doi.org/10.35321/term28-06
Wandel der litauischen Begriffe zur Bezeichnung von Intelligenzstörungen und ihren Schweregraden und die dafür maßgeblichen Faktoren
DALIA GEDZEVIČIENĖ
Institut für Recht des Litauischen Zentrums für Sozialwissenschaften
ORCID-ID: https://orcid.org/0000-0001-8285-9692
ZUSAMMENFASSUNG
Der Artikel stellt die im 20. Jahrhundert und in den ersten beiden Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts verwendeten litauischen Begriffe zur Bezeichnung einer Intelligenzstörung und ihrer Schweregrade vor und gibt parallel dazu einen Überblick über die Begriffe, mit denen dieselbe Störung und ihre Schweregrade in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD) bezeichnet werden. Die Arbeit untersucht, welche Faktoren den Wandel der Terminologie in diesem Bereich begünstigten und aus welchen Gründen in offiziellen litauischen Dokumenten, im öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs sowie in der Praxis derzeit mindestens vier Begriffe synonym zur Bezeichnung einer Intelligenzstörung verwendet werden (Intelligenzstörung, intellektuelle Behinderung, geistige Retardierung, Schwachsinn), und welchen möglichen Einfluss jeder dieser Begriffe auf die gesellschaftlichen Einstellungen und die Haltung gegenüber der Gruppe von Personen mit dieser Störung hat.
SCHLÜSSELWÖRTER: Intelligenzstörung, intellektuelle Behinderung, geistige Retardierung, Schwachsinn, Synonym, Konnotation, Internationale Klassifikation der Krankheiten.
ZUSAMMENFASSUNG
Dieser Artikel stellt die litauische Terminologie vor, die im 20. Jahrhundert und zu Beginn des 21. Jahrhunderts zur Bezeichnung einer Intelligenzstörung und ihrer Schweregrade verwendet wurde, und gibt einen Überblick über die Begriffe, mit denen dieselbe Störung und ihre Schweregrade in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD) bezeichnet werden. Er erläutert, welche Faktoren den Wandel der Terminologie in diesem Bereich bewirkten und welche Ursachen dazu führten, dass derzeit in offiziellen litauischen Dokumenten, im öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs sowie in der Praxis mindestens vier Begriffe synonym zur Bezeichnung einer Intelligenzstörung verwendet werden: Intelligenzstörung (Störung der Intelligenz), intellektuelle Behinderung (intellektuelle Beeinträchtigung), geistige Retardierung (mentale Retardierung) und Schwachsinn (geistige Minderbegabung). Darüber hinaus untersucht der Artikel die möglichen Auswirkungen der einzelnen Begriffe auf die gesellschaftlichen Einstellungen gegenüber der Gruppe von Personen mit dieser Störung.
SCHLAGWÖRTER: Störung der Intelligenz, intellektuelle Behinderung, geistige Retardierung, Schwachsinn, Synonym, Konnotation, Internationale Klassifikation der Krankheiten.
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EINLEITENDE BEMERKUNGEN
Als Beginn einer konsequenteren Verwendung und Etablierung internationaler, überwiegend auf der Grundlage des Griechischen und Lateinischen entstandener Bezeichnungen für intellektuelle Beeinträchtigungen in der Sprache der Medizin und anderer Fachgebiete kann die Mitte des 19. Jahrhunderts gelten; die Ursprünge der entsprechenden litauischen Terminologie reichen bis in die Zwischenkriegszeit zurück. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts rückte neben der traditionellen biomedizinischen Auffassung der intellektuellen Beeinträchtigung als Krankheit und Hirndefekt eine Sichtweise in den Vordergrund, die dieses kognitive Merkmal als soziales Phänomen versteht, das im Wesentlichen durch das jeweilige gesellschaftliche Verständnis der Grenzen zwischen Norm und Abweichung hervorgebracht wird. Dadurch gerieten die ethischen Aspekte der Bezeichnungen für intellektuelle Beeinträchtigungen und deren Schweregrade in den Blick. Die Bemühungen von Ärzten, Pädagogen, Sozialarbeitern, Vertretern nichtstaatlicher Organisationen sowie Betreuern und Angehörigen von Menschen mit intellektueller Behinderung führten dazu, dass sich die Terminologie dieses Bereichs wandelte; bis heute wird nach einer neutralen, präzisen und vor allem respektvollen Bezeichnung für diesen Zustand und die davon betroffenen Menschen gesucht.
In Litauen weisen Juristen (Benkunskas 2012), Psychiater (Pūras 2015: 69), Kommunikationsfachleute (Jurčiukonytė 2007: 11–14) und allgemein Forschende im Bereich Behinderung (Ruškus 2019) auf die sozialen Schäden hin, die durch veraltete, beleidigende und mit zusätzlichen Konnotationen belastete Begriffe verursacht werden, sowie auf deren Zusammenhang mit Stigmatisierung und Ausgrenzung; auch Mitarbeitende der Institutionen der Europäischen Union sprechen über die Notwendigkeit, Menschen mit Behinderungen und andere vulnerable Gruppen respektvoll zu bezeichnen (Įtraukioji komunikacija 2018). In vielen Fällen wurden diese Erkenntnisse durch die Ergebnisse von Untersuchungen ausländischer Wissenschaftler angeregt. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, insbesondere seit den 1970er Jahren, begannen Ärzte, Theoretiker der Disability Studies und Vertreter anderer Sozialwissenschaften den Gebrauch unethischer und unpräziser Begriffe zu untersuchen, die der modernen Auffassung von intellektueller Beeinträchtigung nicht entsprechen, und betonten, dass sie ersetzt werden müssten (Mercer 1973: 27–28; Taylor 1996: 4–13; Shalock, Luckasson, Shogren ir kt. 2007: 116–124; Taylor 2008: XV; Salvador-Carulla, Bertelli 2008: 10–16; Wehmeyer, Buntinx, Lachapelle, Luckasson 2008: 311–318; Salvador-Carulla, Reed, Vaez-Azizi ir kt. 2011: 175–180; Nash, Hawkins, Kawchuk, Shea 2012: 71; Harris 2013: 260–262; Tassé, Mehling 2015: 2–12 ir kt.).
Und obwohl sich die Terminologie des hier behandelten Bereichs im Litauischen wie auch in anderen Sprachen – meist angestoßen durch Entwicklungstendenzen der Gesellschaft – wandelte und variierte und durch Synonymie gekennzeichnet war und ist, hat sie bislang keine eingehendere Aufmerksamkeit von Terminologen und Linguisten erfahren.
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In diesem Artikel sollen die Bezeichnungen für intellektuelle Beeinträchtigungen und deren Schweregrade, ihre Herkunft, Bildung, Entwicklung und Synonymie aus linguistischer Perspektive betrachtet werden, wobei zugleich die sozialen Aspekte nicht außer Acht gelassen werden: der mögliche Einfluss dieser Begriffe auf soziale Einstellungen und umgekehrt der Einfluss gesellschaftlicher ethischer Einstellungen auf den Wandel der hier erörterten Begriffe.
Der Artikel befasst sich vor allem mit den Begriffen, die gegenwärtig, das heißt in den letzten beiden Jahrzehnten dieses Jahrhunderts, in Litauen zur Bezeichnung intellektueller Beeinträchtigungen und ihrer Schweregrade verwendet werden. Um die Voraussetzungen der gegenwärtigen Situation zu verstehen, werden zugleich auch die im 20. Jahrhundert in Litauen und in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten verwendeten Bezeichnungen für intellektuelle Beeinträchtigungen betrachtet. Ziel der Untersuchung ist es daher, den Wandel der litauischen Terminologie zur Bezeichnung intellektueller Beeinträchtigungen und ihrer Schweregrade in den ersten Jahrzehnten des 20. und 21. Jahrhunderts darzustellen und die Faktoren zu bestimmen, die diesen Wandel vorangetrieben haben. Zur Umsetzung dieses Ziels wurden folgende Aufgaben festgelegt: 1) einen Überblick über die Begriffe zu geben, die zu Beginn des 20. und 21. Jahrhunderts in Litauen in der Fachliteratur dreier Bereiche (Medizin, Bildung und Recht), in Rechtsvorschriften, Gerichtsentscheidungen und offiziellen Bescheinigungen zur Bezeichnung intellektueller Beeinträchtigungen und ihrer Schweregrade verwendet wurden; 2) anzugeben, welche Begriffe im Untersuchungszeitraum in der englischsprachigen Fassung der Internationalen Klassifikation der Krankheiten zur Bezeichnung der betreffenden Beeinträchtigung und ihrer Schweregrade verwendet wurden, und den Einfluss dieser Begriffe auf die Wahl litauischer Entsprechungen zu untersuchen; 3) die Verwendungsbereiche der in den letzten beiden Jahrzehnten gebräuchlichen litauischen Synonyme für intellektuelle Beeinträchtigungen und ihre Schweregrade sowie die Ursachen ihrer synonymen Verwendung zu bestimmen; 4) eine semantische Analyse der Begriffe vorzunehmen und auf ihrer Grundlage mögliche Auswirkungen einzelner Begriffe auf soziale Einstellungen zu ermitteln. In der Arbeit werden beschreibende Methoden, Methoden der semantischen Analyse und Befragungsmethoden eingesetzt. Die Untersuchungsquellen bestanden hauptsächlich aus litauischen Lehrbüchern, Monografien, Wörterbüchern und Enzyklopädien der Psychiatrie, forensischen Psychiatrie und Sonderpädagogik sowie aus Entscheidungen litauischer Gerichte aus den Jahren 2005–2020, in denen eine Person mit intellektueller Beeinträchtigung Verfahrensbeteiligte war, Artikeln der Codes der Republik Litauen, die die Geschäftsfähigkeit oder strafrechtliche Zurechnungsfähigkeit von Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung regeln, verschiedenen offiziellen Bescheinigungen medizinischer und pädagogischer Einrichtungen für Kinder mit intellektueller Beeinträchtigung, elf englischsprachigen Ausgaben der Internationalen Klassifikation der Krankheiten, der sechsten französischsprachigen sowie der zehnten litauischen und russischen Ausgabe der Internationalen Klassifikation der Krankheiten.
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1. SYNONYME BEGRIFFE: URSPRÜNGE DER AKTUELLEN SITUATION
1.1. Verhältnis zwischen dem Konzept der intellektuellen Beeinträchtigung und dem Begriff
Laut Fachleuten für kindliche Entwicklung umfasst ein großer Teil der Geschichte der Wissenschaft über geistige Behinderung (intellektuelle Beeinträchtigung – Anm. d. Verf.) die Suche nach der am wenigsten stigmatisierenden Bezeichnung für diesen Zustand (Vaikų raidos sutrikimai 2003: 208). Diese Aussage berührt genau die zentralen problematischen Aspekte des behandelten Bereichs, die auch in diesem Artikel aufgezeigt werden sollen: 1) Ein Begriff ist eng mit dem von ihm bezeichneten Konzept verbunden: Wenn sich das Konzept wandelte, wurde nach einem anderen Begriff für seine Bezeichnung gesucht; umgekehrt veränderte ein aus bestimmten Gründen geänderter Begriff auch den von ihm bezeichneten Inhalt. 2) Menschen, deren Zustand mit den untersuchten Begriffen bezeichnet wurde, waren in der Gesellschaft ständig Ausgrenzung und Stigmatisierung ausgesetzt; zu den Faktoren, die Ausgrenzung bedingen, gehören auch die Bezeichnungen dieser Menschen und ihres Zustands.
Bei einem kurzen historischen Überblick über die litauischen Begriffe, die derzeit zur Bezeichnung intellektueller Beeinträchtigungen und ihrer Schweregrade verwendet werden, ist zunächst hervorzuheben, dass sich der Wandel dieser Begriffe nicht erklären lässt, ohne die Entwicklung des Konzepts der intellektuellen Beeinträchtigung, den Wandel der Einstellungen zu diesem Zustand und die allgemeinen sozialen Veränderungen in der Gesellschaft zu berücksichtigen. Daher werden bei der Darstellung der Begriffsgeschichte sowohl linguistische als auch soziale Faktoren erwähnt, die sie beeinflusst haben. Da eine umfassende diachrone Analyse der Terminologie des Untersuchungsbereichs nicht Ziel dieses Artikels ist, beschränkt sich die Darstellung auf die Ursprünge der derzeit gebräuchlichen und relevanten Begriffe, in der Hoffnung, dort auch die Voraussetzungen für die Synonymie der heutigen Begriffe zu finden.
An dieser Stelle sollte kurz erläutert werden, was mit den in diesem Artikel untersuchten Begriffen bezeichnet wird, das heißt, das Konzept der intellektuellen Beeinträchtigung ist zu beschreiben. Als intellektuelle Beeinträchtigung gilt ein angeborener oder vor dem dritten Lebensjahr auftretender Zustand, der gewöhnlich das ganze Leben eines Menschen andauert. Sie kann als einzige grundlegende Entwicklungsstörung einer Person oder als Begleitstörung anderer Entwicklungsstörungen, Krankheiten oder Syndrome diagnostiziert werden. Kennzeichnend für diesen Zustand sind eingeschränkte intellektuelle Fähigkeiten (ein Intelligenzquotient (im Folgenden: IQ) von 70 Punkten oder weniger1 in einem individuell durchgeführten standardisierten Intelligenztest) und Defizite im adaptiven Verhalten (die im Rahmen einer Untersuchung der sozialen Anpassung festgestellt werden); die Beeinträchtigung äußert sich in Störungen der kognitiven, sprachlichen, motorischen und sozialen Fähigkeiten der Person. Die Schweregrade der betreffenden Beeinträchtigung reichen von leicht bis sehr schwer (Giedrienė 2015: 207; Mačiulis, Šurkus, Lapytė 2017: 243).
1 Der Intelligenzquotient ist kein prozentualer Ausdruck der Intelligenz.
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Im Allgemeinen haben sich die Auffassungen darüber, was Intelligenz ist und wie sie beschaffen sein sollte, ebenso wie der IQ-Grenzwert zwischen Norm und Störung, im Laufe der Geschichte verändert2; zugleich beeinflusste der Wandel dieser Auffassungen auch die zur Bezeichnung der Störung verwendeten Termini.
In der Sowjetzeit und im Zeitraum 1990–2020 wurde die Intelligenzstörung in offiziellen litauischen Dokumenten, verschiedenen wissenschaftlichen und praktischen Arbeiten sowie Lehrbüchern als geistige Unterentwicklung, Intelligenzunterentwicklung, geistige Abnormalität, Intelligenzmangel, Intelligenzdefekt3, Oligophrenie, Schwachsinn, angeborener Schwachsinn, geistige Behinderung, psychischer Infantilismus, Intelligenzminderung, Intelligenzbeeinträchtigung, geistige Behinderung, Intelligenzbehinderung bezeichnet; die Schweregrade der Intelligenzstörung wurden als Debilität, Imbezillität, Idiotie, Moronität benannt, und Personen mit einer Intelligenzstörung als Debile, Imbezille, Idioten, Schwachsinnige, geistig Behinderte, geistig behinderte Individuen, geistig behinderte Kinder, psychisch Invalide, Oligophrene. Ein Teil dieser Termini – Intelligenzunterentwicklung, Intelligenzmangel, psychischer Infantilismus, Intelligenzminderung, Intelligenzbeeinträchtigung, psychisch Invalide – wurde zuletzt vor zwei Jahrzehnten in veröffentlichten Arbeiten verwendet und gilt daher als für den gegenwärtigen Sprachgebrauch nicht mehr aktuell; diese Termini werden derzeit nicht als Synonyme für Intelligenzstörung und eine Person mit einer Intelligenzstörung betrachtet und im weiteren Verlauf des Artikels nicht behandelt.
Lange Zeit wurde die Intelligenzstörung als Krankheit und als Gegenstand der Forschung in einem medizinischen Fachgebiet – der Psychiatrie – betrachtet; daher waren auch die Urheber der ersten Termini für dieses Konzept Psychiater. Der französische Arzt Philippe Pinel führte 1809 in seiner Klassifikation psychischer Krankheiten eine Störung auf und beschrieb sie, die er Idiotismus nannte (franz. idiotisme). Einige Jahre später verwarf P. Pinels Schüler, der Psychiater Jean Étienne D. Esquirol, den Terminus Idiotismus und unterschied zwei eigenständige Kategorien – Idiotie (franz. idiotie) und Imbezillität (franz. imbécillité) – und unterteilte sie zudem nach Schweregrad in Grade (zwei Grade der Imbezillität und drei der Idiotie) (Binet, Simon 1904: 168–172). Einen weiteren Terminus, der sich lange Zeit in Klassifikationen und Nomenklaturen psychischer Störungen durchsetzte, …
2 Wie viel Prozent der Personen in Litauen derzeit von einer Intelligenzstörung betroffen sind, ist nicht genau bekannt. Verschiedenen Quellen zufolge betrifft dies 1–4 Prozent der Bevölkerung. So wurde nach Angaben des Hygieneinstituts 2019 bei 4,4 Prozent der litauischen Kinder geistige Behinderung festgestellt (Intelligenzstörung – Anm. d. Verf.) sowie Störungen der psychischen Entwicklung (Našlėnė, Petrauskaitė, Želvienė 2020: 66). Es ist jedoch nicht aufgeschlüsselt, welcher Anteil dieser Störungsgruppe auf Intelligenzstörungen und welcher auf Störungen der psychischen Entwicklung entfällt (beispielsweise Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten, tiefgreifende Entwicklungsstörungen usw.). Man geht davon aus, dass eine Intelligenzstörung, d. h. ein Zustand, bei dem der Intelligenzquotient unter 70 liegt, bei etwas mehr als 2 Prozent der Weltbevölkerung vorliegt (Valionienė 2021: 14).
3 Es ist darauf hinzuweisen, dass in einigen Arbeiten mit Intelligenzunterentwicklung, Intelligenzmangel oder Intelligenzdefekt die Intelligenzstörung bezeichnet wird, in anderen hingegen ein Merkmal oder Symptom dieser Störung.
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Den Terminus Oligophrenie (gr. oligos – gering, klein + gr. phrēn – Geist), der zur Bezeichnung einer Intelligenzstörung dient, schlug 1915 der deutsche Psychiater Emil Kraepelin vor (Kriščiūnas 2002: 138).
Eines der bedeutendsten Dokumente des 20. Jahrhunderts, das in vielen Ländern der Welt zur Einführung einer einheitlichen Krankheitsklassifikation und Terminologie beitrug, war die etwa alle zehn Jahre aktualisierte internationale statistische Klassifikation der Krankheiten International Classification of Diseases (im Folgenden ICD). In den ersten fünf Ausgaben oder Revisionen der ICD, die von 1900 bis 1947 galten, waren nur Krankheiten aufgeführt, die zum Tod führen konnten. Bei der Ausarbeitung der sechsten ICD-Ausgabe (1948) übernahm die damals gegründete Weltgesundheitsorganisation (im Folgenden WHO) die Internationale Klassifikation der Krankheiten und deren Überarbeitung; von da an wurden auch nicht tödliche Krankheiten in das internationale Krankheitsverzeichnis aufgenommen. Die ICD-6 war die erste Klassifikation mit einem eigenen Kapitel für psychische Störungen (Bunevičius 1997: 882).
Obwohl eines der Ziele der ICD darin bestand, den Vergleich und Austausch von Gesundheitsinformationen aus verschiedenen Ländern der Welt mithilfe einer einheitlichen Terminologie zu ermöglichen, blieb ihr Einfluss sowohl auf die nationalen Krankheitsklassifikationen als auch auf die darin verwendeten Termini bis in die 1970er- und 1980er-Jahre gering. Da die von der WHO erstellte ICD kein verbindliches, sondern ein empfehlendes Dokument war, verwendeten nicht alle Mitgliedstaaten sie. So hatten 1959, fast sechs Jahrzehnte nach dem Erscheinen der ersten ICD, nur Finnland, Neuseeland, Peru, Thailand und Großbritannien die Klassifikation für den eigenen Gebrauch angepasst. Andere Länder wandten sie nur teilweise an (einige Anhänge) oder verwendeten sie ausschließlich zu statistischen Zwecken (Stengel 1959: 604). In der Praxis nutzten Ärztinnen und Ärzte in vielen Ländern die jeweils national zugelassenen Klassifikationen, deren Verfasser meist anerkannte Fachleute waren – Ärzte, die Lehrbücher, Monografien usw. verfasst und veröffentlicht hatten. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, im Zeitalter der Informationstechnologie, der Digitalisierung und der Einrichtung internationaler Register, begannen immer mehr Staaten, die ICD zu verwenden, sie in ihre Landessprachen zu übersetzen, an ihre Bedürfnisse anzupassen und zugleich das von ihr bereitgestellte Kodierungssystem zu nutzen. Da sich die Terminologie nationaler Klassifikationen und der neu eingeführten ICD häufig unterschied, nahm die Zahl synonym verwendeter Termini in der Praxis aus diesem Grund zu – dies gilt auch für die Terminologie der Psychiatrie, deren Forschungsgegenstand lange Zeit ebenfalls die Intelligenzstörung war. In diesem Kapitel werden daher im Folgenden die im 20. Jahrhundert in Litauen für die Intelligenzstörung und ihre Schweregrade verwendeten Termini behandelt und mit den von der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (zunächst in der englischen, später auch in der litauischen Fassung) für den jeweiligen Zeitraum empfohlenen Termini verglichen.
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1.2. Überblick über die Verwendung von Begriffen zur Bezeichnung der intellektuellen Beeinträchtigung und ihrer Schweregrade in Litauen und in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten
Was die Klassifikation und Terminologie der intellektuellen Beeinträchtigung und ihrer Schweregrade in Litauen betrifft, zeigt sich, dass die Ärztinnen und Ärzte des Landes bis zum Ende des 20. Jahrhunderts sowohl in der Praxis als auch in wissenschaftlichen Arbeiten eher auf ein nationales System zurückgriffen als auf die von der ICD empfohlene Klassifikation und Terminologie psychischer und Verhaltensstörungen, darunter auch der intellektuellen Beeinträchtigung. Als man gegen Ende des 20. Jahrhunderts begann, die adaptierte litauische ICD-Fassung – die Internationale Klassifikation der Krankheiten (im Folgenden TLK) – und ihr Kodierungssystem zu verwenden, gewann die Bedeutung sowohl der darin enthaltenen Klassifikation von Krankheiten und Störungen als auch der dort verwendeten Terminologie nicht nur im Gesundheitswesen, sondern auch in anderen Lebensbereichen an Gewicht. Es ist hervorzuheben, dass damals die größte Verwirrung in der Terminologie der intellektuellen Beeinträchtigung und ihrer Schweregrade nicht dadurch entstand, dass verschiedene Quellen unterschiedliche Begriffe für dieselbe Störung verwendeten, sondern dadurch, dass sowohl die TLK als auch das nationale System unterschiedliche Grundlagen für die Klassifikation psychischer und Verhaltensstörungen anwandten. Das heißt, es unterschieden sich nicht nur die Begriffe zur Bezeichnung der intellektuellen Beeinträchtigung und ihrer Schweregrade, sondern auch der Begriff selbst, auf den sie sich bezogen – die Störung wurde unterschiedlichen Kategorien zugeordnet. So bezeichnete die ICD die intellektuelle Beeinträchtigung lange Zeit, von 1938 bis 1965, mit dem Begriff mental deficiency (in litauischen Texten wurden gelegentlich die Entsprechungen intelekto nepakankamumas, intelekto deficitas verwendet), während in vielen Ländern die bereits erwähnte, von E. Kraepelin vorgeschlagene Bezeichnung oligofrenijos als diagnostischer Begriff für diese Störung diente. Darüber hinaus wurden in mehreren Ländern neben oligofrenijos auch nationale Entsprechungen verwendet, die als Synonyme von oligofrenijos fungierten, zum Beispiel das russische слабоумие, das deutsche Schwachsinn, das litauische (įgimta silpnaprotystė), das englische feeble-mindedness usw. Diese nationalen Entsprechungen können nicht als Übersetzungslehnwörter für oligofrenijos betrachtet werden, da die genannten Begriffe zur Bezeichnung der intellektuellen Beeinträchtigung bereits vor 1915 verwendet wurden (in diesem Jahr führte E. Kraepelin, wie erwähnt, den Begriff oligofrenijos ein). Obwohl in vielen wissenschaftlichen Arbeiten sowohl oligofrenija als auch ihre nationale Entsprechung als Synonyme aufgeführt wurden, trat im Laufe der Zeit die unterschiedliche semantische Reichweite dieser synonymen Begriffe zutage. Anders als der internationale Begriff oligofrenija, der in einer einzigen Bedeutung verwendet wurde – nämlich für die in diesem Artikel behandelte angeborene oder vor dem dritten Lebensjahr erworbene intellektuelle Beeinträchtigung, die als Entwicklungsstörung aufgefasst wird –, wurde das litauische Wort silpnaprotystė in mindestens drei Bedeutungen verwendet: 1) als Synonym für intelekto sutrikimo; 2) als Synonym für demencijos; und 3) am häufigsten als Hyperonym beziehungsweise umfassendere Kategorie, die zwei verschiedene Störungen einschließt – die intelekto sutrikimą oder įgimtą silpnaprotystę und
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demenciją oder erworbene Demenz. Diese Klassifikation unterschied sich grundlegend von der in der ICD enthaltenen Klassifikation: Sowohl in der ICD als auch in ihrer litauischen Fassung, der TLK, sind die intellektuelle Beeinträchtigung (die dort vorerst als protiniu atsilikimu bezeichnet wird) und Demenz eigenständige nosologische Einheiten, während in der nationalen litauischen Literatur beide Störungen derselben übergeordneten Kategorie zugeordnet und als Syndrome der silpnaprotystės aufgefasst werden4. Kurz gesagt bezeichneten sowohl die in der ICD verwendeten Begriffe (engl. mental deficiency, mental retardation) als auch oligofrenija denselben Begriff; die mit den nationalen Synonymen für Oligophrenie, darunter auch silpnaprotystė, bezeichneten Begriffe gehörten jedoch einer anderen Systemebene und einer anderen Begriffsklassifikation an.
Im Folgenden geben wir einen kurzen chronologischen Überblick über die sowohl in der ICD und später in der TLK als auch im litauischen nationalen System zur Bezeichnung der intellektuellen Beeinträchtigung verwendete Terminologie.
1.2.1. DIE JAHRE 1900–1940
Die erste Fassung der TLK, ILCD–15, erschien 1900; sie führte lediglich 191 Krankheiten, Störungen und Verletzungen auf, die zum Tod führen konnten. Die intellektuelle Beeinträchtigung wurde in dieser Fassung noch nicht erwähnt. In der zweiten, 1909 verabschiedeten Fassung der Klassifikation wurden bereits folgende intellektuelle Beeinträchtigungen aufgeführt: 74A Idiocy, Imbecility; 74B Cretinism (am Ende der Krankheits- und Störungsliste wurde außerdem separat senile Demenz erwähnt: 154A Senile dementia) (ILCD–2). Hier wird eine Klassifikationsrichtung sichtbar, die in allen späteren ICD-Fassungen bis heute beibehalten wurde: Intellektuelle Beeinträchtigung und Demenz sind keine Unterformen derselben Störung, sondern werden als getrennte Einheiten kategorisiert, die keine gemeinsame Klassifikationsgrundlage haben. In der 1920 erschienenen dritten Fassung der Klassifikation wird Kretinismus nicht mehr als intellektuelle Beeinträchtigung oder deren Schweregrad aufgeführt; es bleiben nur Idiotie und Imbezillität: 84(1) Idiocy, Imbecility (ILCD–3). Aus unbekannten Gründen wird in der 1929 in Kraft getretenen vierten Fassung der Klassifikation keine Störung erwähnt, die als intellektuelle Beeinträchtigung gelten könnte (ILCD–4). Die fünfte, von 1938 bis 1948 gültige Fassung der Klassifikation blieb wohl drei Jahrzehnte lang (bis 1965, als sie außer Kraft trat–
4 Diese Klassifikation findet sich auch in einem modernen litauischen Psychiatrielehrbuch für Hochschulen (siehe Dembinskas 2003: 223–231).
5 Die seit 1900 erarbeitete Internationale Klassifikation der Krankheiten wird in diesem Artikel zusammenfassend als International Classification of Diseases bezeichnet und mit ICD abgekürzt, obwohl die Titel ihrer einzelnen Fassungen variieren: Die ersten bis fünften Fassungen tragen den Titel International List of Causes of Death; in dieser Publikation werden sie mit ILCD abgekürzt und durch die jeweilige Fassungsnummer ergänzt. Ab der sechsten Fassung (1948, als nicht nur tödlich verlaufende, sondern alle damals bekannten Krankheiten aufgenommen wurden) lautet der Titel International Classification of Diseases; sie wird mit ICD abgekürzt und ebenfalls durch die Fassungsnummer ergänzt.
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ti ICD-7) verankerte dieses Dokument zur Bezeichnung der allgemeinen Kategorie der intellektuellen Störung den bereits erwähnten Begriff mental deficiency (ILCD-5). Somit wurden in den ersten fünf Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten ICD zur Bezeichnung der intellektuellen Störung und ihrer Schweregrade hauptsächlich drei Begriffe verwendet – mental deficiency (lit. intelekto nepakankamumas), idiocy (lit. idiotija) und imbecility (lit. imbecilumas). Die in diesem Zeitraum in Litauen zur Bezeichnung der entsprechenden Störung verwendete Terminologie ist am besten im ersten auf Litauisch erschienenen Psychiatrielehrbuch Įvadas į psichiatriją (1935) dokumentiert, dessen Autor der bekannte litauische Psychiater der Zwischenkriegszeit und Professor an der Vytautas-Magnus-Universität Juozas Blažys war. In diesem Lehrbuch bezeichnet der Autor die intellektuelle Störung und ihre Schweregrade mit zwei synonymen Begriffen – dem internationalen oligofrenija und dessen litauischem Äquivalent silpnaprotybė; eine Person mit dieser Störung bezeichnet er als silpnapročiu. Aus der gegebenen Definition von Oligophrenie beziehungsweise Schwachsinn geht hervor, dass diese Kategorie genau eine intellektuelle Störung als Entwicklungsstörung sowie deren Schweregrade (Formen) bezeichnet: „Oligophrenie ist die allgemeine Bezeichnung für die Formen des Schwachsinns. Oligophrenie ist eine unzureichende, stark von der Norm abweichende Entwicklung der Psyche, insbesondere des Verstandes, von Geburt an oder seit früher Kindheit. Ein Schwachsinniger ist ein Mensch, dessen geistige Entwicklung deutlich hinter der seines Alters zurückbleibt“ (Blažys 1935: 4–5). Demenz wird in einem eigenen Kapitel beschrieben, doch ist laut dem Autor auch sie – wie die Oligophrenie – durch „Geistesschwäche“ gekennzeichnet: „Erworbene Geistesschwäche als Folge einer Hirnschädigung und psychischen Erkrankung wird Demenz (dementia) genannt“ (Blažys 1935: 167). Somit werden in diesem Lehrbuch sowohl die Begriffe oligofrenijos als auch silpnaprotybės synonym verwendet und bezeichnen denselben Begriff – die intellektuelle Störung. Darüber hinaus bezeichnete J. Blažys die Schweregrade der intellektuellen Störung in diesem Lehrbuch mit Begriffen, die von Psychiatern weltweit bereits seit Jahrzehnten verwendet wurden: „Der schwerste Grad des Schwachsinns ist idiotizmas, <...> ein etwas leichterer Grad – imbecilitas <...> und der leichteste – debilitas“ (Blažys 1935: 160). Obwohl Oligophrenie und Demenz in getrennten Kapiteln beschrieben werden, wird auch hier ein gemeinsames Merkmal, ein Symptom, hervorgehoben, das diese Störungen verbindet – „Geistesschwäche“; vermutlich wurde sie später zur gemeinsamen Grundlage dieser beiden unterschiedlichen Kategorien und ermöglichte es, zwei getrennte Störungen als Ausprägungen von Schwachsinn zu behandeln6.
6 Es ist darauf hinzuweisen, dass dieser Artikel während der COVID-19-Pandemie verfasst wurde. Aufgrund der strengen Quarantänebestimmungen, die in litauischen Bibliotheken und Archiven galten, war der Zugang zu Quellen aus der Zwischenkriegszeit und früheren Perioden auf dem Gebiet Litauens stark eingeschränkt; die Quellenlage für diesen Zeitraum beschränkt sich daher im Wesentlichen auf das einzige damals erschienene Psychiatrielehrbuch. Nach Aufhebung der Quarantänebestimmungen hofft die Autorin des Artikels, künftig eine umfassende Übersicht über die in diesem Zeitraum zur Bezeichnung der intellektuellen Störung und ihrer Schweregrade verwendeten Begriffe vorlegen zu können.
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1.2.2. DIE JAHRE 1940–1999
Sowohl in der sechsten (1948) als auch in der siebten (1955) Ausgabe der ICD wird zur Bezeichnung der Kategorie der intellektuellen Störung der bereits in der fünften Ausgabe der Klassifikation eingeführte Begriff mental deficiency verwendet (lit. intelekto nepakankamumas); zur Bezeichnung der anhand des IQ-Koeffizienten und weiterer Daten bestimmten Schweregrade dieser Störung werden die Begriffe idiocy, imbecility, moron, mongolism verwendet. Als Erläuterung für den leichtesten Grad der intellektuellen Störung, der mit dem Begriff moron bezeichnet wird, dient der synonyme Begriff feeble-mindedness; der Begriff Oligophrenie hingegen bezeichnet in dieser Klassifikation lediglich einen atypischen Zweig der Kategorie intellektueller Störungen, nämlich phenylpyruvic oligophrenia (eine intellektuelle Störung, die durch die erbliche Stoffwechselkrankheit Phenylketonurie entsteht) (ICD-6; ICD-7; ausführlicher siehe MIS 1957: 123–124). Die in diesen beiden Ausgaben der internationalen Klassifikation verwendete Terminologie ließ die Unterschiede zwischen den Begriffsordnungen der internationalen und der nationalen Systeme besonders deutlich hervortreten. So bezeichneten Begriffe wie oligofrenija ir silpnaprotystė (englisches Äquivalent feeble-mindedness) in vielen nationalen Systemen, darunter auch in Litauen, die gesamte Kategorie intellektueller Störungen, während sie in der internationalen Klassifikation einzelne, eng umrissene Unterkategorien intellektueller Störungen bezeichneten (z. B. oligofrenija) oder in Definitionen der Schweregrade als erläuternde Wörter verwendet wurden, die ein für einen bestimmten Störungsgrad charakteristisches Symptom bezeichneten (z. B. engl. feeble-mindedness, lit. silpnaprotystė).
Im Laufe der Zeit, ab der Mitte des 20. Jahrhunderts, begannen internationale medizinische Begriffe zur Bezeichnung der Schweregrade intellektueller Störungen und der davon betroffenen Personen im öffentlichen Diskurs und in der Alltagssprache vieler Sprachen in anderen Bedeutungen verwendet zu werden. Debilumas, idiotija, idiotizmas, imbecilumas wurden zu Metaphern für Dummheit, debilai, idiotai ir imbecilai zu Metaphern für Menschen, die töricht, unangemessen und unlogisch denken und handeln; verwendet wurden sie ausschließlich in negativem Kontext, um die so bezeichnete Person herabzusetzen7. Somit wurden die in einem recht engen Fachgebiet verwendeten Begriffe im Wesentlichen semantisch erweitert – sie erhielten eine zusätzliche lexikalische Bedeutung mit ausgesprochen negativer Konnotation. Schon bald wurde die beleidigende, abwertende und respektlose Konnotation der zweiten Bedeutung
7 Laut Leo Kanner lässt sich schwer feststellen, wann genau das griechischen Ursprungswort idiotas (gr. idiōtēs) begann, in den heute bekannten Bedeutungen verwendet zu werden. In den schriftlichen Quellen der griechischen Antike ist folgender Bedeutungswandel von idioto belegt: „Privatperson“ → „gewöhnlicher Mensch“ → „Laie ohne Fachkenntnisse“ → „unwissender, schlecht informierter Mensch“. Schließlich erhielt idiotas – was in der altgriechischen Literatur nicht belegt ist – spezifische Konnotationen eines psychischen Defekts (Kanner 1967: 4–5).
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Die Stigmatisierung wurde auch mit der ersten – terminologischen – Bedeutung und dem Denotat des Bezeichners assoziiert – einer Gruppe von Personen mit bestimmten intellektuellen Merkmalen. Diese zusätzliche Bedeutungsnuance von Begriffen, die eine historisch betrachtet stets sozial verwundbare Gruppe beschreiben, wurde zu einem Hindernis für die Entwicklung einer anderen, sich seit der Mitte des vergangenen Jahrhunderts herausbildenden Sichtweise: einer humanistischen, auf das gemeinsame Zusammenleben aller und jeglicher Mitglieder der Gesellschaft ausgerichteten, nicht die Gesellschaft sortierenden und gruppierenden, sondern integrierenden Sichtweise. Daher entstanden bewusste Bemühungen, auf beleidigende Bezeichnungen für die Störung und die davon betroffene Person zu verzichten und einen möglichst wenig stigmatisierenden Begriff zu finden. 1961 führte die Amerikanische Vereinigung für geistige Behinderung (engl. American Association on Mental Retardation) zur Bezeichnung der intellektuellen Beeinträchtigung einen neuen Begriff ein – mental retardation. Sehr bald übernahm auch die Amerikanische Psychiatrische Vereinigung (engl. American Psychiatric Association) diesen Begriff. Mental retardation (lit. protinis atsilikimas) ersetzte damals veraltete Begriffe wie feeble-mindedness (lit. silpnaprotystė), idiocy (lit. idiotija) und mental subnormality (lit. protinis nenormalumas), die bereits zu Pejorativa geworden waren (Harris 2013: 260).
Dieser eine der bedeutendsten Umbrüche in der Geschichte der Terminologie für intellektuelle Beeinträchtigungen spiegelte sich auch in der 1965 erschienenen Ausgabe von ICD-8 wider. Die dort eingeführte Terminologie wurde sowohl in die Ausgabe von ICD-9 (in Kraft getreten 1976) als auch in die Ausgabe von ICD-10 (in Kraft getreten 1989) übernommen, die bis heute verwendet wird. Somit wurden vor mehr als einem halben Jahrhundert dank der Bemühungen der WHO folgende veraltete Begriffe aus der Internationalen Klassifikation der Krankheiten und Gesundheitsstörungen gestrichen und durch andere ersetzt: Für die gesamte Kategorie intellektueller Beeinträchtigungen wurde mental deficiency (lit. intelekto nepakankamumas) durch mental retardation (lit. protinis atsilikimas) ersetzt; zur Bezeichnung der verschiedenen Schweregrade intellektueller Beeinträchtigungen wurden idiocy, imbecility, moron, borderline intelligence, mongolism, other and unspecified types durch borderline (lit. ribinis), mild (lit. lengvas), moderate (lit. vidutinis), severe (lit. sunkus), profound (lit. labai sunkus) sowie unspecified (lit. nepatikslintas) mental retardation (lit. protinis atsilikimas). Da ICD lange Zeit in der Praxis verschiedener Länder nur wenig verwendet wurde, beschleunigte das bloße Erscheinen einer aktualisierten Klassifikation die von ihren Urhebern angestrebten Veränderungen weder in den recht beharrlichen gesellschaftlichen Einstellungen noch im Sprachgebrauch oder im Gesundheitswesen. In den nationalen Systemen hielt man sich noch lange an eigene Klassifikationen der Störungen und an die zu ihrer Bezeichnung verwendete Terminologie. Daher wurden Begriffe wie idiotija, imbecilumas, debilumas, idiotas, imbecilas, debilas zur Bezeichnung der Schweregrade intellektueller Beeinträchtigungen und der davon betroffenen Personen verwendet…
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…bis zum Ende des 20. Jahrhunderts in der Fachsprache der Medizin, der Sonderpädagogik und verwandter Fachgebiete verwendet. Hier lohnt ein genauerer Blick darauf, mit welchen Begriffen intellektuelle Beeinträchtigungen und ihre Schweregrade in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Arbeiten litauischer Ärzte, Pädagogen und anderer Fachleute bezeichnet wurden.
Bei der Erörterung des Gebrauchs von Begriffen zur Bezeichnung intellektueller Beeinträchtigungen und ihrer Schweregrade in Litauen vom fünften bis zum Ende des zehnten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts (1940–1999) empfiehlt es sich, diesen Zeitraum in drei Phasen zu unterteilen: 1940–1970; 1971–1990; 1991–2000.
Kalbant apie pirmąjį etapą (1940–1970) pabrėžtina, kad Lietuva didžiąją šio laikotarpio dalį priklausė Sovietų Sąjungai, tad čia vadovautasi ta terminija, kuri oficialiai buvo vartojama Sovietų Sąjungos psichiatrijos autoritetų. Aptariamuoju laikotarpiu pasaulyje galiojo ICD šeštoji ir septintoji redakcijos, kuriose visa intelekto sutrikimo kategorija vadinta mental deficiency (liet. intelekto nepakankamumas) terminu, tačiau, kaip jau minėta, praktikoje ICD šiuo periodu naudojosi itin mažai šalių, tad ir šis terminas tiek Lietuvoje, tiek apskritai Sovietų Sąjungoje vartotas gana retai. Sovietų Sąjungoje tuo metu buvo įsitvirtinusios dvi psichikos ligų ir sutrikimų klasifikacijos: (1) Kerbikovo, Ozeretskio, Popovo bei Snežnievskio ir (2) Giljarovskio (Stengel 1959: 606). Pernelyg nesigilinant į šių klasifikacijų skirtumus, pažymėtina tik tiek, kad intelekto sutrikimas abiejų klasifikacijų autorių buvo įvardijamas tuo pačiu oligofrenijos terminu, be to, oligofrenija, remiantis vienu bendru simptomu (proto silpnumu) su demencija, sinonimiškai dar įvardyta kaip įgimta silnaprotystė (rus. врожденное слабоумие), o demencija – kaip įgyta silnaprotystė (rus. приобретённое слабоумие) (Гиляровский 1954: 500; Кербиков ir kt. 1968: 394–395).
Obwohl die übergeordnete Kategorie intellektueller Beeinträchtigungen in diesem Zeitraum mit unterschiedlichen Begriffen bezeichnet wurde – in der ICD als intelekto nepakankamumu, in den nationalen Systemen verschiedener Länder hingegen als oligofrenija; daneben wurden außer oligofrenijos auch andere synonymische Begriffe verwendet (z. B. in Litauen silnaprotystė) –, wurden die Schweregrade intellektueller Beeinträchtigungen sowohl in der ICD als auch in verschiedenen Ländern mit denselben drei grundlegenden Begriffen bezeichnet: idiotijos, imbecilumo und debilumo. Zu beachten ist, dass in der englischen ICD-Fassung zur Bezeichnung des leichten Schweregrades der intellektuellen Beeinträchtigung der Begriff moron verwendet wurde, während in der auf Französisch, einer weiteren offiziellen Sprache der WHO, herausgegebenen Fassung dieser Schweregrad als debilite mentale bezeichnet wird (MCS 1950: 114). Daraus wird ersichtlich, dass sich in der nationalen litauischen Klassifikation die Terminologie für die Schweregrade intellektueller Beeinträchtigungen aus der französischen ICD-Fassung durchsetzte.
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In Litauen beschrieb Professor Lazaris Gutmanas in dem 1947, unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg, für Medizinstudierende herausgegebenen Lehrbuch Nervų ligos kurz auch die Oligophrenie und unterschied drei Schweregrade – debilitas, imbecilitas, idiotia. Terminologisch ist diese Arbeit insofern bedeutsam, als hier der Begriff protinis atsilikimas (Gutmanas 1947: 345) einige Male als Synonym für oligofrenijos verwendet wurde; später, bis in die 1980er-Jahre, kam er in litauischen Arbeiten nur sehr selten vor. Im 1959 aus dem Russischen übersetzten Lehrbuch Nervų ir psichinės ligos für medizinische Schulen wurde, ebenso wie in der früheren Arbeit, als Haupt- und Leitterminus zur Bezeichnung intellektueller Beeinträchtigungen der Begriff oligofrenijos verwendet; als Synonyme wurden psichinis atsilikimas, protinio vystymosi atsilikimas und įgimta silpnaprotystė angegeben (Michejevas, Nevzorova 1959: 216–218).
In einem 1966 erschienenen Vorlesungsskript gab die litauische Psychiaterin Aldona Lapytė eine knappe Definition der intellektuellen Beeinträchtigung und etablierte eine Klassifikation und Terminologie, die sich in den beiden späteren, im Folgenden behandelten Zeiträumen bis zum Jahr 2000 kaum verändert hielt: „Geistige Behinderung ist eine intellektuelle Beeinträchtigung, die sich in einer Mangelhaftigkeit des Intellekts äußert. Geistige Behinderung kann angeboren oder erworben sein. Angeborene geistige Behinderung ist Oligophrenie. <...> Ihre schwerste Form ist Idiotie. <...> Imbezillität ist eine leichtere Form der geistigen Behinderung. <...> Die leichteste Form der geistigen Behinderung ist Debilität. <...> Erworbene geistige Behinderung ist Demenz“ (Hervorhebung durch die Verfasserin des Artikels, D. G.) (Grigas, Jocevičienė, Lapytė, Ostrauskas 1966: 112–113).
Vėlyvojo sovietmečio laikotarpiu (1971–1990), lyginant su anksčiau pristatytuoju, pasirodė kur kas daugiau leidinių, kuriuose iš dalies aptariama ir intelekto sutrikimo tema, taigi šiuo metu išryškėjo būtent lietuviškos psichiatrijos mokyklos požiūris į intelekto sutrikimą, taip pat ir vartojamos terminijos tendencijos. Šiuo etapu jau buvo galutinai įsitvirtinusi klasifikacijos kryptis intelekto sutrikimą traktuoti kaip vieną iš silpnaprotystės atmainų, taigi silpnaprotystė buvo skirstoma į įgimtą silpnaprotystę, kuri sinonimiškai dar vadinta oligofrenija, ir įgytą silpnaprotystę, arba demencija. Įgytosios silpnaprotystės, arba oligofrenijos, lygiai vadinti idiotija, imbecilumu ir debilumu (Grigas, Jocevičienė, Lapytė, Ostrauskas 1972: 128, 172–174; Medicinos terminų žodynas 1980: 135, 139, 265, 266, 389; Dembinskas, Eglytė 1985: 133–137). Asmenys, kuriems būdingas intelekto sutrikimas, vadinami oligofrenais (Goštautas, Dembinskas, Pilkauskienė 1979: 6), idiotais, debilais, imbecilais (Dembinskas, Eglytė 1985: 134–135 ir kitur).
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Hier sei daran erinnert, dass im betrachteten Zeitraum (von 1965 bis heute) in der ICD für die Kategorie der Intelligenzstörungen (d. h. die Intelligenzstörung mit all ihren Schweregraden) ein Begriff verwendet wird, dessen Kernbestandteil Retardation ist (engl. mental retardation, frz. retard mental). 1975 wird Kapitel V (Psychiatrie) der ICD-9 ins Russische übersetzt und für die Verwendung in der Sowjetunion angepasst (Bunevičius 1997: 883). Der in der ICD enthaltene Begriff mental retardation wird nicht ins Russische übersetzt; stattdessen wird zur Bezeichnung des Konzepts der bereits in der Sprache vorhandene und gebräuchliche Ausdruck умственная отсталость herangezogen. Darüber hinaus wird auch in Litauen zunehmend die bestehende Entlehnung dieses Ausdrucks aus dem Russischen verwendet, protinis atsilikimas, sodass auch hier nicht aus dem Englischen oder Französischen übersetzt, sondern die russische ICD-Fassung zugrunde gelegt wird, da die Originalfassungen der ICD in englischer oder französischer Sprache den litauischen Fachleuten damals vermutlich grundsätzlich nicht zugänglich waren8. Protinis atsilikimas wurde als Synonym für Oligophrenie bereits in der oben erwähnten Arbeit von L. Gutman aus dem Jahr 1947 verwendet; im betrachteten Zeitraum (1971–1990) erscheint dieser Begriff häufiger nicht in medizinischen Arbeiten, sondern in Publikationen für Sonderpädagogen und Logopäden. In einigen Veröffentlichungen, beispielsweise in Jūratė Daulenskienės Oligofrenijos klinikoje (1981), wird die Intelligenzstörung abwechselnd als silpnaprotyste, oligofrenija und protiniu atsilikimu bezeichnet (Daulenskienė 1981: 3–23); es gibt jedoch auch Arbeiten, in denen in diesem Zusammenhang nur protinis atsilikimas genannt wird (Danilavičius 1973: 22). Bemerkenswert ist, dass in einer für Defektologen im Bildungswesen bestimmten Publikation dieses Zeitraums versucht wurde, die Begriffe Oligophrenie und intellektuelle Retardierung voneinander abzugrenzen (Oligophrenie wurde als Störung definiert, die vor dem Beginn des Spracherwerbs des Kindes auftritt, während intellektuelle Retardierung sowohl Oligophrenie als auch andere krankhafte Zustände des Nervensystems umfasst) (Vaikų vystymosi sutrikimai 1978: 48). Die Begriffe oligofrenija und protinis atsilikimas werden hier also nicht als Synonyme, sondern als Hyperonym (protinis atsilikimas) und eines seiner Hyponyme (oligofrenija) behandelt. In späteren Arbeiten sind weder solche Definitionen dieser Begriffe noch eine solche Beziehung zwischen ihnen belegt.
Paskutiniu XX a. ir kartu pirmuoju Nepriklausomos Lietuvos dešimtmečiu (1991–2000) iš esmės tęsėsi jau prieš tai aptariamuoju laikotarpiu fiksuotos intelekto sutrikimui ir jo lygiams skirtų terminų sinonimijos situacija. 1991–1993 m. išleistoje Medicinos enciklopedijoje intelekto sutrikimas nuosekliai vadinamas oligofrenija ir traktuojamas kaip silpnapro-
8 Das Kapitel zu psychischen Störungen der ICD-9 war damals nicht ins Litauische übersetzt worden; litauische Ärzte codierten psychische Störungen auf Grundlage der russischen Fassung der Klassifikation.
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eine Form der Schwachsinnigkeit – įgimta silpnaprotystė (ME 2 1993: 101); außerdem wird sie in drei Schweregrade unterteilt: debilumą, imbecilumą und idiotiją (ME 1 1991: 166, 339–340, 343). In Algirdas Kriščiūnos Monografie Psichiatrija (1993) werden ähnliche Begriffe wie in der Medicinos enciklopedijoje verwendet, doch wird daneben mehrmals auch der Begriff protinio atsilikimo synonym gebraucht (Kriščiūnas 1993: 166–169). In diesem Zeitraum erschien ein für die litauische psychiatrische Terminologie besonders bedeutsames Werk, das Trumpas psichiatrijos terminų žodynas. Betrachtet man jedoch speziell die Terminologie zur Bezeichnung von Intelligenzstörungen, zeigt sich, dass die Herausgeber traditionelle Begriffe und die alte Klassifikation der Störung beibehielten: oligofrenija, įgimta silpnaprotystė, debilumas, imbecilumas, idiotija (Lapytė, Šurkus 1996: 19, 38–39, 60). Die im Vorwort des Wörterbuchs vorgestellten Leitlinien der Herausgeber – „wir haben uns bemüht, die Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation einzuhalten, <...> und auf veraltete sowie besonders spezifische Begriffe zu verzichten“ – wurden also nicht in allen Bereichen gleichermaßen angewandt. Bei der Auswahl von Begriffen für die Intelligenzstörung und ihre Schweregrade orientierte man sich offenbar an einem anderen Kriterium: „Wir haben die Traditionen des Gebrauchs psychiatrischer Begriffe in Litauen berücksichtigt“ (1996: 2). Denn wie erwähnt, hatte die WHO in ihren ICD-Handbüchern bereits seit 1965 Bezeichnungen für die Schweregrade der Intelligenzstörung wie idiotija, imbecilumas und debilumas9 aufgegeben. Im ersten Jahrzehnt des unabhängigen Litauens waren litauischen Psychiatern die litauische, von der WHO verwendete Fachterminologie, die eine wesentlich respektvollere Haltung gegenüber Patienten ausdrückt, bereits gut bekannt10. Von 1993 bis 1997 wurde erstmals die gesamte ICD-10 ins Litauische übersetzt und veröffentlicht – die zehnte Revision der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (sie umfasst mehrere Publikationen; für das behandelte Thema sind insbesondere folgende relevant: Tarptautinė ligų klasifikacija TLK(ICD)-10. V skyrius: Psichikos ir elgesio sutrikimai (F00–F99), 1995; TLK-10: Tarptautinė statistinė ligų ir sveikatos problemų klasifikacija: 10-oji red. 1996; TLK-10 Psichikos ir elgesio sutrikimai: klinika ir diagnostika, 1997). Außerdem wurde 1993 ins Litauische übersetzt und …
9 Vorläufer dieses Wörterbuchs war das Trumpas psichiatrijos terminų žodynėlis, das als Bestandteil eines 1978 von denselben Autoren herausgegebenen Lehrmaterials erschien (Lapytė, Šurkus 1978). Sowohl in der ersten Fassung (1978) als auch in dem 18 Jahre später veröffentlichten hier besprochenen Wörterbuch (1996) werden dieselben Begriffe zur Bezeichnung der Intelligenzstörung verwendet.
10 So erwähnt A. Kriščiūnas 1993 in seiner Arbeit bereits die in der ICD-10-Klassifikation aufgeführten Schweregrade der Intelligenzstörung. Offensichtlich stützt er sich nicht auf die litauische Übersetzung (da diese noch nicht veröffentlicht war und zudem andere Begriffe verwendet), sondern höchstwahrscheinlich auf die englische Fassung, denn er verwendet Bezeichnungen für die Schweregrade der Intelligenzstörung, die später nirgends mehr vorkommen (lengvas sumažėjimas (des Intelligenzniveaus – Anm. d. Verf.), vidutinis sumažėjimas usw.), die vermutlich vom Autor selbst übersetzt wurden (Kriščiūnas 1993: 168).
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…erschien die dritte Ausgabe des diagnostischen und statistischen Handbuchs der American Psychiatric Association, meist schlicht DSM genannt, in der zur Bezeichnung der Intelligenzstörung ebenfalls die Terminologie protinio atsilikimo und ihrer Schweregrade – lengvo, vidutinio, sunkaus usw. – verwendet wurde (DSM-III-R: 6); in der Praxis wurden Veränderungen jedoch eine Zeit lang vermieden. Diese Situation wird anschaulich durch die in Algirdas Mikalkevičius’ Buch Psichikos ligos verwendeten Begriffe und die Haltung des Autors ihnen gegenüber illustriert. Zunächst definiert der Autor protinio atsilikimo anhand der älteren Konzepte der oligofrenijos und silpnaprotystės. Die Schweregrade der Störung benennt er jedoch wie in der ICD-10: lengvas protinis atsilikimas (im Folgenden PA), vidutinis PA, sunkus PA, gilus PA (Mikalkevičius 1999: 47–48). Später stellt er allerdings fest: „Aus klinischer Sicht ist es bequemer, an der üblichen alten Terminologie festzuhalten und die Oligophrenie einzuteilen in: 1) Idiotie; 2) Imbezillität; 3) Debilität“, und die Personen mit einer Störung bestimmten Grades werden als idiotais, debilais ir imbecilais bezeichnet (Mikalkevičius 1999: 50–55). Bedeutsam für diesen Zeitraum ist jedoch, dass in Zusammenarbeit von Psychiatern, Psychologen und Pädagogen eine neue Klassifikation der Störungen erarbeitet und zur Diskussion gestellt wurde, in der eine von zehn Störungsgruppen als intelekto sutrikimai bezeichnet wurde (ihre Untergruppen: protinis atsilikimas, intelekto regresija, kiti intelekto sutrikimai) (Bagdonas 1995: 6). Diese vorgeschlagene Klassifikation und die darin verwendeten Begriffe wurden zum Ausgangspunkt für eine neue, moderne Klassifikation und Terminologie der Intelligenzstörungen.
Zusammenfassend lässt sich zu den Begriffen für die Intelligenzstörung und ihre Schweregrade in der Sowjetzeit und im ersten Jahrzehnt der Unabhängigkeit sagen: (1) Im Gesundheitswesen hielt man an der alten Klassifikation der Störung fest (die Intelligenzstörung wurde als Form der Schwachsinnigkeit betrachtet), und als diagnostische Begriffe wurden weiterhin die Bezeichnungen oligofrenijos beziehungsweise įgimtos silpnaprotystės sowie für ihre Schweregrade idiotijos, imbecilumo ir debilumo verwendet; (2) gleichzeitig setzte sich in Pädagogik und Bildungswesen und, wesentlich seltener, in der Psychiatrie neben oligofrenijos auch der Begriff protinio atsilikimo durch, der in der ICD bereits seit 1965 vorgesehen war; (3) im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wurde eine neue Klassifikation der Störungen vorgeschlagen, deren einer grundlegender klassifikatorischer Begriff intelekto sutrikimas wurde.
Zusammenfassend werden in Tabelle 1 die in diesem Abschnitt untersuchten Begriffe für die Intelligenzstörung und ihre Schweregrade, die im 20. Jahrhundert in der ICD und in Litauen verwendet wurden und auch heute (in den ersten beiden Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts) noch gebräuchlich sind, chronologisch nebeneinandergestellt. Diese Begriffe werden im nächsten Abschnitt des Artikels ausführlicher behandelt.
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Tabelle 1. Bezeichnungen der intellektuellen Störung und ihrer Schweregrade in der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ILCD, ICD) und in Litauen
BEZEICHNUNGEN FÜR DIE INTELLEKTUELLE STÖRUNG UND IHRE SCHWEREGRADE*
In der Internationalen Klassifikation der Krankheiten auf Englisch
In Litauen
ILCD-2 (1909)
Idiocy, Imbecility, Cretinism**
ILCD-3 (1920)
Idiocy, Imbecility
1935 – Oligophrenie, Schwachsinn: Idiotismus; Imbezillität; Debilität
ILCD-5 (1938)
Mental deficiency
ICD-6 (1948)
Mental deficiency: idiocy; imbecility; moron, in der französischen Fassung – debilite; borderline intelligence; other and unspecified types
1940–1970 – Oligophrenie, angeborener Schwachsinn (selten – geistige Retardierung, psychische Retardierung, verzögerte geistige Entwicklung): Idiotie; Imbezillität; Debilität
ICD-7 (1955)
Mental deficiency: idiocy; imbecility; moron, in der französischen Fassung – debilite; borderline intelligence; mongolism; other and unspecified types
ICD-8 (1965)
Geistige Behinderung: leichte geistige Behinderung; mittelgradige geistige Behinderung; schwere geistige Behinderung; schwerste geistige Behinderung; nicht näher bezeichnete geistige Behinderung
1971–1990 – Oligophrenie, angeborene Schwachsinnigkeit (seltener: geistige Behinderung): Idiotie; Imbezillität; Debilität
ICD-9 (1976)
Geistige Behinderung: leichte geistige Behinderung; andere näher bezeichnete geistige Behinderung; mittelgradige geistige Behinderung; schwere geistige Behinderung; schwerste geistige Behinderung; nicht näher bezeichnete geistige Behinderung
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BEZEICHNUNGEN FÜR DIE INTELLEKTUELLE STÖRUNG UND IHRE SCHWEREGRADE*
In der Internationalen Klassifikation der Krankheiten auf Englisch
In Litauen
ICD-10 (1989) (gültig bis 01.01.2022)
Intellektuelle Behinderung: leichte intellektuelle Behinderung; mittelschwere intellektuelle Behinderung; schwere intellektuelle Behinderung; schwerste intellektuelle Behinderung; sonstige intellektuelle Behinderung; nicht näher bezeichnete intellektuelle Behinderung
1991–2022 – Oligophrenie, angeborene Schwachsinnigkeit: Idiotie; Imbezillität; Debilität. Geistige Behinderung: leichte geistige Behinderung; mittelschwere geistige Behinderung; schwere geistige Behinderung; schwerste geistige Behinderung; sonstige geistige Behinderung; nicht näher bezeichnete geistige Behinderung. Intellektuelle Störung, intellektuelle Beeinträchtigung, geistige Beeinträchtigung
* Der Begriff für die intellektuelle Störung ist in Normalschrift gesetzt, die Bezeichnungen ihrer Schweregrade in Kursivschrift.
** Derzeit fehlen Daten, um genau festzustellen, ob die in ILCD-2 und ILCD-3 verwendeten Begriffe idiocy, imbecility und cretinism eigenständige Störungen oder unterschiedliche Schweregrade derselben Störung bezeichneten.
2. KORRELATION SYNONYMER BEZEICHNUNGEN IM HEUTIGEN SPRACHGEBRAUCH
Bis 1997 war die gesamte ICD-10 ins Litauische übersetzt und veröffentlicht worden. Von da an sollten die darin verwendeten Begriffe auch in der medizinischen Praxis, in der Statistik und in wissenschaftlichen Arbeiten offiziell gebraucht werden. Dennoch wurde die intellektuelle Beeinträchtigung in den vergangenen zwei Jahrzehnten – die in diesem Artikel als Zeitraum gelten, der die aktuelle Situation der Terminologie zur Bezeichnung intellektueller Beeinträchtigungen und ihrer Schweregrade widerspiegelt – sowohl mit dem veralteten Begriff (įgimtos) silnaprotystės als auch mit den in der ICD-10 vorkommenden Begriffen protinio atsilikimo, intelekto sutrikimo bezeichnet. Im Fall der hier behandelten Beeinträchtigung beschränken sich die von Medizinern verwendeten diagnostischen Begriffe nicht auf den medizinischen Bereich; gemeinsam mit der betroffenen Person gelangen sie in alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens – in das Recht, das Bildungswesen, die Sozialfürsorge und Betreuung sowie weitere Bereiche. Die jeweilige Bezeichnung der Diagnose bestimmt somit im Wesentlichen die Richtung des Lebens eines Menschen in der heutigen Gesellschaft. Im Folgenden werden der Gebrauch der genannten aktuellen Begriffe und ihre Korrelation in verschiedenen amtlichen Dokumenten, wissenschaftlichen Arbeiten und in der medizinischen Praxis erörtert.
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2.1. Geistesschwäche
Wie bereits erwähnt, wurde die intellektuelle Beeinträchtigung in den Arbeiten litauischer Psychiater, Logopäden und Sonderpädagogen lange Zeit als oligofrenija oder als įgimta silpnaprotystė bezeichnet; dabei wurden drei Schweregrade unterschieden: debilumas, idiotija, imbecilumas. XX In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab man in vielen Ländern nach und nach nationale Entsprechungen von oligofrenijos (engl. feeble-mindedness, dt. Schwachsinn, russ. слабоумие, малоумие usw.) als negativ konnotierten Begriffen allmählich auf. Die litauische Synonymbezeichnung für oligofrenijos, nämlich įgimta silpnaprotystė, wird in Fachpublikationen jedoch weiterhin auch im 21. Jahrhundert verwendet.
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erschienen mehrere für die Erforschung der psychiatrischen Terminologie äußerst wichtige Arbeiten. 2002 wurde die bereits bei der Erörterung des letzten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts vorgestellte, 1997 veröffentlichte Monografie von A. Kriščiūnas, Psi-chiatrija, neu aufgelegt. In der fünf Jahre später erschienenen Neuauflage blieb das Kapitel „Oligofrenija“ unverändert: Als Leitbegriff des gesamten Kapitels zur Bezeichnung der intellektuellen Beeinträchtigung wird der Begriff oligofrenijos verwendet, während im Text selbst abwechselnd und synonym die Begriffe oligofrenijos, įgimtos silpnaprotystės ir protinio atsilikimo gebraucht werden (Kriščiūnas 2002: 138–143). 2003 erschien das von einem Autorenteam verfasste originäre litauische Psychiatrielehrbuch Psichiatrija (Dembinskas ir kt. 2003). In diesem Lehrbuch wird als zentrale Klassifikationsbezeichnung silpnaprotystės sindromai verwendet; weiter unterteilt werden diese in įgimtą silpnaprotystę, wobei betont wird, dass sie früher oligofrenija und heute protiniu atsilikimu genannt wird, sowie in įgytą silpnaprotystę oder demenciją (Dembinskas ir kt. 2003: 223). Obwohl der Begriff įgimta silpnaprotystė noch an mehreren Stellen synonym verwendet wird, wird die konkrete Beeinträchtigung im Unterkapitel „Protinis atsilikimas“ behandelt. Ihre Schweregrade entsprechen denen der ICD-10: lengvas PA, vidutinis PA, sunkus ir labai sunkus PA; in Klammern wird angegeben, dass diese Schweregrade früher debilumu, imbecilumu ir idiotija hießen (Dembinskas ir kt. 2003: 223–227). Dieses Lehrbuchkapitel, das sich teilweise noch auf die alten traditionellen Begriffe stützt und sich zugleich bereits an der Terminologie der ICD-10 orientiert, veranschaulicht eine Situation, in der sich allmählich nicht nur die Bezeichnung, sondern auch der Begriff selbst und die Auffassung von der Beeinträchtigung verändern: In A. Kriščiūnas’ Monografie wird die intellektuelle Beeinträchtigung als psychische Krankheit definiert (2002: 138); im Wesentlichen wurde sie auch in allen zuvor erörterten Arbeiten des 20. Jahrhunderts so aufgefasst, während sie in diesem Lehrbuch als Syndrom gilt.
Obwohl, wie die Beispiele zeigen, in psychiatrischen Facharbeiten zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch der Begriff silpnaprotystės verwendet wird, wurde er in der medizinischen Praxis endgültig durch protinis atsilikimas ersetzt. Wahrscheinlich wurde dieser Wandel dadurch begünstigt, dass
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in der medizinischen Praxis die Verwendung des ICD-10-Kodierungssystems verbindlich wurde. Darin wird der Begriff silpnaprotystės überhaupt nicht verwendet; die intellektuelle Beeinträchtigung wird vielmehr protiniu atsilikimu genannt. In Bereichen hingegen (zum Beispiel im Rechtswesen), die nicht verbindlich an das ICD-10-System der Kodierungs- und Diagnoseterminologie angepasst wurden, kommt der Gebrauch von silpnaprotystės bis heute vor. Der Begriff silpnaprotystė wurde sogar bis 2016 in Artikel 1.84 Absatz 2 und Artikel 2.10 Absatz 1 des Zivilgesetzbuchs der Republik Litauen (im Folgenden LRCK) offiziell verwendet, die die Anerkennung einer natürlichen Person als geschäftsunfähig oder beschränkt geschäftsfähig regeln, um eine intellektuelle Beeinträchtigung zu bezeichnen. Bis zum 1. Januar 2016 lautete die Formulierung an den genannten Stellen: „<...> aufgrund einer psychischen Krankheit oder Geistesschwäche nicht verstehen kann <...>.“ Der Jurist Valdas Benkunskas, der den Gebrauch von Begriffen aus der psychiatrischen Versorgung in Dokumenten der litauischen Rechtsvorschriften untersuchte, schrieb 2012, als er die Gesetzgeber auf den Gebrauch des veralteten und unethischen Begriffs silpnaprotystė im LRCK aufmerksam zu machen versuchte, dass „die Rechtsetzung bei Veränderungen der Terminologie häufig hinterherhinkt, weshalb Begriffe in der rechtlichen Regelung nicht nur ungenau, sondern mitunter auch unter Inkaufnahme einer Verletzung ethischer Anforderungen verwendet werden“ (Benkunskas 2012: 164). Schließlich wurden am 3. Dezember 2015 Änderungen dieser Artikel verabschiedet (in Kraft getreten am 1. Januar 2016), mit denen die Begriffe silpnaprotystė ir psichikos liga vollständig aufgegeben und die genannten Konzepte mit einem einzigen Begriff, psichikos sutrikimai, bezeichnet wurden. Dieser Begriff wurde wahrscheinlich aus der Zivilprozessordnung der Republik Litauen übernommen, in der er bis dahin bereits in den Artikeln 465, 466, 472 und 473 zur Bezeichnung derselben zivilrechtlichen Beziehungen wie im LRCK verwendet wurde, die in den betreffenden Rechtsnormen geregelt sind (Verfahren zur Anerkennung einer Person als geschäftsunfähig oder beschränkt geschäftsfähig). Nach einer weiteren Änderung vom 11. Januar 2019 lautet die Formulierung der genannten LRCK-Artikel nun: „<...> aufgrund einer psychischen und Verhaltensstörung seine Handlungen nicht verstehen kann <...>.“ Somit wurden die Begriffe psichikos liga und silpnaprotystė durch den Begriff psichikos ir elgesio sutrikimas ersetzt. Diese Bezeichnung für Beeinträchtigungen, die rechtliche Folgen haben können, wurde nun direkt aus der ICD-10 übernommen. Psichikos ir elgesio sutrikimai ist die Bezeichnung des gesamten fünften Kapitels der ICD-10, das sowohl psychische als auch intellektuelle Beeinträchtigungen umfasst, die nach der Skala F00-F99 kodiert werden.
Im Strafgesetzbuch der Republik Litauen (im Folgenden LRBK) wurde der Begriff silpnaprotystė im Gegensatz zum LRCK wesentlich früher aufgegeben – vor fast 20 Jahren. In Artikel 17 des LRBK (verabschiedet am 26. September 2000, in Kraft getreten am 1. Mai 2003), der die Schuldunfähigkeit einer Person regelt, wurden anstelle der drei in der früheren Fassung verwendeten Begriffe silpnaprotystė, chro-
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nische psychische Erkrankung, vorübergehende Störung der psychischen Tätigkeit wurde der bis heute verwendete umfassendere Begriff psychische Störung eingeführt.
Obwohl der Begriff Schwachsinn in den Artikeln der Gesetzbücher, die die Feststellung der Geschäftsunfähigkeit und der Schuldunfähigkeit regeln, seit Jahren nicht mehr verwendet wird, findet er bis heute in Beschlüssen sowohl in Zivil- als auch in Strafsachen weiterhin die Bedeutung einer intellektuellen Beeinträchtigung. In der Datenbank eteismai.lt, in der seit 2005 anonymisierte Beschlüsse und Entscheidungen aller litauischen Gerichte veröffentlicht werden, wurde die intellektuelle Beeinträchtigung im Zeitraum 2005–2020 mit folgenden Begriffen bezeichnet: geistige Behinderung – in 2 916 Beschlüssen, Schwachsinn (mit diesem Begriff wird manchmal eine intellektuelle Beeinträchtigung, manchmal Demenz bezeichnet) – in 825 Beschlüssen, intellektuelle Beeinträchtigung – in 64 Beschlüssen. In ganzen 153 Beschlüssen wurde zudem der abwertende Begriff Intelligenzdefekt verwendet, der bereits gegen Ende der Sowjetzeit aus psychiatrischen und sonderpädagogischen Lehrbüchern und Monografien verschwunden war. Bis zum 1. Januar 2016 lässt sich die Verwendung des Begriffs Schwachsinn in Beschlüssen zwar damit erklären, dass er bis zu diesem Datum im LRCK verwendet wurde. Doch obwohl der Begriff seit dem 1. Januar 2016 auch aus diesem Rechtsakt gestrichen ist, hat die Zahl der Synonyme zur Bezeichnung einer intellektuellen Beeinträchtigung in Gerichtsbeschlüssen nicht abgenommen: Vom 1. Januar 2016 bis zum 1. Mai 2021 wurde geistige Behinderung in 1 563 Beschlüssen verwendet, Schwachsinn in 553 Beschlüssen und intellektuelle Beeinträchtigung in 16 Beschlüssen. Solche Begriffe gelangen meist aus psychiatrischen Gutachten in die Gerichtsbeschlüsse; diese werden von Psychiatern verfasst, obwohl der Begriff Schwachsinn in der von den Ärzten verwendeten ICD-10 weder in den Begriffsdefinitionen noch in den Bezeichnungen vorkommt. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass Schwachsinn künftig weder in Gutachten von Gerichtspsychiatern noch in Gerichtsbeschlüssen vorkommen wird, zumal im neuen Lehrbuch zur psychiatrischen Begutachtung alle genannten psychischen Störungen so bezeichnet und kodiert werden, wie es die ICD-10 vorgibt; dementsprechend wird auch die intellektuelle Beeinträchtigung als geistige Behinderung bezeichnet (Daškevičius, Daškevičienė, Adomaitienė 2018: 55–57). Mit dem Inkrafttreten der ICD-11 muss dann auch geistige Behinderung durch Störung der intellektuellen Entwicklung ersetzt werden.
2.2. Geistige Behinderung, intellektuelle Beeinträchtigung, intellektuelle Behinderung
Mental retardation, ein Begriff, dessen litauisches Äquivalent zum Teil als geistige Behinderung gelten kann11, wurde 1965 in der ICD in der Fassung ICD-8 eingeführt. In Ländern mit einer längeren Tradition seiner Verwendung stellte man im Laufe der Zeit fest, dass sich mit diesem Begriff eine nega-
11 Warum dieser Begriff nur teilweise dem von den Begriffen mental retardation bezeichneten Konzept entspricht, wird weiter unten im Artikel erläutert.
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Diese Entwicklung führte, ebenso wie bei seinen Vorgängern feeble-mindedness (lit. silpnaprotystė), idiocy (lit. idiotija), moron, debility (lit. debilumas), imbecility (lit. imbecilumas) usw. dazu, dass der diagnostische Begriff negative Konnotationen annahm, als er oder verwandte Wörter (zum Beispiel engl. retard, lit. atsilikėlis) in der Alltagssprache begannen, in übertragener, abwertender Bedeutung verwendet zu werden. Daher beschloss man im 21. Jahrhundert, zunächst in Amerika und später auch in anderen Ländern der Welt, die Bezeichnung der betreffenden Störung erneut zu ändern.
Im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts begannen Angehörige und Betreuer von Menschen mit intellektueller Behinderung, Fachleute und Vertreter zivilgesellschaftlicher Organisationen in Amerika, auf den sozialen Schaden hinzuweisen, den der Begriff mental retardation (lit. protinis atsilikimas) verursachte. Als Folge dieser Kampagne wurde sowohl im öffentlichen Diskurs als auch in offiziellen Dokumenten zunehmend der Begriff intellectual disability (lit. intelekto negalia) anstelle von mental retardation verwendet (Shalock, Luckasson, Shogren ir kt. 2007: 117). 2007 wurde die American Association on Mental Retardation (engl. the American Association on Mental Retardation) in American Association on Intellectual and Developmental Disabilities (engl. the American Association on Intellectual and Developmental Disabilities) umbenannt; entsprechend wurde auch der Titel ihrer Zeitschrift geändert (Nash, Hawkins, Kawchuk, Shea 2012: 71). 2010 unterzeichnete der amerikanische Präsident Barack Obama das sogenannte Rosa’s Law (engl. Rosa’s Law; benannt nach einem Mädchen mit intellektueller Behinderung, dessen Angehörige wesentlich zur Kampagne für die Änderung des Begriffs beigetragen hatten) (PUBLIC LAW, 111–256–OCT. 5, 2010). Damit verpflichtete er alle Bundesstaaten, in ihren Gesetzen den Begriff mental retardation durch intellectual disability zu ersetzen und Menschen mit geistiger Behinderung als Menschen mit intellektueller Behinderung zu bezeichnen. 2013 erschien die fünfte Ausgabe des Diagnostischen und Statistischen Handbuchs psychischer Störungen der American Psychiatric Association (DSM–5), in der ebenfalls der Begriff intellectual disability anstelle des bisherigen Begriffs mental retardation verankert wurde.
An dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, dass geistige Behinderung keine genaue Entsprechung des internationalen Begriffs Retardation und der auf diesem Wort beruhenden Begriffe in anderen Sprachen ist (frz. mental retard, engl. mental retardation). Die erste Bedeutung des lateinischen Wortes retardatio ist „Verlangsamung“, die zweite „Rückstand“ (TŽŽ 2013: 709); im Englischen bedeutet retard „etwas verlangsamen“ (engl. to make something slower), retardation hingegen „langsame Entwicklung oder eine Entwicklung, die langsamer verläuft, als sie sollte“ (engl. slow development, or development that is slower than it should be) (CD). Daraus wird ersichtlich, dass das lateinische retardatio in erster Linie Verlangsamung und Verzögerung bedeutet und erst danach Rückstand, während die englischen Begriffe retard und retardation nur Verlangsamung und Verlangsamungsvorgang bedeuten. In diesem Fall ist bedeutsam
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Die Tatsache, dass in der englischsprachigen Fassung von ICD-8 (1965) (einer der offiziellen Sprachen der WHO) erstmals der Begriff mental retardation verwendet wurde, aktualisierte nicht die zweite Bedeutung (Rückstand), sondern die erste – Verlangsamung; mit diesem Begriff war also eine Verlangsamung der geistigen Entwicklung gemeint. Dies belegt auch der seinerzeit in der medizinischen Praxis englischsprachig verwendete andere Begriff für diese Störung, mental backwardness: Die Semantik seines Bestandteils backwardness hob gerade die zweite Bedeutung des lateinischen retardatio hervor – Rückstand, Zurückgebliebenheit, Zurückbleiben hinter allen anderen (CD). Mental backwardness ist seit Langem als unzulässiger diagnostischer Begriff anerkannt, und das Stammwort backwardness, backward (lit. atsilikėlis, atsilikęs), ist in jeder Bedeutung unzulässig (CD). Dennoch wurde, wie bereits erwähnt, die Bezeichnung der betreffenden Störung protinis atsilikimas nicht aus der englischen Originalsprache von ICD-8 und dem dort verwendeten Begriff mental retardation ins Litauische übersetzt, sondern aus dem im Russischen bekannten Begriff умственная отсталость. Letzterer wird auch in der russischen Fassung von ICD-10, МКБ-10, verwendet. Als ICD-10 zwischen 1993 und 1997 vollständig aus dem Englischen ins Litauische übersetzt wurde, übersetzte man diesen Begriff nicht, sondern griff auf sein bereits bestehendes und gebräuchliches litauisches Äquivalent zurück. Beim in ICD verwendeten Begriff mental retardation stehen somit Verlangsamung und Verzögerung im Vordergrund, während in den Fällen des russischen умственная отсталость, des litauischen protinio atsilikimo und des englischen mental backwardness das „Ergebnis“ dieser Verzögerung betont wird – das Zurückbleiben, das Zurückfallen; es handelt sich also um denselben semantischen Unterschied wie zwischen sich verspäten und zu spät kommen. Es zeigt sich, dass der Begriff nicht aus der englischen oder französischen ICD-Fassung übernommen, sondern auf einen bereits bestehenden Begriff zurückgegriffen wurde, der vermutlich zu Beginn der Sowjetzeit aus dem Russischen übersetzt worden war (wahrscheinlich erstmals 1947 im besprochenen Lehrbuch von L. Gutman verwendet). So entstand eine wesentlich „bildhaftere“ Metapher, die nicht die Verlangsamung, sondern das Zurückbleiben hervorhebt. Auf die durch die Semantik des auf diesem Begriff beruhenden Ausdrucks für eine Person mit der Störung – protiškai atsilikęs vaikas – vorgegebene fehlerhafte Sichtweise haben auch Fachleute für kindliche Entwicklung hingewiesen: „Heute ist die Auffassung verworfen, dass die geistige Behinderung weder zum Fortschreiten noch zum Rückschreiten tendiere. Dieses Phänomen ist dynamisch; bei Kindern ist es daher sinnvoll, nicht von geistig zurückgebliebenen Kindern, sondern von geistig zurückbleibenden Kindern zu sprechen“ (Hervorhebung durch die Verf. des Artikels D. G.) (Daulenskienė 2003: 4).
Während in Amerika die Frage des (Nicht-)Gebrauchs des Begriffs mental retardation lebhaft diskutiert wurde, begann die WHO mit der Überarbeitung von ICD-10 und der Ausarbeitung von ICD-11. Die ICD-Gruppe der WHO zur Klassifikation intellektueller Behinderungen musste, bevor sie ein neues Äquivalent für mental retardation vorschlug, entscheiden, wie die intellektuelle Beeinträchtigung zu behandeln sei – als Behinderung oder als Gesundheitszustand. Schließlich
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wurde beschlossen, diese Störung wie bis dahin als Gesundheitszustand zu betrachten, da man befürchtete, dass sie bei einer Einstufung als Behinderung ganz aus ICD gestrichen werden müsste. Dies würde die Gesundheitsstatistik und -politik durcheinanderbringen und den Zugang dieser vulnerablen Gruppe zu Dienstleistungen einschränken (Salvador-Carulla, Reed, Vaez-Azizi et al. 2011). Am 18. Juni 2018 veröffentlichte die WHO die International Classification of Diseases 11th Revision (ICD-11). Anders als in ICD-10 wird hier zur Bezeichnung der intellektuellen Beeinträchtigung nicht mental retardation, sondern der Begriff disorder of intellectual development verwendet. Das genaueste litauische Äquivalent dieses Begriffs wäre intelekto raidos sutrikimas. Dieser Begriff wird bereits im Aiškinamajame psichologijos terminų žodyne, im Kapitel „Entwicklungsstörungen des Nervensystems“, verwendet (Bagdonas, Bliumas 2019: 204). Die Stufen der Störung der intellektuellen Entwicklung in ICD-11 entsprechen, mit einer Ausnahme, denen der geistigen Behinderung in ICD-10: mild (lit. lengvas), moderate (lit. vidutinis), severe (lit. sunkus), profound (lit. labai sunkus), provisional (lit. įtariamas) (in ICD-10 stand other (lit. kitas)), unspecified (lit. nepatikslintas). ICD-11 tritt offiziell am 1. Januar 2022 in Kraft; ab diesem Zeitpunkt wird es jedoch noch einige Jahre dauern, bis die Mitgliedstaaten, darunter Litauen, ICD-11 in ihre jeweiligen Landessprachen übersetzt und in der Praxis eingeführt haben. Somit wird auch in Litauen, sobald die neue, elfte Ausgabe der TLK in Kraft tritt, der derzeit als diagnostischer Begriff verwendete Ausdruck protinis atsilikimas durch ein litauisches Äquivalent von disorder of intellectual development ersetzt werden müssen.
In den Strafverfolgungs-, Bildungs-, Sozialfürsorge- und Gesundheitseinrichtungen Litauens gelten unterschiedliche Rechtsvorschriften, in denen dieselbe Störung bislang mit unterschiedlichen Begriffen bezeichnet wird. Dies hat dazu geführt, dass die betreffende Störung in den Dokumenten aller Bildungseinrichtungen und Dienste, die dem Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Sport der Republik Litauen unterstehen, seit einem Jahrzehnt als intelekto sutrikimu bezeichnet wird, während sie in TLK-10 als protinis atsilikimas benannt ist. Der Begriff intelekto sutrikimas wurde durch den Erlass Nr. V-1265/V-685/A1-317 des Ministers für Bildung und Wissenschaft der Republik Litauen, des Gesundheitsministers der Republik Litauen sowie des Ministers für soziale Sicherheit und Arbeit der Republik Litauen vom 13. Juli 2011 „Über die Genehmigung der Verfahrensbeschreibung zur Feststellung der Gruppen von Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf und zur Einstufung ihres sonderpädagogischen Förderbedarfs in Stufen“ festgeschrieben. In dieser Verfahrensbeschreibung und dem sie festschreibenden Erlass findet sich – anders als in ihrem Vorgänger, dem Erlass Nr. 1329/368/98 vom 12. Juli 2002 „Über das Verfahren zur Feststellung von Störungen und deren Schweregraden bei Personen mit besonderem Förderbedarf sowie zur Zuordnung von Personen mit besonderem Förderbedarf zur Gruppe der Personen mit sonderpädagogischem Förderbedarf“, in dem noch abwechselnd die Begriffe intelekto sutrikimas, protinis atsilikimas ir intelekto regresija verwendet wurden – ausschließlich ein Begriff aus diesem Bereich: intelekto sutrikimas. Obwohl es auf den ersten Blick
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Es könnte den Anschein haben, dass in verschiedenen Bereichen zur Bezeichnung derselben Störung unterschiedliche Begriffe verwendet werden könnten, um jeweils andere Aspekte dieser Störung hervorzuheben. Im Leben einer konkreten Person (nicht nur für sie selbst, sondern auch für die mit ihr arbeitenden und mit ihr kommunizierenden Pädagogen, Betreuer und Ärzte) führt eine uneinheitliche Terminologie jedoch zu großer Verwirrung, zumal eine geistige Behinderung bei einem Kind nicht nur von Fachkräften in medizinischen Einrichtungen, sondern auch von Fachkräften in Bildungseinrichtungen festgestellt werden kann. Derzeit können in Litauen Psychologen bei Kindern eine geistige Behinderung diagnostizieren, nachdem sie einen Intelligenztest durchgeführt und die Anpassungsfähigkeiten untersucht haben. Die Bezeichnung der beim Kind festgestellten Diagnose hängt davon ab, wo der Psychologe tätig ist, also in einer medizinischen oder einer Bildungseinrichtung: Ein in einer medizinischen Einrichtung tätiger Psychologe orientiert sich an TLK-10, wo der Begriff geistige Retardierung verwendet wird, während ein Psychologe in einer dem Bildungssystem zugehörigen Einrichtung dem bereits erwähnten, 2011 von drei Ministern unterzeichneten Erlass folgt, in dem die Störung als Intelligenzstörung bezeichnet wird. Somit führt die entstandene Situation dazu, dass bei einem Teil der litauischen Kinder mit derselben Störung geistige Retardierung und bei einem anderen Teil Intelligenzstörung diagnostiziert wird. Da eine Person mit der genannten Störung im Laufe der Zeit sowohl zum Gegenstand des Gesundheits-, Bildungs- und Sozialschutzsystems als auch des Rechts wird, wird ihre Störung in den verschiedenen sie beschreibenden Bescheinigungen und Dokumenten im Wesentlichen mit allen möglichen und in diesem Artikel erörterten synonymen Begriffen bezeichnet. Ein Beispiel für diese Situation: In Litauen überweist eine Vorschuleinrichtung oder eine Schule ein Kind an eine Abteilung des Pädagogisch-Psychologischen Dienstes (im Folgenden PPT), wenn es zusätzliche oder spezialisierte Lernunterstützung erhalten soll; dort wird der Grad seines sonderpädagogischen Förderbedarfs festgestellt. Im Rahmen der Beurteilung werden Intelligenztests durchgeführt und die Anpassungsfähigkeiten untersucht; anschließend wird eine Intelligenzstörung festgestellt (oder nicht). Daraufhin erhält die Einrichtung, die das Kind überwiesen hat, eine Bescheinigung über die Gewährung sonderpädagogischer Förderung und/oder schulischer Unterstützung (Anlage 8) (die Bescheinigung enthält Empfehlungen zum Lernen, etwa welche Unterstützung der Schüler erhalten sollte). In dieser Bescheinigung stellen die Fachkräfte des PPT eine Intelligenzstörung fest (oder auch nicht), da der PPT dem Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Sport der Republik Litauen untersteht und sich nach dem Erlass von 2011 richtet. Vor Beginn jedes Schuljahres müssen jedoch alle Kinder in Litauen, darunter auch Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf, ihrer Schule ein Gesundheitszeugnis des Kindes (Formular Nr. 027-1/a) vorlegen, das vom Kinderarzt oder Hausarzt ausgestellt wird. In dieses Zeugnis muss der Arzt die Störungen und Diagnosen des Schülers eintragen. Auf Grundlage des vom PPT durchgeführten Intelligenztests und der Bescheinigung, in der eine Intelligenzstörung festgestellt wurde, benennt der behandelnde Arzt des Kindes diese Störung zwingend um und trägt in sein Zeugnis geistige Re- ein.
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tardierung – zwingend deshalb, weil der Arzt kein Bildungsspezialist ist und sich daher an TLK-10 sowie den dort aufgeführten Bezeichnungen von Krankheiten und Störungen und dem entsprechenden Kodierungssystem orientieren muss. Somit erscheint ein solcher Schüler jedes Jahr am 1. September in seiner Schule mit zwei von unterschiedlichen Einrichtungen über ihn ausgestellten Dokumenten – der Bescheinigung des PPT und dem vom Kinderarzt ausgestellten Gesundheitszeugnis –, die für die Lehrkräfte, die Schulleitung und andere mit ihm arbeitende Fachkräfte bestimmt sind. In diesen offiziellen Dokumenten werden für die Störung desselben Kindes zwei unterschiedliche Begriffe verwendet, die im Wesentlichen auch zwei unterschiedliche Konzepte bezeichnen, welche die Haltung gegenüber dem Schüler, die Beziehung zu ihm und die Art der Arbeit mit ihm prägen.
Es ist zu erwarten, dass diese seit einem Jahrzehnt jedes Jahr bei vielen Kindern in Litauen wiederkehrende zweideutige Situation, die in einem Labyrinth mehrerer Begriffe und Konzepte feststeckt, bald ein Ende findet, denn wie bereits erwähnt tritt ab dem 1. Januar 2022 ICD-11 in Kraft. Dort wird anstelle von mental retardation (lit. protinis atsilikimas) der Begriff disorder of intellectual development verwendet. Übersetzer und Fachleute auf diesem Gebiet sollten bei der Übertragung von ICD-11 ins Litauische und ihrer Anpassung an die Bedürfnisse ihres Landes die grundlegend veränderte englische Terminologie in diesem Bereich beachten und eine passende und präzise litauische Entsprechung für den Begriff disorder of intellectual development wählen – intelekto raidos sutrikimas oder Ähnliches. Nach der Übersetzung von ICD-11 und der Einführung von TLK-11 sollten die darin verwendeten Bezeichnungen der Störung und ihrer Schweregrade konsequent mit den Bezeichnungen für dieselbe Störung in anderen offiziellen Dokumenten und Rechtsakten abgestimmt werden. Es wird empfohlen, den Begriff intelekto raidos sutrikimas nicht nur in der medizinischen Praxis, sondern auch in der medizinischen Theorie sowie in Dokumenten und Bescheinigungen der Rechts- und Bildungssysteme zu verwenden. Der derzeit im Bildungsbereich verwendete Begriff intelekto sutrikimas ist als Kurzform des Begriffs intelekto raidos sutrikimas zu betrachten und könnte daher in nichtoffiziellen Dokumenten ohne rechtsverbindlichen Charakter, in publizistischen Texten und in der Umgangssprache verwendet werden.
In Dokumenten geringerer Rechtsverbindlichkeit, die Sozialfürsorge und die Rehabilitation von Menschen mit Behinderungen regeln, in populärwissenschaftlichen Arbeiten sowie derzeit auch in den Medien und allgemein im öffentlichen Diskurs wird der Begriff Intelligenzbehinderung recht häufig verwendet (besonders häufig sind beispielsweise Wortverbindungen wie Person mit Intelligenzbehinderung, Person, die eine Intelligenzbehinderung hat12 und Ähnliches). Dieser Be-
12Früher wurden Menschen mit Intelligenzbehinderung und Menschen mit psychosozialer Behinderung offiziell mit einem einzigen Begriff bezeichnet: psychisch invalide – das ist eine „Person, die nach Maßgabe der normativen Rechtsakte aufgrund einer psychischen Krankheit oder einer Demenz als behindert anerkannt wurde“ (Socialinės apsaugos terminų žodynas 1999: 69).
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Der Begriff ist eine wörtliche Übersetzung des bereits erörterten amerikanischen Begriffs intellectual disability, der in DSM-5 an die Stelle von mental retardation trat. Wie bereits erwähnt, entschied sich die WHO bei der Erarbeitung der neuen (elften) ICD-Ausgabe jedoch dafür, in der neuen Klassifikation nicht den von den Amerikanern verwendeten Begriff, sondern disorder of intellectual development zu verwenden, um nicht die Behinderung, sondern die Störung als Gesundheitszustand hervorzuheben. Es ist anzunehmen, dass nach Inkrafttreten von ICD-11 und ihrer Übersetzung ins Litauische, wenn der Begriff protinis atsilikimas endgültig aus dem offiziellen Sprachgebrauch verschwunden ist und allgemein der Begriff intelekto raidos sutrikimas oder seine Kurzform intelekto sutrikimas verwendet wird, daneben auch der Begriff intelekto negalios (Intelligenzbehinderung) bestehen bleiben und verwendet werden könnte, da das unterschiedliche zweite Glied der zusammengesetzten Begriffe (Störung und Behinderung) auch unterschiedliche Bedeutungen der von diesen Begriffen bezeichneten Konzepte nahelegt. Eine Störung ist als Beeinträchtigung einer Funktion oder eines Organs einer Person zu verstehen, die auf vielfältige Ursachen zurückgehen kann – etwa Krankheit, Trauma, genetische Faktoren oder Ähnliches, die auch unbekannt sein können. Behinderung wird hingegen als Schwierigkeit in den Bereichen grundlegender Fähigkeiten und sozialer Teilhabe verstanden. Aus medizinischer Sicht werden diese Schwierigkeiten, also die Behinderung, durch die Störungen und Krankheiten einer Person verursacht. Nach dem modernen sozialen Modell von Behinderung hingegen wird eine Person durch eine nicht barrierefreie Umwelt, den eingeschränkten Zugang zu alternativen Informations- und Kommunikationsformen, den Mangel an pädagogischen Methoden für den gemeinsamen Unterricht unterschiedlicher Kinder und Ähnliches behindert (Ruškus 2019). Somit ist eine Störung nicht gleichbedeutend mit einer Behinderung; die Begriffe determinieren einander auch nicht strikt: Nicht immer – etwa aufgrund eines leichten Schweregrades der Störung oder der Bemühungen einer fördernden Gesellschaft im Umfeld der betreffenden Person – und nicht jede Störung führt zu einer Behinderung. In verschiedenen Dokumenten wird außerdem der Begriff geistige Behinderung als Synonym für Intelligenzbehinderung verwendet; die Wechselbeziehung zwischen diesen beiden Begriffen bedarf einer gesonderten Diskussion und wissenschaftlichen Untersuchung.
2.3. Zusammenhänge zwischen metaphorischen Termini und sozialen Einstellungen
Den Ergebnissen aktueller wissenschaftlicher Untersuchungen zufolge liegen die Ursachen für die problematische Integration von Menschen mit Behinderungen und die Hindernisse für ihre Anpassung in erster Linie nicht bei den Menschen mit Behinderungen selbst und ihren bestimmten Beeinträchtigungen oder Behinderungen, sondern in der Einstellung aller sie umgebenden „nichtbehinderten“ Menschen und in den dadurch bedingten Handlungen gegenüber Menschen mit Behinderungen. Damit Menschen mit Behinderungen zu einem integralen, gleichberechtigten Teil unserer Gesellschaft werden, sollte daher zunächst die etablierte Einstellung gegenüber Menschen mit Behinderungen geändert werden, insbesondere gegenüber Menschen mit einer intellektuellen oder psychosozialen Behinderung. Soziale Einstellungen lassen sich als struktureller Bestandteil der in der Gesellschaft verankerten Haltung betrachten. Eine soziale Einstellung ist ein Bewusstseinszustand, die Position eines Menschen gegenüber einem Objekt (Personen, einer Gruppe, einer Situation oder einem Wert). Sie äußert sich auf unterschiedliche Weise
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durch verschiedene Symptome oder Indikatoren – durch Worte, Tonfälle, Gesten oder deren Ausbleiben. Eine Einstellung prägt das künftige Verhalten im Voraus (Ruškus 2001: 20). In diesem Artikel wird die Hypothese aufgestellt, dass einer der zahlreichen Faktoren, die die soziale Einstellung gegenüber einem bestimmten Objekt oder Subjekt formen, dessen vorherrschende Bezeichnung in der jeweiligen Sprachgemeinschaft ist, vor allem in deren offiziellen und öffentlichen Diskursen. Eine Änderung des Lexikons und der Terminologie kann daher zugleich die Haltung beeinflussen, denn ein neuer Terminus ist nicht bloß eine leere sprachliche Hülle – er bezeichnet auch einen neuen Begriff und einen anderen Inhalt. Auf der Grundlage der Ergebnisse psycholinguistischer Experimente aus dem Ausland wird in diesem Artikel angenommen, dass eine Änderung der Benennung oder des Terminus eine Veränderung der sozialen Einstellungen, der gesellschaftlichen Haltung und sogar des Verhaltensmusters gegenüber dem benannten Subjekt herbeiführen oder beschleunigen kann.
Im historischen Rückblick mussten viele Termini für intellektuelle Beeinträchtigungen in verschiedenen Sprachen der Welt aus mehreren miteinander verbundenen Gründen wiederholt geändert werden. Erstens wurden oder werden solche Termini aufgegeben, weil sie wissenschaftlich widerlegte und sozial schädliche Begriffe bezeichnen, in denen Behinderung ausschließlich als ein dem Menschen selbst innewohnender Mangel verstanden wird (z. B. wenn die Bezeichnung Wörter wie Defekt, Abnormalität usw. enthält), wobei die Rolle des sozialen Umfelds und der sozialen Einstellungen bei der Entstehung von Behinderung ausgeblendet wird. Zweitens wurden die meisten Termini in diesem Bereich – wie auch viele Bezeichnungen für sozial verletzliche Gruppen allgemein – im Laufe der Zeit in der Umgangssprache in einer übertragenen, abwertenden Bedeutung verwendet und zu Pejorativa. Die weitere Verwendung solcher Wörter als diagnostische Termini wurde daher unethisch und förderte die Diskriminierung dieser verletzlichen Personengruppe zusätzlich. In diesem Unterabschnitt untersuchen wir genauer, inwieweit gerade diese lexikalische Ausprägung eines Terminus zur Entstehung eines falschen Begriffs und dazu beigetragen hat, dass Termini zu Pejorativa wurden – nämlich wenn für ihre Bildung übertragene Wortbedeutungen mit negativer Konnotation gewählt wurden. Für die hier untersuchten Fälle ist bedeutsam, dass bei den nach wie vor aktuellen und gebräuchlichen Termini Schwachsinn und geistige Behinderung eine übertragene, metaphorische Bedeutung zugrunde gelegt wurde.
Metaphern sind in der Terminologie des Litauischen wie auch anderer Sprachen der Welt keineswegs selten; beispielsweise machen metaphorische Termini etwa 8,8 Prozent aller litauischen Rechtstermini aus (Gedzevičienė 2018). Dennoch ist die Haltung gegenüber metaphorischen Termini in der litauischen Terminologieforschung uneinheitlich und eher zurückhaltend. Einerseits wird anerkannt, dass die metaphorische Bedeutungsübertragung eine Möglichkeit der Terminusbildung ist (Gaivenis 2002: 45–52; Jakaitienė 2009: 192), andererseits besteht aus zwei Gründen – 1) weil die Metapher dem Terminus eine emotional-expressive Konnotation verleiht und er dadurch seine stilistische Neutralität verliert; 2) weil bei der metaphorischen Übertragung metaphorischer Termini aus anderen Sprachen ins Litauische ein starker Einfluss des semantischen Feldes des entsprechenden fremdsprachigen Wortes spürbar ist – bis heute eine Tendenz, metaphorische Termini zu vermeiden.
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Und obwohl es in der litauischen Sprachwissenschaft keine eigenständigen wissenschaftlich-theoretischen Arbeiten zum Verhältnis von Terminologie und Ethik gibt, haben praktische Terminologen dennoch immer wieder betont, dass stilistische Neutralität zu den Anforderungen an Termini gehören sollte. Der Terminologe Kazimieras Gaivenis hob sogar bestimmte Bereiche des sozialen Lebens und der Tätigkeit hervor, in denen eine emotional-expressive Konnotation und Bildhaftigkeit in der Terminologie besonders unerwünscht wären. Zu den von ihm genannten Bereichen gehört auch der hier untersuchte: „Bezeichnungen für Berufe, Krankheiten, Kranke usw. müssen emotional neutral sein. <...> [Ungeeignete] Termini könnten Kranke beleidigen. Auch die Terminologie der Pädagogik, Politik und des Rechts sollte emotional neutral sein“ (Gaivenis 2002: 47).
Der Mechanismus, durch den eine Metapher einem Terminus eine emotional-expressive Konnotation verleiht, lässt sich am besten anhand der von der kognitiven Linguistik entwickelten Theorie der konzeptuellen Metapher erklären. Danach wird Metapher als Übertragung eines Ursprungsbereichs auf einen Zielbereich verstanden (Lakoff 1993: 245); sie ermöglicht uns also, ein Phänomen mithilfe des Lexikons eines anderen Phänomens zu erfassen. Dem Ursprungsbereich werden meist relativ konkrete Phänomene unserer Erfahrung und Umwelt zugeordnet, dem Zielbereich hingegen abstraktere (Lee 2015: 6). Bei den in diesem Artikel untersuchten Termini ist der Zielbereich der abstrakte Begriff einer bestimmten Beeinträchtigung, während der Ursprungsbereich Handlungen des menschlichen Alltagslebens, etwa Zurückbleiben, und körperliche Merkmale, etwa schwach, umfasst.
Der metaphorische Prozess aktualisiert Bedeutungen, die mit Phänomenen des Ursprungsbereichs verbunden sind. Daher ist es bei der metaphorischen Terminusbildung schwierig, eine bestimmte Konnotation vollständig zu vermeiden. Zurückbleiben, schwach – Lexeme, die häufiger mit einer negativen als mit einer positiven Konnotation verbunden sind. Die erste direkte Bedeutung des Verbs atsilikti (das Substantiv atsilikimas ist eine Ableitung dieses Verbs), die im Wörterbuch der heutigen litauischen Sprache (im Folgenden DLKŽ) angegeben ist, lautet: „mit anderen nicht Schritt halten, zurückbleiben“: Er ~t weit hinter seinen Freunden zurück. A. hinter dem Zug. Die zweite, auf Grundlage der ersten entstandene übertragene Bedeutung ist „ein bestimmtes Niveau nicht erreichen“, zum Beispiel: In der Schule zurückbleiben. Eine rückständige Technik (DLKŽ). Die Beispiele für beide Bedeutungen legen eine bestimmte visuelle Assoziation der Trennung zweier Personengruppen nahe: eine führende, vorne befindliche Gruppe und eine andere, die hinter den „Vorreitern“ zurückgeblieben ist, also „hinten“ geblieben ist. Im DLKŽ sind sechs Bedeutungen des Wortes silpnas angegeben. Von der ersten bis zur sechsten Bedeutung ist von einem zu geringen Maß einer in der Gesellschaft geschätzten … die Rede.
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Die Beschaffenheit kann sich auf die Menge eines Merkmals oder dessen geringe Qualität beziehen: Die erste Bedeutung bezeichnet geringe körperliche Kraft, die zweite eine schlechte Gesundheit, die dritte einen schwachen Charakter. Die vierte Bedeutung ist übertragen und kommt derjenigen am nächsten, die für den Terminus silpnaprotystė gewählt wurde; sie beschreibt eine schlechte, unzureichende, nicht mit den körperlichen Sinnen wahrnehmbare, sondern abstraktere – charakterliche – Eigenschaft, ein Merkmal, zum Beispiel: silpnas mokinys, silpnas protas, silpna priežiūra, silpna drausmė, silpnas vadovavimas. Auch die fünfte und sechste Bedeutung werden mit einer geringen Menge oder Konzentration des gewünschten Merkmals assoziiert (DLKŽ)13.
Die Metapher ist generell eines der wirksamsten und effektivsten Mittel zur Erzeugung von Anschaulichkeit. Daher lässt sich die Annahme aufstellen, dass dieses Bild der Trennung zweier Gruppen, wobei eine der anderen in einem gewissen Abstand nachhinkt, aus dem sprachlichen und begrifflichen Raum auch auf den sozialen Raum – auf das Verhalten, die Handlungen und den Umgang mit der so bezeichneten Personengruppe – übertragen werden kann. In der Sprache verwendete Metaphern beeinflussen und prägen das Denken derjenigen, die sie gebrauchen, ihre Einstellung zu dem metaphorisch bezeichneten Phänomen und lenken zugleich sogar ihr Verhalten und ihre Handlungen ihm gegenüber. Dass diese These nicht nur eine theoretische Annahme ist, bestätigen psycholinguistische Experimente ausländischer Wissenschaftler, die einen metaphorischen Diskurs über eine andere sozial ausgegrenzte Gruppe – straffällig gewordene Personen – heranzogen14. Auf der Grundlage der Versuchsergebnisse lässt sich annehmen, dass auch die Bezeichnung von Menschen mit einer Intelligenzstörung als geistig atsilikusių oder als Personen mit Diagnosen von geistiger atsilikimo, silpnaprotystės ein entsprechendes Verständnis, soziale Vorstellungen und ein bestimmtes Verhalten vorgeben kann. Die Autorin des Artikels stellt rhetorische Fragen – welche Art von Erziehung, Therapie …
13 Es ist darauf hinzuweisen, dass das DLKŽ weder bei der zweiten Bedeutung von atsilikti noch bei der vierten Bedeutung von silpnas lexikografische Markierungen für eine übertragene Bedeutung enthält. Die Autorin behandelt die untersuchte Bedeutung als übertragen und stützt sich dabei auf die Theorie der konzeptuellen Metapher, deren zentrale Annahme die Übertragung eines Konzepts aus der physischen, greifbaren, sichtbaren oder mit anderen Sinnen wahrnehmbaren Ebene (dem Ausgangsbereich) in einen abstrakteren Raum (den Zielbereich) ist. Bei den untersuchten Termini ist der Zielbereich der nicht physische, oft auf den ersten Blick gar nicht sichtbare Bereich der geistigen Behinderung, zu dessen Bezeichnung Lexeme herangezogen werden, die Merkmale, Handlungen und dergleichen der greifbaren, wahrnehmbaren und sichtbaren physischen Wirklichkeit benennen. Gemäß der Theorie der konzeptuellen Metapher lassen sich die genannten Wortbedeutungen als tote, erstarrte, abgenutzte, lexikalisierte Metaphern bezeichnen.
14 Die Vertreter der kognitiven Psychologie und Linguistik Lera Boroditsky, Paul Thibodeau und James L. McClelland untersuchten die Auswirkungen zweier im öffentlichen Diskurs Amerikas etablierter metaphorischer Modelle – nusikaltėlis yra plėšrus žvėris und nusikalstamumas yra virusas – auf die Einstellungen und das mögliche Verhalten der Menschen. Bei einigen Versuchsteilnehmern war die Beschreibung der zunehmenden Kriminalität in der Stadt nach dem ersten Modell strukturiert, bei den anderen nach dem zweiten. Später zeigte sich, dass der erste Teil der Versuchspersonen als Lösung des Problems vorschlug, Gesetze und Strafen zu verschärfen, mehr Gefängnisse zu bauen und mehr Polizeibeamte einzustellen, während der zweite Teil soziale Reformen vorschlug, dazu aufrief, der Prävention Aufmerksamkeit zu schenken, und die soziale Arbeit in der Gemeinschaft hervorhob. Die Versuchsergebnisse zeigten, dass die Metaphern, mit denen wir Probleme benennen, unser Denken über diese Probleme in eine bestimmte Richtung lenken und sogar Lösungen für sie nahelegen (Thibodeau, McClelland, Boroditsky 2009; Thibodeau, Boroditsky 2011).
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…welche Aufgabe und schließlich welchen Sinn ihre Arbeit haben, sehen Pädagogen, wenn sie eine Bescheinigung über einen Schüler mit protinį atsilikimą und eine Bescheinigung über einen Schüler mit einer intelekto sutrikimą erhalten; oder welchen Einfluss hat die sachverständige psychiatrische Beurteilung einer Person mit silpnaprotystę beziehungsweise die Beurteilung einer Person mit einer intelekto sutrikimą auf die Entscheidung eines Richters, eine Person für geschäftsunfähig oder geschäftsfähig zu erklären?
Andererseits wurde die Verwendung der Termini protinio atsilikimo und silpnaprotystės zur Bezeichnung einer Intelligenzstörung nicht nur deshalb problematisch, weil bei der Bildung der Termini übertragene Bedeutungen mit negativer Konnotation gewählt wurden (das Lexem silpnas weist auf eine zu geringe Menge oder eine mangelhafte Qualität hin, atsilikimas auf Konnotationen des Zurückbleibens hinter allen anderen und der Verspätung), sondern auch aufgrund der pejorativen Ausdrücke (atsilikėlis, atsilikęs, silpnaprotis), die sich auf Grundlage dieser Termini herausgebildet haben und in der Umgangssprache nicht in ihrer terminologischen Bedeutung verwendet werden, sondern um die so bezeichnete Person herabzusetzen, abzuwerten und zu beleidigen. Marco Tassé und Margaret Mehling zufolge „verfestigen solche Wörter, wenn wir sie umgangssprachlich verwenden, noch stärker die Konnotation, dass Menschen mit geringerer Intelligenz und schlechteren Anpassungsfähigkeiten nutzlos, zu nichts fähig und dumm seien …“ (2015: 4–5). Zu Beginn des 21. Jahrhunderts entstand in Amerika eine gesellschaftliche Bewegung, die Menschen dazu aufrief, die Wörter retard (lit. atsilikėlis) und retarded (lit. atsilikęs) nicht mehr als Schimpfwörter zu verwenden, in der Hoffnung, die Verbindungen des Terminus mental retardation mit stigmatisierenden Konnotationen zu lösen. Da der gewünschte Erfolg jedoch nicht rasch eintrat, beschloss man, den Terminus mental retardation (lit. protinis atsilikimas) durch den in der Sprachgemeinschaft neutralen und bislang nicht mit negativen Konnotationen belasteten Terminus intellectual disability (lit. intelekto negalia) zu ersetzen (Tassé, Mehling 2015: 4–9).
Die Bildung von Termini für sozial verletzliche Gruppen sollte auf einer sensiblen Haltung beruhen. Bei der Suche nach einer angemessenen, ethischen Bezeichnung für eine Person und ihren Zustand sollte daher auch die Meinung der jeweiligen Personengruppe berücksichtigt werden, ebenso die Gefühle, die Menschen erleben, wenn sie mit dem einen oder anderen Terminus bezeichnet werden. Menschen mit einer Intelligenzstörung in Litauen nehmen wir bislang als eine schweigende oder schlichtweg ungehörte und nicht zum Sprechen gebrachte Gruppe wahr, die aufgrund häufiger Schwierigkeiten beim Sprachverständnis und Sprachgebrauch selbst, ohne Vermittlung durch Angehörige oder zivilgesellschaftliche Akteure, ihre Meinung dazu, wie ihr Zustand am besten zu bezeichnen wäre, nicht gleichberechtigt mit anderen äußern kann. Aus diesem Grund führte die Autorin des Artikels am 4. Januar 2020 eine Umfrage in einer privaten Facebook-Gruppe durch, in der Eltern und Betreuungspersonen von Kindern mit unterschiedlichen Entwicklungsstörungen (darunter auch einer Intelligenzstörung) zusammenkommen, die in Litauen leben oder gelebt haben. An der Umfrage nahmen 79 Personen teil. Aus den drei vorgeschlagenen Termini – protinis atsilikimas, intelekto sutrikimas ir proto negalia – wurden sie gebeten, einen auszuwählen
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ihres Erachtens die akzeptabelste und geeignetste Bezeichnung für die Störung ihres Kindes oder ihrer betreuten Person. Außerdem konnten sie zwei Spalten ankreuzen: „Alle Begriffe erscheinen geeignet“ und „Ihr Vorschlag“. Die Umfrageergebnisse: protinį atsilikimą wählten 0 Personen als geeigneten und akzeptablen Begriff; intelekto sutrikimą – 78 Personen; proto negalią – 0 Personen; visi terminai atrodo tinkami – 1 Person; als eigenen Vorschlag nannten 2 Personen den Begriff neurodiversiteto. Diese Umfrage zeigte deutlich, welchen Begriffen diejenigen den Vorzug geben, die den Menschen mit einer intellektuellen Beeinträchtigung am nächsten stehen, die stärkste emotionale Bindung zu ihnen haben und ihre Ansichten und Gedanken am häufigsten zum Ausdruck bringen.
In Anbetracht sowohl der Erfahrungen anderer Länder als auch der Verbindungen der in diesem Artikel untersuchten litauischen Begriffe (silnaprotystė ir protinis atsilikimas) zu negativen Konnotationen, die Stigmatisierung und Ausgrenzung begünstigen, sowie der Ansichten von Vertretungen von Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung wird in dem Artikel vorgeschlagen, den Begriff silnaprotystė vollständig aufzugeben und ihn weder für eine intellektuelle Beeinträchtigung noch für Demenz zu verwenden. Bei der Übersetzung der ICD-11 ins Litauische muss zudem die geänderte Bezeichnung der in diesem Artikel behandelten Störung berücksichtigt werden: In der englischsprachigen Klassifikationsfassung wurde der Begriff mental retardation durch disorder of intellectual development ersetzt; folglich muss in der litauischen Fassung der Begriff protinis atsilikimas durch intelekto raidos sutrikimas ersetzt werden. Nach Inkrafttreten der litauischen Fassung der elften ICD-Version muss der entsprechende Begriff auch in der medizinischen Praxis und den damit verbundenen gesellschaftlichen Bereichen verwendet werden. In nichtoffiziellen Texten, im Journalismus und in der gesprochenen Sprache kann weiterhin die Kurzform des Begriffs intelekto raidos sutrikimas verwendet werden, die derzeit in Dokumenten des Bildungswesens gebräuchlich ist: intelekto sutrikimas. In Arbeiten und Texten, in denen nicht die Störung selbst, sondern die gesellschaftlichen Schwierigkeiten von Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung im Mittelpunkt stehen, ist auch der Begriff intelekto negalios zu verwenden.
SCHLUSSFOLGERUNGEN
1. In der englischen Fassung der Internationalen Klassifikation der Krankheiten ICD wurde die intellektuelle Beeinträchtigung von 1901 bis 1964 mit dem Begriff mental deficiency (litauisch intelekto nepakankamumas) bezeichnet; ihre Schweregrade wurden als moron (französisch debilite, litauisch debilumas), imbecility (litauisch imbecilumas) und idiocy (litauisch idiotija) bezeichnet. Von 1965 bis heute werden in der ICD die Begriffe mental retardation (litauisch protinis atsilikimas) und für ihre Schweregrade mild (litauisch lengvas), moderate (litauisch vidutinis), severe (litauisch sunkus), profound (litauisch labai sunkus), other (litauisch kitas) und unspecified (litauisch nepatikslintas) verwendet.
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2. In Litauen wurde die intellektuelle Beeinträchtigung bis zum Zweiten Weltkrieg synonym mit zwei Begriffen bezeichnet – dem internationalen Begriff oligofrenija und dem litauischen silpnaprot ybė – und in drei Schweregrade unterteilt: debilitas, imbecilitas, idiotizmas.
3. In der Sowjetzeit wurde die intellektuelle Beeinträchtigung in medizinischen Arbeiten in Litauen meist als eine der Formen von silpnaprotystės aufgefasst und als angeborene Schwachsinnigkeit oder oligofrenija bezeichnet (die zweite Form war die įgyta silpnaprotystė, also demencija). In Arbeiten der Sonderpädagogik wurde die intellektuelle Beeinträchtigung gelegentlich auch mit dem Begriff protinio atsilikimo bezeichnet. Im Laufe der Zeit trat die unterschiedliche semantische Reichweite der drei im Zeitraum 1940–1999 synonym verwendeten Begriffe silpnaprotystė, oligofrenija und protinis atsilikimas hervor. Sie bezeichneten Konzepte, die unterschiedlichen Klassifikationen angehörten: In der Internationalen Klassifikation der Krankheiten sind protinis atsilikimas und demencija eigenständige nosologische Einheiten, während in der nationalen litauischen psychiatrischen Literatur beide genannten Störungen einer allgemeineren Kategorie zugeordnet und als Syndrome der silpnaprotystės aufgefasst wurden. Insgesamt wurde der Begriff silpnaprotystė in der Sowjetzeit in bis zu drei Bedeutungen verwendet: 1) als Synonym für intellektuelle Beeinträchtigung; 2) als Synonym für Demenz; 3) am häufigsten als Hyperonym, das sowohl intellektuelle Beeinträchtigung als auch Demenz umfasst.
4. Hervorzuheben ist, dass bis 1965 nur die in der ICD und im nationalen litauischen Klassifikationssystem für Störungen verwendeten Hauptbegriffe dieser Störung voneinander abwichen; die Schweregrade wurden in beiden Systemen mit denselben Begriffen imbecilumo, idiotijos und debilumo bezeichnet. Sie wurden nicht aus der englischen, sondern aus der französischen ICD-Fassung ins Litauische übernommen.
5. Nach der Übersetzung der ICD-10 ins Litauische Ende des 20. Jahrhunderts setzte sich in medizinischen wissenschaftlichen Arbeiten und in der medizinischen Praxis der Begriff protinio atsilikimo durch. Dieser Begriff wurde als Entsprechung des in der ICD verwendeten englischen Begriffs mental retardation gewählt. Eine Untersuchung der Semantik des aus dem Lateinischen stammenden englischen Wortes retardation ergab jedoch, dass protinis atsilikimas keine Übersetzung des englischen mental retardation ist, sondern eine wörtliche Übersetzung des russischen Begriffs умственная отсталость. Eine genauere litauische Entsprechung für mental retardation hätte protinio vystymosi sulėtėjimas sein können; der bis heute verwendete Begriff protinio atsilikimo betont nicht die Verlangsamung, sondern ein mögliches Ergebnis der Verlangsamung – das Zurückbleiben.
6. In Litauen werden derzeit mindestens vier Begriffe für intellektuelle Beeinträchtigung verwendet: in wissenschaftlichen medizinischen Arbeiten und in der medizinischen Praxis der Begriff protinio atsilikimo; in der Bildungswissenschaft, der Sonderpädagogik und den Dokumenten von Einrichtungen des Bildungssystems der Begriff intelekto sutrikimo; im öffentlichen Diskurs sowie in Dokumenten der Sozialfürsorge und Betreuung der Begriff intelekto
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Behinderungs- oder geistige-Behinderungsbegriffe; in der Rechtswissenschaft, in Rechtsvorschriften und in der Praxis werden sowohl die Begriffe Intelligenzstörung als auch geistige Behinderung und Schwachsinn verwendet. Mit dem letztgenannten Begriff werden sowohl eine Intelligenzstörung als auch Demenz bezeichnet.
7. Da sich weltweit das Verständnis von Intelligenzstörungen und die Einstellung gegenüber Menschen mit einer Intelligenzstörung verändern und der Begriff mental retardation aufgrund der in der Sprache verbreiteten pejorativen Ausdrücke (retard „Zurückgebliebener“ und retarded „zurückgeblieben“) negative Konnotationen angenommen hat, die eine sozial verletzliche Personengruppe ungerechtfertigt herabwürdigen und gering schätzen können, begann man erneut, nach neutralen und ethischen Begriffen zu suchen. In Amerika wurde mental retardation im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts durch intellectual disability ersetzt, in der elften ICD-Revision hingegen durch den Begriff disorder of intellectual development.
8. Die Verwendung sowohl des Begriffs geistige Behinderung als auch des Begriffs Schwachsinn zur Bezeichnung einer Intelligenzstörung wurde im Litauischen problematisch: erstens aufgrund der übertragenen metaphorischen Bedeutungen, die für die Bildung dieser Begriffe gewählt wurden und eine negative Färbung haben (weil die Lexeme schwach mit gesellschaftlich bewerteten Eigenschaften oder einer geringen Menge beziehungsweise schlechten Qualität eines Merkmals verbunden sind und Zurückbleiben Konnotationen des Hinterherhinkens und Verspätetseins aufweist); zweitens, weil die Begriffe selbst oder verwandte Lexeme (Zurückgebliebener, zurückgeblieben, schwachsinnig) in der Umgangssprache zu pejorativen Ausdrücken wurden, die mit der Absicht verwendet werden, eine Person herabzusetzen.
9. Angesichts sowohl der Erfahrungen anderer Länder als auch der Verbindungen der untersuchten litauischen Begriffe (Schwachsinn und geistige Behinderung) mit negativen Konnotationen, die Stigmatisierung und Ausgrenzung fördern, sowie der Meinung von Vertretern von Menschen mit Intelligenzstörungen wird in diesem Artikel empfohlen, den Begriff Schwachsinn vollständig aufzugeben und ihn weder im Sinne einer Intelligenzstörung noch einer Demenz zu verwenden. Bei der Übersetzung der am 1. Januar 2022 in Kraft tretenden elften ICD-Revision ins Litauische ist der geänderten Terminologie für die in diesem Artikel behandelte Störung Rechnung zu tragen: In der englischen Fassung der Klassifikation wurde der Begriff mental retardation durch disorder of intellectual development ersetzt; folglich muss auch in der litauischen Fassung der Begriff geistige Behinderung durch Störung der intellektuellen Entwicklung ersetzt werden. Es wird empfohlen, den Begriff Störung der intellektuellen Entwicklung nicht nur in der medizinischen Praxis, sondern auch in damit verbundenen Bereichen – in der medizinischen Theorie sowie in Dokumenten, Bescheinigungen usw. der Rechts- und Bildungssysteme – zu verwenden, um mögliche terminologische Verwirrung zu vermeiden. Derzeit wird im Bildungsbereich der Begriff Intelligenzstörung verwendet. Als Kurzform des Begriffs Störung der intellektuellen Entwicklung könnte er in informellen, rechtlich nicht bindenden Dokumenten verwendet werden,
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in publizistischen Texten und in der Umgangssprache. In Arbeiten und Texten, in denen nicht die Störung selbst, sondern die Schwierigkeiten im Mittelpunkt stehen, denen Menschen mit einer Störung im sozialen Umfeld begegnen, ist auch der Begriff Behinderung im Bereich der Intelligenz zu verwenden.
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CHANGE OF TERMS DEFINING INTELLECTUAL DISABILITY AND ITS LEVELS IN LITHUANIA AND CHANGE-DETERMINING FACTORS
Summary
An assessment of the terms used to describe intellectual disability in the International Classification of Diseases (ICD) and the terms used in Lithuania during the 20th century and the early 21st century shows that by the end of the 20th century, the main terminology in use greatly differed between the ICD and the Lithuanian classification. For example, the ICD listed mental deficiency (until 1965) and mental retardation (1965 to present), while in Lithuania the words such as silpnaprotystė (feeble-mindedness) and oligofrenija (oligophrenia) were and are still used. For a long time, only the terms used to name the different levels of intellectual disability were the same in both systems: debilumas (debility), imbecilumas (imbecility), and idiotija (idiocy). From the late 20th century until now, intellectual disability has been defined by at least four terms in Lithuania: protinis atsilikimas (mental retardation), silpnaprotystė (feeble-mindedness), intelekto sutrikimas (disorder of intellect), and intelekto negalia (intellectual disability). In the 21st century, with a fundamental change in attitudes
Terminologija | 2021 | 28
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towards people with intellectual disabilities and the resulting effort to reduce the exclusion of this social group, more attention was paid to the negative stigmatizing connotations of the term ‘mental retardation’, and the search for a more neutral, ethical term for this disorder began. In America, the term ‘mental retardation’ was replaced by ‘intellectual disability’ from 2007 to 2010 and, in ICD-11, which will be officially adopted on 1 January 2022, it has been supplanted by ‘disorder of intellectual development’. The use of protin is atsilikimas (mental retardation) and silpnaprotystė (feeble-mindedness) in Lithuanian has become problematic, partly due to the negative connotations of the words, which have metaphorical meanings [the lexical item silpnas (feeble, weak) has the connotations of a very small quantity or a poor quality of any attribute valued in society, and the lexical item atsilikimas (backwardness, lag) has the connotation of lagging behind all, delayed], and partly because the terms and related words [atsilikėlis (retard), atsilikęs (retarded), silpnaprotis (feeble-minded)] have become pejorative in colloquial speech, used to humiliate the person called in such a way. Thus, this paper proposes the term intelekto raidos sutrikimas (disorder of intellectual development) or its short form intelekto sutrikimas (disorder of intellect) when referring to intellectual disability in Lithuanian official documents. In the contexts where the disability or the dysfunction caused by the disorder are emphasised, the term intelekto negalia (intellectual disability) may be used. Meanwhile, metaphorical terms such as silpnaprotystė (feeble-mindedness) and protin is atsilikimas (mental retardation) should be abandoned entirely as they are obsolete, offensive and socially harmful. Silpnaprotystė (feeble-mindedness), in particular, should not be used in the sense of either intellectual disability or dementia.
Gauta 2021-06-23
Dalia Gedzevičienė Lietuvos socialinių mokslų centro Teisės institutas Ankštoji g. 1A, LT-01109 Vilnius E. paštas
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Dalia Gedzevičienė
Lietuviškų intelekto sutrikimų ir jo lygius įvardijančių terminų kaita ir ją lemiantys veiksniai