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Terminologijos istorijos ir dabarties problemos

Jonas Klimavičius

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REZENSIONEN, BESPRECHUNGEN, INFORMATIONEN, BIBLIOGRAFIE PROBLEME DER GESCHICHTE UND GEGENWART DER TERMINOLOGIE Zum Gedenken an Kazimieras Gaivenis Vilnius: Lietuvių kalbos instituto leidykla, 2004, 380 p. Das umfangreiche Terminologiebuch empfängt einen mit einem seriösen, zugleich aber auch stimmungsvollen und keineswegs langweiligen Gewand (Künstler Alfonsas Žvilius) und einem sorgfältigen Layout (Neda Marcinkienė und Audronė Stanislovaitienė) – im wissenschaftlichen Verlagswesen unterscheidet sich der Verlag des Instituts für Litauische Sprache durch ein eigenes Gesicht, dem ein geisteswissenschaftlicher Geist anzumerken ist. Widerspiegelungen dieses Geistes schimmern auch unter dem Gewand, vor allem im Teil I – gleichsam aus gealtertem Papier – Kazimieras Gaivenis – Mensch und Wissenschaftler (13–82). Den Anlass dazu gab die Feier zum 70. Geburtstag des Sprachwissenschaftlers und Terminologen (1934–2003). Der Teil in memoriam beginnt mit den Erinnerungen der Sprachwissenschaftlerin Jolanta Gaivenytė-Butler, die auf Erzählungen und Aufzeichnungen ihres Vaters beruhen – über die Heimat im Dorf Stūčiai am Nordufer des Tauragnas, die Familiengeschichte, die Kindheit und die Schulzeit. Ergänzt werden sie durch Fotos des Elternhauses, der Eltern, des kleinen Kaziukas mit seiner noch kleineren Schwester und des tüchtigen Siebtklässlers. Im Folgenden wechseln sich, leider keiner chronologischen Ordnung, sondern dem Alphabet folgend, Erinnerungen von Studienfreundinnen und Kollegen ab; den Abschluss bilden Auszüge aus dem Tagebuch eines Klassenkameraden (1953) und aus K. Gaivenis’ Briefen an ihn (1954–1959). Die Beiträge der Kollegen und Weggefährten in der Terminologie sind recht unterschiedlich – hier findet sich sowohl ein beinahe artikelartiger Rückblick auf die Tätigkeit mit Porträtzügen als auch ein beinahe offizieller Bericht über die Zusammenarbeit, aufgewertet durch Floskeln wie eine tiefe Furche in den Äckern (26), ein bedeutender Beitrag (32), Lichtstrahlen (32) und Ähnlichem; daneben werden verständnisvoll Fakten gemeinsamer terminologischer Arbeit dargestellt (manches bereits in Vergessenheit geraten, überraschend wieder lebendig geworden), und es klingt die schöne jugendliche Bewunderung für einen Älteren, einen Vorgesetzten, für seine Hingabe an die Wissenschaft, seine wissenschaftliche Bescheidenheit und Menschlichkeit an. Der Rezensent, der lediglich gebeten worden war, ein wenig zu erzählen, staunte später, dass aus der Aufzeichnung der mündlich erzählten Erinnerungen und Eindrücke ein Text entstehen sollte – zum Reden war ich bereit, sie in Buchform zu bringen, schien unmöglich; doch bitte ich die Liebhaber redigierter Erinnerungen um Entschuldigung … Die Erinnerungen von K. Gaivenis’ Kommilitonen wärmen mit den noch immer glühenden Kohlen einer fernen Jugendzeit. Dank an Jonas Ivonis, Romualdas Šimkūnas, Rytis Trimonis; Stasys Keinys, Palmira Zemlevičiūtė; Kostas Ušpalis, Adelė Trečiokaitė, Nijolė Dudlauskienė. Unklar bleibt nur, warum in einem Text ohne jeden redaktionellen Hinweis palutarka, kalnierius, galuląškis (Bettende), pagulonė, vandravoti, skaitliukas (45–46) stehen geblieben sind. 151 Der wissenschaftliche Teil Forschungen zur Geschichte und Gegenwart der Terminologie beginnt mit der Veröffentlichung des Kapitels Zusammengesetzte Termini in der heutigen litauischen Sprache (1969) aus Kazimieras Gaivenis’ Dissertation, Darstellung und Erläuterung zusammengesetzter Termini in terminologischen Wörterbüchern (85–115), mit englischer Zusammenfassung (116–117). Die Daten stammen aus 17 Wörterbüchern (1954–1966); doch zeigt Kapitel 1 Kurze Charakteristik litauischer Terminologiewörterbücher (85–89), dass der Autor auch mit der früheren litauischen und ausländischen Terminografie vertraut war (in den Worten des Autors: Lexikografie der Terminologiewörterbücher). Kapitel 2 ist der Struktur der Wörterbucheinträge und der Auswahl der Termini gewidmet. Am wenigsten vom Zahn der Zeit berührt ist zweifellos Kapitel 3, Erläuterung zusammengesetzter Termini in litauischen Terminologiewörterbüchern (101–113). Bis heute hat sich kein litauischer Sprachwissenschaftler so eingehend wie K. Gaivenis mit den logischen Fragen der Terminologie und insbesondere mit Definitionen befasst. Erörtert werden dynamische, reale, vollständige, nominale, synonymische, aufzählende, vergleichende oder Null-, unvollständige, Verweis- und lexikografische Definitionen; auch enzyklopädische Definitionen werden erwähnt. Heute werden sie in der Terminologie übrigens Definitionen genannt; daneben besteht jedoch weiterhin die systematische (philologische) Erläuterung, vgl. Erklärungswörterbuch (auch für Termini). Interessant und bedeutsam ist auch, dass K. Gaivenis damals den Terminus terminisch (und nicht terminologisch) Bedeutung verwendete (101–104, 107), ebenso wie terminischer Begriff (105, 107), obwohl bedauerlicherweise auch terminologisches System (107) vorkommt. Die Veröffentlichung von K. Gaivenis’ Dissertation könnte heutigen Promovierenden der Terminologie durchaus als Orientierung und Maßstab dienen und übertrifft mit Sicherheit nicht nur einen der Beiträge dieser Sammlung. Von den 22 Beiträgen des Buches beruhen 18 auf den Vorträgen, die auf der internationalen wissenschaftlichen Konferenz von 2003 Terminologie zu Beginn des dritten Jahrtausends gehalten wurden (Thesen der Vorträge, 2003, 72 S.); es waren insgesamt 22 Vorträge. Vier Beiträge wurden eigens für den Sammelband verfasst. Hier sollte auch ein Fall erwähnt werden, den man künftig vermeiden sollte: Abgesehen von der Auflage und der im Buch enthaltenen litauischen Zusammenfassung ist der Beitrag von Juris Borzovs und Ilze Ilziņa Zu den Herausforderungen bei der Bildung von Termini für Informations- und Kommunikationstechnologien About the Challenges of Coining ICT Terms (150–157) mit dem Text der Thesen (14–20) völlig identisch. Das mindert keineswegs den Wert des Textes selbst, der auch für die litauische Terminologie eine besonders wertvolle Warnung enthält: „<…> englische Termini sind nicht immer klar vom Fachjargon abgegrenzt; nach den Anforderungen an lettische Termini gilt dies jedoch als Mangel“ (157). Nicht nur in diesem, sondern auch in manchem anderen Vortrag fiel Arnold Toynbees Wort challenge – Herausforderung, meist jedoch im abstrakten Plural. Das mag zum Beginn des Jahrtausends gepasst haben; doch drei von tausend sind noch ein sehr bescheidener Anfang, und schließlich zählt vor allem jede konkrete Antwort. 152 Auch für die litauische Sprachwissenschaft ist der Artikel von Valentina Skujiņa Динамика семантики заимствований в условиях многонациональных контактов современной терминологии (mit litauischen und englischen Zusammenfassungen) von Bedeutung. Die semantischen Widersprüche internationaler Wörter, weshalb sie nicht selten als Nutzer in die Irre führende Wörter bezeichnet werden – engl. false friend (oder franz. faux amis du traducteur, dt. irreführende Fremdwörter), lassen sich keineswegs vermeiden, und die immer neuen semantischen Verschiebungen erfordern fortlaufend sehr präzise Bewertungen. Im Artikel von Iveta Putelė Некоторые особенности образования названий профессий в современном латышском языке (Kai kurie dabartinės latvių kalbos profesijų pavadinimų darybos bruožai) geht es sowohl um Entlehnungen als auch um ihre Internationalisierung und – am wenigsten – um lettische Entsprechungen, aber gerade nicht um deren Bildung. Auf Litauisch müsste es hier also nicht profesijų pavadinimų daryba heißen, nicht einmal darymas, sondern kūrimas (schließlich heißt es auch auf Englisch name building und nicht word-formation). In der Sprachwissenschaft wird die Terminologie (wenn sie linguistisch ist) oft als etwas sehr Eigenständiges betrachtet. Der lettische Linguist Ojāras Busas versucht in seinem Artikel Termini un onīmi: dažas kopīgas iezīmes (Termini ir tikriniai vardai: kai kurie bendri bruožai), Ähnlichkeiten zwischen Termini und Eigennamen (Onymen) zu finden, ohne dabei die von den meisten Onomastikern (und vielleicht auch Semasiologen allgemein) vertretene Auffassung zu berücksichtigen, dass Namen keine lexikalische Bedeutung haben. Die estnische Terminologie ist in dem Sammelband nur durch Maire Raadik mit dem Artikel Research of the Situation in the Spheres of Estonian Language Usage as a Means for Mapping the LSP Landscape (Estų kalbos vartosenos sričių situacijos tyrimas kaip specialiosios kalbos būklės nustatymo priemonė) vertreten. Situationsanalysen und die Entwicklungsstrategie der estnischen Sprache für die Jahre 2004–2010 – Ziele, Faktoren, Einflüsse, Ziele der Fachsprachenplanung und: „Die Untersuchung des Zustands der Fachsprache sollte zeigen, wie dieses Ziel erreicht werden kann“ (293)!.. Wenn zwischen einem sehr lange formulierten Ziel und seiner Verwirklichung auch noch eine Untersuchung darüber eingeschoben wird, wie es zu erreichen ist, rückt dann das Ziel nicht noch weiter in die Ferne? Der litauischen Terminologie sind 17 Artikel gewidmet. Natürlich verringert Reginos Kvašytės Thema Apie lietuvių ir latvių stilistikos terminiją diese Zahl rechnerisch um 0,5, erhöht jedoch gerade dadurch den Wert des Artikels. Eine präzise Bewertung könnte hier allerdings nur Kazimieras Župerka abgeben – einer der Begründer und Normierer der litauischen Stilistikterminologie sowie Urheber der Idee einer kontrastiven Stilistik der litauischen und lettischen Sprache. Die litauischen Terminologen decken in dem Buch recht weitläufige und vielfältige Bereiche ihres Fachgebiets ab. Als grundlegend oder programmatisch könnte man den umfangreichen Artikel von Stasys Keinys Terminologijos raida, būklė, vaidmuo ir uždaviniai į XXI amžių įžengus. bezeichnen. Der Autor 153 lässt das Jahrtausend beiseite (er erwähnt nur die Jahrtausendwende), dekliniert die Herausforderungen nicht durch. Vielleicht überhöht er manches etwas unverhältnismäßig, doch die wesentlichen Dinge – übrigens schon aus dem 20. Jahrhundert – bleiben an ihrem Platz: Die Terminologie ist stark gewachsen, ihr Gebrauch hat sich sehr verbreitet, und Termini bewegen sich aus den Randbereichen des Sprach- (oder vielleicht Wortschatz-?)systems auf dessen Zentrum zu (allerdings natürlich nicht die gesamte Terminologie, sondern ihr Kern). Der Schlusssatz – „es bleibt zu glauben“ und „muss bewahren“ (237) – erhält unter den gegenwärtigen Bedingungen natürlich eine recht enge und sehr ernüchternde Konkretisierung: „den Terminologen bleibt nur, an sich selbst zu glauben“ und „die Sprachwissenschaftler müssen allein bewahren“. Wenn sich diese völlig unnormale Lage nicht sehr bald ändert, könnte das dritte Jahrtausend für den „litauischen Geist der litauischen Sprache“ innerhalb von zwei oder drei Generationen unwiederbringlich zu Ende gehen. Eine Halbsprache mag bleiben, aber sie ist für ein halbes Volk … Als zweiten umfangreichen und bedeutenden Beitrag, der jedoch eine andere Richtung einschlägt – die Geschichte der litauischen Terminologie –, wäre Albina Auksoriūtės Artikel Neaiškios darybos L. Ivinskio Prigimttumenės naujazodžiai hervorzuheben. Es handelt sich um Neologismen, die nicht als eindeutig gebildete Wörter gelten können (im Grunde sind sie doch geschaffen worden, doch sowohl die Wortbildung als auch die Wortgebilde sind unklar), da eindeutige formale Wortbildungsmerkmale – ein Grundwort, eine Motivationsbeziehung – fehlen, obwohl sich manche Endungen wiederholen und sich auch ein unklarer, unverständlicher Wortstamm erahnen lässt, zum Beispiel: bandonis, drūžmas, griedmas, gryntas, krūmlys, lemėtras, lūšvis, svirpstas, skamotis, sunkris, vaiklas, žyblonis. Die bekannte Formulierung der Autorin, „nicht gebildet, sondern einfach erfunden“ (148), wird sich noch bewähren müssen; doch jeder mögliche Prüfer wird sich mit diesem Artikel gründlich auseinandersetzen müssen. Als dritten Beitrag sollte man den Artikel der jungen Terminologin Irma Zeller Terminų atpažinimo tekstyne galimybės ir ypatumai. hervorheben. Auch der Artikel selbst weist Besonderheiten auf. Die erste ist die große Diskrepanz zu den theoretischen (?) Voraussetzungen des Vortrags. Der Vortrag begann folgendermaßen: „An der Jahrtausendwende befindet sich die Terminologie in einer Sackgasse: Einerseits macht der gewaltige Zustrom neuer Termini es mit herkömmlichen Methoden unmöglich, dieses wissenschaftliche Objekt vollständig zu erfassen und zu normieren; andererseits eilt der tatsächliche Sprachgebrauch angesichts des sich beschleunigenden wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Lebens sowie des intensiven Wissenstransfers den vorhandenen Terminlisten voraus. Daher ist in der Terminologie nicht die Schaffung von Termini, sondern deren Gebrauch wichtig geworden.“ Die Verlagerung der Aufmerksamkeit von der Schaffung von Termini auf den Gebrauch bereits geschaffener Termini verändert die terminologische Arbeit grundlegend, denn sowohl die Quellen als auch die Methoden der Terminologie ändern sich. Zur wichtigsten Quelle der Terminologie werden umfangreiche elektronische Textsammlungen – Textkorpora“ (Thesen der Vorträge, 58). Hier wurde also … die Katastrophe der Terminologie festgestellt – eine Sackgasse, Normierung unmöglich, selbst die Schaffung von Termini unwichtig (vielleicht nicht einmal nötig); und wenn das Wichtigste 154 Wenn es um den Gebrauch geht, ist also die wichtigste Figur der Terminologie nicht der Schöpfer des Fachwortschatzes und nicht dessen Forscher, sondern … der Nutzer? Doch der Vortrag stammte von einer Nutzerin – oder doch von einer Doktorandin? Im Artikel ist dies entweder beseitigt oder abgeschwächt, aber es bleibt: „Der tatsächliche Gebrauch eines Terminus entspricht also häufig nicht seiner Definition, im weiteren Sinne nicht der Norm“ (314). Doch nun wird deutlich, was unausgesprochen bleibt: Das Subjekt des königlichen Gebrauchs ist kein Fachmann auf irgendeinem Gebiet, der zugleich mit seinem Fachgebiet auch dessen Terminologie kennt. Das Fachgebiet kommt auch ohne diesen Transfer aus. „Die plötzliche Übertragung von Termini auf andere Bereiche und ihre Verwendung in unterschiedlichen fachsprachlichen Kontexten mit verschiedenen Bedeutungen“ ist kein „altes terminologisches Problem“ (314). Termini werden seit Langem übertragen – aus der Mathematik in die Physik, aus der Chemie in die Technik, aus der Biologie in die Landwirtschaft, die Lebensmitteltechnologie und so weiter – nicht ohne Probleme, aber ohne tragische Grimassen und ohne automatische Werkzeuge zur Terminerkennung. Das (durchaus reale) Problem der Autorin wird durch andere terminologische Vorgänge der neuen Zeit verursacht, jedoch nicht durch die Bildung, sondern durch den Gebrauch: durch den breiten und raschen Zustrom von Terminologien verschiedener Wissenschaften (in ihren Worten: ihre Übertragung) in das Leben – in die Wirtschaft, die Politik, das Recht – und ihre Übersetzung. Im jeweiligen Fachgebiet ändert sich die Terminologie nicht; die Termini werden nicht von ihren hauptsächlichen Nutzern geändert, sondern von diesen sekundären Nutzern, etwa den Verfassern und Übersetzern von Rechtsakten, für die diese Terminologie terra incognita ist. Fachleute werden nicht hinzugezogen, Terminologiewörterbücher nicht konsultiert. Die Ergebnisse kennen wir nur zu gut! … Und haben sie korrigiert. Wer Termini ohne Maschine nicht erkennen kann – im Text, weil er ihn nicht durchdringt –, versucht, sie erkennen zu lassen … noch einfacher: Man erstellt ein Korpus, entwickelt irgendein Terminologieerkennungsprogramm, verunglimpft die „traditionelle Terminologie“, kehrt aber … zu ihr zurück – „im Vergleich mit vorhandenen Wörterbüchern, Terminologiedatenbanken oder Daten aus anderen Sprachen“ (326). Hier haben wir es nicht mit einer Verehrerin zu tun, verehrte Dame, sondern mit einer kompetenten Entscheiderin! Und womit wollen Sie vergleichen, wenn es für ein bestimmtes Gebiet noch kein Terminologiewörterbuch gibt (nicht einmal in einer anderen Sprache)? Der Schlussfolgerung kann man keineswegs zustimmen: „<…> Der Prozess der Terminologienormung, -bestätigung oder einfach der Anerkennung sollte mit der Untersuchung eines <…> Korpus mithilfe moderner (halb-)automatischer Verfahren beginnen“ (328). Was des Jupiter ist, überlasst dem Jupiter – konzentrieren Sie sich auf „2) den Bereich des Übersetzens, 3) die Informationssuche in elektronischen Texten“, nicht aber auf „1) die praktische und theoretische Terminologie“ (316). Steigen wir aus den Himmeln herab auf die Erde und sehen wir uns konkretere Untersuchungen an. Nicht wenige davon stammen aus dem Bereich der Terminologiegeschichte. Angelė Kaulakienės Artikel Faktoren für die Durchsetzung physikalischer Termini ist nicht ohne das Streben nach Modernität verfasst: Den Einfluss der Anzahl synonymischer und variantischer Formen auf die Dauer dieser Durchsetzung bringt die Autorin sogar in einer Formel zum Ausdruck. Die Faktoren selbst – linguistische (Korrektheit, Präzision, Klarheit), interlinguistische und extralinguistische – werden jedoch lediglich aufgezählt und nicht untersucht. 155 Aus demselben Bereich stammt Palmyra Zemlevičiūtės umfangreicher Artikel „Medizinische Termini in „Der Hausarzt““ sowie Roberto Gedrimos Zusammengesetzte Namen von Blütenpflanzen in Jurgis Ambraziejus Pabrėžas Werk „Tayslos augumyynis“ (nur ist unklar, warum die bei Pabrėža verwendeten und auch heute noch gebräuchlichen Termini als gegenwärtig bezeichnet werden). Gita Kazlauskaitės kurzer Artikel Merkmale der Antonymie bei phonetischen Termini. erweitert die thematische Vielfalt der Forschung in diesem Bereich. Im Artikel von Genovaitė Irtmonienė und Albina Pribušauskaitė Tendenzen der Bildung von Sporttermini und Probleme ihres Gebrauchs werden historische Aspekte lediglich erwähnt; die gesamte Analyse stützt sich auf die Daten und Fragestellungen des Sportterminologiewörterbuchs (1996 und 2002). Hier gibt es auch eine echte Neuheit – den Artikel von Giedrė Čepaitienė und Regina Kvašytė Wörterbuch der Lvyčių-Studien: Kriterien für die Auswahl und Erklärung von Termini. Das Thema ist nicht nur für die Leser, sondern vielleicht auch für die Autorinnen recht neu: Sie führen aus, dass „Termini, die für dieses Gebiet erforderlich sind, in Arbeiten aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen verwendet werden“ (179); vielen davon seien Erklärungen beigefügt, doch der Begriffsinhalt – die Grundlage der Termini – könne sich in benachbarten Wissenschaften unterscheiden. Muss das neue Fachgebiet diese Inhalte nicht selbst festlegen und die Begriffe auf eigene Weise definieren, statt diejenigen zu kritisieren, die ein solches Ziel gar nicht verfolgen konnten? Einige Beiträge für den Sammelband haben Terminologen verfasst, die keine Sprachwissenschaftler sind. Der Artikel von Eglė Makariūnienė, Physikerin, und Angelė Kaulakienė, Sprachwissenschaftlerin, Termini in Stasys Dabušys populärwissenschaftlichen naturwissenschaftlichen Publikationen bietet einen Überblick über zahlreiche Arbeiten dieses auf vielfältige Weise bekannten und sich selbst bekannt machenden Sprachwissenschaftlers, Redakteurs und Übersetzers, über die darin verwendeten Termini und kommt zu dem Schluss, dass sich von seinen vorgeschlagenen physikalischen und technischen Termini atšvaitas, mygtukas, kištukas, skaičiuoklis. durchgesetzt haben. Der kurze Artikel dreier Autorinnen und Autoren – Loreta Alešiūnaitė, Vytautas Gedrimas und Elena Molyte – Probleme der Normierung anatomischer Termini beginnt mit einem recht umfangreichen Überblick über die Entstehung und Normierung des litauischen Verzeichnisses der menschlichen Anatomie. Auch Unklarheiten und sogar Wiederholungen sind hier nicht vermieden worden, zum Beispiel: „Der Artikel soll nicht nur den Wandel anatomischer Termini überblicken, sondern auch das Prinzip der Beständigkeit berücksichtigen, <...>“ (118, Absatz I). „In dieser Arbeit möchten wir nicht nur den Wandel anatomischer Termini überblicken, sondern auch das Prinzip der Beständigkeit im Auge behalten“ (120, Absatz II). Das Bestreben, „einige erörterungswürdige Aspekte hervorzuheben“ (118), beschränkt sich nahezu darauf, sie lediglich zu erwähnen. Und einigen Aussagen mangelt es erheblich an Präzision. Sehr merkwürdig ist folgende Aussage: „pa- verwenden wir, wenn eine Stelle entlang und unterhalb eines Gegenstands bezeichnet wird, z. B.: paausinė liauka, padangtė (smegenėlių), panosės vagelė, pasmakrė, pasmilk­nys, pažandinė liauka, pažandinis mazgas und andere; po- verwenden wir, wenn wir etwas bezeichnen, das sich unterhalb des Gegenstands befindet 156 hier etwa: suborbitale Naht, suborbitale Öffnung, suborbitale Furche, Kern des Nervus hypoglossus, Zungenbein, A. subscapularis, subkutane Bursa, M. subclavius, subkortikales Zentrum usw.“ (120). Hier fehlen die so notwendigen Definitionen; aus den von den Autoren angeführten Definitionen der Wortbildungsbedeutung ließe sich jedoch schließen, dass poliežuvinis kaulas nicht unter der Zunge, sondern an deren Unterseite liegt, also doch in der Zunge selbst, und dass poodinis maišelis in der Haut liegt!.. Sehr merkwürdig, dass die Lage unter durch pa- und nicht durch po- ausgedrückt wird (vgl. požemis, pagrindis, poodis); pa- bezeichnet auch noch eine andere Lage – entlang, obwohl hier das gebräuchlichere und klarere prie- (priekritūnis, prievartis) vorzuziehen wäre. Die Literatur wird nicht ganz genau angegeben, etwa: „Im zweiten Band der Akademischen Lietuvių kalbos gramatikos wird darauf hingewiesen, dass zur Bildung von Termini verschiedener Fachgebiete gewöhnlich attributive Partizipien Präsens Passiv verwendet werden (LKG 1971: 337–343)“ (120). Die angegebene Stelle in der LKG umfasst den gesamten Unterabschnitt Esamojo laiko neveikiamieji dalyviai; die attributiven Formen werden auf mehreren Seiten behandelt, doch Aussagen dazu finden sich nur auf den Seiten 339 und 340. Die Autoren sagen: „<…> wir haben festgestellt, dass diese Empfehlung nicht immer beachtet wird“ (120), beziehen aber bereits auch Partizipien im Aktiv ein und bringen zudem sofort, ohne jede Erklärung, noch einen anderen Punkt ins Spiel – die Unterscheidung bzw. Nichtunterscheidung der Partizipialarten. Es gibt viele Beispiele, doch die Entscheidung bleibt unklar. Es geht um die Regel für den Fugenvokal in Komposita und um Analogie; anschließend endet der Text mit einer unklaren Aussage: „Vielleicht haben die Prinzipien der Terminusbildung auch eine historische Tradition, die man nicht ändern möchte“ (122). Vieles wird zitiert, und zwar uneinheitlich; doch eine solche Kritik ist unnötig und falsch: „Die von uns gelesene Literatur lässt den Schluss zu, dass sich die Sprachwissenschaftler nicht einig sind, wann -inis, -ė und wann der Genitiv in einem mehrgliedrigen Terminus zu verwenden ist“ (123). Vielleicht haben wir mehr von dieser Literatur gelesen und besser verstanden – die Sprachwissenschaftler haben klar angegeben, wann das eine und wann das andere zu verwenden ist; außerdem ist auch ein dritter Fall möglich: die Verwendung beider Formen (grammatische Synonymie) ist kein Sprachfehler. Natürlich muss der Terminologe eine Wahl treffen, doch das ist ohne Definitionen der Termini (man muss schließlich Bedeutungen unterscheiden!) und eine Analyse der Mikrosysteme nicht möglich. Sprachliche Erscheinungen haben klare Grenzen, aber es gibt auch Übergangszonen (Graubereiche). Da die drei Autoren dies nicht verstanden haben, irren sie darin umher und zeigen sich unzufrieden mit den Sprachwissenschaftlern… Der kurze Artikel von Jurgita Mikelionienė Die Vielfalt der Synonyme und Wortbildungsmittel in der heutigen litauischen Philosophie ist vielleicht noch eine Erkundung und Übung, die nur für die Autorin von Bedeutung ist, in den von der Korpuslinguistik bereits reichlich mit Spuren versehenen Gefilden. Der Artikel von Stasys Zajankauskas Termini verantwortungsvoll ordnen, nicht hastig, nicht überstürzt entspricht seinem Titel: viele Aufforderungen und Ermahnungen, viele Verneinungen und bloße Behauptungen, die sich ohne Begründungen nicht überprüfen lassen, dazu etliche vorschnelle Entscheidungen und wenig überzeugende Vorschläge. So etwa key word – sowohl Bedeutungswort als auch Haupt- und Schlüsselwort oder esmežodis. Am treffendsten wäre wohl „Schlüsselwort“ (und „Schlüsselbegriff“). 157 Völlig falsch ist die Behauptung, dass „für manche Sprachwissenschaftler meist nur wichtig ist, dass ein Wort litauisch und richtig betont ist“ (305). Tatsächlich fällt die Präzision von Termini in erster Linie in die Kompetenz der Fachleute; wenn die Ungenauigkeit für Sprachwissenschaftler jedoch offensichtlich ist, wird sie keineswegs „den Fachleuten zur Entscheidung überlassen“ (305). Unsinn ist die Behauptung, leidžiamoji (anstelle von leistinosios) srovė sei diejenige, „die gewöhnlich durch ein bestimmtes Element zugelassen wird“ (308). Erstens gibt es keinen solchen Begriff (keine solche Art von Strom); zweitens muss man die Grammatik lesen und verstehen, wenn man sich mit einem ihrer Themen befasst. Einen schlechten Eindruck hinterlässt auch die zerfaserte Darstellung. So wird über den Wert sowohl am Ende des Unterabschnitts Terminpflege im Eiltempo (306) als auch im Unterabschnitt Ändern wir gut etablierte Termini nicht übereilt (307) geschrieben, obwohl es einen eigenen Unterabschnitt Über Bedeutung und Wert von Termini (310–311) gibt. Richtig sind die Gedanken, dass man Termini nicht unnötig verändern und keine seltsamen Neuschöpfungen bilden sollte (auch die Beispiele stimmen); mit einigen unbegründeten Behauptungen bestätigt der Autor jedoch leider weder seine eigenen Ermahnungen noch das Wichtigste und Richtigste – „Terminpflege ist schließlich wissenschaftliche Arbeit“ (311). Ähnlich sind auch die Anmerkungen von Valerijonas Žalkauskas Zur polytechnischen Terminologie – wenn ein Nichtlinguist sich ausführlich als Linguist betätigt, sind Ungenauigkeiten unvermeidlich, und das in einem sprachwissenschaftlichen Buch! Zur Endung -tis sollte man daran erinnern, dass sie die dritthäufigste Endung für verbale Abstrakta beziehungsweise Handlungsbezeichnungen ist (atimtis, baigtis, išpažintis, mirtis, slinktis, šlytis, tartis, trintis,... LKG I 291), obwohl einige Ableitungen (klūtis, stotis) auch eine konkrete Bedeutung haben; als Ableitungssuffix für Handlungsresultate steht sie hinsichtlich ihrer Produktivität erst an neunter Stelle (įkaištis, paplotis, sviltys 373), und auch bei Bezeichnungen von Werkzeugen ist dieses Suffix nicht selten (dangtis, kamštis, lankstis, raištis, skląstis 387). Ein gutes Thema haben Stasys Žebrauskas und Rimantas Jonas Mukulys gewählt – Die elektrotechnischen Termini von Professor Leonas Kaulakis: Für Untersuchungen zur Entstehungsgeschichte der Terminologie eines Fachgebiets ist die wissenschaftliche Sachkompetenz auf diesem Gebiet von großer Bedeutung. Abschließend sei der Artikel von Renata Maslauskienė Terminologiestandardisierung erwähnt, in dem qualitative Kennzahlen der terminologischen Arbeit der litauischen Normungsbehörde erörtert und in Abb. 6 dargestellt werden. Doch weder linguistische Fragestellungen noch Qualitätskriterien sind in dieser Übersicht zu erkennen. Beides wäre dringend nötig. Schlussfolgerungen Die Sammlung terminologischer Beiträge Probleme der Geschichte und Gegenwart der Terminologie (2004), die sich quantitativ deutlich abhebt, besteht größtenteils mit Erfolg die Prüfung auf Wissenschaftlichkeit. Doch es gibt auch einen kleineren Teil… Herausgeberin Albina Auksoriūtė und 158 Der Redakteur Stasys Keinys, so scheint mir, hat sich schon bei der Vorbereitung der Konferenz Fallen gestellt – wenn es nicht ohne Hindernisse geht, gibt es eben auch einige Fehltritte. Natürlich wurde bei der Zusammenstellung des Buches vieles ausgesiebt. Außerdem fallen die Fehltritte weniger auf, wenn die Artikel alphabetisch angeordnet sind. Wenn aber die Konferenz (nicht die Thesen) nicht alphabetisch geordnet ist, warum ist dann der Sammelband alphabetisch geordnet? Vielleicht ist auch die Bescheidenheit des Redakteurs daran schuld, doch sie ist wirklich übertrieben und unnötig – die Abschnitte wären nicht nach ihrem Wert, sondern nach ihrer Thematik geordnet. Für die Zukunft ließen sich auch andere Lösungen erwägen, etwa damit das Sieb für manche nicht völlig undurchlässig ist, einen Seminarteil der Konferenz einzurichten. Beschränkt man die Bewertung auf die litauische Terminologie, sollte man auch das erwähnen, was sich selbst besonders stark bemerkbar macht – den kleinen Zweig der Computerterminologie. Doch weder er selbst noch irgendjemand zerbricht sich den Kopf darüber, ob dies eine neue Methode der Terminologieforschung oder lediglich ein technisches Hilfsmittel ist, obwohl allgemein anerkannt und unbestritten ist, dass Methoden lediglich Verfahren der linguistischen Analyse sind. Bei der (auch kritischen) Bewertung der Gegenwart richten wir unsere Hoffnungen auf eine gerade Linie in die Zukunft. Doch sie führt bergauf, nur bergauf. Jonas KLIMAVIČIUS Eingegangen am 28.11.2005 Institut für litauische Sprache Vileišio g. 5, LT-10308 Vilnius E-Mail: [email protected] 159