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Dėl trijų skolinių iš italų kulinarijos

Stefano M. Lanza

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STEFANO M. LANZA Vytautas-Magnus-Universität Die Gewalt einer Sprache ist nicht, dass sie das Fremde abweist, sondern, dass sie es verschlingt. J. W. Goethe Die Sprache ist nicht deshalb stark, weil sie alles Fremde abweist, sondern weil sie das Fremde verschlingt. J. W. Goethe ZU DREI LEHNWÖRTERN AUS DER ITALIENISCHEN KÜCHE In diesem Artikel werden drei in jüngster Zeit in Litauen verbreitete Bezeichnungen italienischer Gerichte behandelt: calzone, carpaccio und tiramisù. Keine von ihnen ist weder im Wörterbuch der Gegenwartssprache Litauens noch in den Wörterbüchern der Internationalismen (TŽŽ 2001 oder VV TŽŽ 2003) verzeichnet. Weder in den Beratungsdatenbanken der Staatlichen Kommission für die litauische Sprache noch des Instituts für die litauische Sprache gibt es Einträge zu diesen Wörtern; auch Empfehlungen von Sprachwissenschaftlern wurden nicht gefunden. In der Schriftsprache kommen sie gewöhnlich auf Speisekarten von Restaurants vor. Von dort gelangten carpaccio und tiramisù in Albina Šiupienienės 2005 veröffentlichte Handreichung Į pagalbą valgiaraščių tvarkytojams, und zwar lediglich als italienische Gerichtsnamen. Sie wurden nicht als mögliche Lehnwörter erörtert, die Frage ihrer Eignung für die litauische Sprache wurde nicht angesprochen; stattdessen wurden sie beschreibend übersetzt: Vorspeise aus rohem Rindfleisch (it. carpaccio di manzo) und Vorspeise aus rohem Lachs (it. carpaccio di salmone) sowie Kaffeegebäck (it. tiramisù) (Šiupienienė 2005: 97, 100). In der theoretischen Literatur zur Onomasiologie werden traditionell drei Arten der Benennung (als Akt des Bezeichnens) unterschieden: a) ein bereits im Sprachsystem vorhandenes Wort wird auf einen neuen Gegenstand angewandt (Bedeutungsentlehnung); b) ein neues Wort wird unter Nutzung der Ressourcen der eigenen Sprache geschaffen (Neubildung); c) ein Modell aus einer fremden Sprache wird an das System der eigenen Sprache angepasst, wobei die Ausdrucksform des Originals mehr oder weniger phonetisch und morphologisch verändert wird (Lehnwort) (vgl. Grzega 2003: 22). 308 KALBOS KULTŪRA | 82 Aprašomasis naujos tikrovės apibūdinimas yra pirminis pažinimo proceso etapas. Tiesiog aiškinama, kas yra ta nauja realija. Suvokiant aprašomuosius žodžių junginius kaip leksinius vienetus, būtų galima laikyti naujos tikrovės apibūdinimą primityviu naujadaro kūrimo procesu. Aprašomieji junginiai yra primityvūs iš esmės dėl dviejų priežasčių: 1) jie nepatogūs vartoti – dviejų ar daugiau žodžių junginiai vienai sąvokai vadinti prieštarauja kalbos ekonomiškumo principui; 2) retai kada jie yra pakankamai tikslūs: žalios jautienos užkanda gali būti patiekalas, kuris visai nėra italų carpaccio; kiek tiksliau (bet ir gremėzdiškiau) būtų tokia itališka žalios jautienos nugarinės arba lašišos filė užkanda1; dar neapibrėžtesnis, todėl ir netinkamas italų tiramisu pavadinti, yra kavos pyragaitis2. Die Leitlinien zur Sprachnormierung haben sich längst etabliert3; inzwischen orientiert man sich an den von der Kommission für die litauische Sprache gebilligten Grundsätzen: 1) Entlehnungen nicht übernehmen, wenn sie durch eigene litauische Wörter und Entsprechungen ersetzt werden können; 2) Entlehnungen an das Litauische anpassen, wenn sie nicht durch eigene Wörter ersetzt werden können (vgl. 2007 Allgemeine Kriterien zur Normierung neuer Entlehnungen). Welche Form zweckmäßiger ist – eine Entlehnung oder eine lexikalische Einheit in litauischer Form (bereits vorhanden oder als Neubildung geschaffen) –, wird nach einer Untersuchung der Entlehnungen selbst, ihres Aufbaus und ihres Gebrauchs4 sowie ihrer Beziehungen zum Sprachsystem entschieden (vgl. Pupkis 2005: 252). C A L Z O N E Auf Italienisch wird Calzone (ausgesprochen [kal’tsonə5]) eine besondere Art von Pizza genannt. Auf den ausgerollten Teigkreis (den Pizzaboden) wird zunächst die Füllung gegeben. Anschließend wird der Teigkreis umgeklappt, und die beiden entstandenen Hälften werden an den Rändern zusammengeklebt- 1 Die von A. Šiupienienė vorgeschlagenen „Termini“ entsprechen nicht den Prinzipien der Sprachökonomie und Konsequenz: Dasselbe Carpaccio wird als Vorspeise bezeichnet, wenn es aus Fleisch besteht, und als kleine Vorspeise, wenn es aus Fisch besteht. 2 Im traditionellen Rezept für diese Süßspeise ist Kaffee bei Weitem keine Hauptzutat. 3 Trumpą lietuvių kalbos norminimo istoriją žr. Pupkis 2005: 251–252. 4 Dieser Artikel stützt sich, sofern nicht anders angegeben, auf Daten von Seiten, die mit der Suchmaschine Google gefunden wurden. Die statistischen Daten von Google sind quantitativ nicht zuverlässig: Sie stellen lediglich eine ungefähre Schätzung der Seitenzahl dar (übrigens unterscheiden sich die Ergebnisse derselben Suchanfrage bei Verwendung anderer Suchmaschinen und sogar dann, wenn dieselbe Anfrage mit derselben Suchmaschine, aber aus verschiedenen Ländern gestellt wird). Google ist jedoch sehr nützlich, wenn man Beispiele für den Sprachgebrauch finden möchte, denn die angezeigten Seiten sind unbestreitbare Sprachbelege. Außerdem ist die Sprache des Internets so vielfältig, dass die Ergebnisse nicht nur Beispiele der Schriftsprache umfassen (zu den besonderen Eigenschaften der Internetsprache vgl. insbesondere Crystal 2001). 5 Die Aussprache wird hier und im Folgenden nach der internationalen IPA-Transkription wiedergegeben. S. M. LANZA. Dėl trijų skolinių iš italų kulinarijos 309 mos. Die so zubereitete halbmondförmige Speise wird in den Ofen geschoben. Ein solches aufgegangenes Gebäck, dessen Form bereits im 17. Jahrhundert, als das Wort calzone erstmals belegt wurde (nach DELI 1999), an den aufgeblähten oberen Teil des Hosenbeins erinnerte (ital. calzone, dial. cazone). Der Autor des 1877 erschienenen Vocabolario napoletano-italiano (Neapolitanisch-italienisches Wörterbuch), R. Andreoli (R. Andreoli), erläutert: „[calzone] ist ein gefüllter Fladen, dessen Form dem Hosenbein am Oberschenkel ähnelt und den man zweckmäßigerweise weiterhin mit seinem eigenen Namen calzone nennen sollte.“ Im heutigen Litauischen gibt es kein Wort, das dem italienischen calzone genau entspricht. Daher muss es nach den zuvor genannten Grundsätzen entweder litauisiert oder durch eine litauische Wendung ersetzt werden. In der gesprochenen Sprache hört man häufig kalconę oder kalconą, doch schriftlich ist eine solche angepasste Form äußerst selten6. Offenbar ist die phonetische Struktur des Lehnworts für litauische Sprecher völlig klar, und die Aussprache des Originals wird ziemlich genau wiedergegeben. Das könnte auch erklären, warum man sich – solange es noch keine standardsprachliche Norm gibt – häufiger mit der Wiedergabe in der authentischen Schreibweise begnügt, z. B.: Wirklich sehr leckere Pizzen, besonders calzone; Sie können auch eine geschlossene Pizza vom Typ „calzone“ backen; Wie die Italiener mit calzone-Pizzen umgehen; Für die gefüllte Pizza (calzone) wird der Teig genauso zubereitet. Wie die Beispiele zeigen, wird das italienische Wort häufig durch eine Erläuterung seiner Bedeutung ergänzt; vgl. auch: Schinken-Ananas-Calzone (gefaltete Pizza); Calzone (geschlossene Pizza): Käse, Schinken, Champignons, „Salsa“, Zwiebeln, saure Sahne; „Calcone“ – sofort werden Sie Pizzen anders beurteilen! Das ist eine geschlossene Pizza; Vegetarische „Kalcone“ 13,90 Lt, gefaltete Pizza mit Auberginen-Spinat-Füllung; Gefaltete / Calzone. Soße, Käse, Schinken, Pilze, Paprika. Obwohl insgesamt nur wenige Beispiele gefunden wurden, ist anzumerken, dass im Sprachgebrauch bereits mehrere beschreibende Wendungen vorkommen, vgl.: gefüllte Pizza, gefaltete Pizza, die gefaltete (Pizza), geschlossene Pizza. Als Fachbegriffe kämen allenfalls bestimmte Formen mit bestimmtem Artikel infrage, beispielsweise die bereits erwähnte perlenktoji pica. In anderen Sprachen setzt sich calzone als Lehnwort durch, vgl.: Tasty, economical and easy to fix, a calzone would make a fine lunch or dinner sandwich; Calzone ist eine gefüllte Pizza; Qui peut résister devant une pizza italienne, devant une calzone bien garnie?; Que bueno el calzone con una cerv ecita bien helada...; И да, и нет — кальцоне, это не что иное, как одна из разновидностей пиццы7. Die Schreibweise ist häufig phonetisch nicht angepasst, doch das Wort wird morphologisch eingegliedert- 6 Gefunden wurden kalcone, kalzone, calcone, kalcioni. Beispiele für morphologisch eingegliederte Formen konnten nicht gefunden werden. 7 Manchmal wird calzone in Verbindung mit pizza verwendet, vgl.: a pizza calzone, eine Pizza Calzone, une pizza calzone. 310 KALBOS KULTŪRA | 82 mas, vgl.: two calzones; zwei große Calzonen; les calzones; los calzones8. Wie stark das Genus schwankt, zeigt sich sogar in Beispielen aus ein und derselben Sprache. Im Deutschen und Französischen überwiegen feminine Formen; im Spanischen wurde calzone ausschließlich im Maskulinum gefunden, im Russischen hingegen im Neutrum. Bei der Entscheidung, wie die litauische Bezeichnung für ital. calzone lauten soll, sollte man zunächst jedoch anerkennen, dass calzone keine Pizza, sondern ein eigenständiges Gebäck ist. Statt der sprachlich uneconomischen und semantisch ungenauen Wendung perlenktoji pica wird vorgeschlagen, das im Sprachgebrauch bereits vorkommende angepasste Lehnwort kalčonė9 zu etablieren. Eine litauisierte Bezeichnung eignet sich besser zur Benennung von Realien fremder Länder als eine eigens gebildete einheimische Entsprechung; außerdem fügt sie sich systematisch in die Gruppe der Lehnwörter ein, die nichtlitauische Gerichte bezeichnen (vgl. pica). C A R P A C C I O Carpaccio ist im Grunde ein symbolischer Speisename: Er hat keinerlei semantischen Bezug zu den Bestandteilen des Gerichts und beschreibt dessen Zusammensetzung nicht. Ungewöhnlicherweise sind das Entstehungsdatum und sogar der Entstehungsort dieses Wortes bekannt. 196310 erfand in Venedig der exzentrische Besitzer des Cafés Harry’s bar, Giuseppe Cipriani (Giuseppe Cipriani), ein neues Gericht für eine anspruchsvolle Kundin, die weder gekochtes noch gebratenes Fleisch essen konnte. Für die Bezeichnung der dünnen marinierten Scheiben rohen Rindfleischs ließ er sich von aktuellen Ereignissen der Stadt inspirieren. Von Juni bis Oktober jenes Jahres fand eine Ausstellung mit Gemälden des berühmten Malers Vittore Carpaccio (Vittore Carpaccio) statt. So wurde der Familienname des Künstlers zu einem befristeten Gerichtsnamen. Diese rein okkasionelle Bildung etablierte sich später im Lexikonsystem, als das Gericht und seine Zubereitungsart an Popularität gewannen. Im Ausland verbreitete sich carpaccio als Exotismus und kulinarischer Fachbegriff (es ist bereits 1973 im französischen GR und 1974 im englischen OED belegt). 8 Im Russischen scheint das Wort кальюне unveränderlich zu sein, vgl.: Для Кальюне мне нравится не очень крутое тесто без опары; Разница с кальюне опять же в размере и принципе жарки. 9 Allerdings wäre aus bestimmten Gründen die Variante kalčonas besser geeignet. Sie ist phonetisch genauer, da das finale [n] im ital. calzone nicht palatalisiert ist. Außerdem bewahrt kalconas das Genus des Originals (ital. calzone ist nämlich maskulin) und ist systematischer im Vergleich zu anderen Lehnwörtern aus dem Italienischen (vgl.: balcone > balkon as, cartone > kartonas, vasone > vazonas). Die italienische Endung -e wird jedoch natürlicherweise mit dem litauischen Femininum -ė assoziiert, und hier wirkt vermutlich die Analogie zum femininen pica, weshalb die Form kalčonė aussichtsreicher sein dürfte. 10 Diese Jahresangabe findet sich in allen italienischen Wörterbüchern. Einige Onlinequellen nennen andere Jahre und schildern abweichende Umstände zur Entstehung und Benennung des Gerichts. S. M. LANZA. Dėl trijų skolinių iš italų kulinarijos 311 Der Korrespondent der Lietuvos rytas aus Italien schrieb am 12.06.2006 in einem Artikel über carpaccio ironisch: „[Ich] stelle mir vor, dass die Sprachpuristen des Litauischen wohl schon darüber nachdenken, wie man dieses italienische Fremdwort am treffendsten übersetzen könnte, schließlich hat es ja nichts mit Karpfen zu tun. [...] Diesmal dürften unsere Sprachpuristen wohl das Nachsehen haben, denn das Gericht, das derzeit in fast allen Restaurants Litauens angeboten wird, ist nach einem berühmten Maler benannt. Und Namen zu entstellen, ist sehr hässlich.“11 Zu diesem schablonenhaften Humor dürften wohl die zuvor erwähnten schwerfälligen beschreibenden Wortverbindungen geführt haben. In Wirklichkeit braucht man sie auch nicht. Schon gar nicht muss etwas übersetzt werden. Wird aus einem Eigennamen ein Gattungsname gebildet, ist es üblich, keinen eigenen Ersatz zu schaffen, sondern das Lehnwort einfach zu adaptieren, z. B.: begonija (nach dem Familiennamen des Botanikliebhabers M. Begon), karnotitas (nach dem Familiennamen des französischen Mineralogen M. A. Carnot), keinsizmas (nach dem Familiennamen des englischen Ökonomen J. M. Keynes), voltas (nach dem Familiennamen des italienischen Physikers A. Volta) usw. Die Frage ist, welche Form des Lehnworts als die geeignetste gelten soll. Da der Familienname des Malers als Karpačas adaptiert wird, sollte der Name des Gerichts entsprechend – morphologisch angepasst12 – karpačas lauten. Im Sprachgebrauch ist karpačas jedoch selten. Neben zahlreichen Belegen für die nicht adaptierte Verwendung von carpaccio finden sich auch andere, mehr oder weniger litauisierte Varianten, vgl.: Als dieser Ort gerade eröffnet hatte, begeisterte er mit einem wunderbaren karpačio; wir schneiden karpačio in sehr dünne Scheiben und legen sie direkt auf den Teller; der Wein harmoniert nicht allzu schlecht mit dem Carpaccio aus gesalzenem und frischem Lachs13; erwähnenswert sind das Rindfleisch- und das Lachscarpacio, die auf etwas unkonventionelle Weise als Salate serviert werden. Am häufigsten begegnet die unveränderliche adaptierte Form karpačio. Für die Form karpačas gibt es nur vereinzelte Belege, und der erwähnte Instrumental karpačiu (wie lautete der Nominativ? – karpačis, karpačias?) ist ein vereinzelter Verwendungsfall. Teilweise litauisierte und überhaupt nicht litauisierte Formen können nach den zuvor genannten Grundsätzen nicht als normgerecht gelten. Die Verbreitung der Form karpačio (mit i) ist wahrscheinlich auf eine gewisse Ähnlichkeit mit der Originalschreibung und darauf zurückzuführen, dass im Litauischen der weiche Laut [tʃ] vor hinteren Vokalen – insbesondere vor o – wesentlich häufiger ist als der harte. Der Vorteil der selteneren Form karpačas (ohne i) liegt in ihrer morphologischen Anpassung. In jüngster Zeit wurden Lehnwörter mit auslautendem stimmlosen [tʃ] (und stimmhaften [dʒ]) nicht konsequent angepasst. Die Schreibweise kapričio (< capriccio), die eine Gebrauchstradition hat, wurde aufgegeben – an ihrer Stelle wird kapričo empfohlen oder 11 Es ist ziemlich paradox, dass der Korrespondent im selben Artikel den Besitzer der Bar statt Giuseppe Giovanni nannte und den Maler statt Vittore – Vittorio. 12 Apie morfologinio adaptavimo būtinumą plg. Vaicekauskienė (2007: 186–187). 13 Dies ist das einzige im VDU-Korpus gefundene Beispiel. 312 KALBOS KULTŪRA | 82 kapričas (TŽŽ 1985, TŽŽ 2001)14, – bet paliktas solfedžio (< solfeggio). Kai vartosena neprieštarauja vidinėms kalbos taisyklėms, ji turėtų būti palaikoma. Ne tik nekaitomas -o galūnės žodis karpačio neprieštarauja lietuvių kalbos normoms (plg. DLKG4 2006: 82), bet sistemiškai tinka prie solfedžio ir prie į normą grąžintino kapričio. Siūloma teikti vartoti pastovaus kirčiavimo vyriškosios giminės (plg. DLKG4 2006: 64) formą karpačio. T I R A M I S Ū Es gibt verschiedene Rezepte für das traditionelle italienische Dessert tiramisù (ausgesprochen [tiramiʼsu]). Dem ersten Wörterbuch zufolge, das dieses Wort verzeichnete (Zingarelli 1983), handelt es sich um eine „halbgefrorene Süßspeise aus Biskuit, mit einer Kakaoschicht überzogen und aus Mascarpone15, Eiern und Zucker zubereitet“. Wie tiramisù entstand, ist nicht genau bekannt, doch sind sich die Wörterbücher zumindest hinsichtlich des ersten Belegdatums einig – dem Jahr 1980. Der Name setzt sich aus den zwei Wörtern tirami su16 zusammen, die wörtlich übersetzt „zieh mich hoch“ bedeuten. Angesichts der übertragenen Bedeutung der Verbverbindung tirare su „jemanden aufmuntern, jemandem neue Kraft geben“ besteht der Zweck dieses Desserts darin, zu beleben. Bei der theoretischen Überlegung, wie ein litauisches Äquivalent für tiramisu aussehen könnte, sollte klar sein, dass es sinnlos ist, eine solche Bezeichnung Silbe für Silbe zu übersetzen (und meines Wissens wurden bisher auch keine Lehnübersetzungen vorgeschlagen). Über die Zweckmäßigkeit beschreibender Bezeichnungen wurden in diesem Artikel bereits Zweifel geäußert: Sie sind nur selten hinreichend genau und lassen sich nicht bequem verwenden, weshalb sie sich in der Sprachpraxis nur schwer durchsetzen. All dies wird auch durch den Sprachgebrauch bestätigt. Die unveränderliche Form tiramisu hat sich im Litauischen bereits etabliert; gelegentlich wird sie allerdings noch großgeschrieben, Tiramisu, als wäre es ein Eigenname. Es finden sich Beispiele für fast alle Kasus, vgl.: Tiramisu ist einfach zuzubereiten und dauert nur 30 Minuten; in jedem Café schmeckt das Tiramisu anders; man muss das Tiramisu ruhen und durchziehen lassen; unmittelbar vor dem Servieren das Tiramisu schla 14 Die Form kapričio als Ausspracheentsprechung des ital. capriccio findet sich bereits im Wörterbuch für internationale Wörter von 1936 Tarptautinių žodžių žodyne. Unter Berufung auf einen Beschluss der Kommission für die litauische Sprache sprach sich auch A. Pakerys (1991: 5) gegen die Form kapričo aus. 15 Die Form maskarponė (< ital. mascarpone) wird bereits als normgerecht empfohlen (Girčienė, Liutkevičienė 2008: 117). In mancher Hinsicht wäre jedoch maskarponas genauer (vgl. die Argumente für kalconas in Fußnote 9). 16 Die in italienischen Wörterbüchern weiterhin angegebene Schreibweise des Namens in zwei Wörtern (tirami su) ist inzwischen im Wesentlichen nicht mehr gebräuchlich. S. M. LANZA. Dėl trijų skolinių iš italų kulinarijos 313 rykite ihn vier Stunden lang im Kühlschrank; als Dessert wählt er am liebsten das süße Tiramisu; wann kommst du mit dem Tiramisu?. In der gesprochenen Sprache habe ich gehört, dass es auf Litauisch [tira’misu] ausgesprochen wird, doch gibt es keinerlei sprachlichen Grund, eine solche Betonung zu unterstützen, ungeachtet der Betonungsstelle im Original. Außerdem ist die Endbetonung gerade für Lehnwörter mit der Endung –u typisch, vgl.: interviù, kakadù, meniù, reviù, tabù usw. Für das Lehnwort tiramisu gibt es im Litauischen keinen geeigneten Ersatz. Das Wort tiramisu bezeichnet eine besondere kulturelle Gegebenheit eines anderen Landes und ist als Lehnwort in anderen Sprachen der Welt weit verbreitet17; seine phonetische und morphologische Struktur widerspricht den grammatischen Normen des Litauischen nicht. Wie andere litauische Lehnwörter mit betontem auslautendem –ù ist es unveränderlich (vgl. DLKG4 2006: 82); sein Genus ist maskulin (vgl. DLKG4 2006: 64), die Betonung ist fest. SCHLUSSFOLGERUNGEN Wenn das Bedürfnis entsteht, eine neue Gegebenheit auf Litauisch zu benennen, kann ihre Bezeichnung in der Ursprungssprache durch ein eigenes Ersatzwort ersetzt oder als Lehnwort übernommen und an das phonetische und morphologische System des Litauischen angepasst werden. Traditionelle Gerichte anderer Länder sind den Litauern fremd, ebenso wie ihre Bezeichnungen der litauischen Sprache; daher erscheint es nicht zweckmäßig, für sie ein eigenes Wort vorzuschlagen. Umso mehr, als sie sich im Sprachgebrauch als Lehnwörter verbreiten und dieser Gebrauch unterstützt werden sollte, sofern er nicht den inneren Regeln der Sprache widerspricht. Vorzugsweise werden Lehnwörter phonetisch an die Aussprache der Sprache angepasst, aus der sie stammen, und morphologisch integriert, wobei Variantenformen zu vermeiden sind. Auf der Grundlage dieser Prinzipien werden die folgenden drei Formen italienischer Gerichtsnamen zur Verwendung empfohlen: kalčònė (Akzentklasse 2, feminin), karpàčio (unveränderlich, maskulin) und tiramìsù (unveränderlich, maskulin). 17Davon kann man sich leicht überzeugen, wenn man im Internet die Seite des „Wikipedia“-Eintrags zu tiramisu aufruft. 314 KALBOS KULTŪRA | 82 LITERATŪRA Andreoli R. 1877: Vocabolario napoletano-italiano, Torino. Crystal D. 2001: Language and the Internet, Cambridge: Cambridge University Press. DELI 1999 tt.: Dizionario etimologico della lingua italiana, Bologna: Zanichelli. DLKG4 2006: Dabartinės lietuvių kalbos gramatika. Red. V. Ambrazas, Vilnius: Lietuvių kalbos institutas, Mokslo ir enciklopedijų leidybos institutas. Girčienė J., Liutkevičienė D. 2008: Sūrių pavadinimų vartosena ir norma. – Kalbos kultūra 80, 110–122. GR 1973 tt.: Le Grand Robert de la langue française, Paris: Le Robert. Grzega J. 2003: Borrowing as a Word-finding process in cognitive historical onomasiology. – Onomasiology Online 4, 23–32. OED 1974 tt.: The Oxford English dictionary, Oxford: OUP. Pakerys A. 1991: Tarptautinių žodžių kirčiavimas, Kaunas: Šviesa. Pupkis A. 2005: Kalbos kultūros studijos, Vilnius: Gimtasis žodis. Šiupienienė A. 2005: Į pagalbą valgiaraščių tvarkytojams, Vilnius: Ciklonas. TŽŽ 1985: Tarptautinių žodžių žodynas, Vilnius: Vyriausioji enciklopedijų redakcija. TŽŽ 2001: Tarptautinių žodžių žodynas, Vilnius: Alma littera. Vaicekauskienė L. 2007: Naujieji lietuvių kalbos svetimžodžiai, Vilnius: Lietuvių kalbos institutas. VV TŽŽ 2003: V. Vaitkevičiūtė. Tarptautinių žodžių žodynas (elektroninis leidimas). Zingarelli N. 198310: Vocabolario della lingua italiana, Bologna: Zanichelli. Gauta 2009 12 14 ON THREE BORROWINGS FROM ITALIAN CUISINE Summary The paper discusses three Italian borrowings which have recently become very popular in Lithuania; they refer to the dishes calzone, carpaccio and tiramisù. On the basis of onomasiologic research and the criteria adopted for standardising borrowings, each of the above borrowings is analysed from several points of view: language history, semantics, morphological structure, usage and relation with the Lithuanian language system. When adapting the borrowing, it should be decided which is better: a morphologically and phonetically adapted (to Lithuanian) unit or a Lithuanian lexical unit. S. M. LANZA. Dėl trijų skolinių iš italų kulinarijos 315 It is generally held that to refer to foreign realia, the adapted variant is more suitable than the native equivalent. Moreover, the words like calzone, carpaccio and tiramisu usually spread in language like borrowings, and the users take efforts to grammatically adapt them (however, a large variety of forms has been noticed). When the actual usage does not violate the rules of the language system, it should be supported. After the analysis of each of the three words, the following forms have been suggested for use: kalcòne (2nd accentuation pattern, feminine gender), karpãčio (uninflected, masculine gender) and tiramisù (uninflected, masculine gender). STEFANO M. LANZA Vytauto Didžiojo universitetas K. Donelaičio g. 58, LT-44248 Kaunas [email protected] 316 KALBOS KULTŪRA | 82