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Mapping Indo-European Anatomical Terminology II: Latvian gaļa ‘meat’

Václav Blažek

Abstract

The present contribution analyzes Latvian gaļa ‘meat, flesh’ from the point of view of the Indo-European anatomical terminology and identifies its cognates in Old Irish gaile ‘stomach’, ‘Para- Phrygian’ γάλλια ‘intestines’ with the same suffixal derivation in *-o-/-*-eH2-, and further with Ancient Macedonian γόλα ‘intestines’, Greek χολάδες ‘entrails, guts’, and Slavic *želǫ̋dъkъ / *želǫdь(cь) ‘stomach’, all derivable from the aniṭ-root *ghel- or its apophonic variants. Insular Celtic *eχs-glasso-/ā- ‘stomach’, if derivable from *eĝʰs-(ĝ)(h)(H)-stH2o- ‘standing out of *(ĝ)(h)(H)-’, implies that *(ĝ)(h)(H)- should belong to a different internal organ, probably ‘gall, bile’, whose designation derivable from the root *ĝhelH3- ‘green, yellow’ is attested in several Indo-European branches. The alternative, if γάλλια ‘intestines’ is of Greek origin, is also discussed.

Full text

VÁCLAV BLAŽEK Masaryk-Universität ORCID-ID: orcid.org/0000-0002-6797-7188 Forschungsgebiete: baltistische und indogermanistische Etymologie und Onomastik. DOI: doi.org/10.35321/all89-02 KARTIERUNG DER INDOGERMANISCHEN ANATOMISCHEN TERMINOLOGIE II: LETTISCH GAĻA ‘FLEISCH’ Kartierung der indogermanischen anatomischen Terminologie II: lettisch gaļa ‘Fleisch’ ANNOTATION Der vorliegende Beitrag analysiert das Lettische gaļa ‘Fleisch, Leib’ aus der Perspektive der indogermanischen anatomischen Terminologie und weist seine Kognaten im Altirischen gaile ‘Magen’, im ‘para-phrygischen’ γάλλια ‘Därme’ mit derselben suffixalen Ableitung auf *-io-/*-ieH₂- sowie ferner im altmakedonischen γόλα ‘Därme’, im Griechischen χολάδες ‘Eingeweide, Gedärme’ und im Slawischen *žěĺǫbъkъ / *žęĺǫb(cь) ‘Magen’ nach, die sämtlich aus der anit-Wurzel *gh'elor ihren apophonischen Varianten ableitbar sind. Das inselkeltische *exs-glasso-/ā- ‘Magen’ impliziert, sofern es aus *eǵʰegʰs-(ǵʰ)(h)l(H)-stH₂o- ‘aus *ǵʰ(h)l(H)- herausstehend’ ableitbar ist, dass *ǵʰ(h)l(H)- zu einem anderen inneren Organ gehört haben sollte, wahrscheinlich ‘Galle’, dessen aus der Wurzel *ǵʰelh₃- ‘grün, gelb’ ableitbare Bezeichnung in mehreren indogermanischen Zweigen belegt ist. Die Alternative, falls γάλλια ‘Därme’ griechischen Ursprungs ist, wird ebenfalls erörtert. SCHLÜSSELWÖRTER: Lettisch, Indogermanisch, anatomische Terminologie, Wortbildung, Etymologie. ANNOTATION Der Beitrag analysiert das Lettische gaļa ‘Fleisch’ aus der Perspektive der indogermanischen anatomischen Terminologie und ermittelt verwandte Entsprechungen in anderen Sprachen: im Altirischen gaile ‘Magen’, im ‘Paraphrygischen’ γάλλια ‘Därme’ mit dem Suffix *-io-/-*–ieH₂-, ferner im Altmakedonischen γόλα ‘Darmtrakt’, Straipsniai / Articles 27 VÁCLAV BLAŽEK das griechische žoladės ‘Eingeweide, Därme’ und das Slawische *želǫdkъ / *želdъ(n)(ь) ‘Magen’ – alle Entsprechungen werden aus der anit-Wurzel *gʰel oder ihren ablautenden Varianten hergeleitet. Inselkeltisches *exs-glasso- / ā- ‘Magen’, sofern es aus *eǵʰ s-(ǵʰ)l(H)-stH₂O- ‘aus *ǵʰ(H)- herausragend’ hergeleitet wird, impliziert, dass *ǵʰ(H)- zu einem anderen inneren Organ gehören sollte, möglicherweise zur ‘Galle’, deren Bezeichnung aus der Wurzel *ǵʰelH₃- ‘grün, gelb’ hergeleitet wird und in mehreren indoeuropäischen Sprachzweigen belegt ist. Auch die Alternative wird erörtert, wonach γαλῆια ‘Därme’ griechischen Ursprungs ist. SCHLÜSSELWÖRTER: Lettisch, indoeuropäisch, anatomische Terminologie, Wortbildung, Etymologie. 1. BELEGUNG Lettisch gala f. ‘Fleisch (zum Essen bestimmt)’, d. h. ‘Fleisch (als Nahrung)’, mit Ableitungen wie dem Diminutiv galīte, den Adjektiven galāns, galīgs ‘fleischig’, gaļuōts ‘fleischig, mollig, fett’ und der Zusammensetzung gaļēdis ‘Fleischfresser’ (ME I 598; EH I 381–82), steht innerhalb des Baltischen isoliert, vielleicht mit Ausnahme des ‘Narewischen’ faļa, das mit polnischem mięso ‘Fleisch’ glossiert wird, sofern die Emendation *gaļa angemessen ist (vgl. Zinkevičius 1984: 12). 2. EXISTING ETYMOLOGIES Bis heute wurden folgende etymologische Versuche formuliert (in chronologischer Reihenfolge): 2.1. Sommer (apud ME I 598) vermutete (mit Fragezeichen) einen Zusammenhang mit dem Slawischen *golb ‘kahl’ und schlug die Metapher ‘nacktes (Fleisch)’ = ‘rohes (Fleisch)’ vor. Im Baltischen lassen sich mit dem Slawischen *golb ‘kahl’ verwandte Formen im Litauischen gālyti, gāldau, gāldžiau dial. ‘wischen, reiben, scheuern’, nugālyti ‘abwischen, reinigen’ und im Lettischen galdīt ‘schälen’ identifizieren, wobei letzteres ein Intensivverb auf –dyti vom verlorenen Verb *galyti ‘häuten, schälen’ darstellt (Smoczyński 2018: 307). Als nominales Kognat zum Slawischen *golb ‘kahl’ ist andererseits das Lettische gàle ‘eine dünne Eisdecke, Glatteis’ zu nennen; vgl. Russisch gólot ‘Eisdecke’ (ME I 617; Pokorny 1959: 349). 2.2. Stuart E. Mann (1984–1987: 312) verband das Lettische gala mit dem formal entsprechenden Litauischen galià f. ‘Kraft, Stärke, Bedeutung; Gesundheit’, einem transparenten deverbalen Abstraktum auf –iā– zum Verb galėti, galiù ‘fähig sein, es schaffen’; vgl. Lettisch galēt, –ēju ‘beenden, Schwierigkeiten überwinden, es schaffen, aushalten’ (Smoczyński 2018: 307–308; IE *gelH– ‘Macht, Autorität erlangen’ – siehe LIV² 185–186). In Anlehnung an Holger Pedersen (1909: 51) versuchte Mann, diese semantische Differenz zu stützen, indem er das Griechische verglich 28 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIX Mapping Indo-European Anatomical Terminology II: Latvian gala ‘meat’ χῖχυς f. ‘Kraft, Stärke’ mit dem Walisischen cig ‘Fleisch’; vgl. ferner Mittelwalisisch (13.th Jh.) cic, Alt-kornisch chic Gl. ‘caro’, Mittelbretonisch quic, Bretonisch kig (GPC), doch das allgemein anerkannte Kognat der britannischen Formen, Altirisch cíchl f. ‘weibliche Brust’ (DIL C-182), zeigt, dass die ursprüngliche Bedeutung dieses keltischen Etymons eher weit von ‘Stärke’ entfernt war (Matasović 2009: 204). 2.3. Konstantīns Karulis (1992: 285), der Einzige, der nach Zigmas Zinkevičius das mögliche ‘Narewische’ Kognat berücksichtigte, spekulierte ebenfalls über eine Beziehung von gala zum Lettischen galēt, –ēju ‘beenden, Schwierigkeiten überwinden, es schaffen, aushalten’, ferner zu gals ‘Ende, Spitze, Gipfel’ und dzelt, dzelu, dzelu ‘stechen, stichartig verletzen, beißen, brennen’ (ME I 541), entsprechend dem Litauischen gãlas ‘Ende, Abschluss, Schluss; Tod’ beziehungsweise gélti, gẽlia, gélė ‘stechen, prickeln; beißen (von Insekten, von einer Viper); heftig stechen, schmerzen’ (Smoczyński 2018: 327–328: IE *gʷelH– ‘durchbohren, Schmerzen zufügen’ – siehe LIV 207). 3. NEUE ETYMOLOGIE Die vorliegende Studie zielt darauf ab, eine alternative Lösung vorzulegen, die auf dem Vergleich mit anatomischen Termini in anderen IE-Zweigen beruht. Erinnern wir uns daran, dass das Lettische einige aus der IE-Protosprache ererbte Termini bewahrt, die in den anderen baltischen Sprachen keine Fortsetzungen haben, etwa das Lettische asins ‘Blut’ (ME I 143; Pokorny 1959: 343). Es gibt mehrere vielversprechende außersprachliche Kognaten: 3.1. Altirisches gaile m. ‘Magen; Bauch, Gebärmutter, Gedärme’ (DIL G-22) lässt sich aus dem Urkeltischen *galio und weiter aus *gl̥io nach Patrizia De Bernardo Stempel (1987: 32, 50, 131; 1999: 208) oder *gl̥Hio nach Deborah Hayden & David Stifter (2022: § II.5, unter Verweis auf Zair 2012: 70–77, 89–93) herleiten. Gemeinsam mit Julius Pokorny (1959: 365) leitet de Bernardo Stempel gaile vom Verb gelid ‘weidet, verzehrt’ (DIL G-60) her. August F. K. Fick (1881: 211) hatte gelid bereits mit dem Walisischen gele ‘Blutegel’ verbunden, ferner mit dem Althochdeutschen kela f. ‘Kehle, Schlund, Speiseröhre, Kehlkopf, Rachen; Kiemen’; Lateinisch gula f. ‘Kehle, Schlund’; Sanskrit gala– m. ‘Kehle’; Armenisch klanem ‘ich schlucke’, Aorist e–kowl; Russisch goltát’ ‘schlucken’. Diese Reihe von Vergleichsformen wurde mehr oder weniger von Walde & Pokorny I 621; Walde & Hofmann I 625–626; Pokorny 1959: 365 beibehalten. Heute gilt allgemein als anerkannt, dass Sanskrit gala– ‘Kehle’ aus dem IE-Verb *gʷelH₃ ‘schlucken’ hergeleitet ist (Pokorny 1959: 474; EWAI I 469–470, 476; Kümmel LIV 211). Armenisch kłō/°kowl, Lateinisch gula und Russisch goltát’ werden von Martin Kümmel (LIV 192) aus der Wurzel *gʷel- ‘schlucken, verschlingen’ hergeleitet, doch im Keltischen und Germanischen würde man den ursprünglichen Reflex von *gʷ-, nämlich *b Straipsniai / Articles 29 VÁCLAV BLAŽEK *kwu beziehungsweise. Hier bevorzugt Ranko Matasović (2009: 145) die plausiblere Rekonstruktion *gleu-. Stefan Schumacher (2000: 57, 70; 2004: 271–272), gefolgt von Kümmel (LIV 217–218) und Nicholas Zair (2012: 188–189), verbinden altirisches gelid ‘weidet, verzehrt’ mit dem Substantiv gelt f. ‘Weiden, Fressen’ und ferner mit der britannischen Bezeichnung für ‘Gras’: Altwelsh (9th cent.) guel, Mittel- & Modernwelsh gwellt m., Kornisch gwels id., Altbretonisch gueltiocion gl. ‘fenosa’, wobei die protokeltische Wurzel *gʷel- rekonstruiert wird, was indogermanisch *gʷʰel- voraussetzt, obwohl sie nur auf das Keltische beschränkt wäre. Matasović (2009: 145) äußert Zweifel an der Existenz einer solchen Wurzel. Ergänzend sei bemerkt, dass die Wurzel des britannischen Wortes für ‘Gras’ mit dem altnordischen vǫllr m. ‘Ebene, Feld, Wiese’ (De Vries 1977: 673) vereinbar ist, unabhängig von der Proform *walþuoder *walnu-, und ferner mit dem Hethitischen wellu- ‘Weide, Wiese’ < *uelnu- (Kloekhorst 2008: 998). Althochdeutsch kela f. ‘Kehle, Schlund, Speiseröhre, Kehlkopf, Rachen; Kiemen’ sowie Altsächsisch kel im Kompositum kelgirithi n. ‘Genusssucht’, Mittelniederdeutsch kēle, Altniederfränkisch kela f., Mittelniederländisch kele, Altfriesisch kele, Altenglisch ceole f. ‘Kehle, Schlund; Schlucht, Engpass; Bug eines Schiffes’ spiegeln das Urgermanische *kēlōn- wider (EWAhd V 451–454). Daneben gibt es noch die Variante mit einer anderen Suffixerweiterung: Althochdeutsch kelur m. (i-Stamm) ‘Kehle, Schlund, Wamme am Hals’, kelura f. (ōn-Stamm), keluro m. (an-Stamm) ‘Wamme, herabhängende Hautfalte am Hals; Kehllappen’;?Altsächsisch kelur ‘Kehllappen’; Altenglisch ceolor m. ‘Kehle, Schlund’, gewöhnlich aus dem Urgermanischen *keluz- hergeleitet (EWAhd V 452, 464–465). Guus Kroonen (2013: 284) modifizierte diese Rekonstruktion jedoch zu *kelurōf. und brachte sie damit mit *kelōn- in Einklang, wobei beide Glieder eines ursprünglichen r/n-heteroklitischen Paradigmas sind. Seine Herleitung von *keluro/*kelōn aus einer scheinbaren Wurzel *gʷelH₁ ist jedoch nicht notwendig, da die Wurzel *gel völlig ausreichend ist (vgl. EWAhd V 452–453). Diese Proform ist auch mit der von Matasović (2009: 145) bevorzugten erweiterten Form *gleu vereinbar; beide gehören ebenso zusammen wie die Verbalwurzeln *ser- ‘laufen, sich beeilen’ (EWAI II 705–706) gegenüber *sreu- ‘fließen’ (LIV 588) oder *der- ‘zerreißen, zerspringen’ gegenüber *dreǵ(H)- ‘niederschneiden’ (LIV 119, 129) oder *dreH₂- ‘laufen, *drem- ‘laufen’, was die Primärwurzel *der- voraussetzt, gegenüber *dreu- ‘laufen’ (LIV 127–129) usw. 3.1.1. Hayden & Stifter (2022) erweitern die keltischen Daten und fügen altirisches eclas (oor ā-Stamm) ‘Magen’ (DIL E-40), modernes Irisch eaglais ‘Magen eines Vogels’ oder ‘Muskelmagen’ hinzu, mit ihren britannischen Entsprechungen: Walisisch glasog ‘Muskelmagen eines Geflügels, Kropf, Niere’, afu (g)las ‘Muskelmagen’, wörtlich ‘glas-Leber’ (GPC); altkornisch glas gl. ‘stomachus’ (Campanile 1974: 49); mittelbretonisch elas ‘Muskelmagen’ (Catholicon; Vannetais), ‘Leber’ (Liber Vocabulorum), modernes Bretonisch elaz ‘gésier’ (Deshayes 2003: 212) < Gemeinkeltisch *exs-glasso- /ā- < *eǵʰs ‘aus’ + *(ǵ̂)(h)lH-stH₂o-. Doch de Bernardo Stempel (2023: 19) hat überzeugend gezeigt 30 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIX Mapping Indo-European Anatomical Terminology II: Latvian gala ‘meat’ dass sich die Sequenz *CL̥sC über *CaLsC, wahrscheinlich noch im Keltiberischen bewahrt, zur metathesierten Form *CLasC im residualen Gemeinkeltischen entwickelt. Daher ist Gemeinkeltisch *exs-glasso-/ā ebenfalls aus *eǵʰs + *gʷʰl̥-stH₂o-. ableitbar. Beide keltischen anatomischen Termini, *galio und *exs-glasso-/ā-, bezeichneten mehr oder weniger dasselbe innere Organ, ‘Magen’. Betrachtet man ihre Rückführungen auf das Proto-Indogermanische, *gʷʰl̥(H)io- ‘zu *gʷʰl̥(H)-’ gehörig und *eǵʰs-s-(gʷʰl̥)(H)-stH₂o- ‘aus *(gʷʰl̥)(H)-’ beziehungsweise, ist es eher schwierig zu verstehen, dass beide Bildungen dieselbe Bedeutung hätten, falls *(ǵʷ)(h)l̥- dasselbe bezeichnete. Eine Möglichkeit besteht darin vorzuschlagen, dass *(ǵʷ)(h)l̥(H)- in *eǵʰs-s-(gʷʰl̥)(H)-stH₂o ein anderes inneres Organ bezeichnete. Ein guter Kandidat ist ‘Galle’, ableitbar aus der Wurzel *ǵʰelh₃- ‘grün, gelb’ > Avestisch zāra m. ‘Galle’; Griechisch χόλος & χολή ‘Galle; bitterer Hass, Zorn’, χολέρα ‘Cholera, eine Magenerkrankung, die Erbrechen und Durchfall verursacht’; Germanisch *galla m., *gallōn f. ‘Galle’ > Altnordisch gall n., Altenglisch gealla m., Altsächsisch, Althochdeutsch galla f. ebenso; Baltisch *žulti- > Litauisch tulžìs, tulžẽ ‘Galle; gelblich-braunes Sekret aus der Leber’, Lettisch žũl(k)ts ‘Galle’; Altkirchenslawisch z̑l̥čь ebenso (Pokorny 1959: 429; Beekes 2010: 1641–1642; Kroonen 2013: 165; Boček, ESJS XIX 1131; Smoczyński 2018: 1536). Im Keltischen gibt es keinen offensichtlichen Fortsetzer der Wurzel *ǵʰelh₃- ‘grün, gelb’ im Sinne von ‘Galle’, nur die Farbbezeichnung im Walisischen gell ‘gelb, braun, fuchsfarben’, Bretonisch gell ‘braun’. Die Annahme, dass ihre Ableitung mit der Bedeutung ‘Galle’ im Keltischen verborgen ist, *exs-glasso-/ā- ‘aus einer Galle herausragend’ = ‘Magen’, ist durchaus attraktiv. Aus diesem Grund wird Keltisch *exs-glasso-/ā in der folgenden Untersuchung nicht berücksichtigt. 3.2. Hayden & Stifter (2022: § II.V) ergänzen die Vergleichsdaten und fügen zwei Glossen aus dem um 500 n. Chr. zusammengestellten Lexikon des Hesychios von Alexandria hinzu: 3.2.1. γόλα · ἔντερα. Makedonen (Latte, Cunningham 2018: 516, γ-769; vgl. Kalléris 1954: 138–139, § 50 zu anderen Interpretationen, nämlich †γόδα oder †ϝόδα). 3.2.2. γάλλια · ἔντερα (Latte, Cunningham 2018: 485, γ-106). Wenn kein Ethnikon vorliegt, wurde der griechische Ursprung dem zitierten Wort implizit zugeschrieben, doch ist dies keine feste Regel. So wurde z. B. die Glosse δαλάγχαν · θάλασσαν (Latte, Cunningham 2018: 538, δ-148) ohne Ethnikon als makedonisch identifiziert (Schmidt 1867: 370). Angesichts der Tatsache, dass der Glosse γάλλια · ἔντερα die Glosse γάλλαρος· Φρυγιακὸν ὄνομα vorausgeht, könnte auch für das Wort γάλλια derselbe, d. h. phrygische Ursprung in Betracht gezogen werden. Verwenden wir das Glottonym ‘Para-Phrygisch’. Der Begriff ‘Makedonisch’ wird hier im Sinne der Sprache der sogenannten makedonischen Glossen verwendet, in denen β, δ, γ jeweils dem griechischen φ, θ, χ entsprechen. Dieselbe Regel wirkte im Phrygischen (außer im palatalisierenden Kontext, in dem γ zu ζ wird). Makedonisches und Phrygisches γ würden sowohl idg. *g-/*ǵ̂- als auch *gʰ-/*ǵʰ- voraussetzen, während griechisches γ nur Straipsniai / Articles 31 VÁCLAV BLAŽEK IE *g−/*ĝ−. Das bedeutet: Das Makedonische γόλα ist aus *(ĝ)ol(H)–eH₂− oder *(ĝ̂)hol(H)–eH₂− ableitbar, wenn es der Nom. Sg. f. war. Es kann jedoch als Nom. Pl. Ntr. identifiziert werden, was den Nom. Sg. Ntr. *γόλ.ov voraussetzt. Schwieriger ist die Analyse der Glosse γάλια. Unter Berücksichtigung von {vielleicht} Phrygisch¹ βαλλίον n. ‘Phallus’, Pl. βαλλία ‘Schamteile’ [Herodas], im Hinblick auf ihre Beziehung zum Griechischen φαλλός m. ‘membrum virile’, φαλλίων [Suida] = φαλλοφόρος, περιφαλλία · πομπὴ Διονύσω τελουμένη τῶν φαλλῶν [Hesychius] (Beekes 2010: 197, 1550), und weiter zum Altirischen ball ‘Glied, Körperteil’, deutsches Dial. bille ‘Penis’, bulle ‘Vulva’ usw., die *bʰl̥nᵒ widerspiegeln (Pokorny 1959: 120–121), ist es möglich, γάλια bei angenommener phrygischer Herkunft auf *(ĝ)lnieH₂− oder *(ĝ̂)lnieH₂− und bei griechischer Herkunft auf *(ĝ)lieH₂−² oder *(ĝ̂)lnieH₂− zurückzuführen. Natürlich könnte γάλια auch den Nom. Pl. Ntr. darstellen. In diesem Fall wäre der Nom. Sg. als der (i)o-Stamm *γάλιον zu rekonstruieren. Die analoge Nasalerweiterung lässt sich im Lateinischen hernia ‘Bruch, Hernie’ gegenüber haruspex ‘ein Wahrsager, der die Zukunft anhand der Untersuchung der Eingeweide tierischer Opfer voraussagte’ (Walde & Hofmann I 643) erkennen. Diese Wurzel *gʰerH− mit der Nasalerweiterung erscheint im Litauischen žarnà oder žárną ‘Dünndarm’, Pl. žárnos ‘Gedärme, Eingeweide’, im Lettischen zar̃nas f. Pl. ‘Gedärme’, zarni m. Pl. ‘Eingeweide’; im Altnordischen gørn f. ‘Darm’, Pl. garnar ‘Eingeweide’, im Altsächsischen mid-garni m. ‘arvina’ (Pokorny 1959: 443). 3.3. Wenn die Glosse γάλια nicht griechischen Ursprungs, sondern z. B. phrygisch (para-phrygisch) ist, könnte der anlautende Laut der Protosprache der aspirierte Velar *(ĝ̂)h− sein. Für diesen Fall fügen Hayden & Stifter (2022, § II.V) noch das griechische κολάδες f. Pl. ‘Eingeweide, Gedärme’ [Ilias] hinzu (Beekes 2010: 1641), ableitbar aus *(ĝʰ)hol−nd−, sowie das Slawische *žel̨dbъkъ m. ‘Magen’ > Bulgarian želádak; Slovak žalúdok, Czech žaludek, Upper & Luwer Lusatian žołdk, Polish żołądek; Ukrainian želúdok, Russian-Church Slavonic želudъkъ, Russian želúdok / *želǫbъ(cb) > Macedonian želudec, Serbo-Croatian želudac, Slovenian želǫdec; Old Russian želudь, ableitbar aus *gʰel−ond− (Vasmer I 416; Derksen 2008: 556; Snoj 2016: 889). Es ist hervorzuheben, dass das slawische Beispiel den palatalen Velar im Anlaut ausschließt. 3.4. Das Lateinische helluō, –ōnis m. ‘Vielfraß, Verschwender’ [Terentius†], helluor ‘ich schlemme, verschlinge’ [Cicero] erlaubt es, auch über das italische Kognat nachzudenken, wenn es aus der Protoform *gʰelnuᵒ und nicht, wie Johann Knobloch (1973) meinte, aus *gʰelsuᵒ abgeleitet ist. Es ist verlockend, über eine primäre Zusammensetzung *hell(i)-vorus *‘Bauchverschlinger’ wie carni-vorus ‘fleischfressend’ [Plinius] zu spekulieren, vgl. vorō ‘ich schlucke, verschlinge, verzehre’, vergleichbar mit dem griechischen γαστερο-πλήξ ‘Vielfraß’ [Eustathius von Thessaloniki], wörtlich ‘Bauchstreicher’. Aus der hypothetischen Zusammensetzung ¹ So Haas 1966: 159. ² Vgl. Griechisch καλός ‘schön, edel, gut’ [Ilias], Böotisch καλφος dass., Komparativ καλλίων, Superlativ κάλιστος, außerdem κάλλος n. ‘Schönheit’ [Ilias] (Beekes 2010: 626–27). 32 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIX Mapping Indo-European Anatomical Terminology II: Latvian gaļa ‘meat’ *hell(i)-vorus wäre das Deponens helluor gebildet worden und schließlich das n-Stamm-Substantiv helluō, -ōnis. 4. DISKUSSION DER PROTOFORM Einige Beispiele lassen sich von der Wurzel *gel- ableiten, andere von *gʰel-, und bei der dritten Gruppe lässt sich nicht zwischen *gel oder *gʰel- entscheiden. Beide Wurzeln sind eher anit als set. Vergleichen wir beide Muster im Hinblick auf die Wortbildung. 4.1. *gel− Wurzel/Suffix | *−o−/*−eH₂− | *−i̯o−/*−i̯eH₂− | *−n−i̯o−/*−n−i̯eH₂− | *−r−/*−n− *gel− | | | | Gmc. *keluro/*kelōn− *gol− | Maked. γόλα | Lett. gala | | *gl̥− | | Altir. gaile?Gr. γάλλια |?Gr. γάλλια | 4.2. *gʰel− Wurzel/Suffix | *−o−/*−eH₂− | *−i̯o−/*−i̯eH₂− | *−n−i̯o−/*−n−i̯eH₂− | *−n + u° | *−nd−/*−ond− *gʰel− | | | |?Lat. helluō | Sl. *želǫdbъ & *želǫdъ (ch) *gʰol− | Maked. γόλα | Lett. gaļa | | | Gr. χολάδες *gʰl̥− | | Altir. gaile |?PaPhr. γάλλια | | Abkürzungen: Gmc. Germanisch, Gr. Griechisch, Lat. Lateinisch, Ltv. Lettisch, Mc. {Alt}makedonisch, OIr. Altirisch, PaPhr. Para-Phrygisch, Sl. Slawisch. 4.3. Diskussion. Das altirische Verb gelid ‘weidet, verzehrt’ kann sowohl *gel als auch *gʰel- widerspiegeln. Der semantische Zusammenhang dieses Verbs mit den Organen des Verdauungskanals, angefangen beim ‘Rachen’ oder ‘Schlund’ über den ‘Magen’ bis zu den ‘Gedärmen’, könnte Straipsniai / Articles 33 VÁCLAV BLAŽEK verglichen mit der Beziehung des griechischen γαστήρ f. „Bauch, Wanst, Gebärmutter“ [Iliad] zum Verb γράω „ich nage, esse“, Sanskrit grásate „verschlingt“, was für das Griechische die Grundform *γαστήρ voraussetzt (vgl. Buck 1949: 253, § 4.46; Beekes 2010: 262, 286). In jedem Fall ermöglicht uns das auf der Wurzel *gʰelberuhende Szenario, eine größere Zahl anatomischer Termini zu erklären, und deshalb ist diese Lösung vorzuziehen, unabhängig davon, ob man die primäre Ableitung von einem Verb des Typs altirisch gelid oder das Vorliegen eines nicht abgeleiteten primären Substantivs *gʰelin der indoeuropäischen Protosprache anerkennt. Wenn andererseits Hesychs Glosse γάλλια griechischen Ursprungs ist, kehrt die Wurzel *gelins Spiel zurück, und Germanisch *keluro/*kelōn- „Kehle, Schlund“ wird zu einem passenden Kognaten. In diesem Fall ist es notwendig, mit zwei Wurzeln, *gelund *gʰel-, zu operieren, die jeweils „Verdauungskanal“ und „Magen, Darm“ bezeichnet haben könnten. Lettisches gaļa „Fleisch, Körper“ und altirisches gaile „Magen; Bauch, Gebärmutter, Eingeweide“ lassen sich von beiden ableiten. 5. SEMANTIC MOTIVATION Die semantische Streuung zwischen „Fleisch“ und einem inneren Organ des Bauches ist nicht trivial, doch lässt sie sich durch Beispiele aus dem Afroasiatischen veranschaulichen (siehe Blažek 2020: 46–47, 90): (a) Nordkuschitisch: Beja fîʾ m. „Unterleib, Magen, Inneres“ (Hudson apud Blench) = f i, fîʾi m. „Magen; Inneres“ (Roper) = f(i)ʾ m. „Inneres, Mitte, Magen, Bauch“ (Reinisch) = fį, fe m. „Bauch(höhle), innere Eingeweide“ (Almkvist); Ostkuschitisch: Somali fììʃ „Bauch, Herz, Verstand, Laune“ (Reinisch); Berberisch: (Nord-)Tazerwalt tifí/á/ú „Fleisch“ (Stumme), Semlal tifiyyi, Ntifa tifiy, Baamrani tifiyi; (West-)Zenaga tfǝ iji (Nicolas) „Fleisch“. Es liegt nahe, ägyptisch fꜣ.t „Fleischstück“ (WPS 437) hinzuzufügen. (b) Semitisch *šir- >Akkadisch šīru(m) „Fleisch; Leib; Eingeweide-Omen“ (AHw 1248), Phönizisch šʾr „Fleisch, Körper“, Ugaritisch šir „Fleisch“, Hebräisch šəʾēr „Fleisch, Körper“ (DUL 786; SED I 210–211). 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Šis žodis patenka į kelių indoeuropiečių kalbų grupių anatomijos terminų rinkinį ir pavadina organą, priklausantį virškinamajam traktui nuo „gerklės“ iki „žarnų“. Diskusija apima istorines fonetikos, žodžių darybos ir semantinės tipologijos aspektus. Įteikta 2023 m. liepos 10 d. VÁCLAV BLAŽEK Department of Linguistics and Baltic Studies Masaryk University Nováka 1, CZ-60200 Brno [email protected] 38 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIX