
Kinder und Jugendliche mit
Migrationshintergrund in der Kinder- und
Jugendpsychiatrie
Eine vergleichende Patientenaktenanalyse zur Sondierung
von Differenzen in der Pathogenese, Ätiologie und
psychiatrischen Versorgung von Kindern und
Jugendlichen mit bzw. ohne Migrationshintergrund.
vorgelegt von
M.A. Alexandra Thiele
(Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin)
von der Fakultät I – Geisteswissenschaften
der Technischen Universität Berlin
zur Erlangung des akademischen Grades
Doktorin der Philosophie
– Dr. phil. –
genehmigte Dissertation
Promotionsausschuss:
Vorsitzende: Prof. Dr. G. Horstmann
Berichterin: Prof. Dr. phil. H. Marburger
Berichterin: Prof. Dr. phil. G. Griese
Berichterin: Prof. Dr. phil. A. Levin
Tag der wissenschaftlichen Aussprache: 09. Februar 2012
Berlin 2012
D 83

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Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung .................................................................................................... S. 3
2. Aktueller Forschungsstand ......................................................................... S. 8
2.1. Befunde zur Ätiologie .................................................................................. S. 8
2.2. Befunde zur Genese ................................................................................. S. 10
2.3. Befunde zur psychiatrischen Versorgung ................................................. S. 12
3. Migrationssituation in Deutschland ........................................................... S. 15
3.1. Historie der Migrationssituation in Deutschland ........................................ S. 15
3.2. Besonderheiten der für vorliegende Untersuchung relevanten Klientel .... S. 17
4. Tangente Kultur ........................................................................................ S. 19
4.1. Die Bedeutung von Kultur ......................................................................... S. 19
4.2. Individualistische versus kollektivistische Kulturen ................................... S. 20
4.2.1. Bedeutung für das Familienleben ............................................................. S. 21
4.2.2. Bedeutung für das Verständnis von Krankheit/ Gesundheit ..................... S. 25
4.2.3. Bedeutung für die Entwicklung psychischer Erkrankungen ...................... S. 29
4.3. Überlegungen zur Situation von Kindern und Jugendlichen mit einseitigem
Migrationshintergrund in Deutschland ...................................................... S. 31
5. Tangente Gender ...................................................................................... S. 34
5.1. Aspekte kulturell determinierter Rollenbilder ............................................ S. 34
5.2. Geschlechtsspezifische Entwicklungsaufgaben ....................................... S. 37
5.3. Geschlechtsspezifische Krankheitsrisiken ................................................ S. 38
5.3.1. Weibliche Erkrankungsrisiken ................................................................... S. 39
5.3.2. Männliche Erkrankungsrisiken .................................................................. S. 42
5.4. Die geschlechtsspezifische Bedeutung von Krankheit und Gesundheit ... S. 44
6. Tangente Psychosoziale Entwicklung und Lebensalter ............................ S. 47
6.1. Frühe Kindheit (0-5 Jahre) ........................................................................ S. 48
6.2. Kindheit (6-12 Jahre) ................................................................................ S. 52
6.3. Frühe Adoleszenz (13-17 Jahre) .............................................................. S. 55
6.4. Späte Adoleszenz/ Junges Erwachsenenalter (ab 18 Jahre) ................... S. 59
7. Psychiatrische Diagnosen ........................................................................ S. 62
8. Forschungsmethode ................................................................................. S. 65
8.1. Stichprobenrekrutierung ........................................................................... S. 65
8.2. Terminologie ............................................................................................. S. 69
8.3. Forschungsdesign und Durchführung ....................................................... S. 70
8.4. Untersuchungsinstrument ......................................................................... S. 72
8.5. Auswertung ............................................................................................... S. 75
9. Darstellung der Ergebnisse und Diskussion ............................................. S. 77
9.1. Eigene Befunde zur Ätiologie ................................................................... S. 77
9.2. Eigene Befunde zur Genese ..................................................................... S. 90
9.3. Eigene Befunde zur psychiatrischen Versorgung ................................... S. 106

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10. Zusammenfassung und Ausblick ............................................................ S. 126
11. Literatur ................................................................................................... S. 134
12. Anhang: Tabellen .................................................................................... S. 148
13. Anhang: Fragebogen .............................................................................. S. 285

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1. Einleitung
Vorliegende Arbeit möchte im Rahmen einer empirischen Untersuchung erstmalig
eine systematische Sondierung eines abgegrenzten Patientendatenkorpus innerhalb
einer Kinder- und Jugendpsychiatrie vornehmen, die zunächst einer
Bestandsaufnahme des Vorhandenseins von Differenzen hinsichtlich der
ausgewählten Bereiche (Ätiologie, Pathogenese und psychiatrische Versorgung) bei
Kindern und Jugendlichen mit bzw. ohne Migrationshintergrund dienlich sein soll.
Sollten sich dabei Differenzen ergeben, so sollen für diese innerhalb der entwickelten
theoretischen Rahmung der Untersuchung Interpretationsansätze gefunden werden.
Die Intention eines solchen Forschungsinteresses ergibt sich zum einen aus einer
gesellschaftlich-demographischen Relevanz, aber auch aus einer veränderten
Tendenz in den Krankheitsbildern von Kindern und Jugendlichen: In Deutschland ist
seit vielen Jahren eine wachsende Anzahl von Menschen mit Migrationshintergrund
zu verzeichnen, wobei die Demographie dieser Bevölkerungsgruppe nahezu
antiproportional zur autochthonen Altersverteilung verläuft. In Metropolen wie Berlin
macht der Anteil von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Bezirken
wie Mitte, Neukölln und Friedrichshain/ Kreuzberg teilweise über 70% aus (Der
Beauftragte für Integration und Migration 2009, S. 2ff).
Ausgehend von diesen Überlegungen und der Tatsache, dass psychische
Erkrankungen den zweitgrößten Anteil der Krankenkassenkosten bei der Gruppe der
unter 15-Jährigen und jungen Erwachsenen in Deutschland ausmachen (Scharnhorst
2010, S.138), ist zu vermuten, dass auch Kinder und Jugendliche mit
Migrationshintergrund zu einem entsprechend hohen Prozentsatz betroffen sind,
bislang aber nicht systematisch erfasst wurden, wie dies beispielsweise im
Bildungssektor der Fall ist.
So nährt sich das Forschungsanliegen der vorliegenden Arbeit auch aus einer
gesellschaftspolitischen Brisanz:
In nahezu allen Bereichen des öffentlichen Lebens ergeben sich kulturelle
Differenzen, die als solche erhoben, beforscht und diskutiert werden. Allen voran sei
hier an die Auswirkungen der Zunahme von Kindern und Jugendlichen mit
Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem erinnert, wodurch sich

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spätestens seit den 1980er Jahren ein hoher Forschungs- und Handlungsbedarf
ableitete.
Im Sektor der gesundheitlichen Versorgung finden Überlegungen zu
kulturelldifferenten Krankheits- und Körperkonzepten sowie ein dieserart
unterschiedlich begründetes Inanspruchnahmeverhalten der verschiedenen
Bevölkerungsgruppen ebenfalls zunehmend Augenmerk, wobei vor allem Kinder und
Jugendliche mit Migrationshintergrund für besorgniserregende Berichte sorgen: Die
Plakatierung delinquenter Migrantenjugendlicher, depressiv-suizidaler junger Frauen
(Schouler-Ocak 2009/ Vortrag) und entwicklungsverzögerter Kinder mit
Migrationshintergrund bei der Einschulungsuntersuchung (Erb/ Werner 2003, S. 370)
sind jedoch nur aufrüttelnde Einzelbefunde, die immer wieder für Aufsehen in der
gesellschaftspolitischen Diskussion und in sozialpsychologischen und medizinischen
Fachkreisen sorgen. Ob es jedoch tatsächlich relevante Unterschiede im Vergleich
zur autochthonen Bevölkerungsgruppe gibt, ist bislang nur punktuell
herausgearbeitet worden.
Das Anliegen vorliegender Arbeit besteht deshalb darin, vor dem Hintergrund bereits
publizierter Arbeiten zu psychischen Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen
mit Migrationshintergrund thematische Bereiche zu systematisieren, die die
punktuellen Einzelbefunde einer ganzheitlichen Sichtweise zugänglich machen. So
verweisen vorhandene Arbeiten meiner Meinung nach vor allem auf drei Bereiche,
die hier sondiert werden sollen:
So scheint es durchaus sinnvoll, nach Unterschieden in den Krankheitsverläufen
(Pathogenese) und Krankheitsursachen (Ätiologie) sowie der Behandlung
(psychiatrische Versorgung) von Kindern und Jugendlichen mit bzw. ohne
Migrationshintergrund bei psychischen Erkrankungen zu fragen und diese
gegebenenfalls zu interpretieren.
Für den theoretischen Interpretationsrahmen der gewonnenen Sondierungsdaten
sollen prominente Zugänge gewählt werden, die gegebenenfalls
Erklärungsmöglichkeiten bieten, zumal sie innerhalb ihrer Dimensionen relevante
Unterscheidungsmerkmale generieren.
- Kultur wird in vorliegender Fragestellung als zentrale Dimension verwandt,
deren Einflussnahme überprüft werden soll. Der zugrundeliegende
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