scieee Science in your language
[de] (orig)
B eha gl i c h e
Mo num enta l i tä t
in F ra n kf u rt

A r chi t ektur al s Produkt
stä dtischer R elevanzen

vorge legt vo n
Dip lom - Soz io log in
Tina E n der s
geb. in L ich

von der Faku ltät VI – P lanen Bauen Umwelt
der Technisc hen Univ ersität Be rlin
zur Erlangung des akade misch en Gra des

Doktor in de r Ph ilo so ph ie
– Dr. ph il. –

genehmigte D issertation

Promotionsaussc huss:

Vorsitzen de: Prof. Dr. Nin a Baur
Gutachter in: Prof. Dr. Mart ina L öw
Gutachter in: Prof . Dr. Monika G rubbauer

Tag der w issenschaf tlichen Aussprache : 1 4. Fe bruar 20 17

Ber lin 2 01 8

Für Roswitha und Wal ter En ders .

1

I nhal t

Da nk 3
Ab kürzu ng en & G lo s s a r 4

E inle it u n g 7
T eil A : T he o r eti sc he Vor überl egungen und Metho de 19
1 Fo r s c hungs pe rspekti ven a uf da s Verhältnis von Ar ch itek tur
und G es ells c h a ft 22
1.1 Gebäude als Grund lage von Vergese llschaftsprozes sen 25
1.2 Die sinnhaften Modi des Umgangs mit Dingen und Gebäuden 35
1.3 Die so zi ale E ff ekt ivit ä t de r Din g welt 37
1.4 Der sinnhafte Aufbau der gebauten Welt: wissenssoz iologische Architekturtheor ie 41
1.5 Architektur in der Forschun gsperspek tive zur „Eigenlogik der S tädte“ 46
1.6 Halbwachs und das koll ektive Gedächtn is: Architekturen als „W issensanker“ 54
2 S innkons titut ionen vo n G ebä u den im s tä dtisc hen Ko ntext
in t e rp re t a t iv e rfa s s e n 70
2.1 Exkurs: Der Weg zum Fallb eispiel 71
2.2 Hermeneutisch e Wissenssozio logie als metho dologischer A usgangspunkt 77
2.3 Heterogene Datenb a sis und Methodenwahl 84
2.4 Rekonstruktion der ku mulativen Textur 90
2.5 Diskursanalyse 95
2.6 Segmental e Lageplan - Ana lyse 98
2.7 Einordnung der architektonischen Umsetzung 10 8
2.8 Zusammenführung der Erkenntnisse aus den Analyse -Ebenen 112
Teil B: D a s F a llb e is p ie l „ Jü g elh a u s “ 121
3 Die bürger li che Ideo l o gie des Al lgemeinw ohls 12 5
3.1 Exkurs: Das „neue“ Bür gertum 12 6
3.2 Der Modernisierun gsdruck der Großsta dt 13 0
3.3 Sicherung des bürgerlichen Lebensraums 133
3.4 Stadtgestaltende Maßnahmen und Interventionen 14 2
3.5 Bildu ng vor W oh lfa hrt 15 1
3.6 Wissenschafts bauten „zum Wo hl der Stadt“ 17 1
3.7 Zwischenbilanz 178

2

4 Da s „ u nw il helm inisc he“ u nd u na bhä ngige F r a n k furt 184
4.1 Bewä lt igun g de s A nn exio ns trau ma s 18 5
4.2 Sozialliberaler Gegen pol im Deutschen Reich 19 1
4.3 Bewahrung d er Sonderstellung Frankfurts 197
4.4 Soz iolo gis ch - kunsth istorisc her Exku rs über de n H is tor ism us 20 1
4.5 Architektur als Stellungnahme in Stein? 20 7
4.6 Symbo le der Unabh än gigk eit 224
4.7 Zwischenbilanz 230
5 Pr agm a tis che Ver w ertungso r ienti e r ung 233
5.1 Frankfurts Zukunft als schöne Stadt 234
5.2 Indus tr ia lis ier ung? Ne in dan ke! 24 0
5.3 Pragmatisches, ö konomisches Denken 24 5
5.4 Zukunftssic herung m ittels Repr äsentat ivität 25 2
5.5 Das erfolgreiche Ausnutzen von Synergien 26 0
5.6 Zwischenbilanz 267
6 Mit gewinno ri entier ter F lexibi li tä t G egens ä tze ver einen 272
6.1 Frankfurts W idersprü che 273
6.2 Frankfurts in tegrati ves Klima 277
6.3 Die so zi al libe ra le Tr ad itio n 287
6.4 Was nicht passt, wird pas se nd gemacht 29 1
6.5 Die Voraussetz ungen fü r „behagl iche Monume ntalitä t“ 30 3
6.6 Zwischenbilanz 316
7 R es üme e: Ar ch i tektur als Pr o du k t s tä dtisc her R elev a nzen 32 1
7.1 Der Zusam menhang von Wi sse nsvorrat, Rel evanzen, Han deln und Materia lität:
eine theoretische Annäherung 32 7
7.2 Exkurs in die Gegenwart: D ie Eigenlo gik - Studie z u Frankfurt (2 014) 33 6
Schlus sb etrac htung u nd Aus b li ck 352

Ab b i ld u ng s v e rze ic h nis 362
Que ll enan ga ben 36 8
Ar chiv alie n 368
Literatur 369

3

Dan k
Diese Arbei t wäre ohne die Un terstützung du rch eine Vielzahl von Men schen aus
ganz unt erschie dliche n Leb ensfe ldern nie mals z usta nde gekommen. Im Einze lne n
möchte ich ei nigen Pers onen ganz be sonders d anke n. Pro fesso rin Martina Löw
danke i ch für den Freira um, den ich für mei ne Arbeit erhal ten habe, fü r Ihre fach-
lic he und immer wieder a uch darüber hina us gehende Unterstützu ng. Ich d anke
Professori n Monika Grubbauer dafür, dass ich sie als Zweitgutachterin gewin ne n
konnte. Fü r die weitere fachli che Unterstützung danke ich Dr . Peter Noller, Pro-
fessor Helmuth Berk ing , Professor Dieter Sc hott, Dr. Sil ke Steets, Professor
Gerhard Vi nken, Professor Franz Bockra th und natürlich mein en Mitdoktorandin-
nen und - doktorande n a n de r Grad uierte nschule UR BAN grad der Techni sche n Uni -
versitä t Darmstadt. Mein Dank geht auch an die imme r sehr hilfsberei ten M itar-
beiterinn en und Mitarbeiter des In stituts für Sta dtgeschi chte in Frankfurt am Main
sowie a n Herrn J ürgen Wauch , de r mir d ie Ge nehmigu ng erteilte, die Bestände der
Dr. Sencken bergischen Stiftun g für die vorlieg ende Ar beit zu nutze n . Weiterhin
fre ue ich m ich üb er die Ge neh migun g für die Ver wen dung des histo ris chen Bild -
materials und danke h ier neben dem Institu t für Stadtgeschichte vor allem dem
Zentrali nstitut für Kunstg eschichte in Münc hen, der Deutschen Fotothek i n Dres-
den sowi e Hartmut Wettmann.
Ohne lebensprakti schen Beistand wäre ich über so ma nche Durs tstrecke wäh-
rend mein es Dissertationsprojekts ni cht hinweggekommen, deshal b gilt me in Da nk
auch meinem Ehe mann Pet er Kretschma nn sowie einer Reihe wei terer Menschen,
die mic h auf ganz unterschiedl iche Weise unterstü tzt und beglei tet haben: Kla us
Varrentra pp, Regine Sau er wein, Doreen Fritz El - Rharb aoui, Lea Roth mann , Elen a
Dinge r se n, Antje und Sven Hardegen , Sab ine Kö lling, Asswin Z abe l , Joan na Ku-
siak - Corc oran, Petra Ritter, Mon ika Rau, Iris H ill mann, Sandy Pelz, Michael Thies ,
Klaud ia - Luise Weber, Rai ner Scheunemann - Böhlendo rf , Donata Oerke, Edm ond
Richter und Sve n Fl ucher .
Mein inni gster Da nk geht an mein e Eltern. Selbs t nicht aus ei nem akademischen
Umfeld kommen d ma g ihn en mein Werdegang ab und zu befremdlich erschi enen
sein. Dennoc h haben sie mich immer ermutigt, weiterzumachen. Ihnen i st d iese
Arbeit g ewidmet.

4

Ab kü rzu n g e n & G lo s s a r

AfV Aussc huß f ür Volks vorles un gen

Blen d gi ebel Ein v on der D achform bz w. Dachneigung lo sge löst aus-
geführter Gi ebel

D Demokratis che Partei

Ecklise nen Schmale, l eicht hervortreten de Mauerblenden an den
horizontal en Gebäudekanten

Eckr isalit e Au s der Fassadenflucht hervorspringen de Gebäude-
ecken, s iehe Risalit

Fenst ergesim se Aus der Wand herausragende horizontale Bauglied er,
die auf der Höhe der Fensterbrüstung über die gesamte
Fassad enbreite verlaufen

FAZ Frankfurter Al lgemeine Zeitung

FN Fu ßn ote

FNP Frankfurter N eue Presse

FR Frankfu rter Runds chau

FVP Freisin nige/Fortschri ttliche Volks partei

IfS Insti tut für Stadtgeschichte in Fran kfurt am Main

Lisene n Schmale, leicht hervortretend e Mauerblenden, die als
gesta ltende Elemente zur optischen Gliederu ng der Fas-
sade ei ngesetzt werden

5

MA Abkü rzung für den Archivbestand des Frankfurter Ma-
gis trats

NL Nationalliberal e Partei

Risal it Bezeichn et einen (oftmals nur leicht) aus der Fluchtlinie
und in der gesamten Höhe des Baukörpers hervortreten-
den Gebäudetei l. Befindet s ich der Ris alit in der Mi tte
der F assade, spr icht man v on e inem Mittelrisalit. Ris alite
an den Seiten.

rustiz ieren d D ie Steinl agen einer Fassade si nd durch s tarke, d.h.
deutli ch sichtba re Fugen g etrennt.

Sencken ber gSt ift Abkürzung für den Archiv be stand der Dr. Senckenbergi-
schen Stif tu ng

SNG Sencken bergische Naturforschende Gesell schaft

StVV Stadtverordn etenversammlung

QDA - Softwa re Speziel le Software zur Auswertung qualitativer Daten

6

7

E in leit un g

Anfang des 20. Jahrhunderts ents tand an der heutigen Senckenberganlag e in
Frankf urt am Mai n ein Geb äude - Ensemble in historisi erendem Architekturs til, das
bis heu te aus verschieden e n Bauten für ebenfalls verschi edene Einrichtungen be-
steht. Ein Teil dies es E nsem bles ist das J ügelhau s, das 1906 ur sprün glich al s Vor-
lesung sgebäude der Akademie für Sozial - und H and elswisse nsch aften e röf fnet
wurde u nd d as nach e inem Anb au ab 191 4 als das U niversitä tshauptgebäud e der
ersten Stiftungsunivers ität Deutschlands d iente. Im Lauf der Jahrzehnte hat sich
das Jügelhaus verändert: Der Ha upteingang wurde in den 1 950 er Jahren „moder-
nisi ert“ und fortan stand die schl ichte, rechteckige und verglaste Gebäu deöffnung
im Kontras t zur neobaroc ke n Fass ade. Auch die n ach dem Zweiten Weltkri eg er-
richteten A nbauten brechen mit dem historistischen Stil . In den 2 010er Jahren
erfolgte i n Frankfurt di e sukzessiv e Verlegung des Universi tätsstandorts „ Bocken-
heim“ an die neuen Standorte „Riedberg“ und „Wes te nd“ . Im Frühjahr 2014 be-
gannen sc hließ l ich umfassende Umbaua rbeiten am Jügelhaus, um das Gebäude
für die Zwec ke der Senckenberg Gesel lschaft für Na turforschung anzu passen und
das bena chbarte Naturkundemuseum zu erwei tern. Dafür erhält da s gesamte En-
semble unter a nderem komplett neue Dachaufbaut en, die das Ausse hen de s hi sto-
risti schen Ensembles dramatisch verä ndern werden: Statt grauer Schieferwalmdä-
cher krönen künfti g glänzende Aluminiumpaneel e die G ebäude.
Als ich 2010 mit der Untersuchu ng des Jügelhauses begonnen hatte, lag es ein-
gezw än gt in ein er im mer wieder erweiterten Gebäudegruppe. Der b auliche Zu-
stand pa sste zur Endzeitstimmung des durch die Frankfurter Goethe - Univer sität in
Auflösung befi ndlichen Campuss tandorts „Bockenheim“ : vor allem den Inn enräu-
men, aber auch seiner äu ße ren Erschei nung war a nzusehen, da ss dieses Gebäude
schon bessere Zei ten erlebt haben durfte. Welche B ede utung es für Frankfurt einst-
mals hatte, konnte ich i hm damals (noch) nic ht ansehen. Mit m einem Forschungs-
vorhaben, die Sinnkons titutionen für das Jügelhaus zum Zeitp unkt seiner Errich-
tung mittels eines eigens ausgearbeiteten , architektursoziol ogisch orientierten em-
pirisch en Zu grif fs fr eizule ge n, möc hte ic h zug leich e inen E inb lick in die ge -
sellsc haftlichen wie auch b aulic hen Dynamiken des damaligen Frankfurts sowie
de n Einf lus s der bür ger liche n Eliten auf die Entwicklung der Stadt geben. Das zu-
nächs t vielleicht nicht besonders bedeu tend anmutende Bauw erk entpuppt sich
vor dem dami t aufgespannten Hintergru nd als durchaus spektakulär .

8

In der Li teratur wird ü blicherweise die Akad em ie für So zial - und Hande lsw is -
sensc haften, für di e das Jügelhaus ursprünglic h erbaut worden war, als die Keim -
zell e der Universitä t betrachtet. Bei genauerem Hinsehen ist es aber vor allem die
räumliche w ie auch ba ulich e Zusamme nlegung wicht iger Fr ankfurter Ins titute an
der Viktor ia - Allee (heute Senckenberg anlage), die hier den Weg ebnete. Mit der
vorlieg enden Untersuchung zu den Entstehu ngsbedingungen und der baulichen
Realisieru ng des J ügelha use s sowie der weiteren Gebäude des Ensembles öffne ich
eine P erspektive au f städtische Architektu r, in der diese al s eine Ma terialisierung
sozial er Dynamiken erkennbar wird. Die Objektivation namens „Jügelhaus“ hat
dabei wei t mehr zu bieten, als bloß Vorbote einer Instituti on zu sein, die es zum
Zeitp u nkt der Gebäude - Einwe ihun g noch nicht gab .

Abbil dun g 1 : Das Jü gelh aus als A kademi e für Sozi al - und Hand elswissensch af ten .
Postk ar te aus d em Jahr 1 907.

Als am 21. Oktober 1906 das Jügel h aus in einem großen Festakt und mit Staats-
besuch aus Berlin sowie mit Vertretern an derer Hoch schu len feierlich eröffnet
wurde, war es schon zu diesem Zeitpun kt weit mehr al s bloß das neue Vorlesungs-
gebäu de der Akademie für S ozial - u nd Hande lswisse nsc haft en: Es w ar – neb en de n

9

weiteren In stituten, di e an jener Stel le bereits im Entstehen beg riffen waren – das
Material g ewordene Ar gu ment für d ie Gründung einer Universität in Frankfurt am
Main. Trotz des in der Ma inmetropole wie au ch in anderen S tädten des Deuts chen
Reichs vorh andenen bürgerlic hen Bildungsethos s tande n viel e Frankfurter B ürge-
rinnen u nd Bür ger einer Univer sität sgründ ung ehe r sk eptisch bis ab lehnend ge-
genü ber. Die Gruppe der Univers itäts - Befürworten den benötigte de sha lb Ar gu -
mente mit bes onderem Gewich t – und Stein wiegt bekan ntlich viel. Mi t den wei-
teren Bau ten, die in unmi t telbarer N achbarscha ft 190 7 un d 1908 fertigges tellt
bzw. eingew eiht wurden und die drei versc h iedene n Institute der Dr. Senc kenber-
gische n Stif tung beheimateten, bildet das Jügel haus ( bis heute) ein gestalteris ch
aufeina nder abgest immtes Ensem ble und wisse nschaf tlic hes Ze ntrum, d as a ls eine
entschei dende vorbereitende Maßnahme für die wen ige Jahre später (1914) ge-
grün dete erste Stiftungsuniversitä t Deutschlands betrachtet werden mu ss.

Abbil dun g 2 : Da s Wi ssensc haft sen sembl e an d er V ik tori a - Allee

Für das Jüg e lhaus s te ll te sich im Kon text der vorliegenden Arbeit die Frage, welc he
Ideen, Ma chtverhältnisse, Werthal tungen etc. sich mittels di eses Gebäudes objek-
tiviert bzw . sich über die Materiali tät des Gebäudes manifestiert haben. Um hi er
Antworten fi nden zu können, habe ich mit meiner Untersuchu ng in weitem Um-
griff d ie Ent steh ungsbed ing ungen de s Jüge lha uses in den Bl ick genom men u nd
mich da bei nicht nur auf rein soz iale Faktoren gestützt, son dern auch physisch -
materiel le Aspekte mit einbezogen. Das Gewicht lag dabei auf dem Kontext
„Stadt “, der sowo hl das Ge sellsch aft liche als a uch d as P hysisch - Materiell e umfasst
und in dem das Gebäude – erst als Idee und schli eß lich al s materielle Tatsache –
entstan den ist. Damit bezi ehe ich eine Pers pektive ein, die in em pirischen Unter-
suchunge n zu m Verhältn is von Arch itekt ur u nd Ge sell schaft bislan g no ch ke ine

10

Umsetzung g efunden hat. F ür die Fall studie hat sich außerdem ein wiss enssozio-
logisc her Zugang als besonders hilfrei ch erwiesen. Mit ihm richtet sich die Au f -
merksamk eit auf die sozialen Wi ssensvorräte, di e der g esells chaftlichen Kons truk-
tion der Wi rklichkeit und damit dem sozialen Handeln zugrunde l iegen. Über die
Rekonstruk tion dieser Wissensvorrä te bzw. ihrer Genese ist ein ti eferes Verständ-
nis d er sozialen Produkte bzw. Erzeu gnisse möglich, zu welchen au ch Architektu-
ren zäh len. Ihr so zial gem ei nter Sinn lässt s ich auf ba ue nd a uf der Rekonstrukti on
der Wisse nsbe stä nde nach z eichnen .
Die vorli e gend e Untersuchung ist explorativer Natu r. D as hei ßt, dass es mir
nicht da rum ging, be stim mte Vorannahmen über das Verhältnis von Architek t ur
und Gesell schaft zu überprüfen, son dern zu sondieren, welche Aspekte bei der
Entstehu ng der betrachteten stä dtischen Architektur ü b erhaupt rel evant waren . Es
war nicht von Anfang an geplant, aus der Studie eine wissenssoziol o gische werd en
zu lasse n. D ass e s schlie ßlich doch so gekomme n ist , er gab sich aus meiner Metho-
dolog ie, aus der Auswertungsa rbeit sowie aus der Suche nach Konzepten , die mir
als Werkzeuge dienen sollten, das Entdeckte theoretisch einbetten und benennen
zu könn en. Die wissenssoziologisc hen Konzepte, auf die ich mi ch nachfolgend be-
zie he und die ich in den Kapiteln 1 und 2 e ingehender erläu tere, haben sich dabei
als äußerst produ ktiv erwiesen und den Weg zu meinen eigenen, nachfol gend zum
Einsa tz kommenden Begriffen gewiesen.
Die Versc hriftlichung der vorli ege nde n Unter such ung i st keine ch ronolo gi sche
Dokumentati on des Forschungsablaufs. Im Wesentlichen verliefen Datenerhebu ng,
Ausw ertung und theoretische Schl ussfolgerung parall el bzw. nur geringfügig zei t-
versetzt. B ei den empirischen Ergebnis sen und der Ausdifferenzierun g der e inzel-
nen Erkenntni sse gal t es z udem, Elemente, welche j e nach Blickwinkel eine andere
Funktion in den entdeckten Dynamiken einnehmen , so darzus tellen, dass trotz er-
forderlic her Re dundanz en das Ande re de s je we ilige n Blickw inke ls d eut lich w ird .
Die Herau sforderung bei der Überführung meiner Ergebni sse in einen Text war
deshal b, das a uf mehreren Ebenen und auf ganz unterschiedl iche Weise G lei chzei-
tige i n ein nachvoll ziehbares u nd gut lesbares H intereinander zu bringen. Um ein er
besser en Nachv o llziehbarkeit und Lesbarkeit will en habe ich mich des halb für eine
Zweiteil ung der Arbeit en tschieden. In Teil A erläutere ich die th eoretischen und
methodolog ischen Überlegungen, die neben dem derzeitig en Forschungsstand
auch erste wie weitergehende theoretisc he Untermauerungen meiner empirischen
Befunde d okumentieren, d.h. Folgerung en, die erst aus der Empirie und im Zu-
sammenspi el mit bestehenden Theoriean sätzen entstanden si nd. In diesem Zusam-
menhang ha be ich eigene Begriffe gesetzt, die der Erklärun g u nd Benenn un g der
entdeckten P hänomene dienen un d die – bevor sie in Teil B bei der Dokumen tation
der Ergebni sse zum Einsatz kommen – eine erste Definiti on erhalten. Auc h den
Weg zum Fallbeispi el schildere ich etwas ausführlicher, in dem ich unter anderem

11

er läu tere, warum und auf welche Weise i ch meine Eingrenzu ngen vorgenommen
habe. Rela tiv viel Rau m geb e ich der Dars tellung m e iner methodis chen Vorgehens-
weise, da für die vorliegende Stud ie aufgrund d er besonderen Datenlage ei n eige-
nes Unt ers uchung sdesi gn er f orderlich wa r. T eil B umfasst die Ergebnisse der em-
piris chen Arbeit zum Jügelhau s bzw. die Ergebniss e der Datenauslegung , die als
eigen e „Geschichte“ geles en werden könn en. Sie sin d vermutlich auch ohn e eine
intens ive Lektüre von Teil A nac hvollziehbar und verständl ich. Die aus den Daten
gezog enen theoretischen Schlussfolgerung en am E nde von Teil B beziehen sich
wiederum auf die erörterte Theorie d es erstens Tei ls, ohne die g esamten Argumen-
tationen erneut aufzunehmen. Einen Überblic k über d ie Inhalte der bei den Be-
standtei le meiner Arbeit geben die nachfol genden Abschnitte.

Bisherig e architektursoziol ogische Ansätze, die den Zusammenhang von Gesell-
schaft und Arc hitektur aufzuschlüssel n versuchen, beziehen sich in a ll er Re gel nur
sehr wenig bi s gar nicht auf das di rekte bauliche Umfeld und dessen physi sch -
materiel len Aspekte, die aber in der von mir entwick e lten Perspekti ve einen be -
deutsa men Teil des Entstehungskon texts bilden. Überhaupt gerät der Entstehungs-
prozess von Architekturen nur selten in den Untersu c hungsfokus . Zwar werden
regelm äßig soziale Vorgänge in direkte Verbin dung mit architektonischen Ma teri-
ali sierungen gebracht, Arc hitekturen als die Grundlag en des Sozialen betrachtet
und Erklärung en für den s innhaften Umgang mit der gebauten Umwelt erarbei t et,
doch welc he Vorgänge es uns überhaupt ers t erlauben , spezifische S inngehalte mit
bestimmten Gebäuden zu verknüpfen, bleibt mit Aus nahme des wiss enssoziologi-
schen Ansatzes v o n Silke Steets (2013) in aller Regel erstaunlich offen. Steets ver-
anscha ulic ht auf theoretischer Ebene, da ss und wie an Archi tekturen ein sozial
vermittel tes Wissen geknüpft ist, das eben auch auf den Gebäudesinn hinweist.
In Kapit el 1 vera nscha ulich e ich anhan d des akt uelle n F orsch ungsstand s, a uf
welche W eise man sich Architekturen bislang sozi olo gis ch angenähert hat un d
gebe darauf aufbauen d einen theoretisch fundierten Ausblick auf meine eigene
Untersuc hungsperspektive, die vorha ndene Konzepte an ein igen Punkten weiter-
denkt bzw. i n neuer Weise zu sammenführt. Dabei verbinde i ch im Wesentlichen
wiss enssoziologische Perspektiven a uf die gebaute Welt, wie etwa von Silke S teets
und Mauri ce Ha lbwa chs, mit dem Konzept zur „ E igenlogi k der Städte“.
Mit dem Rückgriff au f die zuletzt g enannte Forschungsperspektive, die jeder
Stadt ein e spezifische „ Sinndynamik“ unterstel lt und dabei die v ielen untersc hied-
lic hen Einzelteile des städtischen Umfel ds i n den Blick nimmt, wie z.B. Alltags rou-
tinen, Machtverhältniss e un d Geschmac k der dort lebenden Menschen s owie die
baul iche Gestalt einer Stadt, arbei te ich heraus, dass es einen Unterschi ed für die
Sinn konstitution von A rchitekturen macht, in welcher Stadt sie erri chtet werden
und wei terhin, an welchem Ort in di eser Stadt. Den Eig enlogik - Ansatz denke ich

12

jedoch nicht nur an die sem Punkt weit er. Be sa g ter Ansatz spa nnt eine holistische
Perspekti ve auf die Stadt a uf und geht von der Hypothese aus, dass alle sich dort
vollziehe nde n Entw icklun ge n – sowohl bauliche als au ch gesellschaftlic he – durch
eine eigen sinnige und lokal spezifische Wirklic hkeit be einfluss t werden, die in je-
der Stadt, trotz g ewisser „Abwei chungen", in ein e spezifische, d.h. „typische“ Rich-
tung weisen. Man sucht deshalb nach dem generell en „Webmuster“ der au f den
untersc hiedlichen städtischen Ebenen wirkenden Sinnstruktu ren, die i n die s er
Stadt zu sammenlaufen. Die Eigenlogik - Thesen verbinde ich – a nger e gt du rch Si lke
Steets arc hitektursoziologi schen Theorieansatz – m it wissenssozi ologischen Über-
legung en und gehe davon aus, dass es für jede Stadt einen spezifischen , städtischen
Wissensvor rat gibt, den ich als eine besondere Form des ges ellschaftlichen Wissen s-
vorrats vers tehe und der s ich auf die Bauten, Orte und weiteren räumlichen wie
auch s ozialen Stru kt uren einer bes timmten Sta dt bezieht sowie auf i hre Ökonomie,
ihre Trad itione n und d ar über hina us gehende, dies e Stadt betreffenden Aspekte.
Das vorauss etzend folge ich der Annahme, dass sich Entscheidung en, d ie in Bezug
auf die baul iche Entwicklung einer Stadt getroffen werden , aus dem städtis chen
Wisse nsvorrat näh ren bz w. auf die sem f ußen . Er gibt den Rahmen vor, was in die-
ser Stadt ba ulich möglich ist und was nicht. Im empirischen Teil dieser A rbeit ver-
anscha uliche ich, w ie Fra n kfurt s gesell schaft liche r Wi ssensbest and de n E ntste -
hungsp roze ss des Jü gelhau ses und die Wah l des ba uli chen Ausdr ucks beeinflusst
hat.
Eine weitere in teressante wissenssozi ologische Ergänzung zum Eigenlogik -An-
satz si nd Maurice Halbwachs’ Überl egungen zum kollektiven Gedächtnis, da s er
als eine besondere Form (oder besser: ein en spez ifisch e n A ussch nitt) d es so ziale n
W issensv orrats betrachtet. Hal bwachs geht davon aus, dass die gemeinsamen Er-
innerung en sozialer Gruppen auch an das Material bzw. an bestimmte Orte gebun-
den si nd, dass sie also auf ein e materielle Weise „ repräsentiert“ w erden. Die kol-
lektiv en Gedächtnisinha lte erhal ten damit räumliche Ma rker, di e gleicherma ßen
erinnern d wie auch iden titätsstiftend w irken (können). Architektu ren nehmen
dann eine so zial - kohäsive Fun ktion ein . Die Verbindungsmögli chkeit von Halb-
wachs’ Idee n mit de m Ei genlogik - Ansatz zeigt sich in der beiden Konzepten ge -
meinsa men Vorstellung, nach d er sich durch d ie permanente Sedimenta tion des
Sozial en bestimmte Wiss e nselemente s o verdichten, dass s ie handlungsstruk turie-
rend wirk en bzw. den we iteren Fortga ng der gesellschaftli chen (wie auch der bau -
lic hen!) Entwicklung mitbestimmen.
Betrachtet ma n da s städtis che kol lekti ve Gedächtnis einer Stadtgesells chaft, so
beinhal tet es spezifische, genau dies e Stadt betreffende Erfahru ngs - b zw . Eri nne-
rungss edimente, die auf Wi edererkennung und eine Herstell ung von Ähnlichke it
in den Denkfiguren der sozialen Akteure ausgel egt sind. Durch das Gebundensein

13

koll ektiver Gedächtnisinhalte an konkrete Orte ergi bt sich für jede Stadt ein spezi-
fischer, ortsbezogener Wissens vorrat, der die Räu mlichkeit und Ma terialität der
Stadt mi t sozialen Ereign issen bzw. Erinnerung en verbindet. Diesen Wiss ensvorrat
nenne ich d as städtische kolle ktive Gedäch tnis , vo n dem ich anneh me , dass e s für
jede Stadt i n ganz spezifis cher Weise ausgeprägt i st und, ebenso wie di e weiteren
Wisse n selem ente de s st ädtis chen Wi ssen svorra ts, E influ ss a uf die E ntwick lung der
Stadt ni mmt. Mit der vorliegenden Fallstu die zeige ich unter anderem auf, da ss es
den städ tischen Eliten möglich war, du rch gezielte bauliche Ma ßnahmen be-
stimmte Gedä chtnisinhalte „ihrer“ Stadt in bes o nderer Weis e zu „konservi eren“
und dam it die st ädt ischen Wisse nsbestä nde ih ren Inte r essen gem äß zu b eeinf lus-
sen.
Genau g enommen ist die vorlieg ende Untersuchung keine „rein“ architekturso-
ziologis che, sondern vor allem eine stadtsoziol ogische. G erade die Rekonstru ktion
der F rankfur ter W isse nsbest ände in den Jahr e n um 19 0 0 herum , a uf d ie m an be i
den Entscheid ungen für de n Bau des Jü gelhaus es zur ückg egriffen hatte und die
eine wes entliche Rolle bei den damaligen Sinnkons titutionen des Gebä udes spie l-
ten, mac hte es erforderlic h, weit über di e auss chließlich das Jügelhaus betreffen -
den Inf ormatio ne n hina us z u reche rchier en und die Sta dt Frankf urt a ls Ga nzes in
den Bl ick zu bekommen. Für die vorli egende Untersuchung habe ich nicht nur Un-
terlag en h inz ugez o gen , in welch en durch die stadtverwaltend en Gremien – Ma-
gis trat und Stadtverordn et enversa mmlung – sowie die lokal e Presse der Entste-
hungsprozes s des Jügelhauses bzw. des Wissensch aftszentrums an der Viktoria -
All ee dokumentiert is t, sondern auch Literatu r zur Geschichte Frank furts vor al lem
ab dem 19. Jahrhundert. Eingeflossen sin d außerdem Daten zur S ozialstruktur so-
wie Informa tionen über die physisch - ma terielle Beschaffenhei t der gesamten
Stadt, i nsbesondere aber über die bei den Quartiere „ Westen d“ und „Bock enhei m",
die da s W issensch af tszentr um sa mt J üge lhau s ums äume n. Um eine n Bli ck für die
Frankfurter „ Eigenarten“ entwickel n zu können, habe ich e rgänze nd Lit erat ur zur
Entstehu ng der Großstädte im 19. und 20. Jahrhundert sowie umfass e nde Studien
zum Bürgertu m dieser Zeit ausgewertet.
Das Bü rgertum rückte deshalb bes onders in das Zentrum des In teresses, da es
in di eser Zeit in allen Großstädten ei ne enorme Gestaltu ngsmacht ausübte, di e bis
in den Stadtraum hinein sichtbar wurde. Bereits bestehende Stu dien zum Fran k-
furter Bürg ertum des 19. und beg innenden 20. Jahrhunderts wie auch d er Ver-
gleich mi t generellen Studien zu dieser gesellschaftli chen Gruppe lassen schließ-
lic h das Spezifische der Frankfurter bürg erlichen Eliten hervortreten. Erg änzt wi rd
die Datens ammlung der vorliegenden Studie durch Bild - u nd Planmaterial: Foto-
grafien d es Wi ssen schaft sze ntrums und de s Jü gelha uses, d es d irekte n und e twas
weiter g efassten baulichen Umfelds , Grundrisse und A ufriss e sowie Kata sterpl äne

14

haben visu elle Informationen zum Untersuchungsobj ekt bzw. Untersuchungskon-
text geli efert, die ich bei meinen Analysen systematisch berücks ichtigt habe.
Die Datensa mmlung selbst erf olg te gemäß dem theoretischen Samp li ng, wie es
in der Grounded Theory Methode zum E insatz kommt. D ie im Untersuchungspro-
zess au ftretenden Frag e n gaben bestä ndig die Richtung d er weiteren Recherchen
vor. Ein e gewisse Einseitigkeit der Daten erg ibt sic h aus dem Umsta nd, dass auf-
grun d des weit zurückliegenden B etrachtungszeitrau ms keine Intervi e ws oder B e -
fragung en durchgeführt werden konn ten. Keinerl ei Daten lieg e n darü ber vor, wie
etwa Frankfu rts Arbeiterschaft oder das Kleinbürg ertum zur Erbauung des Jügel-
hauses standen. Zwar sin d aus den Äußerungen mancher Stadtverord neter oder
aus d en Artikeln der lokalen Press e diesbezüglich einige Rü ckschlüsse möglich,
diese bl eiben aber weitestgehend spekula tiv. Es ergibt sich daher ein Bias in Ri ch-
tung jener Standpunkte, di e vor all em durch das damalige Fran kfurter Bürgertum
vertreten wurden . Das habe ich jedoc h pro duktiv dazu nut zen kö nnen, d ie Hand -
lungsd ynam iken innerh alb die ser städtischen El ite sowie de ren F unkt ionswe ise z u
reflektieren .
Auf das Untersuchungsobjekt bezogen e Zeitzeugen berichte waren so g ut wie
nicht zu f inde n. Äußer unge n von Einz elpe rsonen e rge be n sic h led iglich über die
Protokoll e der Stadtverord netenversammlung und des Magis trats oder aber über
die sch r iftli ch fixierten Erinnerungen des damaligen Oberbürgermei sters Franz
Adickes . Zum Teil fanden sich auch einige ha ndschriftliche Notizen in den a rchi-
vierten Ak ten einzelner Stadtverordneter, die letztli ch je doch wenig bis nichts über
die indiv iduellen Standpunkte verraten. Die Untersuc h ung subjektiver Handlu ngs-
motivati onen erfolgte daher nur i n Bezug auf Franz Adickes, des sen Motivationen
und Antri ebskräfte ich wiederum auf ihre „Passung“ in die Frankfurter Elite geprü ft
habe.
Methodolog isch am Paradigma der hermen e utis chen Wiss enssoziologie orien-
tiert, habe i ch für die Auswertung einen Method enmix zum Eins atz gebracht, der
auf die Da tenlage des hier untersuc hten Falls zugeschnitten ist, der aber sicherli ch
auch fü r andere architektu rsoziologische Untersu chung en zu produktiv en Ergeb -
niss en führen kann. Insgesamt habe ich parallel vier Analysesträng e bearbeitet, die
sich eine r seits a uf d iskur siv v erb re itete und textförmig vorlieg ende Informationen
stützen und anderers eits auf Bild - und Planmaterial. Für die Untersuchung der
Deb atten r und um die Ent st ehung vo n Jüge lhaus un d Wisse nschaft sze ntrum h abe
ich die wisse nssoziologische Disku rsanalyse nach Re iner Keller hera ngezogen. Mi t
dieser ließen sich zentrale Argumente und Legitimieru ngsstrategien offenl egen,
die im Zuge der Debatten zum Jügel haus - Projekt zum Einsatz kamen. Einige der
dokumenti erten Argumentationserfolge ers cheinen a us heutig er Sicht überra-
s chend oder schwer nachvoll ziehbar. Klärung bringt an di eser Stelle die Rekon-
strukti on der kumulative n Textur Frankfurts , in welcher das für dies e Stadt „Typi -

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sche“ in den sozialstruktu r ell en, politischen, ökonomischen wie auch baulichen
Entwic klun gen s ichtb ar wir d. Die kum ulativ e Te xtur für das F rank furt um 1900
herum habe i ch in Anlehn ung an Geral d D. Suttles un d Helmuth Berking erarbei-
tet.
Da sich das Charak teristische einer Stad t – nicht n ur, aber zu all ererst – in ihrer
baul ichen Erscheinung zeigt, habe ic h in einem weiteren Analysestran g Fotogra-
fien un d Grundrisspläne als Inform ationsquellen herangezogen, aber auc h Litera-
tur aus Ku nst - un d Architekturges chichte, die Anhalts pu nkte für das Spezifische in
den Frankfu rter Architekturen gegeben haben . In diesem Analysestrang erfolgte
außerdem ei n Ver glei ch der Frankfurter S tadtentwicklung zu den generellen bau-
lic hen Entwicklungen j ener Zeit. Auch wen n die entstanden en Architekturen al s
baul iche Sedimente der Stadt genau genommen Teil der kumulativen Textur sind,
habe ich ihre Untersuchung in ein er eigenen Analyse vorgenommen , da sich die
Datenbasi s hier doch sehr deutlich von den Quellen unterschieden hat, die ic h zur
Rekonstruk tion der kumulativen Textur v erwendet habe. Statt au f Soziologen und
His torikerinnen beziehe ich mich bei der Bewertung und Einordnung der Fran k-
furter Archi tekturen auf Ar chitektu rtheoretiker und Kunsthistorikeri nnen sowie
auf Fotogra fien. Die Erarbeitun g der Rekonstruktion der kumulativen Textur sowi e
der Besond erheiten und M e rkmal e der baulichen S truktur Frankfurts v erliefen im
For schungsp rozess i mmer e ng verzah nt.
Als weiteres Analysewerkz e ug d iente die von mir selbs t entwickelte segment ale
Lageplan - Analys e , eine dur ch Roswith a Breckne r s „visue lle Se gmenta nalyse “ an ge-
regte Au swertungsprozedur , mit der ic h systema tis ch den Kata sterplan von
1907/190 8 mit de m Sta ndo rt de s Jügelha uses und e inem größer en Umgr iff der
benachbarten Bebauung untersucht habe. Dies e Art de s empiri schen Zugriffs auf
die stä dtische Materialitä t ist ein methodis ches Novum, das s ich für die S ondierung
des r äumlich wie auc h phy si sch - materiell Besonderen des untersuc hten Gebiets als
äußerst g ewinnbringend erwiesen hat. Die L agep lanp lanana lyse ist e in sensib il i-
sierend es Instrument für d ie räumlich e Situation des betrachteten Bauwerks , das
zur Entwicklung w eiter - und tieferg ehender Fragestellungen im Kontext des Jüge l-
hauses bei getrag en hat. Aufgekommen sin d dabei Fragen, die sich aus de n re inen
Textinformati onen über den Standtort bzw. die Stadt nicht ergeben ha be n und die
mittels der Information en a us den anderen Analysesträngen beantwortet werden
konnten. Gleichzeitig haben die Erken ntnisse aus der Lagep lan - Analyse die Infor-
mation en der anderen Analysesträng e zum Teil in ein neues L icht gestellt. Di e aus
der Lageplan - Analy se resultie r enden Fragen h abe n dahe r eine n die A nalyse strä nge
verbinden den Effekt.
Zusamm e ngefü hrt habe ich die versc hiedenen Analysestränge m ittels einer S ys-
tematik, die dem axi alen Kodieren der Grounded The ory Methode entl ehnt und
darauf ang e leg t ist, die konstitui erenden Momente des Frankfurter Wissensvorrats

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auf jeweil s eine zentrale, sogenannte städtische Relevanz herauszust elle n. A ls städ -
tische Rel evanzen bezeichne ich d iejenigen B estandteile des städtis chen Wissens-
vorr ats, an welchen sich da s Hande ln und Entsche ide n de r sozia len Akt eur innen
und Ak teure orientiert u nd die bei der Aus wahl des „richtig en“ (d.h. an schlussfä-
higen ) Handelns im Kon text der Sta dt wirksam si nd. Di e zusam menf ührend e Aus-
wertungsprozed ur legt die Bedingu ngen und die Wirkungsweise von vier vers chie-
denen stä dtischen Relevanzen Frankfu rts zum Ents tehungszeitpunkt d es Jügelhau-
ses frei. Mit der Hera usarb eit ung dieser Relevanzen ergeben s ich Ei nbli cke in d ie
Sinn konstitutionen nicht nur für d as Gebäude s elbst, sondern fü r die baulic hen
Struktu ren Frankfurts i nsgesamt. Vor a llem aber treten deutli ch die machtstruktu-
rellen Ge gebenhei ten im untersuchten Zeitraum hervor. Sichtbar geworden sind
sowohl spezifische Elem e nte des s tädtisch en Wissensvorrats als auch die damali-
gen sozialen wie a uch politisc hen Dynamiken in der Stadt Frankfurt sowie ein
dichtes Netz an Interdepen denzen und Abhängig keiten, ohne die es nicht zum B au
des Jü gelh auses b zw . des W issenscha ftszentrums gekommen wäre und dam it ver-
mutlich a uch nicht zur Entstehung der Frankfurter Universität.
Teil B dieser Ar beit i st ganz de n emp irisch ge wonnene n Er kenntn isse n zum J ü-
gelha us - Projek t bz w. z ur E ntste hung de s W isse nschaft sze ntrums an der Viktoria -
All ee gewidmet, zu welchem das Jügelhaus z ählt. Um die Frankfu rter Sinndyna-
miken bzw . jene Elemente des städtischen Wiss ensvorrats verständlic h und nach-
voll ziehbar darzustellen, die im Entstehungsprozess des betrac hteten Gebäudes
zum T ra gen g ekommen sin d, waren teil weise umfangreiche Schilderungen histo-
rischer Ereig nisse oder besonderer Entwicklungen in Frankfurt erforderlic h. Diese
Schil derung übergeordneter gesel lschaftlicher Entw icklungen erhalten nachfol-
gend immer da nn etwas m ehr Raum, wenn sie bei der Genese des Frankfu rter
Wiss ensbestands bedeutsam waren. Gegliedert habe ich den T ext entlang der von
mir herausg earbeiteten städtischen Re levan zen des da maligen Frank furts. In vier
Kapitel n erläutere ich di e Entstehungs - u nd Rahme nbed ingu nge n sowie Merkm als-
ausp rä gun gen (1) einer auf den damaligen bürgerlic hen Werten beruhenden I de -
olog ie des Allgem ei nwohls , (2) ein es ausgeprägte n Strebe n s nach der Una bhä ngigk eit
Frank furts, ( 3) ei ne r in de r als r uhmr eich e rinne rt en Vergangenheit der Han d les -
und Mes sestadt verwurzel te n pragmatische n V erwertun g sorient ierung und ( 4) eine r
gewinnori enti erte n Flexibilität zur Überwindung von H indern issen im Projektver-
lau f. Herausgearbeitet habe ich da mit vier relevan te O rienti erungen, di e für das
Hande ln der bür ge rl iche n Elite Fran kfurts von g roßer Bedeutung waren . Sie mün -
deten in spezifische Handlungsstra tegien, welche wied e rum zu k o nkreten „ Ergeb-
niss en“ im Stadtraum geführt haben , wie zum Be isp iel z ur Erb auu ng d es J üge l-
hauses als Vorl esungsgebäude der Akademie fü r Sozia l - und Ha ndel swis sensch af-
ten als wichti gen Bestan dtei l eine s ganze n Wis sensch aft szentr ums.

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In meiner Ergebnis dokumentation waren an einigen Stellen redundante Schil-
derung en unumgänglich, da ma nche der in Fran kfurt vorzufindend en Aspekte bei
den jewei ls herausgearbei t eten städ tischen Rel evanzen jeweils unters chiedliche
Rollen gespi elt haben. Auch wenn damit zahlrei che Querverbindungen zwischen
den genann ten Relevanzen bestehen, ergi bt sich aus der Beleuchtung jeder ein zel-
nen Relev anz eine eigene P erspektiv e darauf, wie es trotz immer wieder aufkom-
mender Widerst ände zum Bau de s W isse nschaft szentr ums an der Vikto ria - A llee
gekommen ist. Dabei zeigt sich, dass der städtische Wissensvorrat Fra nkfurts in
Abhängig keit sowohl zu lokalen Entwicklung en a ls auch zu ges am tges ells ch aft li -
chen Er eignisse n stand . Die genan nten städ tisch en Rele vanze n, die s ich im Verla uf
der Geschic hte Frankfurts hera usgebildet ha ben, sind für die Org anisa t ion u nd
Weiterentw icklung des städtischen Wissensvorrats bedeutsam und gleichzei t ig
auch da f ür, wi e sich die Sta dt selbs t und damit ihre Architekturen weiteren twickelt
haben. Mi t dem Fallbeis piel „Jügelhaus“ zeig t sich jedoch nur ein k leiner, zeitlich
begrenzter A usschnitt. Di e für ein en Zeitraum vor mehr al s hundert Jahren her-
ausgearb eiteten Rel evanzen finden sich im Frankfu rt der Gegenwart nic ht mehr
eins zu ei ns w ieder, auch sie haben sich w eiterentwickelt. Dennoch – das z eige ich
im Fazi t zu meinen empirischen Betrachtung en – s ind einige A spekte in s ehr ähn-
lic her Form auch heute noc h spürba r. Ma nche der in Frankfurt v orzufindend en
Einstell ungen scheinen sogar seit mehr als hundert Jahren unverändert.
Der anal ytische Blick au f das Fallbeispi el Jügelhaus zeigt, da ss das Gebäude kei n
Zufallsprod ukt ist, dass es nicht all ein au s fehlenden Bauplatzal ternativen an der
Grenze von Fran kfurts nobelstem S tadtteil errichtet wu rde und dass seine bauli che
Erschein ung keiner gestalterisc hen Willkür unterlag. D as gil t für das gesamte Ge-
bäude - Ensembl e wissens cha ftlicher I nstitute, das an diesem Ort ent stand. De r Bau
des Wisse nschaf tsze ntrums war e in städtisch es G roß proj ekt, das e inigen Wide r -
ständen und Herausforderung en zum Trotz umges etzt wurde. Gelöst werden
konnten die im Projektverl auf aufkommenden Probleme durch das Ineinanderg rei-
fen der in Fran kf urt w irksa men st äd tischen Rele vanze n, d .h. i m Zu samme nspie l
der I deologi e des All gem einwo hls , d em Str eben na ch Una bhä ngigkei t , der pragmati-
schen V erwert ungsor ient ierthei t und der gewi nnorie ntie rten Fl exibil ität . Indem ich
die gen annten Relevanzen behandel e wie Kategorien, werden die komplexen ge-
sellsc haftlichen Prozesse, die Machtstruktu ren innerhalb der Stadt und die enge
Verbind ung von sozialen Vorgängen mit den baulic hen Resultaten sichtba r.
Die Einbezi ehung des physisch - materiell en Umfelds hat sich b e i der Her ausar -
beitung der Zusammenhänge als unverzichtbar erw ies en. Die v orliegende Studie
kann auc h als ein Be leg daf ür ver standen we rden, d ass stadt soziolo gisch e Betr ach-
tung en von der Einbeziehung der gebau ten Umwelt profitieren u nd dass umg e-
kehrt für a rchitektursoziol ogische Betrachtungen im Kontext einer Stadt sowo hl
das sozia le als auch das ph ysisch - materielle Umfeld nicht unberü cksichtigt bleiben

18

sollt e n . Den Forschun gsansatz „Eigenlogik der Städte“, der Städte a ls Ein heiten
versteht, di e auf jeweils spezifische Weise vergesellschaften, den ke ich mit der E in-
beziehun g der städtischen Materialität und meinen Konzepten zu städtischem Wis-
sensvor rat , städti schem koll ektiven G edächtnis sowi e den städtischen Re levanzen
weiter. Darü ber hinaus schlage i ch ein erklärendes Konzept dafür vor, au f welche
Weise di e städtische Ma ter ial ität und das Handel n der städtischen Akteurinnen
und Ak teure miteinand er verbunden sind. Zu den Ergebniss en der vorliegenden
Arbeit zähl en also nicht all ein di e empirischen Befunde, son dern auch die Au sar-
beitung ei ner neuen und pr oduktiven Methodol ogie für die Untersuchung städti-
scher Ba ustrukturen sowie ein aus d en Daten heraus entwickel tes theoretisches
Mod ell.

Abschließen d noch einige te chnis che Bemerkungen zur Textversion d er vorlie gen-
den Unt ersuch ung: D ass ic h in der Vers chrif tlich ung meiner E rkenntn isse und
Rücksc h lü sse konsequent be i der Ich - Pers pektive bleibe, ist dem theoretischen und
methodolog ischen Setting dieser Arbeit gesc huldet. In der hermeneutischen Wis-
senss oziologie geh t es nicht al lein darum, den Kontext des betrachteten Falls ver-
stehend zu in terpretieren, sondern auch die eigen e Position als Forscherin bzw.
Forscher offenzul egen und transpa rent zu halten. Über di e vor all em in Deutsch-
land üblic he Gesetzesmä ßigkeit, in w iss enschaftlichen Arbeiten Satzbildung en in
der 1. Person Singular tunlichst z u vermeiden, setze ich mich deshalb guten Ge-
wiss ens hinweg. Bei der Zita tion habe i ch auf die a merikanische Zitierw eise zu-
rückg e gri ffen. Sofern es sich nur um ein e oder maximal zwei Quellen handel t, auf
die ich mich beziehe, führe ich dies e im Fließtext auf, bei einem Rückgri ff auf mehr
als z wei Referenzen erfolgt die Quellenangabe der besseren Lesbarkeit wegen in
einer Fußnote. Quell enanga ben, di e sich au f Archiva lie n beziehen, sind gru ndsätz -
lic h in den Fußnoten zu finden.
Weiterhin habe ich die ausschli eß lic he Verwen dung d es gen erischen Maskuli-
nums vermieden. An Ste llen, an welchen e s mö glich war, habe ich gesch lechts-
neutral e Formulierungen gewählt, bei Aufzählung en oder wenn person enbezo-
gene B enennungen in dichter Abfolg e zum Ein satz kommen, verwen de ich den
Genus altern ierend (abwechselnd die männliche und d ie weiblic he Form). Da die
im Kontext di eser Arbeit bet rachteten En tscheidungsträg er durchweg Männer wa -
ren , erfolg t an vielen Stellen aus gegebenem Grund die ausschließ liche Verwen-
dung de r män nliche n Form .

Te il A:
T heo r eti s che Vo r üb er l egung en
und M ethod e

Architektu r ist sozial bedeutsam. Sie ist es deshalb, weil sie v on den Mitgliedern
der Gesell schaft überhaupt erst ermögl icht und ersc h affen wi rd und damit ein so-
zial es Produkt, ein Artefakt ist. Sie ist es aber vor allem, weil sie als T ei l der u ns
umgeben den materiellen Welt maßgeblic h E influss auf unsere All tagspraxis
nimmt. Ohne die gebaute Umwelt wäre unsere Zivilisation nicht d e nkbar und d as
Material , auf eine bestimmte Weis e aufgeschichtet, um ganz bestimmte Räume fü r
ganz besti mmte Zwecke entstehen z u lasse n, i st A uffo rder ung und Begr enzu ng
zugleic h: Es suggeriert bestimmte V erhaltens - bz w. Be wegu ngswe isen , dr ängt sie
regelrec ht auf, verhindert a ber gleichzei tig andere. W ir können nicht durch W ände
hindu rchgehen oder unsere Bl icke um die Ecke s chweife n lasse n. Erfül lt un s eine
große, repräs entative Eingangs h alle mi t edlen Materialien wie etwa Marm or und
Gold eher mit Ehrfurcht, so kann ein kleiner Bretterverschlag bei uns Bedrückung
und E nge au slöse n. A rchite kt ur nimm t unm ittelb aren E i nflus s nich t nur auf unsere
Empf in dungswelt, s ondern auf unse r gesamtes Hande ln.
Was also ist Archi tektur? Das Wort „ Architek tur “ leitet sich aus dem lateinischen
Wort für „ Bauk unst “ – archi tectura – ab. Architektu r spielt nicht nur beim Entwurf
und B au von Gebäuden eine R olle : auch Infras trukturen – ebenfalls Teil der ge-
bauten W elt – haben ein e Architek tur, weiterhi n spricht man von Softwa rearchi-
tekturen, pol itische n Architekturen, Unternehm ensarchitekturen, etc. Arc hitektur
steht im Sprachg ebrauch f ür Konst rukt ionen sehr unterschi edlicher Art. Gemein
ist all en diesen Archi tekturen jedoch eines: Sie sind – in der Regel für ei nen ganz
bestimmten Zweck – absichtsvoll e ntworfen . Der Sozi ologe Bernhar d Sch äfer s de -
finiert A rchitektur als g ebauten bzw. um b auten Raum und als e ine Praxisform ,
über welche „ die den Menschen umgebene Raumhülle in eine bestimmte, für ihn
nützl iche und ästhetisc he Form gebracht “ wird ( Schäfe rs 2006 : 28). Da s bew usst
– und womöglich sogar kun stvoll – gestaltete Gebä ude mit einem wohl überlegten
baul ichen ( und k ünstler isch en b zw. künstlichen ) Ausdruck entsteht grund sätz lich
mit ein er spezifischen Intention . Doch nic ht nur die Ges taltung allein un terliegt

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einem a bsichtsvollen Handeln, auch der Ort, an dem d ieses Gebäud e entsteht, ist
nich t zuf äl lig ge w ählt. Die Entscheidung für den Bau, für eine bestim mte Architek-
tur und vor allem auch für den konkreten Ort des Entstehens treffen sozial e Ak -
teur innen und A kte ur e au s ganz bestimmten Mot ivationen , Werthaltungen und
Ziels etzungen her aus.
Mit der Größe des Bauprojekts wä chst die Zahl der B eteilig te n, die gestal t ge-
bend auf das entstehen de Gebäude ei nwirken: E s si nd in de r Regel keine Einze l-
personen bzw . einzelne Privatpersonen , die den Bau beispielweise eines Eink auf -
zentr ums, e ines 30 - stöcki gen Bürotu rms , eines Behördenzentrum s oder einer
Woh nan la ge beauftragen und das Proj ekt wird nicht in allen seinen Stufen von
densel ben Personen umgesetzt . Bei großen Bauv orha ben si nd bei der Entschei-
dung f ür das P rojekt , bei der Bestim mung des Standorts u nd der Auswah l des Bau -
platzes immer m ehrere Akte urinne n u nd Akteur e beteiligt . Im Projekt verl auf sum-
mie rt sich die Zah l der daran Beteiligten. Der Entwurf ent steht ni cht durch eine
Arch itekt in im A llei nga ng, sondern meis t im Team und auch die Bauherren red en
mit. Be im Einholen der B augenehmigung prüfen wieder andere Person e n, ob die
Bauordnung ei ngehalten wird (die derein st ebenfal ls von sozi alen Akteuren fest-
gesetzt wurde) und ggf . übernehmen weitere Expertin nen die Gr ünf lächen plan un g
um das Gebäude herum, sofern das vorgesehen is t. Alle dies e Akte urinne n und
Akteure nehm e n Einfl uss d arauf, was ge nau a n einer b estimmt en Stel le in einer
bestimmten Bauweise, mit einer besti mmten Form un d bestim mten Materialien
steht. B ei ihren Entsc heidungen orienti eren sie sich ei nerseits an g esetzliche n und
physik alis che n Vorgaben (Bauordnung un d Statik), ab er auch an Wert - und Ge -
schmacksurteile n bzw. an de n Sinnstr ukt uren ihr er Leb ensw elt . Oder anders for-
mulie rt: S ie orienti eren sich an einem gesellscha ftlichen Wis sensvorr at.
Ohne ein Handeln, das sich an dies em Wissensvorrat orientiert bzw. das aus de r
Veranke rung i n diese m Wi sse nsvorrat Architektu re n entstehen lässt , wäre es für
die Gesel lschaftsmi t glieder n icht möglic h, den „Sinn“ ein es Gebäudes zu verste-
hen. Doch n icht nur bei m Entwerfen von Archi tekturen spielt da s gesellscha ftliche
Wiss en eine wichtige Rolle, sondern auch i m a lltä glic h en U mga ng m it ih ne n. I n
der Regel e rkenne n w ir mit dem Blick auf ein Gebäud e, ob es sich um Wohnungen,
Büros, Sch ulen, Krank enhä user etc. handelt und haben damit auch eine Vorstel-
lung davon, welche Art von Personen sich in diesen Ge bäuden aufhalten, welche
Art von Handlu ngen sich do rt vermutlich vo llziehen. Werden unsere E rwartungen
enttäus cht, ne igen w ir dazu , die Architektur entweder als avantgardis tisch, expe-
rimentel l, (post - )modern oder schl ichtweg als misslungen zu bezeichnen. Arch i-
tektur hat zude m e ine kontextabhängige sozial e Bedeutung . Zu diesem Kontext
zählt das soziale Umfeld genauso wie auch das bauliche: Gebäude wer d en üb li -
cherweis e nicht beliebig in der Topografie zu m Beispiel einer S tadt platziert, son-

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dern üb lich erwe ise in enger Abhängigkeit zu die ser. So wir d vermut lich k ein Di s-
counter i m Villenviertel entstehen und keine Villa mit Außenpool in einer H och-
hauss iedl u ng de s sozi alen Wo hnungsba us. F a lls doc h, sind Entrü stun g und so zi ale
Spannungen vorprogrammiert.
Am Beispiel des Jügel hauses in Frankfurt habe ich mit der vorliegenden Studi e
herausg earbeitet, welche Bestandtei le des gesellschaf tlich en Wisse nsvo rrat s d er
Stadt bzw. welche stä dtischen Relevanzen den Entsche i dungen f ür dieses Gebäu de
zugr und e lage n . De utlic h hat sich dabei gezeigt, dass Faktoren wie Machtverhält-
niss e, politische und ökonomische Dispositi onen, städtebauliche Entwicklungen
und so gar zur ück lieg ende h istori sche Ereignisse ei ne wichtige Rolle dabei ges pielt
haben, d ass 1906 d as J üge lhaus am Ra nde d es Ville nvier tels „Westend “ a ls Ak a-
demie für S ozial - und Handelswissenscha ften eröffnet wurde. S ichtbar geworden
sind die se Zusam menh äng e desh alb, wei l ich den Kontext Stadt sowohl als ein
soziale s als auch als e in ph ysisch - materielles Umfeld umfasse nd betrachtet habe
und nebe n sozialen, politischen, ökon omischen und historischen Entwicklun gen
Frankfu rts auch die (städte -) ba uliche E ntw ick lun g Ber ücksic hti gung gef unde n hat .
Während in bi sherigen architektursozi ologischen Untersuchungen zum Verhäl t-
nis von Architektu r u nd Gesellschaft der städtische Kontext tenden ziell vernach-
lässigt und seine phys isch - materielle Seite bei der Betrachtun g eines konkreten
Bau werks so gar gän zli ch unberücksichtigt bleibt, legt die vorliegende Studie genau
darauf einen Schwerpunkt. Die explorati ve Vorgehensweise hat zu e inem au s den
Daten entwickel ten theoretischen Konzept geführt, das die hinter der Entstehung
von stä dtischen Architek turen liegenden Dynami ken benennt und erklä rt. Die Neu-
heit der Untersu chungssystematik und des daraus entwickelten theoretischen Mo-
dells zei gt si ch de ut lich vor dem Hinterg rund der in den Ka piteln 1.1 bis 1.4 vor-
gestell ten Suchbewegu ngen, die bislang in der Architektursoziologie v erfolgt wor-
den sind . A ufb auend a uf diese n A usfüh r ungen er öff ne ich me ine eigene
Perspekti ve , welche die Stadt als Kontext in umfassender Weise in die architek tur-
soziol ogische Untersuchung mitein bez ieh t (Kapitel 1.5 und 1. 6 ) . In Kapitel 2 er -
läu tere ich n ach einem Exkurs über den W e g, der m ic h zum Fa llbe is piel „J üge l-
haus “ geführt hat , die methodologisch en Grundlagen dieser Arbei t sowie das For-
schun gsdesig n, das z ur „E ntdeck ung“ der st ädti sch en Relev anzen u nd ihrer
Bedeutu ng für die Entstehung s t ädtis cher Architekturen geführt ha t.

22

1
Fo rschungsp er spek ti v en a uf d a s V er hä l tni s
v o n Ar c hi tek tur und Ges ell sch a f t
Als Ber nhard Sch äf ers 200 3 zum er sten M al se inen B and „ Archite kturso zio logie“
veröffentli cht, stellt er im Vorwort fest, das s unter den „speziellen Soziologi en […]
die Archi tektursoziologie im deu tschen Spra chraum keinen eig e nständigen Stel-
lenwert erha lten “ habe (Sc häfer s 2006: 9). T rot z des sogena nnte n „spat ial tur n“
Ende de r 1980er bzw. A nfang der 1990er Ja hre in d en K ultur - u nd Sozia lwisse n-
schaften , der den lange Zeit in den Gesellsc haftsbetrachtung e n ausg eb lendeten
Raum als s oziale bzw. ku lturelle Größe in d en Blick nimmt, blieben in soz iologi-
schen B etrachtungen Gebäude, I nnenräume und Städte al s besondere und „je ei-
gene“ Rau mform wie in d en Jahrzehnte n zuvor noch immer ausgebl e ndet. Im
Zentrum des Paradigmenwechsels in den Kultur - und G ese llschaf tswi ss enschaften
stand z unächst ein abstrakter oder geog raphischer Raumbegri ff (Schöttker 2011:
4), der dem Gesc hichtsdenken der Mod erne ein postmodernes Geg engewicht zu
geben vers uchte (vgl. Döring /Thielmann 2008: 8). Erst in neuerer Zeit rück en
auch Gebäu de, Städte und Infrastrukturen in den Blick der kultur - und so zia lwis -
senschaf tlich en F rageste ll ungen. Innerhalb der Soziologie hat man sich n ur zöger-
lic h dem Verhältnis von Architektur u nd Gesellschaft ge nä hert, a uch we nn m an
innerh alb der D iszip lin nich t von e iner grund sätzlich en Ignora nz gege nüber Arch i-
tekturen u nd gebaute r Umwelt sprechen kann . Schon bei den Kl assikern der S ozi-
ologi e f inde n sich Üb erleg ungen zum Verhä ltnis v on Gese llschaf t und phy si sch -
materiel ler Umwelt, d ennoch gibt es bis heute immer noch kaum Versuch e, das
komplexe V erhältnis theoretisch u mfassend zu durchdring en. E mpirische Studien
bleiben i n der Re ge l bruch st ückhaf t.
Bernhard S chäfers vers teht unter Arc hitektursozi ologi e die Unters uchung der
„Zus ammenhänge von gebauter Umwelt und sozialem Handeln unter Berü cksich-
tigung der technischen, ökonomisc he n und poli tischen Voraussetzungen“ und
schl ägt vor, dabei fol gende Aspekte zu berü cksichtig en: klas sen - , geschlechter - un d
kultursp ez ifisch e Rauma neig nungsmu ster , Deutung der gebauten Symbolik und ih-
re r Semantiken und Codie runge n, Wand el in der Arc hit ektu rspra che und w ie die ser
mit den sozialen und ku lturell en Entwicklungen zus ammenhängt sowie die (sozi -
a le ) Praktik des Bau ens , um z.B. den Be ruf des Arc hite kten näh er in de n Bli ck zu
nehmen ( vgl. Schäf ers 2006; 2009) . Eine eigene theoretis che Konzeption, die all
das zu vereinen verspric ht, l egt Sc häfers jedoch nicht v o r und das gi lt auch f ür d ie
große Mass e architektursozio - logisc her Arbeiten , die si c h sowohl auf theoretischer
als auch auf empiri scher Ebene mit den jeweils genannten Teilaspek ten bef asse n.

23

Dass das enge V erhältnis von Architektur und Ges e ll schaft in soziologis chen
Analys en lange Zeit nicht in sein er umfassenden Komplexität B eachtung gefunden
hat, is t mitunter der Zu rückhaltung g eschuldet, die Dingwel t bzw. Artefakte a na-
lyti sch wie auch begrifflich als Teile des Gesells chaftsgefüges zu fassen bzw. si e als
an den Ver g esellschaftu ngsprozessen beteil igt zu sehen . Seit ihrem Bestehen als
wisse nschaf tl iche D iszip lin t endie rt die Sozio logie daz u, sic h auss chlie ßl ich auf d as
„eige nt lic he “ Soziale mit dem Fokus auf Interaktion und Kommunikation zwischen
den soz ialen Akteurinn en und Akteuren zu b esc hränke n (vgl. D elit z 2009a) und
„hat s ich grundbegriffl ich als Theorie reiner S ozialwel t den Zugang zu technischen
und ästhetis chen Artefakten als Kultu rleistungen des Menschen weitg ehend ver -
baut.“ (E ßbach 20 01: 1 23) Glaubt m an He ike Del itz , e iner Vorrei terin in der ar -
chitektu rsoziologischen The oriekonzepti on , bedürfe es f ür ein e theoretische wie
auch be griff lich e Fass ung d es Ver hältn isses v on Gese llsc haft z u Dinge n und Ar te -
fakte n „einer Neuj ustierung der allgemeinen Soziolo gi e : einer Ne ujust ierun g der
Grundbeg riffe des Sozialen . “ (Delitz 2 009 a: 15) D elitz ist davon überzeugt , dass
man „da s So zi ale “ in der so ziol ogischen Theorie grundsätzli ch ne u fassen müsse ,
und schlägt im Rahmen ihrer architektursoz iologischen Theorie n eu besetzte
(Grund -) Begriffe vo r . Einen anderen Weg beschreitet Sil ke Steets (2013) , d ie a uf
ein gewinnbringendes Zu sammenschließen v orhandener Perspektiven s etzt und
angereg t durch die wissenssoziol ogischen Überlegungen von Berg er und Luck-
mann zu ei ner e igenen und ne uen architektu rsoziologischen Konzeption kommt ,
ohne dafür etablierte B egriffe und Konzepte der S oziolog ie völlig auf den Kopf zu
stell en, sie dafür aber i n ne uen Zus ammenh än gen denkt .
Das Interes se an der Untersuchu ng des Verhältniss es v on Archi tektur und Ge-
sellsc haft hat in den letzten Jahren ein en regelrechten Boom erlebt: In der Deut-
schen Ges ellschaft für S oziologie gibt es inz wische n in der Sektion Stadt - und R e-
gion alsoziologie ei ne Arbeitsgru ppe „Architek tursoziologie“ ; d ie Z ahl der Pub lika -
tionen u nd Monografien, die sich explizi t mit diesem Thema auseinandersetz t, ist
kontin uierlich g estiegen ; i n zwis chen liegen ganz verschiedene Zugänge ei nes Mit-
einbezi ehens der Architektur in die Untersuchung des Sozialen vor. Auch die Klas-
siker der S oziologie, die erste archi tektursoziologisc he Ü berleg ungen avant la
lett re vorgelegt haben, fanden in den letzten Jah ren ve rstärkt Bea chtung , w urden
aufgegri ffen und weiterentwickelt . 1 Auch wenn es auf Ebene der Theoriekon zep-
tion immer noch Nachholbedarf gi bt, erweist s ic h Be rnh ard Schä fers Be fund , dass
Architektu rsoziologi e keinen eigenen S te ll enwert habe, inzwi schen als überholt.
Im „H andbuch Spezielle Soziologien “, 2010 von Georg Kneer und Markus Schroer

1 Siehe den Sam melba nd „ Die Arch itektur de r Gesellscha ft “ vo n Joachi m Fisc her u nd Heike D elitz :
Hier denken Auto rinnen und Auto ren die a rchit ektur soz iolo gischen „Keim lin g e“ d er Kla ssi ker w ei-
ter , um zu syste mati sche n archit ek turso zio logische n An al ys en z u k omm en (Fischer /Delitz 2009).

24

veröffentli cht, wird Arc hitektursoziol o gie z.B. ganz se l bstver stän dlich neben Ar-
beits - und Industriesoziologie, Bildungssoziol ogie, Familiensoziologi e und all den
anderen „g ängigen“ speziell en Soziologien g enannt und beschri eben (Kneer/
Schro er 201 0).
Was Architektu r in der Gesell schaft eigentlic h ist bzw. in wel cher Weise beides
mitein ander verbunden ist, wird i n den bestehenden architektursozi ologischen Ar-
beiten ganz unters chiedlich betrachtet. Das ist vor allem der Theorien - un d Metho-
denviel falt innerhalb der Soziologie g eschuldet. Je nach Perspektive auf di e Mikro -
oder die Makroebene des Sozial e n, auf Handeln oder Struktur, auf Individuum
oder Gesell schaft, S ubjekt oder Objekt, und j e nach Reich weite der Perspek tive auf
allgem eine Phänomene oder auf speziell e – die damit jeweil s verbundenen Mo-
dell e und Methoden sin d u nz ähli g. Zur Systematisi erung der verschi edenen For-
schungs perspektiven, di e an alysieren , „ wie Dinge oder Gebäude sinnha ft auf sozi-
ales Hand e ln bezi ehungsweise auf gesells chaftliche Strukturen bezogen sind“
(Ste ets 2013 : 14) , s ch lägt Silke Steets vor, in drei Ha uptherang e hen sweise n zu
untersc heiden : (1) Gebäude können als materialisie rte Str ukturen und Gr undlage
des Soz ial en 2 begri ffen und analysiert werden oder aber man betrac htet (2) die
sinnha ften Mo di d es Umga ng s mit Dingen bzw. Gebäu de n , die sich aus den hand -
lun gs - bzw. praxis or ienti ert en Theorien ergeben ; (3 ) j üngere poststrukturalis tische
Ansä tze gehen von einer unmittelbare n sozialen Ef fektivität der Di ngw elt au s. Steets
hat in i hrem Bestreben „ die Stärken der drei formulierten Hauptpos itionen in e i-
nem Modell zusammenzuführen“ ( ebd. : 42, Hervorhebung TE) eine n wis sensso zi-
ologisc hen Zugang herausgearbeitet , der wiederum nach dem s innha ften Aufba u
der geba uten W elt fragt und dem ich in der nachfolgenden Da rstellung vorhande-
ner Forschu ngsperspektiven ein en besonderen Stellenw ert geben möchte . Ich
greife au ßerdem Steets‘ vorgeschlagene Systematisi erung der verschiedenen Per-
spektiven a uf und setze eigene Schwerpunkte. Auch w e nn die na chfo lgende Aus-
wahl a rchitektursoziologischer Pers pektiven keines falls vollständig ist , illustriert
sie wesentlich e und wiederkehrenden Fragestellu ngen im Rahmen der Unters u-
chungen, die das Verhäl tnis bzw. die Verbindung von Architektur und Gesells chaft
aufzud ecke n ve rsuche n.

2 Silke Steets (201 3) sp richt in i hrer Disku ssio n beste hen der ar chitekt urso zio logische r Übe rlegu n-
gen b ei e iner der wic htige n Hau ptperspekt iven von Gebäu den al s ma terialisi erte St rukture n de r
Gesells chaft. Tatsächli ch bet rac hten ab er di e An sä tze , di e si e er lä ut ert und d ie ic h um ein ige an -
dere Vert reter sowie um e mpirisc he Unte rsuchu ngen e rweitert habe, die gebaute W elt i mmer auch
al s Gr und lag e v on Verg ese lls c haf tun gs pr oze ss en. Desh a lb ben enn e ich di es e Per sp ekt iv e en tsp re -
ch en d anders a ls Steet s.

25

1 .1
G ebä ud e a ls G r und la ge von Ver ges ell sc hafts prozess en
Bereits b ei den Klassi ker n der Soziol o gie finden s ich Perspektiven, die eine Wec h-
sels eitigkeit im Verhä ltnis von Architektu r und Gesell schaft annehmen, ohne
gleichzei tig eine explizite architektursoziol ogische Theorie zu konzipieren. Dazu
zählen z .B. di e Überlegungen von Georg Simmel , vo n Norbert Elias , von den
Schöpfern der „ sozialen Morpholog ie“ (Durkheim und sein e Schüler Mauss und
Halbwachs) u nd von K ar l Mar x . Diese S oziologen geh en davo n aus, d ass s ich ge -
sellsc haftliche Verhäl tnisse nicht ein fach nur in den gebauten S trukturen und Ar-
chitektu ren „zeigen“, sondern dass das Gebau te maßgeblic h das Gesellschaftliche
mit beein flusst bzw. bestimmte sozi alen Struktu ren übe rhaupt erst „ funktionieren“
lässt. In den Bl ick rück en dabei die objektiven Sinngehalte, die sich in Architektu-
ren mani festieren und wied e rum auf d as sub jekt ive Be wusst sein e inw irken. Auf -
bauend auf Elias oder Marx sind außerdem Rezeptionen entstanden, welche d ie
jeweil igen Positionen wei terentwickel t habe n.
In der von Georg Si mmel ( 1858 - 1918) entfa lteten P erspektive auf den Zusam-
menhang räumlic her und gesellsc haftlicher Entwicklungen wird das S oziale archi-
tektonis ch im Raum „fi xiert“: Gebäude v ersteht Simmel als s tabilisierende „Dreh-
punkte“ sozi aler Beziehungen (Simmel 1983: 472 ff. ), d ie zum Be ispie l die E rinn e-
rung en einer religiösen Gemeinschaft verstetig en oder soziale Über - und
Unterordnun gen legitimieren (Delitz 2009: 36). Simmel eröffn et weiterhin eine
Perspekti ve, in welcher der Raum das Ergebnis sozial er und Ges e llscha ft wiederum
das Res ult at räuml icher Pr oz esse ist ( vgl . Simme l 198 3: 467). Bei den Betrachtun-
gen z um Raum und zu d en räum liche n Or dnun gen d er Ges ellsch aft setzt er sich
zwar nicht konkret mit Architektur auseinander, stellt aber eine Wechselwirkung
zwischen dem Ra um und dem S ozialen fest. Unters chiede in den Formen der Ver-
gese llsc ha ft ung sieht S imm el in einem engen Zusammenhang mit den jeweiligen
For men der Raumnutzu ng und Rau maneign ung : U nterschiedliche Ges ellschaften
bring en untersc h iedlich e Räume hervor (vgl. Schäfers 2006: 3 2). Vielmehr als den
Hinw eis zur we chselsei tigen Bedingtheit von Sozialem und Gebauten leisten Sim -
mels Ü be rle gun gen al ler din gs n icht .
Hans - Pa ul Bah rdt (1918 - 1994) stellt i n seinen Überlegungen zum Verh ält nis
von Gebautem und Sozialen und re sultie rend aus der Betrachtung der mod ernen
Großstadt e inen deut liche n Zusam menh ang zwischen gesellschaftli cher Entwick-
lung und d er En tw icklun g v on Bautypen her. Gerade in den Großstädten sc hreite
d ie Trennung von pri vater und öffentl icher Sphäre im mer weiter fort u nd e r fo lge
– nicht zuletzt aufgrund entsprechend er baulicher Maßnahmen – in e iner i mme r

26

deutli cher erkennbaren Form. Die Trennung von Wohnen und Arbeiten ermögli-
che es, dass an der Wohnungstür der private, d.h. ein v on der Öffentlichkei t sorg-
fält ig a bge sch irmt er Bereich, beg innt. Die fortschreitenden Veränderungen in
Struktu rierung und räumlicher Lokal isierung von Arbeit bereite mit den g leichzei-
tigen bauli chen Entwicklungen im Grunde erst der T re nnung von öff entlich und
privat den Weg, was wiederum beson dere E ffekte auf das soziale M iteinander habe
(Bahr dt/Her lyn 200 6). Sozialisierung u nd Verhaltensreguli erung erfolg e deshalb
auch dur ch die Archite ktur : Mit dem Ba ubloc k verfestig e sic h d ie „Polar itä t vo n
Öffentlic hkeit/Privathei t als Prinzip der bürgerlichen Ge sellsch aft“ und sei damit
auch an der Erschaffung der bürg erlichen Subjekte und deren Form des Po li tischen
beteili gt (Delitz 2009: 34). „Austr agungso rt“ diese s Er sch affung sproz esses i st für
Bahrdt die Sta dt. Er betrachtet die Großstadt al s Referenz für di e parallele En t-
wicklung g esellschaftl icher wie auch ba ulicher Strukturen und l egt se inen F oku s
auf die obj ektiven Si nnstrukturen, di e ihm z ufol ge von Architek turen verkörpert
we rde n, indem sie d as b ür gerliche Su b jekt, das erst in einer bestimmten räumli-
chen Umgeb ung r ichti g zur Ent faltun g kom me , mit erschaffe. Weiter ba ut Bahrdt
seine Überl egungen allerdings nicht aus und bleibt bei der Beschreibung des von
ihm angen ommenen Zusammenhangs an der Oberfläc h e.
Etwa s konkreter wird da Norbert E lias (1897 - 1990) , d er für das Ver hältn is von
Architektu r und Gesellschaft sowohl konstituieren de a ls auch stabilisieren de Ele -
mente diagno st iziert . In seinen Forschungsa rbeiten interessiert sich Elia s vor allem
für d ie Verb ind un g von Indi viduum und G esellsch aft un d in welchen Abhän gigkei-
ten d as In divid uum ste ckt ( „Fig uratio nsso zio logie “; v gl. E lias 20 00), aber auc h, in
welcher W eise sich ges ellschaftlicher Wan del vollzieht („P rozess - “ bzw . „Z ivi lis ati -
onssozio logie “; vg l. Elia s 1997, 2000). D abe i entw icke lt Elia s den G eda nken, d ass
parall el zur Weiterentwick lung der Gesellscha ft auch Architektur ei nem fortwäh-
renden Entw icklungsprozess unterlieg t . E lias Perspek t ive auf die phy sis ch - materi-
elle U mwe lt , die räumliche Struktu ren letztli ch als d as E rgebnis sozia ler Pro zesse
versteht, vers pricht für di e Gesell schaftsanalyse ei nen Erkenntnisgew inn darüber,
in welcher We ise das Gebaute an g e sellsc haftlichen Entwicklungen und dam it an
der Hervorbrin gung von Sin nstrukt uren beteiligt is t.
Im F okus seiner Untersuchung der höfischen Gesellschaft zur Zeit L udwigs XIV.
im 17. J ahrhunde rt be fas st sich El ias m it dem Z usamm enhang von Wo hnve rhält -
nissen u nd soz iale n Struk tu ren (Elia s 1975) . Er entdeckt dabei, dass die Beziehun-
gen der h öfische n G esel lsch aft sich in einer j e spezifischen Anordnung der Räume
widerspi egeln. In den Grundris sen der höfis chen Wohnstätten werde die hierar-
chisc he Position und soz iale Fun ktion des Hausbesitzers sofort erkennbar. Elias
versteht „ Wohnstrukturen als Anzeiger gesellscha ftlicher Strukturen“ und erkennt
in der Arc hitektur ein en „höchst anschaulichen Zugang zum Verständnis bes timm-
ter gesel lschaftlicher Bezi ehungen“ (Elias 197 5: 71). In seiner Zivili sationstheori e

27

schl ießlich „repräsentiert die ›Archite kt ur‹ ein profession elle s Ordn un gswissen und
Gestaltu ngshandeln, um v o rgefun dene Räume respektive Raums ituationen zu ge-
stalten. “ (Schub ert 2 009 : 52) D as Ma terial, indem die Menschen leben, erinner e
sie wei terhin an ihre eigene soziale Positi on: E s ist e in – übrigens auch körp er lich
spürbarer – Unterschied , o b man in einem Palast lebend die groß zügige n He rr-
schafts gemächer bewohn t oder un ter dem Dach ein e beengte Diens tbotenkammer
(vgl. E lias 1975 : 68f f.). D as Gebaute sorg e tagtäglich dafür, dass dem Einzelnen
die eig ene soziale Position buchs täblich vor Augen gehalten und in den Leib ein-
gesch rieben wird. Wenn E l ias Wohnstruktu ren als „Anzeiger“ ges ellschaftlicher
Struktu ren bezeichnet , bedeutet das jedoch keineswegs, dass er Architektur als
„passive n Ausdr uck “ verste ht . In Elias Perspektive ist die Ges ellschaft ein e, „die
sich im Modus des Anzeigens, des Repräsentieren s überhaupt erst herstellt“ (Steets
2013: 1 5).
B asiere nd a uf E li as’ Arbeiten z ur Architektur als Teil des Zivil isationsprozesses
sind versc hiedene neuere Untersuc hungen und Konzepte entstanden. D er Arch i-
tekt und Soziolog e Peter R. Gl eichm ann (1932 - 2006) hat zum Beispiel die „ve r-
schied enen am Architekturprozeß beteilig ten Menschen und Menschengru ppie-
rung en i n ihren wechs e lnden Mac htbalancen langfristig beleuchtet.“ (W eresch
1993: 27) Dabei verweist Gleichmann u.a. da rauf, dass im zivilisatoris chen Prozess
auch Gebäu de daran beteilig t seien , dass die Me nsche n Fre mdzwänge in Selb st-
zwän ge um wandeln, etwa indem sie gelernt ha ben, „ihre affektiven Impu lse und
ihr Verhal ten entsprec hend den symbolisc h vermittelten Herrsc haftsansprüchen
der Bauten zu regulieren.“ (ebd.: 30) Die bauli chen Veränderungen im Bereich des
Wohnens, die zu nehme nde Entstehung spezi eller Funktionsräume für die alltägli-
chen Lebensabläu fe, wie etwa die Ausweisung abges onderter Bereic he für das
Schla fen und vor a ll em auc h für die Körperhygien e, wie etwa Toiletten, führten z u
veränderten Gefühlslagen, wie etwa aufkommende Peinlichkeits - und Scha mge-
füh le (Gleich mann 20 06: 1 32).
Herbert S chubert schl ägt auf bauend auf E lias ’ Übe rle gun gen eine empi rische Ar-
chitektu rsoziologie vor . In Anlehnung an Elias‘ „Triade der Grundkontrolle“, über
den sich de r E ntwick lungs st and von Ge se llschaft en bes timm en lasse ( E lias 20 00:
173) , le itet Sc hubert ab, dass Arc hitektur den s oz ial en Akteuren a uf drei Ebenen
Kontrol le erm ö glic he 3 (Sch ube rt 2009 : 52) : (1) auf Eben e der „außermenschl ichen

3 Sc hu ber t v erz ic h tet v oll stän d ig auf di e Übe rna hm e der Eb enen - Benennung, w ie sie Elia s vorge-
nomme n hat u nd nutzt das Konz ept sehr f rei. Zu r bessere n Vera nschaulichu ng habe ich El ias’
Formulierunge n in Anführu ngszeichen u nd Schuberts E bene nbezeich nung kur siv gesetz t. Elias h a t
die Tria de im O riginal wie folgt be schriebe n: „Der E ntwicklu ngssta nd ei ner Gesel lschaft lä sst sich
besti mmen 1 . nach dem Au smaß ihr er Ko ntrollcha ncen üb er auß erme nschlich e Gesch ehensz u-
samme nhäng e, also übe r das, was wir etw as un schar f als »Na ture reigni sse« b ezeic hnen; 2 . na ch
dem Aus maß ihre r Kontro llcha ncen über zw ische nmensch liche Zusa mmenhä nge, also über das ,
was w ir g ewöh n lich als » g esells chaftlic he Zusa mme nhänge« bezeic hnen; 3 . nach dem Au smaß der
Kontro lle j edes einz elnen ihrer A ngehöri gen übe r sich selbst al s ei n I ndividuu m, das , w ie abh ängig

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Gesch ehenszu samme nhän ge “ (El ias) diene Architektur dem Menschen als Schutz
vor Nat urere ignisse n und se i damit Zei chen der Beherrschung der N aturgewalten
durch di e Gestaltung baulicher Kons truktionen und reprä sentiere Technolo gieent -
wickl ung (Schubert) ; ( 2) auf d er „zwis chenmenschl ichen Eb ene“ (E li as) le is te Ar-
chitektu r einen „Beitrag zu r baulichen Symbolisi erung und räumlic hen Strukturie-
r ung de r ge se llsc haf tl ic hen Verhältniss e “ u nd verkörpere desh alb „den Ent wick -
lungssta nd und d ie Differenzierung der Gesellschaft“, d.h. den Stand der
Zivilisierung ( Sc hubert ) ; (3) au f Ebene der Psy chogenese (Schubert) wies en Archi-
tekturprodukte „ den Individ uen ih re n ge sellsc haf tliche n Pat z im R aum zu un d so -
ziali sier t en sie über die Gestaltung von gesells chaftlich determin ierten Restrikti o-
nen g ebauter Räume “ (Schu ber t 2009: 52) und hätten damit An teil an der „Selbst-
kontroll e der Individuen“ (Elias).
Schubert entw icke lt in zwe i versch iedenen A ufsät zen (S chub ert 2005 , 200 9) ein
„Mehrebenen modell […], das gebaute Manifes tationen und ihre Planunterlagen
als Gege nstä nde der sozi ologisc hen Erf ahru ngsb ildu ng ersch ließt . “ (Schubert
2005: 1) De r Sozio lo ge h at sich im V orf eld mit Sozia lr aumana lysen befa sst und
gemeinsa m mit Marlo Riege einen Sammelband zur M ethodenviel falt dieses Un-
tersuchu ngsbereichs herausg egeben (Rieg e/ Schu bert 2002 ). Die in der S ozial-
raumanal yse vorkommende Methodenvielfalt hat Schubert sic herlich da zu an ge-
regt, au ch bei der Konzepti on zur Untersu chung des V erhältnisses von Architektur
und Gesell schaft ein breites Spektrum an Fa ktoren in die Ana lyse mit einzubezi e-
hen.
Mit seiner „ Soziologischen Mehr e benen - Archite kt ur a n alyse “ kö n n t en „Architek-
turproduk te u nd die Figurationen des Produ ktions - so wie Nu tzun gs prozesses im
mikrosozi alen Kontext des räumli chen Nahbereichs, a ber auch im mesos ozialen
Kontext größerer zus amme nhängen der Siedlungsbereiche sowie im makrosozialen
Kontext von n ationalen und globalen Siedlungstypologi en […] untersucht wer-
den.“ (Schubert 2009: 57f.) Architektu r sei demzufolge auf verschi edenen Ebenen
empiris ch zu analysi eren: „die physik alischen und organisatoris chen Ebenen, auf
denen si ch reziproke un d polare Abhängig keiten abbilden; d ie f unktio nale n und
ökonomis chen Ebenen, auf denen d ie Produkte der Archi tektur selbs t im Blick-
punkt stehen; die figurati ve Ebene, auf der die gesellschaftlic hen und ps ychischen
Disposi tionen von Menschen zur Geltung komm en; und die Ebene d e r Symbole.“
(Sc hub ert 2 009 : 58) Von besonderem Interesse sind für Schubert dabei immer
auch di e Machtstrukturen, die sic h in Architekturen zeigen bz w. durch Architektu-
ren ermöglic ht werden.
Am Fallbei spiel der JVA Sehnde bei Hannov er verans chaulicht Schubert, w ie
eine a n Eli as ange leh nte empirische Architek tursoziologie aussehen könnte . D ie auf

es immer von den anderen sein ma g, von Ki ndheit an l ernt, sich mehr oder we niger selbst zu
steuern. “ (Elias 2000: 173)

29

seinem Konzept der Mehrebenen - Analyse basierende Studie war a ufg rund der Ein-
beziehun g sehr vielfältiger Aspekte für d ie vorliegende Arbeit dur chau s anr egend
und soll deshalb etwas genaue r in de n Blick genommen werden. S chubert berück-
sichti gt in se iner An alyse auch die räumliche Lag e der JVA, die am Rande der Sta dt
in ein em Gewerbegebiet auf dem Boden ei nes stillgelegten Ka libergwerks erbaut
wurde , und bezieht ein e Vielzahl weiterer zu unter suc he nde r Aspekten mit ein,
wie z.B . die in d en Staatsdienst ei ngebundenen Architekten; die baulic he Umset-
zung un d die dabei involvi e rten Akteu rinnen ; die architektonis che Gestaltung des
Gef ängnisses mit seiner inn eren O rganisat ion u nd de r G estaltun g der I nnenr äume ,
der Fassa den wie auch des Außenra ums unter Berücksichtigung der einges etzten
Material ien und Formen; d ie räumliche Pla tzierung u nd Verteilung von Häftlin-
gen, Überw achungsbeamten und der weiteren im Strafvollzug tätig en Expert inne n
(wie z.B. P syc ho loge n , Sozialarbeiter innen, Leh rer , Verwaltungsfacha ngestellte ) ;
die his torische Entwicklung des Bautyps „Gefän gnis“. Dabei kommt er u .a. z u dem
Ergeb nis, da ss si ch d ie G ef äng nis - Architektur in einem Wandel befinde, der mit
dem gesellscha ftlichen Zivilisati onsprozess korrespon dier e und sich d ie Ver änd e-
rung en bei den Zielsetzungen im Strafvollzug auch in e iner ents prechend anderen
Raumg e stal tung zeigt en ( Sch ubert 2009: 74):
„Das Arch it ekturprodukt Gefängnis macht [ ... ] nicht m ehr so stark wie in früheren Gefäng-
ni sa r chi tek tur en di e B ed e utun g v on Reg el v erl etz un g i n d er G es ell sc ha ft un d d en no rm a ti -
ven Um gang der Gesellschaft mit der Normabweichu ng sichtbar. Es be findet sich nicht mehr
als »abschreckende Architekturgeste« im Zentrum de r u rbanen A gglo merat ion, s ondern v er-
schwindet exkludie rt in der regionalen Peripherie, nicht zuletzt damit die I nput - un d O ut-
pu tströ me de r Wirtsc haft sve rkehre reibu ngsl os lau fen kö nnen. Durc h d ie U nterwe rfung des
Gefängnisses u nt er ökonomische Zwänge und Ab hängigkeitsk etten nimmt die architekto ni-
sche Raumgestaltung die Gestalt einer besonderen gesellschaftlichen Integrationsform an :
Im untersuc hten B eispiel b ring t die Arch it ektu r in r äumlich miniaturisierte r und schemati-
sch er Fo rm di e ges el ls ch af tli c h en B er ei ch e der Pr o duk ti on un d R epr odu kt i on zus am m en .
Die Diffe renz ierung von Gesta lt und Raumpro gramm in pri vate und be ruflich e Bere iche de r
bürgerlichen »Berufsgesellschaft« wird im Gefängnis zum prägenden Prinzip der Raum-
strukturierung. Das Spannungsve rhältni s von i ndivi du ell ge stalt bare n Woh nräume n und
kollektiv genu tzten Ind ustriebauten für die Pro duktion wird al s räumliches Se ttin g de r »Re-
Sozialisierung« ge wählt. Die reduzierten Maßstäbe d er Hafträume transportiere n Informa-
tio nen üb er de n Rang de r inh aftie rten B ewo hn er . Si e w erd en zw a r a ls zu zi vi li si er en d e In -
dividuen anerkannt, zugle ich dokumentiert die Sch lichtheit der architektonischen Ge sten
die n i edr i g e g ese lls c haf tl ic he L a ge d er In ha fti ert en . Auf d er a nd er en Sei t e sp i eg elt der ü b er-
dimensionierte Maßstab der Produktionshallen die Einbettung in ökonomische Zwänge und
dam i t v erb und en d en h oh en St el l en wer t d es wi rt sc ha ft li c hen I n - u nd Ou tputs im moderne n
Ge fängni s. Die dif fere nzie rte Durchb ildu ng de s Äu ßeren z ur Re präse ntanz be ider Fu nktio -
nen ste llt das G e fängnis nicht mehr als einen Ort des Ausschlusses dar, sondern als einen
gesellschaftlich an erkannten Or t wirtschaftlicher Aktivität unter staatlicher Kontr olle.“
(Sc hub er t 20 09: 75)

30

Weniger ku rz gefasste bzw. wei tere Studien , die nach der vorgeschl agenen Metho -
dik konz ipiert sin d, legt Schubert ni cht vor. Seine umf asse nde Einb ezie hun g nicht
nur rein „sozialer“ Aspekte, sondern auch des Materials , der Entstehungsbedingun-
gen und der rä umlichen Platzierung des betrachteten Bauwerks h aben die Konzep-
tion mei ner eigenen Untersuchung in besonderem Ma ß e angeregt, a uch wenn die
Schlüss e, die Schubert aus sein er umfänglichen Einbeziehung unterschiedlichs ter
Faktoren zieht, teilwei se zu kurz g egriffen ers cheinen (was sicherlic h auch der re-
lati ven Knappheit der Studie als Beispie l für eine n Samm elba nd - Ar tikel z uzu -
schreiben ist wie auch der Spezifik des untersu chten Gebäudes). Schubert legt de n
Fo kus vo r a lle m a uf die Aspekte der Kontrol le und der Figura t ionen sowie den
damit v erbundenen Machtbalancen, die in und durch die JVA ermöglicht werden.
Der Kontroll - und Dis ziplinierungsaspekt dom iniert in seinen Betrach tungen, da er
1. ein e Architektur ausgew ählt hat, die per se als Gebäude der Kontroll e konzipi ert
ist und er 2. durch e inen st arke n Bezu g zu F oucault u nd sei nen A usführ un gen i n
„Überwa chen und S trafe n. Die Ge burt des Gefäng nisses “ nochmals den Aspekt der
kontroll ierenden Diszi p linieru ng du rch Gefängnisarchitekturen herv orhebt. An ei-
nem wenig er plakativen Beispi el hätte man gg f. zei gen können , dass d ie subtil e n
Mech anismen, di e Schubert durch seine Anal yse aufzudecken g laubt, auch in an-
deren Gebäudety pen wirksam sein k ö nnen. Er gänzend möchte ich dar auf hinwei -
sen, d ass E lias „K ont ro lle “ nicht , wie in Schuberts Lesart , au sschlie ßlich im Sinne
von D iszip linie run g und K o ntroll e der Einzelindividu en gemeint ist, sondern auch
die Aneig nungsprozesse des Lebensumfelds durch die Menschen meint .
Die Schl üsse, die Sc hubert aus der (sehr kn appen) Betrachtu ng des sozialen und
physisch - materiellen Umfelds der untersu chten Architektur zieht, hä tten außer-
dem noch weiter gefasst werden können. Sicher: Gefängn isarchitekturen sind ab-
sichts voll Architek turen der Ab - b zw . Aus grenzun g. De nnoch sind sie in der Welt
nicht u nsichtbar und es bl eibt zu fragen, was es mit der Stadt S ehnde bzw. mi t
genau d ieser Stadt gesell sch aft „mach t“, da ss an ihrem Rand eine Just izvo llzug san-
stal t entsteht. Es blei bt offen, warum ausgerec hnet dort eine solc he Einrichtung
entstand en ist und nich t wo anders bzw. am Rand e ei ner andere n Stad t : Was prä-
destin iert Sehnde g egenüber anderen Standorten? Und: Welche sozialen Auswir-
kung en hat es auf die S tadt, dass im Gewerbegebiet di e se Ein richtung ents tanden
ist? Was „macht“ die JVA mit den Menschen , die in Sehnde leben bzw. arbeiten?
Und m acht e s für eine Stadtg esellschaft ü berhaupt ei nen Unters chied , wen n am
Stadtran d eine JVA ent steht ? W enn ja : welchen ?
Bei Schuberts Betonung , d ass Justi zvollzugsanstalten bzw. Gefängnisarchi tek-
turen heu te so g ut wi e möglich „unsichtba r“ bleiben sollen, stellt sich auch die
Fra ge, wie die Aktivitä ten d es seit 2002 bestehen den „Fördervereins der Justizv oll-
zugsan stalt Sehnde“ zu bewerten sind, der sich der Aufga be verschrieben hat , das
Verh ältnis „ zwischen der Öffentlichkei t, den Inhaftierten und den Mi tarbeitern der

31

Just izvo llz ugs ans ta lt Sehnd e “ zu vermitteln sowie die Kr imina lpräve ntio n zu för-
dern (Just izvo llzuga nstalt Seh nde 201 5) . A uf der Webseite der JV A ruft der För-
derver ein u.a. dazu a uf, „ Maßnahmen der Straffälligenhi lfe in i hrer Gemein de/
Stadt “ zu fördern und „ Entl asse nen d urch Be reitstellung von Wohnun g und Arbeit “
zu helfen (ebd.) . Das so ziale und ph ysisch - materielle Umfeld „Sta dt“, welchen Ein-
flus s es für die Bedeutung sk onsti tution des betrachteten Gebäudes hat u nd umge-
kehrt, wel chen Effekt die Existenz einer JVA am Stadtrand fü r da s Selbst verst änd-
nis der in Sehnde Lebenden und damit auch für zukünftige Entscheidungen hat,
spiel t in Schu berts Betrachtung ganz offensichtlich eine abs o lu t untergeordnete
Ro lle. So bleibt die Bedeutung der JVA für die Stad t Sehnde völl ig offen.
Zurüc k zu den architektursoziol ogischen Betrach tungen avant la lettre. Wäh -
rend die vorgenann te n Soziologen das Verhältnis von Architektur und Gesellschaft
ausgehend von räumlichen Situ ationen entwickeln und bei S immel der Zusam-
menhan g eher in de n Rand lagen se in er Überlegungen zu finden ist, befa sst sich
Émile D urkhei m ( 1858 - 191 7) sehr viel grundsä tzlicher mit der Dingwelt und ihrer
Bedeuts amkeit für das Soziale. In seiner „sozialen Morpholog ie“ zäh lt Dur kheim
Artefakte (und ausdrüc klich auch gebau te Artefakte) zu den sozialen Tatbestän -
den, d.h . zu den integrierenden Bestandteilen der Gesellschaft. D ie r äum lich - phy-
sisc he Ordnung der Welt stehe „dem Individuum ebenso äußerlich, unabhängig,
allgemeingültig und zwangh a ft gegen über wie instituti o nal isierte Denk - und H a nd-
lungs weisen oder Moralvorstellungen.“ (Steets 2013: 16, Hervorhebung im Origi-
nal ) Die Din gwelt, die au ch die Bauweise der S tädte und der Häu ser umfass t, wirke
deshal b „direk t oder indirekt auf alle sozial e n Phänomene“ ein (Durk heim zit. in
Delitz 2009 : 25) . D urkh eim s Sch üler Marc el M aus s u nd M aur ice Halb wachs ver -
tiefen mi t i hren Studien und Betrachtungen diese Sichtweise. Di e Eskimostudie 4
von Marcel Mauss (1872 - 1950) z.B. vera nscha ulich t , wie in der Gesel lschaft der
Inuit das Materielle die sozial en Abläufe maßgeblich beei nflusst. Die sehr unter-
schied lichen Behausungen im Win ter und im Sommer bewirken erhebliche V erän-
derung en au ch im sozialen Miteinander. Im Winter leben die Inuit auf engstem
Raum i n H äuser n, die um ein Ve rsamml ung s haus g edrä ng t si nd , im So mme r in
weit vers treuten Zelten. Die grundlegend unterschiedlichen Archi tekturen bringen
lau t M auss gänz lich unterschiedliche Gesells chaften hervor (Delitz 20 09: 43f.).
Eine sich a n die Studie anschließende theoreti sche Ausführung bietet Ma uss je-
doch nich t a n.

4 Verö ffe ntli cht in der von Du rkhei m u.a . he raus geg e ben en Zei ts chr ift l' Ann é e Soci ol ogi q ue ( Band
IX, 1904 - 1905). U m den ei ndeuti gen Bezu g zu Mau ss‘ Stu die herst elle n zu könne n, sprec he ich
vo n der „Eski mostu die“, o bwohl „ Eskimo “ („Ro hfleisch esser“) als K olonialbe griff p roblemat isch
ist. Der poli tisc h ko rrekte Au s druck ist die Selbst bezeich nung „I nuit“ (Me nsch) (v gl. Steets 2 013 :
17).

32

Der Durk heim - Sc hü ler Mau ric e Halbwa chs ( 1877 - 194 5) interes siert sich bei der
Betrachtu ng der physisch - mat er ielle n We lt a ls Gr und lage d es G ese ll sch aft lic hen
vorwieg end für die „Repräsentation “ und d ie „Einprägung“ de s Soz iale n in de r Ar -
chitektu r und stellt deren sozial - kohäsive Fun kt ion in den Vorderg rund: „Di e Ge-
sellsc haft prägt sich immer i n die materiell e Welt ein, und das me nschli che D enken
finde t hier , in so lche n Vo rst ellu ngen, die ihm dur ch ihr e rä umlich e Ve rfa ssun g z u-
fließen, Regelmäßigkeit und Standsich erheit – fas t wie der einzelne Mensch seinen
Körper im Raum wahrzunehmen l ernt, um im Glei chg ewicht zu bleiben.“ (Halb-
wachs 200 2: 22) Das gebaute Umfeld ein er sozialen G ruppe, Gebäu de, Häuser,
Straßen und Plä tze, geben als permanente bzw. dauer haft e Bezugspunkte des all-
täglich en Hand elns u nd Mit einande rs „ ein Gefühl der Regelmä ß igk eit und Stabili-
tät inmitten einer sic h permanent im Fluss befindlichen Gesellschaft“ (Steets 2010:
176) . Damit realis iere sich über das Räum lich - Materielle ei ne Selbstverg e wisse-
rung im doppelten Sinne: Die Gesellscha ft gebe sich dur ch da s Ge baute und die
Dingw e lt ei ne Gestalt, die wiederum der Gesellscha ft Hal t gebe (vgl. Halbwach s
1985 ). Halbw achs wurde in architekturs ozilogischen Ansä tz en bi slang a lle nfa lls
rudimen tär aufgenommen und weiteren twickelt. Sein Konzept des „k ollektiven
Gedächtni s ses“, bi etet jedoch Anschlussmögli chkeiten, die Architektu ren einer
Stadt al s Be standte ile e ines städt ische n ko llektive n Ge däch tnisse s zu f asse n, das
wiederum die Sinnkonstitutionen fü r Gebäude maßgeblich beein f lusst . In Kapitel
1.6 führe ich diese Überlegung detai llierter aus.
Eine brei tere Rezeption in der a rchitekturs oziologischen Dis kussion ha t Karl
Marx (1818 - 1 883) erfahren. Marx versteht di e D in g welt a ls „geronnene, sedimen-
tierte Form des S ozialen, allerdings – und d as set zt ihn e ntsche idend vo n Durk-
heim und se inen Sch üler n ab – eine zuti efst ideo logie ve r dächtige. Denn die Ding-
welt sei ner Zeit is t eine Warenwelt, das heißt, eine auf der Basi s der kapita list i-
schen P roduktionsweise entstan dene Dingwelt.“ (Steets 2013: 21) Die
kapitali stische Produk tionsweise führe dazu , dass der Mensc h vom Produkt sein er
Arbeit entfremdet werde und seine eigent liche n We rt - und Sozialverhäl tnisse nicht
mehr erkennen kön ne . Die Warenwelt – a ls ein Er geb nis diese r Produkt ionswe ise
– ver schlei ere deshalb, dass sie eine von den Menschen gemachte Welt ist . Da jed er
Ware ein „Fetischc harakter“ anhänge, müsse es darum gehen, in ei ner kriti schen
Analyse die r ealen, d.h . hint e r den Waren liegenden, Wertverhältnis se freizulegen
( vgl. Marx 19 77 : 86 f. ).
In der neomarx istisc he n New Urb an Sociology betrachtet man „da s Waren pro-
duzieren de Zusammenspiel von Grundstückseigentü mern, »land developers, pro-
perty compan ies, financial instituti ons, building contractors [and] speculati ve hou-
sebui lders « mit dem Konsumverhal ten potenzieller B e wohnerin nen und dem Staat
als zentraler Planungsinsti t ution und Großinvestor. Das Resulta t dieses Zusam-
menspi e ls z eige sich in der Form der gebauten Umwelt, welche als »Archi tektur«

33

fetischi siert wiederum zum Überbauphänomen werde, in dem sich die ge sells chaft-
liche Ba sis verd ingliche .“ ( Ste ets 2013 : 22) Im Fo kus der New Urb an Sociolo gy
stehen un ter anderem die sozi alen und die gebauten Struktu ren der Stadt, die
nicht „ aus sich h era us“, so nder n in ihr em ges amtge se llschaf tliche n Zusa mmen -
hang z u analys ieren se ie n . I n den Blick g eraten dabei allerdings nicht a llein kultu-
relle u nd soziale Aspekte, sondern vor all em die politischen und ökonomisc hen
Bed ingu nge n. Au ch wenn diese in erster Lini e auf den städtischen Raum und die
sich d ort zeigenden Machtverhäl tnisse bezogen e, sehr heterogene Forschu ngsrich-
tung keine in sich geschlossene Theorie anbi etet und von vielen Seiten Kritik er-
fahre n hat, u.a. we il man d ie Stadt als Arena für antikapita listisc he Bewegungen
konzipi ert und in den aufkommenden Bürg erinitiativen empirische Bel ege sieht
(vgl. Hä uße rmann/ Siebel 2 004: 9 8f.; 124 f. ), geben die in diesem Kontext en tstan-
denen Stu dien den wichtigen An haltspunkt, bei der Unte rsuchung st ädt ischer Ar -
chitektu ren in besonderer Wei se den politis ch - ökonomis chen Aspekten Rechnung
zu trag en: „Nic ht die Pläne und Leitbild er der Stadtplanung bestimmten haupt-
sächlic h die Struktur und Entwicklung der Städte, sondern […] vor all em die po-
li tischen und ökonomisc hen Bedingungen.“ ( ebd. : 125)
Einen besonderen Ein f luss auf die Stadtforschung hatte der marxistische Sozio-
loge und P hilosoph Henri Lefèbv re (190 1 - 1991) . Ausgehend vom Historis chen - M a-
terial ismus entwickelte er eine Theorie zur „P rodukt ion des Raums“ (Lefèbvre
1991 ), in der er sich auf revolutionäre Weise mit dem Raum auseinanders etzt –
ähnlich , wie M arx sich derei nst de r Öko nomie zu wandt e ( vgl. Schm id 200 5: 204) .
Dabei brich t Lefèbvre mit der seinerzeit (und bis heute immer noch teilwei se har t-
näckig) eta blierten Vorstellung, da ss Raum ein „Ding an sich“ sei und konzipi ert
ihn als ei n soziales Produkt. „P roduktion“ wiederum be deutet für L efèbvre immer
einen g esellschaftlichen bzw. kollektiven P rozess. Gebaute Umwel t ist dann – ver-
mittelt über den R aum – ein verdingli chtes Resultat gesellschaftli cher Produktions-
weisen . Das Wechsel spiel von Gesellschaft und gebauter Umwelt betrachtet
Lefèbvre al s ei n dialektisc he s Verhältn is: Architektur sei nicht nur das Ergebnis der
gesell schaftlichen Pro d ukti onsweise , sond er n sie reproduziere diese zug leich
(Lef èbvre 1991: 3 1). Die warenzentrierte Verg esellschaftung kondensiere s ich in
der Ar chitek tur (vgl. D elitz 2009a: 46). Im kap ita listis c hen, d .h. warenfö rmigen
Raum t rä ten auf grun d der i n ihm auftretenden gegenläufig en Tendenzen und Er-
scheinun gen Widers prüche hervor, die sic h in Form vo n bestimmen Trennungen
bzw. Verbi ndungen sowie der Vorgabe sozial er Rhythmen und spezifischen Kon-
flik ten zeigten. Glei ch ze itig eröf fne si ch die Mög lichke it zur Pro d uktion alternat i-
ver Räume . So brächten wide rständi ge Raumane ig nungen und A lltagpr akt iken
auch ei n gesellschaftlic hes Veränd erungspotential m it sich ( vgl. Stane k 2011) .

34

B evor Lefèbvre zu seinem umfangreichen Raumkon zept gekommen is t, führte
er za hlreiche Forsc hungsprojekte in den 1950er Jahren sowie „stu dies of t he prac-
tices of dwel ling “ in den 19 60er und frühe n 19 70er Ja hr en durc h. A ufbaue nd auf
diesen St udien e nt stande n Lefèbvre s theoreti schen Konzeptionen ( Stanek 200 1:
81) . Luka sz Stane k brin gt i n seinem B uch „Henri Lefebvre on Space : Archi tecture,
urban research, and the production of theory” (Stanek 2011) die theoretischen Ar-
beiten Lefèbv res mit seinem empirischen Schaffen zusammen. Exemplaris ch soll
hier nur d ie Stud ie L’habita t pavillonna ire aus dem Jah r 1966 Erw ähnun g finde n.
Lefèbvre und andere untersuchten in vers chiedenen französisc hen Städten einen
Bauty p, den sie pavillon ne nnen : ein Voror t - Wohnhaus mit Garten und Gegenent-
wurf sowohl zum Massenwohnhaus der Stadt als auch zum Bauernha us. In Fr ank-
reich bezei chnete man diese Bau weise in den wissenschaftlic hen bzw. in politi-
schen Kr ei sen und i n de n Me dien a ls ant i - modern oder kl einbürgerlich, als unzeit-
gemäß oder gar als egoistisch, wenn nicht sogar als unpatriotisch. Trotz dieses
„Verris ses“ auf einer diskursiven Ebene begehrten Mitte der 1960er Jahre 82 Pro-
zent aller Fran zosen genau ein solches Haus. In der Studie ka m man de sh alb zu
der Ver mutu ng , d ass „t he p reference stems from the h ouse l ending itself to a set
of practices that were not supported by the rigi d layout of the collectiv e housing
estates as buil t in the mid - 1960s . ” (St anek 2011 : 83) J e nseit s de r Dis kur se, in de -
nen Experten u nd Expert innen glaub ten, eine “korrektere” Wahl der idealen f ran-
zösische n Wohnu ng zu kennen , tra ten wide rständi ge Ra umane ignun gen a uf, d ie
Lefèbvre unter a nderem zu ei ner Kritik der Kon zepte von „ Nutzen“ und „ Funktion“
innerhalb d er Architekturprofessi on führten sowie zu einer Kri tik der modernen
Architektu r, der funktionalen Stadt und der Charta von Athen (ebd.). Die konkrete
Bauform bzw . die spezifi sch e Materia lität der bewohnten Welt findet in Lefèbvres
Studie n und in seinen theoretischen Ausfüh rungen zur Raumproduk tion aber
keine Be acht ung, da Lefèbvres sich in e rste r Lin ie für die Produkti onsbeding un gen
des R aums interessiert . Für die vorliegende Arbeit ha t die Pavillon - Stud ie die Auf -
merksamk eit darauf gel enkt, dass die Di skurse von Expertinnen und Experten dazu
tendieren können, nicht das, was tatsächlich ist, in den Vorderg rund zu stellen,
sonder n vor a llem das, wa s sein so ll.

35

1 .2
D ie s innha f ten Modi des Um ga n gs m it D in ge n u nd Gebä uden
Eine ganz andere P erspektive auf da s Verhältnis von Architektur und Gesel lschaft
ergibt s ich , wen n man sic h de n Bed eutungszuschreibungen zuwendet, die im Ge-
brauc h von D inge n erf olgen. U ntersu chungen mit diesem Fokus setzen ihre Ana-
lys e nicht im Gebäu de selbst an, sondern der s oziale Sinn eines Gebäudes wird in
der Art de s Umgan gs mit ihm ver mu tet, der je nach T heoriemodel l unterschiedlich
konzip iert wird. F ür me ine eigene Unters uchung haben diese Pers pektiven abge -
sehen von den Überlegungen Pierre Bourdieus un d Paul J ones’ nur we nig Anre -
gung liefern können, da die mir zur Verfügung stehende D atenl age die Einnahme
von Pers pektiven, wie sie Georg e Herbert Mead oder Erv ing Goffman vor schlage n,
nicht e rla ub t hab en. 5 Überträg t man die zuletzt genannten Ansätze auf di e sozio-
logisc he Untersuchung von Architek turen, steht di e konkrete Umgangsweise m it
dem Gebauten im Vorderg r und. Im Gegensatz daz u befassen sich Bou rdieu und
J ones damit, wie di e Sy mbolwi rkung von Architekturen überhaupt zustande
kommt .
Pierre Bour dieu ( 193 0 - 2002 ) fasst d ie Dingwelt als „ein materia lisiertes Resul tat
symbol ischer Aushand lu ngs proz esse“ auf ( ebd. : 33 ). D er soziale Raum habe d ie
Tende nz, „sich me h r oder wenig er strikt im physischen Raum in Form einer be-
stimmten distributionellen Anordnung von Akteuren und Eigenscha ften niederzu-
schla ge n. “ (Bo urdieu 1991: 26) We iter hin spiegele sich die soziale Posi t ion einer
Person in ihrer jeweil igen Lokalisieru ng in der Wel t der Ding e , die eben au ch die
gebau ten Strukturen und A rchitekturen umfasst. Eine hierarch isierte Gesellscha ft
habe deshalb immer auch einen hierarc hisierten Raum zur Folge und die Behar-
rungskra ft sozialer S trukturen beruhe zutiefst au f deren Ei nschreibu ng in de n
Raum. F ür Bo urdie u ist die gebaute Umwelt eine der zentral en Arenen symboli-
scher Machtkämp f e sowi e „ einer der Orte, a n denen Mac ht sich bestä tigt und voll -
zieht, u nd zwar in ihrer si cher subtilsten Form, d er symbolis chen Gewalt als nicht
wahrgen ommener Ge wa lt .“ (ebd.: 27) Architektur betrachtet Bour die u desh alb al s
eine wes e ntli che Komponente gesellscha ft li cher Machtverhältnisse und als wichti-
ges Elemen t der Symbolik der Macht, „deren s t umme Gebote sich unmi ttelbar an
den Körper richten“ ( ebd.: 28) u nd d ie den Einze lnen imme r a n seine soz iale Po -
siti on erinnern. Eine waschechte Grand Dame wird sich durch das vornehme
Wohnvi ertel deshalb mit weitau s größerer Selbstvers tändlichkeit bewegen als ein
Monteur – der sich do rt ver mutlich au ch niema l s ansie deln w ird, a llein scho n der
für ih n v ie l zu hohe n Mieten wegen. Der soziale Status eröff net den Mensc hen al so

5 Ausf ührlicher d azu Steets ( 2013).

36

jeweil s unterschiedliche Möglichkei ten der Raumaneignung und der Besetzung des
Raumes. Die Möglichkeiten sind umso größer, je mehr sozia les, ökonomisches,
kultu relles und symbolisches Kapital eine Pers o n hat. Kapita lbesitz im Bour-
dieu’s chen Sinne bedeutet deshalb imm er auch „Ve rfügu ngsma cht über Ra um“
(ebd.: 31). Dies e Verfügungsmacht kristallisiert sic h schließl ich in entsprechenden
Arch itekt uren und in R aum strukt uren, die e in - oder eben aber auch ausschlie-
ßende Effekte haben.
Architektu rsoziologische S tudien aus den letzten Jah re n haben B ourdieus Über-
legung en auf unterschiedliche Wei se in ihre A nalyse mit eingeb aut. So unte r such t
zu m Be ispie l Pau l Jones in einer diskur sana lyti schen Studie Architektu ren bzw.
insbes ondere landmark bu ildings 6 auf ihre sy mbol isc hen D imensio nen (Jo nes
2011) . Jones zu Folge geben sie a ls Symbo le f ür das Soz iale d iesem eine Form un d
tra gen dami t zu dessen Konstitui erung bei. Jones argumentiert, dass es die Bauten
mit beson derer ikonogra phi scher Wi rkung se ien , die einen beson deren Effekt au f
die Formieru ng und Mobilisi erung kollektiver I dentitäten wie etwa die der „Na-
tion“ haben . 7 Abgesehen von den lan dm ark bu ild ings tritt die übr ige gebaute Um-
welt in Jones Betrachtungen allerdi ngs völlig in den Hinterg rund, die Einbettung
in einen spezifischen räum lich - materi ellen Kontext berücksi chtigt er nicht. Im Zent-
rum sei nes Erkenntnisinteress es stehen viel mehr die politis chen, ökonomischen,
kultu rellen und letztlich symboli schen Aushandlungsprozesse, di e in repräsentati-
ven Archi tekturen ihren Ausdruck finden und zu r Formierung kollek tiver Identi tä-
ten beitrag en. Dabei verfolgt er die soziologische Grundfrage, wie Macht in die
kultu relle Sphäre hinein sozial isiert wird und was die Voraus setzungen dafür sind,
dass M achtst rukture n al s „n atürliche “ er sche inen.
Architektu r ist Jones zufolge ein kultur elle s Pr odu kt, d a s nur da nn verstanden
werden könne , wenn m an d essen E nt stehun g in s e inem jeweils bes onderen sozia-
len , ö kono mische n und kulturellen Rahmen betrachtet. Für Jones ist Arch itektur-
produktion stets mehr, als eine rein e Praxis autonomer Formgebung: Sie ist eine
t ief in d er sozial en Ordnung verwurzelte politische Prax is ( ebd. : 166) . Arch itekt e n
und i nsbesondere Stararc hitekten komme in dieser Praxis eine be sondere Rolle als
kultu relle Elite zu, di e in klaren pol itisch - ökonomischen Kontexten arbeitet und
die ge meins am m it Pol itik er n und weiteren an der Architekturproduktion beteilig-
ten Akteuren maßgeblich daran mitwirke , die s ozia le Bedeutu ng eines Gebäudes
mit zu formen (ebd.: 167 f. ). Dami t sieht Jones die fac hlichen und politischen Di s-
kurse al s maß geblich an de n Si nnkonstitutionen beteiligt. Eine solch e Beteiligung

6 Z.B. d er Mille nium Do me i n London vo n Richa rd Rog ers, Da niel Libe ski nds Master plan für Gro und
Zero, das Projekt Brussel s Capital o f Euro pe vo n Rem Koo lhaas und Jean Nouvel u nd die Re kon-
struktio n des B erlin er Rei chstags v o n Norma n Fost er (Jo nes 2011).
7 Auch ein Au fsatz von Christine H annema nn und We rner Sewing ve rweist d arauf, dass Architek-
tur en b ede ut sam b ei d er Ers cha ff ung von Id en t itäten sind – all erdings i n Bez ug auf S tädt e und
deren Selbst darstellung (Hanne mann/Sewing 1998 ).

37

ist au ch im Diskurs um di e Entstehung des Jüg elhauses zu beobachten. A uch wenn
über den Arc hitekten Ludwig N eher und seine grun d legenden Ideen zum Entwurf
des Jüg elhauses nichts Substanti elles zu recherch ieren war, z eigt sich i m hier in-
teressieren den Untersuchungs fall, dass man innerhalb der städtischen (politi-
schen) E lite Frankfurts die besondere Bedeutung des Jügelhauses für die Stadt
disku rsiv herauszustell e n versuchte. In der Studie zum Jügelhaus zeigt sich wei-
terhin, d ass auch die Standortwahl bei der Sinnkonstitution bedeu tsam war – e in
Aspekt , d er in Jones Untersuchungsperspek tive al ler din gs unberücksichtigt blei bt.
Die Materia lität einer Sta dt und die an sie ge bundenen Sinnsetzungen s pielen bei
Jones‘ Betra chtung der land mar k buil din gs keine Rolle, sondern m aßgeblich sind
alle in die „Arc hitekturproduzenten“. Mit me ine r Fall st udie zum Jüge lhau s kan n
ich diese P erspektive au fweiten.

1 .3
D ie s o z ia le E ff e ktiv itä t d er D in gw elt
In posts trukturalis tisch en Ansätze zu m Verhältnis von Architek tur und Gesell schaft
steht die Material ität des Gebauten i m Mittelpunkt d er Betrachtung . Architekturen
gesteht man dort expl izit eine „soziale Effektivi tät“ zu (vgl. Delitz 201 0) . D em
mensch lichen Körper, über den si ch das Gebaute den E inzelne n vermittel t , wir d
ebenfall s eine besondere A ufmerksam zuteil. Obwohl mit der Erweiterun g der Per-
spektive a uch auf das Somatische der Sch lus s nah e lie gt , dass auf die se Wei se ein
komplexeres Wechselspiel aus S oz ial em und Gebautem he rausgearbeitet wird ,
wirke n die Archi tektur - N utzerinne n und - N utzer in den verschiede nen poststruk-
tural istischen Ansätzen oftmals erstaunlich unbeteilig t. Bei Joachim Fischer s ind sie
„eher di e passiven »Glei ter« der expressi ven Baukörper als deren a ktive Leser oder
Nutzer, i hre »Wahrnehmung und Bewegung gleitet an den Baukörpern entlang,
schlüpft in sie h inein und wieder hinaus – und dabei gl eitet die architektoni sche
Sinn offerte beiläufig in die Menschen hinein« [ ... ]. “ ( Joachim F ischer z it. in De l itz
201 0: 69 )
Auch bei eine m der bekanntesten postru kturalisti schen D enker, Miche l Foucaul t
(1926 - 1984) , ersche in en die von i hm untersuchten A rchitekturen, wi e etwa Schu-
len, Krank enh äuser , Kaser nen, G efäng nisse und we ite re „Disz iplinare inr ichtu n-
gen“ , a ls Masch inerien , dene n sich die M ens chen z wan gsläuf ig fü gen müss e n, in -
dem sie eine räumlic h organisierte Art der Zuric ht ung und Diszip li nier ung ihrer
Körper dur chlaufe n . Widerständig e P rozesse der An eignung geraten ni cht in den

38

Blick, so ndern a uss ch ließ li ch die von di esen Architekturen ausgehende „ disz ipli-
nierende Gew alt“. Diese Perspektive ist dem besonderen Analysefokus Fouca ults
gesch uld et : Ihn inter essier t ins besondere , wie d ie M echanis men der Ma cht funkti -
onieren . So besc hre ibt Foucaul t in „Überwa chen und S tr afen“ , w ie s ich i m Lauf des
18. Ja hrhunderts zunehmend Machttechniken etabli eren, die darauf ausgerichtet
waren , ein produktives, steuerbares und gezielt einsetzbares Indivi duum zu kon-
stitu ieren . Zur E rreich ung dieses Z iels spielten spezi fische, eigen s dafür erdachte
Architektu ren eine bedeutende Rolle: In Kasernen, Gefängnissen, Schulen, Irren-
ansta lten und Fa brike n war en die Räume s o konzipiert, dass di e Menschen zu „ge-
lehrig en“ Subjekten wer den . I n ihnen erkennt Foucaul t die Geburts stätten der Dis-
z iplinar gese llschaf t (Fo ucault 19 77).
Die Aus übung von Macht entfa ltet sic h Fo ucau lt zu Fo lge über spezifisch e
Raumkon zepte, die wiederum ein Niederschlag des „ Epistemes“ einer Epoche sind.
Unter Epistem e versteht er „di e Wissensordnung einer bestimmten Epoche bzw.
die epochens pezifisc he Logik, die paradi gmatisch bestimmt, wi e Wissen generiert
wird und auf welche Weise grun dlegende Klassifikationss ysteme, Wahrnehmungs-
formen und Wertemus ter die Wissensproduktion einer Gesel lschaft stillschwei-
gend beeinflussen . “ (Rosa e t al. 2011: 2 82) Epi steme ste hen in seiner Ansch auun g
dafür , wie und i n we lcher Fo rm sich inst itutione lle Ordnun gen, Selb st - und Kör-
perbilder od er eben auch Architek turen als A usdru ck spezifi scher Machtver hält -
nisse nieder sch lagen. Davo n aus gehend, „daß ma n ni cht in irge ndeine r Epo che
über irgendetwas s prechen kann“ , gilt e s für Foucault, das komplexe Bündel von
Bezieh ungen zu u nter suche n, das dem D iskur s zu grund e liegt . Diese Beziehungen,
die „ zwisch en I nst itutionen , ökonomischen und gesells chaftlichen Prozessen, Ver-
halten sformen, Normsys temen, Techniken, K lassi fikationstypen und Charakteri-
sierun gswe isen hergestellt“ werden , bestimmen das, „was ihm [de m Diskurs, TE]
gesta ttet, in Erscheinung zu treten “ (Fouc ault 198 1: 68 ). F ür architekturs oziologi-
sche Frag e stel lungen gibt Fo ucault Hinweise, wie Architektur i n ei nem bestimmten
histori schen Kontext konzipiert wird (vgl. Meissner 2009) und verw eist dar auf,
dass Archi tekturen etwas mit den Menschen „mac hen“ , sie bei der E inschreibu ng
gesell schaftlicher Norm e n und Werte beteil igt sind.
Dass Dinge s ogar eine eig ene Handlungskapazi tät haben, ist di e umstrittene
These der in den 1980er Ja hr en entwickel ten Akteu r - Net zwerk - Theo ri e (ANT) . Die
maßge blich d urch Bruno L ato ur 8 beeinfluss te ANT d urchbr icht den Gedanke n,
dass Gese llschaft bzw. das Soz iale allein au s mensc hlic hen Ak teuri nnen und Akt-
euren bestehe . In ihr geht man davon aus, dass di e menschlichen Ak teure mit der
material en Welt in ei nem Netzwerk mit wechsel seitigen Handlu ngspotentialen auf
das Engs te miteinander verbu nden sind. Sowohl technische Objekte bzw. Artefak te

8 Das theo retis che Fu ndame nt der A NT hab en nebe n Lato ur vo r alle m Michel Callo n und Jo hn La w
erarbeitet .

39

als auc h nic ht - menschliche natürlic he Elemente werden al s integrale Bestand teile
des Ge sellscha ftl ichen aufge fasst und nicht b loß zur Er kl ärung hera n gezog en. Wei-
terhin betrac htet man die Di nge als „ Aktanten“, die ebenfal ls als handelnde A k-
teure gelten, weil sie mit den menschlichen Akteur inne n netzwerkarti ge Hand-
lungsz usamm enhä nge b ilden. Ei n immer wieder ins Feld geführter Zusammen-
hang die ser Ar t ist der Akteur „ Mensch - Pistol e“ , der nicht auf nu r jeweils eine
seiner E ntitäten, den Akta nte n „P istole“ und den Akteur „Men sch“, reduzierbar sei .
Heike D elitz (200 9, 2010) begreift das Gebaute in ähnlicher Weis e als sozial
effektiv . Si e versteht Arc hite ktur en bzw. Bauwerke als etwas eigenstän dig Wirken-
des bzw. ni mmt für Bauwerke eine j e charakteris tische Affektivitä t an, die dez idiert
nicht v om Ind ivid uum a us ge he , son dern sich erst in d er Beziehung von Subjekt
und Objekt entf alte, indem in den Indiv iduen gan z spezifisc he Körperhaltungen
und Wahrne hm ungen erze ugt werden . Diese Affektivität konzi piert Delitz al s ei-
nen quasi „akti ven“ Bestand teil des Bauwerks. Im Geg en satz zu r Perspektive, dass
sich Gese llschaf t in ihre n gebauten Formen materialisiere , diagnost i ziert Delitz für
das V erhältnis modern er Architekturen und dem „G esell schaftlic h -Geschicht li-
chem“ eine ins Gegenteil gedrehte Richtu ng des W irkens, und geht davon aus, d ass
eine völl ig neue und wegweisende Arc h itektu r die Gesellschaft verän dere. Diese
Lesart i st möglich, weil Delitz auss chl ieß lich die “Ausn ahmearchitekturen“ des 20 .
und 21. J ahrh under ts in d en Bl ick nimmt und sic h bei der Untersuchung a vantgar-
disti scher Architekturen nu r auf d ie neuen g esellschaftlic hen „ Erfindu ngen “ u nd
„ Selb s terfindungen “ konzentriert (De litz 2010) .
Mit ihrer Monogra f ie „Gebaute Gesellschaft. A rchitektur als Mediu m des Sozialen “
legt Heik e Delitz einen umfassen den Theorie - Vorschlag vor, der die soziologischen
Grundbeg riffe so konzi p iert, das s Architektur al s no twe ndiger Be stand tei l des so -
zial en Gefüges begriffen wird. Empi rische Studien, davon ist Delitz überzeug t,
könn t en erst dann d ie sozi ale Tragweite d es Gebauten in Gänz e berücksichtigen,
wenn eine umfängliche theoretisc he Konzeption mi t überdachten soziol ogi sche n
Begriff en vorlie ge ( Delitz 2 010 : 20). Sie f okus siert sich d es halb v or allem a uf die
Begri ffs - und Konzeptarbeit, um eine Architektursozi ologie zu entfalten, die die
gebau te Um welt nicht einfach als ei ne Kopie des „eigentlichen“ s oz ialen S e ins kon-
z ipiert, s ondern Architektu r als wes entlichen, als einen „affektiv en“ Bestandteil 9
des Gesells chaftlichen mit einer eig enen sozialen Effektivitä t begreift. Um zu ei-
nem sol chen Denkansatz zu kommen, erschei nt es Delitz zwi ngen d erforderl ich,
eine nic ht - carte sianische Perspektive ei nzunehmen, denn nu r dann verleugn e man
nicht den Bezug der Archi te ktur zu m Körperlichen bzw. die eigene Körperlichkeit
des Gebauten . Der Weg zu einer s olchen Architektu rsoziologie führt für Del itz her-
aus aus de n be grifflich gef asste n Dualismen von Subjekt und Objekt, I deen und

9 „Aff ektivi tät“ ver steht Delitz im Sinne von Ausst r ahlung bzw. Charisma (vgl. De litz 2009a: 80).

40

Körper und wen det sich zwei vers chiedenen, aber sich ergän zenden Theorieschu-
len jen seits de s Cartesia ni smus zu : der f ranzös ische n Leb ensph ilosoph ie nac h
Henri B ergson, vor all em auch in der Wei terführung durch Gil les Deleuze, Corne-
lius Cas toriadis, Gilbert Simondon und anderen, sowie der Phi losophischen Anth-
ropologi e nach Helmuth Plessner u nd Arnold Gehlen. Jensei ts des Bergsonismus
spiel en in Delitz ’ T heor ie gerüst a uch Mich el F ouca ult und Bruno Lato ur eine Ro ll e.
Delitz vers teht Architektu r als ein „ konstitutives (notwendig es) wie transi t ives
(ver ändernde s) Medium des Sozialen “, ( Delitz 2010: 86, Hervorhebung im Origi-
nal), das einen dynamischen Aspekt bein halte: Neue A rten des B auens eröffneten
neue Formen des Z usamm enleb ens und de s Politi sche n (e bd.: 16). D ie Transit ivi -
tät des Mediums Architektur zeig e sich darin, dass sich Gesell schaften in innovati-
ven Archi tekturen mit neuen Augen betrach ten kö nnte n und z war „ so, wie sie sich
noch ni e zuvor sehen k onnt en“ (ebd.). Delitz Bes treben ist es, inn erhalb der Sozi-
ologi e ein differenztheoretisches Den ken auf den We g zu bringen , ein D enken des
Werdens, bzw. Anders - Werdens, das auch d ie g ebaute Umwelt, insbeson dere die
Architektu r in den Bli ck nimmt. Ihre Kritik l iegt da bei auf den altherg ebrachten
Ansätzen, die d as Neue n ie ma ls w irk lich a ls Ne ue s d e nken, sond ern i mmer a us
einer ca rtesianisch „besc hränkten“ Perspektive, die dazu tendiere, das Andere bzw.
Neue i m mer wied er mit de m G leic hen erklären zu wollen.
Anhand vo n Fallstudien zu verschi edenen Archi tekturen wie etwa der Garten-
stadt H ellerau sow ie dem neuen Bauen aus den 1920er Jahren, der Heimats chutz-
bewegung der 1930er Jahre (das „deu tsche Haus“), der sozia listischen Arc hitektur
der 1930e r Jahr e und um 1965 he rum so wie anh and d es D ekonst ruktivi smu s ver-
sucht Delitz, ihr Theoriemodell empi risch zu be legen. Sie beschrei bt die ne u a uf-
kommenden Baugestalt en und erörtert, inwiefern die Bauten mit genau diesen
Formen eine neue Art des Lebens bzw. einen neuen Blick auf Gesellschaft ermög-
lich t hätt en. M it dem Fokus, „N eues als Neues“ betrachten und einordn en zu kön-
nen, vertri tt Delitz die These, dass es vor all em die arc hitektoni schen Leitbauten
seien , an welch en das gesell schaftliche Ander s - Werden nicht nu r sichtbar, sonder n
überhaupt ers t in Gang gebracht w erde. In ihrer baul ichen und räumlichen Einbet-
tung w e rden die für ihre jeweiligen Entstehungs zeitpunkte neuartig en Gebäude
jedoch nicht betrachtet und auch die gesellschaftl ichen Rahmenbedingungen, in
denen Arc hitekturen entstehen, blei ben vollständig ausgeblendet. Z u Recht merkt
Sil ke Steets in Bezug auf Delitz Ausführung en an, dass man allein mit Architektu r
Gesell schaft nicht verä nder n k önnen wird : Gebäude bedü rften einer Legi timation,
damit m an s ie nicht wi eder ab r eiß t . D enn i hre Ex istenzberic htung erhalte Arch i-
tektur entwed er über ihre Nutzung oder über legitimatorische Erzä hlungen (Steets
2013: 1 9 6). S owo hl Nut zung a ls auch Leg itimatio nsdi skurse sind o hne die in die
sozial en Prozesse eingebundenen Menschen nicht denkb ar, doch gena u da s l ässt
Delitz unberü cksicht igt .

41

1 .4
Der sinnh a fte Aufbau d er geba uten W el t:
w is s e n s s o z io lo gis c h e Arc hit e ktu rth e o rie
Sil ke Steets führt di e verschiedenen P ositionen innerhalb der Soziol ogie in Bezug
auf die g ebaute Welt in ein em Mo de ll zu s ammen und entwickelt dami t eine um-
fassen de theoretische Perspektive au f die Ver bind ung z wischen Archit ekt ur u nd
Ge sells cha ft . Diese Perspektive soll „Gebäude in ihrer M ateriali tät ernst nehmen,
ohne in einen physikalischen Determinismus zu v erfallen. Umgekehrt soll die be-
eindru ckende interpretative Kompetenz, die Ansätze in der Traditi on des symboli-
schen In teraktionismus entfal tet haben, für den Aspekt der Zeichen haftigkeit der
Architektu r fruchtbar g e macht werden.“ ( S teets 20 13: 43) Da Steets theoretis cher
Ansa tz die vorliegen de Arbeit in besond erer Weise beein flusst und dazu beigetra-
gen hat, ihr eine klare wissenssozi ologische Richtung zu geben, möchte ich ihm
nachfolgen d etwas mehr Raum geben, als den zuvor erläu ternden Konzepten .
Steets bezieht sich in ihren Überlegungen vor a lle m a uf die „ne ue W isse n s sozi -
ologi e “ von Pete r L. Berge r und Thomas Luc kmann, die die beiden Soziologen in
den 1960er Jah re in ihrem W erk Die gesell schaftliche Kon struktion d er Wirklichke it
entfalte t ha be n . Berge r und Luc kmann h aben ein Model l entwickelt, wie i nnerhalb
von Gesel lschaften Wi ssen entsteht , wie es au fbewahrt und v ermittelt wi rd. Dabei
stehen folgen de Fragen am Anfang i hrer Aus f ührungen: „Wi e ist es möglich, daß
subjek tiv gemeinter Sinn zu objektiver Faktizi tät wi rd ? [ . .. ] W i e i st es m ög l ic h, daß
mensch liches Hand eln [ .. . ] eine Welt v on Sachen hervorbringt? So mein en wir
denn, daß erst die Erforschung der gesells chaftlichen Konstruktion der Wirklich-
keit [ ... ] z u ih rem Ver ständ nis führt . Da s glaube n wir , ist d ie Auf gab e der W isse ns-
soz iolo gie .“ ( Ber ger/Luck m ann Berge r/L uckmann 1 97 7: 20 , Hervorhebung im
Origin al ) Be rger und L uck mann gehe n in ihre m soz iolo gische n Mode ll zur ge se ll-
schaftlichen Konstruktion der Wirklichkei t d avon au s, das s d iese a uf ei nen be -
stimmte n Wissensb estand innerhalb einer Gesells chaft zurück zuf ühre n ist , we lcher
den sozialen Akt eurin nen und Akteu ren die eigenen und fremden H andlungen und
Äußerungen sowie Dinge und Artefakte als sinn (be) haft et(e) e rscheine n lässt .
Die soziale ( und damit sinnhafte) Konstrukti on der W irkl ichkeit ergibt s ich in
diese r Auff assun g a us einem dialektischen Z usammenspiel von Ext ernalis ieru ng
(Ent äußer ung) , Objektivation (Verge ge nstä nd lic hun g) und I nterna lisi erung (Ver -
innerl ichung) ( v gl. B er ger /Luc km ann 1977 , vg l. Steets 2013) . Exter nal isierung be -
zieht sich auf „ das st ändi ge Str ömen me nschlich en We se ns in die We lt “ s ow ie auf
die materi ellen und immateriellen Folgen menschlichen Handelns. Diese Produk te
des menschlic hen H andelns stehen den Menschen, die sie hervorg ebracht haben,
schlie ß lich als Wir klich keit bzw. Objektivation g egenüber, die von au ßen kommt

42

und de shalb auf erle gt und „fremd“ erscheint. D ie Wiede r aneig nung d iese r „f remd -
geworden en“ Wirklichkeit erfolg t seitens der sozialen Akteure über Interna lisi e-
rung , indem sie das in der objektiven Welt gegebene erneut in Strukturen des sub-
jektiven Bewusstseins umwandeln und sic h das von außen Gegebene über Aneig-
nungspr ozesse ver inner lich en. Die Wir klich keit, in d er wir leb en , wir d a lso –
basieren d auf subj ekt iven Bewu sstseinsl eistungen – i n kol lektive n Hand lungen
hervorgebrac ht, steht uns objektiv als Tats ache ( und dam it im S inne D urkhe ims
„din ghaf t“) gegenüber und muss wiederum in unser su bjektiv es Bewusstsein über-
nommen w erden, um überhaupt Teil di eser Wirklic hkeit s ein zu k önne n. I n den
Worten Berg er s und Luck m anns: „ Gese llschaft ist ein menschliche s Produ kt. Gesel l-
schaft ist ei ne obj ektive Wirk lichkeit. Der Men sch ist ein gese llschaftliches Produkt .“
(Ber ger/Luck mann 1977 : 6 5 , Her vorh ebu ng im Or igin al ) So zi aler „Sin n“ se i auf -
grun d der dreifachen Di alektik außerdem kei ne feststehende Größe, sondern ein
dynamisc hes Element der Wirkl ichkeitsdeutung. Aufgrund immer wieder neu h in-
zukommen der Erfahrungen und neu er Problemlösungen komme es kontinuierlic h
zu Ve ränderungen bei den External isierungen, Obj ektivationen und In ternalisie-
rungen und dam it zu Ve rän der ungen in d en Sinnz uwe isun gen.
Steets übers etzt die Elem ente dieser tripola ren Dialektik au f Architek tur. Ver -
kürzt dargestell t bedeutet für Steets Externalis ierung dan n das E ntw erfe n und
Bauen von Gebäuden; Gebäude seien w iederum als materiell e Objektivationen zu
begreifen ; über versc hiedene Modi der Anei g nu ng wü rden Gebäude bzw. ihre
Funktion en als Bes t andteile der Alltag sw irk lichkeit vo n den Einz elnen int ern a li -
siert. Während sich Berger und Luc kmann b ei ihre n Bet racht ungen aus schlie ßlich
auf imm aterielle Aspekte des Gesellschaftlic hen beziehen, nimmt Steets vor allem
die materi ellen Objektiva tio nen i n den Blic k, d .h. sie b etrachtet Archi tekturen als
Erzeugnis se mensch liche n Hande ls, die den Mensche n , die sie hervorbrin gen, so -
wie a llen anderen nicht nur im metaphori schen Sinne „ be grei flich “ sind . I n B ezu g
auf die phäno me nolo gische n Grund lagen, die f ür ein w issen ssozio logi sches Nach -
denken ü ber Architek tur notwendig sind, rückt für Steets vor all em die Frage in
den Mittel punkt, „wie das Wis sen, welches unser Verhalten in der Alltagswel t re-
guliert, mit den materialisierten Formen di eser Alltagswelt zusammenhängt.“
(Ste ets 2013 : 5) Unter anderem v erknüpft Steets di e Ausfüh run gen von Alfred
Schütz zu den Sinnsetzungsprozessen in der „Sphäre des ein samen Ich“ mit kör-
persoziol ogischen und leibphänomen ologischen Arbeiten un d zeigt auf, dass Kör-
pertechniken und Bewegungsweisen Modi der subjektiven Sinnsetzu ng dar s telle n,
da s ie den Um gan g m it de n Din gen in sich tra gen und mit einem Sp üre n in den
Gliedern verbunden sind. Diese Modi subjektiver Si nnsetzung kann man Steets zu-
folge bes ser verstehen, „wenn ma n sie als dialektisches Wechs elspiel zwisc hen Be-
wusst sein und Körper/Leib betrachtet.“ (Steets 2013: 195 ) Aufbauend auf diesen

43

Überlegu ngen entwickelt Steets schließl ich eine wissenssoziologische A rchitektur-
theorie, di e auf der These b eruht, „da ss die gebau te Wi rklic hkeit – ana lo g zur ge -
sellschaftliche n Wirklichk eit bei Berger und Luckmann – vor dem Hintergrund ei-
ner Dial ektik von Externalisierung , Objektivati on und Inte rnalisier ung e ntste ht .
Nur so erschl ießt sich der sinnhafte Aufbau der g ebaute n Wel t.“ (ebd.)
Die Fr age, „ Was tun Architekten eigen tlich, wenn sie etwas en twerfen? “, beant -
wortet Steets u nter Berücksic htigung der Kreativ ität architektoni schen Handelns
und de ssen Einb indung in d ie vie lsch ichtige n gesellsch a ftliche n Rah menbe ding un-
gen (Ste ets 20 13: 82). W ie d as Fantas iehau s im Kop f einer Architektin oder eines
Architekten zu einem wirklichen Hau s auf der Straße wird, betrachtet s ie dabei
unter dem A spekt der Extern alisierung . Externali sier ung umf asse all e Formen des
materiel len wie immateriellen H a nde lns und bri nge als Ergeb nis die m ensch liche
Kultur und G es ells chaft hervor bzw. resul t iere „in der Schaf fung e iner me nsch li-
chen Welt“ (Steets 2013: 84 bzw. 125), die eben auch aus Gebäuden und Archi-
tekturen bes teht. Die Welt der materiell e n und immateriell en Kulturprodukte, zu
welchen auch Gebäude zählen, sei nur aufgr und der „ge meinsch aftlich en A ner ken-
nun g“ obje ktiv und wirklich : „Einer Kultu r anzugehören heißt, eine besti mmte Welt
der Faktizi täten mit anderen zu teilen.“ (Berger zi t. in Steet s 2013: 1 33 f. ) Ein mal
erbaut si nd Architekturen also Objektivatione n. Gebäude werden uns durch ih re
anfassbare M ateri alität zur Ge wissheit , was jedo ch nicht bedeute , dass ein G e-
bäude allein über Form u nd Materialitä t eine unive rse ll ver ständ liche Bede utun g
ver mittel n könne – die Geb äud efunk tio n ers chlie ße sic h nur d urch i n der Regel
koll ektiv ausgehandelte „ Situatio nsd efinit io n en“ (Ste ets 2013: 160). I m Gege nsatz
zu immateriell en Objektivationen sind die materiellen Objektivati onen in Gestalt
von Gebäud en bzw. Archi te kturen s innlich - körperl ich erfahr bar und nicht nur das :
den für uns leib lich sp ürba re n Einfluss, welche n Gebäude auf uns a usüben, müssen
wir „ körperpraktisch“ han dhaben . Wir lernen die Benutzung von Gebä uden vor
all em über den Körper und sin d in der Lage, Drehtüren, Rolltreppen und Aufzüge
zu benutzen und könne n uns – verm ittel t d urch das Zus amme nsp iel vo n Ha nd und
Auge – au ch durch uns unbekannte Gebä ude mehr oder weniger s ouverän bewe-
gen (sofern sie in ihrer Bauweise nicht den baulichen Konventionen zuwiderlau-
fen) .
Gebäude werden uns zum Zeichen oder au ch zum Symbol: Mit ih rer D eutun g
und ihr er Hand hab ung mü ssen w ir u ns genauso vertraut mac hen, wie mit der
Sprache u nd den Institu tionen der Gesell schaft, in der wi r leben. Sie bedürfen au-
ßerdem einer g esellschaftlichen L egitimation, damit sie nic ht abgerissen , u mge -
nutzt oder auf neu e Weise symbolis ch aufgeladen werden: „Diese [Legitimati on]
kann sic h über ihre Nutzung einstell en oder über eine legitimatorisch e Erzählung,
die verdeu tlicht, wofür ein G ebäude s teht, wofür es ei n Zeichen oder ei n Sy mbol
ist. Das hat mit einer Besonderheit materi eller Objektiva tionen zu tun. Gebäude

44

lösen nich t nur Probleme auf architektonische Weise (wie dies beispiels weise auch
Insti tutionen auf ihre Weise tun ), sondern sie zeigen g leichzeiti g an, wie sie dies
tun.“ ( Steet s 2013 : 196 ) Die erforderliche un d unauswei chli che körperliche Aneig-
nung von Gebäuden betrachtet Steets schließlich unter dem Aspek t der Interna li-
sierun g , die wie derum „ die Übernahme objektiver Weltdeu tungen in d as subjek -
tive Bewu sstsein und den in divi duellen Körper [bedeutet] , wobei das ein e das an-
dere jeweils bed ingt, was im Fall des Gelingens dazu f ührt, da ss sic h ein Gebäude
für eine Per son stimm ig a nfüh lt.“ ( Steet s 201 3: 19 7) Ü bernommen in das su bjek-
tive Be w ussts ein ist d iese s w ieder um d ie Gr undl age, a uf de r ne ue Arch itekturen
und Gebäu de entstehen.
Steets verdeutlicht i n ihrer Konzeption , das s Externalisierung, Objekti vation
und Inter nali sieru ng eng miteinan der verknüpft sind und dass au s eine r umfän g-
lic hen Betrachtung der geba uten Welt, die alle drei Pole der Si nnkon stitutio n be-
rücksic ht igt, eine vie lve rspr echen de An aly se nic ht nur in Hinb lick auf die so zia le
Bedeutu ng von Architekturen mög lich ist , so nde rn da ss das Materielle bzw. die
Dingw e lt al s grundsätzlich e Bestan dteile der Verges ellschaftungsprozes se aufge-
fasst we rden könne n . E in umfasse nde s Ve rstän dni s von Si nnkon stitut io nen er-
scheint nicht mö glich, wenn diese nicht von allen drei Seiten betrachtet werden.
Die inn erhalb der Soziologie immer noch stiefmü tterlich behandelte physisc h -ma-
teriell e Seite ges ellsc haftlichen Lebens soll te dah er nicht systematisch ausgeblen-
det bleiben: Auch das Materielle wirkt aufg r und der mit ihnen verbundenen Sinn-
setzun gsprozesse vergesellschaften d.
Steets wi ssenssoziologis che Perspektive au f Architekturen hat für d ie vorlie-
gend e Studie viele Anknüpfungspun kte vor allem mit Blick auf die Au swertung der
Daten gegeben, auch wenn f ür das betrachtete B auwerk a ufgrund der speziellen
Datenla ge keine Rekonstruktion des gesamten D reikl angs a us Exte rna lisierun g,
Objektiva tion und Internalisi erung möglic h w ar. Weite r hin fo kussie re ic h mit der
vorlieg enden Fallstudie die empirische Un tersuchung jene r Ebene, a uf der sich das
Gesell schaftliche in Form von Objekti vationen zeigt, w ähre nd St eets auf theoreti-
scher Ebene v or alle m d ie V or gä n ge subjekt ive r Sinnse tz ungen nach ze ichnet un d
einen bes onderen Schwerpunkt auf die Prozesse der Internal isierung legt. In Steets
Konzeption s tehen Fragen im Vorderg rund , die a uf die Rolle v on Dingen und Ge-
bäuden bei der Ko nstrukt io n der Wirk lichke it zie l en: „In welcher Weise beeinflus-
sen [...] Dinge und Gebäu de die Erfahrungen , die wir mit der Wel t machen? Wi e
prägen um gekehr t diese Er fahrunge n unser Verstä ndni s von und unsern Umg an g
mit die ser We lt? W ie w ird die We lt für un s dur ch s ie w irkli ch? Und auf we lch e
Weise en tstehen dadurch Struktu ren subjekti ver und i n tersubjektiver Weltorien -
tier ung? “ ( Stee ts 2013: 44) Auch ich stell e die Frage nach der Konstruk t ion der
Wirklichkeit, ver suche d abei aber folg endes zu ermitteln : Wie bestimmen vorha n-

45

dene Wisse nsbe st ände die Entstehung von A rchitekturen? Wi e sind kollektive E r-
fahrung en m it Gebäud e n und Architekturen verbunden und wie haben diese ihren
Entstehu ngsprozess mit gep r ägt ? Was repräsentiert die Architektu r des Jügelhau-
ses? Und: A uf welche Weise verbinden Gese l lsc haften b zw. gesells chaftliche Grup-
pen ihr Wi ssen mit Architekturen ? Wenn es ein auf di ese Weise an das Gebaute
geknü pftes Wis sen gibt, welchen Effekt hat da s wiederum auf das (städti sche) Ge-
sellsc haftsgefüge? Im V orde rgrun d stehen dabei wenig e r die su b jekt iven Si nnkon -
stitu tionen bzw. subjektiven Wissens be ständ e, sondern vor allem der gese ll schaf t-
liche W issens vorrat so wie d ie objekti ven Sinnsetzungen.
Am Ende ihrer Habi litat ions schr ift gibt Steets den A usblick auf d ie Verb indu ng
ih r er Betrachtung e n mit dem For schungsa nsatz z ur Eigenlogi k der Städ te , der die
je besonderen und „ty pischen“ Struktu ren, Entwickl un gen und Dyn amike n eine r
Stadt off enzul egen versucht . In der Eig enlogik - Perspektive ers cheint die Stadt
selbs t als Wissensobjekt . In Verb indung mit e ine m wiss enssoz iologi schen Bl ick a uf
die stä dtischen Architekturen sieht Steets die Mö glichkeit, g enauer zu untersu-
chen, wie s ich die Sinnhorizonte des Handel ns auch in Abhängigkeit von den ge-
bauten S trukturen f ormieren, die j eweils spezi fische körperlich - leibliche Erf ahrun-
gen bedeu ten. Für die v orliegende Stu die hat sich der Ei genlo gik - An satz in Verb in-
dung mit wissenssoziologisc hen Überlegungen tatsächlich als seh r pro dukt iv
erwiesen . Bei der theoretischen Rah mung der Untersuchungsergebnis se war we i-
terhin das Konzept des kollektiven Gedächtnisses von Maurice Halbwachs hilf-
reich . Halbwachs z ählt zu de n „ Klassiker n “ de r Wisse nssoz iolo gie und bindet in
seiner Kon zeption die kollektiven Eri nnerungen einer Gesellschaft bzw. e iner ge-
sellsc haftlichen Gruppe an das (baulic he wie auch son st ige) Mat erial, z.B. a n das
einer Sta dt .
Beide P erspektiven, Eigenlogik - Ansatz u nd kollektives Gedächtni s, haben mei-
ner eig enen architekturs oz iologischen Betrachtung einerseits für die Suchbewe-
gung i n der Analyse und anderersei ts bei der theoretis chen Unterfütterun g des i m
Material Entd eckten Anr eg ungen gegeben. In den beiden nachfolgenden Kapiteln
geht es daher nicht mehr darum, bereits vorhan dene architektursoziol o gische P er-
spektiven vorzustellen , sondern einen ersten Ausblick auf mei ne eigene Konzep-
tion zu geben, di e ich in Anlehnung an die zul etzt genan nten Ansätze entw ickelt
habe.

46

1 .5
A rc h i t e kt u r in d e r F o rs c h u n g s p e rs p e kt i v e
zu r „ E ig e nlo g ik d e r Stä d t e“
Bereits m ehrfach habe ich bemäng elt, dass bei der soziolo gischen A nal yse von Ar -
chitektu ren in der Regel der sozia le und vor allem der ph ysisch - m ateriel le Kontext
Stadt zu wenig Berück sichtigung findet. Zwar wir d au s der stadt soziolo gi schen
Perspekti ve immer wieder Architektur als wesentliches El ement städtischer Iden-
titäten etc . betrachtet, aber umgekehrt versteht m an d as städt ische Umfe ld üb li-
c herweise nicht an den Sinnkons titutionen eines Gebäudes beteiligt. Bernhar d
Schäfe rs (20 06) sow ie H ara ld Boden schat z und Wer ner Sew ing (1 992) verwe isen
z.B. au f den Zusammenhang von A rchitekturgestal t und Stadt. Schäfers geht dabei
allerdi ng s kaum auf die konkrete Form bzw. den baulichen Au sdruck von Bauwer-
ken ein und B odenschatz/Sewing nehmen in erster Linie ein e einseitige Wi rk ungs-
richtung a usgehend von der Architektur auf den Stadtraum (und n icht umgekehrt)
an. Ausgangspunkt m einer e igen en Untersuchung ist demgegenüber die Annahme,
dass die vorhanden e bauliche Stru ktur einer Stadt g enauso Ausw irku ngen auf die
neu entstehenden Architekturen w ie umgekehrt die neu entstandenen Bauten Ef-
fekte auf di e bestehende Stadt h aben. Diese Wechselseitigkeit stellt sich meiner
Auffass ung nach deshalb ein, weil die städtischen Akt eurinn en und Akteure bei
den Ent scheid ungen f ür ne ue Bauvor habe n auf ei nen auf diese Stadt bezog enen
sozial en Wissensvorrat zurückg reifen, der ni cht nur ein Wissen um die soziale, po-
litis che und ökonom isch e Strukturiertheit der S tadt umfass t, sondern auc h eines
um ihre s pezifische Materialität.
Um diese Wis sensbe stä nde auf empirischem Weg freizul e gen, h at sich der
Darmstädter A nsatz zur Eigenlogik der Städte als fruchtbare Anregung erwiesen. In
den kommen den Abschnitten ski zziere ich aufbauend auf den Überleg ungen dieses
Ansatzes e ine Pers pektive z ur Betrac htung von Architektur in einem spezifischen
städti schen Kontext und arbeite heraus, wie dieser an den Sinnkonstituti o nen von
Gebäuden betei ligt i st . Spezi fisch bezieht sich dabei auf die Annahme, dass es einen
Unterschi ed für die Si nnko nsti tution von Archi tekturen macht , in welcher Stad t
sie erri chtet werden und weiterhin, an welchem Ort in dies er Stadt. Dieser An-
nahme l iegt wiederum die These zug runde, dass es si ch bei Städten um d ifferente
sozial - räumliche Gebil de handelt, di e über jewei ls spezifische Mu ster der Sinnkon-
stitu tion und eine j e spezifische Materialitä t verfügen, welc he wiederum aus de m
Handeln der sozial e n Akteur innen un d Akte ur e resultiert , we lches sich wiederum
an den städti schen Sinnstrukturen orienti ert.
In der stadtsozi ologische n Perspektive im Forschu ngsa nsatz zur Eigenlogik der
Städte bleibt Architektur bzw. da s Verhältni s von Stadt und Architektur keineswe gs

47

ausgebl endet . Verk ürzt gesprochen ist die Gru ndannahme des Eig enlogik - Ansat -
zes, da ss jede Stadt s ich auf ein e je e igensinnige W e ise entwickelt ( h at ) , die in
einem j e spezifischen C hara kter der Stadt i hren besonderen Ausdruc k findet und
die letztend lich auch in ihren vielen un terschiedlichen Einzel teilen , d .h. in de n
All tagsroutinen, den Machtverhältniss en, dem Geschmack der dort lebenden Men-
schen , abe r auc h in der baulichen Ge stalt der Stadt , d.h. in ih re n Archi tekturen ,
sichtb ar w ird . Im Ei gen log ik - Ansat z fi ndet ma n A nreg ungen d azu, die Ana lyse de r
baul ichen Um w elt – verst ande n als materialer Ausd ruck des sozia len Ha ndel ns ,
das i n jeder Stadt eine r bestimmten Sinnstruktu r folgt – in die Untersuchung des-
sen, w as eine Stadt zu genau dieser Stad t macht , ei nz ub eziehen. Konkrete V or-
schlä ge , wie man das Baul ich e in die e mp iri sche Analy se einbezieht , bietet dieser
For schungsan satz aller di ngs (n och) nicht , die Ber ücks ich tigun g von Architekturen
in d as U nter such ungsde sig n zur Eigenlogik einer Stadt ist bislang nicht konzipiert.
Dennoch bietet d ie For schungsp erspektiv e e inige A nk nüpfun gsp unkte , wie d ie
Stadt in die Analyse von Gebäuden e in geb unden we rde n kan n. Den nachfo lgende n
Überblick zu die sem For sch ungsan satz er gänz e ich de sh alb um meine eige nen Vor -
schlä ge , auf welche Weise d ie Eige nlo gik - Perspektive für die Unters uchu ng städti-
scher Archi tekturen nutzbar gemacht bzw. wie der Ei genlogik - Ansatz dur ch eine
stärkere Ei nbeziehung des Phy sisch - Materiell en konzeptionel l gestärkt werd en
kann .
„ Städte [ ... ]“, so schreibt Ma rtina Lö w ( 2008a : 44) , „sin d als Or te sp ezifi sch u nd
werden spezi fisch gemacht.“ Was beinhal tet dieses „Ma chen“? V erstanden als ein
bestimmter M odus der Produktion kann m an da s „Sta dt - Machen“ schnell mit d er
Herstel lung der physisch - materiellen Grundlage der Stadt, dem Bauen also , asso -
ziier en . Der Modus der Produktion legt aber auch die ökonomischen Aspekte na he,
die erforderli ch sin d, um die Stadt am Leben zu halten , denn diese is t immer auch
ein spez ifisches wirtschaftli ches Gefüge. Produ ziert werden i n eine r Stadt Ge -
bäude, P rodukte und Dienst leistun ge n, d arübe r h ina us ab er auch ganz spezif ische
Kultu ren, städtische Kulturen, besondere Arten des Zusammenlebens, Kunstfor-
men und städtische Formen der Freizeitg estal t ung. „Gemacht“ wird die St adt au-
ßerdem i n unseren Kö pfen: Wir haben üblicherw eise bestimmte V orstellungen da r -
über, was in einer Stadt möglich ist und was nicht und das wiederum variiert von
Stadt zu Stadt. Di e Vorstel lungen darü ber – oder anders gesprochen: das Wissen ,
was St adt ist, ode r wa s di ese ei ne St adt ist – spiege ln si ch schl ießlich im Hand eln
und in d en Al ltagsr outine n der städtis chen A kteurinnen und Akteure (vgl. Ber king
2011, 20 13).
Helmuth Berk ing verweis t in Bezug auf das , was Stadt „macht“ in An lehnu ng
an Wir th (1 974, ori g. 193 8) a uf deren zentrale Marker Größe und Dichte a ls r äum -
liche Or ganisat ion spri nzipie n, „die in ihre m Z usam me nsp iel mit Het ero genitä t ei n
gewisses Proportionsgefüge aufweisen . Erst eine bestimmte (und bestimmbare?)

48

Proportion alität zwischen all en drei Größen » macht« G roßstadt – und d as im mer
und üb eral l.“ (Be rking 20 08: 1 8 f. , Hervorhebung TE) Berking versteht Stadt somit
als e in „sehr s pezifisches räumliches Strukturprinzi p“ ( ebd.: 19). Die i n jeder Stadt
etwas an deren Modi und Inhal te der Verdichtung und Heter oge nisie run g führe n
dazu, da ss jede St adt im Zusammenspiel di e ser beiden Prozesse i n einer etwas
anderen und j e weils ch arak teristis chen Weise „gemacht“ wird. Nicht nur bezog e n
etwa auf d ie Bevölkerung, sondern auch hinsichtl ich d er kulture llen w ie a uch die
physisch - materiellen As pekte ergibt sich fü r jede Stadt ein spezi fisches Gepräge
mit je typischen Sc hwerpunkten. Das Zusammenleben vieler versc h iedener Men-
schen a us de n unt erschie dlichst en soz iale n Hinte rgr ünde n auf engem oder g ar
engs tem Raum vo llzi eht sich ni cht in jeder Stadt auf genau dieselbe Weis e. D ie
Art , wie etwa Wohnraum g eschaffen wird, wie d ieser konkret auss ieht, wie er in
der Stadttopog raphie angeordnet ist, variiert von Stadt zu Stadt.
Überhaupt un terliegt der Modus , wie und was gebaut wird , welche Infrastruk-
turen vorha nden sind, wie sich das Stadtzentru m oder aber viele kleine Zentren
derselben Stadt zur P er ipherie v erhalten, w ie die städtischen Fu nktionen über den
Stadtrau m verteilt sin d, laut der Eigenl ogik - Perspekti ve in jeder Stadt j e e igenen
Gesetzmäßig keiten. Heterogenitä t or ganis ier e u nd koor dinier e sich dan n a uch i n
Bezug auf sozialstruk turelle Faktoren jeweil s unters chiedlich. Ethni sche Minder-
heiten, Otton ormalverbraucher, Subkulturen , Touristen, Berufstätige, Schulkin-
der, Händ ler, Obdachlose und Di enstleistende jedweder Cou leur leben in der
(Groß - )Stad t in einem variierenden Mit - und Neben einander. Je nach soz ialstr uk-
turell er Zusammensetzung, je nac h der vorzufindenden Machts truktur innerhalb
der Stadt, j e nach räumlicher Verteil ung der sozialen Gruppen und Gru ppierungen
und je nach der spezifis chen, bereits weiter vorne genannt en Sinnstr uktur dieser
Stadt, kom mt es zu anderen Inhalten und Modalitäten der Heterogenisi erung und
der Verdic htung. Neben den untersc hiedlichen Bauten und der Bev ö lkeru ngshe-
terogeni tät zeigen si ch auch für die Ökonomie ei ner Stadt je spezifi sche Ausprä-
gungen und Formen der V ielfalt.
Stadt wird ge mäß dem Eigenlogik - Ansatz auf ganz unterschiedl ichen Ebenen
„gem ach t “ u nd j ede Stadt hat dabei einen eigen en Modus ihres Produziertwerdens .
Das füh re dazu, da ss wir St ädte in a ller Reg el problemlos voneinander unterschei-
den können . W ir w isse n – s ogar ohn e selbst in di esen Städten gew esen zu sein –
dass M ünche n ander s al s Ber lin, Ber lin ander s al s Fran kf urt am Ma in und Frank -
furt am M ain ander s ist a ls Frankf urt an der O der, und dass jede Stad t je char ak-
teristi sche Eigenheiten und Atmosphären hat. In der Fo rschung s perspektiv e z ur
„Eigenl ogik der Städte“ entstehen diese Besonderheiten keineswegs zu fällig, son-
dern re sultie re n au s je e igenen Sin nstr uktur en der Stä dte, die die Rou tinen, S ym-
bolisie runge n und Mate ria lisier unge n in einer Stadt au f je spezi fische Wei se koor-
dinier en . Die Sinn struk ture n einer Stadt sind gemäß de m Eige n logi k - An satz zu

49

verstehen a ls eine Art „unsichtbare“ Vereinbarung darüber, wa s in dieser Stadt
möglich i st und was nic ht, eine un ausgesprochene, aber fortwährend a ngewandte
Orientieru ngshilfe für alles, das in dieser Stadt geschieht. Wenn man der Eigenlo-
gik ei ner Stadt auf die S pur kommen will, geht es um das Aufdecken dieser inhä -
rente n Sinnst rukt ur en , in de m ma n die Mu ster und Ver knüp fun gs - Rege ln z wische n
den versc h iedenen Eben, auf denen „Stadt“ konstitui ert – d .h. „gemacht “ – wird,
sichtbar werd en lässt : a uf de r Eben e des So ziale n bzw. des Kulturell en , in d en
All tagsroutinen, der Poli tik und der Ökonomi e, auf der physisch - materiell en
Ebene, d.h. in d en Architekturen un d Infrastru kt uren etc. Gefragt wird d abei, wel-
che Homologien, welche Übereinstimmungen und Parall e len es auf diesen ganz
verschi edenen Ebenen gibt, die auf einen gemeinsamen sinns trukturellen Zusam-
menhang verw eisen.
Wenn jed e Stadt eine „eigen sinnige, lokal spezifi sche Wirkli chkeit“ (Frank
2012: 291 ) hat, wie es die Hypothese von der Eigenlogik der Stäte nahelegt, so
sind a lle Entwicklungen in einer Stadt – so wo hl ba ulic h e als a uch gese ll sch aft lic he
– durch diese ganz konkret beeinfl usst und weisen in eine bestimmte Richtung, die
dem gen erellen Webmuster der Sinnstruktu ren , die in d ieser Stadt z usamme nla u-
fen, in v ielen Fä ll en ni c ht widerspricht. D er eb enf alls de r Eige nlo gik - Te rm ino logie
zugehörig e Begriff des „Webmus ters“ verweist auf die Verbun denheit der Sinn-
struktu ren innerhalb ei ner Stadt, d.h. di e Verbindung verschied ener sozialen Fel-
der und heterog ener sozialer Mil ieus über Struktu rähnlichkeiten bzw . Homolo-
gien . Das bedeutet auch, dass Abweichungen als „Ausnahmen“ oder gar a ls unpas-
sende Ers cheinungen identifiziert werden. W e iterhin ist dann davon auszugehen,
„dass Städte auch bei vergleichbaren Rahmenbedingungen einen jewei ls ei gene n,
spezifi schen Umgang mit Problemen und H erausforderung e n entwi ckeln . “ (Fra nk
2012: 2 93) Der spezifi sche Umgang mit Herau sforderungen bezi eht sich selbstver-
ständl ich auch auf das Ba ue n. Bei der Unter suchu ng der sozialen Be deut ung eine s
bestimmten Gebäudes oder eines Quartiers in einer bestimmten Stadt rückt damit
auch deren prärefl exiv und nahezu still schweigend wirkendes Sin n gewebe in das
Blickfe ld, das d aran A nteil h at, d ass gena u an die ser St elle f ür gena u diese n Zwe ck
in g e nau dies er Gestalt g eb aut wir d.
Helm uth Berking (20 13) sc hlägt f ür de n empir ische n Z ugang z u r eige nsinni gen
Wirkl ichkeit einer Stadt vor , die für jede Stadt zentralen Prozesskateg orien Ver-
dicht ung u nd Het ero genisie r ung in Be zug a uf d eren Inh alt und ihre Modalitäten
zu unters uchen. D enn wi e weiter vor ne besc hrieben, bringen Verd ich tun g und He-
terogeni sierung un terschiedliche und unterschei dbare „Wirklichkeiten“ hervor, die
für je de Stadt eine „ind ivid uelle Q ualität “ er kennen lasse n (Berki ng 20 13 : 227) .
Die weitere und sehr ents cheidende Implikation zur Offenl egung städtisc her Ei-
genlo gik ist schl ieß lich der methodol ogische H olismus, auf den der Forschun gsan-
satz bei seine n Anal ysen setzt und der „das Ganze der Stadt“ im Blick hat. Gefragt

50

wird na ch „den Mustern, den Verknüpfungs -R egeln, die sic h zwischen materialer
Struktu r, kulturellen Dispositi onen und Alltagsroutinen herstellen und auf diese
Weise den individuellen Charakter di eser Stadt und ihrer Wirk lichkeit präg en.“
( Berking 2013 : 227) Im Ze ntrum des empirischen Interesses li egt des ha l b d ie „E nt-
deckung von Stru kturähnlichkeiten zwischen den u ntersc hiedlichen Feldern städ-
tische r W irkl ichke it – dem Selbstbil d der Bewohner, dem Macht - u nd Herrsc hafts-
gefüg e, den kulturellen Rep räsenta tionen, der lokalen Ökonomie, den Klas senkon -
stell ationen, den lokalen Or thodoxien, etc. [ ... ] d ie S uch e nach Ho mo logie n, n ach
identi schen Strukturierungen und korrespon dierenden Positionen in vers chiede-
nen Ha ndlun gsfelder n [ ... ]. “ ( ebd.: 227 f. ) Die holistische Perspektive der Ei genlo-
gikf or schung legt zwar nahe, dass bereits dur ch d ie U nte rsuchu ng eine s kle inen
Ausschni ttes der Stad t Rückschlüsse auf deren Ganzes gezogen werden können,
wenn si ch in d iesem doch das Gesamte w iederfindet. Im konkreten empi rischen
Zugri ff stell t sich dabe i aber die entscheidende Frage, ob das Entdeckte ta tsächlich
für das Ganze der S tadt spricht oder nich t do ch eine n A usnahme fall d arste llt . D ie
Homologi en, identischen Struktu rierungen und di e korrespondierenden P o siti o-
nen in v ersch iede nen Hand lun gsfelder n (Be rkin g 201 3: 2 28) ze igen sich des ha l b
erst in d er Analyse der verschiedenen Ebenen städtischer Wirklichkei t.
Alfred Sch ütz und Thoma s Luckm ann gehen in ihrem wissens sozio logis chen An-
satz dav on aus, dass g esellschaftli che Wirklichkeit au f einem besti mmten Wisse ns-
bestand i nnerhalb einer Gesel lschaft basiert, der den sozia len Akteuren Handlu n-
gen, Äußeru ngen und Dinge bzw. Artefakte sinnha ft e rschei nen lässt. Diese Per-
spektive möchte ich auf die städt isch e Wir k lichke it d es Eige nlo gik - Ansatzes
übertrag en. Um de m Sin n gewebe einer S tadt auf die Spur zu kommen, muss es
dann d arum gehen, den städtisc hen Wissensvorrat frei zulegen. Dafür möchte ich
den Begri ff des städtischen Wissen svorrats einf ühre n, den ich a ls eine besondere
Form des sozial en Wissens verstehe und der si ch auf die O rte, Bau ten und weiteren
räuml ichen Strukt uren e ine r Stadt, di e Verteilung s ozialer Gruppierung e n über
den Stad traum, die städtische Ökonomie, bes ondere städtische Traditionen und
die darü ber hinaus gehenden , genau diese S tadt betreffenden As pekte bezieht. Für
jede Stadt speist sich dieser Wiss ensvorrat zwar aus äh nlichen Bereic hen und Kom-
ponenten, die konkreten Anteile u nd Wissensverteilungen varii eren jedoch, sodass
es zu j e spezifischen Ausprägung en der städtischen Wiss ensbestände kommt. In
den städ tisch en W issensvo r rat fließ en die E rfah runge n der so zialen Ak te urinne n
und Ak teure in bzw. mit dieser Stadt ei n , und a lle als sozial rel evant betrachteten,
unmi ttelbaren und mitgeteil ten Erfahrung en in der städtischen Lebenswelt schli e-
ßen sich in i hm zu einer Einheit zu sammen. Der Wissensvorra t einer Stadt di ent
dann a ls Bezug s schema für die weitere Wel tauslegung bzw. als eine Art „Ge -
brauc hsa nweis ung“ oder „Or dnungssy stem“ ( vgl. Sc hütz/Luck man n 2003 : 43 ,
47 ).

51

Das auf den städtischen Raum bezogen e H andel n bzw . das Hande ln im Kontext
von in dieser Stad t als typisch gel tenden Si t uati onen orientiert sich an d iesem Wis -
sensvor rat , de nn in ihm ist „ abges peichert“ , wa s in diese r St adt al s sinnvo lle s bzw.
sozial aner kanntes d.h. relevantes Hand eln gilt . Ande rs formul iert: E in a m W is-
sensv orrat orientiertes Ha ndeln gilt d ann al s „sin nvoll “ , wenn sich der von den
sozial en Akteurinnen und Akteuren erw artete Effekt des Handelns bestätigt. So -
fer n es noch keine bewährten Lösungen gi bt, entstehen – i n a ller R egel mit R ück -
griff auf , o der b esser : in A nle hnung a n da s beste hende Wissen – neue S inn setz un-
gen. Daraus ergibt sich eine gewisse Bewe g lichkeit des städ t isch en S inngewebes
im La uf der Stadtg e schi chte, da sich di e erforderlichen Han dlungsorientierungen
immer wieder akt ualis iere n.
Um an die Sinnsetzungen städti scher Architekturen als Bestandteil e des städti-
schen Sin ngewebes analytisch heranzukomm en, möch te ich d esh alb d ie Rekon -
strukt ion de s städt ische n Wi ssensvor rats bzw. spezifischer Teile die se s Wisse nsvor -
rats vor sc h la gen , die wieder um eine umf assend e e mpiri sche A naly se auf v ersch ie-
denen Eben en voraussetzt. „ Spezifi sche T eile de s st ädtisch en W issensvo rrat s “
meint all jene Wissenselemente, die im Rahmen der Entscheidungsprozess e für
den Bau von G ebäude n und ihre Umset zung als be deuts am anzu nehme n sind . D as
kann je nach Gebäudezweck und Gruppe der Nutzerinnen und Nutzern sehr un-
terschied liche Bereiche des städ tischen Wisse ns u mfass en. So ist z.B . d avon au s zu-
gehen, das s die Entwicklung der Geburtenrate einer Stadt für den Bau eines Park-
hauses recht unbedeu te nd, fü r die Errichtu ng von Ki nd ertagess tätten aber wiede-
rum äußerst rel evant sein dürfte. Interessan t ist dabei weiterhin, wie solche Zahlen
(übli cherweise) interpretiert u nd auf welche Weise sie in die Entschei dung mitein-
bezogen w erden.
Die holi stische Untersuchungs perspektive des Eige n lo gik - Ansatz es ha t mir für
die Freil egung der städtischen Wissen sbestände und bei der Frage, welche Tei le
davon fü r welche Archi tekturen als rel evant betrachtet werden m üssen, hilfre iche
Anre gu nge n gegeben. Das betrifft vor al lem die A nalysevors chläge, die auf di e
Fr eilegu ng d er sukz essiv verfestig ten Vorste llun gen vo m Ga nzen d er Stadt ziele n ,
und die ein besonderes Augenmerk auf die Entstehungsbedingungen fü r das Sin n-
gewebe ein er Stadt l egen , das di e lokalen Prakti ken maßgeblich beein fl usst . Im
Eige nlo gik - Ansatz zeigt sich d as Sin ngewebe in e iner „kumulati ven Textur “ 10 , in
den S edimentbildungen von Texten, Symbolen, Architekturen und Routinen, die
im steten Rückgri ff aufeinander ein e (Sinn - )Einhei t bilden: „Kum ulat iv ist d iese
Textur aus materialen und immaterialen Artefakten: aus Denk - u nd Mah nma len,
Gründung smythen, Texten, Redeweisen und B ildern jedweder Art, da es sich we-
sentl ich um ein Thema mit Vari ationen handel t, das, der biog raphischen Erzählung

10 Suttles ( 1984); Lindner (2008); Berking/Schwenk (2011); Berking (2013).

52

nicht unäh nlich, da s Hier und J etzt an se in Da vor und se ine Gesc hich te zur ückb in-
det.“ (B er kin g 2013 : 230) D ie kumulative Textur ei ner Stadt las se die Hom ologien
auf den u nterschiedli chen städtischen Ebenen hervortreten und damit den spe z ifi-
schen Sinnz usamme nhan g, der in einem „e inzigart igen Zusamme nspie l vo n rä um-
lic her Organisation, m aterialer Umwelt u nd kulturellen Dispos itionen [ …], die
Menschen und ihre Praktiken prägt.“ ( ebd. : 231)
Während di e Ausarbeitung der kumulati ven Textur in einer S tudie zur Eigenl o-
gik ei ner Stadt auf die H erausstellung der Homologien ausgerichtet s ein wird,
nutze ich die se zwar auch z ur Freil egung wiederkehrender bzw. „typischer“ Hand-
lun gs - und Entscheidungsmuster, habe dabei a ber vo r alle m d ie Rekonstruktion
städti scher Wi ssensvorrät e im B lick . Unter anderem geht es d ann um die Beant-
wortung zum Beispiel folgender Frag en : W el che Aspekte stellte man im u nter such -
ten Zeitrau m bei den getroffenen Entscheidu ngen al s b esonde rs wicht ig her aus
und ha ben diese Aspekte auch schon bei früheren E ntscheidungen eine Rolle ge-
spiel t? A uf welche legiti matorischen Strategi en griff en die städt ische n Entsche ide r
(immer wieder) zurück? W elche Selbs tbilder der Stadt kursierten bzw. wie spra-
chen Frank furterinnen und Frankfurter ü ber ihre eigene Stadt ? Welche Werthal-
tung en waren bei den die Stadt betreffenden Entschei dungen bestimmend? S pie-
geln s ich d ie Haltungen der sozialen Akteure auc h im physisch - materiell e n Mate-
rial der Stadt wider u nd we nn ja: in we lche r We ise ? D ie hie r z ugr undel iege nde
Annahme ist, dass sich erst aus der Herausstellung der damaligen, im städtischen
Wisse nsvorrat Frank furts v er ankerten Werthal tungen d er soziale Sin n des 1906
eröffneten Jüg elhauses er schließ en l ässt.
Für meine eigene Konzeption m öchte ich mich vom in der Eigenlogik - Termino-
logi e fest verankerten Begriff der „Sinnstruktur“ etwas distanzieren , da er theore-
tisch unt e rbestimmt bleibt. Mit ihm verweist man zwar auf die gr unds ätz liche n
(Handl un gs - )Orientierung e n innerhal b einer Stadt, er ermöglicht aber i nnerhalb
der Eigenlogi k - Konzeption kein e akkurate Differenzierung zwischen Wissen , Han-
deln und Sinn. Dahe r möchte ich nachfolgend statt von der Sinnstru ktur einer
Stadt vom städti schen W iss ensvor rat spr echen , a n de m sich da s Hande ln i n eine r
Stadt (sinnh aft ) orientiert. Der Sinn zum Beispiel von Architekturen ergibt sich
dann aus der Verknü pfung von bestimmter Wi ssenselem ente an diese Gebäude,
die durc h die städtischen Akteurinnen und Akteure erfolg t, welche diese Verbin-
dung w ied erum auf grund g emeins amer d .h. auf einande r abgest immte r Erf ahrun-
gen und W isse nsbestä nde v ollzieh en k önne n. Wie die se Ve rbin dun g ga nz ko nkret
aussehe n kann , v eranschauliche ich mi t meinen empiri schen Befunden z um Jügel-
haus in Teil B dieser Arbeit.
Arch itekt ur wirk t a ufgru nd de s sozia l verte ilte n Wissen s, das mit gena u dies e m
Gebäude verbunden is t, und auf grund seiner una uswe i chliche n Mat eri alit ä t ha nd-
lungs struk turie rend . Auch Mar tina Löw verwe ist dara uf, dass Archit ektur a ls Teil

53

der materia len Welt „fundamen tal und entwicklungsstru kturierend“ sei (Löw
2008a: 104). Der städtisch e Wissensvo rrat u nd die städtischen Architekturen sind
eng mi teinande r verbunden : Letztere entstehen mit dem Rückgriff der involvierten
Akte urinne n und Ak teur e auf ein dies e Stadt betreffendes W issen (und w eiteren
Wiss enselementen über Konstrukti on, Gestaltung, Kostenkal kulation, etc.). Sind
die Archi tekturen einmal in der Welt, kursi ert auch üb er sie ein spezi fisches Wis-
sen, z. B. darüber, wo genau in der Stadt si e stehen, welche Funktion en sie haben,
für welc he soziale(n) Gruppe(n) s ie erbaut wu rden. Sie stru kturieren da bei das
Hande ln im Hier und je tzt, a be r auch die zuk ün ftige Entwicklung: Grenzziehungen
und Raumkon trolle haben immer auch Effekte au f d ie sozial en Verhältnisse und
deren Entfal tung. Unter Heranziehung d e s Konzepts vom kollektiven Gedächtnis
von Mau rice Halbwachs betrachte ic h weiter unten die Verknüpfung v on Arch itek-
tur und stä dtische m Wi ssen svorra t noch a usführ lich er .
Ein gr undsät zliche r Unt ersc hied z wische n dem Ei genlogik - Ansatz und der vor-
lieg enden Studie ist di e methodische Vorg ehensweise. Martina Löw schlägt für d ie
Erfo rschung städti sche r Ei genlogik ein komparativ es Untersuchungsd esign –
sprich: den Verg leich v o n Städ ten – v or, d a s ich da s Eigene nur in Dif fer enz z u
andere n Stä dten ze igen kö nne ( vgl. Löw 20 08 ; Frank 201 2 : 3 01). Aus dem Ne-
beneina nder zweier Städte zum Beispiel, die bei de ähnliche soz ialstruktu re ll e und
ökonomis che Voraussetzungen sowie eine ähnlic he G röße haben, zei gt en sich
dann – so die These – trotz g ewisser Parallelen die jeweils besondere Strukturi ert-
heit der Verg leichsstä dte. W eiter hin sei z u ber ücksic ht igen, da ss sich St äd te nich t
isolier t entwickeln , sondern zusammen mit den anderen S tädten „ in e in Netz werk
objektiver B eziehungen eingebunden [sind] , welche erstens Stadtentwi cklung
durch Ver gleic hss ysteme m it strukturieren und zweitens Entwicklungen gerade
unter Bedi ngungen von Globalisierung, a lso steigender Vern etzung und A bhängig-
keiten, nic ht mehr allein über den Ort erklärbar mache n. Die Struktu r eines Ortes
ist i n diesem Sin ne auch das Resulta t von Prozessen an an deren Orten. “ (Löw
2008: 46) Das Bezieh ung sgef üge, inner ha l b dessen sich Städte – durch aus i n Ab -
grenzun g und i n Konk urr enz zue inande r – entwicke ln, nennt Löw den Konnex der
Städte (ebd.; Löw 2008a: 96 ff. ) . Bei der Analys e sei zu berücksichtig en, ob d er
Vergle ichsrahm en i nnerh al b diese s Ko nnexes loka l, re giona l, na tional oder global
gesteck t ist bzw. ob der inhaltliche Vergleich auf ein er kul turellen oder ökonomi-
schen Ebene erfolg t (v gl. F rank 2012: 300) . Die eigenlo gis che Struktur einer Stadt
werde aufgrund dieses relational en Bez iehungsnetzes auch andernorts mi ten tw i-
ckelt: „Städtische Eigenlogik ist s o mit ein ortsbezog ener Begriff, der nic h t nur an
einem Ort stattfin det. “ ( Löw 20 08a : 100) Der Städtevergleich , der nich t auf das
Allgem eine, „sondern auf der Ebene horizontaler Vergleic he of fener operiert“
(eb d.: 102), führe zu „ti efenscharfen Entsc heidungsgrundlag e n für »di ese« Stadt.“
(ebd.)

54

Auch wenn die vorlieg ende Studi e viele Anregungen aus dem Eige nlo gi k - Ans atz
mitnehmen konn te – e in St ädtevergl eich bzw. der Vergleich mit einer oder meh-
reren anderen Städten, die zu einem ä hnlichen Zeitpunkt ein ähnlic hes Bauvorha-
ben ums etzten, kam aus m ehreren Gründ en nicht in Frage: E r stens w aren keine
Ver gle ichsf ä lle zu finden, die über e in ähnliches Setting verfüg ten, zweitens hätte
ein Stä dtevergleich bei der Tiefe der vorl ieg enden U nte rsuchun g d ie Re ssour cen
einer Einzelperson wei t übertroffen. Wei terhin bin ich von der These ausgegang e n,
dass , sofern man sowohl die sozia len als auch die material en Ebenen der Stadt-
konst itutio n in de n Bl ick n immt und z war bezogen a uf unte rsch ied liche Han d-
lun gsfe lder (wie z.B. Politik, Ökonomi e und Kultur) , das je Typische einer Stadt
auch ohn e einen direkten Städteverg leich empirisch erf assen k ann . Denno ch h abe
ich nicht die Relati onen zu anderen Städten, zu denen diese Stadt von A ußenste -
henden in Vergl eich gesetzt wi rd bzw. zu welchen sie si c h selbst in Vergleic h setzt,
außer Acht ge las se n . A uch die Art, wie man sich e iner Stadt mit anderen Städten
ver gleich t bzw. d ie von außen kommenden Einschätzungen über eine Stadt , g eben
Aufsch lus s auf d ie Beso nderheiten bzw. das Typische dieser Stadt.

1 .6
H a lbw a c hs und d a s k o llektive G ed ä c htnis :
Ar c hitek tur en a ls „ W is sens a nk er“
Hal bwachs Überlegungen zum kollektiven Gedächtnis können Silke Steets wis-
senss oziologischem Zugri ff auf Architektu re n und den Ei gen log ik - Ansat z a uf inte -
ressan te Weise verbinden . Bislan g werden d iese Übe rle gun gen vor wie gen d a ls
Konzept einer A r chitektu rsoziol ogie avant la lettre betra chtet. Der Ansatz des fran -
zösis chen Soziologen fi ndet in de n Ku lturw isse nschaft en eine sehr viel weitere Ver-
breitung als innerhalb der Soz iologie, was u nter anderem der Weiterentw icklung
zu einem „ku lturel len“ Ged ächtnis d urch Jan und Alei da Assm ann gesch uldet i st.
Architektu rsoziologisch sind di e Ideen von Halbwachs vor allem aufgrund s e ine r
Annahme i ntere ssant, d ass sich die geme insame n Er inner ungen einer so zialen
Gruppe in das Ma terial bzw. in bestimmte Orte „ einprägen“ bzw. au f eine materi-
elle W eise „reprä sen tiert“ werden . Das schlie ßt auch Architekturen mit ein, wel-
chen in diese r A uffa ss ung e ine sozial - kohä sive F unkt ion zukommt . Halbw achs be-
absic htigt mit seinem Konze pt des kolle ktiven Gedächtnisse s zu er klä ren, wie diese
Funktion überhaupt „in das Materia l“ kommen kann. Diese Erklärung nutze ic h als

55

Ausgangs punkt, um zu meiner eigenen Konzeption des städtische n kollektiven Ge -
dächtnis ses zu kommen, wel ches ich w ieder um als eine besondere Form bzw. einen
Aussc hnitt des städt ische n Wisse nsvorrat s auffasse .
Maurice Halbwa chs Annahmen zum koll ektiven Gedächtnis sind an v ielen St el-
len unsch arf geblieben , was m itunt er se inem f rühe n T od im KZ Bu chenw ald ge-
schul det ist . 11 Zwar sind in den letzten Jahrzehnten verschieden e ergä nzend e K on-
zeptionen en tstanden, die aber vo r alle m auf die sprachlic he, die symbolische und
die in teraktionsbasi erte Vermitteltheit des kollektiven Gedächtni sses rekurrieren
und dab ei d ie in de r Ha lbwa chs - Konzeption herausges tellte Verbindung mi t dem
physisch - mat erie lle n Rau m in a ller R egel ni cht oder nu r am Ra nde themat isi eren.
Zu nenne n si nd hier insbe s onder e das a us de n Kultur wisse nscha ften ko mm ende
Ehepaar Jan Assm ann (1 99 2) und A leida Ass man n (20 02) , der Sozialpsychologe
Hara ld W elze r ( 2005) sowie die Soziologen Hubert Knoblauch (1999) und G erd
Sebald (20 14). A uch eine der jüngste n Erwei terung en von Halbwach s’ Idee des
koll ektiven Gedächtnis ses durch den Soziologen Gerd Sebald (2014; Sebald/Wey-
nand 201 1) s chr eibt Nar rat io nen und D isk urse n eine he rausra gende R olle b e i der
Formierung s ozialer Gedäc htnis s e zu und nimmt keine Verortung dieser Gedächt-
nisse im ph ysisch - materiellen Raum vor . Die Räumlichkeit des Erinnerten s p iel t
bei Sebal d nur in Form eines Mög lichkeitsraums eine Rolle, nicht aber in Bez ug
auf den sozial bes pielten, produzierten u nd angeeigneten physisch - materi ellen
Raum. Eine herv orzuhebende Ausnahme beim Weiterdenken des koll ektiven Ge-
dächtnis ses mit Blick auf dessen Ortsbez ogenheit hat die Ethnologi n Christian e
Schwab ( 2013) vo rge legt . I m Rahmen ihrer s tadtanthropologi schen Studie zu
Sevi l la deck t Schwab die Textur der Sta dt als v ielgestaltige Gesch macksland scha ft
auf. Sie macht dabei die Verknüpfung v o n auf die Stadt bezogenen kollektiven
Gedächtni sinhalten mit der physisch - materi ellen Umwelt stark und spr icht von ei-
nem städtischen Gedäch tnis 12 . Die Verbin dung von Gedäc htnis und städtisc her M a-
terial ität möchte ich nac hfolgend besond er s deutlic h modulieren und bezi ehe mich
dabei u nter anderem auch auf Schwab s Stud ie.
In wie weit sich das kollektive Gedächtnis über Sprache vermittel t, behande le
ich nur am Rande, obwohl ohne sie di e räumliche Verortung des Gedächtnisses
sicherlich n icht mö glich wär e . Eine in d iese R ichtun g ge hende Ausarbei tung würde

11 Halbwachs wurde aufgrund seiner offenen sozialistische n Gesinnung und aufgrund der Tatsac he,
dass s ich seine beide n Söh ne de r Résis ta nce a ng eschlo ssen hatte n, am 23. Juli 1944 i n Paris vo n
der G estapo v erhaft et un d in Sip penha ft ge nommen. E s e rfol gte die D eportat ion in das KZ Bu-
ch enw a ld, in dem er am 16 . Mär z 194 5 vö llig en tkr äf te t und schw er erk r ank t ve rs tar b. S ieh e da zu
auch Bourdie u (2003: 229 - 234 ) .
12 Ich bevo rzuge die Fo rmulieru ng „städtisch es kollekt ives Gedä cht nis“, da der Beg riff „städt isches
Gedächt nis“ den Schlu ss zulä sst, dass die Sta dt selbst es sei, d ie sic h erin nert, ob wohl es die dort
le ben den Men s chen s ind , d ie g emei ns a m e Ged ä chtn i sin ha l te te ilen .

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den Rahmen d ieser A rbeit jedoch sprengen und ich verweise des halb auf die be-
reits genannten Autori nnen und Autoren. Nachfolgend soll es zunächst daru m ge-
hen, Halbwa chs zentrale Annahmen zur Beschaffenheit und Entst ehun g des kol-
lek tiven Gedächtnisses zu erörtern, um sie dann auf ei ne Konzeption zu ü bertra-
gen, die für jede Stadt ein städtische s ko lle ktiv e s Gedächtn is an nimmt, da s
wiede rum als Be sta ndteil de s städti schen Wis sensvorr at s zu begreifen ist und da s
auf das Verhält nis der städtischen Akteu r inn en und Akt eure zur städti sche n Mate-
rialität E in flus s nim mt .
Aufbau end auf den Überlegungen seines Lehrers Émile Durkhei m entwickel t
Halbwachs ein erweitertes Konzept zur soziale n Morphologie , in de r er imme r wie -
der „zu d en materiellen Formen des Sozialen, dem dinglichen »A usdruck« des ge-
sell sch aft lich e n Lebe ns“ z ur ückkommt (E gger 2002: 92) u nd d abei a uch dem
Raum bzw. räumlichen Verhältniss en Gewicht gibt. Ein en besond eren Stellenwert
in Halbw achs’ Arbeit nehmen Überleg ungen zum kollektiven Gedä chtnis ein, das
er – so wie d as Soz iale gen er ell – eng mit der ph ysisc h - materiellen Umwelt ver-
bunden sieh t. D ie im sozialen Gedächtnis sedimentierten Erfahrung en haben in
seiner Ans chau ung immer einen Ortsbezug und w irken in die ser Verbind ung so -
wohl sozial - kohä siv als auch iden titätssta b ilisi erend. Letzteres vor a llem desh a lb,
weil das soziale Gedächtni s darauf ausgelegt sei , innerhalb einer sozialen Gruppe
bzw. Gesells chaft Gle iche s zu stab ili sieren , Er inn erun ge n an ge meinsame Erfah -
runge n auf eine n Nenne r zu bringe n und d ie Wahrnehmungen innerhalb der
Gruppe zu sy nchro nisier en. Halbwachs’ Konzeption gibt A usblick e dar auf , wie die
materiel len Sedimentation en innerhalb einer S tadt an das Handeln der sozi alen
Akteure g eknüpft sin d u nd inwiefern städtisch e Architekturen bzw . da s Gebaute
in der Stadt als „Ankerpun kt“ kollektiver Vorstellu ngen und Erinnerung en fungie-
ren.
Eine Gesel lschaft kan n Halbwachs zufolg e nur dann bestehe n, wenn sie si ch im
Raum nie der läs st und a usb re ite t , d.h. wenn sie an einem konkreten Ort (oder an
mehreren Orten) l okalisierbar sei : „Sie hat , in ihrer Gesamtheit und ihren Teilen,
immer ei ne bestimmte Ausdehnung, eine Lage, Größe und Gestalt im dinglichen
Raum, auf der stoffli c hen Erd e.“ (Halbwa chs 200 2: 72) G esells chaften versteht
Hal bwachs eng mit den materiellen Formen verbund e n, die wie ei n Or dn un gsge -
füge wirke n . Die Bilder, die z.B. ü ber bestimmte Insti t utionen kursie ren, se ien in
aller Re ge l direkt mit bestimmten räumli chen Aspekten – wi e z.B. Gebäuden – ver-
bunden , denn „Institutionen sind nicht ei nfach nur Gedankengebil de: sie müssen
auf die Erde gebracht werden, gan z mit Stofflic hem besc hwert, men schlichen Stoff
und unbel ebten Stoff, mit L ebewesen aus Fleisch und Blu t, mit Bauwerken, Häu-
sern, Pl ätzen, dem Gewicht des Raums. “ (Ha lbwach s 2002: 15 f. ) D a s ko llek tiv e
Gedächtni s einer Gesellschaft si eht er deshalb verknü pft mit ein em spezifischen
räumlic hen Rahmen bzw. ganz konkreten Orten: Das „materiell e M ilieu, da s uns

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umgibt“ , bewahre die koll ektive Vergangenheit au f (H albwach s 1985 : 142 ) . Ge-
rade aufg rund der Ortsgebundenheit des Gruppengedächt nisses wir ke es hö chst
identi tätsstiftend: „Wir wissen, wer wir sin d, woher wir kommen und wohin wir
gehen, weil wir uns selbst als Teil einer kollektiven Geschic hte verorten könne n.“
(Seb ald/Wey nand 20 11 : 176, Hervorhebu ng TE) Die gemeinsam in der Gruppe
geteil ten Erinnerungen bilden laut Halbwachs einen Wissensv orrat , d er die G rup-
peniden tität nähre und s tärke und der die Wahrn ehmung der ein zelnen Gruppen-
mitgli eder i n eine r We ise le nk e , welche die gemei nsame Erinnerung immer wieder
neu bel eb t .
Das bedeutet, dass da s Handeln innerhalb d er Gruppe auch d urc h d ie ko llekt ive
Erinne run g – als eine besondere Form des Wissensvorrats – gepräg t ist. Das zeigt
sich ins be sondere bei Tradit ion en, wie z.B. re gel mäß ige n Feste n, die in aller Regel
an ganz bes timmten Orten stattfi nden, und die auf grun d ihrer Veranker un g in d as
Gruppenged ächtnis nicht ohne weiteres i ns Wanken g eraten . So gi bt es z.B. in v ie-
len Ort en und St ädte n Mitteleuropas seit dem 16. Jahr hunde rt bis heute die Tra -
ditio n, e ine n Maiba um aufzustellen, was üblicherw eise als ein feierli cher un d ge -
meinschaft licher Akt an z e ntral er Stelle des Orts geschieht , beglei tet von einem
Dorf - oder Stadtfest . In bayer isc hen Ortschaften finden bis heute in dem Gemein-
schafts akt, dem individuell gestalteten Baum und dem Zeremoniel l des A ufstell ens
Zusamme nhalt und Wohl stand ihr en sich tbar en A usdruck ( Maib aum - Ve rein
2016) . D ie starken, damit verbundenen identi tätsstiftenden Effekte wirken a lso
bereits sei t vielen Jahrhunderten . Do ch auc h m it vergleichsweise „k urzlebigen“
und nur für einen bestimmten Zeitra um wiederkehrenden Tradi tionen, wie z. B.
regelm äßige Familientreffen, haben identi tätsstablisi e rende Momente: Das ge-
meins ame Erinnern an frühere Treffen und an gemeinsam Erlebtes stärkt das Zu-
sammengehörig keitsgefühl .
Hal bwachs gre nzt das kollektive Gedäc htnis vom individuellen Gedächtn is ab
und bezei chnet beides als je verschiedene Modi der Erinneru ng. Zwar basi ere d as
koll ektive Gedächtnis auf d en individuell en Erinnerungen, letztere wür den aber
durch den Austausch u n d die Wiederbelebung des einstmals gemeins am Er lebten
im Gruppen - kon text bei d en E inze lnen ab - bzw . ange glich en (Halbw achs 198 5:
12). Dur ch d as E infügen u nserer Erinner unge n in d en k ollekt iven R ahme n der
Gruppe, die ei ne dauerhaft bestehende Gemeinscha ft d er sich E rinne rnden bi lde ,
veränderte n sich die Eri nne rungen und pass t e n sich aufgr und neuer b zw. z usätz -
lic her Informationen über Person en und Ereignisse aus uns erer Vergangenheit
durch di e anderen immer wieder neu an bzw. sie „vervolls tändigt en“ sich. Das
bedeutet, da ss Erinnerungen, oder g enauer: die Bilder der Erinneru ng, veränder-
lich und bew egl ich sind , w ähre nd alle rdin gs d as E reig nis se lbst ( und d amit auc h
der Ort des ein stigen Geschehens) von der Erin nerung nicht abg ekoppelt werden
kann ( vgl. Seba ld/Weynand 2001: 180). Es bedeutet w eiterhin, dass sich die ver-

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meintlic h persönlichen Erinnerungen permanent „mit fremden Beiträgen [berei-
chern], di e sich, sobald sie Wurzel gefaßt un d ihren Platz gefunden haben, nicht
mehr von a nderen E rinne ru ngen unt ersche ide n.“ (H alb wachs 1985: 63) Im Zwei -
fe l se i es den E inze lnen de mnach gar ni cht möglich z u unte rsche iden, o b es sich
bei der Verg egenwärtigung des Vergangenen um eine individu e ll e oder eine durch
die Gruppe bereic herte Erinnerung hand e lt.
Die i ndividuelle Wahrnehmung der Mitgl ieder einer Gruppe werde struk turie rt
durch di e Konventionen der Gruppe, d ie das Denken jedes Gruppenmitgli eds aus-
fülle n un d len ken (H alb w a chs 19 85a: 3 63). Dab ei h ande le es sich nicht um eine
Struk tur, d ie d as E rin nern a uf in ewi g festg e fü gten Bahne n lenkt , so ndern eher um
eine dyn amische Formati o n: „Die Ges ellschaft stell t sich die Vergangenh e it je na ch
den Umstä nden und je na ch der Zeit in verschi edene Weis e vor: sie modifi ziert
ihre Konven tionen. Da sic h jedes ihrer Glieder di esen Konventionen beugt, so lenkt
es auc h sein e Erinnerungen in di e gl e iche Ric htung, in die sich das koll ektive Ge-
dächtnis e ntw ickelt. “ (Halb wach s 1985a : 368) Einerse its spr icht Ha lbwach s von
Konventi onen, an anderer Stell e sind es „ soziale Denkström unge n“, we lc he d ie Be -
wusst seinslei stun gen der Einz elnen aufeinander abstimmend s trukturiert en und
die das Denken der Gruppenm itgli eder so unsichtba r durchdrä ngen „ wie die Luft,
die wir e inatm en“ ( Halbwa chs 198 5: 19 ). Unabhängig von der verwendeten Ter-
minol o gie wirkt fü r Halbwachs die Einbin dun g der Mensch en in ihre jeweiligen
sozial en Umfelder auf das Er innern dera rt pr ägend, das s die Einze lnen nich t m ehr
in Lage se ien z u unterscheiden , ob es sich bei bes timmten Gedanken um das eigene
oder das „g emeinschaft lich e “ Ge dank en gut hand e lt.
Eine weitere Differenzi erung, die Halbwachs vornimmt, ist die des kollektiven
Gedächtni sses vom historischen Gedäc htnis. Aufbau end auf di eser Unterscheidung
arbeitet er au ßerdem die besondere Zei tlichkei t kollektiver Erinn erung en he ra us.
Die Grenzen des kollektiven Gedächtnisses v er lau fen für Halbwachs anders als d ie
der Geschic htsschreibung: Um fasse letztere a lle Grupp e n und alle Ere ign isse u nd
ist chron ologisch klar getaktet, so er s trecke sich die koll ektive Erinnerung aus-
schl ießlich über die Gruppe, di e sie aufbewahrt, und rei che nur bi s zu de n Ere ig -
niss en zurück, an die sich das Gruppengedäch tnis erinnert. Des Weiteren stehe d ie
Zeit, die d as kollektive Gedächtnis umschließt, i n Abhängigkeit zur Zusammenset-
zung ihrer Gruppenmi t glieder. Verän dert sich d ie Gruppe nicht fühlbar, „kann die
Zeit, die i hr Gedächtnis umspannt, sich verlängern“ und bleibe ein kontinuierliches
Mili eu, auf das die Gruppen mitgli eder in seiner gesamten Ausdehnung zur ückgr ei -
fen. Erst mi t dem Wandel in der Mitgli ederzusammensetzung, etwa durch Neuzu-
gänge u nd dem Verlu s t e instig er Mitglieder, beginne eine neue Zeit, ein neuer Ab -
schni tt für diese Gruppe, was au ßerdem mit einer Veränderung der Gedächtn isin-
halte verbu nden s ei (Ha lb wachs 198 5: 117 ff. ). Die besondere Zeitli chkeit des
koll ektiven Gedächtnisses verweist also auf sein e gle ich zeiti ge Beh arrun gskr aft

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und Beweglichkei t: Einerse its s trukturiert und synchronisiert das kollektive Ge-
dächtnis die E rinne rung slei stungen d e r Einzelnen, andererseits is t es dennoch be-
wegl ich und ak t ualisier t die Gesc hicht e d er G rupp e i n Abstim mun g a n die ge gen-
wärtig en Bedingungen und zwar durc h Generations wechsel, durc h Gruppenneu-
zugäng e oder durch den A ustausch von Gruppenm itgliedern. Wel ches die jeweils
entschei denden, d.h. „ erinnerungswürdigen“, Gedä chtnisinhalte s ind, ist da bei im
zeitli chen Verlauf veränderlich.
Das kollekti ve Gedächtnis ist immer an die soziale Praxis innerhal b der Gruppe
gebun den. Deshalb bezeich net es Halbwac h s im Gegen sat z z ur z urück liege nde n,
chronologi schen und abgeschlossenen Geschichte als „gel ebte Geschichte“: Durch
Erinner ung u nd Wieder ho lung werde das Verg angene dur ch den Au stau sch i n der
Gruppe in die Gegenwart, in das Hier und Jetzt gezogen. Halbwachs zufolge v er-
füge die „gel ebte Geschichte [ ... ] über al les, was n otwendig ist, u m einen lebendi-
gen und natür liche n Ra hme n zu b ilden, auf d en d as De nken s ich stütze n kann, um
das Bil d sein er Vergangenheit zu bewahren un d wie derzufin den.“ (Halbwachs
1985: 55) Z ur A ufre chterhal tung dieses Bi ldes der Vergangen he it sa mmelte n s ich
im kollekti ven Gedächtnis im Gegensatz zur Geschichte weiterhin Ähnlichkeiten
und n icht die Wechsel, Brüche u nd Unterschi ede, die für His torikerinnen von be -
sonderem In teresse sind. Dieser Unters ch ied ist laut Ha l bwach s unter anderem da -
rin beg ründet, dass die Geschichtssc hreibung von außen auf die Gesch ehnisse b li-
cke , während das koll ektive Gedächtni s die Gruppe von i nnen betrachte : „E s ze igt
der Gruppe ein Gesamtbild ihrer sel bst, das sich zweifellos zu einer früheren Zeit
aufr ollt , [ . .. ] jedoch s o, da ß sie si ch in diesen aufeinanderfol genden Teilbildern
jederzeit wi edererkennt. Das kol lektive Gedächtnis ist ein Bild der Ä hnlichkeiten
[ ...].“ (Ha lbwach s 19 85: 76 )
Das Herauss tellen der Ähnlichkeiten is t damit der Trei bstoff für die identi täts-
stiftenden Effekte des kollektiven Gedächtnisses: Die wiederholt gemeinsam aktu-
ali sierte Erinnerung erzeugt im Hier und Jetzt Ähnlich k eit in den Denk figuren der
einzel nen Gruppenmitglieder und malt das Bild der G ruppenidenti tät. An d iese r
Stell e f indet sic h eine gewisse Verwandtschaft bzw. ein e Verbindungs möglichkeit
zum Ei genlo gik - Konzept. Bei der Untersu chung der Eigenl ogik einer Stadt rücke n
die Hom ologien in den Foku s bzw. d ie Str ukt urähnl ic hkeit en zwisc he n de n ve r-
schied enen Feldern der städtischen Wirkli chkeit (vgl. Berkin g 2 013: 227). Unter
anderem g laubt man , über d ie Rekonstrukti on der kum ulativ e n Textur der Stad t
diese Homologien frei legen zu können, da sich diese T extur z usamme nsetzt aus
den vielf ä ltige n Sed iment ie rungen de s Sozia len – sei es in ma terieller oder in im-
materiel ler Form. Auch das koll ektive Gedächtnis einer Stadtg esellschaft bein hal -
tet spezifi sche, genau dies e Stadt betreffende Erfa hrungs - bzw. Er inner ungs sedi -
mente , die a uf Wied ere rke nnun g und eine Herstellung von Ähnlichkeit in den
Denkfigu ren der sozialen Akteure au sgelegt sind.

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Hal bwachs geht davon au s, dass j ede soziale Gruppe i hr je eigen es koll ekt ives
Gedäc htnis ha be und es deshalb innerhalb einer Ges ellschaft vi ele kollektive Ge-
dächtn isse nebeneinander gebe . Er bleibt all erdings eher unkonkret, wenn es um
die Frag e geht, w ie sich das kollektiv e Gedächtnis einer Gesellschaft au s den vielen
Gruppenged ächtnissen zusammensetzt u nd sich daraus so etwas wie ein „Natio-
nalgedä chtnis“ oder – um im klei neren Maßstab zu bleiben – ein „Stadtgedäc htnis“
ergibt bzw . zu sammensetzt. Er betont, dass sich g erade bei Größen wie der Nation
der Erin nerungs rahme n ni ch t de m Individ uu m zuwe n de , so n dern nur die Ereig-
nisse fest ha lte , d ie die Gesamtheit der Bürg e rin nen und Bürger b e trifft. Der Ein-
zelne ha be mitunter weni g per sönliche Berüh rungsp un kte mit diese n Ere igni ssen.
Während Halbwach s sehr deta illiert sch ildert, unter welchen Bedingungen sich das
koll ektive Gedächtnis in überschaubaren und homogenen Gruppen konstituiert,
bleibt er hinsichtli ch der En tstehun gsbedingungen für ein weiter gespanntes kol-
lektiv es Gedächtnis einer Gesellscha ft, die immer auch heterogen bzw. aus v ielen
sozial en Gruppen zusammengesetzt ist, nur im Sche menhaften . Dennoch geht er
davon aus, dass jede große Bevölkerung g e meinsame Vorstel lungen teilt ( er ne nnt
sie „Kräf te der E inbil d ung“ ) und s pricht von ei nem int uitiv e n Verständ nis , einem
tiefe n Sinn und k olle ktiven Inst inkt, d ie für ein i nnere s G leichge wich t und für ein e
spez ifische Sic ht auf die Dinge sorg t en ( Halbwa chs 20 02: 81) . Dabe i ste llt er ga nz
klar hera us, dass sich Gewohnheiten u nd Traditionen auch auf die „materi ellen
Ordnungs gefüge der Menschen erstrec ken.“ (ebd. ) Die Wahrnehmung e n der phy-
sisch - materiellen Umwelt sind demn ach d urch das kollektive Gedäc htnis als eine
spezif ische Fo rm de s W isse nsvor rats st rukt urier t . D as gilt auch fü r Städte, an deren
Material bestimmte kollektive Erin nerungen gebunden sind bzw. deren Materi al
die dort l ebenden und arbeitenden Menschen an geme in sa me W isse nsbestän de
erinnert und darüber auf die Vorstellungen, die Menschen über „ihre“ Stadt haben,
koordini erend einwirkt .
Die Bedeutu ng des Ortes für da s kollektiv e Gedächtnis sowi e seine identi täts -
stabili sierenden Effekte rücken für die Kon zeption eine s städtischen Gedächtni ss es
besonders i n den Fokus. Ohne ein en konkreten räuml ichen Bezug ist für Halb-
wachs d as kollektive Gedächtnis nicht d enkbar . Der Ort, an dem sich eine Gruppe
bewegt und an dem sich dauerhafte Bezi ehungen etabliert haben, wi rd Halbwachs
zufolg e in da s Bild, das eine Gruppe von sich selbst macht, miteingeschl ossen . D er
zusammen mit dem Erl ebten memorierte Ort präg e das Gruppenbew usst sein und
ver lan gsam e und re gul ier e dadurch seine En twicklung: „Eine Gru ppe, die in einem
bestimmten räumlichen Bereich l ebt, formt ihn nach ihrem eig enen Bild um;
gleichzei tig aber beugt s ie sich und paßt sich denjenigen materi ellen Ding en an,
die ihr Widerstand leis ten.“ (Halbwachs 1985: 129) Der Ort, den eine Gruppe für
sich ein nimmt , erhalte deren Gefü ge und Eigen art aufrecht und u mgekehrt erhalte
die Gruppe di esen Ort. „Die verschieden en Viertel innerhalb ei ner Stadt und die

61

Häuser innerhal b eines Viertels haben einen festen Platz und sind ebenso stark im
Boden vera nkert wie Bäume und Felsen, wie ein Hügel oder eine Hochfläche .“
(ebd.) In diesem Kontext ve rweist H a lbwachs dar auf , dass, solan ge da s Ausse hen
eines S tadtquartiers gleich bleibt und es keine Veränderung en an den Gebäuden
und am Straßenbil d gibt, auch die Gruppe der dor t Lebenden unverändert er-
scheine . Die Trägheit der Dinge wirke sich auf d ie Tr ägh eit des Bild es a us, d as sich
eine Gruppe v on den eigenen Ding en und vom eigenen Ort macht , di e unverä n-
derten räum lichen Gegebenheiten s piegelten der Gruppe „das beruhig e nde Bild
ihrer Konti n u ierlichkeit v o r.“ (Hal bwachs 1985: 129 ) Die Verbundenhei t der
Grup pe z u „ih ren“ Orten zeig e sic h außerdem in den Sinngebung en für jedes Detail
dieses Ortes. D ie Menschen, die i n einem bes timmten Stadtquarti er leben, würd en
in all er Re gel mit den Straßenzüg en, den Läden, den Häuserzeil en ni cht nur die
ganz indiv idue llen E rfah ru ngen und E rin nerun gen v erbinden , sondern immer
auch gemei nsa m geteilte Sinnzuwe isu ngen sowie kollektiv e Erin nerun gen, die z.B .
auch die „G esch ichte“ ei ne s Laden geschäf tes u mfasse n könne n, das W issen um
wechsel nde Graffitis an bestimmten Häuserwä nden, die Kenntni s darüber, an wel-
cher Ecke im Sommer der fahrende Ei sverkauf Station macht etc.
Im kollekti ven Gedächtnis verweben sich die gemeinsam gemachten Erfahrun-
gen zu ort sgeb undene n, ko lle ktiv e n Erinne runge n und Sinngeb ungen u nd dam it
zu ein em identitä t ssti ftenden Gewebe, das di e Gruppenmitgli eder auffängt. Doch
auch wenn s ich Außenstehenden der tiefere gruppen - und or tsge bunde ne Si nn
zum Bei spiel einer Quartiersgem einschaft nic ht e röf fnen mag (v gl. Ha lb wachs
1985: 130), w eil sie nicht am kollektiv en Gedächtnis dieser Gruppe teil haben und
damit n icht auf das da mit verbundene Iden titätskonstrukt referenzi eren , sind sie
als Ort skun di ge in aller Regel dennoch dazu in der Lage, Orten die „dazugehöri-
gen“ sozial en Gruppen zuordnen. Innerhalb einer Stadt gehören die dort lebenden
und arbei tenden Mensch en nie mals zu a llen dort vorzufindenden sozi alen G rup -
pen, sind a ber dennoch i n der Lage, Ort und Gruppe bzw. Gruppenidentität mi tei-
nander i n Bezug zu setzen. Es gi bt in jeder Stadt ei n allen zug ängl iches W isse n
bzw. ein gruppenübergreifendes Gedächtnis darü ber, wie die sozialen Akteur inne n
und Akt eur e im städtischen Raum angeordnet s ind und an welchen Orten welche
sozial en Gruppen üblicherweise a nzutreffen sind.
Ein Beisp ie l: Eine Bewohnerin des Frankfurter Vi llenvierte l s Westend um 1900
war vermutlich nic ht persönlich mit den Bewohnerinnen un d Bewohnern des be-
nachbarten Stadtquartiers Bockenheim bekannt . In ihrer Vorstel lung wird sie diese
dennoch „ treffsicher“ als Arbeiterinnen und A rbeiter sowie aus d em kleinbürgerli-
chen Mili eu kommend imaginiert haben. Umg ekehrt hätte sie, gefragt d anach, in
welchem St adtteil Frankfurts man au f e ine besonders große Anz ahl an Arbeiterin-
nen un d Arbeitern treffen könne, womöglich mit „Bockenheim“ geantwortet . Die
Villen bewohnerin hatte nicht Anteil am kollekti ven Ge dächtnis der Bockenhei mer

62

Bevölk erung, aber mit Siche r heit Zugr iff a uf e in W isse n darüb er , wo diese Gruppe
lokalis iert war , we lchen Ra um sie einn ahm bzw. auf welchen s ie tagtäglic h bezog
und wusste dami t, dass es sich dabei um ein Lebens umfeld handel t e , we lches sich
vom Frankfu rter Westend nicht nur rein äußerlic h, so n dern a uch im Hin blick auf
seine „ Bespie lung “ unterschied . Wenn ich we iter vor ne von ortsku ndig gesprochen
habe, mei ne ich damit weiterhin nicht, dass eine Person, d ie „eigene“ Stadt gut
kennt, bereits überall vor Ort gewesen sein muss, um die besag ten Zuordnungen
tref fen z u könne n. E s ha nde lt s ich h ier vie lmehr um e in e spezifische Art des Allge-
meinwi ssens , im Sinne eines allen zugänglichen Wissens über die Stadt, wom it w ir
uns allm äh lich de r K o nzeption eines städtische n kollektiven Gedächtnisse s näh ern.
Ich möchte z unäch st aber noch weiter auf die Verbundenheit des kollektiven Ge-
dächtni sses mit dem städtischen Raum eingehen .
Während Hal bwachs einers eits di e Träghei t der Dinge und d ie a n de n O rt ge -
bunden e Gr uppenid entität f ür die Persisten z des ko ll ektiven Gedächtnisses verant-
wortlic h zeichnet, erw eist sich au ch das kollek tive Gedächtnis selbst – sofe rn die
Gruppenzus ammensetzung sich nicht deutlich verändert – trotz seiner potenti ellen
Dynamik b iswe ilen a ls rel ati v rob ust: Ba uliche Verä nder unge n und d rast ische Ein -
griffe i n die Materialität der Stadt würde n z.B. daz u führen , dass di e betroffenen
Gruppen Wi derstand leisten. Dieser Wi derstand zeig e sich al lerdin gs nicht zwa ngs-
läu fig in Protesten und deutlich geäußerter Empöru ng, sondern in der w iderstä n-
digen Kraft der Tradition , „und dieser Widerstan d b leibt nicht wirkungsl os. Die
Gruppe suc ht – u nd teilweise gel ingt es ihr – in den ne u en Verhä ltnisse n ihr f rühe-
res G leichge wich t wied erz ufind en. “ (Ha l bwach s 198 5: 134) In den vo n die sen
Gruppen neu angeeigneten Quartieren versuchten jene, ihre Tradi tionen und Bin-
dunge n aufr echt zu erhalten oder n eu zu bilden. So finden sich etwa im Zuge der
Stadtum bauten Mitte und E nde des 1 9. Jahrhunderts und d en damit ei nhergehen-
den Straßen d urchbrü chen, Häuserabrissen und dem Neuaufbau repräsentativ er
Block randbebauungen in den Hinterhöfen immer noch Teile der alten, d.h. schon
lange a nsässigen Bevölk erung, die i hren Geschäften und Gewohnheiten in alter
Weise n achgehen ( v gl. Halbw achs 1985 : 135 f. ) . Für genau diesen Zeitrau m setzt
sich in d en sc hnell wa chse nde n und de n sich ebenso rasant wandelnden europäi-
schen Großstä dten außerdem da s Bürgertum a ls mächtige, sta dtgestaltende Kraft
durch : Die Stadt wa r der ku lturell e Referenzraum der bürgerl ichen Eliten, die den
städtisch en Leben sraum nac h den ei gene n Inte resse n und Bed ürfnisse n zu gest al-
ten versuchten . Am Beispiel der Stadt Frankfu rt am Main lässt sich im Rahmen der
vorlieg enden Studie veranschaulic hen, auf we lche We ise es dem Bürgertum ge-
lan g, er fol gre ich gestaltenden Einfl uss zu nehmen .
Hal bwachs verweist auch a uf die nac hha ltige Wirk un g r äumlich e r Ver änd erun -
gen bei gleichblei bender Gruppe . Er nimmt an, „daß di e Einwo h ner dem , wa s w ir
den materiel len Aspekt der Stadt nenne n, eine sehr u nglei ch st arke Aufme rksam-

63

keit sch enken, daß aber die Mehrzahl zweifellos das Ver schwinden einer bes timm-
ten Straße, ei nes bestimmten Gebäudes , eines Hauses sehr viel stärker empfind en
würde als die sc hwerwiege ndsten nati onalen, religiös e n, politi schen Ereignisse.“
(Halbwa chs 1 985: 13 1) Es seien l etztendlich sowohl die Träg heit der Sin ngebun-
gen i n der Gruppe als auch di e Trägheit der bau lichen bzw. räumli chen Strukturen
einer Sta dt, die ein e Verstetigung bzw . Weitergabe der gruppens pezif is chen un d
in der Vergang enheit verankerten Sinng ehalte – und damit auch „Wiedererk en-
nun g“ – ermöglichen. Dass deshal b die potenti e ll e Dy nami k des kollektiven Ge-
dächtnis ses nicht ne giert w ird, z eigt sich z.B. dara n, d ass dr amati sche Verände -
rungen in der Z u sammensetzung der Gruppe w iederu m zu Modi fikationen auch
an den räumlichen Gegebenheiten führen, wi e etwa geschmac k sbeding te Verän-
derung en im Arrangement der Ding e durch die anderen Vorli eben neuer Gruppen -
mitgli eder (vg l. Halbwa chs 1985: 130) .
So könnte m an z.B. die dr amat ischen Verän der ungen i n den St ädt en des ausge -
henden 19 . Jahrhunderts a uch unter diesem A spekt betrachten: Nicht nur der ext-
rem dräng ende Anpassungsbedarf aufgrund der Bev ölkerungse ntwi ck lun g – ma s-
siver Zuz ug u nd gleichzeiti g steig ende Geb urtenraten – machte die sch nelle Sch af-
fung von Wohnr aum und au sreiche nder Hy giene verh ältnisse sowie die Versor gung
mit geeig neten Verkehrsinfrastru kturen erforderli ch , so ndern auch die gleichzeiti-
gen s ozialstrukturell en Veränderungen vor all em innerhalb de s Bürge rtums . Die
groß e Zahl wirt sch aft lich u nd so zia l A ufgest iege ner stellte veränderte Bedürfnisse
an die Stadt als Lebensraum und zwar in Bezu g auf k ulture lle Möglich ke iten, Bil-
dungse inr ichtun gen und nic ht zuletz t auch in Bez ug auf die Repräsentati vität des
städti schen Umfelds. A uch diese s Begehren führte zu Ve rände run gen und Ein grif -
fe n in di e Stadtbilder.
Hal bwachs selbst hat si ch in seinen Überlegungen nicht mit ein em spezifis chen
städti schen kollektiven Gedächtn is befasst, also einem koll ektiven Gedä chtn is, das
für jede Sta dt ein anderes sein müsste, sondern ist bei den kollektiv en Erinnerun-
gen, die s ich auf städtische Räume bezi ehen, sehr allgemein gebl ieben. Für meine
eigen e Ko nzeption eines städtischen kolle ktiven Ged ächtnisses ist Halb wach s Ver -
knüpf ung zw isch en R au m und Erin ner ung aber ganz entscheidend . Man wird au -
ßerdem nicht von d em eine n kollektiven Gedä chtnis einer Stadt sprec hen können.
Wie wei ter vorne beschrieben, sammeln sich im kollektiven Gedä chtnis vor allem
Ähnli chke iten, die für eine Stabilisierung der Gruppenidentitä t bedeutsam sind.
Voraussetzu ng dafür ist aber eine rel ative Homogenität der Gruppe. Stä dte wiede-
rum zeic hnen sich durc h ihre besondere Heterogen ität in d er Zusammensetzu ng
der dort lebend en und arbei tenden sozialen Gruppen au s. Aufgru nd de r vielen u n-
terschied lichen sozialen Milieus und sozi alen Felder, die in einer Stadt aufein an-
dertreffen, is t es höchst un wahrschei nlich, dass j ede S tadt ein fü r alle Gru ppen
gleicherma ßen gültiges kollektives Gedä chtnis entwickeln ka nn – eben so wie es

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unwahrs chein lich er sche int, dass e s nur di e ein e und allgemeingültige Sinnstru ktur
dieser Stadt geben k önne . E s liegt de sha lb nahe anz une hme n, dass in e iner St adt
verschi edene kollektive Gedächtnisse neben e ina nder exi stieren , die sich ne tzwerk-
artig zu einem städ tisc hen kollektiven Gedächtn is zu samm ensch ließen.
Das koll ektive Gedächtnis konsti tuiert sich auf Basis gemeins am erinnerter Er-
fahr ungen. Im städti schen Raum ma che n die Men sche n die se Erf ahrun gen in e i-
nem spe zifi schen rä uml iche n K ontext, der mit i hrer Erinnerung auf das Engste ver-
bunden bleibt. Besagter räumli cher Kontext betrifft diesen Ort in d i eser Stadt und
ist nicht austauschbar mi t ein em vergleichba ren Ort in einer an deren Stadt. Di e
Erinneru ng bzw. das soziale Gedächtn is bezieht sich immer und gan z konkret auf
gena u den O rt de s einst igen Gesc hehens. Die städtis chen Orte der Erinneru ng wer-
den in der Regel von unterschiedlichen Gruppen frequentiert, so z. B. der Stra ßen-
raum, Plätze, öffen tliche u nd halböffentl iche Gebäude (z.B. Beh örde n, Musee n,
Ein kauf sze ntren) . Dadurc h überlag ern sich die koll ektiven Erinneru ngen der un-
terschied lichen Gruppen einer Stadt. Au ch hier kann man wieder von e inem W eb -
muster s prechen. Die Materialitä t der Stadt ist im Webmuster d er vielen kol-
lektiv en Gedächtnisse städtischer Gruppen ein wesentlicher gem einsamer Bezugs-
punkt und bestimm te Orte b zw. Bauten etc. fungi eren d abei als Knotenpu nkte. Die
Ethnolog in Christiane Schwab spricht davon, d ass r ä umliche Bezugspu nkte Erin-
nerung im Boden „ verankern “ und a ls „ Kristallationen der eig enen Biographi e, der
Famil iengeschichte und der Sta dt erfahren werden “ . S ie bezeichnet si e als „ Ge-
dächtnis marker “, d ie auf grund ihr er un um gängl iche n Sichtbarkeit „ e ine ko ntinu -
ierli che Reaffirmati on der Erinnerung u nd der Verbindu ng zwisch en d e m Sel bst
und der S tadt herbei führen .“ (Schw ab 20 13 : 102)
Es gibt jedoc h nicht nur ortsbezogene Übersc h neidungen der kollekti ven Ge-
dächtni sse städti scher Gruppen. Vor a llem in Städten bewegen sich die Einzelnen
in der Regel in mehreren verschiedenen Gruppen, z.B. im Kreis der Familie (die in
den Städ ten allerdings zune hmend an Bedeutung verloren hat), i m Freundeskreis,
in Arbei tsverhältnissen , Wohnquartieren , Vereinen, und tragen d abei die Spu ren
der jeweils anderen Gruppen in jene, in der sie s ich im Moment beweg e n. Die
lokalisie rbare n ko llekti ven Erinnerun gen spanne n sich de shalb n icht nur aufgr und
der räuml ichen Bezugspunkte netzwerkarti g über den ges amten Stadtraum, son-
dern auc h aufgrund der multipl en Rollen, die die in der Stadt l ebenden Me nsche n
in den verschieden en Konte xten der Stadt einnehmen . D er st ädtisc he Raum wie -
derum bezieh t sich auf das Territorium, da s in den Vorstellungen der Sta dt gesell -
schafts mitglieder als dieser Stadt zug ehörig angesehen wird und i st damit nich t
unbedi ngt mit den Verwa lt ungsgrenz en gleichzusetzen . Der Raum , i n dem d ie
städti schen kollektiven Gedächtni sse lokalisierbar s ind, ist der als zur S tadt zuge-
hörig empfu ndene Erfahrungsraum. Über di esen Erfahrungsrau m „Stadt“ legt si ch

65

das Webmuster d er unterschiedlichen kollekti ven Ged ächtni sse, bildet ortsbezo-
gene Kn otenpunkte und sorgt für die Distribu t ion eines spezi fischen Wissens über
diese S tadt, so dass z.B. E i nzelne daz u be fähigt s ind , andere soz iale Gruppen im
Stadtraum zu verorten bzw. bestimmte Räume mit bestimmten Gruppen zu asso-
ziieren und umgekehrt. Das Netzwerk bzw. Gewebe der sich auf diese Weise ü ber -
lager nd en k o llekt ive n Er in ner unge n der stä dtisc hen Akteurin nen und Akteure
möch te ich nachfolg end städtische s kollektives Ged äc htnis nennen. D en The sen zur
E igenlogik der Städte folgend fasse ich das Gedä chtnisgewebe weiterhin als ein fü r
jede Stadt s pezifisc he s – d.h. für jede Sta dt nehme ich ein j e typisches Webmuster
an. Dieses Gewebe ist weiterhin kein esfalls starr, sondern beweglich bzw. dyna-
misch, da das Gedächtnis zwa ngsläufig nu r einen bestimmten Zeitraum „über-
blic kt“ , der si ch mit der Ge genwart kontinui erlich verschiebt.
Im E igen log ik - Ansatz spieg eln s ich die Sinnstrukturen einer S tadt in deren ku-
mulat ive r Textur , bestehend aus den m ateriel len und immateriellen Sedimenten
soziale n Hand elns . In der kumulativen Textur sind typ ische Ha ndl ungsab läuf e,
sich wiederhol ende Entscheidungsmuster, dauerhafte Werthaltu ngen und städti-
sche Tradi tionen sichtbar. Kollekti ve Erinnerungen sin d in ihrer s prachlichen wie
v or a llem a uch in i hrer Ortsgebundenhei t Teil di e ser Textur. Wen n es weiterhi n
im Ei gen lo gik - Ansatz darum geht, das je „Ty p ische“ bzw. „Cha rakteristische“ einer
Stadt herau szustellen, so darf die Berü cksichtigung kollektiver Er i nner ungs in halte
nicht f ehle n. Den n im städtischen kollektive n G edächt nis sind aussc hlie ß lich dies e
Stadt betreffende Eri nnerungsgehalte a bgelegt . Auf grund seines Bezu gs an ganz
konkrete Orte dies er Stadt gel ten die Er inn erungsinhalte nicht für andere Städte .
S ie wirk en aussch ließ lich strukturierend auf di e Wahrnehmungen der Menschen,
die in die se r Stadt leben und/oder arbei ten, prägen da s Bi ld, dass s ie sich von
„ihrer“ Stadt mache n.
Die städti sche Gegenwart erklärt s ich immer erst vor dem Hintergrund ihrer
Geschichte und der auf D au er gestellten Erin nerungen, die in nerhalb der Stadt
gestü tzt werden durch Objekte im Stad traum: Gebäude, Denkmäl er usw., aber
auch du rch Feste, besondere Feier - und Geden ktage, Ri tuale, lokalspezifis che Re-
dewendu ngen und Essensgewohnheiten etc. (vgl. Sch wa b 201 3). Währ end Hel -
muth Berki ng unbestimmt in s einen Ausfüh rungen dazu bleibt, wi e es dazu kommt
bzw. in welcher Weise es s ich vollzi eht, dass durc h die Auf schich tun g der mate ri-
ellen und immateri ellen Ar tefakte das „Hier und Jetzt an sein Davor und seine
Geschich te“ zurückgebunden wird (Ber kin g 2013 : 230) , geh e ic h davo n aus, dass
diese s Zur ückbin de n mittels des stä dti sche n ko lle kt ive n Gedächtni sses erf olgt . D ie-
ses struktu riert und organisiert das Bild, das Menschen sich von „ihrer" Sta dt ma-
chen, ko nst itui ert damit eine gewi sse „Erwartungshaltung“ da rüber, was in einer

66

Stadt „ eben so “ ist bzw. übl iche rweise „ge na u so gem a ch t wir d “. 13 B estehend aus
den viel en kollektiven Gedächtni ssen innerhalb des Erfahrungsraums „S t adt“ , i st
das stä dtische kolle kti ve Ge däch tnis eine aus der sozialen Praxis konstituierte „ge -
lebte Geschi chte“. Das memorierende Hinüberzi ehen de s Vergangenen in das Hier
und Jetzt v ollzieht sic h innerhalb des Gruppenk ontexts dabei immer mit Rückg riff
auf die Sedimentati onen d is kursive r, symbo li sc her und materieller Spuren, die sich
zur kumulativ en Textur einer Stadt verwoben und aufgeschichtet haben. Das städ -
tische ko lle ktiv e Gedächtnis ist somit ein ortsgebundener Wissensvorrat, der die
Sinngeh alte der Ge genw art mit dem Rück griff auf vergan gene und auf bestimmte
Orte der Stadt bezog ene Ereignis se konstituiert. Da es sich z ugle ic h u m einen ge -
sellsc haftlichen Wi ssensvo rrat ha nde lt , beeinflusst das städtische koll ektive Ge-
dächtnis d ie subjektiven Wahr nehmung en des aktuellen Geschehen s, die vor dem
Hinter grun d der so z ial verteil ten Kollektiverin ne ru ngen eingeord net und bewertet
werden .
Welche Roll e spielen dabei die Architekturen einer Stadt? A ls immateriel le Ar-
tefakte sind sie Teil der kumulativen Textu r und neh men e inen fest e n Ort im Sin n-
ge webe einer Stadt ei n und z war sowohl konkret räu mlich als au ch auf einer im-
materiel len Ebene, nämlich im stä dtischen Wissensvorrat: Men schen, die die Stadt
und ihr e ma rka nten Ge bäud e kenne n, wi ssen, wen n si e z.B. ei nes dieser Gebäude
auf ein er Fotografie sehen o der wenn man in einer Unterhal tung auf jenes zu spre-
chen kommt, wo es zu find en sin d un d üb liche rwei se k enn t auch man sei ne Funk -
tionen (vor a llem, wenn es sich um öffentlic he Bauten handel t), auch ohne jemals
einen Fu ß in dieses Gebäude ges etzt zu ha ben. D ie Architekturen und Gebäude
der Stadt bi lden mitunter die bereits beschri ebenen „An ke r - “ bz w. „ Knotenpunkte “
im Webmuster des städ tisch en kollektiven G edäch tnis ses . D a s gi lt v or a lle m für d ie
ansässi gen In stitutio nen u n d die städtischen, kul t urellen und wissensch aftlich en
Einri chtungen sowie öffentlic he Plätze und Parks etc. S elbst s oziale Gruppen, die
z.B. n iemals in die Oper g ehen würden , weil s ie es sich a ufgrund e ines Ma nge ls an
ökono mische n und/ oder kul turellen Kapitals nicht leisten können, wi sse n um die
Funktion des Gebäudes und verbinden in i hrer Vorstellung gan z bestimmte soziale
Gruppen mi t ihm. Bei städtischen Wahrzeichen bzw. ikonografi schen Architektu-
ren , wie etw a dem Pariser Ei ffelturm, dem Big Ben in Lon don oder dem Weißen
Haus in Wash ington D.C. sin d weiterhin Gedächtnisinhalte v erbunden, die weit

13 Ein i nteressa ntes Be ispiel hi erfür liefert K rist ina Siek ermann mit i hrer ver gleiche nden Stu die zu
den Mo dedesignerinnen u nd - designer n in Frankfurt und Mü n che n . Während i n Mü nchen deutlich
ein Ha ng zu sichtb ar teu ren un d exk lusi ven Desi gns sichtba r ist, zeigt ma n sich in Fra nkfu rt dezent
zur ü ckh al ten d. In beid en St äd ten g elten di e se H al tung en wi ed er um al s gan z se lbs tv ers tän d li ch
(Siekerm ann 2014).

67

über das kollektive städtische Gedächtnis hi nausgehen, die aber im g esellschaftli-
chen Wissensv orrat fest mit der Stadt verbunden sind, in denen sie errichtet wur-
den.
N eu errich tete Gebäude wie derum können auch als „ er möglichen der Anker “ des
koll ektiven Gedächtnisses sozial er Gruppen fungieren, indem sie die mit der Er-
richtung v on Arch itektu ren und Gebäude n bewusst ihre eigenen, nach ihren Be-
dürfnisse n gest alte ten Er fahrung s - bzw. Identitätsr äume rea lisieren und da mit zu-
künfti ge und i dentitätsstiften de Erinne runge n an selb stersch affe ne Ort e binden
können. G erade über reprä sentativ e Architekturen is t es mög lich, ganz bewuss t
Ankerpun kte im städtischen kol lektiven Gedäc htnis ( und au ch dar über hi naus !)
zu setzen. Das trifft auch auf Gebäude zu, d ie als Rem i niszenz an ge mein sam Er-
lebtes erri chtet werden, z.B. in Gestalt von Denkmälern bzw. Gedenkstätten oder
anderer Archi tekturen , die bestimmten Errungen scha ften der Gruppe Ausdru ck
ver leih en so lle n . D as kö nne n z.B. auch Museen sowie B ild un gs - und Fo rsc hu ngs-
einric htungen se in . Diese Gebäude verankern die kollektiven Erin ner ung en, die
z.B. auch gemeins ame Wert haltu ngen oder gemeinsam Erreichtes umf asse n kön-
nen, fü r a lle sich tba r im st ädt ischen Raum un d w irken z ugleich iden titätsstiftend
bzw. -s tabilisierend. Erfolgt im Lauf der Stadt g eschichte die Aneignung bereits be -
stehender Arc hitekturen und Gebäu de durch a ndere Gruppen , werd en sie wiede-
rum mit ander en , mit ne uen E rinner unge n und dam it auch mit a nde ren Si nndeu -
tung en verbunden. Die „Speicherfunkti on“ von Architekturen ist somi t bewe glich
und fluktuierend, aber deshalb nic ht weniger machtvoll. Si e zeigt an, oder besser:
in sie ist über das koll ektive bzw. das städtische kolle kt ive Gedächtnis quas i „ein -
gespei chert“ , welchen sozialen Akteurin nen und Akteuren der Ort „g ehört“.
Erinneru ngen erhalten dann eine beso nders bedeutungsvolle Positi on i n der
„ Hierarc hie “ des ko lle ktiv e n Ged ächtnisses , wenn di e Gedächtnisinhalte in beson-
derer Weise m edia l kodi ert sin d u nd eine breitg e streute soziale Rel evanz haben.
Die soziale und räumli che Reichweite und Stabilitä t lokaler Erinneru ngen variie-
ren i n Abhängigkeit der Med ien, die d ie Gedächtnisinhalte tran sportieren, u nd „in
Bezug au f d ie politis chen und sozialen Ressourc e n ihrer Protag onisten . “ (Sch wab
2013: 58 f. ) Die Vermittlu ng von Gedächtnisi nha lte n e rf olgt e inerse its über Routi-
nen, V erhaltensmuster, Erzählung en, Feste und vieles mehr. Si nd sie jedoch m it
den Archi tekturen und den Orten der Stad t verknüpft un d erw eisen sie sich als
besonders präsent, denn sie stehen den Menschen nicht n ur im übertragen en Sinne
stets vor A ugen. Bilder, wie etwa Mal erei oder Fotografien haben selten eine ver-
gleichba re Reic hweit e und Wirkun gskr aft , es sei de nn, es hand elt sich um im Stad t -
raum vertei lte Pla k ate oder um Malerei en an Gebäuden. Städti sche Eliten bzw.
Gruppen mi t be sonderer V erf üg ungsmacht über den städtischen Raum können mit
der Errichtu ng von Gebäuden deshal b e ine n beso nder en E influss auf de n st ädti -

68

schen Erfahrungs - und damit au ch Erinnerungs r aum nehmen. Gleichzeitig bedeu-
tet das, dass städtische Gruppen mit wenig ökonomischem, sozial e m sowie sym-
bolis chem Kapital, diese Mö gl ichkeiten nicht haben und dass deren G edäch tnisin -
halte i m kol lekti ven Stadtgedächtnis weniger prom ine nt – oder so gar überhaupt
nicht – in Erscheinung treten. Es ist d esh alb da von a usz ugehen, da ss die besonders
deutli che räumliche Präsenz bestimmter Gruppen das städtische kollektive G e-
dächt nis dera rt bee influ sst , dass es sich in Richtung der einfluss reichen Eliten
neig t.
Schwab verweist auf d ie Narrativ e, die über eine Stadt kursieren und „di e in-
nerhal b der einflussreichs ten Ebenen des Stadtdis kurse s domi nieren“: Sie „stell en
die offizi ellen Geschichtserzählung en dar und lenken die Identitäts politik »von
oben« .“ (Sch wab 2013: 59) Be deutun gsvo ll bei de r Entf altun g des städ tische n ko l-
lektiv en Ge däc htni sses seie n deshalb auch die „Wächter der Überlieferun g“ (Ass-
mann/ Assmann) bzw. de r „E xper ten de s Stadtg edächtnisses“ (Schwab), „die sich
um die P flege der Erinn erungen, um ihre In terpretation un d um ihre Zensur be-
ziehun gswei se ihre Insze nier ung kümme rn. “ (Sch wab 2013: 5 9) Im We bmust er
des städ tisch en Kol lektiv ge dächt nisses ze ige n s ich de sh alb he gemoni ale Versch ie -
bung e n, die einerseits auf die besondere Verfügungsmac ht über den R aum und
anderersei ts auf eine besondere Dis kursmacht zurü ckzuführen sind. Bei der Frei-
legung des städtisc hen koll ektiven Gedächtnisses über empiri sche Methoden s ind
in der vorli egenden U nte rsuchun g de shalb auch die D iskurse und Au ssagen übe r
die Stad t selbst , d ie durch d ie bürgerlichen Eliten oder aber die lokalen Zeitungen
geäu ßert w urden, in den Blick gerück t (v gl. Schwab 2013). Festzu halten ist, dass
sich das stä dtisc he Kollektivgedächtnis ni cht „demokratisch“ bzw. zu gleichen Tei -
len, a us den Erinnerungen aller städtischen Gruppen zusammensetzt, sondern dass
städti sche Eliten einen besonderen Einfluss auf d ie sichtbaren und fü r d ie Sta dt
wirk un gsvo lle n K rist alla t ion en im st ädtische n kollektiven Gedächtnis ha ben.
An der ordnenden, pr ioris ierenden und wertenden Auswahl aus den materialen
und s ymbolischen Sedimentschic hten der Stadt wi rken weiterhin sel ektierende
Kräfte ( vgl. Schwab 201 3: 74) , die all jene Erinn erungen an be stimmt e Fig uren,
Ereigni sse und Ort e u nterdr ück en , „de nen k eine iden titätsstabili sierenden Funktio-
nen im städtischen S e lbstverstän dnis zuerkannt wu rde[n] oder die al s störende
Elemente“ gelten , schreibt Schwa b (ebd. : 6 9 , Hervorhebung TE) . Es gebe daher
imm er auch das „kollektiv Zensierte und Vergess ene einer Stadt“ ( ebd. ). In jed em
städti schen Gedächtnis ordnen spezifisc he, genau diese Stadt betreffende und oft-
mals durch die städtisc he n Eliten a m stärksten beeinflusste Relevanzs trukt uren,
welche Gedä chtnisinhalte a ls bewahrenswert g elten und welche n icht. Das bed eu-
tet auch, dass die Inhalte und Formen des städti schen G edächtn isses weniger auf-
schlussr eich in Hinsic ht auf die tatsächliche Verg angenheit ei ner Stadt, so nde rn in
erster Lin ie für das gegenwärti ge Selb stbild bestimme nd sind (v gl. Sch wab 2013) .

69

Denn Gesellschaften ma nip ulieren ihre Erinnerungen in jeder Epoche immer wie-
der neu, „ um sie mit den veränderl ichen Bedingung e n ihres Gleichgewichts i n
Übereinsti mmung zu bringen .“ (Halb wach s 198 5a: 38 2)
Das städ tische kollektive G e dächtnis ist vie ldi mensio nal und de r emp irisch e Zu -
gang zu ihm anspruchsvoll. Christiane Schwab hat s ich in ihrer Stu die über Sev illa
vor allem auf zwei Dimensionen foku ssiert: (1) Auf die Ebene der kollektiven Re-
präsenta tionen m edi aler Art, die verschieden e Formen der Malerei, der Litera tur
und der A rchitektur umfasst und Repräsen tationen des Gedächtni sses mit den so-
zial en Rahmenbedingungen und Verhal tensmustern, innerhal b derer sie histori-
sche Inhalte tra nsportieren, eng ver knüp ft . Und (2) a uf die k ult ure ll - mentalen
Struktu ren des Stadtgedächtniss es, als einem „generative[n] System aus Dispositi-
onen u nd Be dürfni slage n, i nnerha lb de ssen e ine sp ezif ische Ver gangenhe it r eprä-
sentiert u nd tradiert wird .“ ( Schwab 2 013: 6 7) Au ch in der vorliegenden Stud ie
zum Jüge lha us und z ur St ad t Fr ankfurt um 1900 sind diese Dimens ionen i n den
Vor dergrund getreten, wenngl e ich im erst gena nnten Ber eich au ssch ließl ich d ie Ar -
chitektu ren in den Blick gerückt sind. Sichtbar geworden ist im Rah men der vor-
lieg enden Studie a ußerdem, dass die Reproduktion des städtisc hen kollektiven Ge-
dächtnis ses als Teil d es städtischen Wissensvorrats mi ttels spezifi scher Relev anzen
erf olgt , a n welche n sich d ie so zialen Akte urinne n und Akte uren bei der Aus wa hl
der „r ichtigen“ Sinng eh alte ori entieren. Mittel s dieser R elevanz en, die ich n achfol-
gend s tädt isch e Releva nzen nennen möchte, greifen die Akteurinnen un d Akteure
in den die Stadt betreffenden Handlungs situationen auf genau die Wissensele-
mente zurück, die sich in vergleic hbaren Situationen der Vergangenheit bewä hrt
bzw. sich als ziel führend e rwies en haben . D iese W issens elemente beziehen sich
mitunt er a uf gemeinsam erinnerte Erlebniss e, auf kollektive Gedä chtnisinhalte.
Durch solche R ückgr iff e werden die ko llektiv e n Gedächtnis inhalte immer wieder
aufs Neue belebt und imm e r wieder neu von d er Ver gange nheit in da s Hier und
Jetzt der Stadt gezo gen . Auch bei den Entscheidungen des Jügelhaus - P rojekts
kann d ieser Rückgriff nachgezeic hnet werden. Auf welche We ise d er empirisc he
Zugri ff genau d arauf erfol gte, i st das T hema der nachfolgen den Kapitel.

70

2
S i nnk o nsti tu ti one n von Gebäud e n im
stä d ti s chen Ko n te xt i nter pr etativ er fas sen
Der einst von Zeitgenossen bescheinigte Glan z des 1906 eröffneten Jügelhauses ist
nach mehrfache n An - und Umbauten, Umfunktionierungen 14 und an gesicht s der
baul ichen Veränderungen rund um den Gebä udesta ndort, heute nur noch schwer
nachvollziehba r . D ie vorliegende Untersuc hung des Gebäudes legt über di e Rekon-
strukt ion de s st ädtische n Wissen svor rats und d er mit ih m verb unde nen Sinndyn a-
miken die damali gen Si nnset zungen fre i und vera nsch aulich t, dass da s Jüge lhaus
weit mehr i st, als nur ein Bildungsbau und V orbote der zukü nftigen Stiftungsuni-
versitä t. Es ist ei ne Objektivation des Frankf urter Bür ger sinns und ko nnte n ur auf-
grun d der für Frankfurt typischen Legi timationsstrategien sein e tatsächliche Rea-
lisie rung f ind en. De nn d as Pro jekt w ar durch aus umst rit ten und eine U niver sitä t
ersehnten k eineswegs a ll e Frankfurterinn en u nd Frankfurter. Um herausz uarbei-
ten, wel che sozialen Dynamiken dazu geführt un d w elche Rol le das bestehende
physisch - materielle Umfel d der Stadt dabei g espielt haben , erfol gten i nsgesamt
vier para llel verlaufen de Analysen mit jeweils unterschiedlichen Untersu chungs-
schwerp unkten und methodisch differenten Vorg ehensweisen , die i ch am Ende in
system atischer Weise zusammengefü hrt h abe .
Um die Sinn konstit ut ionen für da s Jü gelha us herauszu arbeiten ers chien es mir
erforderli ch, die Produk tio n s - u nd Zir kula tions weise n der gesell s chaft lichen Wis-
sensvor räte nac hzuze ichnen , auf d enen die Ent sche idu nge n f ür den Ba u d es J üge l-
hauses fuß ten und „die den Kontext für die alltagspragmatis chen Deutungen bil-
den“ (K eller 2 007: 10) . Hilf re ich er wies sich d ab ei d as F orschung spro gram m der
hermene utische n Wis sens so ziolog ie , 15 das dar auf a nge legt ist z u unte rsuche n,
„ wie Ha ndl un gssubj ekte – hineingestell t und sozialisiert in historisch und sozial
entwic kelte Routinen und Deutung e n des j eweiligen Handlungs fe ldes – diese ei-
nerseit s vor finden und sich aneig nen (m üssen) , ande re rseits d iese immer w iede r

14 N ac h d er Er öffn un g w a r d as J üg e lhau s d i e He im at de r erwe i ter ten A kad em ie f ür Soz i al - un d Ha n -
delswis senscha ften. 19 14 wu rde es, nach sei ner bau lichen Er weiter ung, da s Haupt gebäu de der
ersten Stiftu ngsuniv ersität im Deut schen R eich . Anfa ng 201 4 i st da s Jü gelhaus nach ab g esch lo s-
senen Umzu g des Universität sstandorts Bockenheim in d as F rankfurter Westend i n den Besitz der
Sencken berg G esellscha ft fü r Naturfo rschu ng (ehema ls „Senck enbe rgische n Natur forsche nde Ge-
sellscha ft“) ü ber gangen u nd bef indet sich se it M ai 20 14 i n umfas sende n u nd ver mutlich vier Jahre
lang andauer nden Sanieru ng s - un d U mba uma ßn ahmen .
15 „Die ›herm eneutische W issens soziolo gie‹, versta nden als ein komple xes theoret isches, metho d olo -
g isc he s und met hod is ch es K on zep t, ist Tei l ein er m undan ph än om en olog is ch inf orm ier ten Sozi o -
logie des W isse ns und metho disch/met ho dologisch Tei l einer herme neutisc h die D aten a nalysie-
ren d en , st ruk tu ran al yt isc h mod el lb i lden d en, in ter pre ta ti ven Sozi al f ors ch ung .“ (Hi tz ler /R ei -
cher tz/ Schröer 1999: 19)

71

neu a usdeut en und d amit a uch er find en ( müsse n) .“ (Reichertz/Schöer 1 994: 60)
Grund lege nd s ind d abei die von Alfred S chütz, Ber ge r und L uckma nn so wie d ie
von Hans - Georg Soeffner g etroffenen Annah men zur En tste hung vo n Wis sen , das
jene immer auch a ls ein gesel lschaftlich kon stituiertes Wi ssen verstehen . D ie im
Rahmen der hermen eutischen Wi ssenssoziologie v orgeschlagenen Un tersuchungs-
methoden l e gen – wie auch die Arbeiten von Schütz sowie von B er ger un d L uck -
mann – e inen b eso ndere n Schwerp unkt a uf d ie Verstehensl eistungen der handeln-
den Su bjekte . In meiner eigenen Un tersuchung stell te sich der Zug riff auf subj ek-
tive Ä uß erunge n und subj ek tive Hand lungs inha lte jedo ch als sehr beschränk t und
die Beobac htung konkreter Handlungssi tuationen als völlig ausges chlossen her-
aus, we sha lb im vorlie ge nde n Un te rsu chun gsf a ll die Hin weise auf d ie subjek t üb er-
greife nde n Struk turz usam menh änge das zentrale Gewicht erhalten haben (vg l. So -
e ffne r 1999: 3 1). Das bedeutete auch , da ss ich nich t d irekt auf bereits erprobte
Untersuc hungsmethoden aus de r her mene utische n W isse nssoz iologie z ur ü ck gre i-
fen ko nnte, sond ern da ss ic h mir für die Analy se selbst eine ang e messen e Vorge-
hensweise erarbeiten musste. Den Konzepten der gen annten Forsc hungsperspek-
tive f olge nd 16 möchte ich in den kommend en Abschnitten zunä chst de n We g z um
Fall beispiel e rlä u t ern , dara n an schlie ßend ei nige zentrale B e griffe aus der Wis -
sensa nalyse vors tellen , u m sc hlus send lic h darzuleg en, w ie ic h das Untersuc h ung s-
design fü r den Fall „Jügelhaus“ ausgearbei tet habe.

2 .1
E xku rs : D e r W e g z um F a llb e is p ie l
Auf den e rsten Blick m ag e s ungew öhnlic h ersch eine n, dass e ine Sozio log in die
sozial e Bedeutung ausgerechnet für ein Gebäude analysie rt, das vor meh r als h un-
dert Jahren erbau t wurde. An dies er Stelle vermutet man w ohl eher die Untersu-
chun g durch eine (Ku nst - )Histori kerin. Mit der Einbeziehung des sozialen wie
auch ph ysi sch - materiellen Kontextes S tadt und dem Fokus auf die Freilegung ob-
jektiver S inngehalte sowie auf deren Kon stitutionsbedingungen bringe ich die Un-
tersuchu ng jedoch in soziologische Gefilde. Dass mein e Wahl ausgerechnet auf das
Jügelh aus in F rankf urt am Main fie l u nd de r Unt ers uch ungssc hwer p unkt we ite rhin
aussc hließ lich a uf d ie Ents te hungsbe din gun gen de s G ebäudes lieg t, d.h. keine
Analys e der weiteren Rezep tion des Gebäudes im Laufe der Jahre bzw. Jahrzehnte

16 Soeffne r (2004); Schöer (1994); Hitzler/Honer (1997); Hi tzler/Reicher tz/Schöer (1999); Keller
(2 007).

72

erfolgte, hat seine Urs ache im Forschun gsprozess sel bst. Ursprüng lich war di e Fra-
gestell ung des Forschungsvorhabens darauf gerichtet, wie sich die B edeutung(en)
eines Gebä udes bzw. mehrere Gebäude im La ufe ihrer (Bau - )Geschicht e und im
Kontext einer s ich wandelnden Stadt verändern . Im B lick hatte i ch dabei die bei-
den Frankfu rter Campus - Stan dorte Bockenhei m und Westend der Goethe - Univer -
sität. F orschu ng spragmatische Entschei dungen haben schließlich dahin gefüh rt,
dass am E nde nur no ch da s ge nannte Gebä ude als F allbe ispiel die nt und da ss a u-
ßerdem auf ein e Langzeitunters uchung leider verzi chtet werden muss te. Um die
Auswah l de s Fallbe ispie ls ve rständli ch u nd nachvo llzie hbar zu mach en u nd um
aufzuzeig en, dass auch die Untersuc hung in der Vergangen heit liegender sozialer
Verhäl tnisse sowie der in zurüc kliegenden Kontexten entstandenen Gebäud e
durchaus s oziologisch von I nteress e ist, möchte i ch den Verlauf des Fo rsc hu ngs-
projekts etwa s ausführlicher erläu tern.
Ausgehend von der These, dass Architekturen s oziale Produkte sind und als sol-
che wiederu m Einfluss nehmen au f soziale Sac hverhalte, ergaben si ch für mich am
Anfang mei ner Untersuchungen eine Vielzahl von Fra gen , z. B. : Wie beeinflussen
die Werthaltu ngen der i nvolvierten Akteure den architektonisc hen Entwurf? Wie
wirkt das fertiggestellte Gebä ude auf die Nutz erinnen u nd Nu tzer mit welchen so-
zial en Konsequenzen aus? Welche Effekte könn en Arc hitekturen auf soz ia le Grup -
pen haben? Zunächst hatte ich als Fallbeispiel Wohnbauprojekte an visiert, aber als
ich Ende 2009 auf eine m W ork shop für Nachwuchswiss enschaftler/ - innen auf de m
Campus „Wes te nd“ der Johann Wolfgang Goethe - Univer sität i n Frankf ur t am Main
an ei ner F ührung über den neu entsta ndenen Universitätsstandort teilna hm, ä n-
derte sich m ein Fokus. Mein Interesse fü r Universitätsgebäu de, einer besonderen
Form der öffentli chen Bau t en, war geweckt. Bezogen auf den Campus W estend
war ich s ehr beeindruckt von der Repräsen tativität der dort neu errich teten sowie
der aufwän dig restaurierten und umfunktionierten bestehenden Gebäu de, der
hochwertig en Ausstattung und Möblierung der Innenräume und fragte mich im-
mer wieder, ob man in einer solchen Umgebung anders studiert al s in den nich t
mehr gan z so gut erhalten e n, teilwei se unübersichtlichen un d of tmals reg e lrecht
schäbig w irkenden Gebäuden des alten Campus Bockenheim. Auf der einen Seite
das groß zügige u nd fa st s ch on l uxuriö s w irk ende Ge bäude - Ensemble, eingebettet
in eine Parklandschaft mitten i m Frankfurter Nobelvi ertel Westend, und auf der
anderen Seite der wilde Baustilmix mit teilweise in schlechtem Zustan d bef indli-
che n Gebäuden a n der Grenze zu Bockenheim. Mir s chwebte ein Campusv er gl eich
vor, anh and desse n i ch a uf zuz eigen beabsichtigte, wie sich unterschiedli che bau-
lic he Umfelder unterschiedlich au f die mit diesen Gebäuden konfron tierten sozia-
len Gruppen bzw. Akteure/ - innen aus wirke n.

73

Dabei wollte ich auch den Entstehu ngsprozess der Gebäude nicht ausblenden,
da ich m ir e inen beso ndere n Er kenntn isge winn d avon ver sprach, wenn ich d ie i n-
tendierte B edeutung des Gebäu des den s päteren Sinnkonstitu tionen von Nutzerin-
nen un d Nutzern gegenüberstelle: Gibt es Unterschiede? Gibt es Deutungshohei-
ten? Macht die Unterschiedlic hkeit der Materiali täten und der Gebä ude einen Un-
terschied im Verhalten der N utzerinn e n un d Nutzer? Es stellte sich ba ld heraus,
dass ei n solches Forschungsvorhaben mit derart vi elen unterschi edlichen Bauwer-
ken, di e z u un terschiedlichen Zeiten in versc hiedenen Baustilen an zwei Orten der
Stadt mi t sehr untersc hiedli chen Sta ndortgeschic hten entstanden waren, ei ne re-
gelrec ht unübersichtlic he Masse an relevanten Informationen und B ed ingungen
bedeutete. Ers chwerend kam hinzu, da ss die jeweils an den Standorten v ertrete-
nen Disziplin en jewe il s a ndere soziale Gruppen anziehen, dass also die sozialstruk-
turell e Zusammensetzung der Studierenden für die verschieden en Campussta nd-
orte sehr unterschi edlich w ar. Ei ndeutige Auswirkungen der Materialität auf das
sozial e Verhalten wären n ur schwer herauszufinden gewesen, da an den beiden
Standorten keine jeweils id entis ch zusammengesetzten sozialen Gruppen studier-
ten. Das gegebenen falls un terschied liche Verhalten hätte man deshalb auch auf
die un terschiedliche sozi ale Herkun ft zurü ckf ühren kö nne n und ni cht aus schl ieß-
lic h auf die vorzufindende Material ität sowie die grundsätzl ich unterschiedlich en
räumlic hen Gegebenheiten. Für eine Ei nzelperson war ein Projekt m it derart vielen
Unwäg barkeiten nicht umsetzbar.
Von ei nem Campusvergleich kam i ch bald a b und beschloss , ausgewählte Ge-
bäude au f deren soziale B edeutung hin zu analysieren . Da mich der ältere u nd in
vielerl ei Hinsicht wesentlich heterogener wirkende Campuss tandort Bockenheim
mehr interes sierte als der b litzbl anke Cam p us im We ste nd, tra f ich die Ent schei -
dung, me ine Unte rs uchung auf Bock enhei m zu be schr änken u nd kam a nge sichts
der wachsenden Datenmengen am Ende zu dem Entschluss, tatsächlich nur ein
einziges Gebäude auszuwählen, das ich daraufhin untersuche, welche soziale Be-
deu tun g es f ür Frank furt z um Zeit p unkt seiner Er bau ung u nd d arüb er h ina us
hatte. Inzw ischen hatte ic h mich i n die Entstehungs - wi e auch in d ie B auges chic hte
der Univers ität eingelesen. Aufgefall en war mir dabei immer wieder, dass in den
zeitgen össischen Betra chtungen z um Jü gelha us (d.h . in Te xten A nfang de s 20.
Jahrhund erts) gerne auf den besonderen G lan z dieses Gebäudes bzw. der ganzen
Gebäudeg ruppe, die auch den Physikalis chen Verein, das Naturkunde Mus eum der
Sencken bergischen Naturforschenden Gesellschaft sowie die Senckenberg - Bib lio-
thek umfas st, hingewiesen wird. In neueren B etrachtungen findet das Gebäu de
aber kaum bis gar keine Beachtung mehr. Besuchte man den vor der Schließung
stehenden Camp us Bo cke nh eim im J ah r 2014 , der mi t seine n E inrich tunge n auf
d ie neuen Gebäu de des Campus Westend und teilwei se auf den Campus Riedberg
verleg t wurden, stand dies e s Gebäud e eingekeilt in einem Ensem b le, da s zum Teil

74

aus Baut en Anf ang de s 20. Jahr hundert s und z um and er en Teil au s mehr eren A n-
bauten s eit den 1950er Jahren bes teht. Das ges amte baul iche Umfeld war sehr
dicht u nd das Jügelhaus ging in diesem ganzen A rrangement regelrecht unter. V on
dem eins t beschriebenen Glanz spürte man nicht m eh r viel . Des dominierte die
Endzeits timmung des inzwi schen aufg egebenen Campussta ndorts, die sich außer-
dem im deutlich sic htbaren Verfall der baulichen Anlagen und der abgenutzten
Innenräu me spiegelte.
Interess anterweise wurde bereits ku rz nach der Eröffnu ng des neuen Cam-
pussta ndorts Westend von sehr vielen – selbs t von Frankfurter Studierenden – das
umgebaute und fü r universitäre Zwec ke nutzbar gemachte I.G. - Farben - Haus als
das eigen tliche Hautgebäude der Univers ität angesehen, tatsäc h li ch aber war es
aber bis z ur Übernahme durch di e Senckenberg Gesellscha ft 2013 nach wie vor
das Jü gel h aus . D ie einsti ge Repräsentativi tät des Geb äudes scheint heute kaum
noch „le sba r“ z u sein . Aus h eutiger Sic ht sind d ie zum E rbauun gsze itp unkt in b lu -
migste Worte g efassten Formu lierungen für da s einstmals als modern, vorbildl ich
und angebli ch arch itekto nisc h pfiffig u mgesetzte Gebäu de schwer na chvollzieh-
bar. Au ch in baugeschichtlichen Betrac htungen aus heutig er Zeit äußert man sich
diesbezügl ich nicht unbedingt zustimm e nd. So weist Astrid H ansen (2001) darauf
hin, da ss das G ebäude e igentlich scho n zu d am aliger Zeit altmodisch gewesen sei
– zuminde st se ine neub aroc ke Fassade u nd seine Gest alt ung als „Bildu ngssch loss “
(Hansen 2001 : 20) . Der Ma ngel an „vorwe isbar er“ Tr adit ion se i der G rund für die
schon damals w enig zeitgemäße Gestaltung des Gebä udes, um wen igstens re in
äußerli ch diesen Mangel, mit dem di e Universi tät bei ihrem Ring en um Anerken-
nung zu kä mpf en hatt e, aus zugleich en. Der Ansc hluss an d en inz wische n zur Tr a-
dition gewordenen Universitätsba u sollte hier A bhilfe schaffen (ebd.: 56 ). Aber ist
die Er klärung wirkli ch so einfach? Kann man ein Gebäude retrospektiv einfa ch als
im Pri nzip unmodern „abkanzel n“, ohne di e d amaligen E inschätzungen ernst zu
nehmen? Wird man damit der einsti gen Bedeutung des Gebäu des tatsäc h lic h ge-
recht? Mi r erschien es bereits bei meinen Recherchen zweifel haft, dass eine für
jene Zeit äußerst moderne Einric htung wie die Akademie für Sozial - und H andel s-
wisse nschafte n alle in a us Gr ünden der „An schl ussfäh igkeit “ ein Gebä ude in alt mo-
disch em Gewand erh iel t. Vo r all em desh alb, weil die Akademie als besonders „fort-
schrittl ich“ galt, eben so wie die spätere Un iversitä t, 17 die in d iesen Räumen behei -
matet sei n so llte. Ich vermutete, dass bei d er Gestaltung des J üg e lhauses wie auch

17 „Fo rtschrittlich“ war die im Jahr 19 14 e röffnete Frankfurt er U niversitä t in vieler H insicht: Sie wa r
die erste Freie U nive rsität i m Deu tsche n R eich u nd wur de ohne st aatliche U nterstützu ng fina n-
ziert. De n geldgeb ende n Stif tungen wu rden im z en tra len Verw altungsgremium der Ei nrichtung
das Mit sprachere cht e in ge rä um t . In der Lehre h atte die Univ ersitä t b esondere Sch werpu nkte, wie
sie so nst i n Deu tschla nd nicht zu fin den w a r en : Man verz ichtet e z.B. ganz b ewusst auf eine als
ob lig ato risch gelte nde Theo log ische Fa kultät u nd weiterhin auf Zugangsbes chränkungen fü r da s
Lehrpe rsonal, die auf dere n r eli giöse Zugehöri gkeit rückfü hrbar si nd. Außerdem fa nd m an zum

75

des ges amten Wissensc h aftszentru ms an der V iktoria - Alle e, das auch noch d as Na-
turkun demuseum, den Physikalischen Verein und die Sencken bergische Bibliothek
umfass t, die Sta dt als räumlicher wie auch sozialer Ko ntext eine besondere Rolle
spiel te, der in den bislang vorliegenden B etrachtungen kaum oder kein e Berück-
sichtig ung gefunden hat. Z war bezieh t man sic h in vorlieg enden Analysen verein-
zelt au f das wechselseitige Verhäl tnis zwischen Insti tution und Architektu r, aller-
dings n icht zw isch e n Arch ite ktur und s tädt ische r Ge sell schaft. Astrid Hanse n
(2001 ) b lendet den sozi alen Kontext nicht komplett aus, doch sie besc hr änkt sich
auf sozi alstrukturell e Eckda ten un d Momentaufnahmen der politis chen Gemenge-
lage und bezieht sich ni cht auf das für das damali ge Fr ankfur t spezifische Reper-
toire aus hand lungs leitend en Wisse nsvor räten, W isse nsstruk ture n und W irklich -
keitsdeu tungen, die sich im Zeitverlauf immer wieder neu formieren und aus wel-
chen ein e besondere Praxis resulti erte.
Ich versprach mi r aus den zeitgenössi schen Materialien zum Entstehungszei t-
punkt de s Jüge lhause s Er klärunge n für den da mals v on d en Frank furte rinnen und
Frankfurtern erlebten Glanz des Bauwerks zu finden . Doch im Zuge meiner Re-
cherchearbei ten stieß ich z unehm end auf Sachverhalte, die sich m ir nicht auf An-
hieb erschli eßen wollten. Ich fand heraus, dass es im Vorfeld der Erbauung des
Jügel hauses in der Bürgerschaft w ie auch in der S tadtverordnetenversam mlung
eine recht bea chtenswerte Gegnerschaft gab, die verhindern w ollte, dass mit den
Geldern der Jü gel - Stif tung ein Vorlesungsg ebäude für die genannte Akademie er-
richtet werden sollte. Am Ende konn te sich die Frakti on der Befürwortenden in der
Stadtverordn etenversammlung aber doch recht problemlos und lediglich mit ei -
nem weiteren, zei tlich n ur wenig e n Wochen verzögerten Anlauf durchsetzen. Er-
kläru ngsbedürftig erschien mir an diesem Punkt, wie es gelingen konnte, die gl eich
stark au sgeprägte Gegnerschaft zu ü berstimmen, ohne dass darauf irgendwelche
Proteste oder Geg enmaßna hmen erfolgten. Warum fügte man s ich p lö tzli ch „e in -
fach so“? Auch die S t andortwahl erschi en mir in den bereits weiter v orne g ena nn-
ten Dokumen ten zu spärlich begrü ndet: Wieso muss te es ausgerechnet di e städti-
sche Peri pherie zwischen einem Industri estandort und dem Nobelviertel der Stadt
s ein? Was bedeutet das eig e ntli ch für die Pläne, i n Frankfurt eine Uni versität zug-
ründen ? Gab es zu j enem Zeitpunkt kein e anderen freien städ tischen Baufläc hen,
die für da s anvisierte Projekt in Frag e gekommen wären?
Parall el zu meinen Recherchen nach textförmig en Materialien zu d e n Ents te -
hungsb edin gungen de s Jüg elhause s bef asste ich mic h auf der Basis vo n Kata ster -

Zeitpunkt der Universitätsgrü nd ung nirgendwo so nst in Deuts chland eine Wirtschafts - und Soz ia l -
wi ss en sc haftlic he Fa kultät. Ebe nso u ngewö hnlich war die H erauslö sung der natur wisse nschaftli-
chen Fäc her au s der Phi loso phischen Fa kultät, um sie i n einer ei genen Nat urwisse nschaft liche n
Fa k u lt ät zu or g an i si er en .

76

plänen eingehender mit der stadträu mlichen Lage. Kat aster pläne umfasse n säm t-
lic he F lurs t ücke und Liegenschaften , die geometrische Lage, die Größe und die
vorhanden en baulichen Anlagen des jeweils auf der Karte dokumentierten Gebiets.
Sie enthalten also konkrete Informationen über das direkte baulic he Umfeld, über
die benac hbarten Gebäude bzw. Freifl ächen und H inw eise a uf die Nutzungen –
sofer n man in der Lage i st, die Zeichens prache dieser Art des P lans lesen zu kön-
nen. Zu nächst betrachtete ich – eher oberflä chlich – die P läne aus den Jahr en 1 895
(dem Jahr der Ei ngemein dung von Bockenhei m), 1908 (zwei Jahre na ch der Er-
öff nung des Jü gelhause s) und 1914 (d em Jahr , als d as Jüge lhau s einen Anbau
erhielt) u nd zwei Din ge erschien en mir bei meinem ersten Blick auf dieses Material
beachtens wert: Erstens ist das Jügel haus ist kein freistehendes Gebäud e, sondern
Teil ei nes ganzen Gebäudekomplexes , was bei mein e n Unte rsuchu ngen Be rück -
sichtig ung finden muss, und zweiten s treffen genau an der Stel le, an welcher d as
Gebäude - Ensembl e errichtet wurde, zwei Stadtgebiete aufein ander, die a ll ein auf-
grun d ihrer baulichen Struktur äußerst unterschi ed li ch waren. Das verstärkte bei
mir den Eindruck, dass genau dieser Ort nicht ganz unproblemati sch für ein reprä-
sentati ves öffentliches Gebäude sein könnte.
Je mehr ich m ich allein mit dem Jügelhaus befas ste, desto mehr Fragen warfen
sich für mich auf und dest o t iefe r stie g ich in die – teilweise recht a ufwändige –
Recherche ein , durchforstete di e Akten im Fran kfurter Institut fü r Stadtgeschichte,
die in irgendei ner Weise Ma terial zur Entstehungsgesc h ichte und den Bau des Ge-
bäudes enthalten könnten . Daneben recherchierte ic h ganz allgem ein zur Ge-
schic hte Frankfurts, um ein besseres Verständnis für die Entwicklungen zu erhal-
ten. Die sich damit auftürmende Datenmenge, bestehend aus einer Reihe ganz un-
terschied licher Dokumententypen (P rotokolle, Aktennotizen , Zeitungsartikel,
Fotogra fien , Pläne und weiterer Literatur zu r Stadt), ließ erahnen, dass eine Un-
tersuchu ng des Gebäudes über den Ents tehungszeitpunkt hi naus allein aus Zei t-
grün den unwahrscheinlic h werden würde. Die Frag e nach der Au swertungsme-
thode blieb a ußerdem lange Zeit un geklä rt, da sich viele Methoden ang esichts der
Heterogen ität der Daten als auc h der Datenmenge als nicht anwendbar heraus-
stell ten. Es nahm also nicht nur die Recherche viel Zeit in Anspruch, sondern auch
die Konzepti on des Untersuchungsdesigns wie auch im weiteren Verlauf der Un-
tersuc hung de ssen Umse tz ung. We lches F orsch un gsde sign ich sch ließl ich ko nzi-
piert und auf welche Weise ich dies e s zusamm e nges tellt habe, erläutere ich in den
nachfolgen den Abschnitten .

77

2 .2
H erm e n eu t is c he W is s en s s o z io lo g ie a ls m et hod o logisc he r Aus ga ngs p unk t
Norbert Schröer verw eist darauf, da ss die soziale Wirklichkeit mittels ei ner sozial-
wiss enschaftlichen Hermeneutik nur verstehend ange messen besc hrieben werden
könne: „Begreift ma n Gesellschaft al s eine durch handelnde Su bjekte konstruierte
Wirkl ichkeit, dann ist diese Wirklichkeit erst erfaßt, wenn die Sinnsetzu ngspro-
zesse de s Hande lnde n und de r dafür relevant e Bezugsra hme n nach gezeichne t
sind . “ (Schrö er 19 97: 10 9 ) In der hermeneutischen Wissens soziologie s ind so zia l er
Kontext und d ie in terpretierten Bedeutungen die zentralen Ac h sen der A nalyse ar-
beit . Der hi nz ugezo ge ne Kontext bezieht sic h dabei nicht nur auf die in der Anal yse
betrachteten Akte urinne n und Akteure, sondern auch auf den Kontext der Deuten-
den : Wichti g ist immer a uch di e Offenlegung des Vorwiss ens und der angewende-
ten Interpretati onsregeln (v gl. Kno blauc h 2014 : 181) . D ie sondierende Erörterun g
bestehender Forsc hungsperspektiven und Schilde runge n wie et wa in mein em Ex-
kurs, de r de n We g z um Fal lbe ispie l s ch ilde rn , s ind d aher ebenfalls Teil der For-
schun gsaufgabe im Sin ne d er her meneut ische n Wisse nssoz iologie . Auch die Kon-
zeption des Unt ersu chungs desig n s findet weiter unten eine ausführ liche Erläute-
rung. An diese r Stel le so ll es z u nächst darum gehen, einige der zentrale n
Annahme n der herme ne utisch en W issensso zio logie z u skizz iere n und sie a uf
meine eigen e Fragestellung zu übertrag e n.
Übergeordnetes Ziel der besagten Fo rschu ngsrich tung ist die „Rekonstruktion
der gesell schaft lich e n K onstruktion der Wirkl ichke it“ (Soe ffner 1999) . D ie For-
schenden überziehen i n Pro zesse n des Beschre iben s, Ver stehe ns und E rklären s die
Konstruk te alltäglichen Handelns (Konstruktionen 1. Ordnung) da bei „mit einem
Netz vo n Kategorisieru ngen, idealtyp is chen A nnahme n, M odellen, e x - post - Schl üs-
sen und K ausa lisieru nge n od er Finan isier unge n (»U m - zu« und »W eil - Mot iven«)
[ ... ]. “ Sie entwerfen ihrerseits ebenso Kon struktionen , nämlich so ge nannte Kon-
strukt ionen 2. O rdnu ng , die wiederum „kon trollierte, methodisch ü berprüfte und
überprüfbare, verstehende Rekonstrukti onen der Ko nst ruktio nen 1. O rdnu ng“ s ind
(eb d.: 41). Oder um es mit den Worten von H itzler, Reichertz u nd Schöer zu sa-
gen: „ Hermeneutis che Wissenssozi ologie zielt auf die Erk enntni s der Konstitutions-
beding ungen v on Wi rklic hkeit und auf d ie » Entzauberung « gesell schaftlicher Wirk-
lic hkeitskonstruktionen .“ ( Hit z ler/Reichertz/S chroer 1 999: 10, Hervorhebung im
Origin al )
D ie sozi alen Akteur inn en un d Ak teur e agi eren in den ver schi edenen Handlungs-
situatio ne n ent lan g sozia l aus ge han de lter Angemessenh eitsurteile. Di ese fußen
wiederum auf Deutungsmustern, die im Sinne d er her meneuti schen Wissenssozi-

78

ologi e aufgefasst w erden „als histori sch, in Interak tionen ausgebil dete Interpre ta-
tionsm uster der Weltdeutung und Probleml ösung “ und d ie sich auf „ die generi e-
rende un d gestaltende Rolle handlu ngsfähiger Subj ekte “ bezieh en (Lüde rs/Me user
1997: 62). Handelnde Sub jek te sind dabei „ wen iger Träger von Deutu ngsmus tern,
sondern d eren Erzeuger, Gestal ter und Verwender.“ (ebd. : 63 ) A ls das Ergebnis
der „ so z ia len Konstruktion von Wirkli chkeit “ (Ber ger/L uckma nn) sind De utun gs-
muster „ ei n histo r isch - interaktiv entstandenes , mehr oder weniger komplexes In-
terpretations muster für weltliche P hänomene, in dem Interpretamente mit Hand-
lungs orientierungen, Regeln u. a. verbun den werden . “ (Ke ller 2007: 21) „Muster“
verweist d abei auf den Aspekt des Typischen – „ es handelt sich um allgemeine
Deutungsfi guren, die in unterschiedli cher sprachlich - materialer Ges talt manifest
werde n, und in de nen d ur chaus versch iede ne W issen s - bz w. Deutungsele me nt e
und bewerten de Bestandteile verknüpft werden . “ (ebd.)
Die Konstru ktionsprozesse für Deutun gsmuster erfolgen in unters chiedlichen
gesell schaftlichen Kontexten, sowo hl in öffentlichen Arenen al s auch in di rekten
Interakti onen und werden Bestan dteile kollek t iver Wi ssensvorräte. Deren soziale
Verteil ung erfolgt über kom muni k ative Wege, z.B. über den sprachlichen (d.h. ge-
sprochenen oder auch schriftlic hen) Austausch zwis chen Einzelnen bzw. innerhalb
von Gruppen, über Massenmedien, über Institution en wie z.B. Schulen und Uni-
versitä ten, über Literatur und vieles mehr. In Sozialisationsprozess en eignen sich
die sozi alen Akteur inne n u nd Akte ure d ieses Wisse n und d ie da rin e nt haltenen
Deutungsm uster an „und orientieren ihr eigenes Deuten un d H a ndeln d aran . Da s
kann s owohl bewusste wie unbewusste, affi rmative, kritische, a blehnende und kre-
ative B ezugnahmen einschließen. “ (ebd.) Für den wissenscha ftlichen Zug riff er-
reich bar sind die geäußerten Bezugna h men vor all em über Diskurse, die sowohl
die Stru kturen des Wissens als auch die „si ch daraus er gebende (S inn - )Strukturen
der sozialen Beziehu ngen und der materia len O bjek twel t “ organisieren (Kell er
2006: 12 8, Hervo rhe b un g T E) . I m Rah men e iner wiss enssozio logi sch fund ier ten
Diskurs analyse, beis p ielsweise n ach Reiner Keller, „geht es darum, P rozesse der
sozial en Konstruktion, Objektiva tion, Kommunikati on u nd Legiti mation von Sinn -
, d.h. Deut un gs - und Hand lung sstruktur e n auf d er Eb ene von I nstit utione n, Or ga-
nisa tionen bzw. sozi alen (kollektiven) Akteu ren zu rekonstru ieren.“ (Kell er 2006:
115)
In archi tektursoziologis chen Ansä tzen wird Architektur als sozialer P rozess bzw.
als eine Objek tivatio n sozi alen Hande lns ver standen. Eine wissens so zi olo gi sche
Diskurs analyse ermöglicht es, die dem Prozess der Objektivati on zugrundeliegen-
den Wissen svorräte über eine Untersuch ung der im E ntstehu ngsablauf aufkom-
menden D isk urse bzw. Argumentati onslinien offenzulegen . Di skurse si nd i n die -
sem Zusammenh ang dan n vo r alle m hin sich t lich je ner Deutung smuster aufsch luss -
reich , die den Le gitimier un gen der Bauprojekte zugru nde liege n . Für die Jüge l -

79

h aus - Studie bedeutet das, den Disku r s run d um die Errichtung des Gebäudes zu
unter suche n . Daf ür i st d ie in den städtischen Gremien getroffene En t schei dung,
welche A rt von Einri chtung aus dem der Stadt Fran kfurt zugefall enen Erbe der
Brüder Jü gel entstehen s o llte, i n den Blick gerü ckt und auch d ie daz u erfolg ende
Berichters tattung in der lokalen Presse . Um die i n die sem D iskurs getro ffe nen Äu-
ßer ungen tatsäch lich verstehen und einordne n zu k önne n , ist weiterhin die Ein-
bettung in den sozialen Kontext unumgängli ch. Das bedeutet eine Au sweitung des
Fokus au f die im Diskurs getroffenen Äußerung en auch auf generell e Mu ster bei
den Ent sche idung sfind ungen i m st ädtisch en bzw. historischen Kontext der Stadt
Frankfu rt : Gi bt oder gab es bereits ähnliche Deutungsfig uren in ähnlichen oder
auch i n ganz anderen Fällen? Komm en hier neu e Argumentationsmuster zu m Tra-
gen oder sin d es tradi erte, d.h. wiederkehrende Deutungs e lemen te, die hier rele-
vant s ind? F ür die Beant w ortung solcher Fra gen ist – sofern es sic h um ein Ge-
bäude in de r Stadt ha ndelt, das u ntersucht wird – de r Rück griff a uf d ie kumu lati ve
Textur di eser Stadt, wie sie in der Forschungspers pektive zur Eigenlogik der Städte
vor gesch la ge n w ird, äuß erst h ilfreic h. S ie verweist a uf das Sinngewebe einer Stadt
(sieh e daz u auch Kapit e l 1. 5 und vertiefend Kapitel 2. 4 ) u nd d amit au ch a uf d ie
Typen und T ypike n bzw. a uf die in der S tad t wirksamen Relevan z struktu ren , auf
die die Frankfurterin nen un d Frankfurter zu m damaligen Zeitpunkt zurückgegrif-
fen haben . Sch lusse ndlich geht es darum zu rekonstruieren, auf wel ches Wissen
bei de n Ent scheidu ngen f ür den Ba u des Jü gel ha uses zurückgegri ffe n wur de u nd
wie dies es Wissen entstanden ist und w eitergegeben wurde .
Anne H oner differenziert i n verschiedene W issensarten, die bei ei ner wissens-
soziol ogischen Hermeneu t ik in Betra cht kommen (Hone r 1999) . Anlehne nd an
Schütz untersc heidet s ie zu nächst in eine n subjektiven Wisse nsvorr at, der s ich aus
den su bjektiven Erfah rungen, aus Routinewi ssen und dem ang eeigneten wi e auch
potentiel len Wissen zusammensetzt, und in einen gesellschaftli chen Wissen svorrat
einer Kult ur , der sich st rukt ure ll wieder um in Allg emein wiss en u nd in Son der wissen
untereil t. Die einz elne n subjektiven Wisse nsvorräte si nd zwar niemals hundertpro-
zentig deckungsgleich, si e übersc hneiden sich a ber an vielen Stellen und das be-
deutet, da ss auch unsere Relev anzstrukturen an vi elen Punk ten mit denen unserer
Mit - Menschen übereinsti mmen (Ber ger/Lu ckma nn 19 77: 47). Da s resultiert a u s
der T atsache, dass wir sie u.a. im Zuge u nserer Sozialisation von unseren El tern,
Lehrerinn en und Lehrern und da s uns umgebende s oziale Umfeld ü bernommen
haben. Die in unserem subjektiven Wis sensvorrat gesammelten Erfa hr ung en s ind
daher nich t zwi ngend un sere eigenen , sondern sie sind zu ei nem sehr großen Teil
aus den Gruppen erfahrungen übernommen worden (v gl. Sch ütz/ Luckm ann 2 003:
331ff. ) . Wir bedienen uns also weitestgehend eines „so zial abgele itete n“ Wissens.
Dieser gesell schaftliche Wiss ensvor rat ist n icht bloß die Summe od er Schnittmenge
all er subj ektiven Wissensvorräte. Er ist vielmehr der S peicher des objektivierte n

80

und al lgeme in re lev ante n, d.h . des über rein subjektive Bedürfniss e h inausgehen -
den Wissen s zur Lö sun g vo n Probleme n .
Das Allgemei nwis sen ist der Bereich des gesellschaftlichen Wi ssensvorrats, der
für all e Mitglieder der Kul tur relevant i st und routinemäßig an jedes Mitglied wei-
terge geben wird (Schütz /L uckma nn 20 03). Zum A llge meinwi ssen zäh len Sp rach -
kenntni sse (G rammat ik, Be de utung, A usspr ache), Verk ehrsregel n, Hygienevorstel-
lungen , Gebrauchsweisen alltäglicher Geg enstände und von Architekturen oder
auch de r Abla uf v on Begr üßun gsrit uale n . Es handel t sich weiterhin um ein Wissen,
auf das theoretisch alle Gesellsc haftsmitglieder uneingeschrä nkten Zugriff haben .
Zum Allgeme inwissen zäh lt a uch das Wi ssen darüb er, d ass es e in speziel les W issen
– ein So nde rwisse n – gibt, das a n bestimmte sozial e R oll en ge bund en ist und das
rout ine mäßig nur an die betreffenden Roll eninhaber und Rolle ninha berinne n v er-
mittelt w ird ( vgl. Honer 1 9 99: 61, vgl. Schütz/ Luck ma nn 2003 : 403) . In unser er
hochgrad ig arbeitsteiligen Gesell schaft wissen z.B. nur g anz speziell ausg eb il dete
Gesell schaftsmitglieder, wie man z.B. ei nen Getriebes chaden am Auto repari ert o-
der wie man e in gebrochenes Bein richtet, d.h. es gibt Personen, die in ein So nde r-
wissen eingeweiht sind , das zur Lösung ganz s pezieller Probleme erforderl ich ist
und nicht ohne weiteres fü r jedes Ges ellschaftsmitgli ed verfügbar ist . Es bildet ei-
nen vom All gemeinwissen unterscheidba ren Bereich des gesells chaftlichen Wis-
sensvor rats.
Sonderwis se n ist al s roll ens pezifis ches Wissen „nur fü r manche M enschen i n
manchen Kontexten relevant und fü r andere zum Teil gar nicht mehr ein sichtig
(zu mache n) . “ ( Honer 199 9: 54) Aufgrun d sein er Ro ll engebundenheit neigt es
„vi e l eher als d er » gesunde Mensc henverstand« zu einer gewissen Systematisi e-
rung und [ ...] »Rat iona lisie r ung« . Das Verhäl tnis von Mittel n und Zweck ist bei
rollen spezifischen Probl emen klarer umschrieben; d ie Problemlös ungen kö nnen
im Allgemei nen in expliziter Weise weitergegeben und erlernt werden . D adurc h
erhöht sich d ie Chan ce, daß diese Art von Problemen i n den Griff reflektierend en
Bewußtsei ns gerät.“ (Schü tz/ Luc kmann 20 03 : 404) Mit fortschreitender Sy stema-
tisier un g wird immer deutlicher ein abgegrenz ter und eigen ständiger Wissensbe-
reich sich tbar (Honer 199 9: 54). Max Scheler unterteilt S onderwissensbestä nde
wiederum, f ragend nach der „Wesensart des W ertstrebens, da s einer bestimmten
Wisse nsart zu gru ndelie gt“ (He nck m ann 1998: 89) , i n drei Arten der Wi ssensfor-
men: in Herr schaftswissen ( das T echniken der Natur - und Sozialbewäl tigun g um -
fasst und g eleitet ist vom M otiv der Ma chtgewinnung über Natur, Gesellschaft und
Geschich te) , Bildungswissen ( das d ie „War um - Frage“ stellt und das au f eine be-
stimmte Geistes haltung des Fragenden bzw. auf das Staunen zurückzuführen is t)
und Erlösungs - b zw. Hei lswi ssen ( das aus d er Ang st des Me nschen u nd sein em Be -
dürfnis nach Erlösung rührt und abzielt auf Anteiln ahm e am absolut Seien den, am
Urgrund alle n Sei ns) (vg l. Hone r 19 99: 60 ; vgl. He ckm ann 199 8: 89f. ) .

81

Kurzum: Es gibt inn erhal b von Gesell schaften unterschiedliche Wissensbe-
stände, die aus unterschiedlichen M ot ivati onen und Erfordernis sen heraus entste-
hen und z um Einsatz kommen und auf d ie nic ht immer sämtliche Gesel lscha ftsmit-
gl ieder Zugriff h aben . Aufgrund der untersc hiedlichen Rollen, di e die sozialen Ak-
teur innen un d Ak teur e inne r halb einer Gese llsch aftsstr ukt ur einneh me n, aufgr und
der dami t variieren den Erfahrungs - und Ha ndl un gszu samme nhän ge und d er sozi -
als trukturell bedingt unterschiedl ichen Lebensweisen ist das Wissen niemals ho-
mogen verteil t. In der Vermittlu ng des gesellscha ftlichen W iss ens gibt es Differen-
zierun gen, die weiterhin die Grundvorauss etzung für die Entwicklun g von Sond er-
wisse n und „höher er Wisse nsform en“ s ind un d die nicht mehr allen
Gesell schaftsmitgliedern routinem äßig vermittelt werden, sondern an bes timmte
Rollen geb unde n sind (v gl. Schüt z/Luck mann 2 003 : 403 f. ). J e nach Zugehörigk eit
zu besti mmten gesellsc haftlichen Gruppen u nd Eliten und je n ach der ind ividuel-
len Spezia lisie rung u nd Wi ssensa neignu ng haben die sozial en Akteur inne n und
Akteur e demnach Zugriff auf je un terschiedliche Wisse nsarte n .
Da in der v orliegenden A rb eit vor al lem der gesells cha ftlich e Wis sensv orrat in
Form eines s täd tischen Wisse nsvorrats von Intere sse ist, sollen k urz die generell en
Konstitu tionsbedingungen v on Wisse n etwas genauer betrachtet und a uf d en W is-
sensk ontext „Stadt“ ü bertragen werden . Alleine die Objekti vierung ein es subjek ti-
ven Wissensel ements lässt dieses nicht automatisch zu einem Bestandteil des ge-
sellsc haftlichen Wissensv or rats werden . Bestimmte subjektive Wi ssenselemente
werden na ch ihrer Objektivieru ng vergesells chaftet, andere nic ht. Dass es i n dem
einen F all daz u ko mmt und in dem anderen nicht, steht u.a. im Zusammenhang
mit den Rel evanzstruktu ren, die einer Objekti vierung subjekti ven Wissens un d ei-
ner darau f folgenden Übernahm e des objektivi erten Wissens zugrun de liegen
(Schüt z/Luc k - mann 2003: 387) . Je nach den sozi alstrukturellen Gegeben heiten
einer Sta dt, ihren ökonomischen Bedingungen und städtebaulic hen Entwicklun-
gen s o wie den jeweils d ami t verbund enen Herausforderung en setzt sich der Wis-
sensvor rat de r St adtgese llsc haf t jeweil s ander s zu samm en und wird d urch je s pe-
zifis che Relevanzstrukturen geordn et. Meine Annahme ist dabei, dass es spezifisch
stä dtisc he Releva nzen gibt, die den Wi ssensbestand in bestim mte Richtungen len-
ken .
D as relev ante Wissen einer Gesell schaft wird weiterhin vor sei nem „Aus sterben“
bewahrt un d kontinuierlic h an di e Gesellschaftsmitgl ieder weitergegeben . Da mit
ist ei ne D ifferenzi erung des Wissens in typische Probleme verbu nden sow ie ei ne
Unterschei dung, für welche typisc hen Personen das Wissen rel evant ist bzw. a ls
relevan t betrachtet wird ( Sch ütz/Luc kman n 200 3: 39 3) . Typische Probleme und
die typi schen Personen und Lösu ngswege sind vorg e gebene El emente des g esell-
schaft liche n Wissen svor rats , die Ver mit tlung sozia l rele vanten W isse ns ist wiede -
rum in der Sozialstru ktur verankert: B e stim mte Wissensbereiche sind an be stimm -

82

te soz iale R ollen ge bunde n ( Schütz/ Luckm ann 2003 : 393 f. ). Bezogen auf den
städti schen Wissensvorrat gibt es einerseits die Orts kenntnis, di e man dem städti-
schen Al lg emeinwis sen z ure chne n ka nn un d d ie s ich pr inz ipiell j ede z.B. in Fra nk-
furt leben de oder arbeitende Person sowie wiederk e hrende Besucher inne n und
Besucher ane igne n kö nnen . A nderersei ts gibt es auch h ier spezi alisierte Bereiche:
In den städtischen Selbstverwaltungsgrem ien einer we steuropä ischen Stadt w ie
Frank furt am M ain Anfan g de s 20. J ahrhu ndert s kur sie rt auf einer politischen,
stadtpl anerischen wie auch ökonom ischen Ebene ein spe zifisches und dediziertes
Wisse n, auf da s nich t jede Person, di e in Frankfurt lebt oder sic h aufhält, vol lum -
fängl ich Z ugri ff hat. Die W eitergabe di eses Sonderwissens erfolgt innerhalb der
politi schen Elite und i n ei nem festen , instituti onalisierten Rahmen. Bei diesem
städtische n Sonde rwissen im Sinne Ma x Schel ers handelt es sich um eine Form des
Herrsc haftswi ssen s, das für je de Stadt – so meine Annahme – ein e je spezifische
Ausprägu ng mit je spezifischen Rel evanzen hat. D ie Weitergabe des relevanten
Wiss ens inn erhalb einer Stadt erfolgt außerdem über die mediale Verbreitung über
Zeitung en, sowie über Berichte und Protokolle de r städ tisc hen Selb stverwa ltung s-
gremien , über Denkschriften u nd über mündlic he Überlieferungen. Das städtische
Ged ächtnis als ein e spezifische Form des städti schen Wissensv orrats bewahrt wei-
terhin di e Traditionen und die Erinne runge n an kollektive Erlebni ss e (wie im F all
Frankfurt z. B. die traumatisch erlebte An nektierung durch Preußen im Ja hr 1866),
deren Überli eferung sowoh l s prachlich vermittelt als auch in Form von Gedenk-
stätten erfol gt und in der Regel an spezifisc he Orte in der Stadt g eknüpft ist.
Bei der En tstehung z.B. öffentlicher B auten, wie etwa im Fall d es Jügelhauses,
spiel en sowoh l Beständ e d es stätischen A ll geme in - wie auch des Son derwis sens
sowie E lemente des städtischen Gedächtnisses eine entscheidende Rolle. Im vor-
liege nd en F all sind es d ie Mitglieder d er städtischen Selbs tverwaltung (Magistrat
und S tadtverordnetenversammlung ), die das Wissen über die fi nanziellen Mög-
lic hkeiten und i n der Sta nd o rtfrage den Überbl ick über den städti schen Gru nd und
Boden hatt en . Sie haben weiterhin über die aktuellen städti schen Bedürfnisse be-
funde n – und zwar nach ganz eigenen Kriterien . Es ha nde lt s ich h ier um e in Herr -
schaft swissen, da s dem Dur chsc hnittsf rank furte r bzw. der D urchsch nitt sfrankf ur -
terin nu r in sehr begrenztem Maße oder aber a uch gar nicht zug ängl ich war . Auch
städti sche Traditi o nen und Erinneru ngen an kollektive Erlebni sse haben die En t -
scheid ungen m it be einflu sst . Weiterhin spie lt e da s Allg emeinwissen über die Frank-
furter Gegebenhei ten, typische Werthaltungen, über die physis che Gestalt der
Sta dt und ü ber das bauli che Umfeld des gewä hlten Standorts mit hi nein. Das W is-
sen bezi eht sic h dabei also nicht nur au f das Handeln, sondern auch auf di e Hand-
lungs er gebni sse in objektivierter Form und ha t Ankerpunkte in der physisc h -ma-
teriell en Welt, die wiederum von den sozi alen Akt euri nnen und Akteuren mit be-
stimmten (sprachlich v ermittelten) Sinng ehalten – mi t Deutungen als o – versehen

83

werden. M it vorliegenden S tudie zu r Entstehungsges chi chte des Jü gelhauses ist es
mir g elungen, die Rel evanzen herauszustell en, die einerseits bei den Entsc heidun-
gen zum Bauprojek t eine besondere Roll e spiel ten und andererseits für die Struk -
turierung des städtischen Wis sens bedeutsam waren . ic h ze ige auf, das s e s über
die Rekonstruktion der Relevanzen s möglich ist offenzulegen , in we lcher Weise
städti sches Wissen an spezifisc he Architekturen gebunden is t.
Zur He raus arbe itun g der en tscheiden den Best andte ile d es städt ische n Wisse ns-
vorrats , die bei de r Konst itu tion v on Sinnse tz ungen wir ksam sind , i st eine umfas-
sende Daten erhebung erforderlic h, die im Forschungsprogra mm der hermeneuti-
schen Wis sens s ozio lo gie üblicherweise durch Feld forschung erfolgt und auf ko n-
kret e Handlung ssit uatione n ausge richtet und deren j eweilige Rahm ung ebenfalls
in die Analyse einzubeziehen ist. In der herme neutischen Methodologi e werden
natürlich e Daten, d.h . nich t - standardisi ert erhobene Daten, wie z.B. Videoaufnah-
men u nd Tonb andauf zeich nun gen, dafür a ls am besten geeig net erachtet, da h ier
„quasi authentische alltagsweltl iche Lebensvoll zugsspuren“ anschaul ich wer den
und die dem Blick der Forschenden Widers tand leisten, weil sie nicht aufg r und
„ein er forschungsleiten den Fragestellung prod uziert und die Erhebu ng sel bst nicht
von den subj ektiven Wahrnehmungsschemata geprägt wurden“ (Rei chertz/
Schrö er 1994 : 62 ) . Dass e s hier z u einer D eckung m it den Vor annah men un d „ab-
gelagerten “ Überzeugungen der Forschenden kommt , erscheint be i nat ür liche n
Daten am wenigsten wahrscheinlich.
Natürlic he Daten sind jedoch nicht in a llen F ällen gre ifb ar und das trifft auch
auf d ie vorliegende Stu die vor. Die Datenbas is fußt hier vor alle m auf die A ufze ich-
nungen in de n Akt en und Si tzungsprotokollen der städtisc hen Selbstverwaltu ng
(Magi strat und Stadtverordnetenv ersammlung), auf Zeitu ngsartikel un d histori-
sche Beri chte , d.h. auf d urch Dritte produzierte Textd okumente u nd Interpreta-
mente . Teilweise handelt es sich als o – z .B. bei den Texte n zur Gesc hichte der Stad t
Frankfu rt – um berei ts durch andere Forscheri nnen und Forscher erarbeitete Kon -
strukt ionen 2. Ordnu ng, d ie sich auf verg angene Ereignisse in Fran kfurt beziehen .
Soweit mi r dazu Informationen vorl agen, habe ich bei der Datenerhebun g großen
Wert auf di e Dokumenta tio n des Entstehungs kontextes der jeweiligen Daten und
die Art der jew eiligen Textgattu ng gele gt , um d ies bei der Interpretation der Texte
zu berücksi chtigen . Umfangreich war außerdem die Herstellung der Daten b asis,
die au f Katasterplänen, Gebäudegrundri ssen und Fotografien fu ßte: D as visue ll
Dargestel lte galt es in Textform zu bringen, um es auf diese Weise in den Gesamt -
Datenkorpus integ rieren zu können. Mehr zu dieser Art der Verschriftlichung und
Datenherstel lung findet sich in den jeweiligen Kapiteln zu den unterschi edlichen
Ausw ertungsprozeduren.
Trotz meiner Ori entierung an den Analysekonzepten der hermeneutischen Wis-
senss oziologie konnte ich vor all em in den Anfängen meiner Untersuc h ung den

84

Wahrheits gehalt von Jo Reichertz‘ und Norbert S chröers folgender Au ssage verifi-
zieren: „Ob eine Methode gu t od er schle cht ist, k ann m an u. E . erst dann e insch ät-
zen, wen n man weiß, (a) auf wel che Frage eine Antwort gefu nden werden soll
und (b) welche Daten zur Verfügung stehen.“ (Rei chertz/Schröer 1994:56) Die
Eingrenz un g der Unter such ung a uf da s Jüge lhau s und seine S innko nstitut ionen
schränkt e die Masse der zu erhebenden Daten deutlic h ein, was sich als sehr vor-
teilha ft erwies, da die Recherche bis zu diesem Punkt bzw. die Daten erhebung
aufgru nd de s ur sprün glic h an visie rte n Camp us - Vergleic hs zunächst sehr breit ge-
streut verlaufen war . Vor de r e ndgült ige n Ent s che id ung f ür d as F allbe sp iel „J üge l-
haus “ hatte ic h die gesamte Ba uges chicht e der Hochsch ule im Blick. Doch obwohl
der Fo kus auf das J ügelha us eine Ei ngrenz ung de r Dat enm enge bedeutete , die war
die Datenbasi s aber bis z um Abschluss der A rchivarbeiten im mer noch ni cht fest
abges teckt . Sowohl die Hypothesen darüber, wie sich die Sinnk o nsti tutionen für
das Jügel haus entwickelten, als auch das zur Herausarbeitun g der Sinnsetzungen
erforderlic he Untersuchu ng sdesign entwickelten sic h erst im Lau f meiner Recher-
chen und aus den Dat en. A lso auc h mei ne Ann ahmen zum städt isch en W issens -
vorrat un d zu de n spez ifisc hen st ädtische n Re levanze n . In den nach fo lgende n Ab-
schnitte n skiz ziere i ch de n We g zum U ntersuch un gsde sign un d d am it auch den
Weg , d er zu einem th eoretischen Modell gefü hrt hat, indem städtische Relev anzen
als Bestandtei l eines städti sc hen W issen svorr ats eine wesentli che Rol le bei der Ent-
stehung s tädtischer Architekturen s pielen .

2 .3
H eter ogene D a tenb a s is und M etho d en w a hl
Ausgeh end vo n der Annah me, dass d ie Sinnkonsti tutionen städtischer A rchitektu-
ren beeinfl usst sind durch den Kontext Stadt a ls soziales wie auch phy sisch - mate -
rielles U mfe ld, galt e s ein U nt ersuchu ngsd esign z u find en bz w. zu e ntwicke ln, d as
dieses Umfe ld in die Analyse mit einbezieht. E s w ar vo n Anfa ng an klar , da ss ich
nicht nur au f Textdokumente zurückgrei fen werde, sondern auch auf Bildm aterial,
wie etwa Katas terpläne, Grundrisspläne sowie Fotografien. Ganz am Anfa ng de r
Untersuc hung erfolgte die Datensammlung unstrukturi ert, d.h. ich ha be alles, was
ich zur E ntstehungsges chic hte des Jü gelhauses und zur Geschichte des S tandorts
im Wes tend an der Grenze zu Bockenheim fi nden ko nnte, h erangezogen. Allei n
aufgrund d er sehr heterogenen Datenbasis, di e Protokol le, Zeitungsarti kel, P lan -
unte rla ge n und Fotografien beinhaltete, wa r die Auswahl eines a ngemessenen
Analyse - Instr ument ariu ms eine Heraus forderung. Ein Probl em war dabei auße r -

85

dem, dass sich die auf die Hera usst ellun g von Sinnkonsti tutionen ausgerichteten
Methoden üblic herweise auf konkrete Handlungssituati onen, d.h. Interak tionen
sowie deren spra chliche Vermitteltheit beziehen. Räumliche A spekte bleiben in al-
ler Regel außen vor. Angesichts der Fertigstel lung des Gebäudes im Jahr 1906
stand weiterhin fe st , dass I nformati onen aus „erster Ha nd“, also v on Z eitze ugen
und B eteiligten, schwer bis gar nicht verfügbar sind. Interviews und andere
„mündlich e“ Äußerungen konnten für d ie Untersuchung ni cht hinzugezogen wer-
den. Es l agen jedoch In for mation en zu konkreten Handl ungssituationen insofer n
vor , als dass die Ent scheid u ng für de n Ba u des J ügelha u ses als B ildun gsei nrichtun g
in den Protokollen der Sitzung en von Stadtverordn etenversammlung und Magist-
rat dokumen tiert sin d. Diese U nterla gen habe ich zunäc hst f ür eine D iskursa nalyse
nach Rei ner Keller herang e zogen , mit welcher ich unter anderem di e Argumenta-
tionsli nien und Interessenlagen zu rekonstruieren beabsichtigte . Es stellte s ich je-
doch sehr bal d heraus, dass manch e Entwicklungen in den Debatten n icht alle ine
aus d en protokollierten Disku ssionen heraus verständli ch bzw. nachvollziehbar
sind. E s e rschie n mir z um B eispi el n icht einl e uchten d, weshalb einige Vertreter in
der Stadtverordn etenversammlung einerseits l autstark und veh ement gegen ein e
Bildun gsei nrich tun g eintra ten , aber weitere Proteste a u sbliebe n, als sich n ur w e-
nig e Wochen später die Befürworter einer Bildungseinrichtung mit nur knapper
Mehrheit durc hsetzen konnten. Um di ese Entwicklung verstehen bzw. um nach-
voll ziehen zu können, warum die Entwicklu ngen in dieser Weise a bliefen, erschi e n
es mir w ichtig, die d amals in den Fran kfurter Eliten kursierenden Wertha ltungen
und Eins tellungen zu rekonstruieren .
Hierf ür rekonstruierte ich die kumul ative Textur Frankfurts zum Zeitpun kt der
Jüge lha us - E rba uun g. Herangezog en habe ich d afür historisch e Lite ratur zu Fr ank-
furt, in sbesondere auch zu den beiden Stadttei len „Westend“ und Fra nkfurt“, an
dessen Verbindungsstelle das Gebäud e errichtet wurde, Litera tur speziell zum Bü r-
gertum Frankfurts sowie zu r Stadten twicklung und zur Geschich te verschi edener
b aul icher Prestigeprojekte wie etwa den Bau der Kanal isation, der Oper, der
Stromversorg ung und der F esthal le, außerdem demografische Daten und Statisti-
ken zu Fra nkf urt um 1900 . Um das jewe ils „Ch arakte rist ische “ in Fr ankf urts Ent-
wicklung en tdecken zu können habe i ch außerdem Literatur zur g enerellen Ent-
wicklung d er modernen Großstädte i m 19. Ja hrhunder t hinzu gezogen sowie Li te-
ratur zu r Rolle des B ürgertums i n dieser Entwicklung . D urch di e Übereinander -
schic htung dieser ganz unterschiedl ichen Informationen ist sichtba r geworden ,
was damals „typisch “ für F rankfurt war, wie sich die d am ali ge bürgerliche Elite der
Stadt zusammensetze, welche sozialstrukturell en Besonderheiten es gab, welche
politi schen Haltungen am weitesten verbreitet waren, wie die ökonomische Ent-
wicklung a blief und welche Transforma tionsschritte Fran kfurt auf dem W eg zur
Großstadt durc hlief. Auf gedeckt habe ich damit schlussendlich Bestandteil e des

86

damalige n städtis chen Wiss ensvo rrats, a uf d ie sich da mals nich t n ur die st ädt i-
schen Entsch eider bezogen haben mussten, als es darum g ing, das Jügelhaus - Pro -
jekt zur Real isierung zu bringen, sondern gle iche rma ß en die zunächst laute Geg-
nerscha ft, die „plötz lich“ verstummte , s owie au ch die b erichtersta ttenden Journa-
lis ten, die nach der Eröffnu ng des Gebäudes ausschließlich voll des Lobes fü r
diesen Schritt waren . D ie Rekonstru ktion der kumul ati ve n Textur hat sich als ein
entschei dendes Instrument zur Offenl egung städtis cher Wis s enselemente erwiesen
und ist innerhalb der vorliegenden Untersuchung im Grunde d er wichtigste Ana-
lyse -S tran g, da sie für a lle weiteren Analys e - Ebenen als wichtige Hinterg rundfolie
diente u nd bestimmte Ereigni sse und räumliche Si tuationen sowie di e im Disk ur s
durchsc heinenden Werthaltungen mi t ihr überha upt erst erklärbar wu rde n. Auch
f ür die Analys e der Architektur des Jügelhauses und die Einor dn ung des im dama-
lig en Frankfurt vorherr schenden Ba ustil s waren d ie Er kenntni sse auf dieser A na-
lyse - Ebene äußerst hilfreic h .
Für d ie Einb ezieh ung de s p hysisch - materiellen Kontexts Stadt habe ic h als In-
formations quellen unter anderem Fotografien und d iver ses Planma teria l hera nge -
zogen sowie Lit erat ur aus K unst - und Architekturgeschichte, di e Anha ltspu nkte für
das Beso nd ere in den Frankfurter Architektu ren gegeben haben. Hier erfol gte un-
ter anderem auch der Vergleich der Fran kf urter Sta dtentwicklung zu den generel-
len baul ichen Entwicklu nge n jener Zei t. Auch wen n die entstand enen Architektu-
ren als bauliche S edimente der Stadt g enau genommen Teil der kumul ativen Tex-
tur sind, habe ic h ihre Untersuchung als eigene Analyse betrachtet, da sich die
Datenbasi s hier doch sehr deutlich von den Quellen unterschieden hat, die ich für
Rekonstruk tion der kumulativen Textur v erwendet habe. Statt au f Soziologen und
His torikerinnen beziehe ich mich bei der Bewertung und Einordnung der Fran k-
furter Archi tekturen auf Ar chitektu rtheoretiker und Kunsthistorikeri nnen sowie
auf Fotogra fien. Die Erarbei tung v on kumulativer Textur und der Besonde rhe iten
und M erk m ale n der baulichen Struktu r Frankfurts verl iefen im Forschungsprozess
eng verschrän kt. A ls ein weiteres Analysewerkzeug de s baulichen Umfelds diente
die seg menta le Lageplan - Ana lys e , eine von mir selbst entwi ckelte und dur ch
Roswitha Breckners „visue l le Segme nt analyse “ angeregte Auswertungsprozedur ,
mit de r ich sy stemat isch d en K ataster plan v on 1 907/ 1908 vom St ando rt de s Jü -
gelha use s mit einem g röße ren Umgri ff der benachbarten B ebauung u ntersucht
habe. Mit dies er be sonderen Art der Lageplan p lana nalyse sta nd mir ein se nsib ili-
sierend es Instrument für die räumliche Situation des Jügel h aus e s zur Verfügung,
das hi lfre ich f ür d ie E ntw ic klung weit er - und tiefergehender Frages tellungen im
Kontext des u ntersuchten Bauprojekts war, die wiederum mi ttels der Informati o -
nen aus den anderen Analysesträn gen beantwortet werden konn ten.

87

Bei der Ei nordnung der Architektur g ing es mir w enig er um ä sthetische Urteile,
sonder n vielme hr dar um, d ie gewä hlte Formensprache und d as z um Einsat z ge -
brachte Materi al mit den dam alige n ges ellschaftlic hen Verhäl tnisse n und Werthal-
tung en überein zu bringen. Leitfrag e war dabei: Wie stehen Form und Gesellschaft-
liche s im konkreten Fallbei spiel mitei nander i n Verb indung ? Dabei betrachtete i ch
sowohl d ie Architektu r des J ügel hauses im V ergl e ich zu anderen H ochschulbauten
dieser Zei t und wiederum im Vergleich zum damals v orherrschend en Baustil in
Frankfurt bzw . zu den g eschmacklichen V orlieben der damaligen Frankfurter Bau-
herr en und Planer .
Da ich davon ausgegangen bin, dass erst aus der In - Bez ug - Setzung der Ergeb-
nisse a us den versc hie denen Analyse - Ebene n das S innge webe und der Wissensvo r-
rat der Stadt Fra nkfurt sowi e die Rolle d es städtischen Gefüg es bei der Si nnkon-
stitu tion des Jügelhauses hervortreten können, erfol gten die Auswertungen auf
den ver schiede nen An aly se - Ebenen (siehe Abbi ldu ng 3 ) nicht für sic h a lleine ste -
hend. Sow ohl die Bearbeitung der Analyse - Ebe nen als auch erforderl iche Nacher-
hebung e n erfol gten während des gesamten Forschungsablau fs para ll e l und nie-
mals vö llig unabhä ngig vo neina nder. D ie Erk ennt niss e und neue n Frage ste llun-
gen, d ie sich auf ei ner de r Analyse - Ebe nen ergaben, h atten i mmer wieder Effekte
auf die weiteren Ebe nen. Das äußerte sic h teilw e ise in gezielten Richtu ngsände-
rung en, Vertiefungen oder Nacherh ebung bei der Erstellung der Datenbasis, im
Hinb lick a uf die Suchb ewe g ungen a ls a uch i n Bezu g a uf die Ko dier ungen d er e nt-
deckten V orkommnisse und Phänomene.
Diese Vorgehenswei se entspricht dem theoretischen Sampling der Grounded
Theo ry Met hode (GT M) nach Bar ney G. Gla ser u nd A nselm L. Str auss ( 1967) ,
Strauss ( 199 1), bz w. Stra uss und Jul iet Cor bin ( 1996) sow ie Jörg St rüb ing (200 8).
Beim theoreti schen Sampling handelt es sich um ei nen iterativ - zyklische n Pro zess
der gl eichzeitigen Datenerhebu ng und - auswe rtung. D ie Anfang sauswah l der D a-
ten steht in Abhängigkeit zur Frag estellung und den vorhandenen theoreti schen
Vorannah men. D ie Ein gan gsfrage n für den vor liegen den U ntersuch ung sfall b e-
schreibe i ch weiter unten jeweils für die einzelnen Ana lys e - Ebenen eingehender.
Eine Fes tlegung auf spezielle Da tentypen gibt es beim theoretischen Sampling
nich t: A bhä ngig da von, was überhaupt un tersucht wi rd kann alles, d as Auf schlu ss
über den zu untersuchenden Gegenstan d g ibt, herangezogen werden . Wie in Ab-
bildu ng 3 ersichtlich, setzte si ch die Datenbasi s für jede Analyse - Ebe ne anders zu -
sammen. M it der Datenauswertu ng wird sofort beg o nnen , in den ersten Schritten
über die V ergabe erster Labels bzw. (oftmals vorläufiger) Kodes. M it d ies er Art der
Ausw ertung zeichnen sich berei ts erste Konzepte für die ents tehende Theorie ab
und ausgehend von diesen Konzepten en tscheidet sich, wel che Daten als nächstes
zu erheben s ind .

88

Abbil dun g 3 : Die An aly se - Ebenen d er Untersuchung und ihr e D atenbasi s

Die Daten erhebende u nd auswertende Arbeit an den unterschi ed li chen Analyse-
sträng en erfolgte im vorl iegenden Untersuc hungsfall immer parall el und in einem
iterativ en Prozess: Neue Erkenntnisse oder auch Fragestell ungen aus eine r de r
Analyse - Ebenen führte n im mer wieder z u Nach just ieru ngen und ne uen I mpu lsen
und da mit verbundenen Nacharbeiten auf m inde ste ns eine r ander en Ana lyse -
Ebene . Bei einem na ch der GTM organisierten Forschungsablauf ist damit die Rich -
tung der Datensammlung nicht gena u planb ar (G laser/ Stra uss 2005 : 53ff .) , aber
dennoch immer zi elgerichtet, da sie nach festgelegten Abläufen erfo lgt. Ab ge -
schl ossen ist die Datenerhebun g erst dann, wenn für die Interpretations - und Th e-
oriearbeit k eine neuen Gesichtspunkte m ehr auftauchen. Die anvisierte P räzision
in de n Unter such ung serge bnisse n ist dab ei auc h vo n f orschun gspra gmat ischen
Gründe n abhä ngig, denn de r Fo rschung saufw and mu ss im mer auch ve rtre tbar
bleiben .
Auch bei der Kodierung der Daten (der recherchi erten Textdokumente und der
eigen s für diese Arbeit erstellten Textdoku mente, in denen die visuell vorliegen de n
Daten versc hriftlicht worde n si nd) habe n sich für die vo rliegen de Stud ie d ie A us -
wertungsa bläufe der GTM als sehr fruch tbar erweisen. Kodieren mein t in Rahmen
der GTM einen „P rozess der Entwicklung v on Konzepten in Auseinan dersetzung

89

mit dem emp irisc hen Mater ial“ (Str üb ing 2 008: 19). D azu werden die erhobenen
Daten auf s pezifisch e Weise sys tematisiert un d Schri tt für Schritt theoretische Kon -
zepte erstell t. Unter anderem erfolg t dies durch eine perman ente Kontrasti erung
diverg ierender Daten, um zu ein er „Generi erung von theoretischen E i gens chaften
der Kategori e“ zu kommen (G las er/Strauss zit. in Strü bing 2008: 18). Die struktu-
rellen Eigenschaften ein er Kategori e, verstan de n als ein theoretisc hes Konzept,
werden erst aus der vergleichenden Analyse der empirischen Phänomene entwi-
ckelt, di e das jeweilige Konzept repräsenti eren (vgl . ebd.). Weiterhin u nterscheidet
man in der GTM in drei ver schied ene Arten des Kod i er ens: Beim off enen Ko dier en
geht es um ein erstes Aufbrechen der Daten durch ein analytisches Herauslösen
einzel ner Phänomene und i hrer jeweilig en Eigenschaften. Im Zuge des axialen Ko -
diere n s geht es um die Era rbeitung ein es phä nomenbezogenen Zusammenhang-
modells, d as die Beziehungen zwischen den Konzepten verdeutlicht (siehe dazu
auch Ka pit el 2.8 ) . I m Lauf e d es Ana lysepr ozesse s st ell en sic h dabei ein bis zwei
theoretische Kon zepte als zentral für die entstehen de T heorie herau s , die s chließ -
lich im Z uge de s s elekti ven Ko dierens zu Kernk ateg orie n zugespitzt werden . Dazu
erf olgt eine Integration der bisher erarbeiteten th eoretischen Konzepte bzw. eine
weitere Re - Kodi erung des Materials, „um die Be ziehungen der verschiedenen ge-
gens tandsbezogenen Konzepte zu de n Kernkategori en zu klären und eine theore-
tische S chließung herbeizu f ühren . “ ( Strüb ing 200 8: 20 ) Im vorlie gende n Fall si nd
es die mi ttels der Zusammenhangsmodell e erklärten Phän omene, die auf e ine
zentral e Kategorie hinweisen (siehe Ka pitel 2.8 ). Parallel zur Da tenerhebung und
Kod ierung ist auß erde m d as Ver fas sen vo n theoretischen Memos wichtig , die de n
Wisse nsbesta nd i m For schu ngspro zes s fort schr ei ben und helfen , Lücken z u i denti -
fizieren, die für die w eitere Fall - bz w. Daten auswah l wesentlich sin d ( vgl . G la -
ser/St rauss 19 67 : 107) .
Im Verl auf der Datenauswertung, die un ter Zuhilfenahme der QDA - Softwa re
MAXQDA (Version 11) erfolgte, haben sich bald für jede der genannten Analyse -
Ebene n eigene Spezifika in Bezug auf den U ntersuc hun gsgeg enstand gez ei gt , d ie
es galt, nich t im „luftle eren Raum“ h änge n zu lasse n, so nder n auf die E rd e zu brin-
gen, ge nauer gesagt auf d en Bo den der St adt Fr ankf urt und noch konkreter: auf
den Boden , auf dem das Jügelhaus erbau t wurde. Aus diesem „auf die Erde bri n-
gen“ haben sich bereits beim offenen Kodi eren zahlrei che Verbindungen z wis chen
den An alyse - Eb enen gezei gt: Die getroffene En tscheidung für den Bau des Jügel-
hauses als Vor lesun gs gebä ude für d ie Akade mie für Sozia l - und Hand elsw isse n-
schaft en war bestimmten Vertretern der F rankfurter Stad tverordnetenversa mm-
lung zu v erda nke n, die s ic h mit ih ren Ar gume n tationen (Disku rsanalyse) immer
auch auf für damals in Frankfurt ty pische Werthaltung en und Si nnsetz unge n (ku -
mula tive Textur) bezogen haben . Die Entsc heid un g (D iskursan aly se) für de n
Standort ( Lagep la n - Ana lyse ) und auch für die gew ählt e Arc hitek tur ( Bewert ung

90

und Einordnung der Architektur) ist eben falls nicht zufällig getroffen worden (ku-
mula tive Textur) .
Eine V erbindung der verschiedenen Analyse - Ebe nen ergab sich v or allem dur ch
den Proz ess des ax iale n Kod ierens in A nleh nung an G laser un d Str auss ( 1967),
Strauss und Corb in ( 1996) sowie St rübin g (2008) . A us den Daten kristallisierten
sich Phä nomene herau s, die auf ( fast) allen A naly se - Ebenen zu beobachten waren.
Rund um die se insgesamt vier P häno mene , die ich am Ende al s städt isch e Rele-
vanzen bezeichne, erfolgte die sys tematische Erarbeitu ng phänomenbezogener Zu-
sammenh an g s mode ll e , ind em am M aterial q ualif izier te Bezie hunge n zwische n
Konzepten hergestellt und über den We g de s kontinuierlichen Verglei chens ge-
prüft wurden ( v gl. Str übin g 2008 : 20) . Das führte z um Teil zu Nachrecherch en
und Neuko d ierun gen. A m Ende des Ana lysepro zesse s ist in den Zusam menh angs -
modell en je eine st ädtische Relevan z dimensioniert und zwar mit ihre n A uslöser n ,
Vorb eding ungen , ihr em Be zugsrah men u nd der Handlungsstrategie, di e sie aus-
löst , sow ie den daraus resultierenden (physi sch - materiell en) Kon seque nze n.

2 .4
Rek o ns truk t ion d er k u m ula t ive n Tex t ur
Städte si nd mit B edeutung aufgeladen, si e sind „keine unbes chriebenen Blätter,
sonder n nar rative Räu me, in die bestimmte Geschichten (von bedeutenden Perso-
nen und wi chtigen Ereignissen), Mythen (von Hel den und Schurken) und Parabeln
(von T ugend en und La stern) einge schrieb en sind . “ (Lin dner 20 08: 8 6) A llei n d ie
Nennung des Na mens e iner Stadt k ann ei n ganze s B ünde l an A ssozi atione n he r-
vorrufen. „ In ihrem Gesamt bilden die historisch gesättigten Vorstellungen das
Imaginäre der Stadt [ ...] .“ (ebd.) D as Ima ginäre ist n ich t zu ver wechseln mit dem
Image e iner S tadt, das geplant und gestaltet und entwicklungs relevantes S teue-
rungsel ement ist (ebd. ). Das Im agin är e steht für die – wie Lindner formuli ert –
„menta le Gest alt d er Stad t“ (Lindne r 200 6: 35) , die sich im Lauf der Zeit formiert
und verfes tigt un d es is t weitaus me hr, a ls ein r ein ko gn itives Phänome n. E s bi l de t
den Mögli chkeitsraum der S tadt ab: D ie mani festierten Vorstel lungen über die
Stadt haben sich im Laufe der Jahrzehnte durc hgesetzt un d sind bi s in die Hand-
lungsebe ne n der Stad t wirks am und sp ürb ar. D as I ma gin äre einer S tadt bezeichnet
ihr sym bolisc he s Uni ve rsum , „ den ihr und nur ihr e igene n k ulture llen Cod e , de r
zugleic h den vielfältigen Kulturen in der Stadt einschli e ßt und mitprägt.“ ( Berki ng
2013: 230) E s formt die so zialen Prakt ik en und kult ur e lle n Disposi t ionen , es ist

91

eine organisi erte u nd di e Prax is o rgani siere nde Wahr nehmu ng ( vgl. Ber-
king/Sch wen k 2011 : 20 f. ).
Wenn man die Praktiken in einer Stadt und das Loka lspe zifische de s Hande lns
erf assen will , gi lt es , a n die struktu rierende Einheit des Ima ginären heran z ukom-
men. Berk ing schläg t da für das Konzept d er „ kumulativen Textur “ v or ( v gl . Ber kin g
2013: 230) . Die „kumulative Textur“ einer Stadt ist „ die sukzessive V erfertigung
jener Vors tellungen vom Ga nzen der Stadt, wie s ie zu einem besti mmten Zeitpunkt
erschein en . “ ( ebd. ) Sie ist das „Bedeu t ungsgewebe einer Stadt“ bestehend a us den
Sedimen tbildungen von Texten, Symbolen, Archi tekturen, Routinen etc., die im
steten Rüc kgriff aufei nander diese (Sinn - )Einheit bi ld e n. Jede Sta dt hat ihr ga nz
eigen es „ Webmuster“ , „ das den Chara kter dieser Sta dt prägt, ausdrückt, versteti gt
oder eben auc h verändert.“ (ebd.: 231) Die Kenntnis der Geschichte di eser Stadt,
ihrer Konti nuitätsunterstel lungen und Brüche sind we sentliche Bes ta ndteil e der
kumu lative n Textur ( vgl. eb d. ) , de nn die Ges chic hte einer S tadt, das was war,
spielt i mmer auch i n das hi nein, wa s ist . Da s Erinnern und di e Überlieferu ng wer-
den in e iner Stadt gestützt durch Objekte im Stadtraum, Gebäude, Denkmäler
usw., abe r auch durch Feste, besondere Fei er - und Gedenktage, lokalspezifisc he
Redewendungen und Essensgew ohnheiten etc. In der Aufschic htung der materiel-
len und i mmateriellen Artefakte wird da s „Hier und Jetzt an sein Davor u nd seine
Geschich te“ zurückgebunden (eb d. : 230) .
Indem man die kumulati ve T extur ein er Stadt frei legt, zeigen sich wiederho-
lende Ha nd lungsmotive: D ie Entwicklu ngstendenzen auf de r politis chen, wir t -
schaftl ichen und sozialstruktu rellen Eben e werden sichtbar . D ie Beson derheiten
der bauliche n Ent wicklu nge n der St adt treten ebenso hervor wie Bedeu tungsver-
dicht ungen und - ve rsc hieb unge n . Die kumulative Textur „ weist ein je di stinktes
[…] » Webmuste r « auf, das den Chara kter dieser Stadt präg t, ausdrückt, verstetigt
oder eben auc h verändert.“ (Berking 2013: 231) Dies es Webmus ter wiederum lässt
die Homologien auf den unterschiedl ichen Ebenen der Stadt hervortreten u nd da -
mit den sp ezifis chen Si nnz usamm enh ang, de r in eine m „einzigart igen Z usamm en-
spiel von räumlicher Orga ni sati on, materialer Umw e lt un d kulturellen Dis positio-
nen [ ... ] die Menschen und ihre Prak tiken prägt.“ (ebd.) Aus diesem Grund liefert
die kum ulat ive T ext ur in der vorlieg enden Untersuchung entsche idend e Informa-
tionen z u de n Ra hmenbe di ngunge n, i n welch en d ie E ntsc heidu ngen f ür d en Ba u
d es Jüg elhauses getroffen wurden: Sie ist die H inter gr undfolie für a lle s, wa s sich
in Fran kfurt ereignet hat und ereignet. Sie verweist a uf das Sinngewebe , an dem
sich d as praktische Handeln in der Stadt orienti ert.
Die im Zeitv erlauf gewachsenen bauli chen S trukturen Frankfurts, d.h . die ma -
teriell en Sedimentationen der Stadt, sind, wenn man es gena u n immt, Teil der
kumulati ven Textur. Dennoch habe ich diese in einem eigenen Analysestrang un-

92

tersucht. Nichtsdestotrotz beziehe ich mich bei der Rekonstruktion der Homol o-
gien, d ie in de r k umu lative n Te xtur Frank furt s zu find en s ind, im mer w ied er auf
das Baulic he, da ich beid e Analysesträ nge in engem Bezug aufeinander era rbeitet
habe . Für die Rekonstruk tion der kum ulati ve n Textur Frankfurt s u m das J ahr 1 900
habe ich die w irtsch aft liche und p o litisc he Ent wicklung der Stadt sowie die Ent -
wicklung d er Sozialstruk tur vor allem mi t Blick auf deren Bes onderheiten s owie
die sta dtplanerische En twic klu ng Fr ankfur ts i m histo ris chen R ückbl ick betrachtet
und in verdi chteter Form z usammengetragen. Als Gru nd lage da für dienten eine
ganz e Rei h e auf die se Stadt bezogene Texte, aber a uch nic ht direkt Frankfurt the-
matis ierende hist orische Be tr achtunge n z um Bür gert um u nd z ur E ntwick lung der
deutsch en Städte im 1 9. Jahrhundert, um Hinw e ise d arauf zu erhal ten , was das
Spezif ische a n den Ent wick l ungen in F rank furt war bzw . ist . Der Vergleich zu den
Entwic k lu ngen in a nderen Städten f indet sich a lle rd in gs auch immer wieder in den
Monogra fien über Frankfurt. Für das Herau sstellen der Differenz en zu ande ren
Städten bzw . des „e ige nsi nni gen “ Frankfurts dienten fast ausschließl ich Texte von
Histor ikern u nd Histo rike rin ne n 18 als Referenz . Für die konkrete bauliche Entwick-
lung der Stadt, die ich in der „Bewertung und Einordnung der architektonischen
Umsetzung“ in Kapitel 2.7 eingehender betra chtet habe, habe ich in erster Li nie
auf kunsthi storische und architekturtheoreti sche Quellen s owie auf Fotografien
Frankfu rter Archi tek turen zurückgeg riffen .
Im „ Übereinanderschichten“ der T exte zu m Frankfurter Bürg ertum, der Texte
zur p olit ischen Str uktur der Stadt , 19 zum Stadtumbau Ende des 19. Jahrhunderts , 20
zur G eschi chte der technischen Infrastru kturen der Stadt 21 und zu besonderen Ge-
bäude n der St adt 22 sowie zur Ent wicklun g des Woh nung sbaus bzw. zur gesamten
Wohnsit uatio n im Frank fur t seit Anfa ng d es 1 9. J ahrhunderts 23 haben sich wieder-
holt au fscheinende Merkmale immer deutlicher verd ichtet . D abe i sind m arkante
histor ische Er eign isse und ihre Folgen, die Frankfurt in bes onderer Weise und
nachhalti g beeinflusst haben, klar hervorgetreten . Präge nd in Frankfur ts Ge-
schic hte wirkten zum Beispiel der Erhalt der Mess eprivilegien im 13. Jahrhundert,
die Verleihung der „Goldenen Bulle“ 1 356, die Frankfurt dauerhaft zur Wahlstadt
der deutsc hen Könige bestimmte, di e Ents cheid ung, 1 816 F rank furt z um S itz der
Bundes versa m mlu ng zu mache n und d ie Annektierung der Sta dt durch Preußen

18 Budde (2009); Gall (Hg.) (1990; 1993); Kocka (Hg.) (1988 ) ; Lesczenszk i (Hg. ) 2009; Schäfer
(2009).
19 Hansert (1992); Roth (1996); Schimpf (2007).
20 Köhler (1995).
21 Zur Kanalisierung : Bauer (1998 ); zur Elektr ifizierung : Turnit (2007).
22 Schivelbusch (1985) zur Oper; Bauer (2009) zur Festha lle; Fran kfurter Ar chite kt en - und Ingeni-
eur - Verein (1910).
23 Mo hr (1992).

93

1866 . D as alles si nd Ere igni sse, die nac hha lti g Einfl uss auf d ie Entw ickl un g Frank -
furts nahme n . Im Unter such ungsver lauf zei g t en sich weiterhin wiederkeh rende –
oder besser g esagt: persistente – Halt u nge n i nnerhalb des Bü r gertum s der Stadt:
ein ausgeprägter L okalpatriotismus und eine außerord entli che Opferbereitscha ft
für die eigen e Stadt (z .B. in G estalt e iner überdu rchschnittlichen Spend e nbereit-
schaft ) , ein leidenschaftli ches bürgerschaftlic hes Engagement und in sgesa mt ein
offen ausges prochener S tolz auf Frankfurt , ei n b iswei len au ffä lli ger Pragmatis mus
im Umgang mi t auftretenden Problem e n sowie das Streben nach einer Vorrei ter-
rolle, das den Willen zum Erhalt der Zuku nftsfähigkeit Frankfurts stets begl eitet
hat. Diese Haltu nge n hatten, w ie in Teil B noch zu zeigen ist, sic htbare Auswirkun-
gen auf die baulic he Entwicklung der Stadt.
A uch d ie E ntstehungsg eschichten der Stadttei le Bockenheim und Westend si nd
in die Bet racht ung mit e inge flossen, 24 d a das J ügelha us ge nau an der G renze die ser
Quartiere erri chtet wurde. Der Grenzberei ch ist räu mlich ges ehen äußerst interes-
sant , da die hier aufeinand e rtreffenden Sta dtteile sowohl soz ialstrukturell als a uch
bauli ch nahezu g egensätzlich war en (und es bis heute s ind). Die Betrachtu ng und
das Erarbei ten der jeweili gen Texturen für die S tadtteile erfol gte dabei mit Bl ick
auf das Ganze der Stadt : Z e igen s ich a uch hier Ho mo lo gien und die für das dama-
lig e Frankfurt typischen Hand lungs motive? Mit d iese r Hera ngehe nswei se entst and
ein detail lierter, ortsbezog ener Auss chnit t der kumulativen Textur Frankfu rts . E s
floss weiterhin nicht aussch ließ lich Material i n Textform ein , so ndern a uch die Er-
kenntniss e und Hypothesen aus der segmental e n Lage p lan - Ana lyse , um die histo-
rische n wie auch die b auli c h - struktur ellen E nt wicklu ngen i n Zus ammenh an g zu
bring en . Z urück gegr iffe n ha be ich dafür wei terhin auf zeitgenössi sche Fotografien
zu den S traßen und Gebäuden Bocken heims und des Westends, um ein bes seres
Verstän dnis für die Unterschiedlichk e it in der jeweilig e n Materi alität beider Quar-
tiere zu erha lten . Um Ein b lic ke in d ie so zia lstrukt ur elle n Verh ältnis se de r beiden
Stadtteil e zu erhalten, habe ich a uf d as Telefonbuc h von 190 8 zurückgegriffen ,
das da m als a uch übe r ein e Sort ierung n ach St raß e und Hausn umme r verfügt und
in dem weiterhin die Berufe der Haus bewoh ner wie auch der Eig entü mer inne n
vermerkt sind . 25 Al s Grundlage für die sozial strukturelle Untersu chung dienten au-
ßerdem die Statistiken der Vol ks zäh lung au s dem Jahr 1900 . 26 In den rec herchier-

24 Texte z ur Gesc hicht e der Qu artie re w aren für Bo ckenhei m: No rdme yer (200 2), Lu dwig (1 940);
Mülle r/Ludwi g (1979); Schäf er ( o.J.) so wie au s dem I fS die Akte aus der Sam mlung O rtsge-
schic hte S3/D 54 mi t zahlrei chen Zeitung sartikeln; f ür d as Westend: M erten/Mohr (1974 ).
25 Einen Ab gleich des Telefo nbuchs mit den St raße n in Bocke nheim u nd dem We stend erfo lgte je-
doch nur für den Teilau ssch nitt des Katast erpla ns, den ich im Zuge der seg mentale n Lag eplan -
An al yse unt ers uch t ha be .
26 MA R/512 Bd. 2: Beiträg e zur Statistik der Stad t Frankfurt am Main. Im Auftrage des Magis trats
herau sgegeb en durc h das Sta tist ische A mt, Er gänzu ngsheft No. 7 . Aus de n Ergebn isse n der Vo lks-
zählung vom 1. D ezembe r 1900. F ra nkfu rt am Ma in, Au sge gebe n im Fe brua r 1903 .

94

ten Unte rlage n z um – mit unter schw ier igen – E ingeme indung spro zess Bocke n-
heims 27 zeig te s ich schl ießlic h das besondere Verhä ltnis der Frankfurter Selbstv er-
waltungsg remien zum West end, das in vielfältiger W e ise eine Bevorzugung gegen-
über anderen Stadtteil en erfahren hatte . D er auf die beiden S tadtteile B ockenheim
und Westend fokussierte Teil der kumula t iven Textur Frankfu rts verdeutlicht , da ss
der Ort, an dem das J ügel haus und weitere Ge bäude für wi ssens chaft lich e bzw.
für Bildungsz weck e entst an den sind , ganz eigene Voraussetzungen m itbrachte, die
auf die Beb auu ng Einf luss n ahmen.
Insg esamt resultiert aus der rekons truierten kumulativ e n Textur ein mehrfac her
Gew inn für d ie Frag estellung nach de n Sinnko nstit utio ne n für da s untersu chte Ge-
bäude . Sie ist eine wichti ge Hintergrundfolie bei der Erklärung und Einordnung
der im Unters uchungsk o ntext getroffenen Entschei dungen und vollzog enen Hand-
lungen , und ermöglicht i n der Zusammenschau mit den weiteren Anal yse - Ebene n
di e Offenlegung dahin terliegender Motivationen und Werthaltu ngen bzw. e inen
Einbl ick in den Frankfurter Wiss ensvorrat jener Zeit . Es treten die für Frankfu rt
„typische n“ Handl ungsm ust er in de n Vorde rgrun d , die wied erum R ück sch lüsse da-
rauf zula ssen, an we lche n Re levanzen sic h die in der Stadt getroffenen bzw. die
Stadt sel bst betreffenden Entschei dungen orientierten . I m Kontext der weiteren i m
Rahmen di eser Arbeit zum Einsatz gekom menen Analyseprozeduren nimmt die
kumulati ve Textur einen zentralen Platz ein und ist im Grunde der Referenzbe-
reich, a uf den sic h alle anderen Schritte im mer wieder be ziehen: E rst mit ihr wird
der rote Faden sichtbar , der sich dur ch die En tsche idun gen f ür den Ba u des J üge l-
hauses zieh t und sich auch in vie le n anderen Bereichen zeigt . Sie ve rwe ist a uf da s
im damaligen Frankfurt wirkende Sinngewebe , an dem sich das Ha nde ln in de r
Stadt bzw. das auf die Stadt bezogene Handeln – und damit a uch d as Ba uen als
eine spez ifische Form der sozialen Praxis – orientierte. Die Sedimenta tionen des
Soziale n, d ie sic h z ur k um ulativ en Te xtur einer Stadt zusa mmensetz en , „schwe -
ben“ damit nicht über der städtischen Materiali tät, sondern sind ganz im Gegenteil
fest in ih r vera nk ert .

27 Hier hab e ich mich ausschließl ich auf d ie Akt enbestä nde des IfS gestüt zt, die sowo hl Prot okolle
und Be richte aus Magistrat ssitz ungen so wie S tadtv eror dnetenver sammlu nge n wie au ch ei ne V iel-
zahl an Zeitu ngsar tikeln umfas sen: MA R/373 Bd. 1 - 2; Manuskripte S6a/360; StVV 1.317.

95

2 .5
Di sk ur san al y se
Bevor das Jügelhaus erbaut wurde, hatte man lange und stell enweise sehr intensiv
über dies es Vorhaben und dessen Sinn h aftig keit diskutiert: i n der städtisch e n
Selbs tverwaltung, dem Magi strat und der Sta dtverordnetenvers ammlung, in der
Ver walt ung de r Carl Chri st ia n Jü gel - Stiftu ng ( als B auhe rren), in den Verwaltungs-
gremien der Senckenbergi schen Institu te, in der lokal en Presse sowi e im Rahmen
der Korresponden z der Stadtverwaltung mit einem äußerst verärgerten Rec htsan-
walt , der zu d en Vollstreckern des Jüg el - Testaments zählte. In den vielf älti gen A us -
sag en über das Bauvorhaben zeigen sich die verschiedenen Positionen und Inte-
ressen bes timmter gesells chaftlicher Gruppen Fran kfurts. Sie zeigen sich im Ent-
scheid ungsprozess wie auch im Reden über das fertiggestellte Bauw erk. Dieses
Reden habe ic h im Rahmen einer Diskurs analyse genauer betrachtet, um d ie un-
terschied lichen Standpunkte herauszuarbeiten und um offenzul e gen , wie sich die
Frankfurter Ma chtverhältnisse in den Äußerungen über den Bau des Jügelhaus es
zeigen: Wer konnte sich aus welc he n Gründ en durchsetzen? Und: Auf w e lchem
Wiss en über die Stadt Frankfurt fu ßten die zum Ausdruck g ebrachten Posi t ionen?
Wess en Wissen w ar d as und in welc her Form ist die se s Wisse n ver fügbar gewese n?
Diskur se sind laut Reiner Kell er als Prozess e und Vers uche d er Si nnzusch rei-
bung und - stabilisierung von hoher gesells chaftlicher Bedeutung (vgl . Keller 2011:
10 ). In ihnen zeigen und sta bili sieren sich Machtverhältnisse bzw. Machtverteilun-
gen. Eine sys tematische Analyse des Diskurses verwei st deshalb nicht nur auf di e
jeweil s vertretenen Positionen u nd die dahinterstehenden Werte - und Wissens sys-
teme, son dern auch au f das Machtgefüge, das die Akteur innen und Akteure i nner-
halb des Diskurses in ihre jeweiligen Rollen verweis t, auf ein bestim mtes Wissen
zurück greift bzw. auf spezifische Weise n e ues Wissen produzi ert und damit das
sozial e Gefüge koordini ert. Wenn also die Debatte ru nd um die Entscheidung für
den Bau des Jügelhaus es in den analytischen Blick gerät, geht es um weit mehr,
als um di e reine Nachzeichnung der Argumen tationsstruktur. Herausges tellt wer-
den auch Machtverhäl tnisse und die Werthaltungen der Beteiligten , die wiede ru m
nicht nur über das Gebäude sel bst Aufschluss geben, sondern auch über die Frank-
furter Stadtg esellschaft um 190 0. Der Entscheidungsprozess, der d azu füh rte , da ss
das J üge lh aus zusamm en m it weiteren Gebäuden a n der Frankfu rt er Viktor ia - A llee
(der heutig en Se nckenbergan lage) erbaut w urde , war – wie sic h im La ufe der Re -
cherchen hera usstellte – ein von spez ifischen Interes sen angetrieben er Diskurs, in
dem sich die Haltungen der Entschei der sowohl zur Stadt Frankfurt s elbst als auch
zu ihre r (b aulichen , wirtsch aftlichen sow ie soz ia len) Ent wick lun g ze ige n bzw. in
dem sic h bestimmte damals kursierende Werthal tungen spiegeln.

96

Orie nti ert an der wissen ssoziologisc h basierten Diskursanal yse nach Reiner Kel-
ler habe i ch eine systema tische Untersuchu ng der Argumentations stränge, der ver-
schied enen Positionen und der gesell schaftlichen Verortung der Akteure v orge-
nommen. Die Äu ßerungen der i nvolvierten A kteure sind unter versch iedenen As-
pekten un ter die L upe genommen werden: Welche Werthaltungen bzw. we lches
Wiss en (über die Stadt Fran kfurt oder über besti mmte Bedürfni sse innerhalb der
Bevölk erung) lieg t den j eweils v ertretenen Position en zu Grund e und wie helfe n
die ge ä ußerten Argumente, bes timmte Positionen zu stabilisieren – oder eben
nicht. Besondere Berücksic h tigung fand außerdem die sozia le Situierthei t der Aus-
sag eereignisse, d.h. die Positionen u nd Relationen von Au ssageproduzenten un d -
rezipien ten, das ins titutionelle Setti ng, die medialen Kontexte des Erschein ens von
Ereign issen und Aussagen sowie die allgemeinen gesellschaftl ichen Kontexte, wie
ökonomis che, wissenschaftliche und/oder s oziokulturelle Konjunktu ren (vgl. Kel-
le r 201 1: 10 0). Berücksic ht ig t habe ich dabei nic ht nur Dokumente, die den Dis-
kurs di rekt betreffen, sondern ich habe wei tere Informationen, di e Aufschluss über
die sozi ale Situiertheit g eben, hinzugezogen. Die Aufarbeitun g des situativen Kon-
text ist i n meiner Untersu chun g al ler din gs n ich t – w ie etwa bei Kell er – inte gr aler
Bestandt eil de r Diskur sana lyse , sonder n e in eigene r An alysest rang, d er in der Er-
arbeitun g der kumulativ en Textur zur Stadt Frankfu rt um 1 900 mündet und di e
wiede rum ni cht n ur für die diskur siv e Ause i nand er setzun g mit dem Jüg elhaus,
sondern auc h be i der Betrachtung der äußeren Gestalt un d der stadträumlichen
Einbettu ng des Gebäudes relevant ist (si ehe dazu Kapitel 2.4 ).
Besonders wichtig bei der Analyse des Diskurses ru nd um die Entstehu ng des
Jügelh ause s war f ür die vor liege nde Unte rsuch un g, die sich dar in w idersp ie geln-
den Machtv erhältnisse h erauszuarbeiten. Bei der Verhandlung der Positionen in-
nerhal b von Dis kursen g eht es immer auch um die D urchse tzun g von Wis sen und
damit u m die Durchsetzung s pezifischer I nteressen . Die am Dis kurs Teilnehmen-
den br ingen ihr W issen un d ihre Argumente dabei nicht willkü r lich e in, sond ern
müsse n sich – um ihre Stan dp unkte durch s etzen zu können – an be stimmte Regeln
halten : an „Regeln für die (formale) Art und Weise der Aussageprodu kt ion“ sowie
an „Sign ifika tion sre geln für die diskursive Konstitu tion der Bedeutung von Phäno-
me nen“ (Ke ller 2012 : 16). D as heißt : We r darf wo sprechen und was kann bzw.
darf wie g esagt werden? Außerdem hat nic ht jedes Gesells chaftsmitglied uneing e-
schrän kten Zugang zum Di skurs , die Berechtigung des Mitwirkens ist vora usset-
zungsvo ll. „In Diskursen produzi eren institutionell - organi satorisch bestimmbare
(ko llekti ve) Akteure wesentli che Elemen te der symbolischen Ordnung einer Ge-
sellsc haft: ihr Verstän dnis der fraglos g egebenen Wirklichkeit, ihre A uffassung von
Normalitä t und Abweichung. Diese dis kursive Produktion und Vermittlung von
Deutungsa ngeboten (Wissen) operiert immer in einem konfliktuell en symboli-
schen Or dn ungs - und Wiss ensg efüge, einem historischen Feld der existierenden

97

Zeichen/Di fferenzen. Disk urse organisieren n icht nur die S trukturen des Wissens,
sonder n auch si ch dar aus er gebende (S inn - )St ruktur en der sozialen Beziehungen
und der mat erialen O bjektw elt. “ ( K eller 2006: 128, H ervorhebung T E) Mit anderen
Worten: Diejenigen sozialen Akteure, die sich in den Debatten um das Jügelhaus
durchsetz en konnten, haben einen maßgeblichen Anteil an den Sinnkons t it utione n
des dar aufh in ent sta ndene n Geb äude s, de nn sie hab en d ie si nnkon stitu iere nden
Diskurs e um das Gebäude wesentlich g eprägt und letztendlich dominiert.
Bei der Untersuchung der Jügelhaus - Debatte stehen ha uptsächli ch die Akteure
der st ädtische n Selb st verwa ltung 28 sowie die Mitgl ieder der involvi erten St if tun gs -
Ver walt unge n 29 im Vorder gru nd. D ie fin ale E nt scheid ung üb er de n Bau d es J üge l-
hauses al s neue s He im für die 1901 gegrü nde te und mit de m Neub au um we ite re
Schwerpu nkte erweiterte Aka demie für Sozi al und H ande lswisse nschaf ten hab en
die Vertreter der Fra nkfurter Stadtv erordnetenversammlung getroffen. Deshalb
habe ich i nsbesondere für die Mitgli eder diese s G remium s die soziale Herkunft
bzw. die Zugehöri gkeit zu einer besti mmten gesellschaftl ichen Gruppe der M itg lie-
der recherchi ert . Ein b esonderes Aug enmerk li egt auß e rde m a uf der Art der A rgu-
mentati on: Welche Grün de brachten die geg nerischen Parteien j eweils aufs Tapet?
Auf welche rhetori schen Muster griff man dabei zurück? Zeigt sich in den geäu-
ßerten Stand punkten eine besondere Einstellung zu r Stadt Frankfurt und wenn ja:
inwief ern ? Diskur se s ind im mer Ausdruck ge sellschaft licher Praxis und dienen be-
stimmten Zwecke n, nämlich Ma cht wirkung en auszuübe n ( v gl. Jäge r 20 0 6 : 85). Die
Analys e unter Berücksic htig ung der sozialen Situiertheit des Diskurses, das Nach-
zeichnen dessen, wie sich in ihm verschiedene (Wert - )Halt unge n und Wisse nsbe -
stände z ueinander verhal ten und welc he Akteure Rederecht hatten un d welche
Positio nen s i ch in besonderer Weise durchzusetzen vermochten, lasse n da s Macht-
gefüg e, das in diesem s pezi ellen Fall Frankfurt baul ich wie au ch gesellschaftli ch
geformt hat, hervortreten.
Die Datenbas i s für d ie Disk ursana ly se bi ld en unter anderem zahl reiche Akten
der s tädtisc he n Selbstv erwaltungsgremien: Protokoll e v on Magis tratssitzung und
Stadtverordn etenversammlung en, Schriftwechs e l, A ktennotizen. Au ßerdem hab e
ich di e Dokumente aus den Beständen d er Dr. Senckenbergis chen Stiftung hin zu-
gezog en , d ie über den Entscheid un gsproz ess r und um das J üge lhau s aufsc hlu ss-
reiche Inform ationen liefern . We ite rhin haben die D enkschrif t de s da malige n
Oberbürgermei sters Franz Adickes zu der Vision, in Frankfurt ei ne Universität zu
eröffnen, Adi ckes Memoire n sowie die Schrift eines anon yme n Ve rfasser s a us
Frankfurt, der den Entscheidungsprozes s für die Errichtung des Gebäu de s retro-
spektiv betra chtet, Berüc k sichtig ung gefunden .

28 Magistrat und St adtveror dn etenversam mlung.
29 Verwa lt un gen der Ca rl C hrist ia n Jügel - Stif tung und der Dr. Se n ckenberg ischen Stiftung .

98

Anhan d dieser Dokumente habe ich über eine Dis kursanalyse rekonstru iert , wel-
ches Mac htgefüge und welche Interessen fü r die E ntsch eidun g zum Bau d es J üge l-
hauses als Heim der Akade mie für S ozial - und Hande lswisse nschaf ten z um Tr agen
gekommen sind, d.h. w e lche Machtwi rkungen sich hi er entfalten k onnten. Die pa -
ralle l z ur D iskur sa nalyse erarbeitete ku mula t ive Textur ist dabei für ein tieferes
Verständ nis de r getro ffe nen E ntscheid unge n inne rhalb des D iskurse s rund um da s
Jügel haus eine w ich ti ge Er gänz un g und O rient ieru ngsh ilfe. E rst mit ihr wer den
die typischen Werth altung en und Ori en tierungen des Bürg ertums – a ls der m it
Abstand m ächt igste n sozia le n Gruppe der Sta dt – vor allem auch mit B lick a uf d ie
(Weiter -) Entwick lu ng Fran kf urts de utlich . Die weiteren Analy sestränge – die seg-
mental e Lageplan - Ana lyse und di e Einordnung der architekton ischen Umsetzung
– la ssen schließlich hervortreten, ob und wie sich dieses Mach tgefüge auch an der
äußeren Hülle d es Gebäudes und an der stadtg eo grafi schen Lage „ablesen“ lässt.

2 .6
Se gm e n t a le Lag e pl an - Ana lys e
Der Kataste r- bzw. Lageplan mit dem G e lände aussch nitt, auf d em das Wis sen-
schafts zentrum mit dem Jügelhaus Anfang des 20. Jahrhunderts an der V iktor ia -
All ee entstand , steckt vo ll er aufschl ussr eiche r I nform ati onen, die sich seh r h ilfre ich
sowohl für die Analyse des städtisc hen Umfelds als auc h (darau s resultierend) für
die Untersu chung der Bedeutung d es betrachteten Gebäu des erwiesen haben . Um
diese Informati onen systematisch zu erschließen, d.h., um meine Kognitionspro-
zesse system atisch zu r egulieren, ha be ich mich von Roswitha Breckners „visuell er
Segmen tanalyse“ anregen lassen und zu einer eigenen Konzeption gefunden, die
ich „ segmentale L ageplan - A nalyse “ nen ne. Die se A rt de r U ntersuch ung hat e s m ir
ermögl icht, sensibel zu sein für Irritationen , räumliche Beson derheite n und a uffal -
lende Un stimmigkeiten und nicht du rch zu vi e l Vorw is sen zu vieles als sel bstver-
ständl ich hinz unehme n. Da im Lagepl an nicht alle Informati onen enthalten sin d,
die ich für e ine E insch ätzun g de r baul ichen S itua tio n de r unmit telb aren J üge lha us -
Umge bun g benötigte , ha be ich ergänzend Informationen aus dem Fra nkfurter Ad-
ressbuc h von 1908, in dem Eigentümer un d Mieter der Liegenscha ften bzw. Woh-
nungen u nd gewerblic hen Anl agen aufgeführt sind, hinzugezogen sow ie Literatu r
und Bildb ände mit hist orisc hen A ufnahmen der Stadtteile Bockenheim und Wes-
tend. Au ch Akten aus dem Institut fü r Stadtgeschichte konnten erhell endes Mate-
rial liefern. Die Aus wahl der Texte wurde dabei g eleitet von den ersten Durchl äu-
fen mein er segmental en L a gepla n - A nalyse . Gesucht habe ic h nach Mate rial, das

99

dazu beitrag en ka nn, aufgekommene Unklarhei ten z u erhellen, und das es mir
verständ lich macht, was „passi ert“, wenn zwei so unterschiedlic he Quartiere wie
das Westend und Bockenheim aufeinandertreffen. A uf diese Weise war es mir
mögl ic h, einerseits umfassende Informati onen über da s das r äum liche, bau liche
und sozia le Umf eld des J üg elhause s zu sammeln un d andererseits wei tere Fr agen
bzw. Ann ahmen über das Gebäude aufz uwerfen , die sowohl die Auswertu ng der
Diskurs e über das Gebäude , d ie w eitere Textauswahl als auch die weitere H ypo-
thesen - Generierung beeinfluss ten.
Ausgan gspunk t me iner s yst ematisch en Unter suchun g d es Lage plans, d.h. des
Katasterpl an - Aussch nitt s ru nd um das W issensc haftsz ent rum aus dem Jahr 1 908,
ist mei ne Auff assun g de s Pla ns als eine besondere Form des Bildes. Gemäß der
Definiti on von Roswitha Breckner entsteht ei n Bild, „wenn ein räumlich, akustisch,
taktil und in der Regel synäs tethisch wahrgenommenes sowie ein vorgestell tes
Phänom e n (ein ›etwas‹) auf einer Fläche mittels Linien, Farben, Formen, Konstel-
lati onen und Kontras ten verschiedener Art d argestellt w ird respektiv e sich zei gt
oder überhau pt erst als sichtbares entsteht.“ Wenn man Bilder betrachtet, d ann
„ sieht m an in ih nen G egenst ände , Sach verh a lte, Ideen, Vorstel lun gen u nd [ ... ] er-
zeugt diese als sichtb are .“ ( Br eckner 2012 : 14 7 , Hervo rh ebung im Ori gina l ) Bilde r
sind auf Sichtbarkeit ausgerichtete S ymbolisierungsprozesse. Di eser Definition
wird ein Lageplan sicherlich gerecht. Etwas anders sieht es jedoch a us, wenn es
um die „L esbarkeit“ bzw. die Wahrnehmung dessen geht, was a uf dem Lageplan
darges tellt ist. Hier unters cheidet sich der Lageplan doch sehr von dem, wov o n
Breckner bei der Bildwahrnehmung u nd - interpretation au sgeht. Bei einer Bild an-
alys e muss es Breckner zu f olg e u.a. darum gehen, die „sehr kompl exen symboli-
schen Verflec htungszusammenhänge“ (ebd.) zu rekonstruieren und sprachlic h z u
fassen , also in ein anderes Medium zu übersetzen . Die Schwierigkeit sei dabei, dass
auf Bi ldern im Gegensatz zur Spra che die Anordn ung der bildli chen Elemente, di e
ganz sp ezifisch e Wa hrneh mun gs - und Bedeutungsprozess e auslö sen, ni cht na ch
grammat ikal ische n Geset z mäßigke iten a ngeor dnet sind und e s n icht mö glich se i,
in ein em Bildlexikon d en Sinngehalt der bedeutu ngstragenden El emente nachzu-
schl agen (vgl. ebd.: 148). Betrachtet man den Lageplan als eine spezi fische Form
des Bi ldes, muss dem Ei nwand, es g ebe so etwas wi e eine „Bildgrammatik“ nicht,
widersproc hen werden. Die Kartografie ist g anz im Gegenteil eine hoch konventi-
onalisi erte grafische Dokumentation räumlic her Sachverhal te ( wie z .B. Gebäude,
Verkehrsweg e , Fr eif lä che n, G rün an lage n etc.) auf Plä nen nach festgel egten Re-
geln, di e tatsächlich nachgeschl agen werden können (und auch sollten, da es sich
soga r um gesetzlich e Vorgaben handelt) 30 . Im Gegens atz zur abstrakten Malerei

30 Für die Erstel lun g von Baule itplä nen gilt z.B. die Pla nzeich envero rdnun g 1990 (P lanzV 90).

100

etwa al s eine nicht g egenstandsbezogene Darstel lungsweise, bei d er Linien, Far-
ben, Formen u nd Kontraste ohne die A bsicht zum Ein sa tz kommen, etwas Gegen-
ständli ches abzubilden, sind auf Plänen die Gestaltun gsel emente so einzus etzen,
dass sie von fach kund igen Rezipienten / - inne n eindeut i g als da s er kannt werden
können, was sie symbolisieren: Plan zeichen sind lexikalisch defi nierte Elemente,
die kein en Interpretationsspielraum zulassen (sollen bzw. dürfen). Es werden also
bewusst bestimmte, fest definierte, grafi sche Symbolisierungen verwendet, die vo n
den Rezipi enten/ - inne n ähnlich wie Schriftzeichen gelesen werden können .
Die Bedeutu ngsrelation eines Bildes erwächst – und h ier las se ich wie der
Roswitha Breckn er sprechen – a us e iner T riade beste hend aus d er „Darst ell ung
(das, was a uf de m Bild z u seh e n ist), dem Dargestellten (worauf s ich die Dars tel-
lung bezi eht) und einer Betrachtungsinstan z in Form verschiedener sozial er Enti-
täten (Indi viduum, Gruppe, Mil ieu, Kollektiv ), die erst eine Verbi ndung zwischen
Dar ste llun g und Dar ge st el ltem herstell en.“ (eb d.: 14 8) Und so werden auch die
auf dem Plan erk annte n Ze ichen a ls bildlich gestal tete Sachv erhalte übersetzt in
„Str aße “, „Ge bäu de “, „Par k “, „Flur st ücks - Grenze“ und so weiter. Sowohl bei der
Erstell ung eines Katasterplans wie auch bei dessen Betrachtung s ind bestimmte
Kenntni sse, ein bestimmtes Wis sen der Darstellun gskonventionen und der Zei -
chenbedeutu ngen erforderlich. „Ein gew iese ne “ Pla nle ser / - innen k önne n auß er-
dem an den als „Gebäude“ identifizi erten P lan zeichen, an ihrer Planimetrie und
Grundri ssform e rk ennen oder zumindest erahnen, um welche A rt der Nutzung es
sich handel t. Be i Bebauungspl änen ist sog ar dargestellt, ob es sich um ein Wohn-
gebiet, ein gewerblich und/oder indu striell oder ein gemischt g enutztes Gebiet
handelt, sod ass es nich t sehr schw ierig ist , Gebäud enut zunge n fe stzuste llen. In de n
mir vorl iegenden Katasterplänen 31 ist d as alle rd ings nicht de r Fa ll. Für d ie ein deu-
tige B estimmung der Gebäudenutzung waren Zusatzinformationen erforderlich,
die nich t im Pla n se lbst dargestellt sind . Doch daz u an anderer Stell e mehr.
Breckne r weist dara uf hin, dass Bilde r sowo hl sim ult an als auch s ukze ssive
wahrgen ommen werden: „simultan, weil ihre Elemente – im Unterschied zu
sprachl ichen Texten – in ihren spezifisc hen Bedeutungsrelati onen gleich ze itig prä-
sent sind, und s ukzess ive, w eil die Wah rneh mun g als Pr ozess v erläuft, in dem Bild-
bestandtei le nacheinander foku ssiert und mi teinander in Bezi ehung gesetzt w er-
den.“ (ebd.: 148 f. ) Aufgru nd diese r sowo hl si mult anen w ie auch sukze ssive n
Wahrne hmung s chlä gt Brec kne r vor, Bilder in S egmente aufzuteilen , die wiede-
rum z u and eren Bildse gme nte n in Bedeut ungsbe zie hung tret en. A llerdi ngs sei e s
bei Bildern oftmals kaum möglich, diese Segmente zu bestimmen, da sie erst in
einem kon kreten Gestaltungs zusammenhang heraus erken nbar und d amit a n eine

31 Kartensam mlun g S8 - 2T/6H, 1908; S8 - 2T/6J, 1907.

101

konkrete Bi ldgestalt gebunden si nd, die nicht immer zuläss t, eindeutige Abg ren-
zung en ei nzeln er Bedeutun gsel emente vorzunehmen (vgl. ebd.: 148). Bezüglich
einer Segmen t ierung des Katasterpl ans gi bt e s demgegenüber kaum Probleme . D ie
S inne inheit en kö nnen durc h die Art der Bebauung defini ert werden: F lächen mit
einer homog enen Bebauung oder mit einer s pezifischen Gebäudestruk tur, die sich
von anderen Planbereic hen abhebt, sowie Freiflächen bilden d ie Sinn e inhei ten für
die A uswertung . Diese steh en – so wie Breckners Bildsegmente – miteinander in
Bedeutu ngsbeziehungen und geben Aufschluss über die darges tellte räumliche Si-
tuation . Gerade hier kommen wi r erneut an den Punkt, an dem sich Pläne vo n
Bil dern eklatant untersc he ide n: Plä ne habe n – wie bereits ausgefü hrt – im Ge ge n-
satz zu Bildern kei ne Interpretationsspielräu me hinsichtlich dessen, was sie dar-
stell en bzw. wofür sie s tehen, was sie symbolisi eren. Aber sie sagen viel aus über
das Darg estellte, g eben Informationen ü ber den Raum, der auf i hnen darg estellt
ist, I nformationen über räuml iche Bezüge und in Ansätzen sog ar – sofe rn ma n in
der Lage ist e inen Pl an zu l esen – auch über die atmosphäri schen Qualitäten d es
Raums. Gebäud eabstände, die Relation von bebauter zu un bebaut er F läche , Ge-
bäudehöhen und Geschosszahlen (sofern angegeben ), Straßenbreiten un d Begrü-
nungsfl ächen lasse n bei geüb ten Bet racht erinne n und Bet racht ern eine A hnun g
davon a ufkommen, wie es sich wohl „an f ühl t “, s ich tatsächlich körperlic h - le ib lich
in diese r R aum situ ation wie de rzufinde n. Das Ge sehene wir d in diese m Fall i n Be-
ziehung gesetzt mit der körperlich - lei blichen Erfahrung aus der Vergangenheit
bzw. mit d er Erinnerung daran.
Für die Analyse v on Lage pl anen he ißt das, d ass die Pl ansegme nt e zwar d urch-
aus i n ihren Bedeutungsrelationen unters ucht werden können, aber nich t , um den
Bedeutu ngsgehalt des Pla ns se lbst z u erfa ssen, sonde rn v ielme hr den des Darge-
stellte n . An dieser Stell e sch eiden s ich endgültig meine Wege von denen Breckners.
Diese sch lägt für ihre vi suelle Segmentanalyse vor, das W ie der B ild wa hrn ehm un g
festzuhal ten: Was wird zuer st wahrg enommen? Was erst nach und nach? Welche
Blickbe wegu ng wird v ollzo gen? Ist s ie „wand ernd“ o der „springe nd“? Bre ckner
schl ägt vor, diese ers te Wahrnehmung des B ildes zei chnerisch g anz einfach mittels
Umkring elungen und der Nummerierung dieser Einkreisung en zu dokumentieren
(vgl. ebd .: 152). D aran s chlie ßt sich e ine Beschr eibu ng de s Wahrneh mung spro zes-
ses und der e rsten E indrüc ke , „worum e s in de m Bi ld geht “ an, und k an n sich „alle r
sprachl ichen Möglichkeiten bedienen , affektive oder gar leibliche, kognitiv e, sy n-
ästhetis che und a lle an der en Wahrnehmungsgehal te zum Ausdr uc k brin gen. “
(eb d.: 153) „Worum es in dem P lan geht“ mus s für mein Erkenntn isinteresse je-
doch nic ht er st ersc hlossen werden. Der Pla n dient in meinem Fall vor allem der
Informati onsgewinnung über den Standort und über das räumliche Gefüge rund
um das Jügelhaus. Es bedeutet fü r meine Zwecke k einen Informa tionsgewinn,

102

wenn ich mich dam it befasse , welchen tie fer liegende n Sinn es h at, d ass für b e-
stimmte B ebauungen Schraffuren verwendet werd en oder eben nicht und welche
Art Disku rs dem wohl vorausgegangen sein muss, dass es genau zu dieser Art der
Symbolis ierung gekommen ist . An die se m Punkt hat s ich f ür mi ch d ie F ra ge ge-
ste llt , wie man das auf de m Plan Dargestell te derart systematisch erfassen kann,
dass das Gesehene nicht als selbstverständl ich betrachtet und eine Art unvorein-
genomm e ne Distanz künstlich herg estellt wird, um eine Sensibilität auch für we-
niger a uffällige B esonderheiten herzustellen .
Bei Texten fu nktioniert eine Analyse der einzelnen Segmente in der Regel se-
quenti ell: Zunächst wird entsprechend der Textgestalt und der jeweiligen Frage-
stellun g der Text nach bestimmten, festgelegten Kri ter ien i n Segmente zerteilt.
Diese Segmente w erden dann nacheinander Schritt für Schritt an alysiert und zwar
in einer Weise, die die Loslösung von der T extstruktu r n icht zulässt und weder den
inneren noch den äußeren Kontext expli ziert (vgl . Reic hertz 200 3: 517): Info rma-
tionen, die erst in nachfolgenden Segmenten Erwä hnu ng finden wie auch solch e,
die au ßerhalb des Textes stehen (z.B. Hinterg rundwissen über die Entstehu ng des
Textes), dürfen bei der Deutung nicht berücksichtigt werden. Es erfolgt eine se-
quenzie lle Auf sc h ichtu ng der Bedeutungen. Bedeutungsalterna tiven werden dabei
sukzess ive au sgesch losse n (v gl. Flick 19 95). Ei n prominentes Beisp ie l für seq uen -
ziell e Auswertungsverfahren ist die objektive Herme neut ik , bei der jedoch auch
andere Varia nten der Texta usl egung Anwe ndun gen fin den (vg l. Rei cher tz 20 03:
517).
Für d ie Lage p lan - Analy se erfolgten mehrere segm e ntale D urch läufe, m it unt er-
schied liche n , d.h. v ariierend en Randbedingu ngen. Se gm ental heißt dabei, dass der
Pla n in sinnhaft abgetrenn t e Segm ente zerteilt, d ie einzel nen Segmente schritt-
weise erg änzt und die j eweilige Zusammens te llun g der Segmente deu tend be-
trachtet wurd e. Sinnhaft abgetrennte Segmente heißt: Baubl öcke, die sich in der
baul ichen Struktur sehr ähnl ich sind, b ilden d iese Segm ente . Der Grenzverl auf der
Segmen te entspricht in aller Regel den Verlau f von Str aßen un d/oder Grünanla-
gen. Di e verschiedenen Segmente habe ich nach dem Prinzip der maximalen und
der minimalen Kontras tierung schrittweise ergänzt, weiterhin gibt es zwei gr und -
sätzlich e Variat i on en bei der Zusammens tellung der Segmente: Bei einer Va riante
ste llt das Wisse nscha ftsze ntr um die „zentrale“ Sinneinheit im Mittelpunkt des
Plans dar (es i st also in der Zusamme nst ellun g immer zu sehen); in der w eiteren
Variante wi rd genau dieses Plansegment geziel t herau sgelas sen und fehlt kom-
plett. Bei der ersten Variante stand die Frage im Fokus , w elch es Um feld m an f ür
das an dieser Stell e stehende Ensemble a nnehmen , bei der zwei ten die Fr age , wel -
che Art von Gebäu de(n) man beim gegebenen baulichen Umfel d a n genau die ser
Stell e erwarten würde. Diese Frages tellungen verhinderten, das Gesehene als
selbs tverständlich Vorhandenes zu betrachten .

103

Der Analysed urch lauf a usge hend m it de m Planse gme nt „ W isse nschaft sze nt-
rum “ a ls zen traler Sinneinheit hatte zu m Ziel, einerseits Überlegungen darüber
anzus tellen, welches bauliche Umfeld „passend“ für diese Art von Gebäude erschei-
nen bzw. erwartet werden könnte und anderersei ts z u betrachten, wie sich die
baul iche Realität dazu verhält, um vorha ndene Brüche, Diskrepan zen und Auffäl-
ligke iten a ufz uspür en. Dab ei habe ic h schri ttweise Pl ansegment für Plansegment
ergänz t und für jede S equ enz mei ne Eindrücke sc hriftlich dokum e ntiert. M eine
Vorgehen sweise war hier jedoch nich t wie bei einem T ext, der die S truktur und
Reihenfolg e der Sequenzen vorgibt, von oben nach unten, oder etwa, um es auf
die Gegeben heiten eines Plans zu übertragen, von z.B . links o ben im Plan i m Uh r-
zeiger sinn Sin neinhe it für Sinne inhe it. Ich h abe vie lme hr r äumlich e Seq uenzen
unter sucht, die ich n ach den M aß g aben der minimalen und der maximalen Kon-
trastieru ng zusammengestell t habe. Das heißt, i ch habe einersei ts Sinnein he iten
mit möglichs t geringen bzw. fast gar keinen Unterschieden schrittwei se ergänzt,
und ander erse its sol che, d ie sich sehr de ut lich vone inan der unterschi eden haben.
Eine s equenzielle Vorgehensweis e, die den zeitlic hen Aspekt außenvorläs st, war
insofer n unbe denkl ich für mich, a ls d ass ich mich ni c ht für die chro nolo gische n
Abläu fe des baulichen Umfelds rund um das Wissenschaftszentrum k ümmerte,
wennglei ch diese für meine Fragestel lung sicherlich interessan te Informationen
hätten zu Tage treten l assen. Eine derartig e Analyse wäre allerd in gs mit einem
enormen zusätzlichen A uf wand v erbu nden, so d ass ich vo n der B er ücksi chtig un g
zeitli cher Abfolg e n für mei ne Planausw ertung absah. Die Betrachtun g allein räu m-
licher Sequenz en st ellte sic h für mei ne Zwec ke als ausre ichend aufsch lu ssreich
heraus.
In den Analysed urchl ä uf en ohne di e „zentrale“ S innein heit, also m it Ausl assun g
des P lansegme nts „Wisse nsc haf tszentr um“, b in ich nach dem glei chen Prinzip vor-
gega nge n, die ses Mal allerdings mit der Überlegu ng, w elche Art von Gebäud e ich
an dieser Stell e e igen tlich erwarten würde. Auch hier hatte ich ein besonderes Au-
genmerk d arauf, ob es Diskrepanzen gibt zwischen dem, was an dieser S telle vor-
gefun den werden könnte u nd dem, w as dort tatsächlich vorz ufinde n war . Da der
Lag ep lan (fast) keine In for mation en über die Gebäudenutzungen und die Gebäu-
dehöhen bein haltet, habe ich in weiteren Schritten für beide Pers pektiven der seg -
mental en Vorgehensweise (mit und ohne das Gebäudeensembl e ) außerdem über
das A dressbuc h vo n 1 908 d ie Nut zunge n, die E igent ums - und Vermietungsverhäl t-
nisse in Erf ahrun g gebr ac ht, um meine Deut un gen zu prüfen bzw. Gew issheit über
die damalig e reale Situation des baulic hen Umfelds zu e rhalten. Außerdem bekam
ich durch die zeitgenössi schen Fotografien einen Eindruck über die Art der Ge-
bäude: waren sie repräsen tativ oder eher „ein fach“, in gutem od er schlechtem bau-
lic hen Zustand, groß, klein, hoch, nied rig ?

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Why institutions use Plag.ai for originality review, entry 21

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