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Danguolės Mikulėnienės mokslinės veiklos metmenys

Asta Leskauskaitė; Vilija Ragaišienė

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ASTA LESKAUSKAITĖ, VILIJA RAGAIŠIENĖ Institut für Litauische Sprache GRUNDRISS DER WISSENSCHAFTLICHEN TÄTIGKEIT VON DANGUOLĖ MIKULĖNIENĖ Foto: ASTA LESKAUSKAITĖ. Prof. Dr. Danguolė Mikulėnienė, die 2022 ein schönes Jubiläum in ihrem Leben beging, arbeitet bereits seit mehr als drei Jahrzehnten (seit 1990) am Institut für Litauische Sprache. 2002 übernahm sie von Dr. Kazys Morkūnas die Leitung der Abteilung für Sprachgeschichte und Dialektologie, die 2015 in Zentrum für Geolinguistik umbenannt wurde, und übt diese Funktion bis heute verantwortungsbewusst aus, indem sie ihre Kolleginnen und Kollegen zusammenführt, motiviert und dazu anhält, manchmal auch besonders schwierige Wege zu beschreiten. Prof. D. Mikulėniენės Tätigkeit ist vielschichtig und facettenreich – akademisch, pädagogisch, gesellschaftlich und kulturell. Sie ist Autorin zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen und Lehrmittel für allgemeinbildende Schulen und Hochschulen, Mitglied der Redaktionskollegien litauischer und ausländischer wissenschaftlicher Zeitschriften und anderer Publikationen, wissenschaftliche Redakteurin, Herausgeberin und Gutachterin, Beraterin, Organisatorin und Teilnehmerin von Konferenzen und anderen Veranstaltungen sowie ehemalige Sekretärin und Vorsitzende der Staatlichen Kommission für die litauische Sprache usw. Die Sprachwissenschaftlerin widmet auch der Bildungsarbeit viel Zeit und Kraft: So hält sie öffentliche Vorträge und Referate für die Öffentlichkeit, besucht Schulen und knüpft Kontakte zu Gemeinschaften an verschiedenen ASTA LESKAUSKAITĖ, VILIJA RAGAIŠIENĖ. Danguolės Mikulėnienės mokslinės veiklos metmenys 237 Orten. Diese Sprachwissenschaftlerin ist eine hervorragende Pädagogin: Sie hat nicht nur Studierende der Sprachwissenschaft an litauischen Universitäten ausgebildet und bildet sie weiterhin aus, sondern hat auch etliche von ihnen ans Institut für Litauische Sprache geführt und zu einem Promotionsstudium ermutigt. Dennoch nimmt die wissenschaftliche Tätigkeit den größten und wichtigsten Platz im Leben von D. Mikulėnienė ein. Eines der frühen Forschungsthemen, für die sie sich entschied, war die Akzentuierung der litauischen Sprache (Synchronie und Diachronie). 1987 verteidigte sie an der Universität Vilnius unter der Betreuung von Alekso Girdenio und Adelė Laigonaitė ihre Kandidatendissertation Dabartinės lietuvių kalbos galūninių vedinių metatonija. Die Forscherin betrachtet die Metatonie als ein morphonologisches Phänomen und wies den synchronischen und diachronischen Zusammenhang zwischen dem Wechsel der Tonakzente und der Akzentstelle im abgeleiteten Wort nach. In wissenschaftlichen Artikeln erörterte sie auch weitere Fragen der Akzentuierung: die Metatonie in litauischen Komposita, die Entwicklung flektierender Ableitungen mit dem Präfix *pā- und nominaler Suffixableitungen, die Geschichte der Akzentuierung pronominaler Adjektive, diachronische Untersuchungen der Metatonie und anderes. Die langjährigen Forschungen wurden in der 2005 erschienenen Monografie Cirkumfleksinė metatonija lietuvių kalbos vardažodiniuose daiktavardžiuose ir jos kilmė zusammengefasst. Mit der Akzentuierung verbunden ist eine weitere Forschungsrichtung von D. Mikulėnienė – die Kontakte zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen. Ihrer Aussage zufolge sind in der gesprochenen litauischen Sprache Tendenzen zur Vereinfachung des Akzentuierungssystems zu beobachten. Besonders die Defonologisierung der Tonakzente und der Einfluss dieses Phänomens auf die weitere Entwicklung des Wortakzents in den litauischen Grenzmundarten zeigen sich deutlich in den Grenzmundarten. Diese Aussage belegt D. Mikulėnienė vor allem anhand der Mundart von Gervėčiai. Die Grenzmundarten sind jedoch nicht nur hinsichtlich der Akzentuierung, sondern auch in morphologischer, lexikalischer und anderer linguistischer Hinsicht bedeutsam. Dies veranlasste D. Mikulėnienė, gemeinsam mit K. Morkūnas Dieveniškių šnektos tekstus (1997) herauszugeben, in denen erstmals in der Geschichte der litauischen Dialektologie verschiedene Schwankungen der Lautqualität und -quantität sowie weitere Merkmale systematisch gekennzeichnet wurden. Später erschien das gemeinsam mit K. Morkūnas, Aloyzas Vidugiris und Laima Grumadienė (Autorin des ersten Bandes) erarbeitete Dieveniškių šnektos žodynas (Bd. I–II, 2005–2010) sowie, mit A. Vidugiris, Zietelos šnektos tekstai (Bd. I–II, 2005–2010). Unter Anwendung traditioneller dialektologischer sowie neuer soziolinguistischer und geolinguistischer Methoden wurde gemeinsam mit einem Team von Mitautorinnen und Mitautoren die Monografie Lietuvių tarmių kaita XXI a. pradžioje: Lenkijos lietuvių šnektos (2016) verfasst. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der anhaltende Bedarf an der Sammlung dialektalen Sprachmaterials und die areale Erforschung der litauischen Dialekte für Dialektologinnen und Dialektologen zur Voraussetzung für die Entwicklung neuer Forschungsprogramme. Auch D. Mikulėnienė beteiligte sich an diesen Maßnahmen 238 BENDRINĖ KALBA | 95 die Vorbereitungsarbeiten. Sie erarbeitete zwei Teile des Programms zur Erforschung der litauischen Dialekte und ihrer Wechselwirkungen – Morphologie (mit K. Morkūnas, 1995) und Akzentuierung (mit Bonifacas Stundžia, 1996). Die Geschichte der litauischen Sprache und Dialektologie ist ein wichtiger und interessanter Forschungsbereich, dem D. Mikulėnienė im vergangenen Jahrzehnt besondere Aufmerksamkeit widmete. Auf wissenschaftlichen Konferenzen, bei verschiedenen anderen Veranstaltungen und in veröffentlichten Arbeiten präsentiert sie immer wieder neue, bislang unveröffentlichte Fakten über bedeutende und wenig bekannte Linguisten und erörtert deskriptiv und kritisch die Bedeutung ihrer Arbeiten und wissenschaftlichen Ideen. Der Entstehung und Entwicklung der litauischen Dialektologie als Paradigma sprachlicher Variation in der Linguistik ist die Monografien-Trilogie Lietuvių tarmėtyra: genezė, raida ir paradigminiai lūžiai. gewidmet. Vor einigen Jahren erschien der erste Teil – Ikitarmėtyrinis laikotarpis. Lietuvių tarmėtyros pradžia: tarmių skyrimas, tyrimų perspektyvų užuomazgos ir jų tipai (2018). In dieser Monografie werden unter Anwendung der Ansätze linguistischer Historiografie und kritischer linguistischer Analyse die vordialektologische Periode und die Anfänge der litauischen Dialektologie behandelt. Bei der Zusammenfassung der Forschungsergebnisse stellt die Forscherin fest, dass „die Linguistik wie alle Geisteswissenschaften zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem Mittel der Festigung (und Bestätigung) lokaler Identität wird“. In der 2021 erschienenen wissenschaftlichen Studie Lietuvių kalbos instituto istorija 1: lietuvių kalbos ir kalbotyros institucionalizacija befasst sich D. Mikulėnienė, gestützt auf Archivdokumente und weiteres Material, erneut mit den Anfängen der Institutionalisierung der litauischen Sprache und Linguistik sowie mit der Tätigkeit der Abteilung für litauische Sprache am Institut für Litauistik Antanas Smetona in den Jahren 1939–1940. Eine weitere Studie – Lietuvių kalbos instituto istorija 2: kalbotyros aneksija (2022) – gibt einen Überblick über die kurze, aber äußerst schwierige Periode von 1940 bis 1952, die für den Wandel der litauischen Linguistik entscheidende Bedeutung hatte. Anhand der Transformationen in verschiedenen Zeitabschnitten versucht die Autorin, den Mechanismus der Annexion und seine Funktionsweise offenzulegen und deren deutlichste Merkmale zu beschreiben – die Ideologisierung und Nomenklaturisierung der Tätigkeit des Instituts für Litauische Sprache und seiner Mitarbeiter sowie die Ideologisierung und Vereinfachung wissenschaftlicher Inhalte. Große Neugier und Beharrlichkeit – Eigenschaften, die für eine echte Wissenschaftlerin unbedingt erforderlich sind – veranlassten D. Mikulėnienė, sich an der Suche nach neuen Wegen zur Erforschung der litauischen Dialekte und zur Veröffentlichung der Forschungsergebnisse zu beteiligen. So kam ihr, als sich Ende des letzten Jahrzehnts des vergangenen Jahrhunderts am Institut für Mathematik und Informatik der UNESCO-Lehrstuhl Informatika humanitarams einrichtete und die rasante Entwicklung der Informatik in Litauen einsetzte, die innovative Idee, die litauischen Dialekte der breiten Öffentlichkeit auf moderne Weise vorzustellen. Unter der Leitung von D. Mikulėnienė und in Zusammenarbeit der Dialektologen des Instituts für Litauische Sprache mit den Ma- ASTA LESKAUSKAITĖ, VILIJA RAGAIŠIENĖ. Danguolės Mikulėnienės mokslinės veiklos metmenys 239 thematik- und Informatikspezialisten des Instituts für Mathematik und Informatik erschien das zweisprachige Computerwörterbuch Lietuvių tarmės = Lithuanian Dialects (Bd. 1 – 2000, Bd. 2 – 2005, Bd. 3 – 2011). Diese Arbeit, die Unterstützung K. Morkūnas, die Mitgliedschaft in der Internationalen Gesellschaft für Dialektologie und Geolinguistik sowie weitere Faktoren bewogen die Linguistin, umfassendere geolinguistische Forschungen aufzunehmen und sich dafür einzusetzen, dass sich dieser im Ausland erfolgreich entwickelte Forschungsbereich auch in Litauen etabliert. Ein erster Versuch, die Dialektdaten der baltischen Sprachen typologisch gegenüberzustellen und zu vergleichen, war der 2009 erschienene Prospekt des Werkes Baltų valodų atlants = Baltų kalbų atlasas = Atlas of the Baltic Languages, der von Dialektologen des Instituts für Litauische Sprache und des Instituts für Lettische Sprache der Universität Lettlands erarbeitet wurde. D. Mikulėnienė ist eine der Hauptautorinnen und Herausgeberinnen. Im Zuge der Fortführung der begonnenen Arbeiten erschien der erste Band dieses Atlas, der dem Wortschatz der Flora gewidmet ist (1. Auflage – 2012, 2., überarbeitete und ergänzte Auflage – 2013). Der zweite Band, in dem der Wortschatz der Fauna der baltischen Sprachen beschrieben wird, ist fertiggestellt, aber noch nicht erschienen. Die von D. Mikulėnienė initiierte und geleitete umfangreiche Arbeit der Jahre 2011–2014 – das Projekt im Rahmen der globalen Förderung Šiuolaikiniai geolingvistikos tyrimai Lietuvoje: punktų tinklo optimizacija ir interaktyvioji tarminės informacijos sklaida, das mehr als dreißig litauische Dialektologen zusammenführte – bedeutete einen wichtigen qualitativen Sprung für die litauische Dialektologie. In 3,5 Jahren wurde eine enorme Arbeit geleistet: Mehr als 700 Erhebungspunkte des Lietuvių kalbos atlaso wurden überprüft und die geolinguistische Situation der litauischen Dialekte und anderer Sprachen zu Beginn des 21. Jahrhunderts bewertet. Seitdem verbreiten sich im Diskurs der litauischen Dialektologie neue wissenschaftliche Ideen, neue Begriffe und Kategorien (multimodales Dialektologiemodell, Beobachtungszeit, Dialektalitätsmarker, Diskurs u. a.) finden Verwendung, und moderne Forschungsmethodologien und -methoden kommen zum Einsatz. D. Mikulėnienė zufolge soll diese Arbeit die Kontinuität der Erforschung litauischer Dialekte sichern, neue Daten für die Baltistik und vergleichende Linguistik bereitstellen, Bedingungen für prognostische soziolinguistische Untersuchungen schaffen und die weitere Entwicklung der litauischen Sprache und ihrer Dialekte voraussehen helfen. Den litauischen Dialektologen hat sie tatsächlich weite Forschungsräume und Perspektiven eröffnet. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen hat D. Mikulėnienė bereits bedeutende Arbeiten verfasst und veröffentlicht, in denen methodologische Ansätze und Methoden der perzeptiven Dialektologie, Geolinguistik und Soziolinguistik angewendet werden: Kalbos variantiškumas ir jo vertinimas perceptyviosios dialektologijos požiūriu: variantų ir vietų vaizdiniai (2018), Dialektometrinis tradicinių lietuvių tarmių klasifikacijos pjūvis (2019), Lietuvių kalbos variantai: tyrėjo ir paprastojo kalbos bendruomenės nario perspektyvos (2020). 240 BENDRINĖ KALBA | 95 Auch die Ergebnisse weiterer laufender oder bereits abgeschlossener Forschungsarbeiten warten noch auf ihre Veröffentlichung. Zahlreiche bedeutende Erkenntnisse wurden zudem in wissenschaftlichen Artikeln in verschiedenen Fachzeitschriften und anderen Publikationen veröffentlicht. Eines der Vorhaben D. Mikulėnienės aus den letzten Jahren ist das am Institut für Litauische Sprache entstehende Datenverzeichnis lokaler Sprachvarianten Litauens, auch Tarmynas1 genannt. Es sollen alle in diesem Institut gesammelten und weiterhin zusammengetragenen Dialektressourcen aufgenommen werden (Tonaufnahmen, in internationaler Lautschrift transkribierte Texte, Manuskripte von Linguisten u. a.) und Forschenden sowie der Öffentlichkeit nicht nur in Litauen, sondern auch im Ausland bequem zugänglich gemacht werden. Mithilfe der Werkzeuge der ArcGIS-Plattform wurde die georäumliche Datenanalyse des Tarmynas bereits erprobt und soll künftig erweitert werden. Ausführlicher wird dieses Datenverzeichnis in der wissenschaftlichen Studie von D. Mikulėnienė und Agnė Čepaitienė vorgestellt: Tarmynas – Lietuvos vietinių variantų duomenų bazės modelis (2022)2. Die Initiativen und die Tätigkeit D. Mikulėnienės in den vergangenen zwei Jahrzehnten lassen sich zweifellos als Entstehung einer Schule in einem neuen Forschungsbereich bewerten. In die von ihr initiierten und geleiteten Arbeiten bindet sie bereitwillig ihre Kolleginnen und Kollegen sowie ihre Schülerinnen und Schüler ein. In einer kurzen Publikation ist es schwierig, alle Arbeiten D. Mikulėnienės zu überblicken und vorzustellen. Näheres über die wissenschaftliche und pädagogische Tätigkeit der Professorin findet sich in der 2022 vom Institut für Litauische Sprache herausgegebenen Veröffentlichung Danguolė Mikulėnienė. Bibliografijos rodyklė. ASTA LESKAUSKAITĖ Institut für Litauische Sprache Petro Vileišio g. 5, LT-10308 Vilnius [email protected] VILIJA RAGAIŠIENĖ Institut für Litauische Sprache Petro Vileišio g. 5, LT-10308 Vilnius [email protected] 1 Siehe https://maps.lki.lt/portal/home/. 2 Čepaitienė Agnė, Mikulėnienė Danguolė. Tarmynas – Datenbankmodell für die lokalen Varianten Litauens, 2022. Online verfügbar: http://lki.lt/wp-content/uploads/2022/09/Tarmynas-%E2%80%93-Lietuvos-vietiniu-kalbos-variantu-duomenu-bazes-modelis_galutinis.pdf. 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