Nicola Enders
Dr. med.
Vergleich von Paaren mit idiopathischer Sterilität und Paaren mit organischer
Sterilitätsursache in den Bereichen belastende Lebensereignisse,
Lebenszufriedenheit, Beschwerden, Kinderwunschmotivation und Paarbeziehung.
Geboren am 23.10.1972 in Osnabrück
Reifeprüfung am 18.05.1992 in Osnabrück
Studiengang der Fachrichtung Medizin vom WS 1992 bis SS 1999
Physikum am 15.09.1994 an der Universität zu Lübeck
Klinisches Studium an der Universität Heidelberg
Praktisches Jahr am Städt. Klinikum Pforzheim
Staatsexamen am 10.05.1999 an der Universität Heidelberg
Promotionsfach: Frauenheilkunde
Doktormutter: Frau Prof. Dr. med. I. Gerhard
In der vorherrschenden Literatur läßt sich immer wieder die These finden, daß
idiopathisch sterile Paare sich von normal fertilen Paaren oder Paaren mit bekannter
organischer Sterilitätsursache in bestimmten psychologischen Merkmalen
unterscheiden. Besonders den Frauen werden in den Bereichen
Kinderwunschmotivation, Lebenszufriedenheit und Paarbeziehung von einigen Autoren
Auffälligkeiten zugeschrieben.
In unserer Studie, die Teil eines deutschen vom BMBF geförderten Verbundprojekts
war, sollten die fünf Bereiche belastende Lebensereignisse, Lebenszufriedenheit,
Beschwerden, Kinderwunschmotivation und Paarbeziehung zwischen den Paaren mit
organischer Sterilitätsursache und den Paaren mit idiopathischer Sterilität verglichen
werden. Uns interessierte dabei besonders, ob die idiopathisch sterilen Paare auf einem
dieser Gebiete Auffälligkeiten aufwiesen.
Unsere Stichprobe bestand aus 133 idiopathisch sterilen Paaren und 365 Paaren mit
organischem Befund, die sich zwischen Mai 1994 und November 1996 wegen eines
bisher unerfüllten Kinderwunsches an der Universitätsfrauenklinik vorgestellt hatten.
Als Erhebungsinstrumente wurden Fragebögen verwendet und zum Vergleich das
Interview-Rating herangezogen.
Bei der Untersuchung belastender Lebensereignisse in der Kindheit oder aktuell gaben
die Frauen der idiopathisch sterilen Paare signifikant häufiger belastende Ereignisse in
der Kindheit an als die Frauen der organisch sterilen Paare. Die Aufteilung der
organisch sterilen Paare in die verschiedenen medizinischen Ursachengruppen lieferte
ein ähnliches Ergebnis. Bei der Aufschlüsselung der Einzelereignisse zeigte sich dieser
Unterschied in der Kategorie „Traumatisierung durch Krankenhausaufenthalte“.
Die Männer der beiden Vergleichsgruppen unterschieden sich nicht bezüglich aktueller
oder früherer belastender Lebensereignisse.
Bei Frauen und Männern, die ein belastendes Ereignis hinter sich hatten, war außerdem
die Akzeptanz einer psychologischen Paarberatung signifikant größer.
Die beiden Paargruppen unterschieden sich nicht in ihrer Lebenszufriedenheit und fielen
beim Vergleich mit einer Normierungsstichprobe dadurch auf, daß sie in allen
untersuchten Bereichen zufriedener waren. Auch bezüglich psychischer und
gesundheitlicher Beschwerden konnten keine auffälligen Unterschiede zwischen
idiopathisch und organisch sterilen Paaren festgestellt werden. Es gab jedoch in beiden
Gruppen Abweichungen von der Normierungsstichprobe, die bei den Frauen beider
Gruppen durch eine höhere Depressivität und Ängstlichkeit gekennzeichnet war.
Bei der Bewertung ihrer Partnerschaft zeigte sich, daß die Männer der idiopathisch
sterilen Paare signifikant unzufriedener mit der Zärtlichkeit in ihrer Partnerschaft waren
als die Männer der Vergleichsgruppe. Zusätzlich waren die Männer beider Gruppen
signifikant unzufriedener mit der Zärtlichkeit und dem Streitverhalten in ihrer
Partnerschaft als die Normierungsstichprobe. Die Frauen unterschieden sich
untereinander nicht in der Bewertung ihrer Partnerschaft, sie waren jedoch mit der
Gemeinsamkeit in ihrer Partnerschaft unzufriedener als die Normierungsstichprobe.
Die Kinderwunschmotivation der beiden Vergleichsgruppen unterschied sich lediglich
darin, daß die Frauen mit idiopathischer Sterilität ihr Wunschkind weniger als
Selbstaufwertung der eigenen Person betrachteten als die Frauen der Paare mit
organischer Sterilität. In der Kinderwunschstärke oder einer möglichen Ambivalenz
innerhalb des Kinderwunsches unterschieden sich die beiden Paargruppen nicht.
Die Akzeptanz einzelner Therapieformen wurde von den Paaren unterschiedlich
gewichtet. So äußerten sich die Frauen der Paare mit organischer Sterilität signifikant
positiver gegenüber der In-vitro-Fertilisation, während die Frauen der Vergleichsgruppe
eher Paarberatung und Naturheilverfahren befürworteten. Die Männer der idiopathisch
sterilen Paare waren signifikant positiver gegenüber Paarberatung, Paartherapie und
Adoption eingestellt als die Männer der Paare mit organischer Sterilität.
Hinsichtlich eines spezifischen Paartyps unterschieden sich in unserer Studie die
idiopathisch sterilen nicht von den organisch sterilen Paaren.
Der Einfluß psychischer Faktoren bei idiopathisch sterilen Paaren auf ihre
Fertilitätsstörung konnte in dieser Studie aufgrund des Designs nicht geklärt werden.
Die Ergebnisse unserer Studie wiesen insgesamt jedoch auf eine weitgehende
Unauffälligkeit der Paare mit idiopathischer Sterilität aus psychologischer Sicht hin, so
daß die in der vorhandenen Literatur teilweise anzutreffende Psychopathologisierung
dieser Paare deutlich zurückgenommen werden muß.