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Martyrs: Zur Fiktionalisierung von Folter im »war on terror«

Author: Köthe, Sebastian
Publisher: Zenodo
DOI: 10.5281/zenodo.17305275
Source: https://zenodo.org/records/17305275/files/2023_Koethe_Martyrs_RaendernDesWissens.pdf
An den Rände n
des Wissens
Übe küns le ische
Epis emologien
Ka h in Busch
Ba ba a G onau
Ka h in Pe e s
(H g.)
Imp essum
Sch i en eihe des DFG-G aduie enkollegs »Das Wissen de Küns e« he ausgegeben
on Ba ba a G onau und Ka h in Pe e s
Diese Ve ö en lichung wu de e möglich du ch die eundliche Un e s ü zung de Deu schen
Fo schungsgemeinscha und de Uni e si ä de Küns e Be lin.
Bibliog a ische In o ma ion de Deu schen Na ionalbiblio hek
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gungen du ch den jeweiligen Rech einhabe .
E schienen 2023 im ansc ip Ve lag, Biele eld
© Ka h in Busch, Ba ba a G onau, Ka h in Pe e s (Hg.)
Ges al ung: Jenny Baese, Be lin. Mi a bei : I ene Szankowsky
Lek o a : Anne Vonde s ein, Be lin
D uck: Majuskel Medienp oduk ion GmbH, We zla
h ps://doi.o g/10.14361/9783839462201
P in -ISBN 978-3-8376-6220-7
PDF-ISBN 978-3-8394-6220-1
Buch eihen-ISSN: 2749-2222
Buch eihen-eISSN: 2749-2230
Ged uck au al e ungsbes ändigem Papie mi chlo ei gebleich em Zells o .
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97
Einlei ung
Das agg essi e Bekenn nis de Ve einig en S aa en zu Fol e nach den An-
schlägen om 11. Sep embe 2001 ha auch die Küns e he ausge o de , sich
zu einem solchen pa adigma ischen B uch de Menschen ech e zu posi io-
nie en. Dies gil ü dokumen a ische Fo men wie Zeugnisse, o ensische Be-
ich e ode Dokumen a ilme, die eine Fo mensp ache ü das Gewal han-
deln, abe auch die Agency de Be o enen inden müssen. Dies gil ebenso
ü Fik ionen, de en na a i en und äs he ischen E indungen ein epis emi-
sche wie e hische We zukomm . Wie ein solche We zu besch eiben
wä e, soll im Folgenden anhand des Spiel ilms Ma y s (Pascal Laugie , FR/
CA 2008) e p ob we den. Na a i e und Äs he iken, die Geschich e nich in
einem abbildlichen Modus ep äsen ie en, sonde n sie im Fik ionalen du ch-
a bei en, s ehen o de He aus o de ung, o z alle Ve wandlung und Ve -
emdung au ih e Reali ä bezogen zu sein. Dabei haben sie die Chance, in
de Fik ionalisie ung ep äsen a ionalen Klischees und Ge ah en auszuwei-
chen, wie eine e neu en Beschämung de Op e ode eine Wiede holung
hegemoniale Rhe o iken. Ein Wissen de Küns e wi d hie also eine sei s als
Po enzial e s anden, Rep äsen a ionsno men zu umgehen ode soga zu ze -
s ö en, und ande e sei s als eine Un e suchung de Gegenwa au dem Um-
weg de Fik ion.
Ma y s is kein Film übe den »wa on e o «, abe ein Film aus seine
Mi e he aus. In ihm esonie die ö en liche Wiede keh de Fol e : de
Sebas ian Kö he
Ma y s
Zu Fik ionalisie ung
on Fol e im
»wa on e o «
98
Sebas ian Kö he
mindes ens 780 Männe , die ohne ech ss aa lichen P ozess in Guan ánamo
ge angen wa en (35 on ihnen sind es bis heu e), de mindes ens 119 in
CIA-Geheimge ängnisse Ve schlepp en und de Zehn ausenden on Men-
schen in den Lage n in I ak und A ghanis an. Wäh end Fol e eine sei s
spu ena m p ak izie , legalis isch ge ech e ig und als S aa sgeheimnis
behandel wu de, wu de sie ande e sei s on den Ve an wo lichen selbs
ö en lich gemach – zu Absch eckung, zu E mäch igung de Exeku i e und
de Na ion nach den Anschlägen om 11. Sep embe . Ohne dass in diesem
Bei ag die Spezi ik de »saube en« Fol e und des US-Fol e disposi i s aus-
üh lich disku ie we den kann, s ell diese den Rahmen ü die F age nach
de his o ischen E schließungsk a on Fik ionen.
Ma y s handel nich on de Fol e in Guan ánamo, abe om Leiden
un e Fol e . 2008 on Pascal Laugie als anzösisch-kanadische Kop oduk-
ion ealisie und au dem Ma ché du Film in Cannes u au ge üh , gil e
dem Filmwissenscha le Ma cus S iglegge e wa als »gegenwä ige[ ] End-
punk des Ho o gen es«1. In den pola isie en Deba en um die ex emen
Subgen es des Ho o kinos geh es um Möglichkei en de Au a bei ung on
Gewal du ch ih e na a i kaum plausibilisie e Reinszenie ung. Wäh end
K i ike *innen den Subgen es his o ische En lee ung o we en, möch e ich
die di e enzie e Codie ung on Zei und En zei lichung in dem Film be onen
und ge ade in de En na a i ie ung eine Möglichkei sehen, Klischees de
Bedeu samkei on Leiden zu des uie en.2 Du ch eine Analyse de ilmäs-
he ischen Zei lichkei , des zen alen Mo i s de Häu ung sowie de Rezep-
ion in de deu schsp achigen Filmwissenscha wi d gezeig , wie Ma y s die
Sinnlosigkei de Fol e bi g und Rela ionali ä als ein mögliches Ande e de
Gewal inszenie .
Handlung, Gen e, Gegenwa sdiagnose
Ma y s en häl Ac ionsequenzen, Pseudo-Dokumen a ionen, Lexikona i-
kel, eine home in asion und olg den Logiken on psychoanaly ischen Ho -
o -, o u e po n- und Mys e y ilmen. Es läge nahe, in diese du ch iel äl-
ige in e ex uelle Bezüge noch un e s ichenen Mul iplizie ung de Gen es
eine Auss ellung ih es Kons uk ionscha ak e s zu e mu en. Die ab up en
Abb üche, Ve schä ungen und Pe ipe ien un e lau en alle dings in ih en
schockha en Ve dich ungen und une äglichen Ze dehnungen jeden pos -
mode nen Spielcha ak e . Ma y s handel nich on Kons uk i ismus ode
Dekons uk ion, sonde n on bedeu ungsze se zende Des uk ion und de
F age, was ih wide s ehen könn e.
Selbs die Handlung on Ma y s is s i ig – eine aus üh liche e Rekon-
s uk ion dahe lohnend. Nach Lucies (Myène Jampanoï / Jessie Pham als
1 S iglegge , Ma cus: Ve dich ungen. Zu Ikonologie und My hologie populä e
Kul u , Hagen-Be chum 2014, S. 147.
2 Vgl. Deleuze, Gilles / Gua a i, Félix: Was is Philosphie?, F ank u /M.
2014 [zue s 1991], S. 241 .
99
Ma y s
Kind) Fluch aus ih e Ge angenscha zeig de Vo spann pseudo-dokumen-
a ische Supe -8-Au nahmen: Lucie wi d in einem Ins i u gep leg , ein A z
ekons uie ih e Geschich e ü ein A chi und häl es , es handele sich
um einen ypischen Fall on Kindesmisshandlung, nu dass sie nich sexuell
missb auch wo den sei. Ein zwei es Mädchen, Anna (Mo jana Alaoui / E -
ika Sco als Kind), be eunde sich mi Lucie: Kleinen Geschenken olgen
zagha e Be üh ungen. Spä e inde Anna Lucie mi au geschli z en A men –
diese be eue , sich die Wunden nich selbs zuge üg zu haben. Lucies Be
wi d nach s on eine K ea u heimgesuch , die sich spä e als Imago eines
wei e en Fol e op e s en pupp , das Lucie bei ih e Fluch zu ückgelassen
ha . De Film i el e schein .
15 Jah e spä e : Lucie e schieß eine ie köp ige Familie in de en Haus.
Die o en El e n, sie is sich siche , sind ih e ehemalige Peinige *innen. Lucie
wi d wiede on de K ea u angeg i en. Anna kümme sich um ih e F eun-
din und e scha die Leichname in eine Baug ube. Als sie e such , de
übe lebenden Mu e zu hel en, wi d sie on Lucie übe asch . Lucie ö e
die Mu e ein zwei es Mal. Anna insis ie , diese sei unschuldig gewesen.
Lucie ühl sich be ogen und läss sich da au hin on de K ea u ö en.
Annas Pe spek i e en hüll , dass sich Lucie selbs ins Fleisch schneide , ehe
sie du ch eine Glas on sp ing und sich die Kehle au schneide . Lucie muss
sich d eimal ö en.
Anna mach Lucies Leichnam wü de oll au dem So a zu ech ; sie ele-
onie mi ih e Mu e , die ih Vo wü e wegen ih e Beziehung zu Lucie
mach ; und sie en deck in einem Geheim e s eck ein weibliches Fol e op e .
Anna bade die F au und nimm ih in eine schme zha en P ozedu einen
an de Kop hau es gemach en Me allhelm ab. Bald da au e such sich das
Fol e op e den A m abzuschneiden, ehe es e schossen wi d.
Eine pa amili ä ische G uppe nimm Anna ge angen und besei ig die
e bliebenen Leichname. Mademoiselle, die An üh e in de Sek e, e klä das
Vo haben: Mi de Fol e such en sie nach »Mä y e innen«. Das seien insbe-
sonde e junge F auen, die das Leid und die Sünden de Wel e ügen und in
einem Momen zwischen Leben und Tod das Jensei s e blick en. Mademoi-
selle zeig Anna Fo og a ien on Ge ol e en, K anken und Un allop e n und
weis sie au de en eks a ische Blicke hin.
Anna soll die nächs e Mä y e in we den. Im Fol e kelle immobilisie ,
wi d sie on eine F au no dü ig e so g und on einem Mann geschla-
gen. Einmal schläg sie zu ück, nich s ände sich. Im Ke ke üh sie ein
Gesp äch mi de e s o benen Lucie, es ende mi den Wo en: »Tu me
manques.« Du ehls mi .
Anna läss die Fol e übe sich e gehen. Die le z e S u e is die Häu ung
bis au s Gesich . So wi d Anna kniend an den Handgelenken au gehäng
und wie ein Kuns we k beleuch e . Ein ick sho üh du ch ih Auge au
ein pulsie endes Lich zu. In einem Tank am Leben gehal en, wi d sie on

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Sebas ian Kö he
Mademoiselle ge ag , ob sie das Jensei s e blick habe. Annas An wo bleib
un e s ändlich.
Eine G uppe äl e e Menschen e sammel sich. Anna sei die e s e
Mä y e in, die bezeug habe, was nach dem Tod geschehe. Be o sie Annas
Zeugnis kundgib , schmink sich Mademoiselle in einem Hin e zimme ab.
Sie ag einen Ve au en, ob e sich o s ellen könne, was nach dem Tod
geschehe. Sie ä ihm zu zwei eln. Dann e schieß sie sich. Eine De ini ion
des Wo es ma y e schein au de Leinwand: om G iechischen ma u os,
Zeuge. Eine le z e Eins ellung äh au Annas o ene Augen zu. Ha Anna ein
alsches Zeugnis abgeleg , um Mademoiselle zum Suizid zu e üh en? De
Abspann zeig Supe -8-Au nahmen de jungen Anna und Lucie, die in einem
Walds ück des Ins i u s spielen.
Die Ambigui ä de Filmhandlung ha zu kon ä en Deu ungen ge üh :
So mach Alexand a Wes eine d ei eilige S uk u aus, die die Kausali ä des
T aumas umkeh e: Ma y s beginne mi dessen Nachwi kungen in Ges al de
e s ö en Lucie; zeige dessen Gegenwa anhand on Lucies Selbs e le -
zungen und seinen U sp ung anhand on Annas Fol e .3 Susanne Kappesse
hingegen e kenn in eine e s en Filmhäl e Spu en pos humanis ische Kö -
pe lichkei en, die in einem zwei en Teil »ih e Aus o mulie ung« änden.4 Im
Gegensa z dazu e klä Eugenie B inkema, dass Ma y s seine e s e Häl e so
unze emoniell en so ge wie die Sek e Lucies Leiche im Masseng ab: »Pa
A is endu ed solely o be ende ed i ele an .«5 Solche In e p e a ions o -
schläge bleiben au g und de ambigen Na u des Filmes agwü dig: Wes
amalgamie die Figu en de Anna und Lucie und e säum es, den ilmimma-
nen en Abspann mi einzubeziehen, Kappesse posi i ie die Fol e Annas als
k i ische En iden i izie ung und B inkema übe sieh die Ein al ung wich ige
Mo i e des e s en Teils in den zwei en, e wa Annas Bindung an Lucie.
Mein A gumen ziel nich au eine O dnung de Filmsequenzen, son-
de n au den Mi ollzug ih e Ambigui ä . Diese esul ie maßgeblich aus
den wide s ei enden Zeugenscha en im Film: Lucie e lang on Anna,
ih em Übe lebendenzeugnis zu glauben; Mademoiselle e ho sich on
Anna ein me aphysisches Zeugnis; Anna bezeug allein ih e Beziehung zu
Lucie; das Publikum wiede um bezeug Annas Leiden. De Film k eis um
das Spannungs e häl nis on Zeugenscha , Gewal und Rela ionali ä , ohne
es au zulösen. Das be i auch sein Changie en zwischen His o izi ä und
3 Vgl. Wes , Alexand a: Films o he New F ench Ex emi y: Visce al Ho o
and Na ional Iden i y, Je e son, NC 2016, S. 148.
4 Vgl. Kappesse , Susanne: Radikale E schü e ungen. Kö pe - und Gende kon-
zep e im neuen Ho o ilm, Be lin 2017, S. 180 .
5 B inkema, Eugenie: »The iolence o a ascina ion wi h* a isibile o m
(on Ma y s, c uel y, ho o , e hics) [*on and s. wi h s. as]«, in: Pos -
mode n Cul u e. Jou nal o In e disciplina y Though on Con empo a y
Cul u es, Bd. 30, N .2, 2020, URL: h p://www.pomocul u e.o g/2021/01/07/
he- iolence-o -a- ascina ion-wi h-a- isible- o m-on-ma y s-c uel y-ho o -
e hics-on-and- s-wi h- s-as/ (le z e Zug i : 19. Dezembe 2022).
101
Ma y s
Fik ionali ä : Indem Ma y s Fol e da s ell , ohne den o ensich lichen Indi-
zes ih e Gegenwa im »wa on e o « zu olgen, bleib die F age nach dem
Ve häl nis on ik ionale und his o ische Gewal wei e hin o en.
B inkema schläg o , Ma y s und Ho o ilme im Allgemeinen als Ve -
unmöglichung adi ionelle Ges en k i ische Dis anzie ung zu e s ehen:
My edesc ip ion o ho o is ha i is he a ec i e-aes he ic mode in
which iolence can, in ac , ne e be done o he body: he body is made a
o m, iolence o which p oduces a new o m; he body is posi ed as ha
o which in ini e a ia ions in i s o mal cons i u ion a e possible. […]
The e is no c i ique o iolence possible wi hin a specula i e g appling
wi h ho o because ho o imagines iolence only e e as mons a i e,
as he condi ion o possibili y o gene a ing he aes he ic. This is coex-
ensi e wi h i s o mal language: he mo o o possibili y o i s ex ual
con inuance is he in ini e des uc abili y o he human imagined as he
in ini e a iabili y o i s o m. […] Closely eading o o m can no longe
be ob iously claimed o an i- iolence […] And ye , he e is no o he way
a hinking o iolence can go i i is no o me ely shield i s eyes om he
s a .6
B inkema lehn eine o schnelle K i ik de ilmischen Gewal ab, um s a -
dessen au ih e Gene a i i ä abzus ellen: Im Ho o ilm e zeuge die Ze s ö-
ung des Kö pe s zue s neue Fo men, wie die Häu ung den gehäu e en Kö -
pe . Diese De- und Re o mie ung du ch Gewal lasse sich nich ein ach in
eine K i ik au heben, die on ih e Faszina ion ü Gewal als Fo m e ände-
ung ge einig wä e. Wäh end B inkemas Ansa z den Blick ü eine Ve s i-
ckung on Gewal , äs he ische Fo m und K i ik ö ne , möch e ich au einen
ande en Aspek abheben: das Ve häl nis de Fol e zu einem agilen Wide -
s and als Res i uie ung on Rela ionali ä . Gewal is nich das einzige Fo m-
p inzip in Ma y s: das selbs bezügliche Flüs e n Annas, das Gesp äch mi
Lucie, de Ang i au den Fol e e , das Ze en an den Ke en – all das deu e
au ih en Wide s and als eben alls Fo men gene ie endes P inzip.
De Filmwissenscha le Aa on Ke ne disku ie in seine S udie übe
das Gen e des sogenann en o u e po n die his o ische Re e enziali ä nu
spä lich na a i isie e Gewal bilde . Film eihen wie Saw ode Hos el koin-
zidie en ihm zu olge nich zu ällig mi den beiden Am szei en Geo ge Bushs.
Nach Ke ne hema isie o u e po n die Ins i u ionalisie ung ex alegale
Gewal p ak iken, Op e -Tä e -Umkeh ungen, die A bi a i ä des Op e -We -
dens, die soziale Angepass hei on Tä e *innen und s ell im Un e schied
zum Slashe ilm Gewal p ak iken nich als e o isch au geladen, sonde n als
quasi-ana omische Vo gänge da . K i ike *innen, die sich o den Filmen
ekel en und di e enzie e e Na a ionen einklag en, bescheinig Ke ne die
»inabili y o nego ia e he iolence pe pe a ed on ou behal in he eal
6 Ebd.
102
Sebas ian Kö he
wo ld«.7 In den Filmen sieh e den Ve such, eine Lücke im isuellen A chi
des »wa on e o « zu schließen: »[…] wha exac ly a e hey doing in hese
CIA black si es? To u e po n […] ills his de ici in he economy o ou isual
cul u e.«8 Doch wie wi d diese Lücke ge üll , wenn Filme s a eindeu ige
Re e enzie ungen his o ische Kon ex e mi e undenen Bilde n und Blick-
punk en ik ionalisie en?
Wäh end die Ga ung des o u e po n bei Ke ne du ch ih e his o ische
Indexikali ä und Gegen-Epis emologien legi imie wi d, is eine solche
Si uie ung in den Gen es des Ex emen, de en anzösische Va ian e Ma y s
zuge echne wi d, komplizie e . Dies mag dami zu un haben, dass James
Quand , de den Beg i New F ench Ex emi y anhand de A bei en on Regis-
seu *innen wie Gaspa Noé, Ca he ine B eilla und Clai e Denis 2004 p äg e,
den Filmen ih e his o ische En lee ung o wa : »[ hey a e] a na cissis ic
esponse o he collapse o ideology […] an agg essi eness ha is eally a
g andiose o m o passi i y«, gep äg on »[s]pu ious ealism and he lack
o he ac ual«.9 Diese Diagnose schein on de populä en Rezep ion des
ex emen Kinos als einem en lokalisie en Gen e bes ä ig zu we den. Eklek-
ische Rahmungen wie das Fan asy Film es ode das Londone DVD-Label
Asia Ex eme e möglichen die selek i e Fokussie ung au kinema og a ische
T ansg essi i ä du ch En kon ex ualisie ung und Homogenisie ung.10
Wäh end Quand dem Gen e »lack o he ac ual« o wi , besch eib die
Filmwissenscha le in Ma ine Beugne die senso ische A izie ung du ch die
Filme als Möglichkei his o ische Diagnos ik: » he new ex eme’s o eg oun-
ding o a co po eal, embodied dimension o e s a less immedia ely legible,
mo e isce al connec ion o he his o ical con ex o p oduc ion.«11 Inwie e n
is die a ek i e Be üh ung eines Films his o isch si uie ? Inwie e n lassen
sich noch die Au hebungen on Si uie ungen und Kon ex en als si uie e -
kennen und poli isie en?
Zei schich en de Fol e
Annas Fol e b ing die s ü mische Filmhandlung ab up zum Hal . S a de
Bewegung on Plo wis zu Plo wis wiede holen sich Schläge, Demü igun-
gen, Zwangse näh ungen. Anna bleib im Fol e kelle , bis die Häu ung sie
an eine liminale Zone zwischen Leben und Tod b ing und sich die Gewal in
7 Ke ne , Aa on Michael: To u e Po n in he Wake o 9/11. Ho o , Exploi a-
ion, and he Cinema o Sensa ion, New B unswick, NJ / London 2015, S. 43.
8 Ebd., S. 54.
9 Quand , James: »Flesh and blood: Sex and iolence in ecen F ench cinema«,
in: Ho eck, Tanya / Kendall, Tina (Hg.): The New Ex emism in Cinema. F om
F ance o Eu ope, Edinbu gh 2011, S. 18–25, hie : S. 25; de s.: »Mo e Mo a-
lism om ha ›Wo dy Fuck‹«, in: ebd., S. 209–213, hie : S. 212.
10 Vgl. Bi ks, Chlesea / Kelle , Dana: »Edi o ’s no e«, in: Cinephile. The Uni-
e si y o B i ish Columbia’s Film Jou nal, Bd. 8, N . 2, He bs 2012, S. 4.
11 Beugne , Ma ine: »The wounded sc een«, in: Ho eck / Kendall (wie Anm. 9),
S. 29–42, hie : S. 31.
103
Ma y s
escha ologisches Wissen übe se zen soll. Wie genau e eigne sich in Ma y s
die Zei de Fol e ?
Die Fol e sequenz bes eh aus 15 Szenen, in denen Anna das Kop haa
asie , in denen sie zwangse näh , gewaschen und geschlagen wi d. Die
Szenen enden mi langen Ab- und Au blenden, die ku z im Schwa z e -
ha en – ein S ilmi el, das im Film nu hie Ve wendung inde . Wäh end
sons ha e Schni e mi plö zlichen Pe ipe ien einhe gehen, ealisie en die
Ausblendungen de Figu a ion ins Schwa z eine Schwächung des Bildes. Als
wü de de Film selbs nich wei e können. Die zei liche Ve bindung zwischen
den Szenen wi d uneindeu ig. Das Ab- und Au auchen des Filmbildes inde
seinen Rhy hmus in Annas au schwellendem Gesich : Ih e Lippen e ock-
nen und pla zen, die Nase b ich , die Augen schwellen zu, die Schni e und
Pla zwunden e iel äl igen sich. Die Zei lichkei de Ve wundung se z ih
eigenes Maß: das Zusammenziehen und Wuche n des Leibes un e Gewal .
Kommen a o *innen haben dieses Zei egime kö pe liche De o mie ung
zu quan i izie en e such . So spekulie die Li e a u wissenscha le in Amy
G een, Annas Fol e sei »a ma e o a ew days a mos «12, wäh end Ke ne
schä z , »[d]ays, weeks, pe haps mon hs go by whe e Anna is subjec ed o
bea ings«13. Eine solche Ve all äglichung e ehl die i eduzibel ilmische
Zei lichkei , die mi de Fol e gemein ha , dass sie nich au ein quan i izie -
es All ags e s ändnis on Zei ück üh ba is .
Ma y s inszenie die Zei des Op e s. Wäh end ande e Filme Fol e zu
einem Se e ek i e Techniken mon ie en, bleib sie hie s ump und edun-
dan . Die Schläge, de B ei, die Ke e, das Kelle e ließ – bis zu Häu ung
e schein die Fol e ge adezu unspezi isch, ba jede P ägnanz. Wäh end
An agonis *innen sons mi signa u ha en Fol e ins umen en ausges a e
sind – e wa die elabo ie en Fallen de Saw-Reihe –, unk ionie die Sequenz
ohne Technisie ung und Fe ischisie ung. Die Inszenie ung okussie nich
die Handlungs ähigkei de Tä e *innen, sonde n das E leiden.
Ma y s nimm Bezug au Ca l Theodo D eye s Film La Passion de
Jeanne D’A c, de P ozess, Fol e und Ve b ennung Jeanne D’A cs inszenie .
Wäh end de Name »Jeanne« »Go is gnädig« bedeu e , bedeu e »Anna«
»Gnade« – ohne Go . Wäh end Jeanne als Jung au bezeichne wi d, be on
Ma y s, dass die O ganisa ion ih e Op e nich sexuell missb auch . Die Qual
beide is in A ek bilde n inszenie , in denen ih e Kö pe immobilisie , de
Kop asie und ih e Blicke en ück sind. Losgelös on jedem Gegenschuss
wi d so die eigenzei liche In ensi ä de Blicke selbs o de g ündig. Du ch
diese Übe blendung ealisie sich eine wechselsei ige Au ladung de Filme:
als en hülle Ma y s das eigen liche Bild de Gewal auch gegen Jeanne. Im
12 G een, Amy: »The F ench ho o ilm Ma y s and he des uc ion, de ile-
men , and neu e ing o he emale o m«, in: Jou nal o Popula Film and
Tele ision, Bd.39, N . 1, Mä z 2011, S. 20–28, hie : S. 24.
13 Ke ne , Aa on / Knapp, Jona han L.: Ex eme Cinema. A ec i e S a egies in
T ansna ional Media, Edinbu gh 2016, S. 58.
110
Sebas ian Kö he
Auch die Filmwissenscha le in Susanne Kappesse bemüh sich in ih e S u-
die übe Kö pe - und Gende konzep e im »Te o ilm«, Ma y s Sinn abzuge-
winnen. Die Deu ung Mademoiselles übe nehmend, sieh Kappesse die Ge-
wal da s ellungen als »F age nach de E ah ung des Heiligen, die E ah ung
de G enzübe sch ei ung«34. Diese E ah ung kons i uie e ein Wissen des
»absolu handlungsun ähige[n] Op e [s]«35, das ü das Publikum unin el-
ligibel e bliebe. Kappesse besch eib Anna als »Mä y e in«, die »in eine
ande e Wi klichkei swel en s eig «,36 und sieh in ih e Fol e ein »Übe s ei-
gen des Leids, eine Fo m de emo ionalen Be eiung und des Loslassens«.37
Kappesse denk Ma y s als Figu a ion pos sexuelle und pos humanis i-
sche Kö pe lichkei : Du ch die Häu ung übe winde Anna alles, »was le z -
lich das Subjek in de Gesellscha als menschlich zu kennzeichnen schein :
kul u elle und geschlech liche Lesba kei , kö pe liche Abgeschlossenhei –
eine Iden i ä , die sich an de Kö pe obe läche mani es ie .«38 Le z lich sei
Ma y s »ein Ve such de Da s ellung on Kö pe n, die jensei s de gegenwä -
igen sozialen Wi klichkei anzusiedeln sind; dahe sind sie ansg essi .«39
Kappesse sieh in de T ansg ession du ch Fol e eine k i ische Bewegung
de En iden i izie ung mi kul u ellen Iden i ä en, de en Kon ingenz so au -
gezeig we de. Mi de leiblichen we de die soziale Hau abges ei und die
k i ische Poly alenz des Fleisches e iden . Die Annahme on Annas absolu e
Op e posi ion, ih es me aphysischen Wissens und ih es S a us als Mä y e in
eduzie en die ieldeu ige Filmäs he ik jedoch ausge echne au die Deu ung
de Tä e in. Sie si z dem Ansp uch de Gewal , »absolu « zu sein, au und
übe sieh die Wide s ändigkei de Be o enen; dazu mein sie in de Gewal
ein dekons uk i es Momen zu iden i izie en. Dass in de Fol e mi de Pe -
son auch ih e Geschlech e pe o manz und ih e kul u elle No mie ung ze -
s ö wi d, is Fol e nich zugu ezuhal en.
Die Bildbewegung du ch Annas Auge au ein s ahlendes Lich hin und
wiede zu ück, die Kappesse als Beleg ü Annas Ma y ium au u , is ein
hocha i izielle ick sho , de selbs als gewal sam codie is . Die Kame a-
bewegung se z Annas En hüllung o : Nach dem Abs ei en ih e Kleidung,
Haa e und ih e Hau pene ie die Kame a noch ih Auge. Das Wissen,
das hie p oduzie wi d, handel nich on Annas Bewuss seinszus änden,
sonde n on de g enzübe sch ei enden Epis emologie de Bildgebung, die
sich hie mi de Fol e e schwis e und ie e als das Skalpell in den Kö pe
eind ing .
Auch Ma cus S iglegge essenzialisie den Film: »Das He z dieses Ki-
nos [de G enze ah ung] is die um assende Da s ellung de Qual als ein
34 Kappesse 2017 (wie Anm. 4), S. 175.
35 Ebd., S. 175.
36 Ebd., S. 186.
37 Ebd., S. 182.
38 Ebd., S. 185.
39 Ebd.

111
Pascal Laugie : Ma y s, FR/CA 2008, Films ills.
112
Sebas ian Kö he
Momen de Wah hei – als Begegnung schließlich mi dem Heiligen.«40 In
»Annas Ma y ium« sieh e das » ein Pe o ma i e«, das
zwischen Leinwand und Rezipien einen E ah ungs aum zu ö nen [ e -
mag], de eine Ahnung des Unnennba en und Unzeigba en e mi el .
[…] De Schlüsselmomen is die Lich ung des Heiligen in den Augen de
Mä y e in […] die Inszenie ung [beläss es] bei diese so simplen wie
adikalen Lich ung des Heiligen und keh au dem selben Wege (du ch
die Pupille) zu ück in den p o anen Raum.41
In de Folge Geo ges Ba ailles sei Ma y s » anszenden ales Kino, ein pe -
o ma i es Kino de pu en E ah ung. Und zugleich ein my hisches Kino de
ewigen Sehnsuch nach de Lich ung des Heiligen«.42 Wäh end Kappesse
Annas Des uk ion als Dekons uk ion miss e s eh , konzipie S iglegge
Fol e als epis emisch-eks a ische P axis. In diese Lek ü e e schein Fol e
als E ah ung, die ein singulä es Wissen e zeuge, das sich de Kommunika-
ion en ziehe, abe als Telos ewige Sehnsuch im weißen Lich zu ahnen sei.
Das P oblem diese In e p e a ion is , dass sie Anna als Mä y e in
denk . Was genau mach eine Mä y e in aus? Sig id Weigl e klä das
ch is liche Ma y ium als beding du ch eine »Geschich e kul u elle P ak-
iken, on Op e kul en, Selbs ö ungen und un e schiedlichen Todesa en
un e Bedingungen de F emdhe scha in de jüdischen und g iechischen
An ike«43. Das Ma y ium is gekennzeichne du ch eine Eng üh ung on
(Glaubens-)Bekenn nis, S andha igkei und Zeugenscha . Das Blu zeugnis
de Mä y e *innen muss auße dem du ch sekundä e Zeug*innen in Zi ku-
la ion geb ach we den.44 Mä y e *innen sind »Op e und Op e e in eine
Pe son«45: Sie bleiben handlungsmäch ige Pe sonen. Ih en gewal samen Tod
hä en sie du ch eine En sagung ih es Glaubens auch e hinde n können.
Wäh end also Mä y e *innen wegen ih es Glaubens gema e we den und
sich en scheiden, ü ih en Glauben zu s e ben, wi d Anna nich ü ih en
Glauben ge ol e , sonde n ü den de Fol e nden. Anna is ein beliebiges
Op e , ausgewähl au g und ih es Al e s, Geschlech s und ih e zu älligen
Anwesenhei – kaum ande s als die Männe , die nach den Anschlägen om
11. Sep embe 2001 an die USA e kau wu den, weil sie F emde wa en,
männlich, und ielleich eine Casio-Uh ugen. Ih Leiden e schein ande en
als sinnha es Ma y ium, ihnen selbs is es absu d. Die Zuschaue *innen
40 S iglegge 2014 (wie Anm. 1), S. 141.
41 Ebd., S. 146.
42 Ebd., S. 147 .
43 Weigel, Sig id: »Schauplä ze, Figu en, Um o mungen. Zu Kon inui ä en und
Un e scheidungen on Mä y e kul u en«, in: dies. (Hg.): Mä y e -Po ä s.
Von Op e od, Blu zeugen und heiligen K iege n, München 2007, S. 11–40,
hie : S. 23.
44 Ebd., S. 24.
45 Ebd., S. 26.
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Ma y s
on Ma y s bezeugen nich eine E ah ung des Heiligen, sonde n die eines
sinnlosen Leidens.
Die Sinnlosigkei on Annas Qual bedeu e jedoch nich , dass sie ihm
nich eine singulä e Fo m und Fä bung geben wü de. Die An wo en de Lei-
denden sind bedeu sam. In ih e kö pe lichen Gegenweh , in ih e Bindung
zu Lucie, in de Selbs be üh ung mi dem Hand ücken: Das sinnlose Leiden
e äh eine Quali izie ung im Ausweichen, Wide s ehen, dem Bewah en eine
Beziehung. Ma y s egis ie das Lebendige noch un e Fol e , als Beziehung
zu sich und zu ande en. Da aus läss sich jedoch kein Heil ode Heiliges he -
bei eden. Ma y s beginn mi eine Fluch und ende in S asis – dazwischen
is kein Außen: Lucie suizidie sich; Annas Fü so ge p ädes inie sie bloß
zu Bes a e in; und doch is die Fol e nich alles. Auch wenn es kein Außen
gib , gib es eine gespann e Fo m gemeinsamen Übe lebenwollens.
S iglegge besch eib Ma y s als »[a]bgelei e on Geo ges Ba ailles
Vision des eks a ischen Op e s« in seinem Bes eben, »den Zuschaue selbs
zum Blu zeugen zu machen – und das Heilige jensei s on Kon ession und
Ideologie zu e ahnen«.46 Ma y s s ell a sächlich einen Bezug zu Ba aille
he : Mademoiselles Fo oalbum en häl eine beschni ene Fo og a ie de
lingchi-Fol e , die auch in Ba ailles Die T änen des E os abged uck is : »Dieses
Bild ha in meinem Leben eine ausschlaggebende Rolle gespiel : Dokumen
eines zugleich eks a ischen (?) und une äglichen Schme zes, is es mi nich
meh aus dem Sinn gegangen.«47 Was bedeu e das Wiede au auchen diese
Fo og a ie aus Ba ailles S udie in Ma y s?
In Die T änen des E os e such Ba aille anhand eine eklek izis ischen
Kuns geschich e on den Höhlenmale eien übe sak ale Kuns bis zu Mode -
ne die Ve bindung zwischen E o ik und Tod zu kon u ie en. Die Fo og a ien
de lingchi we den knapp his o isie : bei dem Abgebilde en handele es sich
um Fuzhuli, de einen mongolischen P inzen e mo de habe. De Kaise habe
die ge o de e S a e de Ve b ennung bei lebendigem Leibe als zu g ausam
emp unden und ihn s a dessen zu lingchi e u eil . Die Fo og a ien seien
be ei s in Geo ges Dumas’ T ai é de psychologie on 1923 und Louis Ca peaux’
Pékin qui s’en a on 1913 e ö en lich wo den. Ba aille e klä , dass e eine
O iginal o og a ie 1925 on dem Psychoanaly ike D . Bo el geschenk be-
kommen habe. E an asie übe die Rezep ion des Fo os du ch den Ma quis
de Sade – »de on eine solchen Fol e äum e, abe keine Gelegenhei
ha e, an eine wi klichen eilzunehmen […] Sade hä e e lang , die Szene
in de Einsamkei zu be ach en, […] denn ohne sie is de eks a ische und
wollüs ige Ausgang un o s ellba .«48 Anschließend e zähl e , wie ihm wäh-
end eine Yoga-Übung 1938 die Gewal des Bildes e iden wu de:
46 S iglegge 2014 (wie Anm. 1), S. 147.
47 Ba aille, Geo ges: Die T änen des E os, hg. on Ge d Be g le h, Be lin 2004
[zue s 1961], S. 246.
48 Ebd., S. 246 .
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Sebas ian Kö he
Diese Gewal […] e schü e e mich de maßen, daß ich eine Eks ase
e leb e. Mi diesem Beispiel möch e ich au eine g undlegende Ve bin-
dung hinweisen: die Ve bindung de eligiösen Eks ase mi de E o ik,
und im besonde en mi dem Sadismus – des Uneinges ehba s en mi dem
E habens en. Dieses Buch sp ich nich aus de beg enz en E ah ung,
die allen Menschen beschieden is .49
Das Resul a eine Geschich e de E o ik is nach Ba aille die »Iden i ä
diese ollkommenen Gegensä ze: de gö lichen Ek ase und des äuße s en
G auens.«50
Vielleich muss man zualle e s die i i ie ende F eihei an Ba ailles
Schilde ungen he o heben: Die Fo og a ie wi d nich un e ein poli isches
ode mo alisches Ras e subsumie , sonde n geh eine Reihe übe a-
schende Ve bindungen ein: mi einem Psychoanaly ike , de Geschich e
eines Geschenks, eine Yoga-S unde, ih e imaginie en Rezep ion du ch
den Ma quis de Sade. Ba aille implizie hie eine eigensinnige Theo ie, in
de das o og a ische Zeugnis nich au his o ische E kenn nis ode e hische
Ane kennung bezogen wi d, sonde n sich in a ek i en Bewegungen und
philosophischen E kenn nissen de Be ach e *innen ealisie . Be ach e *in
und Be ach e es, Gegenwa und Ve gangenhei , Op e , Tä e *in und D i e
– sie alle e dich en sich in eine in ensi en, phan asma ischen E ah ung
des Rezipien en Geo ges Ba aille, die on dem o og a ie en Ausd uck des
Gema e en auss ahlen soll.
Das P oblem an den Aus üh ungen in Die T änen des E os zu lingchi, is ,
dass kein Wo da on s imm , wie die Sinologen und His o ike Jé ome Bou -
gon, Timo hy B ook und G ego y Blue gezeig haben: Die Iden i izie ung des
Op e s als Fuzhuli is alsch, die a sächliche Pe son au den Abbildungen is
bis heu e unbekann .51 Die e mein liche S a minde ung du ch den Kaise ,
on de Ve b ennung zu lingchi, is his o isch unsinnig, da Ve b ennung als
S a e im chinesischen S a ech nich o gesehen und lingchi be ei s die
Höchs s a e wa .52 Die Fo og a ien wa en nich in Geo ges Dumas’ T ai é
de psychologie abged uck , sonde n im Nou eau ai é de psychologie aus den
Jah en 1930 bis 1935.53 Ba aille bekam keine O iginal o og a ie on dem
Psychoanaly ike D . Bo el geschenk , olglich ha sie nich diese Rolle in
seinem Leben spielen können. Die Au o en weisen nach, dass e s mals in Die
49 Ebd., S. 247.
50 Ebd., S. 247.
51 B ook, Timo hy / Bou gon, Jé ome / Blue, G ego y: Dea h by a Thousand Cu s,
Camb idge, MA / London 2008, S. 223–228; Bou gon, Jé ome: »Ba aille e le
supplicié choinois: e eu s su la pe sonne«, in: Chinese To u e / Supplice
Chinois: Iconog aphic, His o ical and Li e a y App oaches o an Exo ic Re-
p esen a ion, Mai 2004, URL: h p:// u ando .chineselegalcul u e.o g/Essay.
php?ID=27 (le z e Zug i : 19. Dezembe 2022).
52 Ebd., S. 225.
53 Ebd., S. 288.
115
Ma y s
inne e E ah ung (1943) Bezug au die Fo og a ie genommen wi d. Bei den
Abd ucken in Die T änen des E os handel es sich nich um eine Fo og a ie
aus Ba ailles P i a besi z, sonde n um Rep oduk ionen on O iginalen aus
dem Musée de l’Homme in Pa is.54 Zu diesen Fabula ionen und Fehle n komm
noch hinzu, dass die Au o en bezwei eln, de Tex lasse sich Ba aille übe -
haup einwand ei zusch eiben: Ba aille wa zum Zei punk de Niede sch i
be ei s e k ank , ha e die Fehliden i ika ion Fuzhulis in B ie en bemängel
und sich unzu ieden übe das A angemen on Tex und Bilde n geäuße .55
Dazu habe es eine nich ekons uie ba e Auseinande se zung um Tex s ellen
mi seinem Lek o gegeben.56 Des Wei e en habe sich Ba aille in Die Inne e
E ah ung und Die F eundscha ü eine nich -e o ische Lek ü e de Fol e o-
og a ien s a kgemach .57 Die Zwei el an de Au o scha on Die T änen des
E os sowie die Wide sp üchlichkei on Ba ailles Aussagen zu lingchi machen
die Aussage, Ma y s sei abgelei e on Ba ailles Theo ie des eks a ischen Op-
e s, mindes ens e klä ungsbedü ig. Welche Ba aille und welche Theo ie
welchen Op e s?
Ma y s is nich im Sinne eine ein achen Umse zung aus Ba ailles The-
o ie abgelei e . Vielmeh üh Ma y s in seine An agonis in Mademoiselle
die Implika ionen de Fol e ezep ion in Die T änen des E os o Augen. Des-
sen heo e isches Ve ah en wi d zu einem Mechanismus des Filmszena ios.
Wie Die T änen des E os such Mademoiselle nach de e mein lichen Eks ase
de Fol e op e . Wäh end Ba aille die Bilde in eine Yoga-S unde zu kon em-
plie en o gib , gib Mademoiselle die Fol e selbs in Au ag. Wäh end e
aus de e mein lichen Eks ase E egung und Philosopheme ex ahie , such
sie nach einem escha alogischen Wissen. Ih e Fehlkon ex ualisie ung de
lingchi-Fo og a ie e schein ge adezu als Pa odie au Ba ailles philologische
Fabula ion. So wie Mademoiselle ü wah häl , was Anna ih zu lüs e –
wa um soll e Anna ih e Fol e e in die Wah hei sagen? –, so meinen auch
Theo e ike *innen in de Folge Ba ailles Annas Ma y ium zu beobach en.
Ma y s d ama isie in de Figu de Mademoiselle, wo au Die T änen des
E os hinauslau en: die Reduk ion de Fol e ande e au selbs bezügliche
Phan asmen.
»I’ e seen h ough his hell in you eyes«
Mademoiselles an agonis ische K a is nich mi de Posi ionie ung des Fil-
mes selbs zu e wechseln. Ma y s is kein Film übe Fol e , sonde n eine
In e en ion in die Fol e kul u des »wa on e o «. Ma y s kons i uie
ein ik ionales Bild de Fol e , das in age s ell , welche Handlungen, A ek-
e ode Na a i e Teil de Gegenwa de Fol e sind. Ma y s oll üh ei-
nen Ang i au die Sinnlichkei des Publikums. Die Daue sinnlosen Leidens,
54 Ebd., S. 230–233.
55 Ebd., S. 229.
56 Ebd., S. 230.
57 Ebd., S. 233–235.

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die kein Ausweichen au e ischisie ba e Ta ins umen e ode psychologische
Mo i e zuläss , ziel au eine En bese zung on Gewal , eine F agilisie ung
de Zuschauenden, die sich so ü ande e Leidenszeugnisse en panze n kön-
nen. Ma y s benenn die kon empo ä en Fol e disposi i e nich . Dami e -
meide de Film ih e Ve lachung und Übe sch eibung in Klischees. Ma y s
pe spek i ie die Zei lichkei de Fol e sequenz als Zei des Op e s. Dami
un e b ei e de Film einen Vo schlag, was es heißen könn e, die Zeugnis-
se on Fol e übe lebenden mi zu ollziehen. Ma y s beha au einem Kon-
zep on Rela ionali ä : Anna bleib auch un e Fol e in Kon ak zu Lucie,
ih e Selbs be üh ung mi dem Hand ücken e weis au die P äsenz des An-
de en im Ich, de Nachspann keh zu Kindhei sau nahmen de beiden F au-
en zu ück. Bilde , die keinen Zus and kindliche Unschuld beschwö en, weil
sie be ei s un e dem Bann on Lucies Fol e s ehen, und doch den Ho izon
eines ela ional e ass en Lebens bewah en: das, so leg die Mon age nah,
on Anna am Ende des Films e inne wi d. Dazu läu de ü den Film kom-
ponie e Song You Wi ness on Seppuku Pa adigm: I’ e seen whe e you’ e been
in you eyes […] / I’ e seen h ough his hell in you eyes. Die Augen o enba en
keine Eks ase und kein me aphysisches Geheimnis. Sie o enba en Fol e als
Hölle, nich s meh . De Blick jedoch häl das Leid, sodass es ge eil we den
kann. Diese Teilung is meh als die Fol e , un e de sie bes eh . Wäh end
die K i ik behaup e , Ma y s’ Nihilismus sei »comple e and impossible o dis-
miss«58, s ell sich ielmeh die F age, ob de Film nich ho nungs oll is .
58 Fos e , Gwendolyn Aud ey: Hoa de s, Doomsday P eppe s, and he Cul u e o
Apocalypse, New Yo k 2014, S. 56.
Pascal Laugie : Ma y s, FR/CA 2008, Films ill.
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