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Ost- und Westdeutsche für immer? Zu Wahrnehmungen von Unterschieden und Konflikten zwischen Ost- und Westdeutschen

Author: Mau, Steffen,Lux, Thomas,Heide, Julian
Publisher: Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH,Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH
Year: 2024
DOI: 10.1007/s11577-024-00949-z
Source: https://www.econstor.eu/bitstream/10419/315438/1/11577_2024_Article_949.pdf
Mau, S e en; Lux, Thomas; Heide, Julian
A icle — Published Ve sion
Os - und Wes deu sche ü imme ? Zu Wah nehmungen
on Un e schieden und Kon lik en zwischen Os - und
Wes deu schen
KZ SS Kölne Zei sch i ü Soziologie und Sozialpsychologie
P o ided in Coope a ion wi h:
Sp inge Na u e
Sugges ed Ci a ion: Mau, S e en; Lux, Thomas; Heide, Julian (2024) : Os - und Wes deu sche ü
imme ? Zu Wah nehmungen on Un e schieden und Kon lik en zwischen Os - und Wes deu schen,
KZ SS Kölne Zei sch i ü Soziologie und Sozialpsychologie, ISSN 1861-891X, Sp inge Fachmedien
Wiesbaden GmbH, Wiesbaden, Vol. 76, Iss. 1, pp. 1-23,
h ps://doi.o g/10.1007/s11577-024-00949-z
This Ve sion is a ailable a :
h ps://hdl.handle.ne /10419/315438
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ABHANDLUNGEN
h ps://doi.o g/10.1007/s11577-024-00949-z
Köln Z Soziol (2024) 76:1–23
Os - und Wes deu sche ü imme ? Zu
Wah nehmungen on Un e schieden und Kon lik en
zwischen Os - und Wes deu schen
S e en Mau · Thomas Lux · Julian Heide
Eingegangen: 20. Ok obe 2023 / Angenommen: 7. Mä z 2024 / Online publizie : 11. Ap il 2024
© The Au ho (s) 2024
Zusammen assung Die Un e schiede und Ungleichhei en zwischen Os - und Wes -
deu schland wu den nach de Deu schen Einhei als Übe gangss adium e s anden;
insbesonde e Men ali ä sun e schiede soll en sich im Lau e de Jah e angleichen.
De Bei ag analysie , wie Os - und Wes deu sche das Ve häl nis zueinande wah -
nehmen und inwie e n sich hie Koho enun e schiede zeigen. Konzep ionell un e -
scheiden wi d ei zen ale Hypo hesen, die jeweils eigene empi ische Mus e nahele-
gen. Die Sozialisa ionshypo hese geh da on aus, dass es du ch die deu sche Teilung
eine sei s, abe auch du ch das Au wachsen im S aa ssozialismus und die T ans o -
ma ionse ah ungen in Os deu schland ande e sei s wah nehmungsp ägende E ah-
ungen gib , die alle dings ü nach olgende Koho en an Rele anz e lie en. Die
O he ing-Hypo hese besag , dass sich Os -Wes -Di e enzen du ch Reak anz au die
(auch disku si e) Dominanz de wes deu schen Meh hei sgesellscha imme wiede
e neue n und somi ü alle Al e sg uppen in Os und Wes salien bleiben. Die These
os deu sche Pe sis enz und Ve hä ung schließlich e mu e , dass es nich zwingend
da au ankomm , selbs in de DDR geleb zu haben, sonde n dass ein os deu sches
Na a i in Familien und sozialen Ne zwe ken wei e gegeben wi d. Die Salienz des
Themas soll e demnach o allem im Os en nach wie o hoch sein. Mi neuen Da en
aus dem Jah 2022 können wi zeigen, dass die deu sch-deu schen T ennlinien in de
Koho en olge un e jungen Wes deu schen e blassen, bei den jungen Os deu schen
dagegen ein Fo wi ken on Un e schieds- und Kon lik wah nehmungen e kennba
S. Mau · T. Lux · J. Heide
Ins i u ü Sozialwissenscha en, Leh be eich Mak osoziologie, Humbold -Uni e si ä zu Be lin
Un e den Linden 6, 10099 Be lin, Deu schland
E-Mail: julian.heide@hu-be lin.de
S. Mau
E-Mail: s e en.mau@hu-be lin.de
T. Lux
E-Mail: homas.lux@hu-be lin.de
K
2S. Mau e al.
is . Die E gebnisse deu en au die These de os deu schen Pe sis enz und Ve hä -
ung hin, wohingegen ü die Wes deu schen die Sozialisa ionshypo hese plausibel
e schein .
Schlüsselwö e Os deu schland · Eins ellungen · Koho en · Gene a ionen ·
Wiede e einigung
Eas and Wes Ge mans Fo e e ? On Pe cep ions o Di e ences and
Con lic s Be ween Eas e n and Wes e n Ge mans
Abs ac The di e ences and inequali ies be ween he o me Eas and Wes Ge -
many we e unde s ood as a ansi ional s age a e Ge man uni ica ion; in pa icula ,
di e ences in men ali y we e expec ed o con e ge o e he yea s. The aim o his
a icle is o use new da a o examine coho di e ences in how Ge mans li ing in
he o me Eas and Wes pe cei e each o he . Concep ually, we dis inguish h ee
cen al hypo heses, each sugges ing i s own empi ical pa e ns. The socializa ion
hypo hesis assumes ha g owing up in a di ided coun y—and in pa icula o he
o me Eas Ge mans who expe ienced s a e socialism and he ans o ma ion—has
led o a i udes ha lose hei ele ance o subsequen coho s. The o he ing hy-
po hesis s a es ha Eas –Wes di e ences a e cons an ly enewed h ough eac ance
o (discu si e) dominance o he Wes e n Ge man majo i y socie y and hus emain
salien o all age g oups in he Eas and he Wes . Finally, he hesis o Eas Ge man
pe sis ence and ha dening assumes ha i is no necessa ily impo an o ha e li ed
in he Ge man Democ a ic Republic onesel , bu ha an Eas Ge man na a i e is
passed on in amilies and social ne wo ks. The salience o he opic should he e o e
s ill be high in he Eas . Wi h o iginal su ey da a om 2022, we can show ha he
Ge man–Ge man di iding lines in he coho sequence ade among young Wes e n
Ge mans, whe eas among young Eas e n Ge mans a pe sis ence o pe cep ions o
di e ence and con lic is disce nible. The esul s poin o he hesis o Eas Ge -
man pe sis ence and ha dening, whe eas o Wes e n Ge mans he pa e n o he
socializa ion hypo hesis is plausible.
Keywo ds Eas Ge many · A i udes · Coho s · Gene a ions · Ge man
euni ica ion
1 Einlei ung
Das Ziel de „Vollendung de deu schen Einhei “, das in poli ischen Jubiläums eden
imme wiede p oklamie wi d, ich e sich nich nu au die He s ellung gleich-
we ige Lebens e häl nisse, sonde n auch au ein men ales Zusammenwachsen on
Os - und Wes deu schland. G undlegende Men ali ä sun e schiede und G enzzie-
hungen gel en als p oblema isch, weil sie Spannungen und Kon lik e zwischen zwei
Teilgesellscha en be eue n können. Die „Maue in den Köp en“ solle abgebau
we den, so eine egelmäßige poli ische Fo de ung.
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Os - und Wes deu sche ü imme ? Zu Wah nehmungen on Un e schieden und Kon lik en... 3
In den e s en beiden Dekaden nach de Wiede e einigung wu de o allem die
„Os algie“ (Nelle 2000) als p oblema ische Rückbezug au die DDR angesehen,
welche den Weg in die inne e Einhei blockie e. Als u sächlich da ü gal en die
(posi i en) Re ospek i bewe ungen de DDR und die Schwie igkei en des „An-
kommens“ in eine neuen Gesellscha . Die These lau e e: We noch an de DDR
häng und das al e Leben e miss , de p leg auch ein skep isches und abg enzen-
des Selbs e s ändnis gegenübe dem Wes en und de neuen Bundes epublik. Ein
wich iges Thema des wissenscha lichen Disku ses wa dabei, ob ein „Os bewuss -
sein“, e s anden als ein gemeinsames eilna ionales Sonde bewuss sein, o allem
ein „P oduk de DDR-E ah ung“ ode ein „P oduk de Wiede e einigung“ sei
(Pollack und Pickel 1998; Wode ich 1999). Bis in die ühen 2000e -Jah e ging
man da on aus, dass sich dieses „Os bewuss sein“ übe die Zei auswachsen wü de,
eine sei s, weil die P ägek a de E ah ungen in de DDR mi de Zei abnehme,
ande e sei s, weil die Na ben de Wiede e einigung und de T ans o ma ionszei in
den Hin e g und e en wü den. Die E wa ung wa , dass sich die Bewuss seinslagen
in Os und Wes annähe n wü den.
Diese Diskussion ha sich in den le z en Jah en e schoben, weil e kennba wu -
de, dass sich os deu sche „men ale Lagen“ e es igen. Os deu sche Iden i ä ode
ein os deu sches Bewuss sein wi d im ö en lichen Disku s e meh zum Thema ge-
mach . Um agen zeigen egelmäßig, dass sich iele Menschen in Os deu schland als
„os deu sch“ besch eiben und neue Fo men de iden i ä sbezogenen Mobilisie ung
en s anden sind. Sei den 1990e -Jah en bis 2020 sind es du chweg übe zwei D i el
de os deu schen Be ölke ung, die eine Ve bundenhei mi Os deu schland (im Sinne
eine egionalen Ve bundenhei ) a ikulie en (Kollmo gen 2022), alle dings zeigen
manche S udien auch eine leich e Abschwächung im zei lichen Ve lau (Sozial epo
2014, S. 33). Diese En wicklung kann kaum meh aus den unmi elba en Wende-
e ah ungen ode dem Rückbezug au die DDR e klä we den, auch ökonomische
E klä ungen, die sich au E ah ungen on A bei slosigkei und ökonomische Hä en
beziehen, büßen mi de Zei an E klä ungsk a ein (Pollack 2020).
Nun wi d da übe disku ie , ob wi es mi neuen sozialen ode kul u ellen G enz-
ziehungen zu un haben, die au pe sis en en Selbs - und F emdiden i ika ionen im
Ve häl nis on Os - und Wes deu schen be uhen (Ahbe 2004; Kollmo gen 2011;Fo-
ou an und Hensel 2020;Oschmann2023). Eine zen ale These is , dass de Os en
du ch den (dominan en) Wes en als „ande s“ und „abweichend“ kons uie wi d,
wo aus sich ein os deu sches Gegenge ühl e gib , das mi de e s ä k en Be onung
on Ande sa igkei ode mi men alem Rückzug einhe geh . Quali a i e S udien zu
os deu schen Iden i ä sbildung haben gezeig , dass Zusch eibungen de Ande sa ig-
kei ep oduzie und wei e gegeben we den und emp undene (symbolische) Abwe -
ungen das Ge ühl on Zusammengehö igkei e s ä ken können (Kubiak 2018).
Angesich s diese Diskussionen s ell sich die soziologisch spannende F age, ob
die Di e enz zwischen Os - und Wes deu schland nach wie o ein Thema is , und
wenn ja, ü wen. Wi beleuch en mi els quan i a i e Be agungsda en, wie Os -
und Wes deu sche das Ve häl nis zueinande wah nehmen: Sehen sie auch meh
als 30 Jah e nach de Wiede e einigung noch Un e schiede ode ga Kon lik e
zwischen Os und Wes ? Welche möglichen G ünde lassen sich da ü benennen?
Besonde en Fokus legen wi au die al e smäßige S uk u ie ung und beleuch en, ob
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4S. Mau e al.
solche Al e i ä s- und Kon lik wah nehmungen in de Koho enab olge e blassen.
Zu Bean wo ung diese F agen nu zen wi neu e hobene Da en aus dem Jah 2022.
Im Folgenden skizzie en wi zunächs in de gebo enen Kü ze die Kon u en de
Ve einigungs o schung de 1990e - und 2000e -Jah e anhand zen ale A gumen-
a ionslinien und s ellen die Annahmen de Sozialisa ionshypo hese,de O he ing-
These und de These de os deu schen Ve hä ung o , die jeweils un e schiedliche
Mus e nahelegen. Anschließend p äsen ie en wi Da en und Me hoden und nähe n
uns dem Zusammenhang zwischen Al e und dem Os -Wes -Ve häl nis desk ip i
und eg essionsanaly isch. Zum Ende disku ie en wi wei e gehende Übe legungen
zu U sachen und Mechanismen, die eine O ien ie ung ü wei e e Fo schung bie en
können.
2 Kon u en de Ve einigungs o schung
Die „Ve einigungs o schung“ ha in den 1990e -Jah en wissenscha lich eine g o-
ße Rolle gespiel . Du ch die eigens einge ich e e Kommission ü die E o schung
des Sozialen und Poli ischen Wandels in den Neuen Bundeslände n (KSPW) wu den
unmi elba nach de Wiede e einigung zahl eiche P ojek e de T ans o ma ions-
o schung au den Weg geb ach , aus denen eine Vielzahl an Publika ionen he o -
gingen (Ziegle 2005). Wich ige Bezugspunk wa die Vo s ellung de nachholen-
den Mode nisie ung, die on eine Angleichung de Men ali ä en, O ien ie ungen
und Habi us o men ausging (Zap 1991): Die Os -Wes -Angleichung könne nich
au poli ische und ökonomische Aspek e besch änk bleiben, sonde n e s ecke sich
le z lich – so auch die no ma i e Fo de ung – au das gesam e „Menschenwe k“
(Miegel 1994, S. 7). De „objek i en Mode nisie ung“ wü de die „subjek i e Mo-
de nisie ung“ olgen.
Gemäß mode nisie ungs heo e ische Lesa ging es um die (nachholende) Ve -
wes lichung des Os ens, also um das Ab äumen ypisch DDR-gep äg e ode os -
deu sche T adi ionsbes ände, auch im Hinblick au soziale und kul u elle Bewuss -
seins o men. Das Ve schwinden on Un e schieden, ob bei de ökonomischen En -
wicklung, im Pa eiensys em, de Lebenszu iedenhei ode im Hinblick au kul u-
elle Di e enzen, wu de soga als Indiz ü den Ve einigungse olg e s anden, eine
eigens ändige os deu sche Iden i ä sbildung ode ein Bewuss sein de Os deu schen
als G uppe gal hingegen als In eg a ionsb emse. Die B üche und Spannungen im
Ve einigungsp ozess wu den o allem als „Anpassungskon lik e“ in e p e ie , die
„nachholende Abs andnahme“, also die Be onung on Di e enzen zwischen Os -
und Wes deu schland, als ein P oblem im Übe gang (Zap 1994, S. 134). Insgesam
dominie e eine op imis ische Sich , die da on ausging, dass sich die Adap a ion o
allem in de Ablösung de äl e en du ch die jünge en Al e skoho en e gib (Zap
1993, S. 46).
Als Vo bedingung ü die Men ali ä sangleichung wu den o ökonomische Au -
hol- und Angleichungsp ozesse angesehen. Diese Sich en sp echend wa en die
Un e schiede in den Bewuss seins o men zwischen Os - und Wes deu schland o
allem ökonomisch und sozial beg ünde (Si ua ionshypo hese), en wede mi Ve -
weis au die insgesam schlech e e ökonomische Lage ode au die ela i e Dep i-
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Os - und Wes deu sche ü imme ? Zu Wah nehmungen on Un e schieden und Kon lik en... 5
a ion gegenübe de wes deu schen Re e enzgesellscha (Walz und B unne 1998;
Pickel und Pickel 2023). Sozioökonomische P oblemlagen, biog a ische „Ve lus e“
und die ökonomischen Dispa i ä en zwischen Os - und Wes deu schland gal en o
allem wäh end de T ans o ma ionsphase als wesen liche Fak o en zu E klä ung
eine men alen Dis anz zwischen Os und Wes (Nelle 2006,S.68 .).Dami ging
die E wa ung einhe , dass sich mi eine Ve besse ung de ökonomischen Lage auch
die kul u ell-men alen Un e schiede abmilde n soll en.
Alle dings wa die mode nisie ungs heo e ische Lesa des Ve einigungsp ozes-
ses schon in den 1990e -Jah en nich öllig unums i en (Bulmahn 1996).1So gab
es S immen, die o eine möglichen „Men ali ä s e es igung“ ode de daue ha en
„Subkul u alisie ung“ Os deu schlands wa n en (Pawlowski e al. 1992). Ta sächlich
leg en empi ische E gebnisse zunächs nahe, dass sich Os und Wes übe die Zei
annähe en und es ein bis zwei Gene a ionen bedü e, bis die Un e schiede in den
Eins ellungen und Wah nehmungen öllig e schwunden seien (Alesina und Fuchs-
Schündeln 2007). Zum Ende de Nulle -Jah e meh en sich jedoch die Indizien,
dass Men ali ä sun e schiede zwischen den eins mals ge enn en Landes eilen nich
so schnell e schwinden wü den (Hei meye 2009, S. 21).2Fo schungen zum so-
zialisa o ischen E be des Sozialismus und de pos sozialis ischen T ans o ma ion
weisen mi eine b ei e en und auch in e na ional e gleichenden Pe spek i e da-
au hin, dass es einen langen Scha en des Lebens in sozialis ischen Gesellscha en
gib , de au Men ali ä en, Na a i e und poli ische Kul u en wi k (Pop-Eleches und
Tucke 2017; Hilma 2021; Bonda und Fuchs-Schündeln 2023).3Alle dings sind
solche Kon inui ä en de Iden i ä skons uk ion ech he e ogen: Sie können sich aus
Abwe ungse ah ungen e geben, abe auch mi Umdeu ungen und posi i en Iden i-
ika ionen e bunden sein; zum Teil gib es auch eine Ablehnung de Iden i ika ion
als Os deu sche (Flack 2016; Kubiak 2018; Vogel und Lese 2020).
Dass es auch heu e noch Os -Wes -Un e schiede gib , zeig sich deu lich bei de
gesam deu schen Ka ie ung ökonomische Indika o en, de poli ischen Kul u ode
auch on We en und Eins ellungen, bei denen sich die Um isse de ehemaligen
DDR imme noch gu abbilden (Pickel und Pickel 2023). Ob bei Einkommen und
Ve mögen, Ve auen in poli ische Ins i u ionen, demog a ischem Ve hal en ode
de Religiosi ä , in iele lei Hinsich lassen sich Un e schiede zwischen Os - und
Wes deu schland es s ellen. F appie end is zudem die Un e ep äsen a ion on Os -
deu schen inne halb de gesam deu schen Eli en, abe auch un e den Eli en in Os -
deu schland (Vogel und Zajak 2020). T o z g oße Au holleis ung und ie g ei ende
T ans o ma ionen is auch übe 30 Jah e nach de deu schen Wiede e einigung da-
1In de Fo schung wu den F agen de os deu schen Iden i ä kon o e s disku ie , un e ande em im
Hinblick au ih e T äge schich en, ih eg essi es Po enzial, ih e psychologischen Rep oduk ionsweisen
und die poli ischen Ak eu e ih e Kons uk ion (Kanning und Mummendey 1993; Pollack 1998; Pollack
und Pickel 1998; Wode ich 1999).
2Im Jah 2008 s imm en und 60% de Wes deu schen de Aussage zu, dass Os - und Wes deu schland
zusammengewachsen sind. Un e den Os deu schen lag die Zus immung mi und 41% deu lich nied ige .
Da übe hinaus wa en meh als zwei D i el de Os deu schen de Meinung, dass Os - und Wes deu sche
imme noch g und e schieden sind. Diese Einschä zung eil en damals e wa 55% de Wes deu schen.
3Es gib abe auch wich ige his o ische Hinweise bei de Beu eilung unmi elba e „Sys eme ek e“ (Be-
cke e al. 2020).
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6S. Mau e al.
on auszugehen, dass sozials uk u elle und men ale Un e schiede o bes ehen und
das gesellscha liche Ge üge insgesam p ägen (Mau 2019). Zwa sind die ökonomi-
schen und sozialen Un e schiede deu lich ge inge gewo den, abe de Au holp ozess
ha sich deu lich e langsam (Schnabl und Sepp 2019; P iem e al. 2020).4Imme
noch s imm ein D i el de Os deu schen de Aussage zu, sie seien „Bü ge zwei-
e Klasse“, was die These des allmählichen Zusammenwachsens mi F agezeichen
e sieh (Fo ou an e al. 2019, S. 22).
Wi wollen uns im Folgenden mi de F age de Koho endi e enzen deu sch-
deu sche Wah nehmungsun e schiede beschä igen: Wie nehmen die jeweiligen Ge-
bu skoho en die Un e schiede zwischen Os - und Wes deu schen und die Kon lik -
ha igkei im Ve häl nis on Os und Wes wah ? Wi s ellen dami die F age ökono-
mische Ungleichgewich e in den os deu schen Bundeslände n zu ück und ücken
al e s- ode koho enbezogene Di e enzen in den Vo de g und. Zen al is dabei,
ob im Koho en e gleich eine Abschwächung ode Kon inui ä on Un e schieds-
und Kon lik wah nehmungen zu beobach en is . Sich e man die einschlägigen E -
klä ungen zu un e schiedlichen Iden i ä en und Bewuss seins o men in Os - und
Wes deu schland, die übe unmi elba e sozioökonomische Aspek e hinaus eichen,
so sind o allem d ei Ansä ze ü unse en Zusammenhang ele an : die Sozialisa-
ionshypo hese, die O he ing-Hypo hese und die These os deu sche Pe sis enz und
Ve hä ung. Alle d ei Thesen lassen un e schiedliche Mus e im Koho en- und Os -
Wes -Ve gleich e wa en.
Sozialisa ionshypo hese Diese These geh da on aus, dass es du ch das Au wach-
sen im S aa ssozialismus ansozialisie e Bewuss seins o men und O ien ie ungen
gib , die sich mi de Wiede e einigung nich ein ach abs ei en lassen (A zheime
2005). Au g und de p ägenden Rolle de p imä en poli ischen Sozialisa ion gib es
eine „sozialisa o ische Mi gi “ de DDR (Ahbe 2010). Alle dings we den de DDR
keine daue ha en „Sozialisa ionse olge“ zugesch ieben und schon ga keine, die
übe die unmi elba en DDR-Koho en hinaus eichen soll en (Wes le 2004); ähnlich
wie es die Mode nisie ungs heo ie p ognos izie ha e. En sp echend zeigen sich
hinsich lich poli ische O ien ie ungen Un e schiede zwischen Os - und Wes deu -
schen o allem bei den äl e en Koho en, wäh end sie bei den jünge en e wischen
(Sack 2017). Auch die Iden i ika ion mi de DDR und ih en Bü ge n nimm übe
die Zei ab, besonde s jünge e Koho en neigen im wiede e einig en Deu schland
zu Assimila ion, also zu Au gabe eines spezi ischen DDR-Bezugs (Becke 2023).
Die „Nachwendegene a ionen“, die im e ein en Deu schland au wachsen, soll en
deu lich wenige „os deu sch“ gep äg sein. En sp echend gal ü die 1990e - und
Nulle -Jah e, dass sich o allem die Äl e en du ch eine übe du chschni liche Ve -
bundenhei mi Os deu schland auszeichne en, bei den un e 30-Jäh igen schmolz
diese deu lich ab (Sozial epo 2014, S. 31). Fü Wes deu schland läss sich anhand
de Sozialisa ionshypo hese eben alls annehmen, dass die deu sch-deu sche Teilung
und die Wiede e einigung als soziale E ah ungen und Iden i ä sanke zunehmend
4In e essan e weise ha sich die subjek i e Einschä zung de eigenen ode de gesam deu schen Wi -
scha slage deu lich e besse : Hie zeigen sich kaum noch bedeu same Os -Wes -Di e enzen (Neumann
2020, S. 81). Ande s is dies bei Indika o en ge ühl e Nach eilslagen ode ela i e Dep i a ion.
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Os - und Wes deu sche ü imme ? Zu Wah nehmungen on Un e schieden und Kon lik en... 7
in den Hin e g und e en, womöglich abe auch insgesam keine so bedeu same
Rolle spielen. Hie is anzunehmen, dass die Salienz mögliche Os -Wes -Di e en-
zen umso ge inge is , je jünge die Koho en sind. Fü nachwachsende wes deu -
sche Koho en ohne pe sönliche E ah ung de deu schen Teilung soll en Di e enz-
und Kon lik bewuss sein dahe deu lich schwäche ausgep äg sein. Auch wenn die
Nachwendegene a ionen in Os und Wes also ielleich noch nich öllig geein
sind, dü e die „Maue in den Köp en“ nich meh ganz so hoch sein (Faus und
S o ks 2019).
O he ing-Hypo hese Zu eine gegen eiligen Annahme kommen Thesen, die on
eine bes ändig ep oduzie en kul u ell-symbolischen und poli ischen Codie ung
on Os -Wes -Un e schieden ausgehen. Ganz unabhängig on a sächlichen ma e i-
ellen Lagen und ökonomische (Un-)Zu iedenhei wi d hie angenommen, dass sich
Os -Wes -Zusch eibungen und Di e enzemp indungen imme wiede e neue n, e wa
dadu ch, dass es bei den Os deu schen o dem Hin e g und on Anpassungse wa -
ungen du ch eine wes deu sche Meh hei sgesellscha zu Fo men de Reak anz und
Men ali ä s e es igung komm . Aus eine solchen Pe spek i e gil das Os deu sch-
Sein häu ig als Resul a eine wes deu schen Zusch eibung, die den Os en als emd
und sich selbs als No mali ä kons uie . Das hie bei zum T agen kommende,
dem pos kolonialen Disku s en lehn e Ve s ändnis des „O he ing“ geh da on aus,
dass Os deu sche ü die wes deu sche No mgesellscha so e was wie „F emde“
ode „symbolische Auslände “ seien (Pa es und Schochow 2012) und sich dieses
„O he ing“ im Wechselspiel on F emd- und Selbs zusch eibung ollzieh . O wi d
auch on eine disku si en und medialen Subal e nisie ung im Sinne eine „Exo i-
sie ung“ de Os deu schen und de Be onung ih e e mein lichen Besonde hei en,
Abweichungen und Anomalien gegenübe Wes deu schland gesp ochen (Kollmo -
gen 2007,2011). Os deu sche Iden i ä ode die Iden i izie ung als os deu sch wä e
so o allem eine Reak ion au bis heu e anhal ende Abwe ungse ah ungen; au
eine nega i e F emdzusch eibung olg e eine posi i bese z e Selbs iden i ika ion
(Ahbe 2004; Wendl 2010; Kubiak 2018; Vogel und Lese 2020).5Dies gel e auch
ü diejenigen jungen Os deu schen, die zwa im e einig en Deu schland gebo en
sind, abe sagen, dass ih e He kun ü sie imme noch on Bedeu ung is (Faus und
S o ks 2019). Besonde s s a k zugespi z inde sich eine solche Sich weise in Di k
Oschmanns (2023) Bes selle „De Os en: eine wes deu sche E indung“, de mi
de These au wa e , de Wes en p oduzie e s igma isie ende Bilde übe den Os en
– als ücks ändig, eni en , nich demok a ie ähig, unkul i ie und ba ba isch – und
e inde dami die Os deu schen übe haup e s . Eine selbs abg enzende Iden i ä sbe-
s immung de Os deu schen sei o allem eine Folge wes deu sche A ibuie ungen.
5In S udien is beispielsweise gezeig wo den, dass es einen disku si en Ausschluss des Os deu sch-
Seins aus den hegemonialen No men und Na a i en de bundes epublikanischen Gesellscha gib (Kubi-
ak 2018). T o z eine „Einhei s ik ion“ bliebe de S a us Os deu schlands und de Os deu schen ungeklä
und we de o allem als Abweichung e s anden. P ominenz ha in diesem Zusammenhang die These e -
lang , es gäbe wich ige Ähnlichkei en zwischen de mig an ischen Be ölke ung und den Os deu schen,
und zwa dahingehend, dass beide nich dominan e G uppen wä en, denen mi eine Anpassungse wa ung
begegne wü de und die mi soziale , kul u elle und iden i ika i e Abwe ung kon on ie seien (Fo ou an
und Kubiak 2018).
K
8S. Mau e al.
Os deu sche Pe sis enz- und Ve hä ungs hese Die d i e These is die de na a-
i en Wei e gabe soziale E ah ungen, kollek i e Bewuss seins o men und his o-
ische T auma a. Sie is au Os deu schland ausge ich e , ein en sp echendes Pen-
dan ü Wes deu schland ande s als bei de O he ing-Hypo hese inde sich nich .
Hie geh es um das „Wei e leben“ eines soziokul u ellen Eigensinns in Os deu sch-
land, ela i unabhängig on Koho enzugehö igkei und ökonomische Lage. S a
zu Men ali ä sangleichung im Sinne de Mode nisie ungs heo ie komm es gemäß
diese Annahme zu men alen Ve es igungen. Die These besag also, dass es nich
zwingend da au ankomm , selbs in de DDR geleb zu haben ode den his o ischen
Umb uch biog a isch e a bei en zu müssen, sonde n dass in den Wohns uben und
an den Küchen ischen ein os deu sches Na a i einen es en Pla z ge unden ha .
Na a i he ges ell wi d beispielsweise de kogni i e O dnungsbezug eine Os -
Wes -Un e scheidung, abe auch eine bes imm e E inne ung an die DDR und eine
Imagina ion des Os ens (Rippl e al. 2018). Kollek i e Na a i e, wie sie in lokalen
Kon ex en, F eundscha sne zwe ken, am A bei spla z ode im Familienk eis wei e -
gegeben we den, sind zudem ü F agen on Iden i ä , biog a ische Selbs e o ung
und Ge ühle on Zugehö igkei on Bedeu ung (Haag 2017,2022). Os deu sche
Umb uchs- ode Abwe ungse ah ungen we den de ges al an die jünge en Gene a-
ionen ohne eigene DDR- ode T ans o ma ionse lebnisse wei e gegeben, die dieses
Wissen neu kon ex ualisie en und mi eigenen Wi klichkei en abgleichen. Ein Os -
deu sch-Sein p äg sich ein, spezi isch os deu sche Men ali ä slagen e hä en sich.
E was ande s gelage is die Annahme eine es gese z en Unmu skul u , wie sie
e wa De le Pollack (2020) diagnos izie . E e i die These, den Os deu schen
gehe es nach eine Du s s ecke zwa ech gu , sie hä en sich abe in eine Jamme-
ecke einge ich e . Hie dominie e die A ek lage des Ressen imen s, die es kaum
e laube, a sächliche ode e mein liche K änkungen de Ve gangenhei zu übe win-
den (Pollack 2020, S. 210). S a die Ve besse ung de wi scha lichen Lage zu
sehen, e lege man sich au die „Kul i ie ung de os deu schen Iden i ä “ und ich e
sich in de Hal ung des Gek änk -Seins ein (Pollack 2020, S. 223), die auch an die
nach olgenden Koho en wei e gegeben wi d.
Alle d ei Thesen legen jeweils ande e Mus e nahe. Die Sozialisa ionshypo hese
geh on einem Rückgang de wah genommenen Di e enzen und Kon lik e übe
die Koho en aus – in Os wie in Wes . In dem Maße, wie die deu sche Teilung
zei lich weg ück und die Sozialisa ion im ge eil en Deu schland in den Hin e g und
i , soll en Ge ühle on Ande ssein und eines kon lik ä en Ve häl nisses e blassen.
Die zwei e These, die O he ing-Hypo hese, hema isie eine sich imme wiede ak-
ualisie ende Di e enz, die auch Folgen ü Selbs - und F emdzusch eibungen ha .
Gemäß diese These is es de kul u ell und disku si dominan e Wes en, de mi
dem Os en sein Gegenbild e zeug , wäh end die Os deu schen diese Zusch eibun-
gen annehmen. Danach wä e dann sowohl im Os en als auch im Wes en dami
zu echnen, dass Un e schiede und Kon lik e in de Koho en olge salien bleiben.
Mi dem d i en Ansa z, de os deu schen Pe sis enz- und Ve hä ungs hese, kann
man mu maßen, dass in de os deu schen Be ölke ung eigens ändige Iden i ä sbe-
züge eingewu zel sind, die mi T ans o ma ionshä en und E ah ungen soziale
und kul u elle Deklassie ung zu un haben abe o z eine e besse en ökono-
mischen Lage o bes ehen. Fü Wes deu schland wä e hingegen ehe on einem
K
Os - und Wes deu sche ü imme ? Zu Wah nehmungen on Un e schieden und Kon lik en... 15
Tab. 3 Kon lik wah nehmung, ge enn e Modelle Os und Wes
Os deu sche Wes deu sche
Bi a ia Mul i a ia Bi a ia Mul i a ia
Gebu skoho e Re . bis 1950
1951–1970 –0,14
(0,07)
–0,07
(0,36)
–0,09*
(0,03)
–0,07
(0,09)
1971–1988 –0,15
(0,09)
–0,05
(0,55)
–0,13*
(0,01)
–0,09
(0,08)
Ab 1989 0,07
(0,53)
0,13
(0,17)
–0,20***
(0,00)
–0,17***
(0,00)
Subjek i e wi scha liche Lage Re . Schlech
Mi el – 0,06
(0,61)
– –0,12
(0,11)
Gu – –0,03
(0,78)
– –0,12
(0,10)
Bildung Re . nied ig
Mi el – –0,17*
(0,03)
– –0,08
(0,05)
Hoch – –0,32***
(0,00)
– –0,11*
(0,01)
Geschlech Re . Mann
F au – 0,08
(0,13)
–0,08
**
(0,01)
U bani ä sg ad Wohno Re . G oßs ad
Vo o – –0,19*
(0,04)
– –0,04
(0,36)
Kleins ad – 0,03
(0,73)
– –0,07
(0,11)
Do – –0,08
(0,35)
– –0,04
(0,40)
Mig a ionshin e g und Re . Kein Mig a ionshin e g und
– – –0,18
(0,16)
– –0,02
(0,69)
Beobach ungen 498 498 1918 1918
McFadden Pseudo R20,03 0,11 0,02 0,04
Da ges ell : du chschni liche Ma ginale ek e au Basis on binä en logis ischen Reg essionen. Da en:
Su ey „Ungleichhei und Kon lik “. Eigene Be echnungen
p-We e in Klamme n, *p< 0,05, **p< 0,01, ***p< 0,001
ge de selben Al e sg uppe hingegen nich einmal mi eine Wah scheinlichkei on
20% zu eine ähnlichen Einschä zung (ohne Abbildung)12.
In Bezug au die Kon oll a iablen zeigen die Modelle, dass sich Menschen in un-
e schiedlichen wi scha lichen Lagen nich signi ikan un e scheiden, wenn es um
die Einschä zung des Os -Wes -Ve häl nisses geh , was gegen die Annahme sp ich ,
12 Diese We e („a e age p edic i e ma gins“) wu den au de Basis eines ü Os - und Wes deu sche
gepool en binä en logis ischen Reg essionsmodells un e Kon olle on wi scha liche Lage, Bildung,
Geschlech , U bani ä sg ad und Mig a ionshin e g und e mi el .
K

16 S. Mau e al.
dass die soziale Lage als Fak o zu E klä ung un e schiedliche Wah nehmungen
maßgeblich is . Ande s sieh es hingegen bei de Bildung aus: Höhe gebilde e neh-
men sel ene Un e schiede und Kon lik e zwischen den beiden Be ölke ungsg uppen
wah als Menschen mi ein ache Bildung. Die Sensibili ä ü G uppendi e enzen
schein also bei denjenigen ge inge zu sein, die au g und ih es Humankapi als
endenziell besse mi den Folgen on T ans o ma ionsp ozessen umgehen können
(siehe auch K iesi e al. 2012). Zwischen Männe n und F auen zeigen sich im
Wesen lichen keine signi ikan en Un e schiede mi Blick au Al e i ä s- und Kon-
lik wah nehmung. Einzig wes deu sche F auen nehmen häu ige Kon lik e wah als
wes deu sche Männe . Auch de Wohno und die dami e bundene F age nach
de Zugänglichkei ö en liche In as uk u en spiel ü die Einschä zung des Os -
Wes -Ve häl nisses keine wich ige Rolle. Lediglich Os deu sche in Vo o en und
G oßs ad andlagen nehmen wenige s a k Kon lik e als Os deu sche in G oßs äd en
wah . Zwischen Menschen mi und ohne Mig a ionsgeschich e zeigen sich keine
Un e schiede in de Beu eilung des Os -Wes -Ve häl nisses.
5 Fazi und Diskussion
Im o liegenden Bei ag haben wi un e such , ob Di e enzen und Kon lik e zwi-
schen Os und Wes auch meh als 30 Jah e nach de Wiede e einigung ü die
Menschen noch eine Rolle spielen. Unse Haup be und lau e : Un e jünge en Wes -
deu schen e blassen die deu sch-deu schen T ennlinien in de Koho en olge, bei
den Os deu schen is dagegen ein Fo wi ken on Un e schieds- und Kon lik wah -
nehmungen e kennba . Die Sozialisa ionshypo hese, die on abnehmenden Al e i-
ä s- und Kon lik wah nehmungen ausgeh , schein nu im Wes en zu e end zu sein.
Was die O he ing-Hypo hese angeh , so zeig sich zumindes aus de Sich jünge e
wes deu sche Koho en ein nu ge inges Un e scheidungsbewuss sein. Dies sp ich
gegen die Annahme, Os deu sche wü den on ielen Wes deu schen als g undsä z-
lich ande s gesehen und en sp echend kul u ell und disku si e s anden. Die anhal-
end s a ke Be onung on Un e schieden zwischen Os - und Wes deu schen und die
anhal end hohe Kon lik wah nehmung auch un e den jünge en os deu schen Be ag-
en lie e n Indizien ü eine einsei ige kul u elle Pe sis enz de Os -Wes -Di e enz,
die ehe unse e d i en These en sp ich . Da in wu de angenommen, dass sich os -
deu sche Sich weisen und Men ali ä en du ch die in e gene a ionelle Wei e gabe on
DDR- und T ans o ma ionse ah ungen e hä en.
In unse en Analysen haben wi es ges ell , dass die os deu sche Nachwendege-
ne a ion soga häu ige Un e schiede und Kon lik e wah nimm als ih e Vo gänge .
Auch wenn sich diese os deu schen Koho enun e schiede nich als s a is isch sig-
ni ikan e wiesen, könn en wi es hie dennoch mi den e s en Anzeichen eine
En wicklung zu meh Al e i ä s- und Kon lik sensibili ä un e jungen Os deu schen
zu un haben, ü die es in den genann en Thesen keine gu en E klä ungen gib .
Insgesam e gib sich dami o allem ü die Jünge en die pa adoxe Si ua ion, dass
Os deu sche nach wie o Un e schiede wah nehmen, welche die Wes deu schen
kaum noch e kennen. Aus os deu sche Sich handel es sich um eine Nega ion on
selbs wah genommene Al e i ä du ch die „ande e“ G uppe. Wes deu sche begeg-
K
Os - und Wes deu sche ü imme ? Zu Wah nehmungen on Un e schieden und Kon lik en... 17
nen dem Insis ie en au Ande sa igkei de Os deu schen nu achselzuckend, was
auch die Kommunika ion um das deu sch-deu sche Binnen e häl nis e komplizie .
Unse Bei ag ekons uie zunächs einmal ein „soziologisches Rä sel“. Die seh
deu lichen, auch in den jünge en Koho en au indba en Os -Wes -Di e enzen in de
Kon lik wah nehmung und de Di e enzemp indung sp echen ü die Pe sis enz he-
se. Es schein so zu sein, dass sich os deu sche Bewuss seins- und Iden i ä s o men
e s e igen, was sich wenige du ch Mode nisie ungs heo ie als du ch die Men ali-
ä s- und poli ische Kul u o schung e klä en läss , e wa du ch die Vo s ellung on
e es ig en und habi uell eingep äg en Deu ungskul u en (Rohe 1987). Wi können
nich genau sagen, inwiewei mediale Zusch eibungen ode ö en liche Disku se
zu diesen un e schiedlichen Wah nehmungswel en bei agen, beispielsweise indem
Os deu sche die eigenen Lebenswel en und Pe spek i en wenig gespiegel sehen und
dadu ch einen s ä ke en Binnenbezug ausbilden. Möglich is da übe hinaus auch
eine zunehmende Au ladung de iden i ika o ischen Bedeu ung eines „Os bewuss -
seins“ (Schönian 2020), das in le z e Zei auch kul u ell und medial s ä ke bea -
bei e wu de, e wa in Fo m on Büche n, Musik ode au Social-Media-Pla o men.
Was könn en wei e e G ünde da ü sein, dass Nachwendekoho en Os -Wes -
Un e schiede (zunehmend) ü bedeu sam hal en? S and ü die in de DDR soziali-
sie en Jah gänge noch das „Ein ädeln“ und „Ankommen“ im Vo de g und, könn e
dies in den jünge en Gebu skoho en neu und ande s konno ie we den. Die Anpas-
sungsleis ungen de Al o de en e schienen aus ih e Sich als k i ikwü dig und die
Be ei scha zu Ma kie ung on Di e enz wü de s eigen. Man kann auch mi de
„Kul u kon lik heo ie“ (siehe S onequis 1937;Pa k1950) de Chicagoe Schule
mu maßen, dass, ähnlich wie bei mig an ischen G uppen, kul u elle Kon lik e ehe
in den nach olgenden Gene a ionen au e en. In de Mig a ions o schung wu de
gezeig , dass die „zwei e Gene a ion“, also diejenigen, die be ei s in Deu schland
gebo en wu den und s uk u ell besse in eg ie sind, sich de Meh hei sgesellscha
zwa ehe zugehö ig ühlen als noch ih e El e n (z.Β. Sü ig und Wilmes 2015). Abe
besonde s ü kisch- ode a abischs ämmige junge Menschen nehmen Disk iminie-
ung und Benach eiligung sei ens de Meh hei sgesellscha in de Gene a ionenab-
olge s ä ke wah und g ei en diese, ande s noch als ih e El e ngene a ion, e s ä k
an (Visse 2016; Ge ha ds und Buchmay 2018; Ohnmach und Yıldız 2021). Ge-
ühle on Ande sa igkei , das Beha en au Di e enz ode die Poli isie ung on
s uk u ellen Ungleichhei en e en e s mi „gene a ionelle Ve zöge ung“ au , es
en s eh ein g öße es Bewuss sein on Spannungen zwischen eine „Adop i kul u “
und sozialisie en Denkweisen und O ien ie ungen, die im amiliä en Kon ex eine
Rolle spielen. Nich zule z ließe sich auch annehmen, dass Spannungen mi gelun-
gene In eg a ion s ä ke sich ba we den, weil mino i ä e G uppen e s dann ih e
Ansp üche und di e en en E ah ungen s ä ke a ikulie en können (El-Ma aala-
ni 2018). So gesehen wä e die in den jüngs en Koho en e kennba e Reklama ion
os deu sche Un e schiedlichkei eine nachgelage e Bewuss we dung un e d ück e
Kon lik ha igkei .
Eine wei e e Deu ung eines neuen „Os bewuss seins“ könn e sein, dass die Os -
Wes -Di e enz selbs zu Chi e eines wei e ge ass en „Kul u kamp es“ gewo den
is , de sich au das Ringen um libe ale We e, F agen na ionale Iden i ä und den
Umgang mi Mig a ion bezieh . Eine solche Deu ung zeig sich in dem Bespielen ei-
K
18 S. Mau e al.
ne iden i ä spoli ischen Au ladung des Os deu sch-Seins on poli ischen Ak eu en
wie PEGIDA ode de Al e na i e ü Deu schland (A D), abe auch in einzel-
nen Wo meldungen os deu sche Spi zenpoli ike zum K ieg Russlands gegen die
Uk aine, zum Ö en lich-Rech lichen Rund unk ode zu gende ge ech en Sp ache.
Rech spopulis ische Ak eu e, da un e e liche Wes deu sche, haben „Os deu schland-
Ru e“ au die S aße geb ach und Slogans wie „DDR 2.0“ ode „Vollende die Wen-
de“ als Reminiszenz eine spezi ischen os deu schen E ah ung poli isch au gela-
den. Gleichzei ig e ziel die A D ge ade un e ielen jungen Wähle n in ländlichen
os deu schen Regionen ein übe du chschni liches E gebnis (Ha e und Mi e eg-
ge 2023).13 De Bezug zu Os deu schland ungie dabei o nehmlich als Token
ü g undlegende e We ekon lik e.14 Spezi ische au die T ans o ma ionse ah ung
zugeschni en sind E klä ungen, die das „Nachahmungsimpe a i “ de pos sozialis-
ischen T ans o ma ion als inhä en en äuschungsan ällig cha ak e isie en (K as e
und Holmes 2019). Da man o wäh end an den Idealen des „libe alen Wes ens“
gemessen wi d, en s eh ein Insu izienzge ühl, das dann mi zei liche Ve zöge ung
zu Abs andnahme und Rückbesinnung au eigene Iden i ä sbes ände üh en kann.
Iden i ä ode das Emp inden on Un e schiedlichkei sind nich ein ach nu da, sie
we den au un e schiedlichen Ebenen disku si he ges ell und ep oduzie .15
Vo diesem Hin e g und is zu agen, ob es zukün ig nich auch zu eine neue -
lichen Be onung de Di e enz aus wes deu sche Sich kommen könn e. Die „P o-
blemzone“ des Os ens könn e in den Wah nehmungen o allem dann en s ehen,
wenn es ma kan e Abweichungen on de wes deu schen Re e enzgesellscha gib ,
so e wa bei den poli ischen O ien ie ungen und de poli ischen Kul u . De gegen-
wä ig gewich igs e Un e schied wi d mi dem Bild des „b aunen Os ens“ he ge-
s ell , welches zwa schon in den 1990e -Jah en en s and, sich mi dem Au s ieg
de A D und ih e Radikalisie ung in den os deu schen Bundeslände n abe noch
einmal e s ä k ha . Vo allem die poli ischen En wicklungen in den os deu schen
Bundeslände n we den mi So ge beobach e – aus diese Pe spek i e e schein de
Os en als emd und eben doch ande s. Soll en poli ische Ak eu e diese Di e enz
des Os ens zunehmend auch ö en lich inszenie en, könn e sich auch aus wes deu -
sche Sich die Os -Wes -Di e enz neu ak ualisie en. Fü die F age de „inne en
Einhei “ is en scheidend, ob Un e schiedswah nehmungen zum Teil eines au Ab-
13 Ande e Ak eu e, so beispielsweise de sächsische Minis e p äsiden en K e schme , eklamie en „ande-
e os deu sche Meinungen“ e wa zu Hal ung zu Wa enlie e ungen an die Uk aine. De Minis e p äsiden
Sachen-Anhal s Reine Haselo inde , die „Gende sp ache“ sei o allem eine wes deu sche Sache, au
die man in Os deu schland k i isch schaue. Hie inde eine Di e enzma kie ung zwischen Os - und Wes -
deu schen o dem Hin e g und allgemeine We eauseinande se zungen s a .
14 Das e kenn man schon da an, dass die Bezugnahme au eine os deu sche Iden i ä ode ein os deu sches
Ande ssein du ch die A D o allem on in Wes deu schland au gewachsenen und sozialisie en Poli ike n
o ange ieben wi d.
15 Von eine Abg enzungsiden i ä ode eine daue ha en Subkul u alisie ung kann man e mu lich nich
sp echen. Poli isch is die Os -Wes -Di e enz bislang nu wenig au geladen wo den. Dies ha o allem
dami zu un, dass sich das Os deu sch-Sein nich an äuße lich leich e kennba en Zeichen ode Chi en
es mach , was eine sei s e hinde , dass dieses Me kmal disk imina o isch leich genu z we den kann,
ande e sei s üh dies abe dazu, dass es im Bemühen um Di e si ä und Rep äsen a ion wei gehend übe -
gangen wi d. Wä e „os deu sch“ als Me kmal leich „lesba “, hä e es seinen Eingang in den Ka alog
ane kennungswü dige Di e si ä sme kmale siche schon längs ge unden.
K
Os - und Wes deu sche ü imme ? Zu Wah nehmungen on Un e schieden und Kon lik en... 19
g enzung se zenden Iden i ä skon lik s we den ode sich als egionale Iden i ä en
ausk is allisie en (und dami auch no malisie en). Im e s en Fall hä en wi es mi
neuen Fo men de i alisie enden Selbs behaup ung und de men alen Dissozia ion
zu un, im zwei en Fall mi os deu sche Iden i ä als einem egional und biog a isch
gebundenen He kun sbewuss sein, in dem sich spezi ische soziale und his o ische
E ah ungsschich en ablage n.
6 Anhang
Tab. 4 Va iablenbesch eibung
Va iable Os Wes Gesam
Al e i ä swah nehmung
S imme übe haup nich zu 4,2 8,3 7,4
S imme ehe nich zu 11,0 20,2 18,2
Teils/ eils 24,6 30,8 29,5
S imme ehe zu 23,9 22,8 23,0
S imme oll und ganz zu 36,3 17,9 21,8
Kon lik wah nehmung
Keine Kon lik e 11,6 18,8 17,2
Ehe schwache Kon lik e 38,6 56,0 52,3
Ehe s a ke Kon lik e 28,7 17,8 20,1
Seh s a ke Kon lik e 21,1 7,4 10,3
Gebu skoho e
Bis 1950 17,1 16,4 16,5
1951–1970 25,1 35,5 33,3
1971–1988 28,8 26,6 27,0
Ab 1989 29,0 21,6 23,1
Subjek i e wi scha liche Lage
Schlech 13,9 8,6 9,7
Teils/ eils 29,7 24,7 25,7
Gu 56,5 66,5 64,6
Bildung
Nied ig 31,0 36,1 35,0
Mi el 38,3 29,0 31,0
Hoch 30,8 34,9 34,0
Geschlech
Mann 43,4 50,1 48,7
F au 56,6 49,9 51,3
U bani ä sg ad Wohno
G oßs ad 22,3 18,9 19,6
Vo o /Rand eine G oßs ad 13,2 15,5 15,0
Kleins ad ode Mi els ad 32,4 30,3 30,7
Do 32,1 35,3 34,7
K
20 S. Mau e al.
Tab. 4 (Fo se zung)
Va iable Os Wes Gesam
Mig a ionshin e g und
Ja 3,8 16,3 13,7
Nein 96,2 83,7 86,3
Gewich e e Spal enp ozen e nach Os - und Wes deu schen und Gesam popula ion. Da en: Um age „Un-
gleichhei und Kon lik “
Funding Open Access unding enabled and o ganized by P ojek DEAL.
In e essenkon lik S. Mau, T. Lux und J. Heide geben an, dass kein In e essenkon lik bes eh .
Open Access Diese A ikel wi d un e de C ea i e Commons Namensnennung 4.0 In e na ional Li-
zenz e ö en lich , welche die Nu zung, Ve iel äl igung, Bea bei ung, Ve b ei ung und Wiede gabe in
jeglichem Medium und Fo ma e laub , so e n Sie den/die u sp ünglichen Au o (en) und die Quelle o d-
nungsgemäß nennen, einen Link zu C ea i e Commons Lizenz bei ügen und angeben, ob Ände ungen
o genommen wu den.
Die in diesem A ikel en hal enen Bilde und sons iges D i ma e ial un e liegen eben alls de genann en
C ea i e Commons Lizenz, so e n sich aus de Abbildungslegende nich s ande es e gib . So e n das be e -
ende Ma e ial nich un e de genann en C ea i e Commons Lizenz s eh und die be e ende Handlung
nich nach gese zlichen Vo sch i en e laub is , is ü die oben au ge üh en Wei e e wendungen des
Ma e ials die Einwilligung des jeweiligen Rech einhabe s einzuholen.
Wei e e De ails zu Lizenz en nehmen Sie bi e de Lizenzin o ma ion au h p://c ea i ecommons.o g/
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