Acta Linguistica Lithuanica 2025, Bd. 92, S. 1–15 Inhaltsverzeichnis-Link / Link zum Inhaltsverzeichnis ISSN 2669-218X (online / elektronisch)
DIE AKZENTRÜCKZIEHUNG IN DEN HANDSCHRIFTLICHEN QUELLEN DER OSTHOCHLITAUISCHEN UTENISCHEN MUNDART AUS DEN 6.–7. JAHRZEHNTEN DES 20. JAHRHUNDERTS
Die Akzentrückziehung in den handschriftlichen Quellen der osthochlitauischen utenischen Mundart aus den 1950er- und 1960er-Jahren
VIL IJA RAGAIŠIENĖ
Institut für die litauische Sprache E-Mail:
[email protected] ORCID-ID: https://orcid.org/0000-0002-5026-4667 Forschungsgebiete: Akzentologie, Dialektologie, Ethnolinguistik, Lexikografie.
https://doi.org/10.35321/all92-07
ZUSAMMENFASSUNG Der Beitrag untersucht unter dem Gesichtspunkt der Akzentuierung das Material aus handschriftlichen Quellen der osthochlitauischen utenischen Mundarten aus den 1950er- und 1960er-Jahren, die im Dialektarchiv des Zentrums für Geolinguistik am Institut für die litauische Sprache aufbewahrt werden. Ziel der Untersuchung ist es festzustellen, welche Regeln der Akzentrückziehung in der utenischen Mundart in der Mitte des 20. Jahrhunderts wirksam waren, sowie den Charakter und die Verbreitung der Erscheinung im Gebiet der Mundart zu erörtern. Die durchgeführte Analyse zeigt eine uneinheitliche und recht späte Herausbildung der Akzentrückziehung als Regel in der utenischen Mundart. Auf der Grundlage der in Leipzig in der Publikation des deutschen Linguisten Franz Specht Litauische Mundarten gesammelt von A. Baranowski veröffentlichten Texte des 19. Jahrhunderts aus den 1860er- bis 1880er-Jahren über die ostlichen osthochlitauischen Mundarten Kupiškis, Anykščiai und Utena sowie der Beschreibungen der Mundarten aus den 1950er- und 1960er-Jahren werden neue Einsichten in den Charakter der Akzentrückziehung in der utenischen Mundart vorgelegt. Es wird angenommen, dass sich in den nördlichen Mundarten und an den westlichen Randgebieten der utenischen Mundart, die von den Bearbeitern des Atlas der litauischen Sprache (1982) dem Gebiet der schwachen konditionalen Akzentrückziehung zugeordnet wurden, in den 1950er- und 1960er-Jahren eine Regel der intensiveren, nicht der schwachen, konditionalen Akzentrückziehung herausbildete. SCHLÜSSELWÖRTER: osthochlitauische utenische Mundart, Regel der Akzentrückziehung, „zweigipfliger“ Akzent, Silbe, handschriftliche Quelle.
ABSTRACT Der Beitrag untersucht unter dem Gesichtspunkt der Akzentuierung handschriftliche Quellen der osthochlitauischen utenischen Mundart aus den 1950er- und 1960er-Jahren, die im Dialektarchiv des Zentrums für Geolinguistik am Institut für die litauische Sprache aufbewahrt werden. Ziel der Untersuchung ist es, die Phänomene der Akzentrückziehung zu bestimmen, die in der utenischen Mundart in der Mitte des 20.th Jahrhunderts wirksam waren, und den Charakter sowie die Verbreitung dieser
Copyright © 2025 Vilija Ragaišienė. Veröffentlicht vom Institut für die litauische Sprache. Dies ist ein Open-Access-Artikel, der unter den Bedingungen der Creative-Commons-Namensnennungslizenz verbreitet wird; diese gestattet die uneingeschränkte Nutzung, Verbreitung und Vervielfältigung in jedem Medium, sofern die ursprüngliche Autorin und die Quelle angegeben werden. // Herausgegeben vom Institut für die litauische Sprache. Dieser Artikel ist frei zugänglich und wird gemäß den Bedingungen der „Creative Commons“-Namensnennungslizenz verbreitet, die eine uneingeschränkte Nutzung, Verbreitung und Vervielfältigung des Inhalts in jedem Medium gestatten, sofern die Autorin und die Quelle angegeben werden. Eingegangen: / Gauta: 2025-04-18. Angenommen: / Priimta: 2025-05-14.
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Diese Erscheinung im Gebiet der Mundart zu erörtern. Die Analyse zeigt eine uneinheitliche und recht späte Herausbildung der Akzentrückziehung als Regel in der utenischen Mundart. Ausgehend von Texten des 19. Jahrhunderts (aus den 1860er- bis 1880er-Jahren) über die Mundarten von Kupiškis, Anykščiai und Utena (die zum östlichen Teil der osthochlitauischen Dialektgruppe gehören), die der deutsche Linguist Franz Specht in Litauische Mundarten gesammelt von A. Baranowski in Leipzig veröffentlichte, sowie von Mundartbeschreibungen des 20. Jahrhunderts (aus den 1950er- und 1960er-Jahren), liefert der Beitrag neue Einsichten in den Charakter der Akzentrückziehung in der utenischen Mundart. Es wird angenommen, dass sich zwischen den 1950er-Jahren und der Mitte der 1960er-Jahre im nördlichen Teil und an der westlichen Peripherie der utenischen Mundart eine Regel der intensiveren statt der schwachen konditionalen Akzentrückziehung herausbildete, ein Gebiet, das von den Bearbeitern des Atlas der litauischen Sprache (1982) zuvor der schwachen konditionalen Akzentrückziehung zugeordnet worden war.
SCHLÜSSELWÖRTER: osthochlitauische utenische Mundart, Regel der Akzentrückziehung, zweigipfliger Akzent, Silbe, handschriftliche Quelle.
EINLEITUNG
Die in der osthochlitauischen utenischen Mundart wirksamen Phänomene der Akzentrückziehung haben bislang nur wenig Aufmerksamkeit der Forschung gefunden. In der wissenschaftlichen Literatur wird der Charakter der Akzentrückziehung in diesem Mundartgebiet recht fragmentarisch behandelt. Meist wird angegeben, dass der Akzent nur in einem Teil des utenischen Gebiets von der kurzen Endung zurückgezogen wird – in den nordwestlichen Mundarten und an den westlichen Randgebieten bei den Mundarten der Anykštėnai und der Širvintiškiai (Zinkevičius 1966: 447, Kt. Nr. 2; LKT 1970: 34–35). In früheren dialektologischen Arbeiten wurde behauptet, dass hier zwei Regeln der Akzentrückziehung wirksam seien – die der schwachen konditionalen und die der intensiveren konditionalen Akzentrückziehung: Bei Molėtai, Suginčiai, Debeikiai, Panemunėlis und Šuvieka wird der Akzent von der kurzen Endung auf eine Silbe zurückgezogen, die aus einem langen Vokal oder ie, uo besteht, in der Umgebung von Rokiškis und Obeliai dagegen auf jede beliebige vorletzte lange Silbe (LKA II 123–124, Kt. Nr. 105; Urbanavičiūtė-Mark evičienė, Grinaveckis 1992: 12; Zinkevičius 1994: 74; Markevičienė 1999: 16). In den letzten Jahren wird die Auffassung vertreten, dass im Gebiet der betreffenden Mundarten nur die intensivere konditionale Akzentrückziehung vorhanden ist (LKTCH 2004: 126–127; RAU 2010: 35). Am eigentlichen Rand des utenischen Gebiets – im nördlichen Teil der Mundart von Vabalninkas – wird der Akzent von der kurzen Endung auf die vorletzte sowohl lange als auch kurze Silbe zurückgezogen (Zinkevičius 1966: 447, Kt. Nr. 2; LKA II 124, Kt. Nr. 105; LKTCH 2004: 126).
Die in der wissenschaftlichen Literatur vorgelegten Daten über die Veränderung der Akzentrückziehung als Regel in der nordwestlichen Ecke und an einigen westlichen Randgebieten können auf gegenwärtige Veränderungen dieser Erscheinung im gesamten Mundartgebiet hindeuten.
Quellen, Ziel, Methoden. Das Untersuchungsmaterial wurde aus handschriftlichen Quellen der utenischen Mundart aus den 1950er- und 1960er-Jahren erhoben, die im Dialektarchiv des Zentrums für Geolinguistik am Institut für die litauische Sprache aufbewahrt werden. Bei der Materialsammlung für den Atlas der litauischen Sprache¹ wurden über zwei Jahrzehnte die Wohnorte (Erhebungspunkte)² untersucht, die zum Gebiet der osthochlitauischen Utena-Mundart gehören, und ihre Mundartbeschreibungen erstellt (siehe Abb. 1)³. Die Daten wurden nahezu aus
¹ LKA I; LKA II; LKA III. ² Die zu untersuchenden Wohnorte (Namen und Nummern der Erhebungspunkte) wurden von den Bearbeitern des Atlas der litauischen Sprache festgelegt. ³ Eine handschriftliche Quelle eines Erhebungspunktes besteht gewöhnlich aus der Darstellung des untersuchten Ortes, der sprachlichen Besonderheiten der Mundart und der Gewährspersonen, den Antworten auf die Fragen des Programms zur Sammlung des Materials für den Atlas der litauischen Sprache zur Lexik, Phonetik, Morphologie und Syntax sowie transkribierten Texten (ausführlicher siehe Ragaišienė 2024: 181–183).
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allen Wohnorten der Utena-Mundart erhoben – im Archiv wurden 89 Quellen (etwa 2100 Seiten) aus 66 Erhebungspunkten gefunden4. Bei der Analyse des Materials der handschriftlichen Quellen wird auch auf die in der 1970 veröffentlichten Chrestomathie Litauische Dialekte veröffentlichten Texte der utenischen Mundart zurückgegriffen. Fasst man die in den untersuchten Quellen gefundenen Daten zusammen, lässt sich feststellen, dass sie ausreichen, um die in der Mitte des 20. Jahrhunderts im Mundartgebiet vorherrschenden Tendenzen der Akzentrückziehung zu erörtern.
Ziel des Beitrags ist es, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts in der osthochlitauischen utenischen Mundart wirksamen Phänomene der Akzentrückziehung zu beschreiben und ihre areale Verbreitung im Mundartgebiet aufzudecken. Die Hauptaufgaben der Untersuchung sind: 1) ein Verzeichnis der in den handschriftlichen Quellen gefundenen Wörter zu erstellen, in denen der Akzent zurückgezogen werden kann; 2) das Verhältnis zwischen den Formen, die den Akzent in der Wortendung bewahrt haben, und jenen, die ihn auf die vorletzte Silbe zurückgezogen haben, zu bewerten; 3) den Charakter der Akzentrückziehung im Mundartgebiet festzustellen.
Bei der Untersuchung wird die beschreibend-analytische Methode angewandt; außerdem werden die vergleichende Methode und die Methode der inneren Rekonstruktion herangezogen.
Die durchgeführte Untersuchung dürfte nicht nur für die Erforschung der Veränderungen der Akzentuierungsphänomene der litauischen Dialekte, sondern auch für die Erforschung der Entwicklung der Akzentuierung der baltischen Sprachen von Bedeutung sein. Dies gilt vor allem deshalb, weil die im Beitrag vorgelegten Schlussfolgerungen die veröffentlichten Ergebnisse der Untersuchungen handschriftlicher Quellen der Kupiškis- und Anykščiai-Mundarten aus den 1950er- und 1960er-Jahren ergänzen und neue Daten über die Phänomene der Akzentrückziehung im Gebiet der östlichen osthochlitauischen Mundarten liefern (Ragaišienė 2018: 176–201; 2020a: 85–94; 2020b: 211–226).
PHÄNOMENE DER AKZENTRÜCKZIEHUNG: VERÄNDERUNGEN UND TENDENZEN
Das Material der handschriftlichen Quellen zeigt, dass das Akzentuierungssystem der osthochlitauischen utenischen Mundart in den 1950er- und 1960er-Jahren recht komplex war. Im Untersuchungszeitraum wirkten mehrere miteinander verbundene Akzentuierungsphänomene: der Ausgleich des Akzentparadigmas, die Herausbildung zweier Akzentuierungstypen – des Stamm- und des Endungstyps –, die Akzentuierungsanalogie, die Bewahrung von Relikten der alten Wurzelakzentuierung (zum Beispiel u-stämmiger Adjektive) und die Herausbildung der Regel der Akzentrückziehung (Ragaišienė 2024: 184–185). Nicht immer ist klar, welche im Stamm akzentuierten Formen infolge des Paradigmaausgleichs oder der Herausbildung des Stammakzentuierungstyps entstanden sind und welche mit der Akzentrückziehung in Verbindung zu bringen sind. Dies gilt insbesondere für Mundarten, in denen die Akzentrückziehung unregelmäßig ist. Andererseits stehen die behandelten Akzentuierungsphänomene mit Ausnahme der Akzentrückziehung mit der Akzentuierung flektierter Wörter in Zusammenhang. Bei der Bewertung des Charakters der Akzentrückziehung in konkreten Mundarten muss man sich daher auf die Akzentuierung von Verbformen und unflektierten Wörtern stützen.
Das Untersuchungsmaterial zeigt, dass der Akzent in den 1950er- und 1960er-Jahren in einem Teil des utenischen Mundartgebiets unterschiedlich stark zurückgezogen wurde – an einem Ort regelmäßig, an einem anderen wechselnd oder nur in einzelnen Formen (siehe Abb. 1). Nach dem Charakter der Erscheinung (ihrer Intensität) lässt sich das behandelte Gebiet in drei Areale gliedern. In den nördlichen utenischen Mundarten, d. h. im Areal Užūbaliai (87)5 – Ūnuškis
4 Aus drei Erhebungspunkten – Vyžuonos (275), Aknystėlės (307) und Deguliai (345) – liegen keine Daten vor. In der Chrestomathie Litauische Dialekte ist nur ein in der Mundart von Vyžuonos aufgezeichneter Text enthalten, in dem keine Fälle von Akzentrückziehung gefunden wurden (LKT 1970: 321–322).
5 In Klammern ist die Nummer des Erhebungspunktes im Atlas der litauischen Sprache angegeben.
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(88) – Rokiškis (147) – Obeliai (148) – Svėbiškis (150) wurde der Akzent regelmäßig von der kurzen Endung auf jede beliebige vorletzte lange Silbe zurückgezogen, z. B.: aĩni⁶ ~ eini⁷, dur̃nų⁸, gal̃va, ruñka ~ ranka, bėda, kãrtus, luñkus ~ lankus, nuveĩni ~ nueini, nuveĩsi ~ nueisi, su mė́sų ~ mėsa, septintì, svìrnì ~ svirne, uñksti ~ anksti, pìnki ~ penki, par vaŕtus, vìena, óška ~ ožka, mér̃ga, žmõna Užb; skū́ra, aĩni ~ eini, aĩnų ~ einu, gal̃va, liẽpsna, liẽtus, jaũni, kãlbi Bč; aĩni ~ eini, aĩšų / aĩšiu ~ eisiu, aļga, ãrti, keŕti ~ kerti, šìrdis, bárždu ~ barzda, gìrdžių ~ girdžiu, su karū́nų ~ karūna, laĩku, mãrti, meŕgų ~ merga, pìñkus ~ penkius, sõdi ~ sode, šáltą žiemą, šmaĩkštus, šlaũnis ~ šlaunis, vaĩkus, jaũni, vìeni, nuõga Rk; aĩnų ~ einu, neužeĩnų, balsù, diẽna, kãlbu maldẽlas ~ maldeles, laĩki ~ laike, prakeĩkta meŕga, šeĩma, žmõna Ob; aĩsi ~ eisi, diẽna, diẽnas, dur̃na, gal̃va, laĩki ~ laike, piẽla⁹, pìñkis ~ penkis, pìñkus ~ penkius, ruñka ~ ranka, vìena Svb¹⁰. Regelmäßig wurde der Akzent auch in der nordwestlichen Ecke, jenseits der von den Anykštėnai und Kupiškiai bewohnten Gebiete, in den utenischen Mundarten zurückgezogen, z. B.: aĩ.ši ~ eisi, bùrobùs, su dãžiaugsmu ~ džiaugsmu, gal̃va ~ galva, gãmta, gì.vi ~ gyvi, juõsva, kapù.stus ~ kopūstus, luñ.kus ~ lankus, nebėra, pìl.ka ~ pilka, pìj.ki ~ penki, su ruñ.ku ~ ranka, šál.ta ruñ.ka ~ šalta ranka, vìena, vìeni Gtč; aĩ.ni ~ eini, baĩ.gu ~ baigiu, bal̃.ti ~ balti, blaũ.zda ~ blauzda, gė́l.svi ~ gelsvi, diẽna, dùñ.gus ~ dangus, ì.ra ~ yra, kaŕ.tu ~ kartu, kir̃.vu ~ kirviu, laũ.ki ~ lauke, lìñ.ksma ~ linksma, lìñ.ksmi ~ linksmi, meŕ.ga ~ merga, miẽgu, pavaŕ.ksti ~ pavargsti, pìj.ki ~ penki, põña ~ ponia, ruñ.kas ~ rankas, sãl.di ~ saldi, sukal̃ti ~ sukalti (kuolai), trùm.pi ~ trumpi, tvõra, val̃.džia ~ valdžia, vaŕ.tus ~ vartus, vìena, žù.si.s ~ žąsis Drs¹¹. In den handschriftlichen Quellen der Mundarten von Vabalninkas und Darsiškiai wurden einzelne Fälle intensiver konditionaler Akzentrückziehung gefunden, z. B.: su kìtu ~ kita, vėdì Vb; ãkis, šãku ~ šaka, vìsi Drs¹². In den handschriftlichen Quellen der dem behandelten Areal zugeordneten Mundarten wurden weder Formen gefunden, in denen der Akzent von der kurzen Endung nicht auf eine lange Silbe zurückgezogen wird, noch Fälle eines Neben- oder „zweigipfligen“ Akzents¹³.
⁶ In den untersuchten Quellen variiert die Transkription der Wörter; es kommen Ungenauigkeiten oder Akzentuierungsfehler vor. Die Transkriptionszeichen der im Beitrag angeführten Beispiele werden nicht korrigiert, Fehler werden nicht berichtigt.
⁷ Nach dem Tildezeichen (~) werden transponierte Wortformen angegeben, die nicht akzentuiert sind. Wenn sich die transponierte Form außer im Akzent nicht von der transkribierten unterscheidet, wird sie nicht angegeben.
⁸ Das Lehnwort durnas, -à (4) wird in der Bedeutung ‚dumm, einfältig‘ verwendet.
⁹ Der Slavismus pielà (4) wird in der Bedeutung ‚Säge‘ verwendet.
¹⁰ Im Beitrag werden nicht alle in den handschriftlichen Quellen gefundenen Beispiele angeführt; ihre Belegfrequenz wird nicht angegeben. Zahlreiche Wörter sind in den Mundartbeschreibungen mehrmals oder dutzendfach belegt. Beispielsweise ist die Form vìena in der Beschreibung der mundartlichen Besonderheiten von Darsiškiai elfmal, ì.ra ~ yra zehnmal, su põnų ~ ponia viermal usw. angegeben.
¹¹ Auch im in der Chrestomathie Litauische Dialekte veröffentlichten Text der Mundart von Darsiškiai wird der Akzent regelmäßig zurückgezogen (LKT 1970: 273).
¹² Diese Formen sollten nicht als Fehler betrachtet werden. In der Beschreibung der mundartlichen Besonderheiten von Darsiškiai wird angegeben, dass „die Mundart den Akzent konditional zurückzieht. <...> manchmal ist eine allgemeine Akzentrückziehung zu beobachten, doch solche Fälle sind sehr selten“ (Gargasáitė, Misiūnaitė 1958: 6–7).
¹³ Zum Terminus „zweigipfliger“ Akzent siehe ausführlicher Girdenis 1978: 75–76. Der „zweigipflige“ Akzent funktioniert in den westhochlitauischen kaunischen, osthochlitauischen anykštėnischen, utenischen, vilnischen und weiteren Mundarten (Girdenis 1978: 75–76; Mikulėnienė, Morkūnas 1997: 16; Markevičienė 2001: 15–16; Urbanavičienė 2006: 224; Ragaišienė 2020b: 214, 219 u. a.). Dieser Akzent ist auch im Gebiet der südhochlitauischen Mundarten belegt (Leskauskaitė 2004: 164).
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Abbildung 1. Charakter der Akzentrückziehung in den handschriftlichen Quellen der utenischen Mundart aus den 1950er- und 1960er-Jahren
Hinsichtlich der Intensität der Akzentrückziehung sind auch die nördlichen Mundarten Panemunėlis (177) – Aleksandravėlė (180) – Kriaunos (179) – Sūviekas (181) und die westlichen Randgebiete des Mundartgebiets – die Umgebungen von Debeikiai (274) – Suginčiai (379) – Bijutiškis (479) – Giedraičiai (504) – Alanta (377) – demselben Areal zuzuordnen (siehe Abb. 1). An manchen Orten wurde der Akzent selten zurückgezogen (es wurden nur einzelne Fälle gefunden), an anderen unregelmäßig (Formen mit Akzentrückziehung machen gewöhnlich etwa 26–32% aus). Nach dem Charakter der Akzentrückziehung war das behandelte Gebiet im Untersuchungszeitraum ebenfalls nicht einheitlich. Im Atlas der litauischen Sprache wird behauptet, dass hier in der Mitte des 20. Jahrhunderts die Regel der schwachen konditionalen Akzentrückziehung wirksam gewesen sei (LKA II 123–124, Kt. Nr. 105). Das Material der handschriftlichen Quellen zeigt, dass sich in den nördlichen utenischen Mundarten eine intensivere konditionale Akzentrückziehung herausbildete – der Akzent wurde hier tendenziell von der kurzen Endung auf jede beliebige vorletzte lange Silbe zurückgezogen, z. B.: ai̇̃nu ~ einu, pīlna karieta, liėtus, par dirvas, diėna, dirva, pī̃kas ~ penkias, prigim̃tis, daikteĩ ~ daikte, viėna, gir̃džu ~ girdžiu, pōna ~ ponia, rūnka ~ ranka, ūntri ~ antri, užmiẽgu, žmōna Alk. Die Herausbildung der Regel wird auch durch die Verwendung von Formen mit „zweigipfligem“ Akzent belegt (vgl. Urbanavičiūtė-Markevicienė, Grinaveckis 1992: 12; Stundžia 1995: 70; Ragaišienė 2020b: 214–215; 2024: 185), vgl. in derselben Mundart aufgezeichnete Formen mit „zweigipfligem“ und zurückgezogenem Akzent, z. B.: cviekùs ~ cviekus¹⁴, kalavār.tū ~ kalavartų¹⁵,
¹⁴ Cviėkas (4) ‚Nagel‘.
¹⁵ Kalavartas (2) ‚Spinnrädchen‘.
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laũ.kùs ~ laukus, piñ.kùs ~ penkius, piẽtus ~ pietus, piñ.kì ~ penkti, sergù ~ sergu, skūrã ~ skūra, šìltã ~ šilta, vaĩ.kùs ~ vaikus, viẽnà / kàrtì, laũ.kus ~ laukus, piñ.kus ~ penkius, viẽnà Pnm¹⁶; aĩnì ~ eini, viẽnà ~ viena / aĩšù ~ eisiu, viẽnà, šìmtus, vaŕpus Krn. Die Etablierung der intensiveren, nicht der schwachen, konditionalen Akzentregel in den nördlichen Mundarten wird durch zwei Sachverhalte belegt. Erstens durch die Aussprache von Formen, in denen der Akzent auf eine lange Silbe zurückgezogen werden sollte, mit „zweigipfligem“ Akzent, z. B.: šùnùs ~ šunus, taŕ.nùs ~ tarnus, saldõtùs ~ saldotus¹⁷, karūnãs ~ karūnas, ĩrã ~ yra, eĩ.nì ~ eini, maĩ.šù ~ maišu, piñ.kùs ~ penkius, šõkùs ~ šokius, mẽr.gù ~ merga, žmõgus ~ žmogus, vaŕ.dù ~ vardu, ke.kvienà dienà ~ kiekviena diena, devỹnì ~ devyni, uñ.kštì ~ anksti, kaŕ.tùs ~ kartus, kẽr.tù ~ kertu, viẽnà ~ viena, nebepra keĩ.kta ~ nebeprakeikta, õrì ~ ore Rg. Zweitens durch die wechselnde Verwendung von Formen, die den Akzent bewahren, und solchen, die ihn auf die vorletzte lange Silbe zurückziehen, z. B.: biẽdnà / biẽdna ~ biedna, i.rã / ĩrã ~ yra, piñkì / piñkì ~ penki, šìrdis / šìrdis ~ širdis u. a. Rg.
Anders war die Situation im Untersuchungszeitraum an den westlichen Randgebieten des Mundartgebiets bei den Mundarten der Anykštėnai und Širvintiškiai. In den Texten von mehr als der Hälfte der Mundarten ist eine unregelmäßige Akzentrückziehung auf jede beliebige vorletzte lange Silbe belegt, z. B.: aĩnù ~ einu, aĩšù ~ eisiu, bẽda, juõdi, mẽrga, piŕštu, šìmtus, švìesa, ùntra ~ antra, viẽnà, žmõną / kìrviù ~ kirviu, miegù, vaĩkùs u. a. Čkn; daĩktì ~ daikte, dūdù ~ dūda (spielt), juõda, kaũlas ~ kiaules, pasṍeikši ~ pasveiksi, piñkis ~ penkis, prõtu ~ protu, šìmtus, viẽnà / aĩsmì ~ eisme, baisùs, barzdù ~ barzda, burnã, neĩslaidùs ~ neišlaidus, neĩšù ~ neisiu, nusperkì, piñkãs ~ penkias, sunkù, šeimù ~ šeima, vaikù, vaikùs u. a. Skd; aĩšù ~ eisiu, kelìntà, laũkì ~ lauke, lìndì ~ lendi, lìėtus, miẽstì ~ mieste, nuõga põna ~ ponia, piñkus ~ penkius, piñkì ~ penki, šìrdis, švìesa, vaŕkstu ~ vargstu, viẽnà, viẽtą, žiẽmą / aĩnù ~ einu, aĩšì ~ eisi, ausìs, baigì, dainã, kalbì ~ kalbi, neb eĩnù, neĩšù ~ neisiu, su šeimù ~ šeima, piñkì ~ penki, piñkus ~ penkius, suprantù ~ suprantu, urkstì ~ anksti, verkšì u. a. Sgn; daržùs, nekũntrì ~ nekantri, tvõra, šìmtus, viẽnà / lietùs, mergã, miršù ~ mirsiu, piñkì ~ penki, viršùs u. a. Grs; aĩšù ~ eisiu, liẽtus, piñ.kùs ~ penkius, riẽstą, õšką ~ ožką, skìlas ~ skyles, vaĩ.kùs ~ vaikus / aĩšù ~ eisiu, barzdã, ilgì, jaunã, i.rã ~ yra, sunkù ~ sunku, uždėta u. a. Vdn¹⁸. In anderen Mundarten wurden einzelne Fälle aufgezeichnet, in denen der Akzent von der kurzen Endsilbe auf eine Silbe zurückgezogen wird, die aus einem langen Vokal, ie, uo oder den Diphthongen ei, ui besteht, z. B.: kariẽta¹⁹, kuĩnu, kuĩnus, rū.bus ~ rūbus (vgl. ru.bùs ~ rūbus) Lln. Solche Fälle wurden in dem behandelten Areal nur in geringer Zahl gefunden²⁰.
¹⁶ Die Linguistinnen, die die Mundart des Dorfes Robliai im Erhebungspunkt Panemunėlis untersucht haben, wiesen darauf hin, dass die Gewährspersonen der ältesten Generation den Akzent nicht von der kurzen Endung auf die lange Wurzel zurückziehen, die Vertreter der mittleren Generation in solchen Wörtern „zwei Akzente aussprechen“, während die jüngere Generation den Akzent durchgehend zurückzieht (Grinaveckienė, Gargšaitė 1956: 4). In den Erzählungen der Vertreter der ältesten Generation fanden sich einzelne Fälle von Akzentrückziehung, etwas häufiger wurden Fälle des „zweigipfligen“ Akzents aufgezeichnet.
¹⁷ Saldõtas (2) ‚Soldat‘.
¹⁸ In den Texten der Mundart von Suginčiai machen die Formen, in denen der Akzent von der kurzen Endung auf jede beliebige vorletzte lange Silbe zurückgezogen wird, etwa 38% aus (51 Fälle von 134), in den Erzählungen des Erhebungspunkts Gireitiškiai etwa 26% (8 Fälle von 31), im in der Umgebung von Videniškiai gesammelten Material etwa 22% (7 Fälle von 33).
¹⁹ Die Form wurde dreimal aufgezeichnet.
²⁰ Ein Teil dieser Formen kann auch mit dem morphonologischen Paradigmaausgleich oder der Herausbildung des Stammakzentuierungstyps in Verbindung gebracht werden (Ragaišienė 2020b: 222; 2024: 185).
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In den 1950er- und 1960er-Jahren wurden Erscheinungen der Akzentrückziehung in den östlichen und südöstlichen utenischen Mundarten beobachtet, die von den Bearbeitern des Atlas der litauischen Sprache nicht dem Gebiet der schwachen konditionalen Akzentrückziehung zugeordnet worden waren. Das Material der handschriftlichen Quellen zeigt, dass sich dieses Areal und die westlichen Randgebiete hinsichtlich der Akzentrückziehung im Wesentlichen nicht unterscheiden. Auch in den östlichen und südöstlichen Mundarten wurden Formen mit „zweigipfligem“ Akzent aufgezeichnet, z. B.: aĩ.nù ~ eĩnu, audė́ja, sùnkù ~ sunku, telõkùs ~ teliokus, ùnkstì ~ anksti, vaĩ.kù ~ vaiku, viẽną Spt u. a.²¹ Wie in den Quellen der westlichen Mundarten wurden auch in den Handschriften der östlichen und südöstlichen Mundarten nur wenige Fälle der Kennzeichnung dieses Akzenttyps gefunden. Dies zeigt, dass die betreffende Erscheinung in der utenischen Mundart der 1950er- und 1960er-Jahre unterschiedlich stark ausgeprägt gewesen sein konnte, weshalb der Nebenakzent vermutlich nicht in allen Fällen gekennzeichnet wurde. Die vorletzte lange Silbe – das erste Element des „zweigipfligen“ Akzents – konnte sogar länger als die akzentuierte ausgesprochen werden und sich vom zurückgezogenen Akzent nur wenig unterscheiden (vgl. Stundžia 1989: 435; Girdenis 2003: 95; Ragaišienė 2018: 184). Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Forscher der Mundartmerkmale in manchen Fällen den Akzent nur auf der vorletzten Silbe angaben.
Für die Verbreitung der Erscheinung im östlichen und südöstlichen Teil des Mundartgebiets sprechen auch die vereinzelt vorkommenden Fälle von Akzentrückziehung (vgl. Ragaišienė 2024: 185). In einigen Mundarten wird der Akzent häufiger von der kurzen Endung auf eine Silbe zurückgezogen, die aus ie, uo oder einem langen Vokal besteht, z. B.: liẽtus (vgl. liẽtus ~ lietus, lẽ.taũs ~ lietaus), raudõ.ni ~ raudoni (vgl. raudonõ.s ~ raudonos), sū̃nus ~ sūnus (vgl. su sūnum̃), viẽdrus ~ viedrus²², viẽna ~ viena (vgl. vienà ~ viena), viẽni ~ vieni (vgl. viẽni ~ vieni) Kkt; diẽna, geltõna (vgl. gelta.nũ ~ geltonų), negì.va ~ negyva, nẽra, sū̃nus, viẽna (vgl. viẽną) Brč²³. In anderen Mundarten wird der Akzent wie an den westlichen Randgebieten der Mundart auf jede beliebige lange Silbe zurückgezogen, z. B.: aĩme ~ eime, su bar̃zdu ~ barzda, diẽnas, grìbus ~ grybus, su plūgù ~ plūgu, laĩškì ~ laiške, liẽtus, ruñkas ~ rankas, suprantũ ~ suprantu, šìntus, viẽna kapeĩka, žmõna Jnš; balti, jermẽkus²⁴, kalbi, kàrtu aĩnu ~ einu, kir̃vu ~ kirviu, krū́va ~ krūva, miẽgu, piñkas ~ penkias, diẽnas, širdis nesveĩka, blogà žmõna ~ bloga žmona, supilti Arn²⁵. Sowohl hier als auch dort konnten Formen mit zurückgezogenem Akzent als Varianten verwendet werden, z. B.: dienà / diẽna, skurà / skūrà, sū̃nus / sū̀nus, vienà / viẽna, tvorà / tvõra u. a. Lb²⁶; baĩsi / baĩsì, baĩsi ~ baisi, gýva / gì.va ~ gyva, jì.rà / jì.ra ~ yra, kapeĩkas / kapeĩkas, põne / po.nė ~ ponia, su.nùs / sū̀.nus ~ sūnus, šìntus / šìntus, viẽną / viẽna u. a. Bjt; i.rą / ì.ra ~ yra, pinkì / piñki, piñkì ~ penki, vienà / viẽna Jnš. Bemerkenswert ist, dass der Akzent sowohl von der kurzen Endung auf die unmittelbar davorstehende lange zirkumflektierte als auch auf die akutierte Silbe zurückgezogen wird (analoge
²¹ Die Herausbildung des zurückgezogenen Akzents wurde mit dem „zweigipfligen“ Akzent in Verbindung gebracht. In der Beschreibung der sprachlichen Besonderheiten der Mundart von Spitrėnai heißt es, dass „der Prozess der Akzentrückziehung bereits auch diese Mundart erfasst hat. In einigen Wörtern sind deutlich zwei Akzente zu hören“ (Urbanavičiūtė 1966: 5). ²² Viẽdras (2) ‚Eimer‘. ²³ Formen mit zurückgezogenem Akzent machen weniger als 10% aus. ²⁴ Das Lehnwort jermė́kas wird in der Bedeutung ‚langer Überrock, Militärmantel‘ verwendet. ²⁵ Angegeben sind alle in den Handschriften beider Mundarten gefundenen Formen mit Akzentrückziehung (sie machen jeweils 11% bzw. 9% aus). ²⁶ In der Beschreibung der Mundart von Labanõras gab Jonas Šukys (1958: 5) an, dass „die Akzentrückziehung nur in zweisilbigen Wörtern beobachtet wurde, wenn die Wurzel lang und die Endung kurz ist“.
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Akzentuierungstendenzen sind auch für die Anykštėnai der osthochlitauischen Mundarten charakteristisch, siehe Ragaišienė 2020b: 215–216, 222).
Das Material der untersuchten handschriftlichen Quellen zeigt eine ungleichmäßige und relativ späte Herausbildung der Akzentzurückziehung als Regel im Utena-Subdialekt: Mitte des 20. Jahrhunderts war das Phänomen im äußersten Norden des Gebiets und in dessen nordwestlicher Ecke bereits etabliert, im nördlichen Areal Panemunėlis (177) – Aleksandravėlė (180) – Kriaunos (179) – Suviekas (181) sowie an den westlichen Rändern an der Grenze zu den Anykščiai- und Širvintos-Subdialekten befand es sich hingegen noch in der Herausbildung. Dass das Phänomen im Utena-Gebiet relativ spät zu entstehen begann, bestätigen die Texte von Antanas Baranauskas aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Specht 1920: 52–83)²⁷. In den 1920 veröffentlichten Erzählungen aus dem Dialekt von Vabalninkas (142), die in der Publikation Litauische Mundarten gesammelt von A. Baranowski enthalten sind, wurde der Akzent regelmäßig von der kurzen Endung auf jede beliebige lange Silbe zurückgezogen; in den Texten der Kirchspiele Žiobiškis (147)²⁸ und Vyžuonos (275) wurde er nicht zurückgezogen; hier fanden sich nur vereinzelte Fälle eines „Doppelgipfelakzents“, die statistisch nicht signifikant sind (Ragaišienė 2015: 180–181). Zur Zeit von A. Baranauskas bewegte sich die im nördlichen Teil des Kupiškis-Gebiets, in der nordwestlichen Ecke des Utena-Gebiets und am westlichen Rand des Anykščiai-Gebiets etablierte intensivere konditionale Akzentzurückziehung in südlicher Richtung (siehe Abb. 2; ausführlicher siehe Ragaišienė 2015: 180–183; 2018: 181–184; 2020b: 215). Das Material der handschriftlichen Quellen aus den 1950er–1960er Jahren zeigt, dass der Akzent im Kupiškis-Subdialekt bereits regelmäßig zurückgezogen wurde, wenn auch mit unterschiedlicher Intensität, und ebenso im gesamten Gebiet des Anykščiai-Subdialekts (Ragaišienė 2018: 185; 2020a: 90–93; 2020b: 215–216)²⁹. Somit bildete sich der in diesen Subdialekten etablierte zurückgezogene Akzent Mitte des 20. Jahrhunderts am westlichen Rand des Utena-Subdialekts heraus und breitete sich in die östlichen und südöstlichen Ortsdialekte aus.
²⁷ Antanas Baranauskas organisierte während seiner Professur am Priesterseminar von Kaunas um 1867–1884 seine Schüler, Dialekttexte zu sammeln, die er später dem deutschen Linguisten Hugo Weber schickte.
²⁸ Žiobiškis wurde von Antanas Salys Punkt 147 zugeordnet (Geržotaitė ir kt. 2014: 412; vgl. auch Geržotaitė 2015: 147). Auch Žaneta Markevičienė (2011: 306) hat diesen Ort als Punkt des Utena-Subdialekts angegeben.
²⁹ Die Herausbildung des Gesetzes der Akzentzurückziehung in diesen Subdialekten könnte durch das substratische Element der Selonen beeinflusst worden sein (Zinkevičius 2006: 30, 73).
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Abbildung 2. Art der Akzentzurückziehung in den von A. Baranauskas vorgelegten Texten der östlichen Ost-Aukštaiten
Auf Grundlage des Materials aus den Texten von A. Baranauskas und den handschriftlichen Quellen der östlichen ostaukštaitischen Subdialekte ist anzunehmen, dass sich in der Mitte des XX. Jahrhunderts an den westlichen Randgebieten des Utenaer Subdialekts eine intensivere und nicht eine schwächere bedingte Rückverlagerung des Akzents herausbildete. Lietuvių kalbos atlaso Zusammenstellern könnte es aus mehreren Gründen schwergefallen sein, den Typ der Akzentrückverlagerung festzustellen. Erstens deshalb, weil das Phänomen im Untersuchungszeitraum in den benachbarten Mundarten unterschiedlich stark ausgeprägt war (siehe Abb. 1). In einigen Manuskripten machen Formen mit zurückverlagertem Akzent etwa 21–38 Prozent aus, in anderen wurden nur vereinzelte Fälle der Akzentrückverlagerung und/oder Formen mit „zweigipfligem“ Akzent gefunden. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass die Forscher auch Fälle des morphonologischen Ausgleichs der Akzentparadigmen mit der Akzentrückverlagerung in Verbindung brachten (Ragaišienė 2024: 185). In den Manuskripten der den Akzent selten zurückverlagernden westlichen Randgebiete sowie der östlichen und südöstlichen Mundarten machen die Formen des Singular-Instrumentals und des Plural-Akkusativs von Wörtern mit zirkumflektiertem Stamm mehr als die Hälfte der untersuchten Fälle aus (68 von 115 Fällen)30. Bemerkenswert ist, dass auf diese Weise häufiger Wörter der zweiten Akzentklasse betont werden, deren vorletzte Silbe auf einem Langvokal und ie, uo, z. B.:
30 Im Stamm werden auch die Nominativ-Singular-Formen tendenziell akzentuiert, z. B.: ma.kkla ~ mokykla, sta.vkla ~ stovykla ‚Statue‘ Int u. a. (Ragaišienė 2024: 185).
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gaidžōkus ~ gaidžiokus, su pōnu, sagōnus³¹, viščiōkus ~ viščiokus Šd; ma.kìklas ~ mokyklas, su plūgu, su pōnu, rūbus, rūtas ~ rūtas, samagōnù³² Int; su diẽdu, baravì.kus ~ baravykus, ragutẽlãs ~ raguteles, rūbus, sijōnus, viščiōkus ~ viščiokus Mdk; burōkus, niẽkus (vgl. niẽkai), miẽstus (vgl. miestẽ), miežius, su vỹnu, žỹdus (vgl. žỹdų) Gdr³³. Analoge Akzentuierungstendenzen sind auch für die nicht zum Gebiet der Akzentzurückziehung gehörenden Subdialekte der Vilnius-Ost-Aukštaiten und der Süd-Aukštaiten charakteristisch (Grumadienė 1994: 101–104; Mikulėnienė 1996: 149; Urbanavičienė 2006: 220; Ragaišienė 2010: 53; 2016: 162–163 u. a.).
Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das Material der handschriftlichen Quellen aus den 1950er–1960er Jahren zwei wichtige Sachverhalte belegt. Erstens zeigt es die Herausbildung der Akzentzurückziehung als Phänomen an den westlichen Rändern des Utena-Gebiets sowie in den östlichen und südöstlichen Ortsdialekten. Zweitens weckt es Zweifel daran, dass die schwache konditionale Akzentzurückziehung in diesem Areal im Untersuchungszeitraum als eigenständige Regel wirksam war.
ZUSAMMENFASSUNG
Das Material der handschriftlichen Quellen der Utena-Ortsdialekte der Ost-Aukštaiten aus den 1950er–1960er Jahren zeigt, dass die Akzentzurückziehung als Regel im Subdialekt relativ spät zu entstehen begann und ungleichmäßig wirksam war. Mitte des 20. Jahrhunderts war das Phänomen im äußersten Norden des Gebiets und in dessen nordwestlicher Ecke bereits etabliert, im nördlichen Areal Panemunėlis (177) – Aleksandravėlė (180) – Kriaunos (179) – Suviekas (181) sowie an den westlichen Rändern an der Grenze zu den Anykščiai- und Širvintos-Subdialekten befand es sich noch in der Herausbildung; in den östlichen und südöstlichen Ortsdialekten war es selten.
Die durchgeführte Analyse stützt die gegenwärtige Theorie zur Herkunft der litauischen Dialekte und bestätigt die Schlussfolgerungen der Untersuchungen der Texte von A. Baranauskas aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den Kupiškis- und Anykščiai-Subdialekten der Ost-Aukštaiten sowie der Beschreibungen dialektaler Merkmale der Ortsdialekte aus den 1950er–1960er Jahren, wonach sich die Akzentzurückziehung von Norden nach Süden ausbreitete. Wahrscheinlich konnte die innovative Welle der Akzentzurückziehung, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom nördlichen Teil der Kupiškis- und Anykščiai-Subdialekte in Richtung des östlichen Randes bewegte, den westlichen Teil des Utena-Subdialekts frühestens Mitte des 20. Jahrhunderts erreichen.
Lietuvių kalbos atlaso Zusammensteller hatten dem Gebiet der schwachen bedingten Akzentrückverlagerung zugeordneten nördlichen Areal Panemunėlis (177) – Aleksandravėlė (180) – Kriaunos (179) – Sūviekas (181) sowie den westlichen Randgebieten in den 1960er- und 1970er-Jahren offenbar lediglich eine intensivere bedingte Akzentrückverlagerung zugrunde gelegt. Das Material der handschriftlichen Quellen weist kein zusammenhängendes Gebiet aus, in dem eine schwache bedingte Akzentrückverlagerung wirksam gewesen wäre. Als Erscheinungsformen dieses Gesetzes wurden vermutlich Fälle des morphonologischen Ausgleichs der Akzentparadigmen angesehen (bei Wörtern der zweiten Akzentklasse werden im vorletzten, auf einem Langvokal oder ie, uo beruhenden Silbenkern die Formen des Singular-Instrumentals und des Plural-Akkusativs betont). Die Annahmen über die Wirkung des Gesetzes der schwachen bedingten Akzentrückverlagerung (und seine Existenz) im Utenaer Gebiet sind durch das Material der den Akzent nicht zurückverlagernden Mundarten dieses Subdialekts aus der zweiten Hälfte des XX. Jahrhunderts bis zum Beginn des XXI. Jahrhunderts zu untermauern.
³¹ Sagōnas (2) ‚großer gusseiserner Topf mit oder ohne Henkel‘.
³² Samagōnas (2) ‚zu Hause hergestellter Schnaps‘.
³³ Es wurden nur wenige Formen dieser Kasus gefunden, die den Akzent in der Endung bewahren, z. B.: gri.būs ~ grybus, kisielùs ~ kisielius, miežius ~ miežius, po.nū ~ ponu Gdr.
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Abkürzungen der Wohnorte der Utena-Ost-Aukštaiten (Atlas der litauischen Sprache-Punkte)
Alk (180) – Aleksandravėlė, Kreis Rokiškis. Arn (526) – Arniōnys, Kreis Molėtai. Bč (121) – Bučiūnai, Kreis Rokiškis. Bjt (479) – Bijūtiškis, Kreis Molėtai. Brč (245) – Berčiūnai, Kreis Anykščiai. Čkn (306) – Čekó̇nys, Kreis Molėtai. Drš (172) – Daršiškiai, Kreis Kupiškis. Gdr (504) – Giedraičiai, Kreis Molėtai. Grs (412) – Girsteitiškis, Kreis Molėtai. Gtč (114) – Gataučiai, Kreis Biržai. Int (480) – Įnturkė, Kreis Molėtai. Jnš (506) – Jõniškis, Kreis Molėtai. Kkt (380) – Kūktiškės, Kreis Utena. Krn (179) – Kriaūnos, Kreis Rokiškis. Lb (414) – Labanõras, Kreis Švenčionys. Lln (344) – Leliūnai, Kreis Utena. Mdk (481) – Medeikiai, Kreis Molėtai. Ob (148) – Obeliai, Kreis Rokiškis. Pnm (177) – Panemunėlis, Kreis Rokiškis. Rg (178) – Ragėliai, Kreis Rokiškis. Rk (147) – Rõkiškis Sgn (379) – Sugiñčiai, Kreis Molėtai. Skd (378) – Skudutiškis, Kreis Molėtai. Spt (309) – Spitrėnai, Kreis Utena. Svb (150) – Svõbiškis, Kreis Rokiškis. Šd (478) – Šiaudžiai, Kreis Molėtai. Užb (87) – Užubal̇iai, Kreis Rokiškis. Vb (142) – Vabalniñkas, Kreis Biržai. Vdn (450) – Vidėniškiai, Kreis Molėtai.
Akzentzurückziehung in den handschriftlichen Quellen des Ost-Aukštaiten-Subdialekts von Utena aus den 1950er- und 1960er-Jahren
ZUSAMMENFASSUNG
Der Artikel untersucht unter dem Gesichtspunkt der Akzentuierung handschriftliche Quellen des Ost-Aukštaiten-Subdialekts von Utena aus den 1950er- und 1960er-Jahren, die im Dialektarchiv des Zentrums für Geolinguistik am Institut für die litauische Sprache aufbewahrt werden. Dieser Themenbereich hat bei Linguisten bislang wenig Beachtung gefunden. Der Artikel zielt darauf ab, die Akzentzurückziehungsphänomene zu bestimmen, die Mitte des 20.
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wurde von den Linguisten wenig beachtet. Der Artikel zielt darauf ab, die Akzentrückverlagerungsphänomene zu identifizieren, die in der Mitte des 20th. Jahrhunderts im ostaukštaitischen Subdialekt von Utena wirksam waren, und ihre areale Verteilung innerhalb des Subdialektgebiets aufzuzeigen.
Das Forschungsmaterial liefert neue Daten zur Entwicklung und zum Wesen der Akzentrückverlagerung im ostaukštaitischen Subdialekt von Utena. Die Studie zeigt, dass sich die Akzentrückverlagerung als Regel im Subdialekt relativ spät herauszubilden begann und recht uneinheitlich funktionierte. Bis zur Mitte des 20th. Jahrhunderts hatte sich das Phänomen bereits im nördlichsten und nordwestlichen Randgebiet des Areals etabliert. Im nördlichen Gebiet (um Panemunėlis, Aleksandravėlė, Kriaunos und Suviekas) sowie entlang der westlichen Peripherie an der Grenze zu den Subdialekten von Anykščiai und Širvintos befand es sich dagegen noch im Entstehungsprozess und blieb in den östlichen und südöstlichen Teilen selten.
Die Analyse stützt die gegenwärtige Theorie zur Herkunft der litauischen Dialekte und bekräftigt die Ergebnisse der Untersuchungen der Texte von Antanas Baranauskas aus der zweiten Hälfte des 19th. Jahrhunderts, die die Ost-Aukštaiten-Subdialekte von Kupiškis und Anykščiai abdecken, sowie der Beschreibungen dialektaler Merkmale lokaler Ortsdialekte aus den 1950er- und 1960er-Jahren; diese weisen darauf hin, dass sich die Akzentzurückziehung von Norden nach Süden ausbreitete. Wahrscheinlich konnte die innovative Welle der Akzentzurückziehung, die sich in der zweiten Hälfte des 19th. Jahrhunderts vom nördlichen Teil der Kupiškis- und Anykščiai-Subdialekte in Richtung des östlichen Randes bewegte, den westlichen Teil des Utena-Subdialekts erst Mitte des 20th. Jahrhunderts erreichen.
Das nördliche Gebiet und die westliche Peripherie, die von den Herausgebern des Atlas der litauischen Sprache zuvor dem Gebiet der schwachen konditionalen Akzentzurückziehung zugeordnet worden waren, scheinen in den 1950er- und 1960er-Jahren lediglich eine intensivere Form der konditionalen Akzentzurückziehung aufgewiesen zu haben. Die handschriftlichen Quellen weisen kein einheitliches Gebiet aus, in dem die schwache konditionale Akzentzurückziehung wirksam gewesen wäre. Die Ausprägungen dieser Regel dürften mit Fällen des morphonologischen Ausgleichs des Akzentparadigmas zusammenhängen. In den Beschreibungen lokaler Ortsdialekte, in denen die Akzentzurückziehung unregelmäßig auftritt, entfällt mehr als die Hälfte der Fälle von Stammbetonung auf die Formen des Instrumentals Singulars und des Akkusativs Pluralis von Wörtern der zweiten Akzentklasse, deren vorletzte Silbe einen langen Vokal oder die Diphthonge ie oder uo enthält.
Die im Artikel vorgelegten Erkenntnisse zur Wirksamkeit (und Existenz) der Regel der schwachen konditionalen Akzentzurückziehung im Utena-Subdialekt werden durch die Daten der lokalen Ortsdialekte dieses Subdialekts gestützt, die von der zweiten Hälfte des 20th. Jahrhunderts bis zum Beginn des 21st. Jahrhunderts erhoben wurden und keine Akzentzurückziehung aufweisen.
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