Himmels (Gdm, dnm, die Kunst des Himmels). Sigitas Geda, „Der Wiederaufbau Babylons“, 1994 1.5. Wer wird nach tausend Jahren deine Spuren finden, Heimat, blühendes Land der Ahnen, wo meine Lieder erklangen? Doch, trauriger Ort, ich werde dich immer lieben, jeden verschwundenen Baum werde ich in meiner Brust tragen! Denn hier habe ich selbst gelebt: zwischen grünen Gärten und Teichen führten mich Vater und Mutter hier an der Hand, sie ruhen hier – und vielleicht lieben sie mich jenseits noch immer. Ludwig I. Rhesa Prutena oder preussische Volkslieder, 1809 § 2 DIE ZWEITE TAUFE LUDWIGS Die Lichter von Karwaiten, Schicksal, sind erloschen! Das Herz blies sie wieder an – und erzürnte den krummen Gottessohn, den Herrscher Preußens. Das Gewölbe – das Haff, die Segel – die Dünen, vom Wind verweht – das Leid! Das ist der Stolze, der das Schicksal erblickt: das Los der Seele, den Diener des Herrn, den Preußenlitauer. Der Himmelsgottessohn, der Blitze Jäger, hielt den Wind an. Jenen, der den Wind zum kostbaren Schatz des Haffs weht, zum Rauchschleier. Jenen, der die Sandnahrung nährt, die Ebenen des Leids. Jenen, der den alten Fluch des grauen Gottessohns, des zornigen Perkūnas, erfüllte. Jenen, der aufhäufte Įžvalgos / Insights 245 GIEDRIUS ALKAUSKAS Die Mitgift für die Karwaiten – die Knochenmühle … Jene, die aufhäufte (Schon – für immer!) die goldene Krone … Ohne Mütze, ohne den Spieß der See, ohne Dago’s Peitsche, ganz allein, ließ sich der Gott in eine Schneewehe des Vergehens hinab, zum geweihten Prūn, bis zum Horn des Vėnis – in Richtung Runė. Im Sand, wie zu Hause, hütete Liudas ein Liedchen, Louisas (für Luther – Ludwigs, für Pius – Ludovico, für uns – Liudas’ Vytis), des grauen, schrägen, aus den Kaukėnai heranrollenden Kristupas Dovdas Vičius’ Abkömmling. Perkūnas sprach: – Kails Pokails Ans Par Antars! Die Segel grünen auf den Meeren, in den Fluten: Der Alte gegen das Kind, das Kind gegen den Storch! Und so durch den Sand, die Seelen der Körper: Ein Hauch gegen den Wind, der Wind gegen den Tod! Mit den Spindeln der Zeit, mit den Äxten des Dvaskalas, Ich taufe, ich besprenge mit Sand die Gedminai, Geda, werde Jedem! Gott besingt dein Schicksal! Mit Zwischengesängen – Fische, mit Refrains – Kröten, Schwalben – Schüsse zum Himmel des Suvalkers! Die Ruder der Fluten, die Ruder der Sehnsucht, mit Kreuzen beschlagen! Wesen und Daseinsformen! – Der Gottmensch schwand, ohne die Erde berührt zu haben, doch seine versengte Fußspur kühlte nicht ab. Liudas antwortete: – Ich bin zwar Martynas, gesegnet mit der Hostie, jener, der den Wein nicht zum Trinkspruch erhebt – ich besänftige Perkūnas, den verirrten Sohn, den bösen Bruder des Herrn Jesus! – Liudvikas Rėza empfing die Taufe. – Die Lieder der Litauer werden wie Gebete fließen! – Laimos leuchtender Sandaltar. – Gib mir zu trinken, nicht von Rinčvynas, sondern von den Meeren, den Fluten, die Rosen umfangen! 246 Acta Linguistica Lithuanica LXXI Kalba poezijoje: filologija vs. biofilija Und nicht ein Liedchen des Weimarer Genius, deutscher Worte – des Meisters, des Sängers, der die Seelen bezwang. Mir genügt es, nur an den Sprachquellen zu trinken, bei Varunė, in den Gärten der Memel. Mich einzuhüllen in den Seufzer des Landes – in Bangpūtys, der über die Weiten der Wellen streicht. Diese Sprache – als wären die Hunde Gottes auferstanden, hell und brüderlich, um den schrecklichen, zeitlosen Tod anzubellen. Das Haupt des Jotwingers, des Skalwen; des Semben, Notangen soll sie hüten; die Hand lecken. Vor dem Feind soll sie Warmier, Nadruve, Barten und Galinden schützen – ungeladen die Burgunder, die Schirlanden! –– Nur Donelaitis, Bačiai, Präzentoren, Pastoren, Herren, kauft den Band! Die Jahreszeiten von Tolminkiemis und Kleinlitau (den Namen, wie Tinte, hat Grunau aufgeschrieben) – Ein Gulden, fünfzehn Groschen – – In meine Heimat zurückkehren, nicht ans Meereswellenland gelangen, nicht die Pfade der Dünen durchwandern … Meine Heimat – unruhige Ewigkeiten, hell in der Dunkelheit, herbe, salzige Wogenbrüche. Geheimnisvolle Nester des Aistmar-Windes. Meine Heimat – Katrun saulatė, wer immer das Lied seiner Einsamkeit aufhellt und reifen lässt. Meine Heimat – der, der die Kuren erschuf, die zugeschneiten Dörfer, Gilija, Rusnė, Tilžė, Rasyte, das Licht, das sich jenseits der Meere erstreckt: Flicht es zum Kranz der Ewigkeit! Rėza erhob sich. Liudvikas Rėza. Und – Gediminas. 2019-07 Įžvalgos / Insights 247 GIEDRIUS ALKAUSKAS § 3 Kommentare 3.1. Wörter aus den von Liudvikas Rėza und seinen Helfern gesammelten Liedern. Quellen: Rėza Liudvikas 1958: Lietuvių liaudies dainos I, herausgegeben von J. Jurginis und B. Kmitas. Vilnius. Rėza Liudvikas 1965: Lietuvių liaudies dainos II, herausgegeben von A. Jovaišas. Vilnius. Liktis, -ies (germ.) – Kerze Žėgliuoti – mit einem Segelschiff fahren Žėglus, -aus (germ.) – Segel Valdonis, -io – Herrscher Medėjas, -o – Jäger Brangynas, -o (germ.) – Feuerbrand Šėdrynas, šėdrynelė (germ.) – Schleier Pernas, -o (sl.) – Federbett Vencio-Horn, -es (Vėncioragas) – Ventės-Horn Namė, namė – zu Hause Krygė, -ės (germ.) – Krieg Rinčynis, -io (germ.) – Rheinwein, allgemein guter Wein Batis, -čio (sl.) – Kurše, Freund Vandruoti, -ja, -avo (sl.) – reisen, marschieren Katrun – in welche Richtung, auf welche Seite 3.2. Kontexte Prutena oder... Gedicht Das versunkene Dorf, übersetzt von V. Bložė. Enthusiasmus (gr. en-theos-ousia) – göttliche Inspiration. Dagas – Brand, Feuer. Papst Pius XIII – Papst (1800–1823) zur Zeit Rėzas. Liaudų Vytis – eine sprachliche Improvisation von Česlovas Gedgaudas zum Thema des zweistämmigen Namens „Ludwig“ (Auf der Suche nach unserer Vergangenheit, 1972. 2., korrigierte Auflage. Kaunas, 2018). Letzteres Werk ist unbegründet ethno-, linguo- und religiozentrisch und in Fragen der Sprachwissenschaft, Mythologie und Geschichte oft dilettantisch. Auch die Ideen des Autors in diesem Buch zur Instrumentenstimmung und zur Musik des 20. Jahrhunderts sind nicht einmal diskutabel – ein Drittel des Buches kann man wegen Unkenntnis wegwerfen, ein weiteres Drittel wegen Boshaftigkeit. Gleichwohl zitiert S. Geda in Sieben Sommergesängen Č. Gedgaudas! 248 Acta Linguistica Lituanica LXXI Kalba poezijoje: filologija vs. biofilija Da ging mir ein Licht auf: Kann Pseudolinguistik gute Poesie sein? Selten, aber es kann sie geben! Denn Č. Gedgaudas wird nicht als Forscher geschätzt, der wissenschaftlichen Methoden folgt, sondern als außergewöhnlicher Gelehrter mit einem tiefen Gespür für Sprache und Improvisation, der den Unterschied zwischen lebendiger und erstarrter Sprache, zwischen Morphologismen und künstlichen Philologismen erkennt. Man muss eben nur das gute Drittel des Buches lesen. Und so lesen, wie wir manchmal Tacitus, M. Praetorius, E. Stela, M. Stryjkowski, A. Vijūkas-Kojalavičius, ja sogar S. Daukantas oder T. Narbutas lesen. Warum auch nicht? Č. Gedgaudas ist meines Erachtens an seinen besten Stellen ein origineller Dichter! Kristupas Dovydas Vichas – ein bäuerlicher Lehrer aus Kaukėnai, verwandt mit L. Rėza, der den als Kind verwaisten Liudvikas von 1785 bis 1791 bei sich aufnahm. Kails pokails ans par antars (Sei gegrüßt, einer nach dem anderen) – ein jotwingischer Gruß (aus den Aufzeichnungen von J. Meletius), der auch in der Oratorie Aus dem Stein der Jotwinger von Bronius Kutavičius (1983) verwendet wurde. Die vermoosten Steine der Jotwinger, die in Litauen geblieben sind, sind Ortsnamen wie Kirsnà, Gáilintas, Léipalingis und andere (Sabaliauskas Algirdas 2002: Wir sind Balten. Korrigierte und erweiterte Auflage. Vilnius, 84–85). Jedminas – 1810, als L. Rėza dem Königsberger Universität Informationen übermittelte, erklärte er, aus litauischem Geschlecht zu stammen, und ergänzte seinen Namen um die litauische Form Gediminu (Jedminu). Die Veränderung des Wortanfangs überrascht nicht. Denn aufgrund der deutschen Aussprache entstand in einigen litauischen Wörtern Ostpreußens statt gintaras die Form jentaras (Sabaliauskas Algirdas 1994: Woher kommen sie? Eine Erzählung über die Herkunft der Wörter. Vilnius: LKĮ, 101). Sudauer in Preußen – im 13. Jahrhundert siedelten die Kreuzritter etwa 1600 Menschen aus Suwałki auf die Halbinsel Samland um. Von da an taucht in den Dokumenten häufig die Sudauer Ecke auf (Sabaliauskas Algirdas 2002: Wir sind Balten. Korrigierte und erweiterte Auflage. Vilnius, 84). Rėda – Lebensweise, Kreislauf der Zeit, Weltordnung (Patackas Algirdas, Žarskus Aleksandras 2002: Buch der Wandlungen. Kaunas. Auch hier gibt es reichlich Unwissenschaftliches, doch es ist gute linguistische Poesie). Martynas – L. Rėzos krikšto vardas. Jonas Šliūpas (Rinktiniai raštai, 1977, p. 60, perspausdinta iš 1890 m. leistos knygos) klaidingai nurodo krikšto vardą „Jonas“, o redaktorius K. Doeika taiso klaidą. Skaldas – ein altisländischer Dichter. Das Genie von Weimar – J. W. Goethe, dem L. Rėza mindestens zwei Briefe schrieb (Rėza Liudvikas 1965: Litauische Volkslieder II, herausgegeben von A. Jovaisas. Vilnius, 356–365). Varūnė, Pakalnė – Maži kaimeliai prie Rusnės (Rėza Liudvikas 1958: Lietuvių liaudies dainos I, paruošė J. Jurginis ir B. Kmitas. Vilnius, 115). Gottes Hündchen, Sonnenbrüder – ein seltenes astronomisches Phänomen bei Sonnenuntergang: zwei Spiegelbilder zu beiden Seiten der Sonne. Als Sonnenbruder wird manchmal auch der Mond bezeichnet. Įžvalgos / Insights 249 GIEDRIUS ALKAUSAS Preußische Stämme und das litauische Kalbūžātė – Trauer über einen großen Schmerz: Die Litauer waren ihren Brüdern im Geist und in der Sprache während des Großen Preußischen Aufstands keine Hilfe. Von Stirland – aus der Steiermark stammend; aus der Steiermark. Zum Beispiel kümmerte sich der Ritter Andreas von Stirland um die Krönung Mindaugas’ (1253). Präzentor – Lehrer der Kinder an der Schule einer protestantischen Pfarrkirche. Derjenige, der bei den Zeremonien vor den anderen singt, weitet den Raum, damit der Gesang aller hineinpassen kann (lat. præcantor). Kleintlav, Kleinlitauen – ein Begriff, der wohl erstmals von Simon Grunau (Grūnavas) in der Chronik des Preußenlandes 1517–1526 verwendet wurde. 1 Gulden 15 Groschen – diesen Preis nennt L. Rėza in seinem Aufruf (geschrieben am 1817-12-23) an die Freunde der litauischen Literatur für das Abonnement von Donelaitis’ Jahreszeiten (Rėza Ludvikas 1965: Litauische Volkslieder II, herausgegeben von A. Jovaišas. Vilnius, 34; Sprindis Adolfas 1951: Literatur und Kunst, 5. August). Adresse: Dr. L. Rėza, Königsberg, Monetų g. 6. Eingereicht am 18. Oktober 2019. GIEDRIUS ALKAUSAS Vilniaus universitetas Institut für Informatik Naugarduko g. 24, LT-03225 Vilnius, Lietuva giedrius.alkauskas@||||||||mf.vu.lt 250 Acta Linguistica Lithuanica LXXI