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MODUS-COVID Bericht vom 05.02.2021
Sebastian Alexander Müller1, William Charlton1, Natasa Djurdjevac Conrad2, Ricardo
Ewert1, Christian Rakow1, Hanna Wulkow2, Sophia Becker3, Tim Conrad2, Kai Nagel1,
Christof Schütte2
1Verkehrssystemplanung und Verkehrstelematik (“VSP”), TU Berlin
2Zuse-Inst. Berlin (“ZIB”)
3Nachhaltige Mobilität und transdisziplinäre Forschungsmethoden, TU Berlin
Available via TU Berlin repository: http://dx.doi.org/10.14279/depositonce-11376
Date of this version: 05-february-2021
This work is licensed under a Creative Commons Attribution 4.0 International License (CC BY 4.0)
https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Website: https://covid-sim.info
Bericht an das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) vom
05.02.2021:
Zusammenfassung
1) Die Mobilitätsdaten zeigen, dass die Bevölkerung im Januar die Kontaktreduzierungen
diszipliniert befolgt hat.
2) Mit dem Erreichen einer wöchentlichen Inzidenz von 50/100.000 sind leichte Lockerungen
möglich. Starke Lockerungen mit vermehrten Kontakten in Innenräumen würden zum
jetzigen Zeitpunkt sofort wieder zu einem R>1 und somit zu einem erneuten Anstieg der
Infektionszahlen führen.
3) Wegen der Natur des exponentiellen Anstiegs würde dies zunächst unproblematisch
erscheinen. Wenn wir eine Situation wie im November vermeiden wollen, darf dem nicht
nachgegeben werden; es muss politischer und gesellschaftlicher Konsens hergestellt
werden, dass R<1 politisches Ziel ist.
4) Wegen der Mutationen B117 und B1351 ist die Situation schwieriger geworden; die
Maßnahmen vom November würden nicht mehr ausreichen, um R auch nur in der Nähe
von 1 zu halten. Die Impfungen kommen nicht schnell genug, um uns in den nächsten 2-3
Monaten zu helfen.
5) Laut unseren Simulationen wäre eine vollständige Öffnung der Schulen gerade so möglich,
würde aber den gesamten Handlungsspielraum aus Punkt 2) verbrauchen, und somit u.a.
erfordern, dass die Bevölkerung die derzeitigen Einschränkungen im Freizeitbereich
beibehält. Eine Teilöffnung mit Maskenpflicht und Wechselunterricht würde hingegen
weitere Handlungsspielräume lassen.
6) Diese Spielräume könnten zur Öffnung eher unproblematischer Infektionskontexte genutzt
werden, wie Einzelhandel, Fußballstadien, Kultureinrichtungen oder Veranstaltungen im
Freien.
1
7) Die Öffnung der Innenräume von Restaurants ist auch weiterhin auf längere Sicht nicht
möglich, wenn R < 1 bleiben soll. Das liegt daran, dass hier räumliche Enge, schlechte
Lüftung, lautes Sprechen, und keine Möglichkeit zum Tragen einer Maske während des
Essens zusammenkommen. Den Restaurants sollte gleich empfohlen werden, sich auf die
Außengastronomie vorzubereiten, und es sollte ggf. ein finanzieller Ausgleich gesucht
werden. Ansonsten würde die Öffnung der Restaurants alle Öffnungen aus 6) unmöglich
machen.
8) Der Bereich Arbeit könnte u.E. nochmals weitere Beiträge zur Infektionsreduktion leisten.
Diese Beiträge umfassen eine Erhöhung des Homeofficeanteils oder Einzelbüros und das
Tragen von medizinischen Masken, wenn Einzelbüros nicht möglich sind.
Wir freuen uns, dass Prof. Sophia Becker diesmal als Gastautorin am Bericht mitgearbeitet hat,
u.a., um eine verhaltenspsychologische Perspektive einzubringen.
Derzeitige Situation
Abbildung 1: Durchschnittliche Dauer der aushäusigen Aktivitäten in Berlin; Ermittelt aus
anonymisierten Mobilfunkdaten.
Quelle:
(Senozon 2021)
Laut unseren Mobilitätsdaten (Abb. 1) hat sich die Bevölkerung seit Jahresanfang bei der
Befolgung der geltenden Einschränkungen sehr diszipliniert verhalten. Die Dauer der aushäusigen
Aktivitäten liegt zwar leicht höher als im Frühjahr 2020 (im Minimum), aber dafür wurde dieses
Niveau während des ganzen Januars durchgehalten. Diesen Zwischenerfolg gilt es zu würdigen
und den Bürger*innen von Seiten der Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik dafür Dank
auszusprechen. Eine solche Kommunikation mit den Bürger*innen stärkt die Selbstwirksamkeit der
Bürger*innen, d.h. ihre individuelle Überzeugung, durch das eigene Handeln die gewünschten
Wirkungen erreichen zu können.
Psychologisch gesehen wirkt soziale Belohnung als effektiver Verstärker für ein bestimmtes,
gewünschtes Verhalten. Lob, Dank und Anerkennung für erbrachte Leistungen führen, entgegen
allgemeinen Befürchtungen, nicht dazu, dass die Menschen nachlässiger oder weniger diszipliniert
werden. Dabei ist es wichtig, das Lob kommunikativ so zu rahmen (“framen”), dass der individuelle
Beitrag für das größere, gemeinwohlorientierte Ziel gewürdigt wird. Es sollte dabei betont werden,
2
März - Mai 2020
November 2020 - Januar
2021
dass es ein wichtiger Zwischenerfolg ist und es noch eine weitere Strecke zu gehen gilt, bis das
Ziel vollständig erreicht sein wird. Hierbei muss auch klar benannt werden, welche
gesellschaftlichen Werte mit dem Ziel verbunden sind, allen voran der Schutz der menschlichen
Gesundheit, und wie die Zielerreichung genau definiert ist. So ein Ziel könnte beispielsweise sein,
die bisher immer wieder genannte maximale (bundesweite) 7-Tage-Inzidenz von 50 pro 100.000
Einwohner*innen zu erreichen und nicht wieder zu überschreiten.
Kernbotschaft: Die Bevölkerung hält sich an die Einschränkungen. Dies sollte als wichtiger
Zwischenerfolg gewürdigt werden.
Vorüberlegungen zur Priorisierung von Maßnahmen
Wir brauchen ein besseres Maßnahmenpaket als im November
Alle unsere Simulationen und die Erfahrungen aus den letzten Monaten in Deutschland und
anderen Ländern zeigen eines ganz deutlich: wenn Mitte Februar alle Einschränkungen vollständig
aufgehoben würden, dann würden die Infektionszahlen sofort wieder exponentiell ansteigen. Wie
im letzten Herbst würde dies zunächst langsam passieren und sich dann immer weiter
beschleunigen. Aus unserer Sicht sollte dies unbedingt vermieden werden.
Eine andere (extreme) Möglichkeit, weiter zu verfahren wäre, die geltenden Restriktionen über die
nächsten Monate unverändert bestehen zu lassen. Auch dies scheint keine wirklich
wünschenswerte Option, alleine schon wegen der unten angesprochenen großen (Folge-)Schäden
im Bildungsbereich (vgl. Abschnitt Bildungssektor).
Es muss also eine Lösung angestrebt werden, die eine teilweise Lockerung der aktuellen
Restriktionen zulässt und gleichzeitig die täglichen Fallzahlen nachhaltig reduziert was
bekanntermaßen bei einer Reinfektionsrate (R) unterhalb 1 eintritt. Dabei sollte man sich in
Erinnerung rufen, dass die Maßnahmen im November zu einem R oberhalb 1 geführt haben und
wir mittlerweile mindestens zwei neue Virusmutationen im Land haben (B117 und B1351), die sich
zunehmend ausbreiten und deutlich ansteckender sind als die derzeit dominante Virusvariante. Die
ab 15. Februar 2021 gültigen Maßnahmen müssen also wirksamer sein als die vom November.
Kernbotschaft: Keinesfalls sollten alle Sektoren schlagartig geöffnet werden, da dies zu
einer dritten Welle führen würde.
Bildungssektor
Seit dem Ausbruch der Pandemie haben die strengen Restriktionsmaßnahmen im Bereich Bildung
und Erziehung einen erheblichen Beitrag zur Eindämmung des Infektionsgeschehens geleistet.
Dies ist jedoch mit erheblichen Nebenwirkungen und Folgeschäden für die Betroffenen, d.h.
Kinder, Jugendliche, Eltern und Bildungsfachkräfte, einhergegangen. Die psychosozialen
Belastungen der Betroffenen und die langfristigen Bildungseinbußen sind enorm . So zeigt
1
beispielsweise eine aktuelle Befragung von 22.000 Eltern in NRW (4.2.2021), dass ein Viertel der
Schüler*innen seltener als 1 Mal pro Woche oder gar keinen Kontakt mit einer Lehrkraft hat .
2
1Zur psychosozialen Belastung von Kindern durch Schulschließungen, insbesondere bei niedrigem
Haushaltseinkommen basierend auf einer Befragung im April/Mai 2020 von 12.628 Eltern (vgl. Deutsches
Jugendinstitut 2020); zur Mehrbelastung insbesondere von Frauen (vgl. Bertelsmann Stiftung 2020); zur
pandemiebedingten Arbeitsüberlastung der Lehrkräfte (vgl. Hansen, Klusmann, and Hanewinkel 2020)
2(Vgl. Dachverband der Stadt- und Kreisschulpflegschaften 2021, S. 6) Da die Stichprobe nicht repräsentativ
ist, muss davon ausgegangen werden, dass diese Zahl eher noch eine optimistische Schätzung ist.
3
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Deshalb sollten sich weitere Restriktionsmaßnahmen stärker auf andere Bereiche des
Infektionsgeschehens konzentrieren. Im Bereich des Arbeitsschutzes ist u. E. der existierende
Handlungsspielraum bisher eher zögerlich und unvollständig genutzt worden. Wenn in diesem
Bereich durch regulatorische und/oder kommunikative Maßnahmen das Infektionsgeschehen
wirkungsvoller reduziert werden könnte, würde dies die Voraussetzung für eine zeitnahe,
schrittweise und möglichst weitgehende Öffnung der Schulen und Kitas schaffen. Dies wäre
unbedingt erforderlich, um noch tiefgreifendere Folgeschäden im Bildungsbereich zu verhindern.
Kernbotschaft: Der Bildungssektor hat einen sehr großen Beitrag zur Pandemiebekämpfung
geleistet. Es sollte begrenzte Lockerungen geben, um weitere Schäden im Bildungssektor
zu verhindern.
Maßnahmen über die Sektoren hinweg konsistenter gestalten
Arbeiten in Großraumbüros mit 10 m2pro Person ist derzeit ohne Maske erlaubt und findet, soweit
wir dies trotz schwieriger Informationslage beurteilen können, auch weiterhin statt; über
Schulöffnungen mit 2 m2pro Person ohne Masken wird nachgedacht. Wir finden es
nachvollziehbar, dass dann Teile der Bevölkerung nicht mehr nachvollziehen können, warum sie
unter diesen Voraussetzungen z.B. auf gegenseitige Besuche verzichten sollen. Derartige
Verzerrungen sollten abgebaut werden.
Kernbotschaft: Um eine hohe Akzeptanz der Maßnahmen zu erreichen, sollten die
Maßnahmen über alle Sektoren hinweg konsistenter als bisher gestaltet werden.
Bei den Öffnungen auf unproblematische Bereiche konzentrieren
Die Infektionsdynamik stark antreibend sind laut unseren Modellen insbesondere Aktivitäten in
Innenräumen ohne Maske, evtl. verstärkt durch schlechte Lüftung und lautes Reden/Singen (siehe
auch nächster Abschnitt). Diese Bereiche sollten weiterhin stark eingeschränkt bleiben, nur sehr
vorsichtig geöffnet werden, oder könnten ggf. größere Beiträge als bisher leisten (siehe nächsten
Abschnitt). Andererseits gibt es viele Bereiche, die deutlich unproblematischer sind, z.B. viele
Aktivitäten im Freien (Außengastronomie, Sport, Fußballstadien, Veranstaltungen im Freien) oder
Aktivitäten, die in Räumen mit großem Luftvolumen pro Person und Maskenpflicht stattfinden
(bspw. in Museen oder Hörsälen, jeweils mit angepasster Personendichte). Öffnungen sollten sich
auf diese Bereiche konzentrieren, da hier viel erlaubt werden kann, bei gleichzeitig geringen
Auswirkungen auf die Infektionsdynamik.
Kernbotschaft: Wir sollten uns nicht die Möglichkeit, die weniger unproblematischen
Bereiche zu öffnen, dadurch verbauen, dass wir die problematischen Bereiche vorher
öffnen.
Durchgehendes Tragen von medizinischen Masken in Innenräumen
Nach dem oben gesagten sind mehrere Personen in Innenräumen ohne Maske problematisch.
Es gibt diesbezüglich zahlreiche “Aerosol-Rechner” , mit denen man sich selbst ein Bild machen
3
kann. Zu diesen Aktivitäten gehören vor allem Restaurants, private Besuche, Schulen (ohne
Maske und ohne Wechselunterricht) und Arbeit (ausgenommen Einzelbüros).
3
https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2020-11/coronavirus-aerosole-ansteckungsgefahr-infektion-hotspot-in
nenraeume
https://www.mpic.de/4747361/risk-calculator
4
Plexiglas-Trennscheiben helfen kaum, da die Aerosole wg. der Körperwärme zunächst zur Decke
wandern, und sich dann gleichmäßig verteilen; die gleichmäßige Verteilung dauert weniger als 5
Minuten, kann also sozusagen als instantan angesehen werden. Wie oben gesagt, sind dies laut
unseren Simulationen die Kontexte, die bei allen Aktivitätentypen praktisch alle Infektionen
erzeugen.
Andererseits können diese Kontexte durch durchgehendes Tragen medizinischer Masken im
Hinblick auf die Infektionsdynamik weitgehend entschärft werden. Wir finden es daher
unverständlich, dass das durchgehende Tragen medizinischer Masken in Innenräumen nicht
angeordnet, oder ersatzweise wenigstens sehr dringend empfohlen wird.
Kernbotschaft: Sobald zwei oder mehr Personen in Innenräumen zusammenkommen,
sollten durchgehend medizinische Masken getragen werden.
Beitrag einzelner Aktivitätentypen zur Reinfektionsrate
Im Folgenden werden wir darlegen, welcher “Maßnahmen-Mix” gewählt werden könnte, um laut
unseren Simulationen insgesamt eine Reinfektionsrate (R) von unter 1 zu erreichen. Dazu nutzen
wir unsere über die letzten Monate aufgebauten Erkenntnisse über die Beiträge von einzelnen
Aktivitätstypen am Gesamt-R (vgl. Müller et al. 2021). Das bedeutet, wir können aufgrund unseres
aufgebauten Modells und der darauf basierenden Simulationen mittlerweile gut abschätzen,
welchen Anteil eine bestimmte Aktivität am gesamten Infektionsgeschehen (im Sinne von R) hat.
Aktivitäten in diesem Sinne sind etwa “Zuhause bleiben”, “Arbeiten gehen” (mit Maske oder ohne)
oder “im Restaurant essen gehen”. Das Ziel ist also, diese Aktivitäten so zu steuern, dass sie
insgesamt einen Wert von unter 1 ergeben.
Unter Berücksichtigung der aktuell bekannten Ausbreitung der neuen Virusmutanten B117/B1351
erhalten wir aus unserem Modell folgende Beiträge zu R in einem Regime weitgehend ohne
Restriktionen - aufgeschlüsselt nach Aktivitätstypen (eine ausführlichere Darstellung findet sich in
der Tabelle 1 im Anhang):
Aufenthalt zu Hause: 0,5
4
Zur Arbeit gehen: 0,2
Zur Schule gehen: 0,2
Freizeitaktivitäten: 0,9
5
Andere Bereiche: 0,1
6
Summe: 1,9
Würden alle diese Aktivitäten ohne Einschränkungen von einem Großteil der Bevölkerung
durchgeführt werden, würde sich ein R-Wert von 1,9 ergeben. Dies würde ein exponentielles
Wachstum der Fallzahlen nach sich ziehen.
Während der wärmeren Jahreszeit, zu erwarten ab Mai, senkt sich wegen der Verlagerung von
Aktivitäten nach draußen laut unserem Modell der Beitrag der Freizeitaktivitäten von 0,9 auf 0,2.
Offensichtlich reicht dies aber nicht aus, da der R-Wert auch dann immer noch über 1 liegt. Der
4 Ansteckungen innerhalb der Familie oder der Wohngemeinschaft
5Hier sind derzeit (Winter!) Aktivitäten in Innenräumen gemeint, z.B. Restaurantbesuche, die alleine einen
Beitrag von 0,45 haben
6 Z.B Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel und Einzelhandel
5
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