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Das unflektierte Partizip des präteritums auf „-us“ im Litauischen

G. Benzė

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EE EsTLUAY by BASE BLOUTeY: Rio? 8 KLAUS IMAI, VI aye Te OM) Se go ig M O-KUS "DU AK ACD OE OM 1) J A DAS UNFLEKTIERTE PARTIZIP DES PRATERITUMS AUF -US IM LITAUISCHEN G, BENSE 1, Einleitung 1.1 Zum Formenbestand der unflektierten Partizipien (unfl. Part.)!, auch Gerundien oder Verbaladverbien genannt (lit. padalyvis; russ. Acenpuyactue), gehoren in der modernen litauischen Literatursprache eine Form des Part, pras. akt. auf -nt, z.B. sukant, Saikiant, mylint; eine Form des Part. fut. akt. auf -siant, z. B. suksiant, Satiksiant, mylésiant; eine Form des Part. prat. akt. auf -us, z.B. swkus, gydzius, myléjus; und eine Form des Part. prat.akt. II auf -davus, z. B. sukdavus, gaiikdavus, mylédavus. Reflexive Formen zu nicht prdfigierten Verben werden mit der Endung -is gebildet, z.B. judkiantis, judkusis. Bei prdfigierten Verben tritt die Reflexivpartikel -sizwischen Prafix und Verbalstamm, z.B. nesijudkiant, nusisikus. 1.2 Hinsichtlich der syntaktischen Funktion lassen sich grundsatzlich zwei gut voneinander abzugrenzende Anwendungstypen der unfl. Part. unterscheiden, die in auffallender Weise der telativ einheitlichen Form gegeniiberstehen. 1.21 Die beiden Anwendungstypen lassen sich kurz folgendermassen charakterisieren: I. Skylant atomams, i&siskiria energija (mit ausgedriicktem Handlungstrager der Partizipialform); Au8stant tévas isvaziavo (ohne ausgedriickten Handlungstrager der Partizipialform). Diese Konstruktionen mit dem unfl. Part. dienen dem Ausdruck einer Nebenhandlung (,,Begleithandlung") zur Haupthandlung ohne grammatische Bindung an ein Glied des Gesamtsatzes. ' Unter unfl. Part. sind diejenigen nominalen Verbalformen zu verstehen, die keine Numerusund Kasuszeichen annehmen, dagegen hinsichtlich des Tempus (im Gegensatz zum Infinitiv) und im begrenzten Umfang hinsichtlich des Genus verbi — sofern man die Diathese reflexiv: nicht reflexiv als eine Erscheinungform des Gegensatzes Aktiv: Passiv auffassen darf — formell differenzierbar sind. 191 II. Visi mato (maSinq) atvaziuojant (sog. Akkusativkonstruktion nach den Verben ,,sentiendi et declarandi"). Derartige Konstruktionen dienen dem Ausdruck einer Handlung als Objekt einer anderen Handlung, 1.22 Es ist zu beachten, dass die Verteilung der einzelnen Formen der unfl. Part. auf die beiden Anwendungstypen nicht einheitlich ist: wahrend in der sog. Akkusativkonstruktion Formen des Prdsens, des Prateritums und des Futurs vorkommen, begegnet man innerhalb des 1. Anwendungstyps nur Formen des Prasens und des Prateritums?, 13 In der modernen lettischen Literatursprache lassen sich die Konstruktionen mit unfl. Part. in zwei entsprechende Anwendungstypen aufteilen, z, B. Saulei lécot, visi putni dzied; Metot harpunu, dzivnieks tika ievainots: 1. Anwendungstyp; Visi redz (ma8inu) atbraucam: 2. Anwendungstyp. Im Lettischen werden nun die beiden verschiedenen Formen des unfl. Part., die auf -ot und die auf -am/am, in wesentlichen Ziigen jeweiis auf einen der beiden Anwendungstypen verteilt (wobei Uberschneidungen nur im 2. Anwendungstyp vorkommen k6nnen). Das Lettische kennt — ausser den aus dem Akk.sg. des Part. pras. pass. entwickelten Neubildungen auf am/-Gmnur ein unfl. Part, prds. akt. auf -ot (=-uoi aus -ant) und ein unfl. Part. fut. akt. auf -Sot (=-Suot aus -siant). Letztere Form begegnet nur in dem 2. Anwendungstyp strukturmassig nahestehenden sog. ,,modus relativus"’. 1.4 Man kann mithin nur die unflektierte Form des Part. pras. akt. (vom -nt-Stamm) und die unflektierte Form des Part. fut. akt. (mit dem stammbildenden Element -siant-*) als gemeinsame Bildungen des Litauischen und des Lettischen auffassen (auf die wenigen altpreussischen Belege gehe ich hier nicht ein). Die Herausbildung eines unfl. Part. prat. akt. (vom -us-Stamm) zu einer speziellen grammatischen Form ist also in diesem Sinne als litauische Neuerung zu verstehen. 2. Zur Geschichte der Konstruktionen mit unfl. Part. im Litauischen (Baltischen) 2.1 Allein schon die Tatsache, dass das unfl. Part. prat. auf -us als litauische Neuerung aufzufassen ist, weist darauf hin, dass das Problem der Entstehung dieser Bildung nicht ohne weiteres mit dem Problem der Entstehung von unfl. Part. im Baltischen tiberhaupt zu identifizieren ist. Es ergeben sich jedoch noch weitere Griinde, die eine Sonderentwicklung der unfl. -us-Partizipien wahrscheinlich machen. Zur Darstellung der auf- ? Das unfl. Part. prat. akt. II auf -davus ist eigentlich fast nur eine Grammatikerfiktion, denn es kommt praktisch so gut wie gar nicht vor, * Lett. ,,atstastijuma izteiksme’. Diese Konstruktionsweise ist letzten Endes aus der sog. Akkusativkonstruktion entstanden, zeigt allerdings auch Beziehungen zu den Konstruktionen mit flektierten Partizipien zum Ausdruck der unbestimmten Aussage (z. B. lit. Sako miskas didelis buves). 4 Die Belege fiir mégliche futurische Bildungen auf -sintkann man hier ausser acht Jassen. 192 tretenden Probleme sei es mir gestattet, kurz auf die diesbeziiglichen Ergebnisse meiner ,,Untersuchungen zur Entstehung des unflektierten Partizips (Gerundiums) in den baltischen Sprachen"® einzugehen. 2.2 Zunachst zeigt es sich, dass es sich bei der Herausbildung der unfl. Part. speziell im Litauischen, aber auch im Lettischen keineswegs um einen geschlossenen einmaligen Vorgang handeln kann, sondern vielmehr um die Zuzammenfassung mehrerer urspriinglich unabhdngiger morphologischer und syntaktischer Erscheinungen. Das beweist die Entstehung der unfl. Part. auf -am/-dm im Lettischen — ein Vorgang, der erst seit dem Einsetzen der schriftlichen Uberlieferung wirksam wird. Hier liegt wohl die jiingste Phase der Entstehung von unfl. Part. im baltischen Bereich vor. Auf Grund der Verhaltnisse in den Altesten litauischen Texten — sowohl in formeller Hinsicht als auch in Bezug auf die Unterscheidung der beiden oben genannten Anwendungstypen — ergibt sich auch fiir das Litauische, dass die Herausbildung von Akkusativkonstruktionen mit unfl. Part. die jiingste Phase der Entstehung des unfl. Part. als spezieller grammatischer Form darstellt®, Somit kénnen Beobachtungen an Konstruktionen mit unfl. Part., soweit diese als Akkusativkonstruktionen nach den Verben nsentiendi et declarandi" auftreten, bei der Behandlung der formellen und funktionellen Erscheinungsweise der unfl. Part. innerhalb des 1. Anwendungstyps unberiicksichtigt bleiben. 2.3. Innerhalb des 1. Anwendungstyps lasst sich der Gebrauch von unfl. Part. auf altere Konstruktionsmodelle zurickfiihren, und zwar bieten sich hier, entsprechend der Unterscheidung von Konstruktionen mit ausgedriicktem Handlungstrager und solchen ohne ausgedriickten Handlungstréger der Partizipialform, einerseits die sog. absoluten Partizipialkonstruktionen anderer ie. Sprachen’ und andererseits die alleinstehenden nominalen Verbalformen® zum Vergleich an. 2.31 Die litauischen (und lettischen) Konstruktionen in ihrer einzelsprachlichen Entwicklung fallen in diesem Rahmen besonders dadurch auf, dass der verbale (prddikatswertige) Bestandteil der absoluten Partizipialkonstruktionen formell identisch ist mit der alleinstehenden nominalem Verbalform®: in beiden Stellungen tritt das unfl. Part. auf. 5 Inaugural-Dissertation, Halle, 1961 (maschinenschriftlich). ° Es handelt sich dabei im Grunde um die Differenzierung von Akkusativkonstruktionen mit flektiertem Partizip und solchen mit unfl. Part., die auf der Tendenz beruht,. die im Partizip ausgedriickte Handlung im Falle des unfl. Part. verstarkt als direktes Objekt einer andern Handlung aufzufassen, im Gegensatz zum stark attributivischen Verhiltnis des flektierten Partizips zum nominalen Akkusativobjekt. 7 Etwa der altindische ulocativus absolutus", der griech, ngenitivus absolutus“, der latein. ,,ablativus absolutus”, der ,,dativus absolutus"’ im Gotischen und im Slawischen. ® Etwa altind. Absolutiv auf -tva, -(t)ya, das Gerundium im Slawischen, das gérondif im Franzésischen und dhnliche Bildungen in anderen romanischen Sprachen. ® Der formellen Identitat entspricht eine spezifische Funktionsbelastung des unfl. Part. fiir beide Konstruktionen, was aus dem Verhdltnis derselben zueinander deutlich wird: sie unterscheiden sich nicht durch ihre .Stellung im Gesamtsatz (als _,,absoluter Kasus“ oder ,,subjektsbezogene Nebenhandlung"), sondern vor allem durch das Vorhandensein oder Fehlen des Handlungstragers des unfl. Part. 13. Kalbotyros klausimai VI, 193 2.32 Das Spezifikum einer absoluten Partizipialkonstruktion besteht darin, dass sie eine vom Hauptverb und von jedem anderen Satzteil unabhangige feste Verbindung von einem Nominalkasus und einem flektierten (iibereingestimmten) Partizip darstellt!°, die dem Ausdruck einer primar temporalen Bestimmung im Satz dient. Tritt nun zu einem Nomen im Lokativ ein Partizip in der Funktion einer néheren (attributiven) Bestimmung desselben, so wird zufolge der verbalen Natur des Partizips zugleich auch das Prddikat naéher bestimmt!!, Die Beziehung dieser nicht mehr zufalligen lokativischen Verbindung Nomen-Partizip zum Pradikat wird also enger, als das beim einfachen Lokativ (als dem Kasus der raumlichen und zeitlichen Fixierung, dem ,,grammatisch ungebundenen” Adverbialkasus schlechthin) der Fall ist. Es entsteht innerhalb des Satzganzen eine syntaktische Gliederung in Hauptund Nebenhandlung mit jeweils verschiedenem Handlungstrager. Und der temporale (nicht ,,lokal und/oder temporal!) Charakter dieser nabsoluten” Partizipialkonstruktion resultiert nicht aus der lexikalischen und grammatisch/kategorialen Bedeutung der Einzelelemente, sondern aus dem nicht als punktual (Gleichzeitigkeit), vielmehr als linear (Abfolge, Aufeinanderfolge) aufzufassenden syntaktischen Aufbau der Satzkonstruktion mit zwei Verbalhandlungen, von denen eine im Praédikat und die andere im Partizip ausgedriickt ist. Die absolute Partizipialkonstruktion erhalt also ihren grundsatzlich temporalen Charakter nicht einfach aus dem aktualisierten Ausdrucksgehailt ihrer beiden Komponenten, sondern aus der rein syntaktischen QualifizieTung von Hauptund Nebenhandlung. Die spezifische Fixierung eines Zeitverhaltnisses im Litauischen durch die obligatorische Unterscheidung zwischen den durch -ntund durch -us-Partizipien wiedergegebenen Zeit- “werten ist auch von diesem Standpunkt aus gesehen sekundar (um so bemerkenswerter, dass das Lettische diese Unterscheidung in der absoluten Partizipialkonstruktion nicht zu kennen scheint!). Auch die Verwendung von aktiven Partizipien des Perfekts in der absoluten Partizipialkonstruktion etwa im Griechischen und von Partizipien perf. pass. im Lateinischen stellt schon eine jiingere, auf das jeweilige einzelsprachliche Verbalsystem ausgerichtete Erscheinung dar, ganz zu schweigen von den Verhiltnissen in den hinsichtlich ihres Alters und ihres Ursprungs problematischen absoluten Partizipialkonstruktionen im Slawischen und Germanischen!?, 24 Seit dem Einsetzen der schriftlichen Uberlieferung des Litauischen und Lettischen ist ein absoluter Dativ (abs. Dat.) bekannt, eine Verbindung von einem (nominalen) Dativ und einer unflektierten Partizipialvgl. Hermann Hirt, Indogermanische Grammatik, Band VI, Heidelberg, 1987, S, 92. 4 vgl. Kihner/Gerth, Ausfithrliche Grammatik der griechischen Sprache, Satzlehre, Teil II‘, Hannover, 1955, S. 77. . 2 Vel. Rudolf Ruziéka, Stroktur und Echtheit des altslavischen dativus absolutus (in ,,Zeitschrift fiir Slawistik", VI, Berlin, 1961, S. 588—596). 194 form"? des urspriinglichen konsonantischen Stammes der -nt-Partizipien. Jedoch kann diese ausschliesslich dativische Auffassung, zumal sie sich nurmehr. auf den nominalen Bestandteil der Konstruktion stiitzt, durchaus sekundér sein. Aus den Kasusverhaltnissen im Baltischen'* sowie aus den liberlieferten Formen des unfl. Part, (-nt<-nti; daneben -ntie<*-ntei) lasst sich fur das (Ost-) Baltische eine absolute Partizipialkonstruktion auf der Basis eines lokativischen Kasus erschliessen. Diese Annahme wird u.a. gestitzt durch die Tatsache, dass der Dativ im Baltischen nie Zeitkasus sein kann. x Im Rahmen dieser Konstruktion entstand das unfl. Part. pras. akt. auf -nt(i), indem es aus dem Verband der flektierten Partizipien auf Grund seiner syntaktischen Sonderstellung ausschied, wahrend der nominale Kasus im Zuge der Herausbildung des neuen baltischen Lokativs zufolge seiner formellen Identitat (oder Ahnlichkeit) mit dem Dativ den Zusammenhang mit dem Kasussystem als Dativform bewahrte. 2.5 Die Konstruktionen ohne ausgedriickten Handlungstrager (Absolutivkonstruktionen") im Litauischen und im Lettischen sind unter die absolute Partizipialkonstruktion zu subsumieren, ungeachtet der verschiedenen Entwicklung in diesen beiden Sprachen'®, 3 3. Die Stellung des unfl. Part. prit. auf -us innerhalb der Konstruktionen mit unfl. Part. im Litauischen 3.1 Hinsichtlich der Konstruktionsméglichkeit ist das unfl, Part. prat. auf -us heute dem unfl. Part. pras. auf -nt fast vollkommen gleichgestellt. Durch die beiden unfl. Part. wird lediglich eine andere relative Zeitstufe bezeichnet. Die Prasensform dient dem Ausdruck der Gleichzeitigkeit, die prateritale Form dem Ausdruck der Vorzeitigkeit der in der Partizipialform enthaltenen Verbalaussage in Bezug auf eine andere Aus13 Die abs, Dat. mit flektiertem Partizip des Jo-Stammes des Partizips erweisen sich als ausserhalb dieser Entwicklung liegende, wahrscheinlich hyperkorrekte Bildungen. Anders V. Ambrazas, Aareannnti CAMOCTOATCABHBIM B NaMATHHKAX AHTOBCKOrO s#3bIKa XVI—XVII sp. Apropedepar AMcceptanun ..., Vilnius, 1958, S. 4. ‘4 Zu den Besondetheiten des balt, Kasussystems, die in unserm Zusammenhang yon Interesse sind, gehéren vor allem die Ausbildung eines mit einer Postposition versehenen ostbalt, Lokativs, der im Altpreussischen fehlt; das Vorhandensein sog. lokativischer Restkasus wie Illativ, Allativ, Adessiv (mit deutlichen Spuren Alterer Lokativformationen in diesen ,,Restkasus", vgl. auch A. Laigonaité, Paéalio vietininkai dabartinéje lietuviy kalboje, ,,Gramatikos klausimai” Vilnius, 1957, S. 21—39); das Verhalten des Dativs gegentiber Prapositionen. ? Als rein grammatischen Terminus fiir die absoluten Partizipialkonstruktionen ohne ausgedriickten Handlungstrager (= Konstruktionen mit alleinstehendem unfl. Part.) im Litauischen. verwende ich im weiteren Verlauf meiner Untersuchungen einfach ,,Absolutivkonstruktion“. ‘6 Wéhrend Absolutivkonstruktionen im Litauischen im allgemeinen nicht auf den Subjektskasus bezogen werden kénnen (.Subjektsverschiedenheit"), ist dies bei entsprechenden Konstruktionen im Lettischen durchaus moglich, z. B. AtgrieZoties (oder atgriezdamies!) no ekskursijas, jauniegi tundja par gitajiem iespaidiem (zitiert nach Ga ilums/ Vilans, Latviegu valodas gramatika VIII—XI klasei, Riga, 1958, S. 265). 195. sage. Das Problem besteht also darin, warum es im Litauischen (nicht aber im Lettischen) zu diesen zwei Zeitstufen sowohl im abs. Dat. als auch in der Absolutivkonstruktion kommt, die formell streng voneinander getrennte Ausdrucksméglichkeiten haben (innerhalb dieser Problemstellung spielen die Verwendungsméglichkeiten der unfl. Part. in der sog. Akkusativkonstruktion keine Rolle). Das unfl. Part, des Litauischen bezeichnet sowohl in der einen als auch in der anderen Konstruktion einen bestimmten festen Zeitwert. 3,2. Hinsichtlich der Bezeichnung von Zeitwerten verhalten sich die unfl. Part. ahnlich wie die flektierten (aktiven) Partizipien, die ja, unabhangig von der syntaktischen Stellung, allein durch ihre Form einen bestimmten relativen Zeitbezug (,,Gleichzeitigkeit", » Vorzeitigkeit" oder »Nachzeitigkeit") der in ihnen enthaltenen Verbalaussage in Bezug auf eine andere (verbal oder nominal formulierte) Aussage bezeichnen. 3.21 Aus der Tatsache, dass das unfl. Part. und das flektierte Partizip gewisse Gemeinsamkeiten innerhalb der syntaktischen Funktion »Ausdruck einer Nebenhandlung zur Haupthandlung" besitzen!’7, kénnte man freilich folgern, dass das unfl. Part. mit dem flektierten Partizip auch hinsichtlich des Ausdrucks eines festen Zeitwertes iibereinstimmt, man vergleiche etwa: eidamas suklupo — nereikia einant suklupti; atéjes rado visus namie — nelengva atéjus visus rasti namie. Es ist wahrscheinlich, dass diese Ubereinstimmung auf einer sekundaren Anndherung beruht. Im Litauischen wird die Absolutivkonstruktion betreffs des Verhdltnisses zum Trager der Haupthandlung (, Subjektsverschiedenheit") vom Charakter des abs, Dat., d.h. der absoluten Partizipialkonstruktion bestimmt und somit von den Konstruktionen mit flektierten Partizipien abgegrenzt. Aber das unfl. Part. erhalt umgekehrt in seiner Eigenschaft. als prddikatswertiger Bestandteil der absoluten Partizipialkonstruktion auch die Méglichkeit, einen festen Zeitwert zu bezeichnen, allerdings nur in der Alternative »Gleichzeitigkeit" oder ,,Vorzeitigkeit". ' 3.22 Dieser Prozess der sekunddren Anndherung, der zu dem heutigen Zustand fiihrt, lasst sich anhand einer einfachen Statistik erlautern, die ich auf Grund der von mir herangezogenen altlitauischen Belegstellen aufstellen kann'’. Wahrend namlich 210 abs. Dat. mit Formen des 7 Konstruktionen mit unfl, Part. und solche mit flektiertem Partizip, die dem Ausdruck einer Nebenhandlung zur Haupthandlung dienen, stellen satzbautypenmassig* verwandte Konstruktionen dar, deren unterscheidendes Merkmal im wesentlichen in der Stellung besteht, die der jeweilige Handlungstrager der in der Partizipialform ausgedriickten Verbalaussage im Gesamtsatz einnimmt. '8 Ausser den im Verzeichnis der benutzten Texte angegebenen altlit. Texte ist fir diese Statistik nur noch der Katechismus von DaukSa (Amroscxuit Katuxuauc H. Aayxum mepeneyatanHom 9. A. Boantrepom, C-Ilerep6ypr, 1886) herangezogen worden. Unberiicksichtigt bleiben in dieser Statistik die Belege von -norintin den genannten altlit. Texten. 196 prdsentischen Partizipialstammes gebildet sind, enthalten 92 abs. Dat. Formen des prateritalen Partizipialstammes!®, : Dagegen finden sich bei den Absolutivkonstruktion 132 Verbindungen mit prdsentischen Formen und 101 mit solchen des Prateritums. Dieses Verhdltnis weist darauf hin, dass die alleinstehenden unfl. Part. hinsichtlich der Verteilung von Prasensund Prateritalformen den ,,verbundenen” flektierten (aktiven) Partizipien entsprechen, deren Anteil an prdsentischen und prateritalen Formen jJeweils etwa den gleichen Prozentsatz ausmacht. 3.3 Im einzelnen ergibt die Statistik dariiber hinaus folgendes: Von den Absolutivkonstruktionen entfdllt ein Grossteil auf bereits phrasenhaft verwendete Ausdrucksméglichkeiten mit einem unfl. Part., wie z. B. i8skirus, iBémus, pradeius u. a., die parenthetischen Wendungen sakant, katbant, netarent usw. In den ubrigen nicht sehr zahlreichen Absolutivkonstruktionen (insgesamt 64) liberwiegen bei weitem die prateritalen Formen, z. B. ir numirus duBias muysy Diéwui afierawoia ,nach unserem Tode opfert er unsere Seelen Gott" (DP 516); Néssa tarp tawéno zmogaus ir maités Bunes/ne kokio numirus skiriaus ne rasi ,,.Denn zwischen der Leiche eines Menschen und dem Kadaver eines Hundes findet man keinen Unterschied, wenn (Mensch und Hund) gestorben sind" (DP 583); Bet priminus Diewa mus per wargus wadinanti pakutospi/weisdekem... »Eingedenk dessen, dass..." (BrP II 479); ..adunt zmones mokietu ne tiktay ne dptavst ddrbu izgdnimo/del Pasipeneimo/bet ir pati walgimu dptaydus skubinties Bwentump dayktump: (Si II 177; einziger Beleg dieser Art, den ich tiberhaupt bei Sirvyd gefunden habe!). Als Beispiel fiir Absolutivkonstruktionen, die mit dem unfl. Part. pras. gebildet sind, seien folgende Satze angefiihrt: ...kokis ten' biwo gaitéiimas Wiespaties Jésaus régint’ teip' primista moting sawq... (DP 174); Musu budds ird/laymiey giwenant/ir sweykays esant/dpe Pona Diewa maz adboti/... (KNSu 238); Tay ptaciey izguldit gatesis kas cionay trumpay azusirakina/moksiu duodunt kaliniams/ku turi weykti kaliney (Si ¥ 42/3); ...attaditi dani/tatai est/cziese alba kartais renkant meslawa (BrP II 503). 3.4 Die Beobachtung des relativ haufigen Vorkommens prateritaler Formen in den Absolutivkonstruktionen altlitauischer Texte (im Verhaltnis zu prasentischen Formen in der Absolutivkonstruktion bzw. in den absoluten Partizipialkonstruktionen uberhaupt) lasst die Schlussfolgerung zu, dass in diesen Absolutivkonstruktionen mit unfl. Part. prat. ein Konstruktionstyp vertreten ist, der dem urspriinglichen Strukturmodell fiir die Verwendung der unflektierten -us-Partizipien besonders nahe stehen muss. Dieses Strukturmodell kann also keine absolute (d.h. ihrem Ursprung nach attributivische) Partizipialkonstruktion gewesen sein; es kénnte sich demzufolge um eine Partizipialkonstruktion gehandelt haben, die in der herkémmlichen Weise als prddikativ zu bezeichnen ware. Da- © Zu einer ahnlichen Einschétzung gelangt auch V. Ambra zas, lc, S. # ders. Absoliutinis naudininkas su dalyviu XVI—XVII aa. lietuviy kalbos paminkluose, ,,Lietuvos TSR Moksly akademijos darbai", Serija A 2(5), 1958, S. 152, 197 mit ist ein Faktum gegeben, von dem man ausgehen kann, um die Entste- ‘hungsgeschichte des innerhalb des Baltischen nur im Litauischen anzutreffenden unfl. Part. prat. auf -us, das sowohl im abs. Dat. als auch in der Absolutivkonstruktion vorkommen kann, einigermassen aufzuhellen. 4, Bemerkungen zur Bildung des Partizips pris. akt. und des Partizips prit. akt. im Baltischen Al Zundchst miissen noch einige Grundziige der Bildung des Partizips pras. akt. und des Partizips prat. akt. im Baltischen herausgestellt werden, die in unserm Zusammenhang von Interesse sind. Das baltische Part. pras. akt. mit dem Bildungselement -ntist altes ie. Erbe, es wird vom Prasensstamm des Verbs gebildet und zeigt solche altertiimlichen Formen wie santvon der Wurzel esnsein" (vgl. ai. sant-/sat-, griech. #n usw.), entvon der Wurzel ei-/id gehen" (mit ungeklartem Ablautverhdltnis™). Das Part. pras. akt, ist im Baltischen in allen Formen deutlich als praésentische Formation gekennzeichnet. Anders verhalt es sich mit dem baltischen Part. prat. akt., das seiner Bildungsweise nach eine baltische Neubildung ist. Dafiir spricht die Verallgemeinerung einer Ablautstufe des Suffixes -ves-/-us-, das im Altindischen und Griechischen nominale Verbalformen von Perfektstimmen bildet”', sowie der Antritt dieses Suffixes an ganz verschieden charakterisierte Verbalstamme. Beides begegnet auch im Slawischen. Jedoch stimmen das Baltische und das Slawische nicht weiter als in den allgemeinen Ansdtzen zu dieser Bildung iiberein. Genauso wie das baltische Prateritum eine spezifisch baltische Eigenbildung ist, die sich nur in einzelnen Formen bestimmter Verben mit dem Slawischen oder mit anderen ie. Sprachen vergleichen lasst, geht auch das -usPartizip hinsichtlich seines Ausbaus und seiner Eingliederung in das Verbalsystem seine eigenen Wege. 4.2 Nach den baltischen Verhiltnissen zu urteilen, denen zufolge man keinen Beweis erstellen kann, dass das Baltische das ie. Perfekt und den ie. Aorist ,,verloren" hatte22 (man muss vielmehr annehmen, dass das Baltische diese Formationen nie wirklich ausgebildet hat), diirfte das Suffix -usurspriinglich kein ,,Perfektsuffix" gewesen sein. Man wird es im Baltischen zundchst lediglich als Mittel nominaler Verbalableitung mit eigener semantischer Praégung auffassen. Der Zusammenhang dieser usBildungen mit dem baltischen Prateritum ist freilich offensichtlich. Das 2” Siehe J. Otrebski, Gramatyka jezyka litewskiego, III, Warszawa, 1956, S. 251; A. Sabaliauskas, Atematiniai lietuviu kalbos veiksmazodiiai, Gramatikos klausimai", Vilnius, 1957, S. 99 ff. 7! Vig. K. Brugmann, Grundriss “der vergleichenden Grammatik der indogermanischen Sprachen II, 1, Strassburg, 1889, S. 410 ff. 2 Zu einer méglichen partizipialen Perfektform im Altlettischen buewis, biiwis aus *bawens (2), die mit slaw. byv®, ai. babhiivdn verglichen werden kann, vgl. J. Endzelin, Lettische Grammatik, Heidelberg, 1923, S. 727; Chr. S. Sta ng, Das slavische und baltische Verbum, Oslo, 1942, S. 196/209. 198 bedeutet jedoch noch nicht, dass die Ableitung mit dem Suffix -usnicht auch unabhangig von der Prdateritalbildung erfolgen konnte, zumal dieses Prinzip in entsprechendem Rahmen gerade eben fiir die alte ie. Partizipialbildung gilt. Ganz allgemein kann gesagt werden, dass das baltische Partizip auf -usvon einem Verbalstamm gebildet wird, der kein Prasenskennzeichen (Praésensablaut, Nasalinfigierung, -st-Infix, fe/o-Stammbildung u. 4.) aufzuweisen hat, man vergleiche etwa krefitant- : kritus-; refikant- : rifikus-; takstant- : riikus-; Griant- : adrus-, 4.3 Fir das (heutige) Litauische gilt die Regel, dass das Part. prat. akt. vom Prateritalstamm gebildet wird. Die baltischen Prateritalstémme ihrerseits auf -@ und auf -d beruhen auf einer komplizierten Verflechtung von verschiedenartigen verbalen Stammbildungen, die urspriinglich nicht ausschliesslich temporalen Charakter besassen. Die Form der Verbalwurzel in dieser Stammbildung kann mit verschiedenen alten ie. verbalen Wurzelablauttypen und unter Umstanden auch mit anderen Stammbildungen verglichen werden, nur nicht mit solchen des alten Prasens. Infinitivstamm und Prateritalstamm sind im Baltischen nicht identisch. 4.31 Weiterhin spiegeln sich in den heute vorliegenden litauischen Partizipialformen auf -usgewisse Unterschiede der prdateritalen Stammbildung wider, die in den finiten Verbalformen nicht mehr in Erscheinung treten: man vergleiche sdkiuszu sakyti (Infinitiv), sdko (pras.), sake (praét.) gegeniiber baiguszu baigti, baigia, baigé und déguszu dégti, déga, dégé. In der 1. Pers-sgheisst es jeweils sakiad, baigiai, degiad. Neben heute gleichlautenden é-Praterita tritt also im Partizip einmal -iusund das andere Mal -usauf. Diese Verschiedenheit kann in unserm Zusammenhang die Auffassung bestarken, dass das baltische -us-Partizip nicht unbedingt gleichzeitig mit den verbalen @-Stammen zu einer prdateritalen Formation innerhalb des baltischen Tempussystems geworden ist™*. 4.4 Von der Wurzelund Stammgestaltung her besteht fiir das Part. prdt.akt. eine geringere und weniger merkmalhafte Kennzeichnung als fiir das Part. pras. akt. Uberdies finden sich im Baltischen innerhalb des Komplexes der -us-Partizipien Formen der -nt-Partizipien, und zwar im Nom. sg. mask. (neSes) und im Nom. plur. mask. bzw. im Nom. sg. neutr. (neSe). Denn in neuerer Zeit wird mit vollem Recht geltend gemacht, dass diese Formen aus dem -nt-Partizip des verbalen é-Stammes herzuleiten sind, also neges aus *negént-s wie neSqs aus *neSant-s usw.2°. Man wird diese Formen als Reste der @-Flexion des Verbums aus einer Zeit: auffassen, da die temporale (prateritale) Funktion dieser Bildung noch nicht ausgepragt war. Im Verlaufe der Entwicklung des baltischen % Chr. Stan g, lc, S. 189/190. * Zur Diskussion tiber die verschiedenen dem baltischen Prdateritum zugrundeliegenden Verbalstémme vgl. zuletzt Chr. Stang, l.c., S. 150, 209 f, 5 J. Otrebski, l. cS. 257 £; Chr. Stang, l. c, S. 208. 199 meri dar. Dieses Gerundium auf -uéi besteht im Russischen noch heute als Restform®® neben der dominierenden Form auf -ja, die vom Nom. sg. mask. der sog. Kurzform des Partizips hergeleitet wird?®, Allerdings muss der Handlungstrager des russischen Gerundiums mit dem der Haupthandlung ubereinstimmen (einige phrasenhafte Wendungen ausgenommen). Der Grad der Verallgemeinerung ist also ein geringerer als er fiir das litauische unfl. Part. auf -us angenommen werden musste. Uberdies handelt es sich bei den slawischen Formen auf -uéi selbstverstandlich um das alte -nt-Partizip. Man kann die Entwicklung der slawischen Formen auf -uci und die Entstehung des unfl. Part, prat. im Litauischen aus einem Nom. sg. fem. also nicht etwa als Parallelentwicklung oder auch nicht als syntaktische Entlehnung auffassen. Eine Vergleichsméglichkeit fiir die Gebrauchsweise gewisser syntaktischer Konstruktionen mit aktiven Partizipien bliebe immerhin bestehen. 5.62 Fiir die Verallgemeinerung einer femininen Form des Part. prat. akt. zu einer unflektierten Partizipialform mit besonderer syntaktischer Spezialisierung kénnte schliesslich auch die Tatsache sprechen, dass die maskulinen Nominativformen auf -es und -e deswegen nicht zur Verallgemeinerung geeignet sind, weil sie keine charakteristische baltische Prdteritalkennzeichnung im stammbildenden Partizipialsuffix aufweisen. Da es sich aber beim unfl. Part. auf -us, auch nachdem es seine Spezifikation als unveranderliche nominale Verbalform im grammatischen System des Litauischen erlangt hat, um ein Mittel zum Ausdruck der Vorzeitigkeit einer Verbalaussage im Verhaltnis zu einer anderen Aussage handelt, ist eine eindeutige formelle Prateritalkennzeichnung fiir diese Bildung sicher notwendig. 6. Zur Frage eines alten endungslosen Nominativs des Partizips prit. akt. 6.1 Trotz allem bleibt aber die Entwicklung des unfl. Part. auf -us aus dem Nom. sg. fem. des Part. prat.akt. fragwiirdig (auch die erwahnte Ableitung des slawischen Gerundiums auf -uéi ist keineswegs gesichert). Einen nicht zu unterschatzenden Widerspruch zu der in den vorigen Abschnitten erlauterten Hypothese scheint eben doch das System des litauischen Partizipialparadigmas selbst darzustellen, insofern namlich, als’'dass das Femininum in diesem System nie als merkmalloses Glied auftritt, also nicht als ,neutrale" Form verwendet werden kann, zumindest einer solchen Verwendung seinem Wesen nach entgegensteht. Nicht weniger hypothetisch, aber dem litauischen Partizipialsystem eher gemdss ist der Versuch, maskuline bzw. neutrale Formen zur Erklarung der Herkunft des unfl. auf -us heranzuziehen. 97, B. 6yAy4H, uMTaio"n, eayiH, KuByyn zitiert nach R. Trautman n, Kurzgefasste Tussische Grammatik, Leipzig, 1948, S. 102, : eg, Tschernych, Historische Grammatik der russischen Sprache, Halle, 1957, S. 239 ff.; B. B. Us aHOB, PasBuTue rpamMaTuyeckoro CTpos# pyccKoro sa3biKa, Mocxga, 1960, S. 121 ff. 206 6.2 Denn man muss sich schliesslich die Frage vorlegen, ob nicht doch auch fiir das Maskulinum urspriinglich eine Formation des -usPartizips anzusetzen ist‘!. Die Beobachtungen iiber die ,,heteroklitische” Bildungsweise der Nominativformen des Part. prat. akt. ihrerseits hindern nicht daran — sie kénnen eher darin bestarken — Altere, d. h. nicht iiberlieferte Bildungen vom -us-Stamm des Partizips auch fiir das Maskulinum anzunehmen. Denkbar ware beispielsweise, dass diese -us-Bildungen formell (und funktionell) nicht gentigend charakterisiert erschienen und daher in allen syntaktischen Stellungen durch die Formen auf -es und -e versetzt" wurden, die méglicherweise zunachst nur zur Bezeichnung entweder der atrributivischen oder der adverbial/zirkumstantialen Funktion des Part. prat. akt. Verwendung fanden. In diesem Sinne hatte sich die formelle Charakterisierung nach Genus, Numerus und Kasus als starker erwiesen als die unzweideutige formelle Charakterisierung des absoluten Zeitwertes bzw. des spezifischen Ausdrucksgehaltes des baltischen -usPartizips. Nur scheint es schwierig zu sein, konkrete Anhaltspunkte fiir eine so oder ahnlich geartete Entwicklung zu finden. 6.3 Im Slawischen begegnet man wiederum einem Hinweis zugunsten einer entsprechenden Argumentation in Bezug auf die litauische (baltische) Entwicklung: das Gerundium prat. auf -vz (z.B. znavs) wird aus einem Nom. sg. mask. auf *-(u)us‘2 hergeleitet*®, Eine slawische Form *znavus wiirde also einem litauischen Zinojus entsprechen. Nun kann man zwar nicht mit Sicherheit beweisen, dass es je im Baltischen eine derartige Form des Maskulinums gegeben hatte (ausser mit den von mir hier vorgebrachten funktionell motivierten Bildungsméglichkeiten), genausowenig kann man es aber widerlegen. Trafe die Vermutung dennoch zu, dass eine Form wie Zinojus ein maskuliner Nominativ gewesen ist, so hatten wir es mit einer auffallenden baltoslawischen (besser litauischslawischen) Ubereinstimmung, gewissermassen mit einer partiellen Neuerung im Baltoslawischen zu tun. 6.4 Diese Bildung vom Typ zinojus ist als endungslose Form des -usPartizips aufzufassen, die moglicherweise urspriinglich eine neutrale Form war. Es kann darauf verwiesen werden, dass der Nom. plur. _ Mask. der -nt-Partizipien vom Typ neq ebenfalls auf eine neutrale, d.h. auf eine endungslose Form zuriickgefiihrt wird. Die Verhaltnisse sind auch beim -nt-Partizip recht kompliziert, nicht leicht ist z. B. die (spatere) Verwendung der endungslosen Form im Plural zu erkldren. Und doch scheint die Erklarung der pluralischen Formen auf -q, -i, -€ aus (gleichlautenden) Formen des Neutrums die einzig plausible zu sein. ‘| Der Versuch, die Nominative auf -es und -¢ als Bildungen mit der starken Stammstufe des Partizipialsuffixes -ves|us-zu erklaren, beruht ja auch vor allem auf der Voraussetzung eines einheitlichen Paradigmas der -ves|-us-Partizipien, der zuliebe betrachtliche Unregelmassigkeiten der lautlichen Entwicklung in Kauf genommen werden. ” Die Verallgemeinerung des Stammes auf qyus- (=-vus-) ist slawische Neubildung, Vgl. V. Ivanov, 1. ¢., S. 123; J. Otrebski, 1. c, S. 257 fasst die slawische Form auf -us als urspriinglich neutrale Form auf, die in das Maskulinum eingedrungen ist. 207 So ist es wohl keinesfalls so ganz abwegig, die Existenz einer endungslosen Form des -us-Partizips zu vermuten. Diese Formation auf -us ist im Baltischen vielleicht nicht tiber das Stadium einer ,,neutralen" Ausdrucksweise hinausgekommen. 6.5 Es besteht folglich die Méglichkeit zur Annahme, so gewagt sie auch erscheinen mag, dass es sich beim einzelsprachlich gepragten litauischen unfl. Part. prat. um eine alte endungslose Form des -usPartizips handelt. Diese Form miisste im Litauischen nominativisch gewesen sein, und sie kénnte nach dem Verlust des (baltischen) Neutrums dem Maskulinum angehért haben. Es ware durchaus denkbar, ‘dass zufolge des Ausscheidens dieser Form aus dem Verband der flektierten Partizipien vom -us-Stamm die Ubernahme der Nominative auf -es und -e erfolgt sei. Andererseits kénnte man in der ,,heteroklitischen” Bildungsweise des Nominativs des Part. prat. akt. den Grund fiir eine grammatische Isolierung eines moglichen maskulinen Nominativs auf -us sehen, der in diesem Fall die adverbial|zirkumstantiale Funktion des Partizips erfiillt haben muss. Auf diese Weise wird auch das Fortbestehen des der Form nach dem unfl, Part. prat. sehr ahnlichen Nom. sg. fem. auf -us(i) ohne weiteres verstandlich, Die Reflexivbildung des unfl. Part. prat. auf -usis kann als Analogiebildung, als Formausgleich etwa nach nach dem Muster des Infinitivs, des unfl. Part. pras., des Nom. sg. mask. des Part. pras. und prat. akt. (z. B. dirbqsis, dirbesis) oder des Nom. sg. mask. des -damaPartizips (z. B. néSdamasis)** abgetan werden. Allerdings diirfte man wiederum keine Formen des unfl. Part. prat. mit einem diphthongischen Element vor der Reflexivpartikel erwarten, Solange die zemaitischen Formen auf -usies jedoch hinsichtlich ihres tatsdchlichen Charakters im Sinne einer innersprachlichen Rekonstruktion der jeweiligen Dialekte selbst unerkldrt bleiben {(vgl. oben Abschnitt 5.51), kénnen sie weder die eben genannte noch eine andere Hypothese tiber die Entstehung des unfl. Part, Prat. beeintrachtigen oder bestatigen. 7. Die weitere Ausbildung der endungslosen Form des prateritalen -ius_Partizips 7.1 Es lasst sich also die Hypothese aufstellen, dass es im Baltischen eine von Anfang an flexionslose Form des -us-Partizips gab, der im Laufe der (einzelsprachlichen) Entwicklung des Partizipialparadigmas im Litauischen ausschliesslich die Funktion ,,Bezeichnung einer der Haupthandlung vorangegangenen Nebenhandlung” zufiel. Eine solche Form mit einer derartigen Funktion konnte leicht zu einer (unflektierten) adverbartigen Form werden, die keine Genusund Numerusbezeichnungen auszudriicken imstande war, diese auch gar nicht auszudriicken brauchte, Auf diesem Weg eriibrigt sich natiirlich die Erkldrung einer ,,Ubernahme" der flexionslosen -us-Form in alle Genera und Numeri. * dirbqsis anstelle von *dirbqs-si, dirbesis anstelle von *dirbes-si, néSdamasis anstelle von *nésdamas-si, vgl. J. Otrebski, 1 c., S, 252 f., 258 f., 274, 208 72 = Um die Stellung dieser flexionslosen -us-Form zu den unfl. Part. pras. auf -nf und die dann erfolgte ,,Gleichschaltung" dieser beiden unfl, Part. zu einer fiir das Litauische charakteristischen gramatischen Formation mit eigener Pragung so zu veranschaulichen, dass das Besondere dieser Erscheinung ersichtlich wird, muss an dieser Stelle konstatiert werden, dass fiir das unfl. Part. pras. auf -nt eine entsprechende Ableitung aus einer Nominativform nicht in Betracht kommen kann, auch nicht étwa als parallele Entwicklung zu der oben im 2. Kapitel dargestellten Entstehung des unfl. Part. pras. auf -nt im Rahmen einer absoluten Partizipialkonstruktion (mit spaterem Zusammenfall dieser Bildungen). Dafiir lassen sich vor allem zwei Griinde anfiihren: 7.21 Eine endungslose Form des -nt-Partizips liegt vor im Nom. plur. mask. bzw. Nom. sg. neutr., z. B. neq, sakq, mylj. Diese Formen werden bekanntlich auf *negant, *sak6nt, *mylint zuriickgefiihrt. Auf Grund der baltischen Auslautgesetze kann eine litauische Form auf -nf nur aus einer langeren Form entstanden sein, wogegen sich litauisches auslautendes -us auf baltisches -us zuriickfiihren lasst, man vergleiche etwa den Nom. sg. (mask.) der u-Stimme sunus, saldis usw. 7.22 Das auslautende -i des Nom. sg. fem. der -nt-Partizipien fallt mit nur wenigen Ausnahmen (vgl. Anmerkung 29) im gesamten litauischen Sprachgebiet weder bei Vorannoch bei Nachstellung des (attributiven) Partizips noch normalerweise in der zusammengesetzten Verbalform aus (hier einmal ganz abgesehen von bestimmten phonetischen Bedingungen im Realisierungsverlauf der Redefolge, die einen Abfall des auslautenden -i verursachen kénnten, z.B. Elision vor anlautendem Vokal u. d.). Ausser rein lautlichen und lauthistorischen Gegebenheiten diirfte hier die Tatsache eine Rolle spielen, dass die feminine Form auf -nti vorwiegend attributivisch und in der zusammengesetzten Verbalform gebraucht wird (zum Ausdruck der adverbial/zirkumstantialen Funktion ist ja das -dama-Partizip vorhanden) und somit wie die adjektivischen Attribute eine Charakterisierung des Kasus in der Form ausdriicken muss. 7.3 Seine weitere grammatische Ausbildung im Litauischen hat das unfl. Part. prat. auf -us nach dem Muster und unter dem Einfluss des unfl. Part. prés. auf -nt erhalten, so vor allem hinsichtlich der Verwendung im abs. Dat. und unter den Bedingungen der sog. ,,Subjektsverschiedenheit". Es kann jedoch nicht ganz von der Hand gewiesen werden, dass die Tendenz zur (,,teilweisen") Subjektsgleichheit der Konstruktionen mit unfl. Part. in der modernen litauischen Literatursprache (z. B. [8éjus i8 girios, a8, tikra to Zodzio prasme, parkritau ant griovio krasto (iSéjau aS _ i dar keli vaikai) I. Simonaityté, ...0 buvo taip, Vilnius, 1960, S, 321; Ejnant palei dailiai pakirptus krimus, ji isipainiojo j voratinkli P 1960/12 S. 75) auf der Tatsache beruhen ‘kénnte, dass gerade die prateritale flexionslose Form auf -us ihrem Ursprung nach eine Subjektsgleiche" Aus- . 14, Kalbotyros klausimai V1, 209 drucksweise gewesen ist und unter Umstanden diese Konstruktionsméglichkeit nie ganz aufgegeben hat‘, 74 Zusammenfassend sei nochmals hervorgehoben, dass das unfl. Part. prat. auf -us, das nur im Litauischen vorliegt, nicht gleichzeitig und auch nicht auf dem gleichen Wege wie das unfl. Part. Pras. auf -nt entstanden ist. Wahrend letzteres, das man als baltisch ansetzen darf, den besonderen Bedingungen der absoluten Partizipialkonstruktion im Baltischen seinen Ursprung verdankt, handelt es sich beim ersteren um urspriinglich nominativische Formen, die in der adverbial/zirkumstantialen Funktion vorkamen und die entweder von Anfang an abseits vom (flektierten) Partizipialparadigma standen oder aber relativ friih aus diesem ausschieden und eine Art Sonderstellung bezogen, eo. Die so dargestellten Verhaltnisse beziehen sich nur auf den 1. Anwendungstyp der unfl. Part. (siehe oben Abschnitt 1.21). Fir die Entwicklung des unfl. Part. auf -us innerhalb des 2. Anwendungstyps ist —- genauso wie fiir das unfl. Part. auf -nt — mit einer morphologischen un¢ syntaktischen Verquickung von Akkusativkonstruktionen mit flektiertem Partizip und Konstruktionen mit unfl. Part. aus dem 1. Anwendungstyp zu rechnen. Der Koinzidenzbereich diirfte in beiden Fallen vor allem den Akk. sg. mask. der flektierten Partizipien einerseits und die Form des unfl. Part. andererseits umfasst haben. Da das Lettische in der sog. Akkusativkonstruktion, abgesehen von dem lettischen unfl. Part. auf -am/-am, dessen Verwendung nicht in diesem Zusammenhang erértert zu werden braucht, nur Formen des unfl. Part. auf -nt (lett. -of) kennt, ist auch die Einbeziehung des unfl. Part. auf -us in die sog. Akkusativkonstruktion als eine einzelsprachlich ausgebildete Erscheinung des Litauischen zu werten. Man kann in altlitauischen Texten beobachten, dass endungslose -us-Formen in der sog. Akkusativkonstruktion nur ganz vereinzelt beim Akk. sg. mask. (also -us neben haufigerem -usi, -usj als flektierter Form), aber so gut wie gar nicht in anderer Umgebung vorkommen; die Auswertung der mir zur Verfiigung stehenden altlit. Texte ergab jedenfalls kein anderes Bild. Dagegen kénnen endungslose -nt-Formen in der sog. Akkusativkonstruktion in allen Umgebungen — allerdings mit unterschiedlicher Hdaufigkeit — belegt werden. Auch daraus kann man den Schluss ziehen, dass zu dieser Zeit der ersten schriftlichen Uberlieferung das unfl, Part. prat. auf -us auch innerhalb des 1. sio TMa 1959/11 S. 20; Dabar anksti gulé, anksti keélé, jautési sveikas, valgé daug, kaip studijy laikais gavus stipendijq M. Sluckis, Véju pagairéje, Vilnius, 1958, S. 6; Kolikie- €iai vieningai nutaré — Lietuvos TSR dvidesimtmetj sutikti ivykdzius_pusantros metinés uzduoties T 1960 VI 16; ...paklausé Adoméniené Barvainio, jiems i8éjus j aikite P 1960/12 S. 44, Die Tendenz zur Subjektsgleichheit kann also andere Ursachen haben, bestimmt hat sie ausser der erwahnten Stellung des unfl. Part, auf -us auch noch andere Ursachen, etwa das Umsichgreifen bestimmter formelhafter Wendungen, z, B, atidarant mitingq (kongresa, spaudos konferencijq u. a.), atsisveikinant, baigiant (mit und ohne Objekt) usw. 210 Anwendungstyps noch nicht dem unfl. Part. pras. auf -nt in dem Masse gleichgestellt war, wie das in der modernen litauischen Literatursprache der Fall ist. Halle/Saale Verzeichnis der benutzten Texte, soweit diese nicht in der Arbeit voll zitiert wurden BrP I—II — Postilla tatai esti Trumpas ir Prastas Ischguldimas Euangeliu... Per Jana Bretkuna Lietuvos Plebona, Karaliaucziuie... 1591, Teil I und I. DP — Dauk§Sos Postilé, Fotografuotinis leidimas, Kaunas, 1926. Si I-Il — Syrwids Punktay Sakimu, Herausgegeben von F. Specht, Géttingen, 1929, Teil I und IL. : KNSn — Kniga Nobaznistos KrikS¢ionigkos... antra karta perdrukawota, Kiedaynise, 1653; Summa arba Trumpas iszguldimas Ewangeliu Szwentu... 5 — Tiesa (Lietuvos Komunisty partijos Centro Komiteto, Lietuvos TSR AukS¢iausiosios Tarybos Prezidiumo, Lietuvos TSR Ministry Tarybos organas), Vilnius. P — Pergalé (Literatiros, meno ir kritikos zumalas; Lietuvos TSR Tarybiniu taSytojy Sajungos organas), Vilnius. TMa — Tarybiné mokykla (Lietuvos TSR Svietimo ministerijos organas), Vilnius. (Alle wissenschaftliche Literatur, die fiir diesen Aufsatz benutzt wurde—soweit sie nicht hier in der Arbeit angemerkt ist—, ist im Literaturverzeichnis der Dissertation der Verfasserin angegeben. AEENPHYACTHE MPOWEAWEFO BPEMEHH C -us B JIATOBCKOM A3bIKE T. BEH3E Pestwme Ha ocnope @opmanbubix u cHnTaKcnueckux ocobenHocTeli qeenpuyacTHA Mpollequiero BpeMeHH B CTaTbe BEIABHTaeTCA NpesNomoxRKeHHe, yo AaHHoe AeenpHyacrue MO MponcxoxyeHHI0 pasnuuaetca oT Aeenpuyactua HaCTOAULETO BPCMeHH, KOTOPOe aBTOP CUHTAeT 3aCTEIBINHM OKATHBOM OCHOBbl Ha corjacupifi. JLeenpuyactHe npomeguero BpemenH MOxKHO BEIBeCTH H3 MpeqmO1araeMOro HMeHHTeNbHOTO TawqexKa eqHHCTBeEHHOTO YyHCAa nIpH4acTHA Mpolleuiero BpeMeHH cpeqHero poga c -us, T. e. 6e3 OKOHUAHHA (cp. aut. Zinojus u cnas. znave<*znavus). BosspaTHbim eenpHyuacTuamM CBONCTBeHHOe OKOHYaHHe -i (Hamp.: praisusi-s) Morio BO3HHKHYyTE 10 aHaOTH C HHHYNTHBOM, LeenpHuactuem HacTosuero BpeMeHH H HMeHHTeNbHBIM Mafe2%KOM My2XKCKOro poxa mpHuacruii Hacrosuero Hu mpowenmero ayHOKpaTHOrO BpeMeHH. 211