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Sabine Baabe-Meijer
Das Projekt Auroville
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Suggested Citation
Baabe-Meijer, Sabine: Das Projekt Auroville : Entwurf für eine Stadt der Zukunft im Südosten Indiens
aus dem Jahre 1968 . - In: Mahrin, Bernd (Ed.): Wertschätzung – Kommunikation – Kooperation :
Perspektiven von Professionalität in Lehrkräftebildung, Berufsbildung und Erwerbsarbeit; Festschrift
zum 60. Geburtstag von Prof. Dr. Johannes Meyser. - Berlin: Universitätsverlag der TU Berlin, 2016. -
ISBN: 978-3-7983-2820-4 (print), 978-3-7983-2821-1 (online). - pp. 234245. -
DOI: 10.14279/depositonce-5004.
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Foto: zweifrauwerk
Entwurf für eine Stadt der Zukunft im Südosten Indiens
aus dem Jahre 1968
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Sabine Baabe-Meijer
DAS PROJEKT AUROVILLE
Entwurf für eine Stadt der Zukunft im Südosten Indiens aus dem Jahre 1968
1 Einleitung
Die Stadt ist ein von der UNESCO bestätigtes multidimensionales und multikul-
turelles Experiment mit gegenwärtig etwa 2.000 Mitgliedern aus 35 Nationen.
Auroville versteht sich als eine universelle Stadt, in der Frauen und Männer aus
allen Ländern der Welt in Frieden und wachsender Harmonie miteinander leben
können – jenseits von religiösen Überzeugungen, politischen Einstellungen und
nationaler Herkunft. Als Sinn und Zweck der Stadt wird die Verwirklichung der
menschlichen Einheit angestrebt (vgl. Broschüre ‚Auroville – Eine Einführung‘,
2010).
Ziel der Begründerin Mirra Alfassa (geb. 1878) und der jetzigen Bewohner war
und ist es, ein urbanes Modell menschlicher Einheit und Völkerverständigung zu
schafen. Eine spirituelle Basis für die Gründung und das Leben in der Stadt stellt
der integrale Yoga von Sri Aurobindo dar. Auroville gilt heute als eines der größten
Bewusstseinsprojekte unserer Zeit. Die Stadt kann als ein spannendes Experiment
angesehen werden und präsentiert sich in einer wachsenden Vielfalt von Aspekten
und Vernetzungen (vgl. Neue Wege 2014, 3).
Die internationale Stadt Auroville in Südindien wurde 1968 mit Unterstützung
der indischen Regierung von der damals 90jährigen Französin Mirra Alfassa in
der Nähe der ehemals fransischen Stadt Pondicherry gegründet. Nach ihrem
Studium in Paris an der Académie Julian wurde Mirra Alfassa eine anerkannte
Künstlerin. 1941 lernte sie in Pondicherry in der Nähe von Auroville den indischen
Mystiker und ihren späteren Weggefährten Sri Aurobindo kennen, der 1872 in
Kolkata (vormals Kalkutta) geboren wurde. Sie wurde von dem indischen Philo-
sophen, Freiheitskämpfer, Dichter und Yogi ganz im Einklang mit der indischen
Tradition als Mutter bezeichnet. Sie wurde dort einige Jahre später von ihm mit
der Leitung des Ashrams betraut (vgl. Neue Wege 2014, 5). Trotz ihres hohen Alters
stand sie der Stadt mit Rat und Tat zur Seite (vgl. Klostermann 1976, 11).
2 Architektur in Auroville
Der Beginn der Entstehung von Auroville war durch die Aktivitäten der ‚Mutter‘
gekennzeichnet, die ihren Traum von einer internationalen Stadt umzusetzen
bestrebt war. Sie visualisierte diesen in Form einer Stadt, die für eine Veränderung
des Bewusstseins stehen sollte, wobei die Stadtplanung und die Architektur diese
Fusion verkörperte. Mit der Planung und der Umsetzung ihrer ambitionierten
Idee einer ‚idealen Stadt‘ beauftragte sie den Architekten Roger Anger. Anfang
der 1970er Jahre begründete er die Gestaltung und die Grundlage der Architektur
von Auroville für die kommenden zwanzig Jahre. Es ging ihm darum, in den
Gebäuden die Essenz der neuen Gesellschaft zu erfassen und zu visualisieren.
Ein Standort auf der Suche nach einem „Heim für das Bewusstsein der Zukunft“
235Das Projekt Auroville
konnte nur in Formen manifestiert werden, die getrennt von Geographie, Kultur
und Soziologie des Ortes lagen. Begründet durch die dringende Notwendigkeit,
Schutz und Zulucht für Menschen und Projekte hervorzubringen, waren die
ersten zwei Dekaden ebenso eine Zeit der Ideen von nahezu irreal anmutenden
Innovationen durch Nicht-Fachleute.
Als vier Stadtbereiche beziehungsweise Hauptsektoren von Auroville plante die
Gründerin vier Sektoren, im Einzelnen einen internationalen, einen kulturellen,
einen Arbeits- und einen Wohnsektor, die um das Matrimandir als Mittelpunkt in
Zusammenarbeit mit dem Architekten errichtet werden sollten.
Abb. 1: Die vier Stadtbereiche von Auroville: Aurovilles Grundriss 1965 (Zeichnung von Mirra Alfassa, in:
Mandeen 2014, 31)
Eine besondere Herausforderung war und ist die unterschiedliche kulturelle
Herkunft der Bewohner von Auroville. Die Wertvorstellungen zahlreicher Men-
schen amerikanischer und westeuropäischer Herkunft unterscheiden sich stark
von indischen Grundsätzen und denen von Sri Aurobindo. Seit der Gründung
von Auroville sind mittlerweile viele Jahre vergangen. Doch lohnt es sich auch
heute für Architektinnen/Architekten, Stadtplanerinnen/Stadtplaner und alle
Menschen, die einen neuen Weg sozialen Zusammenlebens anstreben: Es zeigt
richtungsweisende Ansätze, die den Grundsätzen einer nachhaltigen Lebensweise
und eines nachhaltigen Bauens folgen und ihnen gerecht werden.
Mit der Auroville zugrundeliegenden Idee wurde beabsichtigt, auf der Welt
einen Ort zu begründen, „den keine Nation als ihr Eigentum beanspruchen kann,
einen Platz, an dem alle gutwilligen Menschen ehrlich in ihrem Bestreben, frei als
Bürger der Welt leben können und einer einzigen Autorität folgen, der höchsten
Wahrheit.“ (Mirra Alfassa, zitiert nach Klostermann 1976, 11). Auroville wird als
ein Platz beschrieben, „an dem die Beziehungen zwischen den Menschen, die
gewöhnlich fast ausschließlich auf Konkurrenz und Streit begründet sind, durch
Beziehungen des Wetteiferns um das Bessertun ersetzt würden, des Wetteiferns
um Zusammenarbeit und Beziehungen wahrer Brüderlichkeit.“ Diesen Anspruch
beschreibt die Gründerin von Auroville, Mirra Alfassa im Gründungsmanifest
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236 Sabine Baabe-Meijer
von 1968 (ebd.). Zur Bildung und Ausbildung von Kindern und Jugendlichen wird
formuliert, dass Ausbildung nicht im Hinblick auf Prüfungen und Zeugnisse und
Positionen erteilt würde, sondern mit dem Ziel, die vorhandenen Fähigkeiten zu
bereichern und neue hervorzubringen.
3 Bildung und Erziehung vor dem Hintergrund der Entwicklung des
indischen Bildungswesens
Die Geschichte der Bildungsinstitutionen beginnt in Indien mit der Einrichtung
von Schulen und höheren Bildungsanstalten in Hindu-Tempeln ab etwa 1000 v. Chr.
Die Bildung in der Familie des Gurus, eines Lehrers, war über lange Zeit nur
einer kleinen Elite vorbehalten. Ab etwa 600 v. Chr. etablierte sich eine buddhis-
tische Klosterbildung. Assoziierte Bildungseinrichtungen entstanden später mit
der Ankunft des Islams sowie mit der Verbreitung anderer Religionen auch im
Rahmen von durch die Verfassung geschützten Bildungseinrichtungen, beispiels-
weise der Jains und der Sikhs.
Sikhs sind Anhänger einer monotheistischen Religionsgemeinschaft im Nord-
westen Indiens, die auf den Wanderprediger Guru Nanak zurückgeht. Sie ist im
15. Jahrhundert n. Chr. entstanden.
Jainismus, auch Jinismus ist eine Religion in Indien, die vollkommene Gewalt-
losigkeit predigt. Der Jainismus ist eine der ältesten Religionen der Welt und
wurde im sechsten Jahrhundert v. Chr. von Vardhamana gegründet, der Mahavina
oder "Jina" genannt wird.
Beide Religionen haben eigene Bildungseinrichtungen begründet, deren
Nachfolgeinstitutionen auch heute von Bedeutung sind.
Die Ursprünge eines modernen Bildungssystems nach europäischem Vorbild
gehen im allgemeinbildenden Bereich und in der College-Bildung zurück auf
Schulen christlicher Missionare. Folgenreich für Trends seit etwa Ende des vergan-
genen Jahrhunderts war die britische Kolonialherrschaft, in der Bildungsvorstel-
lungen zur Förderung kolonialer Verwaltung institutionalisiert wurden. Mitte
des 19. Jahrhunderts wurden Universitäten gegründet – im Jahre 1857 in Mumbai,
Chennai und Kolkata (vormals Bombay, Madras und Kalkutta), 1887 in Allahabad.
Im Unabhängigkeitskampf Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurde
massiv die Forderung nach einer Bildung für alle erhoben. In diesem Zusammen-
hang entstanden mehrere Ashram-Schulen, von denen eine in Visvabharat 1919
den Status einer Reformuniversität erhielt.
Bis heute ist das Ringen um nationale Identität für den Bildungsbereich von
Bedeutung. Eine bedeutsame Maßnahme der hindunationalistischen Zentralre-
gierung, die von 1998 bis 2004 die Zentralregierung bildete, war die Vorlage eines
Neuentwurfs des nationalen Rahmen-Curriculums. Dieses erscheint alle zehn
Jahre neu und dient den Ministerien der Landesregierungen als Richtschnur für
die Gestaltung der Lehrpläne im Allgemeinen Bildungsbereich (vgl. Lang-Wojtasik
2000, 217).
Eine achtjährige Grundbildung für alle Kinder und Jugendlichen im Alter
von sechs bis 14 Jahren wurde in Artikel 45 der 1950 verabschiedeten Verfassung
als visionäres Ziel festgeschrieben. Es folgten verschiedene Empfehlungen und
Programme unterschiedlicher politischer Strömungen. Zentrales Ziel war und ist
237Das Projekt Auroville
die Universalisierung der Bildung bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts. Oizielle
Vorgaben wurden bekräftigt, doch nicht umgesetzt (vgl. a. a. O.).
Gemäß Entwicklungsbericht der UNO 2013 sind heute in Indien immer noch
knapp 40 Prozent der Erwachsenen Analphabeten. Nur 39 Prozent der Bevölke-
rung verfügen über einen Sekundarschulabschluss. Die Werte für den weiblichen
Belkerungsanteil liegen deutlich darunter (vgl. Stiftung Usthi 2015).
Vor diesem Hintergrund wirken die Äußerungen von Sri Aurobindo zum
Lernen und Lehren, zur Erziehung, zum Bild des Lehrers umso bemerkenswerter.
Der Lebenspartner der Gründerin wirkte vor der im Indien der 1960er Jahre
verbreiteten üblichen Vorstellung, dass der Lehrer dem Kind sein eigenes Wissen
vermitteln soll, entgegen und vertrat eine fundamental entgegengesetzte Aufas-
sung. Er äußert sich 1965 über das fundamentale Prinzip der Erziehung wie folgt:
„Das erste Prinzip eines wirklichen Lehrens ist: Es kann nichts gelehrt werden.
Der Lehrer ist kein Instruktor und kein Pauker; er ist ein Helfer und ein Weg-
weiser. Sein Beruf besteht darin, dass er anregt und nicht aufzwingt. Tatsächlich
trainiert nicht er den Verstand des Schülers, sein Mentales, er zeigt ihm nur, wie
er selbst seine Instrumente der Erkenntnis vervollkommnet, und er unterstützt
und ermutigt ihn bei dem Vorgang. Er teilt ihm kein Wissen mit, sondern er zeigt
ihm wie er sich selbst Wissen erwerben kann. Er ruft das Wissen, das im Inneren
vorhanden ist nicht hervor; vielmehr zeigt er ihm, wo es liegt und wie es daran
gewöhnt werden kann, an die Oberläche zu kommen. Die Einschränkung, die
dieses Prinzip nur für die Heranbildung von Jugendlichen und Erwachsenen
vorbehält und seine Anwendung beim Kind ablehnt, ist eine konservative und
unintelligente Lehre. Ob Kind oder Mann, Knabe oder Mädchen… es gibt nur
ein einziges gesundes Prinzip guten Lehrens. Der Altersunterschied dient dazu,
das nötige Maß von Hilfe und Führung zu vermindern oder zu vermehren; er
vendert aber nicht seine Natur“ (Sri Aurobindo 1965, zitiert nach Klostermann
1976, 200). Diese Äußerungen erinnern an das aktuell in Deutschland diskutierte
Prinzip des selbstorganisierten Lernens. An anderer Stelle werden Verbindungen
zum entdeckenden Lernen deutlich: „Wenn wir meinen, ein Kind vergnügt sich
oder spielt, ist es beinahe immer die gezielte Aktivität eines wachsenden Lebewe-
sens, das tief verbunden mit dem Drang ist, seine Wissensfähigkeit, seine Aus-
drucksmöglichkeiten aufzubauen. Tatsächlich sehen wir eine ursprüngliche Art
der Erziehung, die zu Entdeckung und Erindung führt – Entdeckung der Umwelt
und ihrer Inhalte, das Erinden von Anwendungsmöglichkeiten für diese Inhalte –
es ist eine Selbsterziehung. Das Eingreifen des Erwachsenen ist nicht nötig, auch
verlangt das Kind meist nicht danach, weil die Aufassungsweise des Erwachsenen
zu andersartig ist“ (vgl. a. a. O., 201).
4 Bauen und Wohnen
Seit der Gründung von Auroville wurde das Bauen mit organischem Material
angestrebt. Die meisten Konstruktionen entstanden aus einheimischen Materiali-
en wie Palmblättern, Bambus und Stroh. Wand- und Bodenstrukturen wurden aus
der roten Aurovilleerde erbaut. Auf die Verwendung von teurem, oft nicht erhält-
lichem Beton wurde nach Möglichkeit verzichtet. Vorstellungen einer Bauweise,
die auf die Errichtung einer Betonstadt im Sinne der gewohnten Planungsweise
moderner Architekturbüros abzielten, wurden schon bald „als unmittelbares
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