Slavų kalbų lyginamosios gramatikos apybraiža
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ABRISS DER VERGLEICHENDEN GRAMMATIK DER SLAVISCHEN SPRACHEN
С. Б. Бернштейн, Abriss der vergleichenden Grammatik der slawischen Sprachen. Verlag der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Moskau, 1961, 352 S.
S. Bernsteins „Abriss der vergleichenden Grammatik der slawischen Sprachen“ ist Teil einer vergleichenden Grammatik der slawischen Sprachen und umfasst einleitende Fragen sowie den Abschnitt zur Phonetik. Er bietet den neuesten Stand der Sprachwissenschaft zur vergleichend-historischen Phonetik der slawischen Sprachen und zu allgemeinen Problemen der Slawistik. Unserer Ansicht nach geht dieses Werk weit über die bescheidene Aufgabe eines „Lehrbuchs für Studierende“ hinaus und steht neben den klassischen Arbeiten zur historischen Slawistik von A. Meillet, N. van Wijk, A. Selischtschew und A. Vaillant. Sowohl unter methodologischen Gesichtspunkten als auch wegen des umfangreichen Materials zu Fragen der Baltistik und schließlich wegen der Behandlung des Problems der unmittelbaren baltisch-slawischen Sprachkontakte ist S. Bernsteins Werk für die Erforschung der Geschichte der baltischen Sprachen von Bedeutung. Erfreulich ist, dass Fragen der Baltistik in diesem Werk wesentlich mehr Raum eingeräumt wird als in früheren Arbeiten dieser Art.
Für unsere Leser dürfte das Kapitel „Sprachliche Beziehungen zwischen dem Baltischen und dem Slawischen“ (S. 27—37) in S. Bernsteins Buch besonders interessant sein. Anders als frühere Arbeiten, etwa von V. Vondrák und J. Mikola, deren Verfasser die sprachlichen Beziehungen zwischen dem Baltischen und dem Slawischen nicht eigens untersuchten, sondern sich mit der Feststellung der bestehenden Sachlage begnügten, legt der Autor des neuen Werks nicht nur die älteren Theorien dar, sondern formuliert auch seine eigenen Ansichten klar. S. Bernstein wendet sich entschieden gegen die Theorie einer baltisch-slawischen Ursprache, die, wie er sagt, der vergleichenden Grammatik der slawischen Sprachen großen Schaden zugefügt habe: Diese Theorie verleite Forschende dazu, Erscheinungen verschiedener Epochen zu vermischen und künstliche Konstruktionen und Hypothesen aufzustellen, die die Erforschung der Geschichte der urslawischen Sprache behinderten (vgl. S. 36). Aus diesem Grund kann man nach S. Bernsteins Ansicht die Theorie einer baltisch-slawischen Ursprache nicht anerkennen:
a) Viele der ältesten Prozesse verliefen in den baltischen und slawischen Sprachen unterschiedlich. Besonders kennzeichnend ist in dieser Hinsicht die Geschichte der Vokale ā, ō, ā̄, ō̄.
b) Viele der wichtigsten Prozesse der urslawischen Sprache, die in der ältesten Periode ihres Bestehens stattfanden, traten im Urbaltischen überhaupt nicht auf oder spiegelten sich nur schwach in einzelnen seiner Dialekte wider. Dies gilt insbesondere für das Schicksal von s in den baltischen und slawischen Sprachen.
c) In der Vergangenheit stützte sich das gesamte Beweissystem der Anhänger einer baltisch-slawischen Ursprache auf den Vergleich von Fakten der urslawischen und der litauischen Sprache. Sehr häufig wurden Fakten aus dem Litauischen als urbaltisch dargestellt. Dabei war die urbaltische
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Sprache schon in grauer Vorzeit in zwei Hauptsprachen aufgespalten, von denen die eine das Litauische und Lettische, die andere das Altpreußische umfasst. Ein Vergleich vor allem mit dem Litauischen ist auch deshalb problematisch, weil die urslawischen Stämme hauptsächlich mit den altpreußischen und jatwingischen Stämmen in Kontakt standen. Es besteht kein Zweifel, dass die baltisch-slawische Gemeinschaft (сообщность) vor allem die urslawischen, altpreußischen und jatwingischen Sprachen umfasste. Die Geschichte der urslawischen Sprache zeigt, dass es zur Zeit des engen Kontakts zwischen baltischen und slawischen Stämmen tatsächlich keine einheitliche baltische Ursprache mehr gab. Daher ist es kein Zufall, dass die wichtigsten Neuerungen dieser Epoche die urslawische Sprache unterschiedlich eng mit den einzelnen baltischen Sprachen verbinden.
d) Die Anhänger der Theorie einer baltisch-slawischen Ursprache können das Problem der baltisch-slawischen Rekonstruktionen trotz verschiedener Versuche nicht lösen. Dieses Problem wird noch dadurch erheblich erschwert, dass eine Rekonstruktion des Urbaltischen zu einem großen Teil unmöglich ist: Viele baltische Sprachen sind spurlos verschwunden, und die erhaltenen ermöglichen keine Rekonstruktion vieler Erscheinungen des Urbaltischen.
e) Die Daten der archäologischen Wissenschaft bestätigen die Theorie einer baltisch-slawischen Ursprache nicht.
Im Weiteren folgert S. Bernstein, dass sich die Ähnlichkeit der baltischen und slawischen Sprachen durch den lang andauernden Kontakt zwischen baltischen und slawischen Stämmen erklären lässt, der die Ursache für die Entstehung der baltisch-slawischen Gemeinschaft war. Diese Gemeinschaft wird durch gemeinsame Isoglossen bestätigt. Aufgabe der Forschenden ist es, die Art, das Verbreitungsgebiet und die Entstehungszeit dieser baltisch-slawischen Isoglossen zu bestimmen (vgl. S. 36). Obwohl S. Bernstein die Theorie einer baltisch-slawischen Ursprache ablehnt, betont er zugleich, dass die Daten der baltischen Sprachen für die Erforschung der Geschichte der urslawischen Sprache von außerordentlicher Bedeutung sind.
Bei der Erörterung einzelner Fragen der Slawistik äußert der Autor des Werks zahlreiche interessante Gedanken, die auf die eine oder andere Weise auch Fragen der Geschichte der baltischen Sprachen berühren. Für uns ist zweifellos die Frage der Periodisierung der Geschichte der urslawischen Sprache von Interesse. S. Bernstein gliedert deren Geschichte in zwei große Epochen: die Epoche vor dem Verlust der geschlossenen Silben und die Epoche des Verlusts der geschlossenen Silben. Die erste Epoche unterteilt er weiter in drei Perioden: die Periode unmittelbar nach der Aufspaltung der indoeuropäischen Ursprache, die Periode der baltisch-slawischen Gemeinschaft und die Periode vom Zerfall dieser Gemeinschaft bis zum Verlust der geschlossenen Silben. Die zweite Epoche gliedert sich in zwei Perioden: die erste ist die Periode des Verlusts der geschlossenen Silben, die zweite die Periode der Aufspaltung der urslawischen Sprache und der Herausbildung der Sprachen der slawischen Völker. Die zweite Periode datiert S. Bernstein in die zweite Hälfte des ersten Jahrtausends n. Chr. und weist darauf hin, dass eine genauere Datierung, selbst innerhalb eines Zeitraums von zwei Jahrhunderten, wie sie die meisten früheren Forschenden vorgenommen hatten, nicht möglich ist (vgl. S. 51—52). Die Kontakte zwischen baltischen und slawischen Stämmen begannen nach S. Bernsteins Ansicht in der zweiten Hälfte des zweiten Jahrtausends v. Chr. und könnten sogar bis zur Mitte des ersten Jahrtausends v. Chr. angedauert haben. Demnach zerfiel die baltisch-slawische Gemeinschaft um die Mitte des ersten Jahrtausends v. Chr. (vgl. S. 60—1).
S. Bernstein räumt ein, dass diese Aussagen bislang sehr hypothetisch sind. Es gibt jedoch Material, das es ermöglicht, sie zu präzisieren. Vor allem sind dies jene Elemente des baltischen und slawischen Wortschatzes, die sich in der gemeinsamen baltischen und slawischen Zeit herausgebildet haben-
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… während ihres Lebens. Das Wichtigste ist hier, den gemeinsamen indoeuropäischen Wortschatz von den Neuerungen der baltisch-slawischen Gemeinschaft zu unterscheiden.
Zu Recht hebt der Autor des Werkes den Gedanken hervor, dass die früheren Forscher der sprachlichen Beziehungen zwischen den baltischen und den slawischen Sprachen den südslawischen Sprachen zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben. Es zeigt sich, dass sich für Erscheinungen der baltischen Sprachen häufig Entsprechungen in den südslawischen Sprachen oder nur im Bulgarischen finden. Hier einige Beispiele.
In den ost- und westslawischen Sprachen wird die Bezeichnung gruša für den Baum und seine Frucht verwendet (russ. груша, ukr. груша, poln. grusza, polab. grūsoi, tschech. hruška). Doch bereits in polnischen Dialekten sowie in den kaschubischen und sorbischen Sprachen findet sich eine Variante dieser Bezeichnung mit k- (poln. krusza, kasch. kreša, niedersorb. krušva). Die Variante mit k- wird auch im Bulgarischen und Serbokroatischen verwendet (bulg. круша, serbokroat. крушка). Somit handelt es sich hier um eine gemeinsame phonetische Isoglosse der südslawischen, einiger westslawischer und baltischer Sprachen (vgl. lit. kriaušė, altpreuß. crausy, crausios).
Es gibt auch gemeinsame Varianten der Wortbildung. Lit. gerklė, gurklys und altpreuß. gurcle entsprechen bulg. гръклян und serbokroat. гркљан, die unter den slawischen Sprachen isoliert dastehen. Lit. āvinas, lett. auns und altpreuß. awins bilden eine gemeinsame Isoglosse mit kirchenslaw. овьнь, bulg. овен, serbokroat. ован und slowen. óvan. Lit. milžti, melžiu entspricht kirchenslaw. млъзѫ, bulg. мълзя, serbokroat. мўзем und slowen. móžem.
Besonders zahlreich sind lexikalische Varianten: lit. burnà — bulg. бърна „Lippe“, serbokroat. брњица „Schnauze“; lit. žiaunos — bulg. джуна „Lippe“; lit. tárpas — bulg. трап „Grube“, serbokroat. тра̀п; lit. draskýti — bulg. драскам; lit. dẽšinas — kirchenslaw. деснь, bulg. десен, serbokroat. дѐсан; lit. šalnà, lett. salna — bulg. слана „Reif“, serbokroat. сла́на, slowen. slána.
Es finden sich auch einige semantische Varianten. So entspricht beispielsweise lit. drebulė (: drebeti) bulg. треперлика, serbokroat. трепељљка und slowen. trepetljika.
Auf Grundlage dieser Tatsachen wird gefolgert, dass in ferner Vergangenheit zwischen den baltischen und den heutigen südslawischen Sprachen, vor allem dem Bulgarischen, lange Zeit enge Kontakte bestanden. Da das Siedlungsgebiet der baltischen Stämme im Süden nicht über den Prypjat hinausreichte, lässt sich sagen, dass Stämme, die südslawische Sprachen sprachen, auch im Norden des urslawischen Gebiets lebten (vgl. S. 75).
Allerdings ist hier zu erwähnen, dass die jüngsten Untersuchungen von V. Toporov und O. Trubatschow zur Hydronymie des oberen Dneprgebiets1 zeigen, dass die traditionelle Grenze zwischen den baltischen und slawischen Gebieten entlang des Prypjat wohl revidiert werden muss, da sich Spuren baltischer Hydronymie auch südlich des Prypjat finden lassen. Daher sollte diese Aussage von S. Bernstein geringfügig präzisiert werden. Schließlich weist auch er selbst an anderer Stelle (vgl. S. 60), wenn er über die Grenzen zwischen den baltischen und slawischen Gebieten spricht, darauf hin, dass kleine baltische Gruppen möglicherweise südlich des Prypjat vorgedrungen sind.
¹ Vgl. B. H. Топоров, О. Н. Трубачев, Балтийская гидронимия Верхнего Поднепровья, „Lietuvių kalbotyros klausimai, t. 4, Vilnius, 1961, p. 198; Лингвистический анализ гидронимов Верхнего Поднепровья, Москва, 1962, p. 232—233.
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Über lexikalische Entlehnungen sprechend, weist S. Bernštein darauf hin, dass die ältesten Entlehnungen, die aus verwandten Sprachen ins Urslawische gelangten, baltisch sind. Viele gemeinsame Elemente der baltischen und slawischen Sprachen sind nicht aus der indoeuropäischen Ursprache ererbt, sondern während der Periode ihrer Gemeinschaft voneinander entlehnt worden. Es gibt jedoch keine sicheren Kriterien, um diese Entlehnungen von ererbten Wörtern zu unterscheiden. Der Verfasser des Werkes ist der Ansicht, dass zu solchen baltischen Entlehnungen die slawische Bezeichnung für „Hand“ (russ. рука u. a.) gerechnet werden könnte, die sich innerhalb der slawischen Sprachen nicht etymologisieren lässt, in den baltischen Sprachen hingegen eine überzeugende Etymologie besitzt (rankà: riñkti).
Im Werk werden auch einige interessante Fragen der phonetischen Substitution behandelt. Sie betreffen allerdings vor allem die Chronologie der Germanismen. Doch die phonetische Substitution erfasste bekanntlich auch die alten slawischen Entlehnungen aus dem Baltischen. Phänomene der phonetischen Substitution zeigen, dass man sich bei der Bestimmung der Chronologie von Entlehnungen nicht immer auf die Daten phonetischer Veränderungen verlassen kann. So brachten beispielsweise die Spuren der ersten Palatalisierung in germanischen Entlehnungen die Wissenschaftler noch vor kurzem in eine Sackgasse (vgl. šelm<xelm, kbneže<kuning-). Denn die auf sonstigem Wege aus dem Germanischen übernommenen Wörter weisen im Urslawischen Spuren der zweiten und dritten Palatalisierung auf (vgl. cbrky<kirk, cęta<kintus), während der Prozess k’>č’, g’>ž’, x’>š’ zur Zeit der Kontakte zwischen slawischen und germanischen Stämmen bereits seit Langem abgeschlossen gewesen sein musste. Daher wird das Auftreten von slawisch šelm-, kbneže heute folgendermaßen erklärt: Das Ergebnis der ersten Palatalisierung ist hier kein lebendiger phonetischer Prozess, sondern ein Substitutionsphänomen. Da es zur Zeit der Entlehnung im Urslawischen infolge der ersten Palatalisierung die Silben ke, ge, xe nicht mehr gab, wurden die ke, ge, xe der entlehnten Wörter regelmäßig durch č’e, ž’e, š’e wiedergegeben. Diese und nicht andere Entsprechungen wurden gewählt, weil die Konsonanten k, g, x im Urslawischen in denselben Morphemen mit č’, ž’, š’ wechseln konnten. Folglich ist in diesem Fall die Wiedergabe des germanischen ge durch ž’e in slawischen Lehnwörtern im Hinblick auf die Chronologie der Entlehnungen kein verlässliches Argument. Die Frage nach der Chronologie der ältesten Germanismen im Urslawischen berührt indirekt auch die Frage nach dem Alter der Germanismen, die über die Slawen in die baltischen Sprachen gelangten. Wie wir wissen, vertrat K. Būga die Auffassung, dass „alle ältesten Wörter germanischen Ursprungs im Slawischen nicht weiter zurückreichen als bis ins 3. Jahrhundert v. Chr.“2. S. Bernštein setzt den Beginn der slawisch-germanischen Kontakte ins 2. Jahrhundert n. Chr. (vgl. S. 97, 169). Der größte Teil der germanischen Entlehnungen gelangte im 2.—5. Jahrhundert n. Chr. ins Urslawische. Damals übernahmen die Slawen aus dem Germanischen auch die Wörter kotъ, šelmъ, osьlъ, aus denen später unsere Wörter katilas, šalmas, asilas hervorgingen.
S. Bernšteins Ausführungen zu den Beziehungen zwischen den slawischen und germanischen Sprachen widersprechen der in jüngster Zeit erneut vorgebrachten Hypothese von einer slawischen Urheimat an der Weichsel-Oder3. Die Argumente der Anhänger dieser Hypothese sind jedoch bislang tatsächlich sehr hypothetisch.
S. Bernštein weist darauf hin, dass uns keinerlei Belege dafür vorliegen, dass die Slawen im 1. Jahrtausend v. Chr. an der Ostsee gelebt hätten. Das Argument früherer Forscher, die solche Auffassungen vertraten, war das in den slawischen Sprachen vorkommende ap-
2 Vgl. K. Būga, Rinktiniai raštai, Bd. 2, Vilnius, 1959, S. 84.
3 Vgl. В. В. Мартынов, К лингвистическому обоснованию гипотезы о висло-одерской прародине славян, «Вопросы языкознания», Москва, 1961, № 3, р. 51—59.
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Das passende Wort mor'e. Dieses Wort ist vielen indoeuropäischen Sprachen bekannt, vgl. lat. mare, altir. muir, got. marei, lit. mãrės, mãrios, lett. mare, altpreuß. mary u. a. S. Bernštein weist jedoch unter anderem unter Berufung auf die Auffassungen von K. Būga und A. Isačenko darauf hin, dass die Bedeutung „Meer“ des slawischen Wortes mor'e jüngeren Datums ist. Ursprünglich habe das Wort „Sumpf, stehendes Gewässer“ bedeutet. Folglich entstand es im Urslawischen, bevor die Slawen mit dem offenen Meer bekannt wurden (vgl. S. 63—64). Somit ist es kein Argument dafür, dass die Sprecher des Urslawischen am Meer gelebt hätten.
Einzelne Fragen der Baltistik behandelt der Verfasser des Werkes recht ausführlich, indem er die Veränderungen des Urslawischen charakterisiert, die mit der Periode des baltisch-slawischen Sprachbundes zusammenhängen. Er weist darauf hin, dass sich die baltische Ursprache bereits während der baltisch-slawischen Gemeinschaft in zahlreiche Dialekte aufgespalten hatte. Daher verbinden auch viele baltisch-slawische Isoglossen das Urslawische auf unterschiedliche Weise mit einzelnen baltischen Sprachen. Zu den ältesten baltisch-slawischen Isoglossen ist der Verlust der Silbigkeit bei den vokalischen Sonanten und ihre Umwandlung in Diphthonge ir, ur, il, ul, im, um, in, un zu rechnen. Zwar bewahrten auch viele andere indoeuropäische Sprachen die silbischen Sonanten nicht, doch verlief dieser Prozess in ihnen unterschiedlich, während er im Urslawischen und Urbaltischen bemerkenswert übereinstimmte.
Während der baltisch-slawischen Gemeinschaft beginnt die Intonation im phonetischen und grammatischen Aufbau des Urslawischen eine wichtige Rolle zu spielen. Sie wird zu einem eigenständigen Faktor des Sprachsystems. In diesem Bereich weisen das Urbaltische und das Urslawische zahlreiche gemeinsame Prozesse auf. Einzelne Unterschiede lassen sich ebenfalls durch die dialektale Aufspaltung des Urbaltischen erklären. Man nimmt an, dass dem Urslawischen hinsichtlich der Intonation die altpreußischen und jatwingischen Dialekte am nächsten standen (vgl. S. 159—60).
Der Periode der baltisch-slawischen Gemeinschaft ist wahrscheinlich auch die Entwicklung des konsonantischen Sonanten m im Silbenauslaut des Urslawischen zu n zuzurechnen (vgl. S. 165).
Dieser Periode werden auch die Veränderungen der vor j stehenden Konsonanten zugerechnet. Neben gemeinsamen Merkmalen der baltischen und slawischen Sprachen finden sich hier auch zahlreiche grundlegende Unterschiede. Daher gibt es Grund zu der Annahme, dass dieser im Urslawischen sehr lange andauernde Prozess bereits mit dem Zerfall der baltisch-slawischen Gemeinschaft begann. Hinsichtlich des Schicksals der vor j stehenden Konsonanten stehen dem Urslawischen die lettischen und teilweise die altpreußischen Dialekte am nächsten (vgl. S. 166—167).
Abschließend ist anzumerken, dass die Beispiele aus den baltischen Sprachen in S. Bernšteins Werk sehr geschickt ausgewählt und sorgfältig überprüft sind. Vielleicht hätte man lediglich anstelle der von F. Kuršaitis angeführten Formen žvaigždė (vgl. S. 153), dėdė (vgl. S. 148) die Formen der litauischen Standardsprache žvaigždė, dėdė anführen und anstelle des in den altpreußischen Sprachdenkmälern nicht belegten Infinitivs rinkt (vgl. S. 92) die Form dieses Verbs senrinka angeben sollen.
Nachdem wir einen Teil von S. Bernšteins „Grundriss der vergleichenden Grammatik der slawischen Sprachen“ mit Vergnügen gelesen haben, werden wir auf das Erscheinen des nächsten Teils dieses Werkes warten, in dem wir ebenfalls zahlreiche für die Wissenschaft von den baltischen Sprachen bedeutsame Fakten zu finden hoffen.
Vilnius
A. Sabaliauskas
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