
Undine Lübeck, Christian Markurt, Johannes Kochems, Johannes
Giehl, Benjamin Grosse, Joachim Müller-Kirchenbauer
Geschäftsmodelle der Energiewende im
regionalen Umfeld
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Lübeck, U., Markurt, C., Kochems, J., Giehl, J., Grosse, B., & Müller-Kirchenbauer, J. (2021).
Geschäftsmodelle der Energiewende im regionalen Umfeld. In Zeitschrift für Energiewirtschaft (Vol. 45, Issue
4, pp. 295–315). Springer Science and Business Media LLC. https://doi.org/10.1007/s12398-021-00313-0
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Geschäftsmodelle der Energiewende im
regionalen Umfeld
Business models of the energy transition in the regional context
U. Lübeck, C. Markurt, J. Kochems, J. Giehl, B. Grosse, J. Müller-Kirchenbauer
Fachgebiet Energie- und Ressourcenmanagement, Technische Universität Berlin
Abstract: Die Energiewende beeinflusst maßgeblich die Entwicklung energiewirtschaftlicher Wert-
schöpfung und Geschäftsmodelle. Diese Entwicklung betrifft auch und insbesondere den ländlichen
Raum. Vor diesem Hintergrund wird in diesem Papier für die untersuchte „Modellregion Mecklenburg“
eine Bestandsaufnahme der energiewirtschaftlichen Wertschöpfungskette durchgeführt. Ferner wird
eine Übertragbarkeit des Geschäftsmodell-Frameworks Energiewirtschaft zur Identifikation von Ge-
schäftsmodellprototypen, d. h. einer Zusammenfassung gleichartiger Geschäftsmodelle, aus Giehl et
al. (2020) aufgezeigt. Basierend hierauf werden regionale Wertschöpfungsnetzwerke entwickelt und
analysiert, um hieraus in Verbindung mit dem Ansatz der Wertschöpfungscluster nach Porter (1991)
Handlungsempfehlungen für die Untersuchungsregion abzuleiten.
Abstract: The energy transformation has a major impact on the development of value creation and
business models in the energy industry. This development especially affects rural areas. Therefore, this
paper presents a capture of the value chain of energy industry for the examined “model region Meck-
lenburg”. Furthermore, this paper shows the application of the business model framework for the en-
ergy transformation (BMFE) from Giehl et al. (2020) to identify prototypical business models, as a sum-
mary of similar business models. Based on this identification, regional value creation networks are
developed and analyzed. They are used in order to derive recommendations for the model region, in
connection with the approach of value creation clusters according to Porter (1991).
Kurzankündigung für das Inhaltsverzeichnis: Die Energiewende beeinflusst maßgeblich die Entwick-
lung energiewirtschaftlicher Wertschöpfung und Geschäftsmodelle. Diese Entwicklung wird für Regio-
nen im ländlichen Raum beispielhaft untersucht und regionale Wertschöpfungsnetzwerke anhand pro-
totypischer Geschäftsmodelle analysiert. Abschließend werden Handlungsempfehlungen für die Un-
tersuchungsregion aufgestellt.
Key-Words: Geschäftsmodelle, Regionale Wertschöpfung, Wertschöpfungsnetzwerke, Energiewende,
Fallstudie, Mecklenburg, business model framework for the energy transformation

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1 Einleitung
Die Herausforderungen der Energiewende sowie die Trends Digitalisierung, Dekarbonisierung und De-
zentralisierung bedingen Veränderungen der energiewirtschaftlichen Unternehmenslandschaft. Sie
lassen neue Geschäftsmodelle entstehen und bedrohen etablierte Unternehmen sowie Geschäftsmo-
delle im Energiesektor. Zudem führen sie zu einem Wandel von der klassischen Wertschöpfungsket-
tenstruktur hin zu komplexeren Wertschöpfungsnetzwerken mit vielfältigen – auch branchenübergrei-
fenden - Verflechtungen. Vor diesem Forschungshintergrund wurde eine ausführliche und aktuelle
Vollaufnahme und Klassifikation von Geschäftsmodellen der Energiewende von Giehl et al. (2020) er-
stellt. Die strukturierte Geschäftsmodellabbildung der Autoren stützt sich auf ein speziell für den For-
schungsgegenstand entwickeltes energiewirtschaftliches Geschäftsmodell-Framework, welches die
Systematisierung bestehender und neuer Geschäftsmodelle ermöglicht.
Für die Umsetzung der Energiewende ergeben sich wiederum Herausforderungen und Chancen „vor
Ort“, beispielsweise in Projekten im regionalen Kontext, welche potenziell regionale Wertschöpfungs-
beiträge liefern können. In diesem Zusammenhang soll im vorliegenden Papier untersucht werden, ob
und wie sich das methodische Klassifikationsschema aus Giehl et al. (2020) auf den kleinräumigen re-
gionalen Kontext übertragen lässt. Hierbei sollen neben der grundsätzlichen Anwendbarkeit des Sche-
mas energiewirtschaftliche Strukturen und Wertschöpfungspotenziale untersucht werden.
Als Untersuchungsregion wird in diesem Papier die sogenannte „Modellregion Mecklenburg“ gewählt,
die sich aus ländlich geprägten Gemeinden der Landkreise Mecklenburgische Seenplatte (MSE) und
Nordwestmecklenburg (NWM) im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern (MV) zusammensetzt. Die
Analysen gliedern sich dabei wie folgt. Zunächst wird in Kapitel 2 ein kurzer Umriss der theoretischen
Grundlagen zu regionaler Wertschöpfung und Geschäftsmodellen der Energiewirtschaft gegeben. An-
schließend wird in Kapitel 3 auf Basis dieser Hintergründe das methodische Vorgehen entwickelt. Mit
der Methodik können einerseits regionale energiewirtschaftliche Wertschöpfungspotenziale ermittelt
werden. Andererseits wird die Anwendbarkeit des Klassifizierungsschemas für Geschäftsmodelle auf
die realen regionalen Unternehmen bzw. deren Tätigkeitsbereiche untersucht. Es wird analysiert, in-
wiefern der Ansatz von Wertschöpfungsnetzwerken Anwendung finden kann. Hierbei werden beson-
ders auf erforderliche methodische Erweiterungen des Grundsatzes aus Giehl et al. (2020) betrachtet.
Sowohl die Ergebnisse als auch weiterführende Fragestellungen werden abschließend in Kapitel 4 zu-
sammenfassend reflektiert. Ferner werden Handlungsempfehlungen herausgestellt und ein For-
schungsausblick gegeben.
2 Geschäftsmodelle der Energiewirtschaft und regionale Wertschöp-
fung
Im Folgenden werden relevante Grundbegriffe und -zusammenhänge bezüglich der regionalen Wert-
schöpfung sowie der Geschäftsmodelle der Energiewirtschaft definiert und erläutert. Die Untersu-
chungsregion wird abschließend ebenso wie der Grundansatz der Wertschöpfungscluster nach Porter
(1991, S.151) kurz umrissen.

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2.1 Geschäftsmodelle der Energiewirtschaft
Abbildung 1: Übersicht der Komponenten des business model frameworks for the energy transformation
Quelle: Giehl et al. 2020
In dieser Arbeit wird auf das business model framework for the energy transformation (BMFE) der
Autoren Giehl et al. (2020) zurückgegriffen. Das BMFE ist angelehnt an vorhandene Frameworks zur
Analyse von Geschäftsmodellen – insbesondere den Business Model Canvas (BMC) von Osterwalder
und Pigneur (2010). Durch die Synthese weiterer Systematisierungen wie derjenigen von Demil und
Lecocq (2010), David Teece (2010) oder Bieger und Reinhold (2011) ist es um weitere Aspekte ergänzt
und auf die Energiewirtschaft zugeschnitten worden (Giehl et al., 2020). Damit dient es der gezielten
Erfassung und Systematisierung, der in der Energiewirtschaft existierenden Geschäftstätigkeiten und
deren Besonderheiten. Es ist in Giehl et al. (2020) erstmals veröffentlicht worden. Das BMFE umfasst
dabei die grundlegenden generischen Komponenten Nutzenversprechen, Kundensegment und Ertrags-
modell. Diese drei Komponenten sind Bestandteile der meisten Geschäftsmodell-Frameworks. Sie ge-
ben eine grundlegende Aussage über die wesentlichen Kernelemente eines Geschäftsmodells bzw. ei-
nes Geschäftsmodellprototyps, d. h. einer Zusammenfassung gleichartiger Geschäftsmodelle. Ergän-
zend dazu enthält das BMFE sechs weitere Komponenten (Abbildung 1) (Giehl et al., 2020).
Insgesamt wurden mit Hilfe dieses Analyseinstruments in einer Vollaufnahme der existierenden ener-
giewirtschaftlichen Geschäftsmodelle durch die Autoren 69 Geschäftsmodellprototypen als Zusam-
menfassung gleichartiger Geschäftsmodelle beschrieben und wiederum in 17 Geschäftsmodellklassen
zusammengefasst (Giehl et al., 2020). Ferner wurden energiewirtschaftliche Wertschöpfungsnetz-
werke als Analyseinstrument zur Beschreibung der Wechselwirkungen zwischen Geschäftsmodellpro-
totypen bzw. Geschäftsmodellklassen eingeführt (Giehl et al., 2020). Diese Systematisierungen bilden
die Grundlage für die weiterführenden Analysen dieser Arbeit.
2.2 Regionale Wertschöpfung
Vom betriebswirtschaftlichen Blickpunkt ist Wertschöpfung als „Beitrag eines Unternehmens zum
Volkseinkommen“ (Gabler Wirtschaftslexikon, 2019) zu verstehen. Der Zuwachs an Wert kann dabei
durch den Vergleich von Input und Output bemessen werden (Weber, Kabst & Baum, 2018), der durch
die ökonomischen Aktivitäten mit Einfluss auf den Produktwert entsteht (Dyckhoff, 2003). Der Kunde
bewertet dabei anhand der sich einstellenden Marktpreise diese Leistungen (Haller, 1997).
Wird dieser unternehmensinterne Betrachtungsansatz auf einen volkswirtschaftlichen Kontext ausge-
weitet, kann Wertschöpfung gesamtheitlich als eine „in einzelnen Wirtschaftsbereichen erbrachte
wirtschaftliche Leistung“ (Gabler Wirtschaftslexikon, 2019) aufgefasst werden. Die Leistungserstellung
aller Unternehmen wird demnach gesamtwirtschaftlich relativiert betrachtet. Im Kontext der volks-
wirtschaftlichen Gesamtrechnung umfasst die Bruttowertschöpfung den Gesamtwert der erzeugten
Produktionsgüter abzüglich des Werts der Vorleistungen und liefert damit ein Maß für die Wertschöp-
fung im volkswirtschaftlichen Sinne (Destatis, 2019).
Nutzenversprechen
Ertragsmodell Kundschafts-
segment
Benötigte und
offerierte Daten
Funktion im
Wertschöpfungs-
netzwerk
Einflussfaktoren
Genutzte
Technologie
Stufe im
Wertschöpfungs-
netzwerk
Partner

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Unternehmen interagieren im Rahmen ihrer wertschöpfenden Tätigkeit mit vor- und nachgelagerten
Akteuren. Die Reihenfolge der wertsteigernden Arbeitsschritte wird klassischerweise als Wertschöp-
fungskette aufgefasst (Porter, 1985; Meffert, 1989; Baur & Kluge, 2000). Durch neu aufkommende,
komplexe und angrenzende Branchen miteinbeziehende Verflechtungen der zur Wertschöpfung bei-
tragenden Akteure sind diese zunehmend in Wertschöpfungsnetzwerken aktiv. Beigetragen zum Auf-
brechen starrer Produktionsschritte haben in der Energiewirtschaft u. a. Digitalisierung, Dezentralisie-
rung und Dekarbonisierung (Giehl et al., 2020). Dabei ist der strukturelle Aufbau der Wertschöpfungs-
kette bei identischer Technologie weiterhin vorhanden. Die organisatorischen Ausführungsformen der
Wertschöpfung verändern sich jedoch hinsichtlich der Akteursvielfalt und der daraus resultierenden
Aktivitäten. Diese verlagern sich von unternehmensinternen zu unternehmensexternen Verknüpfun-
gen (Miroschedji, 2002).
Ein Beispiel ist das Messwesen. Zuvor wurde diese Tätigkeit innerhalb eines integrierten Unterneh-
mens absolviert. Inzwischen wird es von dritten Unternehmen durchgeführt und im Zuge des Einsatzes
von Smart Metern und damit verbundenen großen Datenmengen bietet es sich an, die Auswertungen
auf weitere spezialisierte externe Dienstleister zu übertragen. Diese Form der Wertschöpfung ist be-
reits durch Porter und dessen Wertsystem angelegt. Der Wertschöpfungsnetzwerkansatz geht aller-
dings darüber hinaus und kann als Modell der vielfältigen Austauschbeziehungen und Kooperation zwi-
schen Unternehmen als Analyseinstrument eingesetzt werden (Peppard & Rylander, 2006; Biem &
Caswell, 2008; Bach & Krüger, 2003).
Auf Grundlage von dezentralen Untersuchungen kann die Bedeutung einzelner Regionen für die Ener-
giewende und lokaler Geschäftsmodelle untersucht werden. Hirschl et al. (2010) untersuchen den Bei-
trag von erneuerbaren Energien zur regionalen Wertschöpfung und beziehen Umsätze, Beschäfti-
gungseffekte und lokale Steuern in die Analyse ein. Kosefld und Gückelhorn (2012) analysieren eben-
falls die regionalen wirtschaftlichen Effekte von erneuerbaren Energien. Sie betrachten die direkte und
indirekte regionale Wertschöpfung, die durch die Ansiedlung von Erzeugungsanlagen ausgelöst wird.
Jenniches und Worrell (2019) analysieren für eine Region zusätzlich Beschäftigungseffekte, die durch
Photovoltaik-Aufdachanlagen ausgelöst werden.
Die genannten Studien stellen positive Effekte für die regionale Wirtschaft und einen positiven Beitrag
zur Energiewende fest. Die damit verbundenen Wertschöpfungsnetzwerke und damit weitere Ge-
schäftsmodelle und Entwicklungspotenziale werden jedoch nicht betrachtet. Jenniches (2018) be-
trachtet Analysen der regionalen, wirtschaftlichen Auswirkungen von erneuerbaren Energien. Er stellt
eine Vielzahl an möglichen Analysemethoden fest und empfiehlt eine klare Auswahl einer Methode,
unter anderem Analysen auf Basis der Wertschöpfungskette. Ausgangspunkt ist in allen Fällen eine
eindeutige Wahl des regionalen Untersuchungsraums.
Ist der regionale Raum, in dem eine wertschöpfende Betrachtung durchgeführt wird, durch klare räum-
liche Grenzen eingeschränkt, muss dementsprechend auch die Begrifflichkeit der Wertschöpfung auf
den Betrachtungsraum angeglichen werden. Das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtent-
wicklung konkretisiert den regionalen volkswirtschaftlichen Wertschöpfungsbegriff als Wertzuwachs
verschiedener Wirtschaftsbereiche innerhalb eines abgegrenzten Gebietes. Operationalisierbar ist die-
ser Zuwachs durch den monetär bewerteten örtlichen Verbleib von Überschüssen, die durch unter-
nehmerische Tätigkeit, Beschäftigte, Geldgeber oder den Staat in dem abgegrenzten Gebiet erwirt-
schaftet werden (BMVBS, 2011). Für die weiteren Untersuchungen dieses Papiers ist es daher vonnö-
ten, eine regionale Begrenzung der Untersuchungsregion zu definieren.
Untersuchungsgebiet der Analyse ist die „Modellregion Mecklenburg“. Diese besteht aus sieben Ge-
meinden im Landkreis NWM sowie zwölf Gemeinden im Landkreis MSE im Bundesland MV. Beide Re-
gionen beteiligen sich am Forschungsprojekt ENavi. Eine Auflistung der untersuchten Gemeinden ist
im Anhang 8.2 zu finden. Die Gemeinden sind durch verhältnismäßig strukturschwache ländliche
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