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Rita Miliūnaitė. Įvairuojantys ir nauji lietuvių kalbos reiškiniai XXI a. pradžioje: sistematika ir pokyčių kryptys

Erika Rimkutė

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ERIKA RIMKUTĖ Vytautas-Magnus-Universität ORCID-ID: orcid.org/0000–0003–0858–8593 Forschungsgebiete: Korpuslinguistik, Computerlinguistik, automatische morphologische Analyse, automatische syntaktische Analyse, Sprachkultur, Morphematik, feste Wortverbindungen. DOI: doi.org/10.35321/all88–16 Rita Miliūnaitė VARIIERENDE UND NEUE ERSCHEINUNGEN DER LITAUISCHEN SPRACHE ZU BEGINN DES XXI. JAHRHUNDERTS: SYSTEMATIK UND RICHTUNGEN DES WANDELS Vilnius: Institut für die litauische Sprache, 2022, 721 S. DOI doi.org/10.35321/e-pub.42.lietuvių-kalbos-pokyčiai ISBN 978-609-411-322–2 Ende 2022 veröffentlichte das Institut für die litauische Sprache die Monografie von Rita Miliūnaitė Varierende und neue Erscheinungen der litauischen Sprache zu Beginn des XXI. Jahrhunderts: Systematik und Richtungen des Wandels. In dieser Rezension wird dieses Buch vorgestellt. Die Autorin der Monografie setzt ihre Untersuchungen zur sprachlichen Variation systematisch fort. Nach R. Miliūnaitė „umfassen Untersuchungen zur sprachlichen Variation zahlreiche theoretische und praktische Aspekte: die Identität der Varianten, ihre Klassifikation, ihr Funktionieren im Sprachgebrauch, ihre gegenseitige Konkurrenz, den Sprachwandel, das Verhältnis zu Sprachnormen sowie Sprachplanung und andere ähnliche Fragen.“ (S. 9). Diese Forschungsrichtung ist zu begrüßen, weil damit der in den verschiedenartigen Arbeiten R. Miliūnaitės hervorgehobene Gedanke bewahrt wird, dass Sprache durch Varianten verändert (kodifiziert) werden muss. Da es neben den Arbeiten R. Miliūnaitės nicht viele theoretische und praktische (oder halb theoretische, halb praktische) Untersuchungen zur Variation gibt, ist diese Monografie für sowohl theoretisch als auch praktisch an der Sprachnormierung Interessierte eine äußerst notwendige Publikation. Recenzijos / Reviews 309 ERIKA RIMKUTĖ Wie im Vorwort (S. 9) festgestellt wird, „wird den Lesern in diesem Buch ein systematischer Blick auf die veränderliche Schicht des gegenwärtigen öffentlichen litauischen Sprachgebrauchs geboten.“ Dies ist zugleich ein „Versuch, den unüberschaubaren Weiten des litauischen Sprachgebrauchs einen Blick zu widmen und die wichtigsten Orientierungspunkte zu erfassen, die erkennen lassen, wie zu Beginn des XXI. Jahrhunderts die öffentlich gebrauchte litauische Standardsprache und ihre Normen funktionieren und sich verändern.“ (S. 9). Auf Seite 11 legt R. Miliūnaitė das Wesen ihrer Monografie und zugleich ihren theoretischen und praktischen Wert klar dar: „Die vorgelegte Klassifikation kann als Grundlage dienen, die Kodifizierung der litauischen Standardsprache systematischer und zielgerichteter zu gestalten und die Gebrauchstendenzen nicht einzelner Spracherscheinungen, sondern größerer systemischer Gruppen von ihnen zu bewerten. Dies ermöglicht es, aus zeitlicher Perspektive den Inhalt der sprachlichen Empfehlungen konsequenter neu zu überdenken und ihre Wirksamkeit für die Entwicklung der Normen der litauischen Standardsprache einzuschätzen; bei noch umfassenderer Betrachtung kann man über die Bedeutung und den Wert der Standardsprache selbst als Varietät in der wechselhaften Welt von heute nachdenken.“ Im Folgenden einige Worte zum Aufbau der Monografie. Die Struktur des Buches ist klar und logisch. Die am Anfang des Buches vorgelegten Verzeichnisse der Abbildungen und Tabellen helfen, die Struktur besser zu verstehen (die Monografie enthält zahlreiche von der Autorin erstellte Schaubilder und Tabellen sowie aus dem öffentlichen Sprachgebrauch entnommene Werbeanzeigen, Bildschirmdarstellungen u. Ä.; allerdings ist die Qualität mancher davon nicht besonders gut, das Bild ist verschwommen, z. B. auf S. 179, 181, 185, 190, 387 und an vielen anderen Stellen); hinzu kommt ein übersichtlich erstelltes, informatives Inhaltsverzeichnis. Im Vorwort (S. 10) stellt die Autorin selbst die Struktur und das Wesen des Buches folgendermaßen vor: „Die Monografie ist so konzipiert, dass bei der Untersuchung des Phänomens der sich wandelnden Standardsprache unserer Zeit von den konkretesten Erscheinungen des Sprachgebrauchs und ihren Veränderungen zu allgemeineren Dingen vorangeschritten wird – zu den dynamischen Besonderheiten der Standardsprache als einer der Varietäten der Nationalsprache –, um den Zusammenhang und die Richtungen dieser Mikro- und Makroveränderungen offenzulegen.“ Wie in wissenschaftlichen Arbeiten üblich, beginnt die Monografie mit einer Einleitung, in der die notwendigen Elemente vorgestellt werden: Ziel, Gegenstand, Aktualität, Neuheit u. a. In diesem Teil werden auch die wichtigsten Begriffe behandelt: Standardsprache, Substandard, Variation, Sprachnorm, Kodifizierung; außerdem wird die Forschungsmethodologie vorgestellt. Im ersten Teil der Monografie, „Entwicklung einer Systematik variierender und neuer Spracherscheinungen“, werden anschließend alle für die litauische Sprache geschaffenen normierenden Publikationen und verschiedene Ressourcen vorgestellt (allerdings sind nicht alle öffentlich zugänglich). Dies ist als einer der Vorzüge der Monografie zu bewerten, denn sie kann auch als Leitfaden zu den gegenwärtigen (sowie zu den Arbeiten aus etwas früheren Jahren) Normierungsarbeiten der litauischen Sprache gelten; ausführlich wird erklärt, was und wo man finden kann und worin sich die einzelnen Publikationen unterscheiden. In diesem Teil wird weiterhin dem Verzeichnis der variierenden und neuen Spracherscheinungen (im Folgenden – Verzeichnis) große Aufmerksamkeit gewidmet: Es wird erläutert, welche Daten wie klassifiziert wurden; der Aufbau des Verzeichnisses wird sehr ausführlich vorgestellt. Dieser Teil der Monografie schließt mit einer Hervorhebung des theoretischen Wertes des Verzeichnisses und seiner Möglichkeiten für die praktische Anwendung. 310 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVIII Rita Miliūnaitė. Įvairuojantys ir nauji lietuvių kalbos reiškiniai XXI a. pradžioje: sistematika ir pokyčių kryptys Der zweite Teil der Monografie ist recht traditionell (das bedeutet nicht, dass er uninteressant oder wertlos wäre): Hier werden nach den üblichen Sprachebenen (Lexik, Wortbildung, Morphologie und Syntax) und der in normierenden Publikationen üblichen Klassifikation die Sprachnormen, ihre Veränderungen und Variationen sowie Gebrauchstendenzen behandelt. In den entsprechenden Unterabschnitten dieses Teils wird erklärt, warum und wie sprachliche Einheiten variieren; einige Beispiele werden sehr ausführlich vorgestellt, andere dienen als illustrative Beispiele für das jeweilige Unterthema. Zu loben ist jedoch, dass dieses Buch reich an gut ausgewählten Beispielen ist, anhand derer man verstehen kann, wie sich die Sprache verändert, was Unklarheiten hervorruft und auf weitere Untersuchungen wartet. Am interessantesten (und wohl auch am wertvollsten) erwies sich der dritte Teil des Buches, „Die Dynamik der Standardsprache und ihrer Erscheinungen“. Hier finden sich Erklärungen dazu, in welche Richtung sich die litauische Standardsprache entwickelt, was dies bestimmt und inwiefern diese Tendenzen der Entwicklung anderer Standardsprachen ähneln. Es muss eingeräumt werden, dass es in den Arbeiten der litauischen Sprachwissenschaft an wissenschaftlich begründeten Analysen des Wandels der Standardsprache und an einer auf den Erfahrungen anderer Sprachen beruhenden Perspektive mangelt. Diesem Teil wird im Folgenden große Aufmerksamkeit gewidmet; es werden zahlreiche Zitate angeführt, damit diejenigen, die vielleicht keine Zeit haben, die gesamte hier besprochene Monografie zu lesen, sich ein möglichst umfassendes Bild machen können. Die Monografie schließt mit zusammenfassenden Schlussfolgerungen, Verzeichnissen der Quellen und der Literatur sowie einer ausführlichen Zusammenfassung in englischer Sprache. Sowohl im Werk selbst als auch im Literaturverzeichnis ist zu erkennen, dass zahlreiche Arbeiten ausländischer und litauischer Autoren herangezogen wurden. Man kann feststellen, dass die Autorin mit ihrem Forschungsgebiet gut vertraut ist und daher im Kontext anderer europäischer Sprachen ein recht objektives Bild der litauischen Standardsprache vermitteln kann. Wie zu erwarten, ist die Sprache der Monografie klar, logisch und korrekt. Der Text ist flüssig und leicht zu lesen. Nur einige wenige Korrekturfehler sind durchgerutscht, z. B. auf S. 139 in folgendem Satz: „Zum Beispiel wurden unter allen neuen Wörtern im ND etwa 30% der aus dem Englischen stammenden Lehnneologismen mit entlehnten Wurzeln erfasst, deutlich weniger (in abnehmender Reihenfolge) aus dem Französischen, Italienischen, Japanischen, Russischen, Spanischen und Arabischen (ein Teil von ihnen gelangte zweifellos ebenfalls über die englische (von der Autorin fett hervorgehoben – E. R.) Sprache […]“ Im Folgenden geht es um die wichtigsten Besonderheiten der Monografie; zugleich werden einige präzisierungsbedürftige und diskutierbare Stellen der Monografie behandelt. Als wichtiger Vorzug dieser Monografie wird der Wunsch hervorgehoben, die Sprachvarianten systematisch zu beschreiben (nicht umsonst wird das Wort Systematik auch im Buchtitel genannt), denn häufig stößt man auf Situationen, in denen bestimmte Sprachnormen dem Prinzip der Systematik nicht vollständig entsprechen. Dadurch sind sie in der Praxis schwer anzuwenden und anderen schwer zu erklären, wie und warum sie angewandt werden sollten. Zusammenfassend lässt sich der Vorzug der Monografie anhand des von der Autorin selbst in der Einleitung (S. 22) formulierten Ziels darstellen: „Das Ziel der Untersuchung besteht darin, eine methodologische Grundlage für die quantitative und qualitative Analyse der charakteristischsten variierenden Erscheinungen des litauischen Sprachgebrauchs der Standardsprache zu schaffen und ein systematisches Verzeichnis dieser Erscheinungen vorzulegen,“ Recenzijos / Reviews 311 ERIKA RIMKUTĖ „die wichtigsten Richtungen der Gebrauchstendenzen und Veränderungen der Standardsprache zu bestimmen.“ Es ist hervorzuheben, dass es der Autorin gelungen ist, das gesetzte Ziel zu erreichen. Somit werden in der Publikation Methodologie und Systematik betont. Dem Aufbau des Verzeichnisses und der Erläuterung der Klassifikation der darin präsentierten Erscheinungen wird in der Monografie große Aufmerksamkeit gewidmet. Den Wert des in der Monografie behandelten Verzeichnisses veranschaulicht am besten der folgende Auszug aus S. 129 des besprochenen Buches: „Die Erstellung und Erweiterung des Verzeichnisses ist im Wesentlichen eine systematische Erfassung der in der gegenwärtigen Verwendung funktionierenden Typen von ĮNKR1 und ihrer konkreten Ausprägung. Dies ist eine notwendige Voraussetzung und ein Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen zur Variation der Standardsprache. Mit anderen Worten: Das Verzeichnis wird benötigt, um Veränderungen und Tendenzen des Sprachgebrauchs zu untersuchen. Ohne einen Bezugspunkt und ohne Kenntnis des Zustands von Sprachgebrauch und Kodifizierung lassen sich die Veränderungen selbst nicht bestimmen; neue Erscheinungen sind schwerer zu erkennen. Das Verzeichnis der ĮNKR ist somit ein methodologisches Instrument zur Messung der Veränderungen des Sprachgebrauchs und zur besseren Erfassung ihrer Art: ob es sich um eine neue Veränderung, die Transformation einer bereits vorhandenen Erscheinung oder um einen vereinzelten beziehungsweise systematischen Wandel handelt.“ Es ist hervorzuheben, dass in der Monografie „ein linguistischer und kein soziolinguistischer Zugang zur sprachlichen Variation gewählt“ wurde (S. 24). Einerseits ist dies eine traditionelle Sicht auf Sprachnormen, andererseits wird, wie die Autorin selbst weiter schreibt (S. 24), „der soziolinguistische Aspekt in der Monografie ebenfalls nicht vollständig umgangen: Er ist wichtig, um den allgemeinen Kontext der Beziehungen zwischen Gesellschaft und Sprache zu verstehen, der die Dynamik der Standardsprachen bestimmt.“ Dieser Aussage kann man zustimmen, denn insbesondere im dritten Teil der Monografie findet sich auch ein soziolinguistischer Aspekt der Sprachanalyse, d. h. eine Darstellung dessen, wie sich die Standardsprache in der poststandardisierungszeitlichen Periode entwickelt. Obwohl die Autorin dieses Ziel vermutlich nicht hatte, kann man feststellen, dass dieses Buch auch als Studienmaterial verwendet werden kann, da es die wichtigsten systematisierten Definitionen enthält, für die Sprachnormierung relevante Quellen vorstellt, zahlreiche Fälle der Normierung verschiedener Sprachebenen behandelt und aktuelle Beispiele bietet. Aus historischer Perspektive kann der von R. Miliūnaitė gebotene Überblick über normierende Publikationen nützlich sein. Besonders viel Aufmerksamkeit wird der Behandlung der Ratschläge zur Sprachpraxis (beider Ausgaben) gewidmet; dies ist jedoch verständlich, da es sich bei dieser Publikation um ein Buch handelt, das der Behandlung der Normen der gegenwärtigen litauischen Sprache (seit den siebziger bis achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts) gewidmet ist und auf dessen Grundlage viele weitere Publikationen oder Empfehlungen erarbeitet wurden. Ein beträchtlicher Teil der heute geltenden Sprachnormen stammt aus dieser Publikation (natürlich gibt es auch viele früher bestätigte Normen, die weiterhin aktuell sind). Die Publikation wird objektiv vorgestellt; auch Inkonsistenzen werden nicht verschwiegen, doch angesichts der Umstände ihrer Erstellung sind solche Mängel verständlich. Als weiteres Argument dafür, dass das Verzeichnis auch zu Lehr- und Lernzwecken verwendet werden kann, sei dieser Gedanke von R. Miliūnaitė angeführt: „Nachdem ich das Verzeichnis der ĮNKR erstellt hatte, zeichneten sich die am stärksten variierenden Bereiche der Spracherscheinungen ab, und es wurde sichtbar, wo die Standard- ¹ In der Monografie werden mit dieser Abkürzung variierende und neue Spracherscheinungen bezeichnet. 312 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVII Rita Miliūnaitė. Įvairuojantys ir nauji lietuvių kalbos reiškiniai XXI a. pradžioje: sistematika ir pokyčių kryptys sprachliche Norm nicht stark ist. Diese Daten können für den Unterricht der Standardsprache genutzt werden, indem die Vermittlung der Normen selbst gestärkt und die Nuancen der Normvarianten aufgezeigt werden, statt eine überholte Methode der Fehlerkorrektur anzuwenden.“ (S. 27). Es ist fraglich, ob es sinnvoll war, eine veraltete Spracherscheinung, z. B. iš kalno im Sinne von „im Voraus“, sowie in der heutigen Sprache sehr untypische dialektale Fälle wie prie mit dem Instrumental (prie vokiečiais) aufzunehmen. Natürlich kann man dieser Meinung der Rezensentin widersprechen und behaupten, dass im Verzeichnis alle bisher festgestellten nicht normgerechten und variierenden Fälle aufgeführt werden sollten (es ist hervorzuheben, dass im Text bei der ausführlicheren Behandlung einiger Fälle seltenen, untypischen Fällen keine Aufmerksamkeit gewidmet wird). Doch stellt sich die Frage, wie lange in den verschiedenen gegenwärtigen Verzeichnissen und normierenden Publikationen noch das erwähnt werden soll, was in der heutigen Sprache nicht mehr aktuell ist. Solche Fälle sind bereits in früher veröffentlichten Publikationen festgehalten; bei Bedarf kann man sie dort nachschlagen, weshalb es nicht mehr sinnvoll ist, sie in neuen Arbeiten zu wiederholen. In eine wenig beneidenswerte Lage gerät die Autorin, wenn sie eine kontroverse Erscheinung behandeln möchte; beispielsweise wird auf S. 187–190 das Wort sekantis behandelt. Es werden wirklich sehr viele Informationen geboten: Mehrere Wörterbücher der litauischen Sprache, normierende Publikationen und ein russisches Wörterbuch werden verglichen. Aus all diesen Informationen wird den Lesern deutlich gezeigt, dass „offensichtlich die Bedeutungen dieses Verbs sekti und des Partizips sekantis, -i, die den Bedeutungen der russischen Wörter „наступающий, появляющийся непосредственно вслед за кем, чем–л., ближайший по очереди“ und „вот такой, именно такой, который следует далее“ entsprechen, kein Ergebnis der natürlichen Entwicklung der litauischen Sprache sind“ (S. 190). Ebenso wird beschrieben, dass die Bedeutung von sekantis in Wörterbuch der gegenwärtigen litauischen Sprache und in den Ratschlägen zur Sprachpraxis recht inkonsequent angegeben wurde. Und diese gesamte Diskussion wird mit folgender Schlussfolgerung beendet: „Um die Normen der Bedeutungsvarianten dieser Art von Wörtern klarer zu bestimmen, ist eine äußerst ausführliche Analyse der Sprachgebrauchsdaten erforderlich, die eine erhebliche Präzisierung der lexikografischen Bedeutungsdefinitionen ermöglichen würde“ (S. 190). Allerdings scheint es an Diskussionen zu dieser Frage nicht zu mangeln; die Autorin selbst führt auf S. 187 folgende dieser Thematik gewidmete Arbeiten an: „Vosylytė 1978: 48–50; Jakaitienė 1986: 104; Adomėnas 1995: 3–4; Kniūkšta 2008: 236–244; Razauskas 2008: 224–235“. Vielleicht fehlt es also einfach an einer Entscheidung der Sprachnormierer (obwohl die Zeit dafür längst reif wäre), was mit der Bedeutung von sekantis „der nächste, kommende, künftige“ geschehen soll. Dies ist kein Vorwurf an R. Miliūnaitė, denn selbstverständlich muss die Autorin in dieser Monografie den kontroversen Fall nicht lösen; es ist lediglich eine Illustration einer über viele Jahre in normierenden Publikationen nicht klar beschriebenen Spracherscheinung. Denn für diejenigen Sprachbenutzer, die ausschließlich normierende Publikationen analysieren – etwa das DLKŽ oder die Sprachratschläge auf dem Portal https://ekalba.lt/ (und nicht diese Monografie oder die diesem Thema gewidmeten Aufsätze) –, gibt es keine klare Information darüber, ob sekantis in der heutigen Sprache im Sinne von „der nächste, kommende, künftige“ verwendet werden kann oder nicht. Man kann die Autorin dafür loben, dass sie den Unterabschnitt über semantische Lehnübersetzungen mit folgendem zusammenfassenden Absatz beendet: „Das Kriterium der semantischen Motivation ist eines der Recenzijos / Reviews 313 ERIKA RIMKUTĖ Kodifizierungsprinzipien – der Ausdruck der Systematik. Um es bei der Entscheidung über Normfragen anzuwenden, muss man sich auf präzise untersuchte und verglichene semantische Strukturen der die Varianten bildenden Mitglieder stützen. Wie jedoch aus einigen Beispielen ersichtlich war, sind die lexikografischen Quellen der litauischen Sprache in dieser Hinsicht nicht immer zuverlässig. Außerdem ist dieses Kriterium allein nicht ausreichend, da es mit anderen Prinzipien und Kriterien (Reinheit, Distinktivität, Normierungstradition u. a.) in Konflikt geraten kann. Daher kann jeder Normierer das Zusammenspiel dieser Kriterien unterschiedlich auffassen, und hier entsteht Subjektivität (bedingt durch Alter, sprachliche Erfahrung, fachliche Ausbildung, Einstellung zu Innovationen u. a.).“ (S. 198). Somit ist klar, dass die Sprachnormierer bereits viel Arbeit hatten und künftig noch mehr Arbeit haben werden, wenn es darum geht, seit Langem gebrauchte und sich neu verbreitende Bedeutungen heutiger litauischer Wörter zu behandeln, die meistens durch den Einfluss anderer Sprachen entstehen. In der Monografie werden Beispiele für neue Phraseologismen und rhetorische Wendungen (z. B. und so; und nicht; und Punkt; nein, habe ich nicht gehört) vorgestellt. Natürlich wäre es wünschenswert, wenn es noch mehr davon gäbe, denn in normierenden Quellen (gleichgültig, ob sie digitalisiert sind) ist es nahezu unmöglich, Informationen über neue, insbesondere feste Spracheinheiten zu finden. Es bleibt nur der Versuch, solche Daten in irgendeinem Aufsatz, einer Rezension o. Ä. zu finden. Wie bereits mehrfach erwähnt, ist diese Monografie daher auch als praktische Quelle für die Arbeit mit der litauischen Sprache äußerst nützlich. Für Sprachpraktiker ist das Kapitel „Erscheinungen der Wortbildung“ wertvoll, denn bekanntlich wurde bisher kein Ratgeber zur Sprachpraxis zur Wortbildung erarbeitet. Nicht normgerechte Erscheinungen der Wortbildung sind nur im Verzeichnis der Sprachfehler an einer Stelle zusammengestellt; man findet sie auch im Verzeichnis. Außerdem führt die Autorin neue, aus dem Neologismen-Datenbestand oder anderen Quellen hervorgegangene Sprachfakten an. Beispielsweise behandelt sie recht ausführlich die Gebrauchstendenzen von Ableitungen mit dem Suffix -ietis sowie die Tendenz, neue Bildungen mit unveränderter Endung des zweiten Glieds zu schaffen u. a. In diesem Kapitel überraschte etwas, dass vor allem aus dem Russischen stammende umgangssprachliche Wörter mit den Suffixen -(i)akas (z. B. mobiliakas, naujakas), -ovas (z. B. stiliovas), -kė (z. B. labdarkė) usw. weiterhin vorwiegend aktuell sind. Andererseits muss man sich darüber nicht allzu sehr wundern, denn, wie R. Miliūnaitė feststellt, wird die in der Öffentlichkeit gebrauchte Sprache „gesprochener“, sodass solche Wörter verwendet werden, die früher nur in der privaten Umgangssprache vorkamen. Somit kann man folgern, dass „[d]ie insgesamt weiterhin gebildeten neuen Ableitungen mit umgangssprachlichen Endungen zeigen, dass der im Sowjetzeitalter bestehende Einfluss der russischen Sprache im Litauischen noch immer spürbar ist.“ (S. 272). Im Kapitel zur Wortbildung werden auch weitere recht neue oder untypische Mittel der Wortbildung behandelt: Präfixoide, Suffixoide, Scheinmorpheme 314 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVIII Rita Miliūnaitė. Įvairuojantys ir nauji lietuvių kalbos reiškiniai XXI a. pradžioje: sistematika ir pokyčių kryptys (Abspaltungen – Zwischenbestandteile des Wortes zwischen Affixen und Wurzeln)² u. a. Das Buch enthält nicht alle gefundenen Bildungen, doch aus ihrer großen Zahl (vor allem aus dem Neologismen-Datenbestand) lassen sich bestimmte Verallgemeinerungen über neue Tendenzen der Wortbildung ableiten. Dieses Kapitel schließt mit wichtigen Verallgemeinerungen, die im Unterabschnitt 2.2.7 „Allgemeine Richtungen der mit der Wortbildung verbundenen Veränderungen“ dargelegt werden. Im Unterabschnitt 2.3 zur Morphologie hatte man etwas mehr Information erwartet. Natürlich werden hier mehr Daten als in den bisher veröffentlichten normierenden Publikationen und zahlreiche Beispiele aus den Medien oder anderen Quellen geboten; die den einzelnen grammatischen Kategorien gewidmeten Unterabschnitte enden jedoch nicht selten mit Sätzen wie diesen: „Bei den Abstrakta ist im Sprachgebrauch die Grenze zwischen der Norm und ihren Verletzungen verwischt. Die Zweckmäßigkeit der Verwendung von Pluralformen zeigt, dass ein Bedarf besteht, die hinter diesen Veränderungen zurückbleibende Kodifizierung zu überprüfen und zu präzisieren, da die Abstraktheit des Substantivs allein kein zuverlässiges Kriterium für die Unterscheidung von Norm und Nichtnorm mehr ist.“ (S. 343, zum Numerus). „Eine ausführliche vergleichende Analyse der Ausdrucksformen von Sätzen, in denen eine vergangene, im Sprechzeitpunkt relevante Handlung ausgedrückt wird, müsste zeigen, ob die zusammengesetzten Formen aus dem Sprachgebrauch verschwinden oder ob ihre Konkurrenz mit den einfachen Formen stark ist. Wie auch bei anderen Fällen der Verwendung nicht lexikalisierter grammatischer Formen wäre es jedoch schwierig, eine quantitativ repräsentative Beispielsammlung zusammenzustellen.“ (S. 352, zu den Tempora). Der Unterabschnitt 2.3.1.1.3 „Verschiedene morphologische Formen“ (S. 374–375) ist äußerst knapp. R. Miliūnaitė zufolge handelt es sich um eine kleine Gruppe, die aus vereinzelten Variationen verschiedener Wortarten besteht. Dazu gehören die Verwendung von Kollektivzahlwörtern zur Bezeichnung keiner kollektiven Menge sowie kausative Verben (z. B.: pasuti: pasi-siūdinti, apgyvendinti: apgyventi). Der gesamte Unterabschnitt endet mit folgendem Satz: „Diese Variationen funktionieren im Sprachgebrauch, doch aufgrund ihrer Seltenheit wurden keine markanteren Veränderungen festgestellt.“ (S. 375). Unklar bleibt, ob es sich um normgerechten oder nicht normgerechten Sprachgebrauch handelt und welche Empfehlungen man bei der Wahl der einen oder anderen Form geben könnte. R. Miliūnaitė ist darin zuzustimmen, dass morphologische Fälle viel schwieriger zu erfassen sind als lexikalische, wortbildnerische oder lexikalisierte Formen; dennoch entsteht der Eindruck, ² Es gibt diskutierbare und nicht ganz präzise Fälle der Interpretation von Bildungen; so wird beispielsweise auf S. 324 in Tabelle 30 das Wort atostogos als Lehnwort – als Quelle von Scheinmorphemen – angeführt. Man kann zustimmen, dass dieses Wort die Grundlage für die Bildung der Neologismen darbotogos, ornitoslogos u. a. bildet, doch dürfte das Wort selbst kaum als Lehnwort gelten. Auf S. 325 schreibt die Autorin allerdings: „Es wäre nicht verwunderlich, wenn sich mit der Zunahme von Mischbildungen im Litauischen allmählich auch autochthone Scheinmorpheme herausbildeten. Beispielsweise wurde die als Lehnübersetzung (Mischbildung) verbreitete darbotogos nach ihrem Vorbild zur Bildung oder Übersetzung neuer Wörter verwendet. Im ND sind drei weitere (bereits genannte) erfasst: autostogos, ornitos togos, sportostogos [abgerufen am 2022–07–13]. Somit kann man sagen, dass sich im Litauischen die Abspaltung -stogos herausbildet.“ Folglich wird atostogos hier nicht als Lehnwort betrachtet. Recenzijos / Reviews 315 ERIKA RIMKUTĖ sodass in 20–30 Jahren kaum neue Veränderungen der morphologischen Normen sichtbar geworden sind. Natürlich kann man sich darüber freuen, dass das Rückgrat der litauischen Sprache – das morphologische System – unverändert bleibt und von anderen Sprachen nicht allzu stark beeinflusst wird. Andererseits drängt sich der Gedanke auf, dass Verschiebungen in diesem Bereich vielleicht nicht erfasst oder bemerkt wurden. In allen Unterabschnitten, die der Behandlung der Normen einer bestimmten Sprachebene gewidmet sind, wird zu Beginn eine zusammenfassende Tabelle des Verzeichnisses präsentiert. Darin werden die Quelle der Norm, mögliche Variationen, die Grundlage der Variation und konkrete Beispiele angegeben. Mit anderen Worten: Zunächst wird den Lesern eine vollständige Übersicht darüber geboten, was und wie variieren kann; anschließend werden unter diesen Tabellen weitere Beispiele angeführt, von denen einige ausführlicher kommentiert werden. Ebenso ist der Text im Syntaxteil strukturiert. Wer die Normen der Kasus und Präpositionen kennt, muss wohl kaum daran erinnert werden, wie viele Regeln diesen Sprachgebrauch behandeln. Ob es eine glückliche Wahl der Autorin war, die gesamte systematisierte Information des Verzeichnisses zu Kasus und Präpositionen sofort vorzulegen, statt sie nach syntaktischer Funktion oder einem bestimmten Kasus beziehungsweise einer bestimmten Präposition aufzuteilen, ist fraglich, denn die Tabelle zu den Kasusnormen reicht von Seite 393 bis Seite 454, während das Verzeichnis der Präpositionen von Seite 477 bis Seite 549 reicht. Zweifellos enthalten solche Tabellen wichtige Informationen³, doch wünscht man sich in der Monografie mehr Interpretation, Erklärungen und Kommentare zu den variierenden Normen statt einer vollständigen Übersicht aller möglichen Fälle. Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, solche Tabellen am Ende der Monografie als Anhänge vorzulegen oder den Text anders zu strukturieren. Im Teil der Monografie, der den syntaktischen Normen gewidmet ist, fällt stellenweise die große Zahl von Beispielen ins Auge (es hätten auch weniger sein können, denn ohnehin lassen sich nicht alle gesammelten Fälle vorlegen); für die Behandlung einiger komplexerer Fälle ist jedoch nur ein kurzer Absatz vorgesehen, beispielsweise auf S. 474–475 zur Grammatikalisierung, genauer zur Nachstellung des Instrumentals und des Lokativs, ohne dass ein einziges Beispiel mit breiterem Kontext angeführt wird. Diese Fälle werden in normierenden Publikationen weniger behandelt als etwa die Doppelkasus; daher sollten sie ausführlicher analysiert werden. Andererseits ist zuzustimmen, dass die große Zahl von Beispielen bei einigen Fällen hilft, die kodifizierte und die tatsächliche Norm besser zu verstehen, und die Verschiebungen der Norm veranschaulicht. Wie auch in den anderen Kapiteln sind hier die Kommentare von R. Miliūnaitė zur Behandlung von Fällen, die häufig in die Grauzone fallen, ³ Manchmal sind solche Informationen recht technisch – dies ist für ein konsistentes Klassifikationssystem verständlich, für den Leser jedoch teilweise überflüssig; vgl. S. 402: Hier werden als zwei getrennte Einträge (weil der eine in die Klassifikation „S kilm. 5.1.1“ und der andere in „S kilm. 5.1.2“ fällt) Fälle des Ausdrucks des Ziels angeführt: vykti vizito, lankytis vizito, obwohl ihr Gebrauch sehr ähnlich ist, sodass sie als ein Fall mit zwei Beispielen hätten zusammengefasst werden können (wie an anderer Stelle, wo sich die Wörter unterscheiden; vgl. auf derselben Seite die Regel „S kilm. 4.2 siehe S gal. 5.1“ zum Ausdruck des Ortes mit einigen Adverbien der Art und Weise: Als Hauptbeispiel wird angeführt: [Prasmego] kiaurai žemę: žemės. Darunter werden noch einige ähnlich gebrauchte Wörter genannt: įkypai, įstrižai, išilgai u. a.). 316 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVII Rita Miliūnaitė. Įvairuojantys ir nauji lietuvių kalbos reiškiniai XXI a. pradžioje: sistematika ir pokyčių kryptys wertvoll, da sie bei der Behandlung von Fällen, über die es in normierenden Publikationen nicht viele Informationen gibt, häufig in die Grauzone fallende Erscheinungen kommentieren. In der Monografie werden die neuesten sprachlichen Herausforderungen berücksichtigt; so werden beispielsweise Aspekte einer gendersensiblen Sprache erörtert. Auf Seite 337 heißt es: „Die Zunahme (der übermäßige Gebrauch) von Formen des Femininums wird dadurch gefördert, dass die im öffentlichen Sprachgebrauch bereits Ende des 20. Jh. feststellbare Kategorie des grammatischen Geschlechts im Litauischen aufgrund der sich ausbreitenden Ideologien des Feminismus und des Genderismus falsch verstanden wird, indem man versucht, den Gebrauch von Formen des Maskulinums einzuengen und nicht anzuerkennen, dass diese Formen auch eine verallgemeinernde Funktion erfüllen.“ Weiter (S. 338) wird geschrieben, dass solche Formen häufig unnatürlich wirken, da sie „nicht mit der Entwicklung des Sprachsystems, sondern mit einer propagierten ideologischen Position“ verbunden sind. Es wird auch darauf hingewiesen, dass sprachliche Veränderungen durch die Ergebnisse von Programmen zur maschinellen Übersetzung oder zur automatischen Sprachgenerierung bedingt werden. Ebenso werden im Kapitel über den Wortaufbau Tendenzen beschrieben, nach denen Substantive ungewöhnlicherweise als Maskulina oder Feminina gebildet werden (siehe Abschnitt 2.2.3). Auf Seite 474 wird der Einfluss sozialer Netzwerke darauf erörtert, anstelle des Vokativs den Nominativ zu verwenden, d. h. wenn man eine Person anspricht, die ein Konto in sozialen Netzwerken besitzt, werden ihr Vor- und/oder Nachname automatisch im Nominativ angezeigt. Dass R. Miliūnaitė bei der Erörterung von Sprachnormen und variierenden Erscheinungen ein breites Spektrum abdeckt, veranschaulicht etwa das Beispiel aštuonkoralo (siehe S. 305–306). Dies ist ein nicht ganz typisch gebildetes Kompositum; laut der Autorin könnte es als Ergebnis einer maschinellen Übersetzung entstanden sein. Folglich muss man bei der Erörterung der Tendenzen bei der Bildung litauischer Neologismen bisweilen (und künftig noch stärker) sogar solche technologischen Faktoren berücksichtigen. Wie die Wissenschaftlerin feststellt: „[i]m Allgemeinen ist der Einfluss der maschinellen Übersetzung auf die litauische Sprache so gut wie unerforscht; daher wäre die Übersetzung untypischer Komposita ein interessantes Forschungsgebiet. In Internetportalen zu den verschiedensten Themen (Kulinarik, Sport, Mode, Wissenschaftsvermittlung usw.), die automatisch in viele Sprachen übersetzt werden (gewöhnlich ohne Veröffentlichungsdatum), gibt es reichlich Daten.“ (S. 306). Im Syntaxteil werden Fälle erörtert, die erst vor relativ kurzer Zeit im Sprachgebrauch deutlich geworden und bisweilen sogar nicht in normative Publikationen aufgenommen worden sind. So wird im Abschnitt 2.4.8 „Wortstellung“ viel Aufmerksamkeit den Medienüberschriften und anderen Beispielen gewidmet, in denen die Wortstellung Mehrdeutigkeiten hervorruft. Der Satz bzw. die Überschrift ist scheinbar korrekt und verletzt daher keine Sprachnormen, erschwert jedoch aufgrund des Einflusses anderer Sprachen, schlecht erfasster syntaktischer Beziehungen und einer gestörten thematisch-rhematischen Gliederung des Satzes das Textverständnis. Weitere Fälle, die in normativen Publikationen nicht besonders ausführlich behandelt werden, finden sich beispielsweise bei der Kongruenz der Wörter modelis, sopranas, žvaigždė mit Adjektiven (alle diese Wörter bezeichnen berühmte Personen; es kann sich sowohl um Männer als auch um Frauen handeln); ferner bei der Ausbreitung der Verwendung von Gerundialformen als leichter verwendbaren Formen (da sie nicht mit dem Subjekt kongruiert werden müssen) im Vergleich zu Partizipien, bei der Verwendung von persönlichen statt unpersönlichen Sätzen usw. Diese Erscheinungen bedürfen zweifellos weiterer eingehender Untersuchungen, doch Recenzijos / Reviews 317 ERIKA RIMKUTĖ In der Monografie von R. Miliūnaitė finden sich Leitlinien für jene Spracheinheiten, denen künftig größere Aufmerksamkeit gewidmet werden muss. Wie bereits erwähnt, erwies sich der dritte Teil der Monografie „Die Dynamik der Standardsprache und ihrer Erscheinungen“ als der interessanteste; darin wird analysiert, wohin sich die litauische Standardsprache entwickelt und was diese Veränderungen bestimmt. In diesem Teil der Monografie werden „die charakteristischsten Veränderungen und Innovationen auf zwei Ebenen des öffentlichen Sprachgebrauchs – der Mikroebene und der Makroebene – erörtert“ (S. 614). Hier wird ausgeführt, dass „die Entwicklungsprozesse der Sprachen, die früher mehrere Jahrhunderte auseinanderlagen, wenn sich in verschiedenen Ländern Standardsprachen herausbildeten, nun, durch die Demokratisierung der Gesellschaften gefördert und durch die Ausbreitung des Internets beeinflusst, zu synchronisieren beginnen“; dass externe Faktoren (Internetisierung, Ideologien usw.) einen großen Einfluss auf den öffentlichen Sprachgebrauch ausüben. Deshalb „[v]erändert sich die traditionelle Lexik: Der Gebrauch bestimmter Wörter wird bewusst einzuschränken versucht, eine neue ideologisch markierte Lexik wird eingeführt. Auch die Grammatik wird gezielt verändert (beispielsweise der Gebrauch von Wörtern mit grammatischem Geschlecht); neue, angeblich „gendersensible“ grammatische Formen werden geschaffen usw.“ (S. 614–615). Besonders beachtenswert ist der Abschnitt 3.2 „Richtungen der Veränderungen in der Struktur der litauischen Standardsprache“. Die Autorin der Monografie sucht darin Antworten auf folgende Fragen: Wie verändern sich die Grenzen der Variation der Standardsprache, welche sprachlichen Erscheinungen bereiten den Benutzern Schwierigkeiten, wie wird die Bewertung sprachlicher Erscheinungen begründet und wie verändert sie sich, wie verändern sich die angebotenen Entsprechungen, mit welchen Beispielen werden die Empfehlungen veranschaulicht (siehe S. 618–619). Einige wichtige Schlussfolgerungen dieses Kapitels, die zum Verständnis des gegenwärtigen Zustands der Sprache und der Einstellung zur Standardsprache beitragen und eine Prognose der weiteren Entwicklung der Standardsprache ermöglichen (S. 619–641): • Es findet eine deutliche Veränderung der Kodifizierung statt – eine Liberalisierung der kodifizierten Normen der Standardsprache; • Veränderungen des Sprachgebrauchs entstehen nicht von selbst; sie werden von den Sprachbenutzern und von der sich selbst verändernden sozialen Wirklichkeit gefördert; • Der öffentliche Gebrauch der litauischen Sprache wird durch Spracheinheiten verschiedener Ebenen ergänzt, die aus anderen Sprachen kommen; entlehnte Wurzel- und Wortbildungsmorpheme (internationale Präfixe, Suffixoide, Präfixoide) sowie Scheinmorpheme, die sich von entlehnten oder übersetzten Mischbildungen abgespalten haben, nehmen zu; • Immer mehr englische Zitate werden in litauische Texte eingefügt – sowohl einzelne morphologisch nicht adaptierte Wörter als auch ganze Redewendungen; • Neue Wortbedeutungen und Veränderungen der Grammatik (insbesondere der Rektion) sind entstanden; sie werden in erheblichem Maße durch Übersetzungen administrativer Texte (Rechtsakte u. Ä.) aus dem Englischen gefördert; • Eine einige Zeit lang intensiv funktionierende Variation schwächt sich ab (entweder von selbst oder infolge einer bewussten Regulierung der Normen der Standardsprache), und nach einiger Zeit 318 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVIII Rita Miliūnaitė. Įvairuojantys ir nauji lietuvių kalbos reiškiniai XXI a. pradžioje: sistematika ir pokyčių kryptys lebt sie beispielsweise in der übersetzten Konstruktion zur Bezeichnung einer zeitlichen Grenze šiai dienai (und ihren Varianten) wieder auf; • Zu Beginn des 21. Jh. verlieren sprachliche Veränderungen teilweise ihre Lokalisierung. Die Ausbreitung des Internets und die sozialen Netzwerke schaffen einen großen, ziemlich synchron funktionierenden Sprachraum, in dem sich Innovationen ungeachtet der Sprachgrenzen ungleich schneller und weiter verbreiten als in der Zeit vor dem Internet; • In der Lexik spiegeln sich Wörter wider, die den Klimawandel und ökologische Themen bezeichnen; eine weitere Schicht der neuen Lexik des 21. Jh. hängt mit den Ideologien der politischen Korrektheit, des Feminismus und des Genderismus zusammen; • Die Konkurrenz variierender grammatischer Erscheinungen (Morphologie, Syntax) hat sich verstärkt; • Sowohl internationale als auch autochthone Wörter erwerben durch Übersetzungen neue, häufig für das Englische charakteristische Bedeutungen, die (seltener) keinerlei gemeinsame Sememe besitzen oder (häufiger) mindestens ein gemeinsames Sem besitzen, jedoch keine gemeinsamen Sememe; • Daneben bestehen weiterhin unter dem Einfluss des Russischen entstandene Variationen von Wortbedeutungen, und diese gesamte Vielfalt macht die semantische Schicht der litauischen Standardsprache instabil; Wörter mit einem universelleren Bedeutungsumfang besetzen den Platz konkreterer Wörter, nivellieren die Mittel des lexikalischen Ausdrucks und beseitigen semantische Nuancen; • Eine Universalisierung der Ausdrucksmittel (und damit auch eine Nivellierung von Bedeutungen, Funktionen und Nuancen) ist auch in der Wortbildung zu beobachten; • Auf der syntaktischen Ebene bestehen weiterhin verschiedene unter dem Einfluss des Russischen entstandene Variationen beim Gebrauch von Kasus und Präpositionen; die für litauische Sätze charakteristischen Unterschiede im Ausdruck von Teil und Ganzem werden weiterhin nivelliert; die Normen für den Gebrauch des Gerundiums sind besonders instabil; Nebensätze ersetzen partizipiale, halbpartizipiale und gerundiale Adverbialbestimmungen; die thematisch-rhematische Gliederung wird missachtet, und die Wortstellung im Satz nimmt für die englische Satzwortstellung charakteristische Züge an; • Der öffentliche Sprachgebrauch wird volkstümlicher, und es findet seine Verschlagwortung statt: Elemente des Substandards gelangen in den öffentlichen Sprachgebrauch, und die Standardsprache sowie ihre freien Stile verlieren ihre Homogenität. Dies geschieht teilweise aufgrund der Hybridisierung verschiedener Genres, da die Medien häufig Inhalte von Autoren sozialer Netzwerke zitieren oder erneut veröffentlichen, die im freien Stil verfasst sind; • Elemente nichtstandardsprachlicher Varietäten verbreiten sich als reale Norm und beanspruchen, Teil der mit einer stilistischen (beispielsweise umgangssprachlichen) Konnotation versehenen Normen der Standardsprache zu werden; besonders auffällig ist das Eindringen des Slangs in den freien Stil der Standardsprache, aus dem traditionelle Ausdrucksmittel der Standardsprache verdrängt werden; • Die Verwendung von Erscheinungen, die für freiere Stile (insbesondere die Umgangssprache) charakteristisch sind, in neutralen Texten. Recenzijos / Reviews 319 ERIKA RIMKUTĖ Auf die wohl alle interessierende Frage, wohin sich die Standardsprache entwickelt, antwortet R. Miliūnaitė recht optimistisch: Standardsprachen verschwinden nicht, sondern ihre Gestalt verändert sich. Wichtig ist, dass „die Standardsprache durch solche Sprach(gebrauchs)standards verändert wird, deren Durchsetzung nicht mehr so sehr von den Entscheidungen der Regierung und der Elite abhängt, sondern von den Meinungen und Entscheidungen informeller sozialer Gruppen“ (S. 642). In der Monografie wird festgestellt, dass das 21. Jh. eine Periode der Poststandardisierung ist. Die Merkmale dieser Periode lassen sich durch folgende Gedanken des besprochenen Buches veranschaulichen: Wichtige Eigenschaften dieser Periode sind die Entthronung der alten Autoritäten und der Aufstieg neuer Einflussnehmer. Ebenso charakteristisch für diese Periode sind Fragmentierung und das Verschwimmen der Grenzen aller Dinge; besonders aktuell werden die Bedürfnisse des Individuums und die Menschenrechte. „In der Spätmoderne veränderten sich mit der Individualisierung der Gesellschaft die sozialen Kräfte, die bestimmten, was ein Sprachstandard ist, grundlegend. Von der herrschenden Klasse sowie den Autoritäten aus Politik, Wissenschaft und Religion gehen diese Machtbefugnisse auf die Individuen über. Die Demokratisierung beseitigt die Macht der Spitzen und fördert das Hervortreten sozialer Kräfte „von unten“, daher gelangt die Sprache der „Unterschichten“ an die Öffentlichkeit. Man beginnt, die Bedeutung von Standardsprachen anzuzweifeln, deren Wesen ideologisch ist (sie spiegeln die Herrschaft der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Elite der Sprachgemeinschaft wider): In einer modernen demokratischen Gesellschaft, die aus verschiedenen Sprachgemeinschaften besteht, gibt es keinen Platz mehr für eine vereinheitlichte (homogene) Standardsprache; sie ist kein anzustrebendes Ziel mehr […]. Andererseits nivelliert die Globalisierung zwar Völker, ihre Kulturen und Sprachen, ruft zugleich aber auch gegenläufige Prozesse hervor, die die sprachliche Vielfalt und die Bewahrung der Individualität sowie der sprachlichen (wie überhaupt der kulturellen) Identität fördern. Die Internetisierung verändert die gewohnten Funktionsräume der Sprachen, transformiert die Sprachen und schafft neue Gestalten von ihnen.“ (S. 643–644). Wie aus den vorangegangenen Aussagen hervorgeht, verändern sich die Standardsprachen. Eine weitere Frage, auf die wir in R. Miliūnaitės Monografie eine Antwort finden, lautet: Verändern sich alle Standardsprachen in gleicher Weise? Man kann wohl ahnen, dass die Veränderungen unterschiedlich sind. Laut der Wissenschaftlerin „verlieren die traditionellen europäischen Standardsprachen sowohl auf der Ebene der Form als auch der Funktionen und der sprachlichen Einstellungen an Stabilität. […] Es gibt jedoch auch Unterschiede, die weitgehend vom historischen Kontext abhängen. So ist beispielsweise in Island, Frankreich und Dänemark die Ideologie der Standardsprache stark; daher verlaufen die Veränderungen nicht in Richtung einer Schwächung dieser Ideologie, sondern auf der Ebene des Gebrauchs der Standardsprache (der zunehmenden Variabilität) […]. Die Prozesse der Poststandardisierung erreichten die Länder Osteuropas mit einiger Verzögerung und vollziehen sich nicht in einem solchen Ausmaß. Ursache dafür ist die lang andauernde politische Abhängigkeit dieser Länder, durch die die Entwicklung der Demokratisierung unterdrückt wurde […].“ (S. 644). Auch im Folgenden wird über die Veränderungen der litauischen Sprache geschrieben; auf den Seiten 647–648 heißt es, dass „sich mit der Verbreitung der Standardsprache durch das Bildungssystem und die Medien bereits eine neue Zwischenschicht herausgebildet hat – der Substandard der litauischen Sprache oder die allgemeine litauische Sprache. Wie verhält sie sich zur Standardsprache? Heute kann man sagen, dass die schriftliche 320 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVIII Rita Miliūnaitė. Įvairuojantys ir nauji lietuvių kalbos reiškiniai XXI a. pradžioje: sistematika ir pokyčių kryptys litauische Standardsprache dort funktioniert, wo sie von speziell ausgebildeten Personen geschaffen und bearbeitet (redigiert) wird. Wenn ein nicht redigierter Text im freien Stil öffentlich verbreitet wird (in den Medien, in sozialen Netzwerken usw.), verringert sich die Wahrscheinlichkeit nicht, dass es sich um einen Substandard handelt [...]“. „Markierte Erscheinungen der niedrigeren Varietät verlieren in der neutralen öffentlichen Sprache ihre Markiertheit, und Variabilität wird zum Mittel zur Herausbildung einer solchen Eigenschaft. Unter diesen Umständen werden auch die Normen der litauischen Standardsprache instabil, ihre Variabilität nimmt zu; dies ist eine Folge des Drucks des realen Sprachgebrauchs (im Wesentlichen kann man sagen: des Substandards) und bisweilen auch eine Folge der Kodifizierungsstrategie.“ Im Abschnitt 3.3.3.3 „Die Dynamik der Kodifizierung“ erschien folgender Gedanke wichtig (S. 649): „Es sind zwei Kodifizierungstypen möglich, die von der Geschichte der Entwicklung der Standardsprache und von der Art der Regulierung der Standardsprache abhängen (konkreter: vom (Nicht-)Vorhandensein einer staatlichen Sprachpolitik). Der eine Kodifizierungstyp stützt sich vor allem auf den realen Sprachgebrauch; die Normen der Standardsprache werden ausschließlich danach festgelegt, was in ihr funktioniert. Der zweite Kodifizierungstyp orientiert sich nicht nur am Sprachgebrauch, sondern auch am Sprachsystem und an der Normierungstradition. Dieser Typ ist besonders für jüngere Standardsprachen und somit auch für die litauische Standardsprache charakteristisch. [...] In der Theorie und Praxis der Kodifizierung der litauischen Standardsprache werden eine maßvolle Variabilität sowie die stilistische und funktionale Streuung der Varianten (nur nicht in allen Sprachebenen gleichermaßen) als Möglichkeit anerkannt, die Norm zu verändern, damit die Kodifizierung sich nicht vom Sprachgebrauch und von den Bedürfnissen der Benutzer der Standardsprache entfernt.“ Wie die Autorin feststellt, wurde in der Kodifizierung der litauischen Sprache im 21. Jh. versucht, funktionale Merkmale zu berücksichtigen und sie in den Sprachnormen konsequenter zu kennzeichnen, damit die Normen variantenreicher und somit für einen größeren Teil der Gesellschaft akzeptabler würden. Trotz solcher guten Absichten nehmen nichtnormgerechte Varianten im öffentlichen Sprachgebrauch zu; daher wird geschlussfolgert, „dass der Einfluss der Kodifizierung auf den öffentlichen Sprachgebrauch im Litauischen abnimmt. Die Benutzer der öffentlichen Sprache berücksichtigen sie immer weniger, und die Tendenz zum zweiten Kodifizierungstyp wird immer stärker, wobei einige Sprachspezialisten versuchen, das Kriterium des Sprachgebrauchs geradezu zum einzigen zu erheben. Der variierende Sprachgebrauch des 21. Jh. kann nicht ohne Einfluss auf das Sprachsystem und die Normenkodifizierung der Standardsprache bleiben. In der Standardsprache werden Erscheinungen legitimiert, die früher außerhalb ihrer Grenzen lagen (beispielsweise Wortbildungsmodelle, die symbolisch durch die Derivate klasiokas, -ė; ansambl ietis, -ė u. a. repräsentiert werden).“ (S. 649). Somit „ist die Zunahme der Variabilität und die Entfernung der Kodifizierung von der von der Mehrheit der Sprachbenutzer verwendeten Sprache ein charakteristisches Merkmal der Destandardisierung der gegenwärtigen litauischen Standardsprache“ (S. 649). Den auf Seite 651 vorgetragenen Gedanken über den Einfluss von Ideologien auf das Prestige und die Entwicklung der Sprache ist zuzustimmen. R. Miliūnaitė erklärt, dass „die zusammen mit der Demokratisierung der Gesellschaft aufgestiegene liberale Sprachideologie die traditionelle Varietät der Standardsprache als einer großen Mehrheit der Gesellschaft aufgezwungen betrachtet, somit als diskriminierend gegenüber sprachlichen Minderheiten und marginalisierten Gruppen sowie als Bedrohung der persönlichen Recenzijos / Reviews 321 ERIKA RIMKUTĖ Freiheit und Individualität [...].“ In Lietuva ist dieses Modell seit 2010 wirksam und zielt darauf ab, den sich spontan herausbildenden Substandard zu verankern, der keine reale Norm formt, sondern sie mit all ihren chaotisch funktionierenden Erscheinungen übernimmt. „Indem die liberale Sprachideologie die Ideologie der Standardsprache des Autoritarismus beschuldigt, sucht sie selbst nach Stützpunkten ihrer Macht unter Politikern, Medienvertretern und neuen Meinungsbildnern (Einflussnehmern) sowie im Bildungssystem; sie versucht somit, jene gesellschaftlichen Bereiche zu beeinflussen, von denen das Prestige und die Funktionsweise der Standardsprache am stärksten abhängen, und eine kritische Einstellung zur Standardvarietät zu fördern. In Lietuva wird versucht, nicht mehr die traditionelle Standardsprache als prestigeträchtige Sprachvarietät zu vermitteln, sondern den substandardsprachlichen Dialekt der Hauptstadt – die Sprache von Vilnius [...]; dabei stützt man sich jedoch auf ziemlich widersprüchliche Untersuchungen zu den sprachlichen Einstellungen [...]. Es wird versucht, die Sprache umzugestalten, in der Annahme, sie werde die Wirklichkeit verändern, und es wird nicht verstanden, dass reale soziale und psychologische Lebensprobleme (Gewalt, Ungleichheit usw.) nicht gelöst werden können, ohne dass sich das Denken, Verhalten und die zwischenmenschlichen Beziehungen der Menschen selbst verändern“ (S. 651–652). Im Abschnitt 3.3.4.1 wird die Demotisierung erörtert. Darunter versteht man die Volkstümlichwerdung und Vergröberung der Standardsprache. In der Phase der Demotisierung wird anerkannt, dass eine prestigeträchtige Sprachvarietät – die Standardsprache – erforderlich ist, doch die Bewertung dessen, wie diese Standardsprache sein soll, verändert sich. „Gewöhnlich wird der Status der früher nicht prestigeträchtigen Varietät angehoben“ (S. 656), während die Funktionen der Standardsprache eingeschränkt werden. „Durch die Demotisierung entsteht ein Widerspruch zwischen den traditionellen, von Autoritäten festgelegten Normen, an die sich Bildungseinrichtungen halten müssen, und dem realen Sprachgebrauch [...]. Lietuva bildet keine Ausnahme. Untersuchungen zu den sprachlichen Einstellungen zeigen, dass Lehrkräfte, insbesondere Litauischlehrer, mit zweierlei Normen konfrontiert sind: den kodifizierten, die sie lehren müssen, und den realen, die auf die Schüler vor allem außerhalb der Schule einwirken. Die wachsende Kluft zwischen kodifizierten und realen Normen mindert die Lernmotivation und erschwert den Lernprozess. Dasselbe lässt sich über die professionellen Nachrichtensprecher und Sprachredakteure in den gesprochenen Medien sagen, die zwischen kodifizierten und realen („volkstümlichen“, d. h. dem Substandard zugehörigen) Normen lavieren.“ (S. 657). Eine der Erscheinungsformen der Demotisierung ist die Restandardisierung, d. h. eine erneut stattfindende Standardisierung, die an den Entstehungsprozess der Standardsprache erinnert; in diesem Fall existiert die Standardsprache jedoch bereits, und ein neues Bündel von Normen oder Funktionen wird in Umlauf gebracht. „Im Fall der Restandardisierung werden die Sprachnormen nicht „von oben“ auferlegt, sondern auf die Untersuchung des realen Sprachgebrauchs und des sprachlichen Verhaltens der Sprachbenutzer gestützt.“ (S. 657). Bisweilen wird die Restandardisierung als Zwischen- oder Übergangszustand von einer Entwicklungsphase der Standardsprache zu einer anderen bezeichnet, d. h. als vorübergehende Variation, bei der Varianten „von unten“ in den Gebrauch der Standardsprache eindringen, oder als Phase der Sprachplanung (d. h. nicht einer spontanen Entwicklung, sondern einer bewussten Sprachregulierung), in der eine neue Standardvarietät geschaffen wird, die transformieren soll 322 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVII Rita Miliūnaitė. Įvairuojantys ir nauji lietuvių kalbos reiškiniai XXI a. pradžioje: sistematika ir pokyčių kryptys die den Bedürfnissen der Gesellschaft nicht mehr entsprechende traditionelle Standardsprache und durch bewusste Anstrengungen die Formen, Funktionen und das sprachliche Verhalten zu verändern (S. 658). Im weiteren Verlauf der Monografie wird diskutiert, ob sich im öffentlichen Sprachgebrauch in Lietuva ein Substandard etabliert hat. Wie die Autorin feststellt, gibt es, wenn der Substandard nicht kodifiziert (oder negativ kodifiziert) ist, keinen Grund, ihn als Ersatz der Standardsprache zu betrachten; dort jedoch, wo Texte nicht redigiert werden, verbreitet sich der Substandard, und seine Merkmale nehmen auch im öffentlichen Sprachgebrauch zu (S. 662). Wegen der jungen litauischen Standardsprache lernen jene gesellschaftlichen Schichten, die ihre Normen verbreiten und das Muster der Standardsprache vermitteln sollten, dieses häufig selbst nicht angemessen; daher verstehen sie die kodifizierten Normen und die Sprache als System nicht. Man kann behaupten, dass einige Muttersprachler im Grunde nicht die Standardsprache, sondern den Substandard erlernen (S. 663); einen Teil der kodifizierten Normen akzeptieren die Sprachbenutzer nicht, sie verstehen sie nicht und machen sich bisweilen sogar über sie lustig, indem sie sie als eine künstliche, von Sprachwissenschaftlern erfundene Sprache bezeichnen (S. 665). In den zusammenfassenden Schlussfolgerungen auf Seite 671 zu den Veränderungen der Standardsprache und zur Durchsetzung des Substandards heißt es: „[i]n der Öffentlichkeit beginnt sich auch die „Stimme des Volkes“ zu äußern – Sprachbenutzer, die in der Zeit vor dem Internet nur selten Gelegenheit hatten, ein breites Publikum zu erreichen; man kann sie bedingt als öffentliche Kommentatoren des Lebens bezeichnen. Seit Beginn des 21. Jh. überschwemmten sie Internetforen, Kommentarspalten von Artikeln, soziale Netzwerke und Kanäle mit Videoinhalten. Diese beiden gesellschaftlichen Gruppen verbindet Unreife, Unbildung, Oberflächlichkeit, Vulgarität, Obszönität und die öffentliche Zurschaustellung von Intimität. Zugleich tritt eine volkstümliche, „von unten“ kommende Sprache, die diese Bestandteile ausdrückt, an die Öffentlichkeit; die soziale Beschränkung des öffentlichen Wortschatzes verschwindet.“ Dennoch ist fraglich, ob sich die sprachlichen und persönlichen Eigenschaften aller im öffentlichen Raum auftretenden Personen derart verallgemeinern lassen (dass es viele solcher Personen gibt, ist einzuräumen), beispielsweise bringt Andrius Tapinas in der Öffentlichkeit recht häufig seine Meinung zum Ausdruck; er vertritt seine Position klar, doch vermutlich trifft keine der im vorangegangenen Zitat aufgezählten Eigenschaften auf ihn zu. Auf die Frage, was geschehen würde, wenn in Lietuva dennoch irgendein Substandard der Standardsprache gleichgestellt würde, lässt sich mit folgendem Auszug aus R. Miliūnaitės Monografie antworten: „Wenn der Substandard (und damit auch „die Sprache von Vilnius“) mit der prestigeträchtigen Standardsprache gleichgesetzt und als neue Standardvarietät legitimiert werden sollte, die die traditionelle Standardsprache ersetzen würde (ein Fall der Restandardisierung). Eine solche substandardisierte (restandardisierte) Standardsprache verlöre ihre Systemhaftigkeit; es wäre unmöglich, sie konsequent zu lehren und zu erlernen. Andererseits ist offensichtlich, dass die Standardsprache nur dann fortbestehen und gebraucht werden kann, wenn ihr veränderlicher Normenteil (im Unterschied zum Kern der Normen) nicht jahrzehntelang konserviert wird.“ (S. 664). Es ist erwähnenswert, was für die Veränderung der litauischen Standardsprache charakteristisch ist und was sie von einigen anderen europäischen Standardsprachen unterscheidet (ausführlicher siehe S. 666–667). Zu Beginn des 21. Jh. befindet sich die litauische Standardsprache bereits in der Periode der Poststandardisierung, doch Recenzijos / Reviews 323 ERIKA RIMKUTĖ sie gelangte in diese Phase, als sie noch relativ jung war, nachdem sie zu Beginn des 20. Jh. von Jono Jablonskio kodifiziert worden war. „Etwas mehr als hundert Jahre der Kodifizierung und Verbreitung ihrer Normen waren noch keine ausreichende Zeit, damit sich diese Normen auf allen Ebenen in den gebildeten Schichten der Gesellschaft stabil etablieren konnten; daher hat auch die Dynamik noch keine klare Richtung angenommen.“ „Im Unterschied zu einem Teil der europäischen Sprachen existierte das Litauische jahrhundertelang unter dem starken Druck anderer Sprachen und war ständig dem Einfluss von Sprachkontakten ausgesetzt. Auch die Normen der litauischen Standardsprache konnten sich während der 50 Jahre sowjetischer Okkupation nicht natürlich entwickeln, da sie einem starken Einfluss des Russischen ausgesetzt waren. Daher ist auch die Variabilität des Gebrauchs der Standardsprache nicht homogen: Es gibt fremde Elemente, die aus dem System und der Norm der litauischen Sprache als Ganzem herausfallen. Ende des 20. Jh. – Anfang des 21. Jh. hat sich die litauische Standardsprache noch nicht von den Folgen der Russifizierung befreit; zugleich erlebt sie eine Konvergenz mit neuen Sprachsystemen (in vielen Fällen mit dem Englischen) und mit anderen Varietäten des Litauischen selbst (Regiolekten und dem Substandard).“ Die Autorin erklärt, dass es angesichts der erst vor relativ kurzer Zeit begonnenen und bislang wenigen Untersuchungen zur Entwicklung der litauischen Standardsprache und zu den sprachlichen Einstellungen in Lietuva derzeit voreilig wäre, den Charakter der Dynamik der litauischen Standardsprache vorbehaltlos zu kategorisieren, obwohl die Beobachtung des Sprachgebrauchs und die Untersuchungen zu den sprachlichen Einstellungen Veränderungen sowohl auf der strukturellen Ebene als auch auf der Ebene der Sprachregulierung und der Sprachideologien zeigen. „In der gegenwärtigen Entwicklungsphase der litauischen Standardsprache lässt sich die zunehmende Kluft zwischen der kodifizierten und der realen Norm als Herausbildung eines Substandards – einer Zwischenschicht zwischen Regiolekten und der Standardsprache – erklären.“ In Lietuva wird versucht, den Wandel der Sprachideologien unnatürlich zu beschleunigen: Im öffentlichen Raum werden sowohl gegenüber der Ideologie der Standardsprache und den Normen der traditionellen Standardsprache als auch gegenüber ihren Aufsichtsorganen und der staatlichen Sprachpolitik negative Einstellungen geformt. Der letzte Abschnitt des dritten Buchteils endet mit einer recht optimistischen Aussage: „Die Erforschung der Veränderungen europäischer Standardsprachen weist darauf hin, dass die sprachlichen Einstellungen der Gesellschaft in den meisten Fällen die Notwendigkeit der Standardvarietäten selbst nicht infrage stellen. Die allgemeine Tendenz der Veränderungen ist häufiger nicht auf der Ebene der Ideologie der Standardsprache, sondern auf der Ebene der Sprachstruktur (des Sprachgebrauchs) zu erkennen. Für die litauische Standardsprache ist besonders wichtig, dass in der globalen Weltgemeinschaft die Überlebens-, Entwicklungs- und Wiederbelebungschancen von Sprachen mit wenigen Sprechern größer sind, wenn diese Sprache eine Standardvarietät besitzt [...]. Daher dürfen auch in der Periode der Poststandardisierung die Funktionsweise und die Veränderung der litauischen Standardsprache nicht der Selbstentwicklung überlassen werden.“ (S. 668). Im Schlusswort der Monografie (S. 680) erklärt R. Miliūnaitė, man solle nicht die Frage stellen, ob man eine Standardsprache braucht (die wir eigens erlernen müssen), sondern fragen, welche Standardsprache wir schaffen müssen, damit sie ein bequemes und attraktives, die Gesellschaft einendes Kommunikationsmittel sei. Die Antwort auf diese Frage überlassen sowohl die Autorin der Monografie als auch die Autorin dieser Rezension den Lesern selbst. 324 Acta Linguistica Lithuanica LXXXVIII Rita Miliūnaitė. Įvairuojantys ir nauji lietuvių kalbos reiškiniai XXI a. pradžioje: sistematika ir pokyčių kryptys Zusammenfassend lässt sich sagen, dass diese Monografie eine hervorragende, wertvolle wissenschaftliche Arbeit ist, die für Sprachbenutzer benötigt wird: sowohl für Theoretiker als auch für Praktiker. Obwohl an einigen Stellen der Rezension geschrieben wurde, dass man sich mehr Informationen, klarer dargestellte Sprachnormen und eine bessere Erklärung der variierenden sprachlichen Erscheinungen gewünscht hätte, richten sich diese Anmerkungen im Wesentlichen dennoch an die Herausgeber normativer Publikationen (zu ihnen gehört natürlich auch die Autorin der besprochenen Monografie), vermutlich im Hinblick auf künftige Diskussionen darüber, wie Sprachnormen präsentiert werden sollten, damit sie für die Benutzer bequem und verständlich sind. Es ist verständlich, dass man in einer einzigen Publikation – auch wenn sie einen solchen Umfang hat (721 S.!) – nicht erwarten kann, alle gewünschten Antworten zu erhalten. Zumal für manche eher die einen Sprachnormen Fragen aufwerfen können, für andere hingegen andere. Die hier geäußerten diskussionswürdigen Anmerkungen könnten vielleicht bestimmte Untersuchungen anregen und die Normierer darauf aufmerksam machen, welche Informationen den Benutzern der litauischen Sprache fehlen, ob sie ausreichend klar beschrieben und leicht auffindbar sind. Eingegangen am 17. Februar 2023. E R I K A R I M K U T Ė Vytautas-Magnus-Universität Vlado-Putvinskio-Str. 23–216, LT-44243 Kaunas, Litauen [email protected] Recenzijos / Reviews 325