Schuppe , Gunna Folke
Book — Published Ve sion
K isen, Bed oh e O dnungen, Zei enwenden, Resilienz:
Regie ba kei sp obleme in ges ess en Gesellscha en
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WZB Be lin Social Science Cen e
Sugges ed Ci a ion: Schuppe , Gunna Folke (2024) : K isen, Bed oh e O dnungen, Zei enwenden,
Resilienz: Regie ba kei sp obleme in ges ess en Gesellscha en, ISBN 978-3-7489-4536-9, Nomos,
Baden-Baden,
h ps://doi.o g/10.5771/9783748945369
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Gunna Folke Schuppe
K isen, Bed oh e O dnungen,
Zei enwenden, Resilienz
Regie ba kei sp obleme in ges ess en Gesellscha en
Regie ba kei sp obleme in ges ess en Gesellscha en
K isen, Bed oh e O dnungen,
Zei enwenden, Resilienz
Gunna Folke Schuppe
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1. Au lage 2024
© Gunna Folke Schuppe
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Waldsees aße 3 – 5 | 76530 Baden-Baden
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Inhal s e zeichnis
Einlei ung: Vom einen K isenmanagemen zu eine
ganzhei lichen k isenwissenscha lichen Pe spek i e
A.
9
K isenB. 13
Zehn Minu en Beg i sgeschich eI. 13
Was K isen mi den Be eilig en „machen“II. 19
En scheiden in K isensi ua ionen heiß En scheiden
un e S ess: d ei sich au d ängende Beispiele
1.
19
Pa allele Vulne abili ä s- und Ohnmach se ah ungen
on Regie en und Regie enden: das Beispiel de
Co ona-K ise
2.
22
K isene ah ungen de Regie en: das Beispiel des
Weima e K isenjah es 1923
3.
25
Einige k isen ypische Sozial igu enIII. 29
Sozial igu en im Kon ex on K isenna a i en: Ra kes,
Schiebe , Hams e e
1.
29
Ve schwö ungs heo e ike und Que denke als in de
Co ona-Pandemie p ominen e Sozial igu en
2.
30
In la ionsheilige und ölkische Agi a o en3. 33
Sozialpsychologische E klä ungs e suche ü die
Ve hal ensdisposi ionen K isenbe o ene
IV.
34
Angs und Unsiche hei als eine A G undmelodie1. 34
Ve ände ungse schöp ung2. 35
Die These on de „pos auma ischen
Belas ungss ö ung“
3.
37
Bed oh e O dnungenC. 41
Von de K ise zu Bed ohungI. 41
Zum Ve häl nis ge ühl e und eale Bed ohungenII. 43
Zum Ve häl nis on K isen- und
Bed ohungskommunika ion
III.
46
5
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K isendisku se und Bed ohungsna a i e a wo k: d ei
ausgewähl e Beispiele
IV.
48
Das Pa ikula in e essen ausgelie e e Gemeinwohl1. 48
Die Re o ma ion als auch kommunika i abzuweh ende
Bed ohung
2.
49
Die k isengeschü el e bzw. – je nach Lesa –
exis enzbed oh e Demok a ie
3.
51
„You ne e walk alone“: zu Rolle on Rezip ozi ä und
Solida i ä
V.
53
Zei enwendenD. 55
Beg i e mi hohem In la ions isiko: „K ise“ und
„Zei enwende“ als gegenwä ig besonde s aussich s eiche
Kandida en
I.
55
Ein ku ze Blick au die gängigs en Seman iken des
sozialen Wandels
II.
57
Was eine Zei enwende wi klich ausmach III. 63
Nich de Schlach enlä m is en scheidend, sonde n
die Wah nehmung neue Ho izon e und neue
Deu ungsschema a
1.
64
Eine hil eiche Di e enzie ung des Zei enwende-
Beg i s
2.
65
Zei enwende – Wah nehmungen wollen kommunizie
we den: zu zen alen Rolle on K isen-, Bed ohungs-
und Wendezei na a i en
3.
67
Be eichsspezi ische Zei enwenden: ie BeispieleIV. 68
Die siche hei spoli ische Zei enwende1. 69
Die sog. Ene giewende2. 72
Die Wende in de Asylpoli ik3. 73
De „e inne ungspoli ische Gezei enwechsel“4. 75
Was das Ge ühl bewi k , es müsse sich e was g undlegend
ände n: zum hil eichen Konzep de „T igge punk e“
V.
77
Zu Bescha enhei on T igge punk en1. 78
Zwei T igge punk e e was genaue be ach e 2. 79
Vom Demok a ie- und Populismusba ome e zum
Ge ühls he mome e
3.
82
Inhal s e zeichnis
6
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ResilienzE. 85
Um wessen Resilienz geh es eigen lich?I. 85
Resilienz du ch „S o y Telling“II. 86
Nach de Ka as ophe: aus T ümme n eine neue Wel
licken – Zum hil eichen Konzep des „ e-o de ing“ –
III.
90
Ein e söhnliche Ausblick: zum Phänomen de
pos auma ischen Rei ung
IV.
92
Inhal s e zeichnis
7
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A. Einlei ung: Vom einen K isenmanagemen zu eine
ganzhei lichen k isenwissenscha lichen Pe spek i e
Wi leben – wie man ohne Übe eibung sagen kann – in eine k isenge‐
schü el en Zei ; ich e spa e es mi , sie alle au zulis en. Diese Be und eine
k isengep äg en Gegenwa is o enba so uns ei ig, dass – ande s als in
dem Bes selle on Flo ian Illies übe die konsumo ien ie e Jugend de
1980e Jah e – nich meh on de „Gene a ion Gol “1 die Rede is , sonde n
– wie in de Einladung de Zei sch i „Neue Gesellscha /F ank u e He ‐
e“ zu eine Ve ans al ung am 20. Sep embe 2023 – ganz selbs e s ändlich
on de „Gene a ion K ise“. Wenn sich dies so e häl , muss man sich
no ged ungen mi dem Phänomen sich häu ende K isen, die unglückli‐
che weise im Momen auch noch gleichzei ig übe uns he eingeb ochen
sind, nähe beschä igen. Man kann – so de Ti el des Ku sbuchs on 2012
– „K isen lieben“2, man kann sie – wegen des „P ickels“ des Ausnahmezu‐
s andes – spannend inden3, man kann sie – wie wi es an ande e S elle
o mulie haben – als „Augenö ne “ e s ehen4, o allem abe wi d man
sinn olle weise bes eb sein, „K isen zu e s ehen“5; denn nu dann wi d
man Aussagen da übe machen können, wie man mi K isen angemessen
umgehen könn e und soll e, sei es als k isenbe o ene Indi iduen, sei es
als zu K isenbekämp ung au ge u ene S aa mi seinen ihm zu Gebo e
s ehenden Ressou cen.
Um abe K isen e s ehen zu können und um wü digen zu können,
welche Rolle sie bei de Be ö de ung eines Phänomens spielen, das wi
als „ges ess e Gesellscha en“ bezeichnen wollen, eich eine au ein e ek i‐
es K isenmanagemen okussie e Be ach ungsweise nich aus. Wie eng
1 Flo ian Illies, Gene a ion Gol . Eine Inspek ion, F ank u /M. 2001.
2Siehe die Bei äge in: A min Nassehi (H sg.), K isen lieben, Ku sbuch 170, Feb ua
2012.
3 Vgl. dazu die beeind uckende Sch i on T is an Ba czak, De ne öse S aa , Tübingen
2020.
4G.F. Schuppe , Die Co ona-K ise als Augenö ne . Ein ech s- und dami zugleich
kul u soziologische Essay, in: Jah buch des ö en lichen Rech s de Gegenwa , Neue
Folge, Band 69, 2021, S. 439–447.
5Siehe dazu die Bei äge in: Thomas Me gel (H sg.), K isen e s ehen. His o ische und
kul u wissenscha liche Annähe ungen, 2012.
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wachs um und zu Höhe de In la ion – eine sei s gu messba , haben
es abe ande e sei s – wie jede mann sei den Reak ionen au die Co ona-
Pandemie äglich o Augen ge üh wu de – imme auch mi Ge ühls-
und S immungslagen zu un. Ih in eg ale Bes and eil is s e s ein iele
Gesich e au weisendes K isenge ühl, das on Miss auen bis zum Ge ühl
eines i gendwie Ausgelie e seins eichen kann. K isen sind also – und d au
wi d noch meh ach zu ückzukommen sein – Wah nehmungsphänomene31;
Habe mas e dien dahe olle Zus immung, wenn e 1973 dezidie die
Ansich e a , dass on K isen e s dann gesp ochen we den könne,
„wenn die Gesellscha smi gliede S uk u wandlungen als bes andsk i isch
e ah en und ih e soziale Iden i ä bed oh ühlen“32, sie also eine En wick‐
lung auch als k isenha wah nehmen.
K isengeschich en sind imme auch Ge ühlsgeschich en33, die wiede um
kul u ell eingebe e sind; bei Thomas Me gel heiß es dazu in zi ie enswe ‐
e Weise wie olg :
„[…] sind K isen nich zu denken ohne die Kul u en, in denen sie sich
e eignen; es sind ganz wesen lich Wah nehmungsphänomene. Sie sind
Fo men de Selbs besch eibung eine Gesellscha , die sich so ebenso
ih e Re o mbedü igkei wie ih e Wandlungs ähigkei e gewisse .
S uk u elle Momen e, de en Bedeu ung bei de Gene ie ung on K isen
nich abges i en we den soll, we den e s in dem Momen sich ba ,
da sie disku si in ein Modell on Ve auens e lus , D inglichkei , Unsi‐
che hei und No wendigkei on En scheidungen eingebunden we den.
Es he sch also Zei d uck. Inso e n sind K isen essen iell Momen e, in
denen plö zlich die Zukun als ungewiss emp unden wi d, man abe
31 Vgl. nähe dazu Jü gen F ied ichs, Gesellscha liche K isen. Eine soziologische Analy‐
se, in: Die Wah nehmung on K isenphänomenen. Fallbeispiele on de An ike bis
in die Neuzei , hg. Von Helga Schol en, Köln/Weima /Wien 2007, S. 13–26; Michael
G unewald/Uwe Puschne (H sg.), K isenwah nehmungen in Deu schland um 1900.
Zei sch i en als Fo en de Umb uchszei im wilhelminischen Reich, Be n u.a. 2010
(Con e gences 55).
32 Jü gen Habe mas, Legi ima ionsp obleme im Spä kapi alismus, F ank u /M. 1973,
S. 12.
33 Anschaulich dazu Be ina Hi ze , Angs , Panik?! Eine e gleichende Ge ühlsgeschich‐
e on G ippe und K ebs in de Bundes epublik, in: Mal e Thießen (H sg.), In izie ‐
es Eu opa. Seuchen im langen 20. Jah hunde , München 2014, S. 139–156.
B. K isen
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nich iel Zei ha , um sich ein genaues U eil zu bilden und in Ruhe
en scheiden zu können.“34
Nachdem diese d ei uns wich igen Punk e geklä sind, schein es uns an
de Zei zu sein, eine komp imie e Zusammen assung zum K isenbeg i
anzubie en; eine solche haben wi in dem lesenswe en Buch on Pe e
Longe ich übe das K isenjah 1923 ge unden35, in dem e die wich igs en
K isenk i e ien gekonn und mi unse en Übe legungen kompa ibel wie
olg zusammenge ass ha :
„▪ K isen sind ehe E schü e ungen denn Daue zus ände, sie um assen
den k i ischen Zei aum, in dem die S ö ungen eines Sys ems so g a ie‐
end we den, dass En scheidungen übe die Fo exis enz des Sys ems
selbs zu e en sind.
▪K isen sind somi – abgeg enz on Funk ionss ö ungen in Subsys emen
– als subs anzielle, exis enzbed ohende Phänomene zu sehen. K isen
sind Zei äume, in denen es da um geh , schwe wiegende Ge ah en, ja
die d ohende Ka as ophe abzuweh en.
▪Von eine K ise kann nu dann gesp ochen we den, wenn die jeweiligen
Zus ände auch in de Wah nehmung de Zei genossen als k isenha
emp unden we den und gleichzei ig in de Rückschau objek i abbildba
sind.
▪K isen sind beschleunig e, häu ig d ama ische En scheidungen in eine
sich dynamisch e ände nden Si ua ion; sie s ellen eine En scheidungssi‐
ua ion da , in de sich die Möglichkei , zu handeln und zu en scheiden,
in nahe Zukun zu e schließen d oh . [...]
▪Wenn K isen besonde e, abg enzba e Zei äume da s ellen, so is es zu‐
gleich auch no wendig, sie in einem zei lichen Kon inuum zu sehen.
Es geh imme auch um das Da o und das Danach: Denn K isen
sind ela i ku ze Zei spannen zwischen eine (meis länge en) Pause,
in de P oblemlagen sich au ü men, sowie, nachdem die K ise ih en
Höhepunk e eich ha , de En ladung, die en wede zu eine ka as o‐
34 Thomas Me gel, K isen als Wah nehmungsphänomene, in: de s. (H sg.), K isen
e s ehen, F ank u /New Yo k 2012, S. 13.
35 Pe e Longe ich, Auße Kon olle. Deu schland 1923, Wien/G az 2022; aus de Flu
de jüngs en Da s ellungen de Weima e K isenjah e is e ne he o zuheben das
Buch on Volke Ull ich, Deu schland 1923. Das Jah am Abg und, München 2023.
I. Zehn Minu en Beg i sgeschich e
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phalen En wicklung ode auch zu Au lösung de K isensi ua ion üh en
kann.“36
In E gänzung zu diesem K i e ienka alog is uns abe schon an diese
S elle de spä e zu e ie ende Hinweis wich ig, dass es sich bei K isen
nich nu um Wah nehmungs-, sonde n imme auch um Beobach ungs-
und Disku sphänomene handel ; zu diesem zen alen Aspek haben wi
in dem lesenswe en Au sa z on Ansga Nünning übe „G undzüge eine
Na a ologie de K ise“37 die nachs ehenden zu e enden Aus üh ungen
ge unden:
„Vo dem Hin e g und diese De ini ionen des E eignisbeg i s und de
K i e ien ü die Bes immung on E eignisha igkei 38 wi d somi deu ‐
lich, dass K isen nich e wa objek i Gegebenes sind. Vielmeh sind sie
eine sei s als das E gebnis on Selek ion, Abs ak ion und Auszeichnung,
mi hin als disku si e zeug e Kons uk e, zu beg ei en. Ande e sei s han‐
del es sich o ensich lich nich um öllig willkü liche Zusch eibungen,
da eine Si ua ion, die als K ise diagnos izie wi d, o enba bes imm e
Vo ausse zungen e üllen muss.
Man b auch also kein Kons uk i is ode Disku s heo e ike zu sein,
um die bislang o mulie en Bedingungen und K i e ien du ch zwei wei‐
e e Me kmale e gänzen zu wollen: die Disku si i ä und die Kons uk i‐
i ä on K isen bzw. K isendiagnosen. Ein Geschehen wi d e s dadu ch
zum E eignis und e en uell zu K ise, dass es sich in Disku sen und Ge‐
schich en niede schläg 39. Die Kons uk i i ä on K isen g ünde da in,
dass sie nich ein ach o gegeben ode ‚da‘ sind, sonde n on den Men‐
schen und Medien, die da übe be ich en, gemach we den. Eine K ise
36 Ebenda, S. 7/8.
37 Ansga Nünning, G undzüge eine Na a ologie de K ise: Wie aus eine Si ua ion
ein Plo und eine K ise (kons uie ) we den, in: Henning G unwald/Man ed P is e
(H sg.), K isis! K isenszena ien, Diagnosen und Disku ss a egien, München 2007,
S. 48–71.
38 Nünning bezieh sich au den Bei ag on And eas Su e /Man ed He ling, S uk u
und E eignis. Wege zu eine Sozialgeschich e des E eignisses, in: dies. (H sg.), S uk‐
u und E eignis [Geschich e und Gesellscha , Sonde he 19], Gö ingen 2001, S. 7–
32, in dem die Au o en d ei K i e ien benennen: e s ens das Übe aschungsmomen
bzw. das Auße gewöhnliche, zwei ens die kollek i e Na u de Maßs äbe ü die
e schü e nden E ah ungen und d i ens die s uk u e ände nden Folgen, die on
den Ak eu en wah genommen we den.
39 Vgl. Sieg ied J. Schmid , Geschich en & Disku se. Abschied om Kons uk i ismus,
Reinbek 2003.
B. K isen
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is au g und diese Kons uk i i ä s e s abhängig on dem Beg i ssys‐
em, den Kon en ionen und den Disku sen de jeweiligen Epoche und
de Medien, in denen die K isendiagnosen o mulie we den.“40
Nachdem wi nunmeh eine ziemlich gu e Vo s ellung da on haben, was
eine K ise is , wollen wi uns de spannenden F age zuwenden, was K isen
mi den Be eilig en – den Regie en wie den Regie enden – eigen lich „ma‐
chen“; dies mag eine e was ungewohn e Pe spek i e sein, die uns abe m.E.
am ehes en e möglich , unse em Ziel, K isen zu e s ehen, einen g oßen
Sch i nähe zu kommen.
II. Was K isen mi den Be eilig en „machen“
Beginnen wollen wi bei diese E kundung mi den Regie enden, wi d
doch zue s on ihnen e wa e , au eine aku we dende K ise zu eagie en
und in den K isenbekämp ungsmodus umzuschal en.
1. En scheiden in K isensi ua ionen heiß En scheiden un e S ess: d ei
sich au d ängende Beispiele
Die En scheidungssi ua ion zu Beginn de Flüch lingsk ise: die
Regie enden als Ge iebene
Mi diese Übe sch i nehme ich Bezug au das Buch „Die Ge iebenen.
Me kel und die Flüch lingspoli ik“ des Jou nalis en Robin Alexande 41,
in dem e die En scheidungssi ua ion zu Beginn de Flüch lingsk ise im
He bs 2015 ak ibisch nachgezeichne ha . Es ging um die F age, ob den
Tausenden on Flüch lingen, die au dem Budapes e Bahnho un e un‐
wü digs en Bedingungen campie en, die Ein eise in die Bundes epublik
e möglich we den soll e. In de en scheidenden Nach om 12. au den
13. Dezembe e hiel sich eine de Be eilig en – de an sich zus ändige
Innenminis e de Maizie e – zöge lich, wäh end eine ande e Schlüssel igu ,
de Pa ei o si zende de CSU Ho s Seeho e , de de Poli ik de o enen
G enzen k i isch gegenübe s and, schlich nich e eichba wa . So wa es
allein Angela Me kel übe lassen, sich – ge ieben on den E eignissen – ad
40 Ebenda, S. 58/59.
41 Repo aus dem Inne n de Mach , München 2017.
II. Was K isen mi den Be eilig en „machen“
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hoc zu en scheiden, da sich – so Robin Alexande – in de en scheidenden
S unde schlich niemand ande s and, die Ve an wo ung zu übe nehmen.
Wie siche lich allen e inne lich is , wa es dann die Kanzle in, die du ch‐
se z e, dass die a ikanischen und os eu opäischen Flüch linge in Sonde zü‐
gen aus Budapes nach Deu schland ein eisen konn en.
Die En scheidungssi ua ion zu Beginn de Co ona-K ise: die Regie enden
als Laienspielscha
Die Si ua ion zu Beginn de Co ona-Pandemie wa – wie man wohl ohne
Übe eibung sagen kann – gekennzeichne du ch eine kogni i e Übe o ‐
de ung de poli ischen En scheidungs äge : es gab – wie Bundesp äsiden
S einmeie imme wiede be on e – keine Blaupause, kein D ehbuch, an
dem man sich o ien ie en konn e42, so dass in de An angsphase kaum
was ande es üb ig blieb, als sich au die Analysen und Ra schläge on Ex‐
pe en zu e lassen43. Die Soziologin E elyn Mose sah hie in einen höchs
bedenklichen Poli ik e zich und eine „(Selbs -)S illlegung demok a ische
Poli ik“44: Was die Expe en ö en lich äuße en, „ha e in seine Rezep ion
und Wi kung au die Ö en lichkei nich o mal, wohl abe ak isch beina‐
he Gese zesk a “.
Auch wenn man so wei nich gehen will, wa die En scheidungssi ua ion
ü die Regie enden in de An angsphase eno m schwie ig, da die e o de ‐
liche Wissenssou e äni ä in den e s en Mona en schlich nich o handen
wa ; mich e inne diese Si ua ion an die Besch eibung ähnliche K isen‐
s esssi ua ionen du ch A min Nassehi, de dazu 2012, also lange o de
Co ona-K ise Folgendes ausge üh ha : „Was die En scheidungssi ua ion
bei Ausnahmesi ua ionen so d ama isch mach , is , dass die on den un e ‐
schiedlichen Be eilig en zu spielenden »Rollen« wede on einem zen alen
Regisseu au einande abges imm we den noch ein Sk ip haben, an dem
sie sich aba bei en können. Wenn man dieses Bild wei e bemühen will,
42 Siehe s ell e e end die Rede S einmeie s am 11. Ap il 2020, ab u ba im In e ne
un e : www.Bundesp äsiden .de.
43 Siehe dazu meinen Bei ag „Zu No ma i i ä on Expe enwissen in de Wissensge‐
sellscha und insbesonde e im Kon ex on P ozessen de K isenkommunika ion –
zugleich ein Bei ag zu Epis emisie ung des Poli ischen“, in: G.F. Schuppe /Roland
Römhild /Pe e Weinga (H sg.), He scha und Wissen, Baden-Baden 2022, S. 195–
218.
44 E elyn Mose , Rückzug des Poli ischen, in: APuZ N . 35–37/2020, S. 23 .
B. K isen
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spiel au de Bühne Gesellscha ehe eine Laienspielscha , die, zu Ech zei
gezwungen, wede P obe- noch Ko ek u möglichkei en ha , sonde n ih e
S uk u gewisse maßen imp o isie en muss und dennoch zu Selbs s abili‐
sie ungen auch im Hinblick au die Wechselsei igkei de ope a i onein‐
ande unabhängigen Funk ionssys eme komm .“45
Die En scheidungssi ua ion am Beginn des Uk ainek ieges: Regie en am
Limi
Mi diese Übe sch i wi d Bezug genommen au eine Fe nseh-Dokumen‐
a ion on S ephan Lamby, die in de ARD am 11. Sep embe 2023 un e
dem Ti el „Regie en am Limi “ ausges ahl wu de. In diese Dokumen a‐
ion wu den de Bundeskanzle , die Außenminis e in, de Wi scha smi‐
nis e als auch Ch is ian Lindne in seine Rolle als Finanzminis e und
„Che “ de FDP jeweils aus üh lich in e iew und o bildlich gezeig , wie
schwie ig es is , En scheidungen in de on Ola Scholz so bezeichne en
Zei enwende (dazu spä e meh ) und dem Ende de bishe igen En span‐
nungs- und Koope a ionspoli ik zu e en; in dem diese Dokumen a ion
ezensie enden Bei ag on Nils Minkma wi d Lamby bescheinig , ihm
sei „ein S ück Geschich ssch eibung gelungen“ und um Ve s ändnis ü
die komplexe En scheidungssi ua ion nach dem ussischen Übe all au die
Uk aine mi den olgenden Wo en gewo ben:
„Wie wi d es wei e gehen? In diesem Film wi d iel aus dem Fens e ge‐
sehen. Niemand maß sich an, nach den E ah ungen de le z en Mona e
noch P ognosen abzugeben ode g oße Töne zu spucken. Und das is ,
wenn man den Film au sich wi ken läss , das Beme kenswe e an diese
Bundes egie ung: Ih e Lage is so komplex und e o de eine de a ige
Konzen a ion, dass sie sich nu zu den d ingends en Sachen äuße .
Hö man ein In e iew mi dem Gou e neu on Flo ida, mi dem b i i‐
schen P emie ode ande en Menschen, die sich in de in e na ionalen
Poli ik einen Namen machen wollen, geh es imme zu um Mig a ion,
die Ge ah de Zi ilisa ion du ch die woke Bewegung, eine angeblich
d ohende Ökodik a u und e liche ande e Schein hemen. Dabei ha die
Ampel genug eale P obleme zu lösen. Heu e äll e lexha das Adjek i
on de ze s i enen Ampel, on de Rich ungslosigkei und den Miss‐
önen, abe is ein solche , sachbezogene S ei um den besse en Weg
45 A min Nassehi, De Ausnahmezus and als No mal all, Fußno e 2, S. 47.
II. Was K isen mi den Be eilig en „machen“
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eine e wachsenen Demok a ie nich zumu ba ? Dass alle Be eilig en
beseel lächelnd und s e s zu ieden eine Lei linie olgen, das gib es nu
in Sek en.“46
So wei zu den e schiedenen En scheidungsbedingungen in aku en K i‐
sensi ua ionen. Be o wi nun einen Blick au die spezi ische Si ua ion
de Regie en we en, soll danach ge ag we den, ob und wenn ja welche
Gemeinsamkei en zwischen E ah ungen on Regie en und Regie enden
beobach e we den können.
2. Pa allele Vulne abili ä s- und Ohnmach se ah ungen on Regie en und
Regie enden: das Beispiel de Co ona-K ise
E ah ungen on Vulne abili ä und Ausgelie e sein au Sei en de
Be o enen
Schon in de on Ul ich Beck mi g oßem E olg o 25 Jah en analysie ‐
en und ausgemal en Risikogesellscha 47 haben ih e Mi gliede e ah en
müssen, dass sie die Ge äh lichkei de Risiken, mi denen sie leben müs‐
sen, aus eigene E ah ung nich abschä zen können: „Im Ja ode Nein,
G ad, Ausmaß und E scheinungs o men seine Ge äh dung is e p inzi‐
piell emdwissensabhängig. Ge äh dungslagen scha en au diese Weise
Abhängigkei en, die Klassenlagen nich kennen: Die Be o enen we den
in Sachen ih e eigenen Be o enhei unzus ändig. Sie e lie en ein wesen ‐
liches S ück Wissenssou e äni ä .“48
Dies alles po enzie e sich abe in de An angsphase49 de Co ona-Pande‐
mie. Was die Menschen hie e leben muss en – so de enommie e Sozio‐
loge Ha mu Rosa – wa die E ah ung eines wei gehenden Kon oll e lus‐
es, die E ah ung nämlich, dass die Co ona-Pandemie sich als schlich
nich behe schba e wies – und dies in eine en zaube en Wel , in de
alles als du ch den Menschen kon ollie ba und behe schba e schein ,
46 Nils Minkma , Hie sieh man kla e , SZ N . 209 om 11. Sep embe 2023, S. 16.
47 Ul ich Beck, Risikogesellscha . Au dem Weg in eine ande e Mode ne, F ank u /M.
1986.
48 Ebenda, S. 70.
49 Da – wie wi on Reinha d Koselleck wissen – de Beg i de K ise ein „Ve lau sbe‐
g i “ is , gil es bei de Analyse und Beu eilung on K isen s e s so g äl ig zwischen
den einzelnen Phasen de K isenen wicklung zu un e scheiden.
B. K isen
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einschließlich des sogenann en Klimawandels. Wie ich inde, lohn es sich,
ku z in ein Gesp äch hineinzuhö en, das De Spiegel mi Ha mu Rosa
ge üh ha .50
„Das Vi us ha alle Quali ä en eines Mons e s. Man hö es nich , man
sieh es nich , abe es kann an jede Ecke laue n. Is de Tü g i e sau ?
B ing de hus ende F emde den Tod? Das A men selbs , dass unse e
G undbeziehung da s ell zu Wel , weil es uns mi Saue s o e so g , is
zu ödlichen Ge ah gewo den.“ Das Vi us – so Rosa wei e – sei o allem
deshalb ein Mons e , weil es das Ge ühl, dieses soeben angesp ochenen
Kon oll e lus es mi sich b ing . „Wissenscha lich haben wi es noch nich
e o sch und medizinisch nich un e Kon olle, wi k iegen es auch poli‐
isch nich egulie …“ De Ve such abe „To ge back con ol“ leg unse
ganzes, au Beschleunigung und Wachs um okussie es Sys em lahm: „s a
dynamische S abilisie ung de s a ische Kollaps. Das Fah ad äll um. Das
Sys em ha sich gegen sich selbs gewand “.
Ohnmach se ah ung de Regie enden: The Powe lessness o Powe ul
Go e nmen s51
Diese schöne Übe sch i e danke ich dem no wegischen, in England
leh enden Poli ikwissenscha le S ein Ringen, de mi diese Fo mel aus‐
d ücken woll e und will, dass e olg eiches Regie en imme einen Legi imi‐
ä sglauben und eine Akzep anzbe ei scha de Regie en o ausse z . Und
dies gil auch und ge ade ü den s a ken, das heiß übe Regulie ungs-
und Finanzmach e ügenden S aa , weil an ihm das pa adoxe Phänomen
s udie we den kann, dass de de Co ona-Pandemie en gegen e ende
S aa zugleich äuße s s a k und äuße s schwach is ; U sula Weiden eld ha
dieses Pa adox in ih em Zwischen u zu „S aa und Bü ge sinn“ wie olg
liebe oll ausgemal :
„Au den e s en Blick schein de S aa zu zei in Bes o m zu sein.
An den Finanzmä k en bekomm e unbesch änk en K edi : Scheinba
allmäch ig e e e Un e nehmen und B anchen, bewah e malade Mi ‐
50 Helene End es u.a., Das K isenge ühl, in: SPIEGEL online, Zug i am 16.9.2020
un e : h ps://www.spiegel.de/kul u /co ona-k ise-wie-die-angs -deu schland- e aen
de -a-00000000-0002-0001-0000-000170435631.
51 Wi übe nehmen hie eine Passage aus meinem Bei ag „Die Co ona-K ise als Augen‐
ö ne “, Fußno e 4, S. 445.
II. Was K isen mi den Be eilig en „machen“
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els ändle o de Insol enz. E zahl Un e nehme löhne an Kosme ike‐
innen, Weihnach s eie -Un e hal ungsküns le und Res au an besi ze ,
die e o he zu Un ä igkei e u eil ha . Au de ande en Sei e is e
weh los wie ein Neugebo enes: wenn e seine Bü ge an lehen muss, sich
an Kon ak besch änkungen, Feie e - und Lü ungsgebo e zu hal en.“52
In gleichsinnige Weise ha sich de Soziologe A min Nassehi geäuße ,
de in einem In e iew mi dem Magazin De Spiegel om 27. Mä z 2020
olgendes gesag ha :
„Wie in einem B ennglas läss sich ge ade beobach en, wie manche
G undlagen de Gesellscha unk ionie en. Mach e kenn man no ma‐
le weise da an, dass diejenigen, übe die man Mach ha , un, was sie
un sollen. Machen die Leu e das im Augenblick? Wann müssen sich
Mach mi el ex eme du chse zen, wenn Poli ik nich genug Mach übe
die Einsich s ähigkei de Bü ge innen und Bü ge ha ? Wenn man sich
im Augenblick die P essekon e enzen de Poli ike anschau , sieh man,
wie sie da um ingen.“53
Wohl wah , kann man auch hie nu hinzu ügen. In de Fe nsehansp ache
des Bundesp äsiden en om 11. Ap il 2020 sind alle wich igen Elemen e
de on den Regie enden benu z en „Mi mach-Inp lich nahme-Rhe o ik“
– Ve auen, Ve an wo ung, wi alle, Geduld und Disziplin – in nuce
o handen, wenn e o mulie : „Es is gu , wenn de S aa je z k a oll
handel – in eine K ise, ü die es kein D ehbuch gab. Ich bi e Sie auch
alle wei e hin um Ve auen, denn die Regie enden wissen um ih e iesige
Ve an wo ung. Doch wie es je z wei e geh , da übe en scheiden nich
allein Poli ike und Expe en. Sonde n wi alle haben das in de Hand,
du ch unse e Geduld und unse e Disziplin – ge ade je z , wenn es uns am
schwe s en äll .“54
52 Weiden eld, De Tagesspiegel om Sonn ag, 8. No embe 2020, S. 6.
53 Nassehi, De Spiegel, 28.3.2020.
54 Ab u ba un e h ps://www.bundes egie ung.de/b eg-de/se ice/bulle in/ ede- on
-bundesp aesiden -d - ank-wal e -s einmeie -1743002.
B. K isen
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3. K isene ah ungen de Regie en: das Beispiel des Weima e
K isenjah es 1923
Die Zei de Weima e Republik gal den Zei genossen als eine du ch
K isen gekennzeichne e Zei 55. Um diesen Be und zu belegen, mag hie eine
e was ungewöhnliche Me hode gewähl we den; in dem he o agenden
Au sa z on Mo i z Föllme , Rüdige G a und Pe Leo übe „Die Kul u
de K ise in de Weima e Republik“56 inde sich die olgende Einlei ung,
aus de in besonde s anschauliche Weise he o geh , wie ausgep äg das
K isenbewuss sein in de Weima e Republik wa :
„Im F ühjah 1932 be ich e e die Be line Boule a dzei ung B.Z. am
Mi ag on eine o iginellen Geschä sidee: Ein F emden üh e zeig e
den Tou is en nich meh die bekann en Sehenswü digkei en, sonde n
die »Wel s ad de K ise« in Fo m on Wohl ah säm e n, lee s ehen‐
den Neubau en, s illgeleg en Be ieben und poli ischen Ve sammlungen.
E engagie e soga junge Männe , die lau s a k au müp ige A bei slo‐
se spiel en und dami »den no wendigen ›K isen‹-Eind uck« he o ie‐
en.57 Diese Geschich e zeug da on, wie e b ei e in de Weima e
Republik das Ge ühl wa , eine »K ise« zu du chleben. Es e dich e e sich
zu einem Komplex on Assozia ionen, S e eo ypen und E wa ungen,
de die Wah nehmung de Reali ä bes imm e und dadu ch imme wie‐
de bek ä ig wu de.“58
Das d ama ischs e K isene eignis und K isene lebnis wa die sog. Hype in‐
la ion des Jah es 1923, übe de en U sachen und Ausmaß hie nich zu
be ich en is .59 Aus eichen mag hie die olgende im Tagebuch on Vik o
Klempe e no ie e Episode sein: „Au de Rück ah on ih em U laub
in Os p eußen bes ell seine F au E a in einem Wa esaal einen Ka ee:
Die P eis a el zeig e 6.000 M. Das e schwand, wäh end sie ank. Beim
Kassie en e lang e de Kellne 12.000. Sie sag e, es hä e doch o hin 6.000
55 Ins uk i dazu De le J. K. Peuke , Die Weima e Republik. K isenjah e de klassi‐
schen Mode ne, F ank u /M. 1987.
56 In: Mo i z Föllme /Rüdige G a (H sg.), Die ›K ise‹ in de Weima e Republik,
F ank u /M./New Yo k 2005, S. 9–41.
57 »K isen ge ällig?«, B.Z. am Mi ag om 7.5.1932.
58 Ebenda, S. 9.
59 Aus üh lich und ma e ial eich dazu die Büche on Pe e Longe ich und Volke
Ull ich, Fußno e 35.
II. Was K isen mi den Be eilig en „machen“
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eigenwillige und mi e ablie en Posi ionen meis nich e einba e Ideen
ode Ansich en e i , äuße und deshalb o au Un e s ändnis ode
Wide s and i . De Que denke is häu ig unbequem, das ück ihn
auch in die Nähe des »Que ulan en« ode des »Que kop s«.“83 Sie sind
de Ve such, die on g oßen Teilen de Be ölke ung und de Poli ik als
ge äh lich eingeschä z en Pandemie ande s zu deu en, d.h. o allem zu
e ha mlosen, die zu ih e Bekämp ung e g i enen Maßnahmen deshalb
als un e häl nismäßig zu quali izie en und e däch igen die Regie ung und
o ganisie en In e essen eine geziel en Poli ik de Desin o ma ion.
Was die Zusammense zung de jenigen be i , die sich den Que den‐
ke n zu echnen ode an den on ihnen o ganisie en P o es demons a‐
ionen eilnehmen, so is sie – wie die bishe igen Fo schungen e geben
haben84 – nich leich zu bes immen. Insgesam sei on eine g oßen He‐
e ogeni ä inne halb de Bewegung de Co ona-K i ike auszugehen. Es
handele sich nich um eine, sonde n um meh e e, häu ig dispa a e soziale
G uppen, die übe ge eil e Men ali ä en e bunden sind. Wäh end Beob‐
ach e eine ühen An i-Co ona-Demons a ion in Kons anz sich ehe an
die A mosphä e eines Ki chen ages e inne ühl en, ha en Demons a io‐
nen in Be lin inklusi e Ve e e n de „Reichsbü ge “ einen gänzlich ande‐
en Cha ak e . Man is sich auch wei gehend da übe einig, dass man die
Que denke -P o es e nich als Ve ans al ungen bildungs e ne Randg up‐
pen ab un kann; im Gegen eil: de An eil de e , die Abi u ode einen
Hochschulabschluss ode selbs ändige Mi els ändle sind, is im Ve gleich
zu Gesam be ölke ung deu lich e höh .“85
Abe es gab und gib nich nu die Ra kes, Ve schwö ungs heo e ike
und Que denke ; in den K isenjah en de Weima e Republik be a en
noch zwei wei e e Sozial igu en die Bühne, au die zum Abschluss dieses
Gliede ungspunk es noch ein ku ze Blick gewo en we den soll.
83 DWDS, Que denke , 16.2.2021.
84 Oli e Nach wey/Robe Schä e /Nadine F ei, Poli ische Soziologie de Co ona-P o‐
es e. G undauswe ung om 17.12.2020, Uni e si ä Basel.
85 Ebenda, Fußno e 83.
B. K isen
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3. In la ionsheilige und ölkische Agi a o en
In de ü K isenzei en ypischen „Fluch in » e kapp e Religionen«86 a‐
en und e en imme wiede Figu en au , die ü die Auswege aus dem
„Jamme al“ on Gelden we ung und No mene osion E klä ungen und
Lösungen anbo en/anbie en, die de „Sphä e des I a ionalen“87 zuzu ech‐
nen sind. Eine diese Figu en wa en die sog. „In la ionsheiligen“88, die –
häu ig in Sandalen und Büße gewand – Bo scha en e künde en, de en
Bes and eile on Pe e Longe ich wie olg zusammenge ass wo den sind:
„Inhal lich bes and das on ihnen gep edig e Gedankengu aus eine
k uden Mischung: Ideen und En wü e aus de Lebens e o m- sowie
aus de Jugendbewegung, Ve sp echen au Religionse neue ung, de
Wille zu e olu ionä en Umges al ung de Gesellscha , und zwa in
eine eigena igen Ve bindung on ölkischen, syndikalis ischen und
sozialis ischen Ansä zen; Vo s ellungen, die zum Teil in Landkommunen
e wi klich we den soll en. Hinzu kam eine ü die Zei genossen p o o‐
zie ende sexuelle F eizügigkei , die im Namen de eigenen »Sache« alle
Tabus übe den Hau en wa en.“89
Wäh end diese In la ionsheiligen ebenso schnell wiede e schwanden, wie
sie au ge auch wa en, wa en die ölkischen Agi a o en ein e ns e zu neh‐
mendes Phänomen; es gil ge adezu als ein Signum on du ch Angs und
Unsiche hei gep äg en Zei en – dazu sogleich meh –, dass nich nu
– wie Ul ich B öckling es o mulie – de „Heldenhunge “ Konjunk u
ha 90, sonde n auch de Ru nach de s a ken Füh e pe sönlichkei , eine
Sehnsuch , die wiede um on de poli ischen Rech en e ek i „bedien “
wu de.91 Dies noch in E inne ung habend, blicken iele – wie auch de
86 Longe ich, Fußno e 35, S. 147 .; nähe dazu Ca l Ch is ian B y, Ve kapp e Religio‐
nen. K i ik des kollek i en Wahns, Neuausgabe hg. on Ma in G ego -Dellin, Mün‐
chen 1979.
87 Longe ich, ebenda, S. 147.
88 Nähe dazu Ul ich Linse, Ba üßige P ophe en. E löse de zwanzige Jah e, Be lin
1983.
89 Ebenda, S. 149.
90 Siehe dazu Ul ich B öckling, Pos he oische Helden. Ein Zei bild, Be lin 2020.
91 Klaus Sch eine , Wann komm de Re e Deu schlands, 1938; Ian Ke shaw, Höllen‐
s u z. Eu opa 1914–1940, Pan heon Ausgabe, München 2017, S. 297 .
III. Einige k isen ypische Sozial igu en
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Au o dieses Bei ags – mi So ge nich nu au den Höhen lug de A D92,
sonde n auch das E s a ken de Rech en in ande en eu opäischen Lände n.
Dies e anlass uns, zum Abschluss dieses K isenkapi els einen Blick
da au zu we en, wie sich die Fluch in e kapp e Religionen, Ve schwö‐
ungs heo ien und de E olg ech spopulis ische Pa eien eigen lich e klä‐
en lassen.
IV. Sozialpsychologische E klä ungs e suche ü die Ve hal ensdisposi ionen
K isenbe o ene
1. Angs und Unsiche hei als eine A G undmelodie
In de g oßen Da s ellung de Geschich e Deu schlands zwischen 1517
und 1648, de Heinz Schilling den Ti el „Au b uch und K ise“ gegeben
ha 93 auchen gleich zu Beginn des K isenabschni s die Beg i e „Angs “
und „Unsiche hei “ in geschwis e liche Ein ach au : „Wie wa es zu diese
ie en Ve unsiche ung de Menschen gekommen? Ha en die Be ü ch ungen
und Ängs e einen wi klichen G und ode en sp angen sie allein den Hi nen
ana ische Ideologen? Wie ich e en sich einzelne und die Gesellscha
in de wiede unbehaus en Wel ein? Wie eagie en sie au die neuen
Seelennö e?“94 Und Joachim Käppne ha seine hymnischen Rezension
des soeben e schienenen Buches on Ch is ophe Cla k übe den „F ühling
de Re olu ion“95 au das wi noch aus üh liche zu sp echen kommen we ‐
den, die olgende Übe sch i gegeben: „Angs is de Schlüssel. Ch is ophe
Cla ks meis e ha es Buch übe Eu opa in den Jah en 1848/49 als Epoche
des Umb uchs und de Unsiche hei “96. Schließlich sei noch ein Blick au
das monumen ale We k on Ian Ke shaw mi dem Ti el „Ach e bahn“
gewo en97, in dem das Phänomen de Unsiche hei eine zen ale Rolle
spiel . In seinem Ein üh ungskapi el behandel e „Eu opas zwei Epochen
92 Momen au nahme om 7. Ok obe 2023, einen Tag o de Land agswahl in Hessen
und Baye n.
93 Heinz Schilling, Au b uch und K ise, Deu schland 1517–1648, Volls ändige Taschen‐
buchausgabe Be lin 1998.
94 Ebenda, S. 373.
95 Ch is ophe Cla k, F ühling de Re olu ion – Eu opa 1848/49 und de Kamp ü
eine neue Wel , München 2023.
96 Süddeu sche Zei ung N . 226 om 30.9./1.10.2023, S. 19.
97 Ian Ke shaw, Ach e bahn. Eu opa 1950 bis heu e, München 2019.
B. K isen
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de Unsiche hei “, nämlich eine sei s als a oma es Sch eckensgleichgewich
nach dem Zwei en Wel k ieg und eine »Ma ix neue Unsiche hei «, „de‐
en Elemen e eine libe alisie e, de egulie e Wi scha , die unau hal same
Globalisie ung, eine d ama ische Re olu ion de In o ma ions echnologie
und nach 1990 die En s ehung eine mul ipola en in e na ionalen Mach ‐
e eilung wa en“98; und in dem Schlusskapi el wi d „Eine neue Ä a de
Unsiche hei “ besich ig , on de man nich weiß, welchen Ausgang sie
nehmen wi d.
Zu gu e Le z soll Pe e R. Neumann zu Wo kommen, de soeben
mi dem Buch „Logik de Angs . Die ech sex eme Ge ah und ih e Wu ‐
zeln“99 he o ge e en is ; in einem In e iew mi dem SPIEGEL100 ha
e die F age „Wa um e leben wi ein E s a ken des Rech sex emismus?“
wie olg bean wo e : „Weil sich ieles asan e ände . Die K isen de
e gangenen Jah e – Mig a ion, Co ona, Uk ainek ieg, In la ion – be ei en
den Menschen So gen. Und Angs is de bes e Näh boden ü Rech sex e‐
mismus. Angs muss nich zwangsläu ig zu Wu und Hass üh en, sie mach
die Menschen abe emp änglich ü ech sex eme Thesen. In Teilen de
Gesellscha mach sich das Ge ühl b ei , dass »die da oben« sich nich um
das kümme n, was die Leu e um eib . Das is ge äh lich.“
2. Ve ände ungse schöp ung
De baye ische Minis e p äsiden Ma kus Söde ha im ge ade zu ücklie‐
genden Wahlkamp lau einem Be ich in de Süddeu schen Zei ung om
30.9./1.10.2023101 olgende Übe zeugung o mulie : „Die Deu schen wollen
jemand, de ihnen abends, wenn sie ins Be gehen, das Ge ühl gib , dass
die Wel am nächs en Mo gen noch die gleiche is .“
Wem dies zu wenig wissenscha lich is , de sei au das ge ade e schie‐
nene Buch „T igge punk e“ on S e en Mau, Thomas Lux und Linus
Wes heuse 102 e wiesen, in dem sie sich un e ande em mi de Rolle on
A ek en in Kon lik a enen beschä igen und auch mi dem beobach ba en
Phänomen de a ek i en Pola isie ung in kon lik beladenen gesellscha s‐
98 Ebenda, S. 21.
99 Be lin 2023.
100 De Spiegel N . 37 om 9.9.2023, S. 38/39.
101 N . 226, S. 11.
102 S e en Mau/Thomas Lux/Linus Wes heuse , T igge punk e. Konsens und Kon lik
in de Gegenwa sgesellscha , Be lin 2023.
IV.Sozialpsychol. E klä ungs e suche ü die Ve hal ensdisposi ionen K isenbe o ene
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poli ischen Disku sen; sie diagnos izie en eine zunehmende Ve ände ungs‐
e schöp ung de Menschen und üh en dazu e läu e nd Folgendes aus:
„[...] schauen wi au die emo ionale Be iebs empe a u de Kon lik lagen,
die wi an zwei sozialen Ge ühlen es machen, die in den e gangenen
Jah en in den Fokus ge ück sind: Wu und E schöp ung. Wi agen, ob
es die ielbeschwo enen »Wu bü ge « wi klich gib ; we die Menschen
sind, die poli ische Diskussionen o wü end e olgen, und wie Wu
und Wah nehmungen des Meinungsklimas zusammenhängen. An diese
Be unde schließen wi dann eine Analyse soziale Ve ände ungse schöp‐
ung an. Hie geh es um Ge ühle de Übe o de ung, die sich aus de
Wah nehmung speisen, die Gesellscha wandele sich so schnell, dass
man ü ch e , den Anschluss zu e lie en. Unse e G undin ui ion is
dabei, dass Wu und E schöp ung in ielen Fällen Hand in Hand gehen:
e wa, wenn schnelle gesellscha liche Wandel bei Anhänge n al he ge‐
b ach e Hal ungen zu ge eiz e Übe o de ung üh , abe auch dann,
wenn Angehö ige benach eilig e Klassen de eigenen Mach losigkei
und sozial e o dne en Passi i ä mi Ä ge begegnen.“103
Es schein mi eine gu e Idee zu sein, an diese S elle einen Zei zeugen zu
Wo kommen zu lassen; unse e Wahl iel dabei au Wol gang Thie se – on
1998 bis 2005 de e s e os deu sche Bundes agsp äsiden – de sich ge ne
als den „le z en Indigenen om P enzlaue Be g“ bezeichne und de Geo g
Isma on de Süddeu schen Zei ung ü einen Gesp ächs-Spazie gang104
zu Ve ügung s and; in dem Be ich übe diesen Spazie gang heiß es
auszugsweise wie olg :
„Es sei Ke n des Populismus, dass ein ache An wo en e angen. De en
E olg hänge mi kul u ellen Ängs en o Ve ände ung zusammen. »De
K ieg und seine Folgen, die Ve hinde ung de Klimaka as ophe, die
Mig a ion, die Ände ung in unse e P oduk ion du ch Digi alisie ung
und KI. Diese Ve ände ungen e en au Menschen, die in den e gange‐
nen 30 Jah en schon d ama ische, eilweise schme zliche Ve ände ungen
zu bes ehen ha en, nich imme mi E olg.«
Es sei auch heu e nich angenehm, das Ve au e zu e lie en – phäno y‐
pisch zu sehen am S ei um das Heizungsgese z, als Ve ände ung bis in
den eigenen Heizungskelle und Geldbeu el plö zlich spü ba wu de. [...]
103 Ebenda, S. 321/322.
104 Geo g Isma , „Die Kon lik e we den noch schä e we den“, SZ N . 240 om 18. Ok‐
obe 2023, S. 7.
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Vieles inde de zei gleichzei ig s a . »Das is die S unde de Populis en,
und zwa eu opawei ode ielleich soga wel wei .« Die Ve ände ungs‐
d ama ik, wie e es nenn , e zeuge Ängs e, Unsiche hei en und e üh e
Menschen zu Sehnsuch nach ein achen An wo en. »Demok a ie is
imme zu langsam gegenübe diesen Wünschen«, sag Thie se. Das sei
das Dilemma und e e au eine öllig e ände e Medienwel , die im‐
me obe lächliche und zugespi z e we de.“105
Im E gebnis üh e dies – wie S e en Mau zu e end he o heb – zu
Wahle olgen ü solche Pa eien, die sich – wie die A D – als „Pola isie‐
ungsun e nehme “ be ä ig en:
„Pola isie ungsun e nehmen wie die A D bes immen imme s ä ke den
Disku s, dik ie en die Themen, übe die ö en lich e handel wi d.
Mi le weile gib es g oße Teile de Be ölke ung, die sich angesich s
des apiden Wandels übe oll ode abgehäng ühlen. Die Unsiche hei
bei ielen is g oß. Wenn dann Libe ale ode P og essi e kommen und
ihnen sagen, sie müssen sich pe manen e ände n, um sich an die
Wel anzupassen, äll das Angebo de A D au uch ba en Boden. Sie
e sp ich En las ung und gaukel Siche hei o , indem sie sag : Du
kanns bleiben, wie du bis , die Wel muss sich an dich anpassen. Das
i na ü lich de ac o nich zu, abe Teile de Gesellscha sind e ände‐
ungse schöp , da komm es an. In Os deu schland noch s ä ke .“106
3. Die These on de „pos auma ischen Belas ungss ö ung“
De Sozial o sche Klaus Hu elmann – Senio P o esso o Public Heal h
and Educa ion an de Be line „He ie School o Go e nance“ – beschä ig
sich – was wi ü iel wich ige hal en als die Konzen a ion au das
Thema K isenmanagemen – mi de „men alen Ve ass hei unse e Gesell‐
scha nach Jah en de nich nu ge ühl en, sonde n eal exis ie enden
105 Ebenda, S. 7.
106 In e iew mi S e en Mau (In e iewe Tim F ehle ) – un e de Übe sch i „Teile
de Gesellscha sind e ände ungse schöp “, SZ N . 202 om 2./3. Sep embe 2023,
S. 6.
IV.Sozialpsychol. E klä ungs e suche ü die Ve hal ensdisposi ionen K isenbe o ene
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Daue k ise.“107 E will – genau wie wi – wissen, was die K isene lebnisse
mi den Menschen „gemach haben“ und machen.
Bei seinen empi iegesä ig en Übe legungen spiel – was uns nich übe ‐
aschen kann – das Thema Ve unsiche ung eine zen ale Rolle:
„In de le z en S udie „Jugend in Deu schland“ konn en Simon Schne ‐
ze und ich nachweisen, wie s a k in allen G uppen de Be ölke ung
gegenwä ig die psychische Belas ung und die Zukun sunsiche hei is .
Alle leiden un e den Spä olgen de Co ona-Pandemie, de Klimaangs ,
de Belas ung du ch den K ieg Russlands gegen die Uk aine, den sich
da aus e gebenden wi scha lichen Folgen einschließlich de In la ion
und den gesellscha lichen Spannungen du ch g oße Flüch lingss öme.
Im Blick au die Zukun sind alle Al e sg uppen ie e unsiche , was
ih e Lebensplanung angeh . Es he sch eine pessimis ische S immung
wie schon lange nich meh .“108
Ein solches langanhal endes Ge ühl de Ve unsiche ung bis hin zu Ohn‐
mach üh e und üh – wie iel ach beleg sei – zu nachwi kenden
physischen und psychischen Beein äch igungen wie e wa Angs ge ühlen,
Esss ö ungen und Suizidneigungen: „Das sind Reak ionen, die imme dann
ein e en, wenn Menschen die Lebenso ien ie ung ehl . Wenn ihnen, wie
es die Gesundhei s heo ie ausd ück , das »Kohä enzge ühl« abhanden ge‐
kommen is .“ Diese Ve lus an Kohä enzge ühl habe selbs dann Folgen,
wenn die jeweilige, soeben e leb e K ise wie e wa die Co ona-K ise schon
übe wunden sei.
„Die Pandemie lieg inzwischen zwa hin e ihnen, abe die psychischen
Folgen sind noch nich abgeklungen. Im Gegen eil – die Reak ion au
die inzwischen übe wundene Bed ohung du ch die Ka as ophe i
e zöge ein, weil man e s je z , einige Mona e nach dem endgül igen
Abklingen de No si ua ion, so ich ig ealisie , wie ungeheue k ä e‐
zeh end die d ei Co ona-Jah e wa en. Und welche e hee enden sozialen
und wi scha lichen Folgen sie haben. Das Phänomen de e zöge en
Wah nehmung on Exis enzangs is aus de psychia ischen Fo schung
und P axis bekann . Es wi d als ‚pos auma ische Belas ungss ö ung‘
bezeichne . Sie wi d im ICD-10, dem in e na ional abges imm en Dia‐
107 Siehe dazu seinen Bei ag „Pa ei de P o i eu e. Co ona, K ieg, Klima: Die Gesell‐
scha zeig Anzeichen eine pos auma ischen Belas ungss ö ung. Das nu z o
allem: de A D“, in: Süddeu sche Zei ung N . 167 om 22./23. Juli 2023, S. 15.
108 Ebenda, S. 15.
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gnoseka alog de Wel gesundhei so ganisa ion, als »eine e zöge e Re‐
ak ion au ein belas endes E eignis ode eine Si ua ion kü ze e ode
länge e Daue mi auße gewöhnliche Bed ohung ode ka as ophena ‐
igem Ausmaß« bezeichne .“109
Zum Abschluss dieses Gliede ungspunk es und unse es K isenkapi els soll
noch einmal Hu elmann die olgende, uns einleuch ende Bilanz ziehen
dü en:
„Die Lis e de Symp ome lies sich wie eine Besch eibung des Zus ands
unse e Gesellscha : Viele Menschen alle Al e sg uppen sind e schöp ,
am Ende ih e psychischen K ä e. Sie b äuch en d ingend Ruhe und
Schonung, um sich zu egene ie en und ih e ‚F eudlosigkei ‘ zu übe win‐
den. Genau das abe is ihnen nich möglich. Sie haben sich noch nich
om Co ona-Schock e hol , und schon bauen sich neue Ka as ophen
au : De nich enden wollende K ieg Russlands gegen die Uk aine, die
sich da aus e gebende In la ion, die anscheinend nich kon ollie ba en
Fluch bewegungen, die d ohende Klimaka as ophe. Dami wi d das
Ohnmach sge ühl de Co ona-Jah e imme wiede eak i ie , es en s eh
de Eind uck, da olle die nächs e En wicklung übe die Menschen
hinweg, die sie nich selbs beein lussen können. Das mach Angs , das
schü Panik.“110
Dass die A D da on p o i ie en dü e, lieg nich nu ü Klaus Hu el‐
mann au de Hand.
109 Ebenda, S. 15.
110 Ebenda, S. 15.
IV.Sozialpsychol. E klä ungs e suche ü die Ve hal ensdisposi ionen K isenbe o ene
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C. Bed oh e O dnungen
Mi diese Übe sch i wi d hie angeknüp an den gleichnamigen Tü‐
binge Sonde o schungsbe eich 923, de im Somme 2011 seine A bei
begonnen ha und dessen E kenn nis üch e inzwischen in d ei um ang-
und inhal s eichen Bänden p äsen ie wo den sind.111 Es lieg dahe nahe,
mi einem ganz ku zen Blick au das Fo schungsdesign des SFB 923 zu
beginnen, wobei uns wenige de O dnungsbeg i als solche in e essie 112
als de Aspek de Bed ohung.
I. Von de K ise zu Bed ohung
Was un e de „Bed ohung“ eine exis ie enden poli ischen O dnung zu
e s ehen is , e läu e n uns Ewald F ie und Mischa Meie in ih em, den
Band I e ö nenden Bei ag: „Bed oh e O dnungen. Gesellscha en un e
S ess im Ve gleich“ wie olg :
„Eine O dnung is dann bed oh , wenn Ak eu e zu de Übe zeugung
gelangen, dass Handlungsop ionen unsiche we den, Ve hal ense wa ‐
ungen und Rou inen in F age s ehen und sie sich je z ode in na‐
he Zukun wah scheinlich nich meh au einande e lassen können.
Ihnen geling es, eine Kommunika ion zu e ablie en, in de sie eine
konk e e Bed ohungsquelle benennen. Diese Kommunika ion is du ch
s a ke Emo ionen gekennzeichne (a ek i e Zus and), übe lage min‐
111 Ewald F ie/Mischa Meie (H sg.), Au uh – Ka as ophe – Konku enz – Ze all.
Bed oh e O dnungen als Thema de Kul u wissenscha en, Tübingen 2014; Ewald
F ie/Mischa Meie /Dennis Schmid (H sg.), Bed oh sein. Gesellscha en un e
S ess im Ve gleich, diese an sich 2019 als E scheinungsjah geplan Band is
nunmeh im Ok obe 2023 e schienen; Ewald F ie/Mischa Meie (H sg.), K isen
ande s denken. Wie Menschen mi Bed ohungen umgegangen sind und was wi
da aus le nen können, Be lin 2023.
112 Nähe zum O dnungsbeg i And eas An e , Die Mach de O dnung. Aspek e eine
G undka ego ie des Poli ischen, Tübingen 2004.
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IV. K isendisku se und Bed ohungsna a i e a wo k: d ei ausgewähl e
Beispiele
1. Das Pa ikula in e essen ausgelie e e Gemeinwohl
In einem am 13. Juni 1999 gehal enen Vo ag in de Be lin-B andenbu ‐
gischen Akademie de Wissenscha en (A bei sg uppe Gemeinwohl und
Gemeinsinn) zum Thema „Gemeinwohlde ini ion im koope a i en S aa “
ha e ich e schiedene „Gemeinwohlszena ien“ p äsen ie , da un e auch
das on mi so genann e „Auslie e ungs-Szena io“, womi die P eisgabe
des Gemeinwohls an die o ganisie en In e essen gemein wa .129 Bei de
zu älligen nochmaligen Lek ü e wu de mi kla , dass es sich hie bei um
ein klassisches Bed ohungsna a i handel e, bei dessen Ausmalung ich
e schiedene Szena ienmale iden i izie ha e: „Wi können“ – so ha e ich
ausge üh – „mi F i z W. Scha p s beso g e F age nach de »Handlungs‐
ähigkei des S aa es am Ende des 20. Jah hunde s« beginnen,130 da de
mode ne S aa als agmen ie e , polya chische und iel ach e ne z e
S aa in seine Bescha enhei an den »S aa des hohen Mi elal e s« gemah‐
ne; wi könn en o se zen mi de on Ma ch und Olsen o ges ell en
S aa s- und Ve wal ungs ypologie,131 in de eines de ie S aa smodelle,
nämlich de Co po a e Ba gaining S a e dadu ch gekennzeichne is , daß
in ihm gewonnene Wahlen nich meh ein um assendes Manda zu Ge‐
sellscha sges al ung e mi eln, sonde n ‚nu ‘ noch einen – wenn auch
besonde en – Pla z am Ve handlungs isch. Die s aa liche Bü ok a ie is in
diesem Modell nich meh unpa eiliches Ins umen , das Rollen e s ändnis
de ö en lichen Bediens e en is das on Schlich e n, Ve handlungs üh e n
und Kon lik mi le n.“132
Als wich igs en Szena ienmale abe ha e ich Die e G imm in den
Zeugens and gebe en, de mi g oße Eind inglichkei da au hingewiesen
ha e, dass de exo bi an e Ein luss p äkons i u ionelle Ve bände die S a ik
de Ve assung e ns ha bed ohe:
129 G.F. Schuppe , Gemeinwohlde ini ion im koope a i en S aa , in: He ied Münk‐
le /Ka s en Fische (H sg.), Gemeinwohl und Gemeinsinn im Rech . Konk e isie‐
ung und Realisie ung ö en liche In e essen, Be lin 2002, S. 67–98.
130 In: Bea e Kohle -Koch (H sg.), S aa und Demok a ie in Eu opa, Opladen 1992,
S. 93–115.
131 J. G. Ma ch/J. P. Olsen, Redisco e ing Ins i u ions. The O ganiza ional Basis o
Poli ics, New Yo k 1989.
132 A.a.O., S. 70/71.
C. Bed oh e O dnungen
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„Die Ve assung e aß also ih em Ansp uch zum T o z poli ische He ‐
scha nu noch agmen a isch. Neben den on ih einge ich e en und
egulie en O ganen exis ie en pa akons i u ionelle En scheidungs äge .
Zum ande en we den die bes ehenden En scheidungso gane und - e ah‐
en wenn schon nich bedeu ungslos, so doch zumindes en we e . Das gil
insbesonde e ü das Pa lamen und die pa lamen a ische Gese zgebung,
on de en Funk ionie en das Sys em in demok a ische und ech ss aa ‐
liche Hinsich abhäng . Im selben Maß, wie koope a i e En scheidungs‐
o men o d ingen, äll ih En scheidungsbei ag aus ode e lie an
Gewich . [...] Die Ve bände we den au diese Weise neben wei e en, zum
Teil aus de selben Quelle gespeis en E scheinungen zu einem Tes all ü
die Übe lebensk a des Ve assungss aa s.“133
2. Die Re o ma ion als auch kommunika i abzuweh ende Bed ohung
Ein he o agendes Beispiel ü eine bed oh e O dnung wa die O dnung
des ch is lichen Glaubens in Ges al de einen, die gesam e eu opäische
Ch is enhei um assende (ka holischen) Ki che du ch die Re o ma ion.
Die Re o ma ion wa ein zen ale Ang i au die bes ehende „Ki che als
He scha sins i u ion“134 und wu de on ih auch als exis enzge äh dende
Bed ohung wah genommen. Da die Re o ma ion wie insbesonde e Heinz
Schilling135 und Thomas Kau mann136 he ausgea bei e haben, auch und
o allem ein Kommunika ions- und Mediene eignis wa 137, muss e de
Abweh kamp auch mi kommunika i en Mi eln ausge agen we den, wie
z.B. du ch das Ins umen de P edig . In ih em Bei ag „Mach und Mobi‐
lisie ung in Bed oh en O dnungen“ haben E ns Henning Hahn u.a. zu
133 Die e G imm, Ve bände, in: E. Benda/W. Maiho e /H. J. Vogel (H sg.), Handbuch
des Ve assungs ech s de Bundes epublik Deu schland, Be lin/New Yo k 1995,
S. 665.
134 Nähe dazu G.F. Schuppe , Übe He scha . P ak iken, Ve s ändnisse und Rech ‐
e igungen on He scha – ein soziologische und his o ische S ei zug, Tübin‐
gen 2023, S. 273 .
135 Heinz Schilling, Ma in Lu he . Ein Rebell in eine Zei des Au b uchs, München
2012.
136 Thomas Kau mann, E lös e und Ve damm e. Eine Geschich e de Re o ma ion,
München 2016.
137 Siehe dazu auch G.F. Schuppe , „Von S ei sch i en und Flugblä e n ode : Zu
Re o ma ion als Kommunika ionse eignis“, in: de selbe, Wege in die mode ne Wel .
Globalisie ung on S aa lichkei als Kommunika ionsgeschich e, F ank u /New
Yo k 2015, S. 97 .
IV. K isendisku se und Bed ohungsna a i e a wo k: d ei ausgewähl e Beispiele
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den on ihnen so bezeichne en kon essionellen O dnungsp ozessen des 16.
Jah hunde s Folgendes ausge üh :
„Sie woll en den All ag de Gesellscha , abe auch die eigenen ki chli‐
chen Gegebenhei en o dnen, du chd ingen, s uk u ie en und o de
Bed ohung du ch die kon essionelle Al e i ä schü zen. Hie ü wu de
besonde s die P edig sowohl on den Jesui en als auch on den iden i‐
nischen Kle ike n als ein Mach mi el zu Konsens- und Handlungsmo‐
bilisie ung gegen die als O dnungsbed ohung gesehene e o ma o ische
Bewegung genu z . Die Bed ohung wa iel äl ig: Nich nu ins i u io‐
nalisie e Fo men on ki chliche Mach sonde n auch eligiöse und
heologische Übe zeugungen e schienen du ch Lu he und die e o ma‐
o ische Bewegung als höchs bed oh . Fü al gläubige Ak eu e wu de die
P edig eine zen ale weiche Mach , de en Wi kungs- und Bedeu ungsge‐
schich e bis da o in de his o ischen Fo schung kaum be ücksich ig
wu de. Die Auswe ung de P edig en zeig , dass du ch diese die al gläu‐
bige O dnung als eine Bed oh e O dnung kommunizie wu de espek i‐
e, dass du ch Konsensmobilisie ung und Bed ohungskommunika ion
du ch und in de P edig eine Bed oh e O dnung e ablie wu de.“138
Da die P edig in de Re o ma ion als eine „ö en lich e handel en Sa‐
che“139 eine zen ale Rolle spiel e, sah sich die angeg i ene Ki che ih e sei s
e anlass , kommunika i „au zu üs en“, und zwa in Ges al de S ä kung
des Ins umen s de P edig :
„G und o ausse zung ü den P edig diens au de Kanzel wa , dass de
jeweilige P edige dazu das Rech on de Ki che, die im Namen Go ‐
es handel e, zugesp ochen bekam. Besonde s mi den Beschlüssen des
T ien e Konzils wu de die P edig in ih e S ellung und Bedeu ung zu
einem zen alen Medium de ka holischen Re o m des 16. Jah hunde s
e klä . Anlass dazu gaben die als Konku enz angesehenen e angelischen
P edige , die gu ausgebilde und wo gewand wa en und dahe als Be‐
d ohung wah genommen wu den. Zu S ä kung und Legi imie ung de
eigenen P edig wu den wäh end des T ien e Konzils au den G und‐
138 E ns -Henning Hahn/Jan Sändig/Felix Schä e /Anne e Sch amm/Ma ie Sch ei‐
e /Joachim We z, Mach und Mobilisie ung in Bed oh en O dnungen, in: Ewald
F ie/Mischa Meie /Dennis Schmid (H sg.), Bed oh sein. Gesellscha en un e
S ess im Ve gleich, Tübingen 2023, S. 122.
139 Schilling, Fußno e 135, S. 238.
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lagen o he ige Konzilien F agen de ki chlichen P edig ollmach he‐
ma isie .“140
Es ging also o allem da um, das Ins umen de P edig als das Haup me‐
dium al gläubige Glaubense neue ung dadu ch zu s ä ken, dass ihm eine
doppel e Legi ima ionsbasis zugesp ochen wu de:
„We also im 16. und 17. Jah hunde on de Kanzel eine al gläubigen
Ki che p edigen du e, ha e sozusagen in doppel e Weise Rech : Eine ‐
sei s e dank e e die E laubnis zu seine Tä igkei eine anszenden
e s andenen Bes immung und einem heiligen Willen Go es, abe ande‐
e sei s auch de ki chen ech lichen Beau agung in Am und Wü de
au G undlage de kanonischen No ma i en des Konzils on T ien .
[...] Ande e sei s e lieh diese ech liche Legi ima ion den Wo en de
P edige eine sak osank e Au o i ä , da sich diese au das ius di inum
und die ki chlichen No men be u en konn en und dadu ch ih em U eil
sowohl übe O hodoxie und He e odoxie, übe ech en und alschen
Lebenswandel als auch übe Wah hei und Lüge eine gö liche Legi imi‐
ä zug unde lag. Mi dem Konzil on T ien wu den un e And ohung
ki chliche S a en alle Bischö e e mahn , ih e P lich zu Ve kündigung
des E angeliums nachzukommen. Dies gal auch ü die P edige in den
S ad - und Do ki chen. Ziel diese disziplinie enden Maßnahme wa
es, die P edig als das Haup medium al gläubige Glaubense neue ungen
in einem Zei al e de Konku enz de Kon essionen zu pos ulie en.
Die ech liche G undlage wa die Vo ausse zung ü eine un e s a ke
Konku enz s a indende Mobilisie ung.“141
3. Die k isengeschü el e bzw. – je nach Lesa – exis enzbed oh e
Demok a ie
K isendiagnosen wa en – wie jüngs Philip Manow noch einmal un e Be‐
nennung zahl eiche li e a ische Zeugen eind ücklich beleg ha – „schon
imme ein Beglei e de Demok a ie“142. Hinsich lich de Vo he sagek a
de jeweiligen K isendiagnosen sei alle dings Vo sich gebo en:
140 Hahn e al., Mach und Mobilisie ung, S. 123.
141 Ebenda, S. 123/124.
142 Philip Manow, Die Beobach ung de Beobach ung de Demok a ie. Zu Diagnose
demok a ische Reg ession, in: Abschlussband de In e disziplinä en A bei sg uppe
IV. K isendisku se und Bed ohungsna a i e a wo k: d ei ausgewähl e Beispiele
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„[...] wenn pe manen i gendjemand K ise sch ei , wi d das noch nich
dadu ch zu eine p äzisen P ognose, dass sie dann mi un e auch a ‐
sächlich ein i . Wenn Ma xis en, wie es in einem bekann en Wi z heiß ,
zwöl de le z en d ei Wel wi scha sk isen öllig ko ek o he gesag
haben, mach das den Ma xismus noch nich zu eine p äzisen Wissen‐
scha . Zudem ha e Laski143 seinen düs e en Ausblick in den ühen
1930e Jah en genau au die Analyse jene zwei Lände ges ü z , die dann
ü das Übe leben de Demok a ie im 20. Jah hunde on zen ale
Bedeu ung we den soll en: die USA und das Ve einig e König eich. In‐
so e n e schein die F age du chaus be ech ig , inwiewei sich auch die
gegenwä ige Deba e zumindes in Teilen einem Hang de Gegenwa
zu Selbs d ama isie ung e dank . Da aus e gib sich de Beda nach
eine me hodisch kon ollie e en Be ach ung on Demok a ie, eine, die
nich nu au die besonde s sich ba en nega i en Fälle blick .“144
De Be und, dass Demok a ie und K isen he o ik sei je zusammengehö‐
en, wi d auch on He ied Münkle in seinem 2022 e schienenen Buch
übe „Die Zukun de Demok a ie“145 ge eil . In e essan e weise abe wähl
Münkle ande e Beg i e zu Besch eibung dieses Sach e hal s: e sp ich
wenige on K isen denn on Ge äh dungen und Bed ohungen und o
allem on „Bed ohungswah nehmungen de Demok a ie“146, on einem
„ausgep äg en Ge äh dungsemp inden in Demok a ien“147. Demok a ie sei
ü die Deu schen nach einem e was schwie igen S a nach 1945 imme
selbs e s ändliche , man habe sich an sie gewöhn : „Das läu au eine
schleichende Ge äh dung de demok a ischen O dnung hinaus. Die Übe ‐
nahme eine Demok a ie du ch Oliga chen und Au ok a en ha inzwischen
jedoch nich meh die dis up i e Dynamik, die mi den sel en gewo denen
Mili ä pu schen e bunden wa . Sie e bi g sich zumeis hin e eine Fas‐
sade, die den Fo bes and de Demok a ie o äusch . Neben diesen im
wei e en Sinne sozialpsychologischen U sachen kann als E klä ung ü das
no o ische Ge ühl de Bed oh hei in Demok a ien auch die Au lösung on
„No ma i e Kons i uenzien de Demok a ie“, Be lin 2023, Be lin-B andenbu gische
Akademie de Wissenscha en.
143 Ha ald J. Laski, Democ acy in C isis, London 1935 [1931], The Uni e si y o No h
Ca olina P ess.
144 S. 3 de Manusk ip assung.
145 He ied Münkle , Die Zukun de Demok a ie, Wien 2022.
146 Ebenda, S. 56.
147 Ebenda, S. 57.
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sozio-ökonomischen Kons ella ionen he ausges ell we den, die zei weilig
demok a ie ö de lich gewi k haben.“148
Wenn sich dies abe so e häl , dass mode ne Demok a ien om Typus
de Bundes epublik du ch ein no o isches Ge ühl des Bed oh seins gekenn‐
zeichne sind, dann e schein es uns um so wich ige , dass den Bü ge n
das Ge ühl genommen wi d, mi diese ge ühl en Bed ohungslage allein
gelassen zu sein. Eine zen ale Funk ion de K isen- und Bed ohungskom‐
munika ion sei ens de Regie enden bes ünde da in, den Regie en das
Ge ühl zu geben, dass sie mi ih en Emp indungen, Ge ühlen, So gen und
Be ü ch ungen e ns genommen we den und – sowei es in ih e Mach
s eh – Abhil e e sp ochen wi d. Dami sind wi bei einem uns wich igen
Punk angelang , mi dem de Abschni übe Bed oh e O dnungen denn
auch abgeschlossen sein soll.
V. „You ne e walk alone“: zu Rolle on Rezip ozi ä und Solida i ä
Es mag manchen e wunde n, hie ausschni ha den Tex eines Songs
zi ie zu inden, de on den Fans des FC Li e pool bei den Spielen
ih e Mannscha in de An ield Road mi Inb uns gesungen wi d. E is
o enba Ausd uck eine komplexen Beziehung zwischen den sog. Fans,
dem Ve ein und den Spiele n, die auch da in zum Ausd uck komm , dass
die Spiele nach Spielschluss zu den o zugsweise in de Südku e pla zie ‐
en Fans gehen und sich applaudie end ü die akus ische Un e s ü zung
bedanken. Man wi d nich ehl gehen, hie in eine soziale Beziehung zu
sehen, die in gewisse Weise dem „code o ecip oci y“149 e p lich e is ,
einem P inzip de Rezip ozi ä , das he scha ssoziologische Na u is und
in Reinkul u on F ied ich dem G oßen wie olg o mulie wu de: „Von
meinen Un e hanen o de e ich wei e nich s als bü ge lichen Geho sam
und T eue. So lange sie hie un e ih e P lich beobach en, e ach e ich mich
wiede um e bunden, ihnen gleiche Guns , Schu z und Ge ech igkei ange‐
deihen zu lassen, on was ü specula i en Meinungen in Religions-Sachen
sie auch ansons en eingenommen sein möch en.“150 Und im om Geis de
Au klä ung gep äg en Josephinischen Bü ge lichen Gese zbuch on 1786
148 Ebenda, S. 59/60.
149 Beg i bei Max Gluckman, Poli ics, Law and Ri ual in T ibal Socie y, Ox o d 1965,
S. 71.
150 Hie zi ie nach Tim Blanning, F ied ich de G oße. König on P eußen, München
2018, S. 459.
V. „You ne e walk alone“: zu Rolle on Rezip ozi ä und Solida i ä
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heiß es in gleichsinnnige Weise: „Jede Un e han e wa e on dem Lan‐
des ü s en Siche hei und Schu z. Es is also die P lich des Landes ü s en,
die Rech e de Un e hanen deu lich zu bes immen, und ih e Handlungen
so zu lei en, wie es de allgemeine und besonde e Wohls and e o de .“
Wenn wi diesen Gedanken de Rezip ozi ä nunmeh au den Schu z in
K isen- und Ka as ophensi ua ionen wie de Co ona-Pandemie anwenden,
so kann man – an dem Au sa z i el „Schu z, Mach und Ve an wo ung“
on Jü gen Os e hammel151 anknüp end – mi S ephan Rixen on eine
„Risikobewäl igungsp lich “ des S aa es bzw. on de „S aa sau gabe Resilien‐
zga an ie“ sp echen.152 Wi inden abe eine ande e Seman ik o zugswü ‐
dig und schlagen o , on eine Rezip ozi ä on Schu ze wa ungen de
Pandemiebe o enen und einem Resilienz e sp echen de Regie enden zu
sp echen; danach – so Benno Zabel – „ma kie Resilienz ein Ve sp echen,
dessen eine e unsiche e, um nich zu sagen dys opische Gegenwa o en‐
ba beda : Behe schba kei de Gewisshei s e lus e, di e se Ängs e und
eines zunehmend dis up i en Wandels“153. Und genau ein solches Resilien‐
z e sp echen is de Sinn, wenn de Bundeskanzle de Bundes epublik
Deu schland in den Gesang de Fans des FC Li e pool eins imm .
Alle dings is – wie häu ig ode ga in de Regel – mi dem Ve sp echen
unausgesp ochen eine wiede um ezip oke E wa ung e bunden, nämlich
dass die Ve sp echensemp änge mi dem Ve sp echenden an einem S ang
ziehen, um den gemeinsam e wünsch en Resilienze olg zu e eichen, sei
es du ch die Be olgung de Maskenp lich , sei es du ch das Einspa en on
Ene gie.
Abe noch eine wei e e E wa ung schein mi den Resilienz e sp echen
de Regie enden zug unde zu liegen, nämlich die E wa ung ode besse
die Ho nung, dass die E ah ung de Pandemie so e was wie eine ge ühl e
Solida gemeinscha en s ehen lassen könn e; so e s ehen wi jeden alls
Bundesp äsiden F ank-Wal e S einmeie in seine schon zi ie en Rede
om 11. Ap il 2022.154
151 In: T ansi 2015, S. 7–23.
152 S ephan Rixen, Ve wal ungs ech de ulne ablen Gesellscha , in: VVDS RL 80
(2021), S. 38–67.
153 Benno Zabel, Rech und Resilienz. Eine K i ik, in: G.F. Schuppe /Ma in Repohl
(H sg.), Resilienz. Bei äge zu einem Schlüsselbeg i spä mode ne Gesellscha en,
Baden-Baden 2023, S. 27–54.
154 Zi ie bei G.F. Schuppe , Zu No ma i i ä on Expe enwissen in de Wissens‐
gesellscha , in: Schuppe /Römhild /Weinga (H sg.), He scha und Wissen, Ba‐
den-Baden 2022, S. 202.
C. Bed oh e O dnungen
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D. Zei enwenden
I. Beg i e mi hohem In la ions isiko: „K ise“ und „Zei enwende“ als
gegenwä ig besonde s aussich s eiche Kandida en
Fü die Ka ie e on Beg i en, ih en zum Teil kome enha en Au s ieg wie
auch ih häu ig zu beobach endes s e nschnuppena iges Ve glühen habe
ich mich sei jehe in e essie ; ich bekenne mich auch schuldig, in zwei
Fällen e such zu haben, die Ka ie e eines Beg i s zu be ö de n. De
e s e Ve such be i den Go e nancebeg i , den ich ü zukun s äch ig
hiel und dem ich ge ne auch in meine Heima disziplin – de Rech swis‐
senscha – meh Au me ksamkei wünsch e.155 Das mi selbs die unen ‐
innba e Popula i ä des Go e nancebeg i s bewuss wu de, zeig meine
kleine Sch i mi dem Ti el „Alles Go e nance ode was?“ aus dem Jah e
2011.156
De zwei e Beg i is de de Resilienz, dem inzwischen eben alls kaum
zu en gehen is . Mich in e essie e dabei nich nu die F age, wie esilien
sich das Konzep des Ve assungss aa es in „ha d imes“ e weis , sonde n
– die F ages ellung gene alisie end – wie esilien unse e poli ische Kul u
in Zei en a ek i e Pola isie ung is .157 Auße dem woll e ich meh da übe
he aus inden, wie, das heiß mi welchen Resilienzs a egien die on eine
Pandemie ode eine Ka as ophe Be o enen mi ih en do gemach en
E ah ungen umzugehen suchen.158
155 Meine „Go e nance-Ka ie e“ begann mi meine Be u ung an das Be line Wissen‐
scha szen um ü Sozial o schung (WZB), wo on de on mi he ausgegebene
Band „Go e nance-Fo schung“. Ve gewisse ung übe S and und En wicklungslini‐
en, Baden-Baden 2005, Zeugnis ableg .
156 Baden-Baden 2011.
157 Wie esilien is unse e Poli ische Kul u ?, in: DER STAAT 2021, S. 473–493.
158 G.F. Schuppe , Viel al und Funk ion on Resilienzs a egien. Ein Bei ag
zu psychologischen Dimension on Vulne abili ä se ah ungen, in: G.F. Schup‐
pe /Ma in Repohl (H sg.), Resilienz. Bei äge zu einem Schlüsselbeg i spä mo‐
de ne Gesellscha , Baden-Baden 2023, S. 55–74.
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Abe nun zu den beiden Kandida en selbs :
Was zunächs den K isenbeg i angeh , so is sein in la ionä e Ge‐
b auch unübe sehba 159. So heiß es bei Ansga Nünning, dass man „mi
Fug und Rech on eine K isenin la ion und eine K isengesellscha sp e‐
chen könne“.160 Deu schland schicke sich o enba sei ge aume Zei an,
„zum ino iziellen Tabellen üh e de wel wei en K isenliga zu a ancie en.
Nich nu die deu schen S aa s inanzen s ecken in eine ie en [...] K ise,
sonde n die K isen machen auch o dem eins igen S olz de Na ion nich
meh Hal , denn selbs de deu sche Fußball s eck sei einigen Jah en in
de K ise“161.
Wei e en Belege ü diesen In la ionsbe und beda es an diese S elle
nich .
Abe auch de Beg i de Zei enwende schick sich sei ih e Aus u ung
du ch Bundeskanzle Ola Scholz (dazu sogleich meh ) an, im Ranking
populä e Beg i e einen Spi zenpla z einzunehmen. Alle poli ischen S i ‐
ungen haben den Beg i so o au ih e Tageso dnung gese z und die
Diagnosen eine Zei enwende sowie die Ru e nach eine no wendigen
Poli ikwende nehmen s ändig zu. Dabei is de Beg i de Zei enwende
keineswegs neu; ich e weise hie au das eichhal ige Ma e ial, das in de
„Augsbu ge His o ischen Ring o lesung“ mi dem Ti el „Zei enwenden in
de Geschich e“ im Win e semes e 2022/23 ausgeb ei e wu de. An diese
S elle solle nu d ei de sieben Vo ags i el genann we den, au die wi
spä e noch zu ückkommen wollen:
•Ein neues Zei al e : P üde, gewal ä ig und omm. Eu opa wi d ch is ‐
lich (11. Jh.).
•„Te emo i di S a o“: Die Re olu ionen des 17. Jah hunde s als Zei en‐
wenden?
•24. Feb ua 2022: Übe Gegenwa und Geschich e de „Zei enwende“.
159 In einem soeben e schienenen Au sa z we den z.B. gleich d ei K isen iden i izie :
„Die K ise de Rep äsen a ion – Eine K ise de Gewal en eilung“; „Die K ise de
Gleichhei “ und „Die K ise allgemeine O dnungsbeg i e“, so Lino Muna e o, Das
Rech de Singula i ä en. Das Allgemeine und das Besonde e im Rech sdenken de
Mode ne, in: A chi des ö en lichen Rech s (AöR), 148. Band, Sep embe 2023,
S. 351–412.
160 Ansga Nünning, G undzüge eine Na a ologie de K ise: Wie aus eine Si ua ion
ein Plo und eine K ise (kons uie ) we den, in: Henning G unwald/Man ed
P is e (H sg.), K isis! K isenszena ien, Diagnosen und Disku ss a egien, München
2007, S. 48–71.
161 Ebenda, S. 53.
D. Zei enwenden
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Angesich s de Vielzahl de he schenden Beg i e – K isen, Re olu ionen,
Wandel und Bed ohung poli ische O dnungen, E dbeben on S aa lich‐
kei , Epochenwandel und Epochenschwellen – d äng es sich unse es E ‐
ach ens ge adezu au , eine gewisse O dnung in die Seman iken des Wandels
zu b ingen, um o diesem Hin e g und e was in o mie e übe den Be‐
g i de Zei enwende sp echen zu können.
II. Ein ku ze Blick au die gängigs en Seman iken des sozialen Wandels
Dass alles sich wandel und o enba schnelle denn je, diese Be und
is das, was man eine klassische Binsenweishei nennen da . Au de Su‐
che nach eine nich als Pla i üde dahe kommenden Fo mulie ung dieses
Sach e hal s sind wi au die olgenden, uns gu zu passen e scheinenden
Sä ze Wol gang Ho mann-Riems ges oßen:
„Die Gegenwa is du ch e hebliche echnologische, gesellscha liche,
wi scha liche, ökologische und ande e Ve ände ungen gep äg , die al‐
lem Anschein nach in as allen Be eichen e heblich schnelle e olgen
als de Wandel in ühe en Zei en. Diese Ve ände ungen e ö nen neue,
ühe ungeahn e Chancen de Lebensges al ung, sind abe auch mi
Risiken e bunden. Au die Wandlungsp ozesse und -e gebnisse eagie‐
en s aa liche und gesellscha liche Ak eu e nich zule z mi Hil e des
Rech s.“162
Nun könn e man in de Ta – mi einem Sei enblick au das on Ha ‐
mu Rosa analysie e Phänomen de Beschleunigung163 – e suchen, die
E scheinungs o men des sozialen Wandels nach ih em Ve ände ungs empo
zu o dnen – wo ü siche lich die asan e En wicklung de Kommunika i‐
ons echnologien ein geeigne e Kandida wä e. Hie soll hingegen nach
de un e schiedlichen Radikali ä , In ensi ä und Nachhal igkei sozialen
Wandels ge ag und e such we den, so eine Skalie ung p äsen ie en zu
können, die du ch die Eckpunk e de P adabhängigkei eine sei s164 und des
162 Wol gang Ho mann-Riem, Inno a ion und Rech . Rech und Inno a ion. Rech im
Ensemble seine Kon ex e, Tübingen 2016, S. 14.
163 Ha mu Rosa, Beschleunigung. Die Ve ände ung de Zei s uk u en in de Mode ‐
ne, 9. Au l. F ank u /M. 2012.
164 Siehe dazu Helmu Leipold, Zu P adabhängigkei de ins i u ionellen En wicklung.
E klä ungsansä ze des Wandels on O dnungen, in: Die e Cassal (H sg.), En s e‐
II. Ein ku ze Blick au die gängigs en Seman iken des sozialen Wandels
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1. Nich de Schlach enlä m is en scheidend, sonde n die Wah nehmung
neue Ho izon e184 und neue Deu ungsschema a185
Was wi dami meinen, komm in he o agende Weise in de nachs ehen‐
den Passage aus de Fede on Ch is ophe A. Bayly zum Ausd uck, in
de e un e de Übe sch i „Zei genossen denken übe die Wel k ise nach“
Folgendes no ie ha :
„Fü die Zei genossen zeig en sich die Auswi kungen de Re olu ionen
am deu lichs en im Be eich de Ideen. Sie e s anden schnell, dass die
D amen on 1776 und 1789 ideologische Konsequenzen on wel wei e
Bedeu ung ha en und nich bloß lokale Au s ände wa en. Hellsich ige
Denke e künde en, dass die Ame ikanische Re olu ion de Vo bo e
»eine Neuen O dnung de Zei al e « ü die gesam e Menschhei sei
[...]. F anzösische jakobinische Radikale p oklamie en spä e die epo‐
chale Bedeu ung de F anzösischen Re olu ion, als sie e such en, sie au
ganz Eu opa und da übe hinaus auszub ei en. Schwa ze Skla en in de
Ka ibik übe nahmen die Idee de Re olu ion, um ü ih e Emanzipa ion
zu kämp en. Die Ve kündung des G undsa zes »keine Bes eue ung ohne
Rep äsen a ion« und de »Menschen ech e« ha en eine auße o den li‐
che Wi kung. Nach mindes ens hunde Jah en philosophische Diskus‐
sion wi k de Inhal diese »Rech e« siche nich meh schockie end.
Beme kenswe wa jedoch, dass diese Rech ü »selbs e s ändlich«
und unabhängig gehal en wu den: Kein König, keine gö liche Au o i‐
ä und keine Reichsin e essen, keine assische ode eligiöse Ob igkei
konn en sie au heben.“186
Es is auch keineswegs so, dass es ü die Zue kennung des P ädika s
„Zei enwende“ e o de lich wa und is , dass sieg eiche Schlach en geschla‐
gen ode zumindes so e was wie die „Bas ille“ e s ü m wo den sind. So
ha Ch is ophe Cla k in seinem neues en Buch übe die „bü ge lichen“
184 Vgl. dazu Alb ech Koscho ke, Die Geschich e des Ho izon s, F ank u /M. 1990.
185 Zu Beg i und Funk ion on Deu ungsschema a siehe O o Ge ha d Oexle, Deu‐
ungsschema a de sozialen Wi klichkei im ühen und hohen Mi elal e . Ein
Bei ag zu Geschich e des Wissens, in: F an išek G aus (H sg.), Men ali ä en im
Mi elal e , Sigma ingen 1987, S. 65–117.
186 Ch is ophe A. Bayly, Die Gebu de mode nen Wel . Eine Globalgeschich e 1780–
1914, F ank u /New Yo k 2008 (S udienausgabe), S. 110/111.
D. Zei enwenden
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Re olu ionen on 1848187, die ielen His o ike n als geschei e gel en, oll‐
kommen zu Rech Folgendes zu bedenken gegeben:
„[...] sind die Re olu ionen on 1848 in Wi klichkei nich geschei e :
In ielen Lände n bewi k en sie einen zügigen und daue ha en kon‐
s i u ionellen Wandel; und das Eu opa nach 1848 wa und wu de ein
öllig ande e O . Man soll e sich diesen kon inen alen Au s and ehe
als Teilchenbeschleunige im Zen um des eu opäischen 19. Jah hunde s
o s ellen. Menschen, G uppie ungen und Ideen logen hinein, p all en
au einande , e schmolzen ode ze spli e en und a en in Fo men
neue Einhei en he o , de en Spu en sich du ch die kommenden Jah ‐
zehn e ziehen. Poli ische Bewegungen und Ideen, om Sozialismus und
demok a ischen Radikalismus bis hin zum Libe alismus, Na ionalismus,
Ko po a ismus und Konse a ismus, wu den in diese Kamme ge es e ;
und sie wu den allesam e ände , mi ie g ei enden Konsequenzen ü
die neue e Geschich e Eu opas.“188
Be o wi Ch is ophe Cla k wei e hin das Wo geben, nehmen wi diese
e s e Beobach ung zum Anlass, eine hil eiche Di e enzie ung des Zei en‐
wende-Beg i s einzu üh en.
2. Eine hil eiche Di e enzie ung des Zei enwende-Beg i s
In seinem lesenswe en Vo ag mi dem Ti el „Ein neues Zei al e : P üde,
gewal ä ig und omm. Eu opa wi d ch is lich (11. Jh.)“189 ha Ma in Kau ‐
hold o geschlagen, zwischen den Beg i en „Zei enwende“, „Zei geis “ und
„neue his o ische E scheinung“ wie olg zu di e enzie en:
„Un e Zei enwende wollen wi eine his o ische Phase e s ehen, in de
die bewäh en Handlungsmus e bei zen alen F agen de Gesellscha
zunehmend an Wi ksamkei e lie en. Sie we den wei e p ak izie , sie
e lie en abe an Ges al ungsk a . Ve schiedene Al e na i en we den e ‐
kennba , ohne dass schon kla wä e, welche neue P axis sich du chse zen
wi d.
187 Ch is ophe Cla k, F ühling de Re olu ion. Eu opa 1848/49 und de Kamp ü
eine neue Wel , München 2023.
188 Ebenda, S. 13.
189 Vo ag im Rahmen de „Augsbu ge His o ischen Ring o lesung“ zum Thema
„Zei enwenden in de Geschich e“ am 9. No embe 2022, Manusk ip assung.
III. Was eine Zei enwende wi klich ausmach
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Un e Zei geis wollen wi ein Wel e s ändnis und eine Hal ung e s e‐
hen, die in Konku enz und im Zusammenwi ken mi ande en S ömun‐
gen in de Lage is , die soziale Reali ä eine Gesellscha e kennba zu
p ägen, ohne dass diese P ägung ande e Reali ä en ausschließen muss.
Konku ie ende Wel e s ändnisse sind ielmeh zu e wa en.
Un e eine his o isch neuen E scheinung wollen wi in diesem Fall ein
Phänomen e s ehen, das als geis ige S ömung und soziale P axis eine
neue T äge schich e eich . Eine Hal ung, die zu o im a is ok a ischen
Milieu zuhause wa und die nun niede en Adel, eie Baue n, Handwe ‐
ke und S ad bewohne e ass , wä e dami ein Anzeichen eine neuen
Zei , und sie wä e dami Ausd uck eine Zei enwende.“190
Wi inden diese Di e enzie ung inso e n hil eich, als sie – zusä zlich zum
Zäsu cha ak e de Zei enwende – zwei bedenkenswe e Gesich spunk e
hinzu üg , nämlich die „Beglei musik“ des Zei geis s und den zen alen
Aspek de T äge scha eine sozialen K a , welche dem Zei geis , den
neuen Ideen und den neuen Deu ungsschema a zum Du chb uch e hil .
Die F age nach de Wi kmäch igkei des jeweiligen Zei geis s zwing uns
zu de Übe legung, we diesen Zei geis en s ehen läss und a ikulie , wo
also – um einen Beg i on Udo Di Fabio zu e wenden – die maßgebli‐
chen „kommunika i en P äge äume“191 zu e o en sind, im Be eich de
Am smach ode im Be eich de inno a i en in ellek uellen S ichwo gebe .
Dami sind wi schon un e sehens bei de T äge scha eine neuen sozia‐
len Bewegung, eine Re olu ion ode eben eine Zei enwende angelang .
Mi eine e was ungewohn en T äge scha wa e Kau hold selbs au ,
nämlich mi den sich a ikulie enden „F ommen“, die sich mi ih e igiden
Mo al gegen das si enlose Es ablishmen de Ki che au lehnen. Ande e
his o ische Beispiele sind die Au klä ung als eines P ojek s in ellek uelle
Eli en ode die „bü ge lichen“ Re olu ionen on 1848/49, wie sie ge ade
on Ch is ophe Cla k analysie wo den sind.
190 Ebenda, S. 3/4.
191 Udo Di Fabio, He scha und Gesellscha , Tübingen 2018, S. 113 .
D. Zei enwenden
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3. Zei enwende – Wah nehmungen wollen kommunizie we den: zu
zen alen Rolle on K isen-, Bed ohungs- und Wendezei na a i en
Als S a schuss können uns auch hie wiede einige Beme kungen on
Ch is ophe Cla k dienen: „Eu opäe haben, wie alle Menschen, das Be‐
dü nis sich mi zu eilen, und dieses Bedü nis ha sich in keine Re olu ion
so s a k wie 1848 geäuße [...]. In o ma ionen ku sie en – ganz ähnlich
wie heu e – in einem Nebel aus Ge üch en und Falschmeldungen, und
die Angs ließ die Be ölke ung au bes imm e S immen und Ideen hö en,
wäh end sie ih e Oh en ü ande e e schloss.“192
Da an möch en wi ge ne anknüp en, weil nich zule z die Beschä i‐
gung mi den K isen-, Bed ohungs- und Zei enwende-E ah ungen bei mi
die Übe zeugung e s ä k ha , dass es sich beim Menschen um eine kom‐
munika ionsbedü ige Spezies handel . Wie wi an ande e S elle nähe da ‐
geleg haben193, handel es sich beim o ien ie ungsbedü igen Menschen
à la A nold Gehlen, dem ane kennungsbedü igen Menschen à la Axel
Honne h, dem esonanzbedü igen Menschen à la Ha mu Rosa und –
schließlich – dem gemeinscha sbedü igen Menschen à la Cha les Taylo
allesam um kommunika ionsbedü ige Menschen, denn Ane kennungs e ‐
häl nisse, Resonanz e häl nisse und Gemeinscha s e häl nisse unk ionie‐
en nu du ch kommunika i en Aus ausch. Kommunika i e Aus ausch
abe wiede um unk ionie am bes en, wenn die Zei genossen – seien es
eine K ise, eine bed oh en O dnung ode eine Zei enwende – einande
Geschich en e zählen, um die komplexe Wi klichkei sinns i end zu o dnen
und ü sich e a bei ba zu machen.
Dies wi d dem Menschen dadu ch wesen lich e leich e , dass sein Ge‐
hi n – wie F i z B ei haup in einem kü zlich e schienenen, Neu o- und
Li e a u wissenscha e bindenden Buch da geleg ha 194 – eine na a i e
S uk u au weis . Deswegen mach es auch Sinn, om Menschen als „S o y‐
elling Animals“ zu sp echen und den uns allen e au en „homo oeconomi‐
cus“ du ch den „homo na ans“ zu e se zen, wie dies Sami a El Quassil und
F iedemann Ka ig in ih em Buch übe das Thema „Wie Geschich en un‐
192 Cla k, ebenda, S. 25.
193 Übe Menschenbilde . Wie sie unse Denken und Handeln bes immen, Baden-Ba‐
den, Dezembe 2023.
194 F i h B ei haup , Das na a i e Gehi n. Was unse e Neu onen e zählen, Be lin
2022.
III. Was eine Zei enwende wi klich ausmach
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se Leben bes immen“195 o geschlagen haben; ih en Vo schlag e läu e nd
heiß es bei ihnen wie olg :
„Jedes Wachs um is ein Ve such, O dnung in ein chao isches Uni e sum
zu b ingen. Geschich en sind eine Mani es a ion dieses P ozesses. Wenn
wi In o ma ionen e hal en, bau unse Gehi n au oma isch Geschich‐
en, um den emp angenen Inhal en einen Sinn zu geben. Dass und wie
wi sie e zählen, is sel en eine indi iduell bewuss en Wahl und auch
nich eine kollek i en k ea i en E indungsgabe geschulde . Wi ep o‐
duzie en in ihnen nu eine g undsä zlich du ch neu onale S uk u en e ‐
möglich e Wel sich . Wi en decken übe all Geschich en, weil wi übe all
welche inden wollen beziehungsweise inden müssen, selbs wenn es
sich um abs ak e Fo men handel . Unse Gehi n such nich nu nach
Geschich en – es is egel ech süch ig nach ihnen“.196
Wi we den da au in dem abschließenden Abschni übe „Resilienz“ noch
einmal zu ückkommen.
IV. Be eichsspezi ische Zei enwenden: ie Beispiele
Schon ein lüch ige Blick au die bundes epublikanische Disku slandscha
zeig , dass wi es nich mi eine , sonde n mi meh e en Zei enwenden
zu un haben. Die e schiedenen „Fälle“ we den in un e schiedlichen
Kommunika ionsa enen197 e handel , mi un e schiedlichen Ak eu en und
un e schiedlichen Expe en; was die Expe en angeh , so is die zugleich
als Eingangs all zu p äsen ie ende siche hei spoli ische Zei enwende da ü
ein ins uk i es Beispiel: in de medialen P äsenz haben im Ruhes and
be indliche Gene äle den Vi ologen längs den Rang abgelau en198. Siche ‐
hei spoli ische Expe ise is ge ag wie nie, wo on die bei de S i ung
Wissenscha und Poli ik ä ige Poli ikwissenscha le in Claudia Majo so‐
wie Ca lo Ma sala on de Uni e si ä de Bundesweh München Zeugnis
195 Sami a El Quassil/F iedemann Ka ig, E zählende A en. My hen, Lügen, U opien.
Wie Geschich en unse Leben bes immen, Be lin 2021.
196 Ebenda, S. 90.
197 Zu Beg i und Funk ion on Kommunika ionsa enen siehe G.F. Schuppe , He ‐
scha du ch und als Kommunika ion, in: de selbe, Übe He scha , Tübingen
2023, S. 199 .
198 So zu e end Ewald F ie/Mischa Meie , Einlei ung, in: dieselben/Dennis Schmid
(H sg.), Bed oh sein, Tübingen 2023, S. 6.
D. Zei enwenden
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ablegen, wobei de Le z e e soeben das Buch „Beding abweh be ei –
Deu schland Schwäche in de Zei enwende“199 o geleg ha . Abe nun zu
unse em e s en Fall.
1. Die siche hei spoli ische Zei enwende
Als Aus u e de siche hei spoli ischen Zei enwende ungie e Bundeskanz‐
le Ola Scholz in seine Regie ungse klä ung in de Sonde si zung zum
K ieg gegen die Uk aine o dem Deu schen Bundes ag am 27. Feb ua
2022 in Be lin, also d ei Tage nach dem mili ä ischen Übe all au die
Uk aine am 24. Feb ua 2022; in de olgenden nachs ehenden Passage
geh es uns da um, die diesbezügliche Zei enwende-Rhe o ik des Bundes‐
kanzle s im O iginal on au uns wi ken zu lassen:200
„De 24. Feb ua 2022 ma kie eine Zei enwende in de Geschich e
unse es Kon inen s. Mi dem Übe all au die Uk aine ha de ussische
P äsiden Pu in kal blü ig einen Ang i sk ieg om Zaun geb ochen –
aus einem einzigen G und: Die F eihei de Uk aine innen und Uk ai‐
ne s ell sein eigenes Un e d ückungs egime in age. Das is menschen‐
e ach end. Das is ölke ech swid ig. Das is du ch nich s und nie‐
manden zu ech e igen. Die sch ecklichen Bilde aus Kiew, Cha kiw,
Odessa und Ma iupol zeigen die ganze Sk upellosigkei Pu ins. Die
himmelsch eiende Unge ech igkei , de Schme z de Uk aine innen und
Uk aine , sie gehen uns allen seh nahe.
Ich weiß genau, welche F agen sich die Bü ge innen und Bü ge in die‐
sen Tagen abends am Küchen isch s ellen, welche So gen sie um eiben
angesich s de u ch ba en Nach ich en aus dem K ieg. Viele on uns
haben noch die E zählungen unse e El e n ode G oßel e n im Oh
om K ieg, und ü die Jünge en is es kaum assba : K ieg in Eu opa.
Viele on ihnen e leihen ih em En se zen Ausd uck – übe all im Land,
auch hie in Be lin.
Wi e leben eine Zei enwende. Und das bedeu e : Die Wel danach is
nich meh dieselbe wie die Wel da o . Im Ke n geh es um die F age,
ob Mach das Rech b echen da , ob wi es Pu in ges a en, die Uh en
zu ückzud ehen in die Zei de G oßmäch e des 19. Jah hunde s, ode
ob wi die K a au b ingen, K iegs eibe n wie Pu in G enzen zu se zen.
199 München 2023.
200 Die ku si en He o hebungen sind on mi (G.F.S.).
IV. Be eichsspezi ische Zei enwenden: ie Beispiele
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Das se z eigene S ä ke o aus.
[...]
Mi dem Übe all au die Uk aine will Pu in nich nu ein unabhängiges
Land on de Wel ka e ilgen. E ze ümme die eu opäische Siche ‐
hei so dnung, wie sie sei de Schlussak e on Helsinki as ein halbes
Jah hunde Bes and ha e. E s ell sich auch ins Absei s de gesam en
in e na ionalen S aa engemeinscha .
[...]
Am Donne s ag ha P äsiden Pu in mi seinem Übe all au die Uk aine
eine neue Reali ä gescha en. Diese neue Reali ä e o de eine kla e
An wo . Wi haben sie gegeben: Wie Sie wissen, haben wi ges e n
en schieden, dass Deu schland de Uk aine Wa en zu Ve eidigung
des Landes lie e n wi d.Au Pu ins Agg ession konn e es keine ande e
An wo geben.
[...]
Die Zei enwende i nich nu unse Land; sie i ganz Eu opa.
Und auch da in s ecken He aus o de ung und Chance zugleich. Die He‐
aus o de ung bes eh da in, die Sou e äni ä de Eu opäischen Union
nachhal ig und daue ha zu s ä ken. Die Chance lieg da in, dass wi
die Geschlossenhei wah en, die wi in den le z en Tagen un e Beweis
ges ell haben, S ichwo „Sank ionspake “. Fü Deu schland und ü alle
ande en Mi gliedslände de EU heiß das, nich bloß zu agen, was man
ü das eigene Land in B üssel he ausholen kann, sonde n zu agen:
Was is die bes e En scheidung ü die Union?“
Zwei Dinge e scheinen mi zu diese om Bundeskanzle Scholz besch ie‐
benen siche hei spoli ischen Zei enwende201 e gänzend on Bedeu ung zu
sein:
Denn das Ge ühl de mi de ussischen Agg ession e bundenen Zei‐
enwende – „Wi sind“ – so die Außenminis e in Annalena Bae bock
– „heu e in eine ande en Wel au gewach “ – e o de e nich nu ein
Umdenken im siche hei spoli ischen Be eich, sonde n bedeu e e zugleich
den Zusammenb uch de bishe on de Bundes epublik p ak izie en, bis
au Willi B and und Egon Bah zu ückgehenden En spannungspoli ik in
Ges al eines „Wandels du ch Annähe ung“. Diese ielleich auch e was we‐
201 Um Siche hei spoli ik als Bes and eil In e na ionale Beziehungen ging es auch in
dem schon zi ie en Buch on We ne Schi me , Bed ohungskommunika ion. Eine
gesellscha s heo e ische S udie zu Siche hei und Unsiche hei , Wiesbaden 2008.
D. Zei enwenden
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nige g oß o ma ige außenpoli ische Wende wa das Thema des His o ike s
Die ma Süß, de in seine Vo lesung „24. Feb ua 2022. Übe Gegenwa
und Geschich e de Zei enwende“202, dazu esümie end Folgendes anme k‐
e:
„De Ve such des Dialogs mi Russland gehö e zu außenpoli ischen
DNA auch de neuen Be line Republik, die diesen Ku s mi e hebliche
Ene gie und inanziellen Mi eln o cie e und imme wiede bei den
wes eu opäischen und ame ikanischen Pa ne n ü Ve s ändnis gegen‐
übe ussischen Siche hei sin e essen wa b, insbesonde e bei den Plänen
ü die NATO-Os e wei e ung. Ökonomische Mo i e spiel en dabei kei‐
ne Rolle, angesich s de e ände en Lage Deu schlands in Eu opa abe
siche auch s a egische; dazu ein gewandel es his o isches Bewuss sein,
in dem die al en an ikommunis ischen Re lexe mi einem geschä en e ‐
gangenhei spoli ischen Blick au die deu schen Massen e b echen kon‐
ku ie en. Die Uk aine als eigens ändige Na ion e schien da insgesam
ehe eine d i angige F age zu sein, die die ohnehin agile Si ua ion
Os mi eleu opas noch zusä zlich belas e e.“203
Abe noch ein zwei e Gesich spunk schein mi wich ig zu sein. Zu Rech
bezeichne e Scholz in seine Regie ungse klä ung die on ihm besch iebe‐
ne Zei enwende nich nu als He aus o de ung, sonde n auch als Chance,
o allem im Hinblick au eine in ih e Reak ion geein e Eu opäische
Union. Denn es geh – wie gleich noch nähe auszu üh en sein wi d –
bei eine Zei enwende als Zäsu imme auch um die F age, wie es nach
diese Zäsu wei e gehen soll: soll de Zukun in esigna i e E gebenhei
begegne we den, soll die Wende mi de Rückkeh zu adminis a i en
No mali ä als beende gel en ode geh es um das, was wi zum Abschluss
unse es Bei ages un e dem S ichwo des „ e-o de ing“ behandeln wollen.
Im Folgenden sollen noch d ei wei e e Wenden angesp ochen we den,
abe aus Pla zg ünden nu in s ichwo a ige Fo m.
202 Vo ag om 8. Feb ua 2023 im Rahmen de Augsbu ge Ring o lesung „Zei en‐
wenden in de Geschich e“.
203 Ebenda, Manusk ip S. 11.
IV. Be eichsspezi ische Zei enwenden: ie Beispiele
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2. Die sog. Ene giewende
We sich übe den gesellscha lichen und ökonomischen Kon ex in o mie‐
en will, de kann au den beeind uckend um ang-, ma e ial- und kenn nis‐
eichen diesbezüglichen WIKIPEDIA-A ikel e wiesen we den204, in dem
es zu diese „zen alen He aus o de ung des 21. Jah hunde s“205 e läu e nd
wie olg heiß :
„Ene giewende is de deu schsp achige Beg i ü den Übe gang on
eine nich -nachhal igen Nu zung ossile Ene gie äge und de Ke n‐
ene gie zu eine nachhal igen Ene gie e so gung mi els e neue ba e
Ene gien. De Beg i wu de nach dem 1980 e schienenen Buch Ene ‐
giewende – Wachs um und Wohls and ohne E döl und U an des Öko-
Ins i u s kul u ell ezipie und eilweise als Lehnwo in ande e Sp a‐
chen übe nommen (beispielsweise „The Ge man Ene giewende“ ode „A
Ene giewende alemã“).
Ziel de Ene giewende is , die on de kon en ionellen Ene giewi scha
e u sach en ökologischen, gesellscha lichen und gesundhei lichen P o‐
bleme zu minimie en und die dabei an allenden, bishe im Ene giema k
kaum eingep eis en, ex e nen Kos en olls ändig zu in e nalisie en. An‐
gesich s de maßgeblich om Menschen e u sach en Globalen E wä ‐
mung is heu zu age besonde s die Deka bonisie ung de Ene giewi ‐
scha du ch Beendigung de Nu zung on ossilen Ene gie äge n wie
E döl, Kohle und E dgas on Bedeu ung. Ebenso s ellen die Endlich‐
kei ossile Ene gie äge sowie die Ge ah en de Ke nene gie wich ige
G ünde ü die Ene giewende da . Die Lösung des globalen Ene giep o‐
blems gil als zen ale He aus o de ung des 21. Jah hunde s.“206
Da es zu En s ehung eines Bewuss seins ü die No wendigkei eines Wan‐
dels on de Quali ä eine Zei enwende imme bes imm e „ igge ing
o ces“ beda (dazu sogleich meh ), sei hie zunächs au das Schocke leb‐
nis de sog. e s en Ölk ise on 1973 e inne , au den – wenn de Ve asse
204 Abge u en am 10. Ok obe 2023.
205 Philippe Poizo /F anck Dolhem, Clean ene gy new deal o a sus ainable wo d:
om non-CO2 gene a ing ene gy sou ces o g eene elec ochemical s o age
de ices, in: Ene gy and En i onmen al Science, Bd. 4, 2011, 2003–2019, S. 2003, doi:
10.1039/c0ee00731e sowie Nicola A ma oli/Vincenzo Balzani, The Fu u e o Ene gy
Supply: Challenges and Oppo uni ies, in: Angewand e Chemie In e na ional Edi‐
ion, Bd. 46, 2007, S. 52–66, S. 52, doi: 10.1002/anie.200602373.
206 Ebenda, S. 1.
D. Zei enwenden
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dieses Bei ages sich ech e inne – mi de Ein üh ung on au o eien
Sonn agen eagie wu de; zu den Mo i en ü diesen sei dahe einse zen‐
den T ans o ma ionsp ozess soll noch einmal hie die Zusammen assung
on WIKIPEDIA zi ie we den:
„Hin e g und und Mo i a ion de Ene giewende sind die imme s ä ke
zu Tage e enden ökologischen und sozialen P obleme, die mi de
Nu zung ossile und nuklea e Ene gie äge einhe gehen. Mi dem
Ene giekonsum du ch Indus ie und End e b auche sind eine Reihe
on nega i en Beglei e ek en e bunden, de en Folgen sei den 1970e
Jah en imme s ä ke ins gesellscha liche und poli ische Bewuss sein
ück en. Hie zu zählen u. a. de Auss oß des T eibhausgases Kohlen‐
s o dioxid, die Ve schmu zung on Lu , Land und Wasse , die P oduk‐
ion adioak i en Ab alls, geopoli ische Kon lik e um Ressou cen, die
Ve knappung on Ene gie äge n und s eigende Nah ungsmi elp eise.
Wei e e wich ige G ünde ü den Ums ieg au eine egene a i e Ene gie‐
e so gung sind die Siche s ellung de (lang is igen) Ene giesiche hei ,
die Gesundhei sge ah en du ch die Ve b ennung ossile Ene gie äge
sowie sozioökonomische Aspek e wie z. B. die Demok a isie ung de
Ene gie e so gung, de Ausbau de Bü ge be eiligung sowie die Scha ‐
ung on A bei splä zen.“
3. Die Wende in de Asylpoli ik
Die Diskussion da übe , ob es eine Wende in de Asylpoli ik geben und o
allem da übe , wie adikal sie aus allen müss e, wa zum Zei punk diese
Zeilen (27.10.2023) in ollem Gange. De Zei ung konn e ich en nehmen,
dass ges e n, also am 26.10.2023 im Kabine ein Gese zespake beschlossen
wu de, das die Abschiebung on Pe sonen ohne Au en hal sgenehmigung
e heblich e leich e n soll e. Angekündig wu de ein wei e es Gese z, das die
In eg a ion on in Deu schland lebenden Pe sonen mi Au en hal sbe ech‐
igung und on Asylbewe be n in den A bei sma k be ö de n soll. Unkla
wa zu diesem Zei punk , welche Maßnahme e g i en we den soll en, um
be ei s die illegale Zuwande ung als solche e ek i zu beg enzen.
Es sp ich – so meine je zige P ognose – alles da ü , dass eine g undsä z‐
liche Wende in de Asylpoli ik zu e wa en is . Allzu eindeu ig wa en die
S immen e lus e de Pa eien de sog. Ampelkoali ion bei den Land ags‐
wahlen in Baye n und Hessen am 8. Ok obe 2023 und allzu eindeu ig wa
IV. Be eichsspezi ische Zei enwenden: ie Beispiele
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Abe nun zu den T igge punk en d ei und ie , die uns besonde s
in e essie en, weil sie die Gesellscha de Empö en besonde s in ensi
zu angie en scheinen. Beginnen wollen wi mi dem T igge punk de
En g enzungsbe ü ch ungen.
Ein ins uk i es Beispiel da ü , was mi En g enzungsbe ü ch ungen ge‐
mein is , is nach den E ah ungen on Mau e al. mi den A gumen a‐
ionsmus e n in den on ihnen gebilde en Disku sg uppen „die e mein ‐
lich unscheinba e Fo de ung [...] nach sepa a en Schwimmzei en ü T ans‐
menschen“225 in kommunalen Badeans al en. „Gegens and de En g en‐
zungsbe ü ch ung is hie eine wah genommene In la ion de Ansp üche.
Au eine e üll e Fo de ung de Außensei e g uppen olg so o die nächs‐
e, man gib den kleinen Finge und e lie die ganze Hand.“226
Die Funk ionslogik diese A gumen a ion lieg au de Hand: „Was
komm dann als Nächs es?, wo kommen wi da hin?“ Mau e al. bezeichnen
dieses A gumen zu e end als Dammb ucha gumen mi dem die Be ü ch‐
ung au den Punk geb ach wi d, die Kon olle übe die Rich ung de
gesellscha lichen En wicklung zu e lie en.
Uns e inne diese A gumen a ion an die S uk u bes imm e Vo u eile.
Juliane Degene ha in ih em aszinie enden Buch mi dem e enden Ti el
„Vo u eile haben nu die ande en“227 e schiedene So en on Vo u eilen
ausgemach ; die wohl am meis en e b ei e e A on Vo u eilen, die sie
als „mode ne Vo u eile“ bezeichne , weisen genau dieselbe S uk u au
wie die En g enzungsbe ü ch ungen, die Mau, Lux und Wes heuse im
Auge haben: „Ich habe nich s gegen die, abe ...“228. Ein ypische Sa z
wü de e wa lau en: „Ich habe nich s gegen Schwule, abe dass sie ih e
Homosexuali ä au o ene S aße ausleben, das geh zu wei “.
Jede on uns mag sich zahl eiche Passan en in eine beliebigen Ein‐
kau ss aße in eine beliebigen S ad o s ellen, die genau nach diesem
Mus e a gumen ie en wü den.
De ie e Typ de T igge punk e bezieh sich au Ve hal enszumu un‐
gen: „De Skandal, den T igge dynamiken de ie en A aus laggen,
is , dass ande e einem o sch eiben, wie man zu leben ha . »Au einmal
muss man ...« und »Man da nich meh ...« sind die Re ains de de ‐
225 Ebenda, S. 261.
226 Ebenda, S. 260.
227 Be lin 2022.
228 Nähe dazu ebenda, S. 20 .
D. Zei enwenden
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a ge igge en.“229 Diese A de A gumen a ion mi eine „ge ühl en Be‐
o mundung“ komm einem wohl e au o ; so be i el e de bay ische
Minis e p äsiden Ma kus Söde im ge ade e s zu ückliegenden Land ags‐
wahlkamp die G ünen lus oll als Ve bo spa ei, die nich s ande es im
Sinne habe, als die Bü ge zu be o munden ode sie ga ume ziehen zu
wollen, nämlich on F eunden des Lebe käses zu Vege a ie n.
Mag man dies noch als wahlkamp ypischen Populismus ab un, so is
ein wei e es A gumen a ionsmus e ungleich e ns e zu nehmen, nämlich
dass »man heu zu age nich s meh sagen da «. Mau e al. haben zu diesem
Punk die olgenden in e essan en Da en e hoben:
„»Heu zu age da man nich s K i isches meh übe Mig an en ode Ho‐
mosexuelle sagen, ohne gleich als in ole an beschimp zu we den«, lau‐
e e do ein F age-i em. Rund 70 P ozen de Einkommensschwächs en,
de P oduk ionsa bei e und de Be ag en mi maximal Haup schulab‐
schluss s immen dem zu, abe nu und 50 P ozen de Einkommens‐
s ä ks en und de soziokul u ellen Expe innen und nu 45 P ozen de
Akademike innen. Es gib beim G ad de ge ühl en Zumu ung du ch
neue Sp achkon en ionen ein nich zu igno ie endes Ge älle zwischen
Oben und Un en.“230
Und noch ein wei e e Be und schein uns mi eilenswe zu sein, weil mi
ihm eine B ücke zu den oben angesp ochenen Vo u eilen geschlagen wi d:
„T igge beziehen ih e poli isie e Ene gie häu ig aus diese la en en
Gleichzei igkei on Inhal und Chi e, gesundem Menschen e s and
und poli ische Posi ionie ung, im Zuge de e auch ehe klein lächige
Phänomene wie Duschkabineno dnungen, die Pla zie ung on Wind‐
k a anlagen und Sozialbe ug als Pa s p o To o allgemeine We kon‐
lik e au geg i en we den. Hin e g und is dabei o eine A doppel e
Boden des sozial Sagba en in Gesellscha en mi libe alen Codes. De
p i a e Common Sense (mi sam all seinen Vo u eilen) »weiß« meh ,
als de au Hö lichkei und polie e Kommunika ion bedach e ö en liche
Disku s auszusp echen e laub .“231
229 Mau e al., S. 265.
230 A.a.O., S. 271/272.
231 Ebenda, S. 274/275.
V.Was das Ge ühl bewi k , es müsse sich e was g undlegend ände n
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3. Vom Demok a ie- und Populismusba ome e zum Ge ühls he mome e
Eine bei Poli ikwissenscha le n belieb e Tä igkei bes eh da in, die Qua‐
li ä on Demok a ie zu messen.232 Eines diese Messins umen e is das
on Daniel Bochsle und Wol gang Me kel en wickel e Demok a ieba ome‐
e 233 in das K i e ien wie Rech ss aa lichkei , T anspa enz, Pa izipa ion,
poli ische We bewe b, Gewal enkon olle und die Fähigkei , demok a i‐
sche En scheidungen umzuse zen, ein ließen. O enba aus F eude am Ba‐
ome e als Messme hode haben Robe Veh kamp und Wol gang Me kel
auch ein Populismusba ome e en wickel , mi dem populis ische Eins el‐
lungen bei Wähle n und Nich wähle n in Deu schland gemessen we den
können.234
Da es jedoch bei S e en Mau, Thomas Lux und Linus Wes heuse um
Kon ex e und Fo men a ek i e Pola isie ung geh , um Ge ühlslagen also,
bedu e es eines ande en Messins umen s, das unse e Re e enzau o en
in dem on ihnen so genann en Ge ühls he mome e ge unden haben, mi
dem sie gewisse maßen den Hi zeg ad des jeweiligen Diskussions eldes
messen können. Um eine gewisse Be iebs empe a u zu e zeugen, wu den
den Um age eilnehme n ausgewähl e Sozial igu en p äsen ie , die nich
als Real igu en gemein sind, sonde n als „Chi en gesellscha spoli ische
Posi ionie ungen“. Angesich s diese Sozial igu en soll en die Teilnehme
de Um age au einem Ge ühls he mome e mi eine Skala on 0 bis 10
angeben, ob sie diese (ehe ) unsympa hisch ode (ehe ) sympa hisch in‐
den. Zu den p äsen ie en Figu en gehö en z.B.:
• Langzei a bei slose und Konze nlobbyis en
• Mig an en aus dem a abischen Raum und Mig a ionsgegne
•Pe son, die ih biologisches Geschlech geände ha und übe zeug e
Feminis in
• SUV-Fah e und F idays- o -Fu u e Ak i is en sowie
• A D- und G ünen-Anhänge .
232 Siehe dazu den Übe blicksa ikel „Demok a iemessung“ bei WIKIPEDIA, abge u‐
en am 27.10.2023.
233 Ma c Bühlmann/Wol gang Me kel/Be nha d Weßels/Lisa Mülle , The Quali y o
Democ acy. Democ acy Ba ome e o Es ablished Democ acies, Wo king Pape
10a, Zü ich, 2008, Na ional Cen e o Compe ence in Resea ch Democ acy o he
Swiss Na ional Science Founda ion.
234 Populismusba ome e 2018, Wissenscha szen um Be lin ü Sozial o schung/Be ‐
elsmann-S i ung, Execu i e Summa y, 2019.
D. Zei enwenden
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Mi dem nachs ehenden Resümmee unse e Re e enzau o en soll unse
Abschni übe Zei enwenden denn auch seinen Abschluss inden:
„Au ällig an diese Au schlüsselung de g uppenbezogenen Emo ionen
is , dass insbesonde e solche Sozial igu en pola isie en, die ü p og es‐
si e Posi ionen s ehen: sei es, dass sie sich ak i ü eine Poli ik des
Wandels einse zen (so de »F idays- o -Fu u e-Ak i is « und de »G ü‐
nen-Anhänge «), sei es, weil sie den zen alen Bezugspunk eine solchen
Poli ik bilden (de »a abische Einwande e « und die T anspe son). Zu‐
dem schnell das Ge ühlsba ome e o allem in jenen A enen hoch,
die du ch dynamischen Wandel und das Fehlen e ablie e Be iedungs‐
o meln gekennzeichne sind. In Phasen de Ve ände ung schein das
Neue besonde s zu p o ozie en und zu pola isie en. Diejenigen, die den
Wandel beg üßen, un e scheiden sich jeden alls nich nu hinsich lich
ih e Eins ellungen on den B emse n, auch ih e A ek e gegenübe
wich igen G uppen de T ans o ma ion sind deu lich. Umgekeh geh
es beim Ressen imen gegenübe Pe soni ika ionen des Wandels auch
imme um die Ablehnung de du ch sie ep äsen ie en We e. Es sind
nich die Ande en ganz allgemein, die nega i e Ge ühle mobilisie en, es
sind die »mo alisch Ande en«. Die e kennba s a ken Reak ionen au
diese Sozial igu en we den auch in de medialen Be ich e s a ung und
on poli ischen Ak eu en genu z , um den Disku s zu emo ionalisie en
und zu en sachlichen. Wenn e wa die F idays- o -Fu u e-Bewegung als
»Sek e de An i-Demok a en« bezeichne wi d, wenn Klimaak i is en
als »Te o is en« e sch ien we den ode in Bezug au T anspe sonen
on eine »T anssexuellen-Lobby« die Rede is , we den lau e Töne au
de a ek i en Kla ia u angeschlagen, ü die bes imm e ideologisch o ‐
sozialisie e Be ölke ungs eile besonde s emp änglich sind. Menschen
und Disku se we den au diese Weise ge igge ; die a enenspezi ische
Pola isie ung und die Wah scheinlichkei eine wei e en Au schaukelung
des Kon lik s wächs .“235
235 Ebenda, S. 329/330.
V.Was das Ge ühl bewi k , es müsse sich e was g undlegend ände n
83
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E. Resilienz
Wi haben nich die Absich , das g oße Thema de Resilienz hie g und‐
sä zlich au zu ollen und möglichs alle Aspek e dieses Schlüsselbeg i s
spä mode ne Gesellscha en auszuleuch en, zumal wi uns zu diesem The‐
ma wiede hol geäuße haben.236 Vielmeh wollen wi uns au d ei Be ei‐
che dieses wei en Feldes besch änken, und zwa au solche, die in unse en
hie p äsen ie en Übe legungen eilweise schon besch i en wo den sind.
Die e s e F age, die wi ansp echen wollen, is die olgende:
I. Um wessen Resilienz geh es eigen lich?
Wenn ich ech sehe, kommen insowei d ei mögliche An wo en in Be‐
ach :
•Einmal geh es um die Resilienz on Be o enen, sei es on indi iduellen
Gesellscha smi gliede n, sei es on G uppen on Be o enen wie z.B.
– exempla isch sei hie die Co ona-K ise in E inne ung ge u en – on
Kinde n, die nich in die Schule gehen können ode on ges ess en
Mü e n, die mi ih e Rolle als K isenmanage in meh als ausgelas e
wa en. Dies is hie abe nich unse Thema.
•Zwei ens geh es um die Resilienz on ges ess en, e schöp en ode ge‐
eiz en Gesellscha en, die in olge de medialen Kon on a ion mi den
soeben aus üh lich behandel en T igge punk en in eine gewisse kollek i‐
e Ge ühlslage ge a en, die sie an ällig mach ü populis ische Si enen‐
gesänge und Ve schwö ungs heo ien, die eine wich ige sozialpsychologi‐
sche Funk ion e üllen.237 Abe auch dies soll hie nich e ie we den.
236 Siehe meine Bei äge „Wie esilien is unse e »Poli ische Kul u «, in: DER STAAT
60 (2021), S. 473–493 sowie „Viel al und Funk ion on Resilienzs a egien. Ein
Bei ag zu psychologischen Dimension on Vulne abili ä se ah ungen“, in: G.F.
Schuppe /Ma in Repohl (H sg.), Resilienz. Bei äge zu einem Schlüsselbeg i
spä mode ne Gesellscha en, Baden-Baden 2023, S. 55–73.
237 Siehe dazu Lau a Luise Hammel, Ve schwö ungsglaube, Populismus und P o es ,
in: Poli ikum He 3/2017, S. 36 ; Michael Bu e , „Nich s is , wie es schein “. Übe
Ve schwö ungs heo ien, 4. Au l. Be lin 2020, S. 104 .
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•D i ens gib es – und hie können wi anknüp en an den Themenkom‐
plex „Bed oh e O dnungen“ – um die bishe allzu seh e nachlässig e
Sys em esilienz.238 Wie wi alle in de le z en Zei e ah en muss en,
be uh die Funk ions ähigkei unse e poli ischen O dnung ganz zen‐
al au de Resilienz on Teilsys emen, de en Funk ionie en wi bishe
ü selbs e s ändlich gehal en haben: gemein sind hie das Gesund‐
hei ssys em, das Sozialleis ungssys em, die Gewäh leis ung unk ions ä‐
hige Finanzmä k e (àFinanzma k s abilisie ungsgese ze), die Funk i‐
ons ähigkei de Ene gie e so gung und le z lich – so de Bundeskanzle
in dem oben zi ie en In e iew – die Funk ions ähigkei unse es Ge‐
meinwesens. Man sp ich deshalb auch on „k i ischen In as uk u en“,
die dahe auch on Russland im K ieg gegen die Uk aine geziel ange‐
g i en wu den. Wie wich ig unk ionie ende Teilsys eme und k i ische
In as uk u en sind, kann man auch da aus e sehen, dass als eines de
ak uell d ingends en P obleme angesehen wi d, wie leich e wundba e
Ne ze wie Gas- und Ölpipelines und Da enübe agungskabel besse
geschü z we den können. Abe je z soll ein gänzlich ande es Thema
au ge u en we den.
II. Resilienz du ch „S o y Telling“
Es da inzwischen als ausgemach gel en, dass Ve schwö ungs heo ien,
die ja im G unde nich s ande s sind als Ve schwö ungsgeschich en239, dabei
behil lich sein können, mi K isen- und Ka as ophene ah ungen besse
umgehen zu können; dazu heiß es bei Lau a Luise Hammelun e de
Übe sch i „Sozialpsychologische Funk ionen on Ve schwö ungs heo i‐
en“ wie olg :
„Aus Sich de Wissenscha e üllen Ve schwö ungs heo ien in e s e
Linie die Funk ion eine kogni i en Dissonanz eduk ion240, mi de en
238 Siehe dazu S e anie G ae e, Resilienz im K isenkapi alismus. Wide das Lob de
Anpassungs ähigkei , Biele eld 2019; dieselbe, Sys em ele anzen? Zu Biopoli ik de
Resilienz in Co onazei en, in: dieselbe/Ka ina Becke (H sg.), Mi Resilienz du ch
die K ise? Anme kungen zu einem ge ag en Konzep , München 2021, S. 111–139.
239 Siehe dazu Umbe o Eco, De F iedho in P ag, 2. Au l. München 2013.
240 U e Caumanns/Ma hias Niendo , Raum und Zei , Mensch und Me hode: Übe ‐
legungen zum Phänomen de Ve schwö ungs heo ie, in: U e Caumanns (H sg.),
Ve schwö ungs heo ien. An h opologische Kons an en und his o ische Va ian en,
Osnab ück 2001, S. 197–210.
E. Resilienz
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Hil e die Komplexi ä eines Sach e hal es, beispielsweise eine pe sön‐
lich e ah enen ode auch gesellscha lichen K ise, d as isch eduzie
we den kann, um diesen so besse e s ehen und psychisch e a bei‐
en zu können. […] Viele Wissenscha le sind zudem de Meinung,
Ve schwö ungs heo ien dien en de Kon ingenzbewäl igung241, indem sie
Menschen dabei hel en wü den, zu ällige schicksalha e E eignisse wie
Na u ka as ophen, Te o anschläge ode auch Unglücke wie Flugzeug‐
abs ü ze zu e a bei en, da sie eine An wo da au geben, wa um die‐
se s a ge unden haben und we sie e u sach ha . Die Iden i ika ion
on Ve u sache n ü K isensi ua ionen en las e om Ge ühl de eige‐
nen Ohnmach angesich s diese zu älligen, schicksalha en E eignisse.
Indem solchen Ka as ophen eine U sache un e s ell wi d, die au plan‐
ollem menschlichem Handeln basie , e hal en sie einen nach äglichen
Sinn.“242
So wei , so bekann .
Die uns schon bekann e Au o en Sami a El Quassil und F iedemann Ka‐
ig e e en da übe hinaus die in e essan e These, dass auch Geschich en
übe in de Ve gangenhei übe s andene K isen und Ka as ophen hel en
können, mi gegenwä igen E eignissen diese A besse e ig zu we den,
weil die Be o enen gewisse maßen au ein e zähl es A chi on Übe le‐
benss a egien zu ückg ei en können:
„Mi unse en Geschich en en s and ein A chi des Übe lebens, das du ch
Anekdo en e anschaulich e, wie das Übe leben in eine ge äh lichen
Wel möglich wa . Zi ilisa ion is demen sp echend übe iele Gene‐
a ionen hinweg die Rep oduk ion on jenen E zählungen und ih en
Übe lebenss a egien, die E olg ha en. Denn je besse die Geschich e,
des o ehe wu de sie wei e e zähl . Je wich ige die Geschich e, des o
au me ksame wu de ih zugehö . Geschich en wa en p ähis o ische
Social Con en – und je emo ional au eibende , des o meh wu den sie
gesha ed und epos e . Unse Übe leben hing also auch da on ab, wie gu
die Fo m wa , in de wi diese lebensno wendigen In o ma ionen e mi ‐
241 Die e G oh, Ve schwö ungs heo ien e isi ed. in: U e Caumanss (H sg.), Ve ‐
schwö ungs heo ien, Osnab ück 2001, S. 187–196.
242 Lau a Luise Hammel, Ve schwö ungsglaube, Populismus und P o es , in: Poli ikum
He 3/2017, S. 36.
II. Resilienz du ch „S o y Telling“
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el en. Ande s ausged ück : De S amm mi den besse en Geschich en
ha e höhe e Übe lebenschancen.“243
Und e gänzend ügen sie olgende, ebenso in e essan e Übe legungen hin‐
zu:
„Diese Kommunika ion und die Wei e gabe on In o ma ionen e mögli‐
chen das, was de polnisch-ame ikanische Philosoph Al ed Ko zybski
o hunde Jah en ›Zei bindung‹ genann ha .244 Dami mein e e eine
A an h opologisches Upg ade, das de Menschhei e laub e, E kenn nis‐
se zu einem Menschhei swissen anzuhäu en, indem jede Gene a ion die‐
ses Wissen an die nächs e wei e gab und dabei ih en Wissenss and be‐
s ändig neu auswe e e, um – übe das Leben eines einzelnen Menschen
hinaus – Fo sch i e im Beg ei en unse e Wel zu e zielen. Dabei e wie‐
sen sich die spannenden E zählungen als eine besonde s eingängige,
nied igschwellige und dami e ek i e A de In o ma ions e mi lung
und – noch wich ige – de In o ma ions e b ei ung.
Dabei sind Geschich en nich nu p ak ische Anlei ungen zum besse en
Leben. Jede Geschich e e zähl g undsä zlich auch da on, dass man
P obleme übe haup lösen kann – und wie man das genau mach .
Jede Geschich e leh uns das Dazule nen [...]. Jede Geschich e is de‐
mons a i e, mani es ie e Adap a ion. E s dank diese habi ualisie en
P oblemlösungskompe enz en wickel e sich de Homo sapiens zu einem
emanzipie en Ges al e seine Wi klichkei und eines Daseins, das sich
du ch bes ändige Anpassungen e besse e. All das e klä , wa um das
E zählen on Geschich en noch o dem Feue , dem Rad und de Wa e
unse wich igs es We kzeug wa [...].“245
Eine gänzlich ande e Resilienzs a egie ha die G oßmu e on Maike
Schul p ak izie 246, indem sie die E inne ungen an die on ih e leb en
Ka as ophen gänzlich mi sich allein abmach e, weil sie ü sie schlich
nich besp echba und nich e zählba wa en; um diese S a egie besse
nach ollziehen zu können, möch en wi den Lese zu einem gemeinsamen
243 Fußno e 195, S. 78.
244 In: Manhood o Humani y. The Science and A o Human Enginee ing, 1921.
245 Ebenda, S. 78/79.
246 Maike Schul , „Unk au e geh nich .“ Resilienz und pos auma ische Rei ung, in:
Co nelia Rich e (H sg.), Ohnmach und Angs aushal en. K i ik de Resilienz in
Theologie und Philosophie, S u ga 2021, S. 183–196.
E. Resilienz
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Besuch bei eben diese G oßmu e einladen, indem wi absich s oll die
nach olgende, e was länge e Passage ungekü z p äsen ie en:
„»Unk au e geh nich !« So lau e e die An wo meine G oßmu e ,
wenn ich mich nach ih em Be inden e kundig e. Dabei saß sie mi mi
e schmi z em Gesich in ih em Sessel gegenübe , den schmalen Kö pe
an die Kissen gelehn und wie zum Beweis hohei s oll eine Ziga e e
zwischen den Finge n. De Ge uch de Ziga e en hing nach bald ün zig
Jah en in diese Wohnung in jede Ri ze. E wa in die Möbel eingezogen
und mi den Tape en zu eine eigena igen Schich e schmolzen, und
wohl weil sons kein Winkel meh ei wa , in den e noch hä e k iechen
können, säusel e e bei unse en T e en zunächs e was in die Höhe, sam‐
mel e sich einen Augenblick in de Lu und en schied sich schließlich
ü die Fens e bank, wo e sich nebela ig zwischen den Blumen öp en
e b ei e e. So jeden alls sehe ich es heu o mi : die Reihe a benp äch‐
ige Azaleen, Begonien und Usamba a eilchen und mi en d in meine
öhlich schmökende G oßmu e : Unk au e geh nich .
Ich habe in den 35 Jah en, die ich meine G oßmu e e leb habe, nie
ein Wo de Klage on ih gehö , kein Jamme n und kein Selbs mi leid.
Nie wa sie k ank, nie unpässlich. Ab und an ieb sie die s ei en Finge
aneinande . Zwischen den Kissen a eine Wä me lasche ih en Diens ,
und wenn de gebeug e Rücken zu seh ziep , wie sie sag e, dann d ehe
ich eben meine Runden um den Tisch und luche o nehm anzösisch.
Doch solche Runden d eh e sie o enba allein. Wie sie auch ande es
mi sich allein abmach e, was ih Leben gep äg ha : K ieg, Fluch und
Ve eibung, Ve lus de Heima , des B ude s, de Toch e , K ankhei ,
Gewal und Alkohol. E ah ungen, die übe lebba , abe nich besp ech‐
ba wa en […]“247
Je z abe wollen wi die auchende G oßmu e wiede e lassen und uns
einem Punk zuwenden, de uns besonde s am He zen lieg .
247 Ebenda, S. 183/184.
II. Resilienz du ch „S o y Telling“
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