Lietuvių ir slavų kalbų gramatinio kontaktavimo reiškiniai pietryčių Lietuvoje
Full text
LIETUVIŲ KALBOS GRAMATIKOS TYRINĖJIMAI LIETUVOS TSR MOKSLŲ AKADEMIJA
ERSCHEINUNGEN DES GRAMMATISCHEN KONTAKTS ZWISCHEN DER LITAUISCHEN UND DEN SLAVISCHEN SPRACHEN IN SÜDOSTLITAUEN
E. GRINAVECKIENĖ
In Südostlitauen gibt es Orte, an denen die Einwohner mehrere Sprachen sprechen. So wird beispielsweise südlich und südwestlich von Vilnius (im südwestlichen Teil des Bezirks Vilnius, im östlichen Teil des Bezirks Trakai und im Bezirk Eišiškės) überwiegend Belarussisch gesprochen; die jüngeren Einwohner neigen dazu, Polnisch zu sprechen, fast alle beherrschen Russisch, und manche über 70-jährige Senioren sprechen außerdem Litauisch. Litauisch verstehen die Kinder im schulpflichtigen Alter einigermaßen und sprechen es manchmal auch; dasselbe gilt für einzelne Angehörige der mittleren Generation. An vielen Orten dieses Gebiets erinnern sich ältere Menschen noch gut an die Zeit, als ihre Großeltern und Eltern untereinander Litauisch sprachen, mit ihren Kindern und Enkelkindern jedoch bereits begonnen hatten, „einfach“ (d. h. Belarussisch) zu sprechen. In der Umgebung von Šalčininkai verschwand die litauische Sprache beispielsweise vor etwa 70–80 Jahren aus dem alltäglichen Gebrauch; bis zum Ersten Weltkrieg gab es hier jedoch noch zahlreiche Menschen, die Litauisch sprachen¹. In Dörfern, die weiter von größeren Verwaltungs- und Kulturzentren entfernt liegen, an schlechteren Straßen und in abgelegenen Gegenden wurde noch bis zur Besetzung durch das bürgerliche Polen, d. h. bis 1920, fließend Litauisch gesprochen. Diese Besetzung trug erheblich zur Verdrängung der litauischen Sprache bei. Dennoch geriet die litauische Sprache in diesem Gebiet nicht vollständig in Vergessenheit². Damals sprachen hauptsächlich Angehörige der älteren Generation Litauisch. Heute sind die meisten älteren litauischsprachigen Einwohner dieser Gegend bereits verstorben, und die Zahl der Überlebenden nimmt von Tag zu Tag merklich ab. Unter den älteren Menschen gibt es einige, die so viel Litauisch vergessen haben, dass sie in dieser Sprache nur noch wenig sagen können, obwohl nicht wenige eingestehen: aš visa pažįstu, ką sakai³ „Ich verstehe alles, was du sagst“.
1 Vgl. das Material des Atlas der litauischen Sprache, das in Šalčininkai, Šalčininkėliai, Butrimonys, Daugidonys, Didžiosios Sėlės und Barčiai aufgezeichnet wurde (handschriftliche Bestände des Instituts für litauische Sprache und Literatur der Akademie der Wissenschaften der Litauischen SSR).
2 Aus den statistischen Daten der Volkszählung von 1942 im Amtsbezirk Šalčininkai, die in den handschriftlichen Beständen des Instituts für litauische Sprache und Literatur der Akademie der Wissenschaften der Litauischen SSR aufbewahrt werden, geht beispielsweise hervor, dass damals in Šalčininkai noch 26 Personen Litauisch sprachen, in Ažulomys 56, in Mažieji Baušiai 30, in Milvydai 5, in Mikantonys 86, in Kliūnai 27, in Širviai 16, in Kameninkė 17, in Vincipolis 5, in Dainiškės 47, in Stakų Ūta 6, in Tribonys 1, in Pamūrinė 1 und in Pašalčys 7.
3 Die Dialektbeispiele des Artikels werden überwiegend in der Orthografie der Literatursprache wiedergegeben; lediglich die Vokale i, y, i und ė nach verhärteten Konsonanten werden mit ы, э bezeichnet. Die Länge dieser unbetonten Vokale wird durch einen hochgestellten Punkt rechts neben dem Buchstaben angezeigt; die Länge betonter Vokale wird durch ein Akzentzeichen markiert, z. B.: krūto ~ krīto, rītas ~ rītas, grūžo ~ grīžo, pėlė ~ pėlė, pelė ~ pelė Btrm. Der Buchstabe ė bezeichnet einen geöffneten Vokal e, z. B.: bernėlis — bernėlis SM. In den belarussischen Sprachbeispielen wird der durch den Buchstaben э bezeichnete Konsonant in allen Fällen frikativisch ausgesprochen.
219
verstehe, was du sagst“. Gewöhnlich erinnern sie sich nur an einige litauische Wörter und Bezeichnungen für Dinge, können auf Litauisch mindestens bis hundert zählen, erinnern sich an das eine oder andere Bruchstück eines litauischen Liedes und können einen Taugenichts auf Litauisch beschimpfen und Ähnliches. Hier gibt es auch den einen oder anderen älteren Einheimischen, der noch vergleichsweise gut Litauisch spricht und von alten Zeiten und seinem Leben und Alltag erzählen, alte litauische Volkslieder singen, Märchen erzählen, Rätsel und Knobelaufgaben aufgeben und Ähnliches kann. Im Untersuchungsgebiet wurde gezielt nach solchen Auskunftspersonen gesucht. Schließlich gibt es hier zahlreiche Angehörige der mittleren Generation, die untereinander Belarussisch oder Polnisch sprechen, aber auch Litauisch verstehen und ein wenig sprechen können. Gewöhnlich können sie die eine oder andere litauische Wendung äußern, auf alltägliche Fragen antworten usw. Die Jugendlichen in diesem Gebiet haben in der Schule ein wenig Litauisch gelernt, sprechen untereinander jedoch fast nie Litauisch.
Zur Beobachtung der in diesem Gebiet ablaufenden Sprachprozesse organisierte das Institut für litauische Sprache und Literatur der Akademie der Wissenschaften der Litauischen SSR in den Jahren 1952–1967 mehrere Dutzend dialektologische Expeditionen. Eine davon wurde 1966 gemeinsam mit Dialektologen des Instituts für Sprachwissenschaft Janka Kupala der Akademie der Wissenschaften der Belarussischen SSR als Gemeinschaftsexpedition durchgeführt.
Insgesamt wurden hier 17 Siedlungen untersucht: Marijampolis (Bezirk Vilnius), Trakai, Barčiai, Šklėriai, Lygainiai, Paneriai (Bezirk Trakai), Senieji Macėliai, Rūdininkai, Didžiosios Sėlos, Šalčininkai, Šalčininkėliai, Daugidonys, Butrimonys, Vežionys, Eišiškės, Kaniūkai und Dieveniškės (Bezirk Eišiškės)4. Das Material aus diesen Orten ist nicht überall gleich umfangreich und gleichwertig. An manchen Orten ist der örtliche litauische Dialekt stärker von den slavischen Sprachen beeinflusst, an anderen weniger. Am stärksten litauisch geprägt sind Marijampolis, Senieji Macėliai, Didžiosios Sėlos, Butrimonys und Dieveniškės. Während der Untersuchung wurden an jedem dieser Orte jeweils 3–6 ältere Einwohner eingehender befragt; lediglich in Trakai, Lygainiai und Paneriai fanden sich nur je 1–2 solche Personen.
Während der Expeditionen galt die größte Aufmerksamkeit dem örtlichen litauischen Dialekt, der allmählich zurückgeht und mancherorts bereits ganz auszusterben droht, insbesondere seiner grammatischen Struktur, Phonetik, Lexik und den Ortsnamen sowie den darin vorkommenden Superstraterscheinungen, die durch den Einfluss der Kontaktsprachen entstanden sind. Während der Gemeinschaftsexpedition von 1966 untersuchte die Autorin des Artikels an drei Siedlungsorten (Senuosiuose Macėliuose, Senuosiuose Trakuose und Butrimonys) auch den Einfluss des örtlichen Litauischen auf andere Kontaktsprachen, vor allem auf das Belarussische.
Bei der Beobachtung der Sprachkontakte in diesem Gebiet und ihres Einflusses auf die Wortbildung und grammatische Struktur der betreffenden Sprachen fallen zunächst die Lehnübersetzungen und Entlehnungen in Wortbildung und Bedeutung auf.
Im örtlichen litauischen Dialekt gibt es zahlreiche semantisch übersetzte Verbpräfixe, die Funktionen der im Litauischen gebräuchlichen üblichen Verbpräfixe übernommen haben, z. B.: atbyrėj (= nubyrėjo) Äpfel; ragutėlės palāužysi (= sulaužysi); po cýltu duobābl· pȧkasė (= iškasė) Dv; pàmūšė (= sudaužė) paūtų; karāivis užšovė (= nušovė) einen Menschen; žiedų àtvogė (= pavogė) Šlč; aplàisk (= paleisk) gýrną — ploniaũ (= smulkiau) Mehl DS; pálku (= lazda) apsispiria (= pasispiria) Šlčn; pralydėjau (= palydėjau) die Schwester; nesustòs (= nenustos) der Regen prasselt Mrj; über (= i)lankų pærvirto (= pavirto); atšālo (= iššalo) Kirschen; visa pakentėjom (= iškentėjom); ėm ir pravarė (= pavarė) sie von sich weg; jam rankās palāužė (= iš-
4 Siehe das Dialektmaterial dieser Orte, das in den handschriftlichen Beständen des Instituts für litauische Sprache und Literatur der Akademie der Wissenschaften der Litauischen SSR aufbewahrt wird.
220
(zerbrach); anà àtsku̇ta (= nuskuta) bulbàs Kn; atpjóu (= nupjovė) káčinu viodegų; usirġsit (= susirgsite) nog tos dúonos; usisùko (= apsisuko) galvà; vyro motkà (= motina) praskaitė (= perskaitė) láišku; tvorà padràškė (= sudraskė) kaptónų (= švarką); sùkepa (= iškepa) déšru; pračýrškino (= užčirškino, užspirgė) riebuliais; apsižagnóju (= persižegnoju) litauisch; ažverkė (= pravirko) bitterlich; pagùrino (= išmušė) langų; visos dikterys patékėj (= ištekėjo); sùvirė (= išvirė) dešinc paùtu Lg; atkirto (= nukirto) vỹru rañkų Trak; visi ma draugai seniai pàmirė (= išmirė) und jų kaulai papùvo (= supuvo) SM. Wortbildungen dieses Typs sind im Dialekt häufig, und es entstehen darin immer mehr davon.
Im Dialekt kommen zahlreiche Verben mit Präfixen slawischer Herkunft vor, z. B.: razbrínko (= išbrinko) téšmuo; razdàrė (= atidarė) duris; razbaidė (= išbaidė) višįas Dv; raspióu (= perpiovė) per puštį; razmaišo (= išmaišo) bùlbu bradžius; rasižóji (= išsižioję) kláuso Lg; rasivéikino (= atsisveikino) su visais Trak; gegulė pàdmetė (= padėjo) pàutų; pàdnešė (= atnešė) po dùrimi SM⁵.
Das belarussische Präfix pa- wird mitunter auch an ein litauisches präfigiertes Verb angefügt. Ein solches Verb erhält gewöhnlich die Bedeutung einer in der Vergangenheit wiederholt ausgeführten Handlung, z. B.: paišmirė (= išmirė vienas po kito) žmonės; papamiršo (= užmiršo vieną po kitos) sekmės Dv, Lg; paapklóstė (= apklostė visus iš eilės) sa vaikus; papariniko (= surankiojo) viúgas Btr; paažukėlė (= sukėlė vieną po kito) medžiuosa; paažùrišė (= apraištė) obelis; paapšluostė (= nušluostė visiems iš eilės) nósis SM⁶, vgl. weißruss. папазбітацца, папрагуляваць, папрагалупліваць, папракаіцца, панакарыць, паатхадзіць, папаезжаць, папрылятаць u. a.⁷
Selten kommen auch einzelne Adverbien mit einem Präfix slawischer Herkunft vor, z. B.: panedaũgi „nach und nach, allmählich“ Lg, DS; panedaũgelio „nach und nach“ Btrm.
Nach dem Muster belarussischer Adjektive mit Zugehörigkeitsbedeutung werden hier auch entsprechende litauische Substantive mit Endungen bestimmter Adjektive gebildet, z. B.: sénioji (= senelio) pirkėlė; óškioji (= ožkos) skūra (= oda), baràninoj mésa „Hammelfleisch“, kárvysis (= karvės) pienas SM; Gabrukėj (= Gabruko) laukai, Petrukój (= Petruko) žámė Lg, vgl. in den örtlichen belarussischen Dialekten бабіные гуці, каровінае малако, Антонаўная хaтa. Substantive mit Endungen bestimmter Adjektive kommen auch in isolierten litauischen Dialekten in der Weißrussischen SSR⁸ vor.
Auch die Bildung der Komparationsgrade der Adjektive ist durch die slawischen Sprachen teilweise beeinflusst. Anstelle der Komparativformen werden hier nach dem Muster der belarussischen Sprache häufig Superlativformen verwendet, z. B.: geráusio (= geresnio) gyvenimo nėrai (= nėra) kap kalkozi (= kolūkyje) Lg; nėrai gardžiausio (= gardesnio) per (= už) vėgėlbį ir per lynų SM (vgl. weißruss. у мяне быў старэйшы брат; ён быў цвярдзейшы за мяне). Superlativformen werden am häufigsten mit dem Affix slawischer Herkunft nai- gebildet,
Žr. dar Z. Zinkevičius, Lietuvių dialektologija, Vilnius, 1966, p. 30.
Weitere Beispiele siehe J. Lipskienė und A. Vidugiris, Dieveniškių tarmė, — Lietuvių kalbos gramatinė sandara (LKK, IX), Vilnius, 1967, S. 203—204.
Dar plg. Курс сучаснай беларускай літаратурнай мовы, Мінск, 1957, p. 156.
Žr. J. Senkus. Kai kurie Lazūnų tarmės ypatumai, — MAD, A, I, Vilnius, 1958, p. 187; E. Grinaveckienė, Tarmių medžiagos rinkimas lietuvių kalbos atlasui, — LKK, III; Vilnius, 1960, p. 193.
221
z. B.: naigardžiausi (= gardžiausi) obuoliai; naigeriausia (= geriausia) žuvis Btrm, vgl. weißruss. наибышэйшы, найлепшы, poln. największy, najlepszy, najświętszy. Bei der Bildung des allerhöchsten Grades wird an die genannte Superlativform noch das litauische Wortbildungselement kuo- angefügt, z. B.: kuonai-gražiausia „am schönsten von allen“, kuonaimėiliausia „am liebsten von allen“.
In Einzelfällen sind dem litauischen Dialekt dieses Gebiets auch slawische Flexionsformen oder ihre Kontamination mit litauischen Formen nicht fremd. Die belarussische und die polnische Sprache könnten dazu beigetragen haben, dass bei litauischen präfigierten reflexiven Verben das Reflexivpartikel nicht nur zwischen Präfix und Stamm, sondern auch in der Endung verwendet wird (wenn auch deutlich seltener), z. B.: netāpinosi „ertrank nicht“, nelūposi „schlug sich nicht“ SM, Lg; įnkasėse „grub sich ein“, ažjuokėse „lachten los“ Btrm, vgl. weißruss. таніцца, біцца, заканапацца. Manchmal begegnen hier sogar Verben mit zwei Reflexivpartikeln, von denen die eine zwischen Präfix und Stamm, die andere in der Endung steht, z. B.: norėjom gyvėnc, ale (= bet) nezgy-vėnas Kn. Mitunter wird das Reflexivpartikel hier auch bei Verben (und Partizipien) verwendet, wenn das Wort keine den reflexiven Formen eigene Bedeutung hat, z. B.: sūnūs suslankėjis (< sulenkėjęs) visai Kn; tu insišlāpinsi (= sušlapsi) vandenīn Dv, vgl. weißruss. апалячыцьца, вымочвацца. Dem litauischen Dialekt dieses Gebiets sind auch umgekehrte Fälle nicht fremd, in denen reflexive Verben kein Reflexivpartikel haben, ihre reflexive Bedeutung aber analytisch ausgedrückt wird, z. B.: paimk pas šav „nimm für dich“ Dv; nūveža an sau kiemo, dėda vainiku an sa galvōs „setzt sich den Kranz auf den Kopf“, rōvē sau plāikus „raufte sich die Haare“ Lg. Gelegentlich werden anstelle reflexiver Verben einfache Verben verwendet (ähnlich wie im Belarussischen und Polnischen), z. B.: užmōvē (= užsimovė) piršcinį ir pradėj rānku dzyīgęs Lg; sūmušė (= susimušė) rānku net verkia Btrm; uždėj (= užsidėjo) vilkas kōjų in vežimo Brč. Neben verkürzten und regulären Formen der dritten Person Singular des Konditionals (jei mylėt, tai tep nedarytų) kommen Formen mit vollständigeren Endungen und zusätzlich dem Formans b vor, z. B.: kad kas nevōktumb mādzių Trak; kat ragētumb, kap sviėtas (= žmonės) gyvėna SM, vgl. weißruss. прынес б ты вады; зайшоў б ты. Das Verb būti ist hier im Präsens, wie auch im Belarussischen, meist unveränderlich; seine Form der dritten Person hat die Funktionen aller übrigen Personen übernommen, z. B.: aš yrā grȳšnas „ich bin sündig“ Dv; tegu yra (= būna) jis Mrj; jūs yrā (= esate) žmōnės Kn, vgl. weißruss. я (ёсць) чалавек; вы (ёсць) людзі. Die erste Person Plural der Verben hat hier gelegentlich die Endung -ma, z. B.: gyvulius vāroma (= varome) an linijos Trak; visų žiemų sūkėma (= sukome) gyvnas Lg. Die Endung -ma der ersten Person Plural der Verben ist generell für die samogitischen Dialekte charakteristisch. In Volksliedern kommt sie gelegentlich auch im Gebiet des Kupiškėnai-Dialekts vor⁹. In Südostlitauen findet sich diese Endung neben der in diesem Gebiet allgemein gebräuchlichen Endung -me vor allem an Orten, an denen das litauische Sprachsystem am stärksten abgeschwächt ist. Daher dürfte sie hier unseres Erachtens eher mit der entsprechenden belarussischen Endung zusammenhängen: заплачымы, пабачыма¹⁰.
In den litauischen Dialekten der Gegend gibt es zahlreiche nach dem Muster slawischer Sprachen gebildete syntaktische Konstruktionen. Von diesen sind folgende zu nennen:
1. Verwendung der Konstruktion mit der Präposition ant zum Ausdruck der Richtung einer Handlung, ihres Ziels, der Beschaffenheit eines Gegenstands und des Umfangs einer Handlung, z. B.: stāto pietliās (= kilpas) an kiškio ir an briėdžio Lg; āj an vōkiečio Mrj; atāj duktė an trijų akių SM; žūro an miško;
9 Siehe Z. Zinkevičius, Lietuvių dialektologija, S. 336.
10 Plg. Т. П. Ломтев, Белорусский язык, Москва, 1951, p. 102.
222
lief der Stimme der Ferkel nach; man muss auf drei Brč aufteilen, vgl. weißruss. пятля на зайца; дачка на тры очи; дзяліць на тры часці.
2. Verwendung der Konstruktion mit der Präposition dėl zur Bezeichnung des Handlungsobjekts und des Zwecks, z. B.: aš dėl marčios šąšuras SM; vyžai dėl senų gerai Kn; aš dėl jūsų nesakysiu draugas „ich werde Sie nicht Freund nennen“ Škl; vyras dėl žmonos duonų duoda Mrj; pripečka (=Feuerstelle) dėl ugnės; dzieška (=Schüssel) dėl mėsos Lg; ådau skripkėlėr (=eine kleine Geige) dėl tėvulio Dv, vgl. weißruss. я зраблю гэта дзеля вас; дзеля навесткі я дзевер.
3. Verwendung der Konstruktion mit der Präposition palei und dem Genitiv zur Bezeichnung des Handlungsorts, z. B.: meška palei šitos móterės padėj karnų mėdo Brč, vgl. weißruss. каля бабы.
4. Verwendung der Konstruktion mit der Präposition po und dem Nominativ zur Bezeichnung des Handlungsobjekts, z. B.: verke po mócinai Dgn, vgl. weißruss. плакаць па мацеры; paglósto meškai po galvai Brč, vgl. weißruss. ударила па спіне.
5. Verwendung der Konstruktion mit der Präposition prieš und dem Instrumental zur Bezeichnung der Handlungszeit, z. B.: prieš trim karaliais Škl, vgl. weißruss. перад адьездам.
6. Verwendung der Konstruktion mit der Präposition už (ažu, až) mit dem Genitiv:
a) zur Bezeichnung der Handlungszeit anstelle der Konstruktion mit der Präposition prie, z. B.: da buvo už Mikalójo (=zur Zeit Nikolajs) SM; už čėro (=des Zaren) war die Sprache unterdrückt: sa kalbos sarmāčinos jauni Lg; už Lánkijos (=zur Zeit des bürgerlichen Polen) ūtárinom (=wir sprachen) lietuviškai Btrm; tai buvo da už ma atminciės „daran erinnere ich mich noch nicht“ Trak., vgl. poln. za życia, za króla, za mojej pamięci;
b) zur Bezeichnung der Handlungszeit anstelle der Konstruktion mit der Präposition po, z. B.: už tos vainos (=nach dem Krieg) pamirė Mrj;
c) zur Bezeichnung der Handlungsdauer anstelle der Konstruktionen mit der Präposition per, z. B.: ažu vasaros kiek daug nemudzyrbi; ažu vienos valandos ir nuainu Kn.
d) zur Bezeichnung des Handlungsorts anstelle der Konstruktion mit der Präposition iš už, z. B.: žmogus žūro už krūmo Trak, vgl. weißruss. з-за куста;
e) zur Bezeichnung der Handlungsursache anstelle der Konstruktion mit der Präposition per, z. B.: aš svieto (=der Leute) nemačiau už ašarų; už ta vaikų aš negaliu gyvent Lg, vgl. weißruss. з-за слёз; з-за вадь;
f) zur Bezeichnung der Handlungsursache anstelle der Konstruktion mit der Präposition dėl, z. B.: stovėjau už vandenio litro (=für einen Liter Wasser) Škl; tai ir pyksim (=werden wir uns ärgern) ažu vištų Kn.
7. Verwendung der Konstruktionen mit der Präposition už (ažu, až) und dem Akkusativ:
a) zur Bezeichnung der Handlungszeit anstelle der Konstruktion mit der Präposition už (oder po) und dem Genitiv, z. B.: ažu tris nedėlias (=Wochen) buvo vešėlia (=Hochzeit) Dv; už tris mėnasius bus ketveri; už metus pargrįžo; grįšiu už metus už dvejus; už kokį (=wie viel) laikų cigonai (=Zigeuner) invažiav Lg, vgl. weißruss. усё адбылася за адну мінуту; poln. wrócę się za godzinę;
b) zur Bezeichnung der Handlungsrichtung anstelle der Konstruktion mit der Präposition prie, z. B.: vaikai skrañda (=laufen) už šitų gaisrų SM;
c) zur Bezeichnung der Handlungsursache anstelle der Konstruktion mit der Präposition dėl, z. B.: ažu tų arklių ir gula ir kelia Mrj, vgl. weißruss. з-за каня;
d) zur Bezeichnung des Grundes einer Handlung anstelle der Konstruktion mit der Präposition per, z. B.: ažu duūnių (= wegen des Dummkopfs) visų bažnyčių pragaišino (= ließ alle Kirchen zugrunde gehen), vgl. weißruss. з-за дурня;
e) zur Bezeichnung des Objekts einer Handlung anstelle der Konstruktion mit der Präposition į, z. B.: už lankų pervirto Kn; ánas jūnkės (= lernte) aż kūnigų Lg, vgl. weißruss. вучыцца за доктара;
223
f) zur Bezeichnung des Objekts einer Handlung anstelle einer Konstruktion mit Genitiv, z. B.: ādau dukte- ri už jį Lg; ana už plaukus ēm mani Kn, vgl. weißruss. адаць за яго;
g) zur Bezeichnung des Objekts einer Handlung anstelle einer präpositionslosen Instrumentalkonstruktion, z. B.: susiedas (= der Nachbar) apsirangė už velnių Lg; rankų už sūktuvį padarė, pirštų — už klėmkų (= einen Griff) Trak, vgl. poln. przebrać się za kobietę; mieć się za piękną; weißruss. ён пераадзеўся за чорта.
8. Konstruktionen mit der Präposition už (už) und Instrumental werden anstelle von Genitivkonstruktionen zur Bezeichnung des Ortes verwendet, z. B.: šienāuna až Merkiu SM, vgl. weißruss. касілі за ракой.
9. Es kommen Fälle vor, in denen die Verben tęsti, iškišti, atminti, šaukti, imti hier gelegentlich nicht mit dem Akkusativ wie in der Literatursprache, sondern mit dem Genitiv stehen, z. B.: tiškit (= zieht) jo in viršų; iškišo ylgo snāpo Brč; atminė jo vardo DS; kam šaukiat dzievo Slč; pašaukė policijos (= die Miliz) Dv; tėvai norėj, kad jos imtų Škl., vgl. weißruss. цягнуць у сябе паветра; носа высунуць; успомніць чалавека; прасіць дапамогі; прасіць слова; узяць слова.
10. Das Verb dalyti wird hier nach weißrussischem Vorbild mit dem Instrumental verwendet, z. B.: sėdės dalyteis pinigais Dv, vgl. weißruss. дзяліцца хлебом.
11. Das Adverb aplinkui wird in einzelnen Fällen als Präposition mit Genitiv verwendet, z. B.: aplinkui kiškio apstoj aves; aplinkui trobų — medžias (= Wald) Brč, vgl. weißruss. навокал возера растуць дрэвы.
Weitere einzelne syntaktische Konstruktionen – Lehnübersetzungen slawischen Ursprungs – kommen hier ebenfalls vor, z. B.: atėj dzieńų apie dzyvylikų valandų (= kam um zwölf Uhr) Brč, vgl. weißruss. прыйшоў у дванаццаць часоў; bus kilōmatry (= sechs Kilometer) šaši Kn, vgl. weißruss. будзе кілометроў шэсць; vienas vienų (= einer dem anderen) pririša pas beržų; vienas iš vieno (= einer vom anderen) atimdo Dv, vgl. weißruss. ціснуць адзін аднаго; išej āic pievon DS; nūginė ganýc avis Dv; išvedė vėsc tūrgūn Kn und dergleichen.
Insgesamt treten die meisten Entlehnungen und Lehnübersetzungen slawischer Herkunft im Wortbildungs- und grammatischen Bereich in der Alltagssprache auf; in der volkstümlichen Erzählüberlieferung, insbesondere in ihrer gesungenen Folklore, gibt es davon wesentlich weniger.
Andererseits kommen einige für das Litauische charakteristische Elemente der Wortbildung und des grammatischen Baus auch im örtlichen weißrussischen Dialekt vor. Häufig sind hier beispielsweise die Diminutivsuffixe -уля || -коля¹¹, -ук || -юк¹² (und ihre Ableitungen — -укуць, -ейчук, -улюк, эйчук). Die Ableitungen mit diesen Suffixen entsprechen den in den westlichen dzūkischen Dialekten lebendig verwendeten Bildungen mit den Suffixen -ulis, -ulė, -(i)ukas, -uliukas, -ukucis (= ukutis), -eiciukas (< -evičiukas). Mit den Suffixen -уля||-коля, -ук || -юк werden überwiegend Kose- und Diminutivformen von Personennamen und Appellativa gebildet, z. B.: Адулія „Adulė“, Пятруля „Petrutė“, Стасоля „Stasytė“; Пятрюк „Petrukas“, Янук „Jonukas“,
11 Die in großer Zahl im weißrussischen Dialekt dieses Gebiets verwendeten Diminutiv- und Kosebildungen mit dem Suffix -уля sind unseres Erachtens als Litauismen anzusehen, da Bildungen mit diesem Suffix im Polnischen, mit dem die örtlichen weißrussischen und litauischen Dialekte eng in Kontakt stehen, selten sind und gewöhnlich überwiegend andere Bedeutungen haben; vgl. Jan Łoś, Gramatyka polska, Cz. II, Słowotwórstwo, Lwów, Warszawa, Kraków, 1925, p. 48; ferner vgl. J. Otrębski, Wschodnio litewskie narzecze trockie, I, Kraków, 1934, p. 153–154; Gramatyka języka litewskiego, II, Warszawa, 1965, p. 128; LTSR MA Lietuvių kalbos ir literatūros institutas, Lietuvių kalbos gramatika, I, Vilnius, 1965, p. 274–275, 352.
12 Die in den weißrussischen Dialekten Südwestlitauens ebenso wie im Gebiet der Weißrussischen SSR entlang der Grenze zur Litauischen SSR häufig verwendeten Diminutivbildungen mit dem Suffix -ukas sind als Litauismen anzusehen, da sie im übrigen Gebiet Weißrusslands selten sind und meist andere Bedeutungen haben; vgl. Курс сучаснай беларускай літаратурнай мовы, p. 59.
224
Габрук „Gabrukas“; мамуля „Mütterchen“; дачоля „Töchterchen“, сяструля „Schwesterchen“, цятуля „Tantchen“, жануля „Frauchen“, бацюля „Väterchen“, дзіцюля „Kindchen“, братуля „Brüderchen“, бальшуля „riesengroß“, сладулля „süßes Mädchen“; бацюк „Väterchen“, дзядук „Großväterchen“, братук „Brüderchen“, цятулюк „Tantchen“, дзядуляк „Großväterchen“, мамулюк „Mütterchen“ usw. Trak. Das Suffix -ук || -юк ist auch in Familiennamen, die nach dem Namen des Vaters gebildet sind, recht häufig, z. B.: Габрукі „die Kinder von Gabrio N.“. Дамі-нокі „die Kinder von Daminikas N.“, Юзюкі „die Kinder von Juozas N.“ Trak, vgl. litauische Dialekte Gabrūkai „die Kinder von Gabrio N.“, Daminiukai „die Kinder von Daminikas N.“. Die zusammengesetzten Suffixe -укуць, -эйчук werden recht häufig in Familiennamen unverheirateter junger Söhne verwendet, die von den Familiennamen ihrer Väter abgeleitet sind, z. B.: Карпукць „Sohn von Karpukas“, Жвірб-лукуць „Sohn von Žvirblukas“, Тамашэйчук „Sohn von Tamaševičius“, Трусейчук „Sohn von Trusevičius“ usw. Das Suffix -укуць wird auch an den Vornamen des Vaters angefügt. Solche Bildungen bezeichnen gewöhnlich Spitznamen unverheirateter Söhne, z. B.: Антукуць „Sohn von Antanukas“, Пятрукуць „Sohn von Petrukas“, Габрукуць „Sohn von Gabrukas“, vgl. litauische dialektale Entsprechungen Karpukučius, Gabrukučius, Žvirblukučius13.
Einige Substantive des örtlichen weißrussischen Dialekts haben, anders als im weißrussischen Schriftsprachgebrauch, dasselbe grammatische Geschlecht wie die entsprechenden Substantive des litauischen Dialekts, z. B.: чарны крой, вялікі печ, адзін канаў, vgl. weißrussische Schriftsprache чорна крой, вялікая печ, адна канава und örtlicher litauischer Dialekt juodas kraujas, didžiulis pečius, vienas kanalas.
Im weißrussischen Dialekt um Trakús, Senúosius Macelius, Lygáinius und Butrimónis wird die Form der dritten Person Singular des Präsens zusammen mit der Partikel няхай, vermutlich unter dem Einfluss des Litauischen, auch mit der Bedeutung der dritten Person Plural des permissiven Modus gebraucht, z. B.: няхай ляціць дзеці ў лес; няхай яны ідзе дзеля нас; vgl. ferner den Gebrauch von Präsensformen der dritten Person Singular mit der Bedeutung der dritten Person Plural in anderen Fällen: шэсць братоў жыве; пчалы рукой ідзе; тры сыны служыць у арміі; яны ненавідзе сіроткі; яны ганяе яе вон, vgl. ferner weißrussische Schriftsprache пчалы рукой ідуць; яны ганяюць яе вон.
Im örtlichen weißrussischen Dialekt wurden auch einige syntaktische Konstruktionen festgestellt, die dem Litauischen nahestehen. Hier wird der für das Litauische charakteristische Zielgenitiv verwendet, z. B.: прыйшла пазьчыць нажа; я пайшоў паглядзець сваёй сястры; яна пайшла паглядзець карціны, пайшоў травы касіць Trak, Lg, vgl. weißrussische Schriftsprache пайшоў траву касіць; прыйшли паглядзець карціну. Charakteristisch für den weißrussischen Dialekt dieses Gebiets ist auch der partitive Genitiv, z. B.: ёсць такіх людзей; ёсць ваўкоў; ёсць ягадоў; ёсць баравікоў „es gibt Steinpilze“ Btrm, Brč, Lg, Trak, vgl. weißrussisch Ck, ёсць такіе людзі; ёсць ягадЫ; ёсць такія справы usw.
Zugleich wurde festgestellt, dass in den miteinander in Kontakt stehenden Dialekten einige den Systemen beider Sprachen gemeinsame oder ähnliche Wortbildungselemente und andere Elemente des grammatischen Aufbaus nicht verschwinden. Obwohl das grammatische System des örtlichen litauischen Dialekts in vielerlei Hinsicht durch den Einfluss der miteinander in Kontakt stehenden Sprachen etwas ins Wanken geraten ist und neben litauischen Formen allmählich auch Lehnformen und Lehnübersetzungen parallel verwendet werden, verschwinden darin die Bildungen mit den Suffixen -očius, -ūnas, -okas, -inykas, -ynė, -ata keineswegs. Dies ist möglicherweise darauf zurückzuführen, dass die entsprechenden Suffixe auch im örtlichen weißrussischen Dialekt relativ produktiv sind, z. B.: lit. Trak, SM, Lg Btrm pilvočius, šakočius, galvočius, barzdočius — weißrussisch сілач, барадач, вусач;
13 Vgl. E. Grinaveckienė, Lietuvių literatūrinės kalbos ir tarmių sąveika, in: Lietuvių kalba tarybiniais metais, Vilnius, 1967, S. 172–173.
15 Lietuvių kalbos gramatikos tyrinėjimai
225
keikūnas, režūnas „Fresssack“, pasalūnas, bastūnas — шантун „Faulenzer“, балбатун „Schwätzer“, свістун, дзікун, крыкун; šaipōkas, viliōkas, pirmōkas, variōkas — гуляк „Nichtstuer“, медзяк „Kupfermünze“, середняк „mittelmäßiger Schüler“, пяршак „Erstklässler“; bicinýkas, nakčigonykas „Heimleiter“, gyvãtnykas „Schlangenfänger und -verkäufer“, tárpinykas „Balken in der Scheune, der den Heuboden vom Fußboden trennt“, grãbinnykas — wydatnik „Verräter“, пакупнік „Käufer“, падлазнік „Schmeichler“, ваяўнік „Kriegsmann“, ляснік „Förster“; saldžynė „Honigkuchen“, žemynė „Walderdbeere“, tolynė „Ferne“, šlapynė „Feuchtigkeit“, tankynė „Dickicht“ — гарачыня „Hitze“, цвёрдзіня „Härte“, быстрына „Schnelligkeit“, вышыня „Höhe“, цялпіня „Wärme“; gyvatà „Leben“, balbatà „Geschwätz“, lūpata „ein Lump, ganz zerlumpt“ — пустата, дабрата, чыстата, цесната usw.
Sowohl im Litauischen als auch in den örtlichen weißrussischen Dialekten werden iterative und frequentative Verben des imperfektiven Aspekts mit Präfixen lebhaft gebraucht (im Litauischen mit den Suffixen -inėti, -dinėti, -dyti, im Weißrussischen — -іваць, -ываць, -аваць, -яваць, -оўваць, -ёваць), z. B.: lit. ateidýzė „immer wieder kommen“, atbėgdzinėc „häufig herbeilaufen“, atvažiuodzinėc „häufig herkommen“; weißrussisch — залепліваць, затрымліваць, папры-лятаць, расцягниваць usw. In beiden Dialekten werden auch Kollektivzahlwörter recht häufig verwendet, z. B.: ašūn (= erschoss) dvėjētu vilkų Btrm, penkētu vištų turiu Dv; atāj trājetas cigōnų (= Zigeuner) DS, būvo šašetas vaikų SM, weißrussisch — двух салдат прыйшло; у мяне трох сыноў і дачка; cirot чатырох нас было. In der weißrussischen Schriftsprache (wie auch im Litauischen) wird in diesem Fall in jüngerer Zeit eher der Gebrauch von Kardinalzahlen bevorzugt, z. B.: у мяне тры сыны і дачка; два сыны жывуць, vgl. litauisch aš turiu tris sūnus ir dukterį; dù sūnūs gyvena usw. Für beide Dialekte ist auch der Instrumental ohne Präposition sehr charakteristisch und weit verbreitet, z. B.: spárdos kõjom; ãrė: jaučiais; ýlu prãdūra; vienu rankų papjõu vilkų, vgl. weißrussisch нагой пастукау; рукой касілі usw. In benachbarten litauischen Dialekten wird der Instrumental des Mittels teilweise bereits mit der Präposition su gebraucht, doch ist dieser Prozess im örtlichen litauischen Dialekt kaum zu beobachten. Obwohl in beiden Dialekten der prädikative Instrumental verwendet wird (z. B.: ãnas yrai dãktaru „er ist Arzt“, bocià buvo aiguliu „der Vater war Förster“, vgl. weißrussisch яна была настаўніцей „sie war Lehrerin“, пражый жыць лясніком „lebte sein Leben als Förster“), setzen sich in jüngerer Zeit neben Konstruktionen mit diesem Kasus zunehmend Konstruktionen mit dem Akkusativ und der Präposition už durch, z. B.: visų sa būici buvai až aigulių, vgl. weißrussisch быць за правадніка; яна была за гаспадыню, ён стаў за старшыну; вы вучыцеся за вучыцеляй, vgl. ferner polnisch wynając się za stróża usw. In beiden Dialekten werden anstelle des Nominativs Singular und Plural der Partizipien des Passivs im Präteritum häufig deren Formen des Neutrums verwendet, z. B.: drōbinės kelnės pasiūta Eiš; pievos išarta ir žolių prisėta SM; žmogus maiši skepanī (= in den Keller) įmesta Lg, vgl. weißrussisch санажа́ць вы́арано і травы пасеяно, портки пашыто. In beiden Dialekten gibt es zahlreiche Fälle, in denen das Attribut im Satz auf das Bezugswort folgt, z. B.: užprūole· jų vilkai trįs Lg; giedōj giesmes šventàs SM; paar dė (= zerriss) cýltus visùs Btrm; suvàrė· kap gyvūlius kokiùs Dv, vgl. weißrussisch на яго напалі воўкі тры; пайшоў духом святым „ging, wohin die Füße ihn trugen“; пяе песню святую usw. In diesen Dialekten sind auch viele weitere gemeinsame oder ähnliche syntaktische Konstruktionen verbreitet, z. B.: ãnas juōkias iš manį, vgl. weißrussisch яны смяюцца з нас; polnisch on śmieje się ze mnie, aber russisch смеются
226
über uns; süßer als Honig, vgl. weißruss. саладзейшы за мед; poln. jestes starszy niż ja, aber russ. слаже меда; der Wolf kam und schlachtete das Kalb, vgl. weißruss. воўк прыйшоўшы з лесу і зарэзаўшы цяля, aber russ. волк пришел с леса и зарезал теленка. Im kontaktbeeinflussten litauischen Dialekt wurden auch zahlreiche grammatische Elemente festgestellt, die im Schwinden begriffen und nur für sein eigenes System kennzeichnend sind. Sie schwinden zweifellos deshalb, weil es in den anderen Kontaktsprachen keine direkten Entsprechungen gibt und ihr Fortbestehen durch das sprachliche Umfeld nicht gestützt wird. Zunächst verengt sich gewöhnlich der Gebrauchskreis solcher Sprachelemente erheblich, ihre Bedeutung beginnt zu verblassen, und sie selbst verschwinden und erstarren, halten sich jedoch noch eine gewisse Zeit im Dialekt. So wurde beispielsweise festgestellt, dass die Bedeutung der hier schwindenden Multiplikativzahlen im lokalen litauischen Dialekt deutlich verblasst ist. Sie werden gewöhnlich durch Kardinalzahlen ersetzt. Da die Bedeutung der Multiplikativzahlen stark verblasst ist, werden sie im Dialekt bisweilen mit Kollektivzahlen verwechselt und in deren Bedeutung verwendet, z. B.: wir lebten fünf oder sechs Werst von Valkininkai, Škl; fünf Kinder zog sie groß SM usw. Auch die Kategorie des Halbpartizips, die den anderen Kontaktsprachen unbekannt ist, ist hier stark im Schwinden begriffen. In jüngster Zeit sind seltene Halbpartizipformen im Dialekt erstarrt und werden bisweilen auch anstelle von Partizipien verwendet, z. B.: ảńys aina ir aidamu (= gehend) visa (= alle) gieda Dv; kąsėm bulbàs an šóknõs sėdėdama (= sitzend) Eiš; rādoma kiškį kÿlposa gulėdamų (= liegend) Lg; vilkas pvuolė ganydamų (= hütend) karves piemeni SM; juokdami (= lachend) važu Btr; žmonių aidamų (= gehende) ragėjau Dv; girdėj, kas tai uža ir vis arčiau aina uždama (= schließend); kitas žmogus medzi (= im Wald) stovėdama (= stehend) ragėj Ds. Ähnliche Fälle des Gebrauchs von Halbpartizipien kommen auch in isolierten litauischen Dialekten in der Weißrussischen SSR¹⁴ vor. Zusammengesetzte Verbtempora sind hier ebenfalls vergleichsweise selten. Die Formen der darin verwendeten Partizipien sind stark nivelliert. Anstelle der Singularformen der Partizipien der männlichen und weiblichen Vergangenheit wird hier in allen Fällen nur noch die Nominativform des männlichen Plurals gebraucht, die in ihrer Funktion dem weißrussischen Adverbialpartizip nahekommt¹⁵, z. B.: der Wolf atskridi (= herbeigelaufen) Lg; mergutaitė (= Mädchen) apsraudōji (= in Tränen ausgebrochen) SM; kumėlė: aširgi (= erkrankt); ãnas nuzgañdi (= erschrocken) Dv usw., vgl. weißruss. муж на вайне нагипшы; вада дарогу заня ўшы; ён з Мінска прыехаўшы. Allgemein werden hier anstelle der zusammengesetzten Verbtempora zunehmend einfache Tempora verwendet; doch auch ihr Gebrauch ist oft stark vermischt, bisweilen recht ungewöhnlich oder für die litauische Sprache untypisch, z. B.: wenn ich hingehe (= wäre ich hingegangen), dann werde ich es erledigen (= hätte ich es erledigt) Brč usw.
In den Kontaktsprachen Litauisch und Slawisch in Südostlitauen sind folgende grammatische Erscheinungen entstanden oder deutlicher hervorgetreten:
1. Im lokalen litauischen Dialekt werden zahlreiche Wörter und syntaktische Konstruktionen verwendet, die nach dem Muster slawischer Sprachen gebildet sind. Dazu zählen semantische Lehnübersetzungen und Entlehnungen von Verbalpräfixen, semantische Entlehnungen bei den Steigerungsformen von Adjektiven, die slawische Verwendung einzelner Präpositionen und die Rektion von Kasus usw. Im lokalen weißrussischen Dialekt wurden Elemente der litauischen Wortbildung und Syntax festgestellt. Dazu gehören
14 Siehe J. Senkus. Texte des Dialekts von Lazūnai, LKK, Bd. 2, Vilnius, 1959, S. 220; E. Grina veckienė, LKK, Bd. 3, Vilnius, 1960, S. 193; vgl. auch J. Lipskienė und A. Vidugiris, Der Dialekt von Dieveniškės, in: Grammatische Struktur der litauischen Sprache (LKK, Bd. 9), Vilnius, 1967, S. 211.
15 Plg. Т. П. Ломтев, Беларускский язык, p. 113; Нарысы па беларускай дыялекта- логіі, Мінск, 1964, p. 286, 288—290.
15*
227
der Gebrauch von Diminutivsuffixen -уля, -ук, -укуць, -эйчук usw. sowie Konstruktionen mit Genitiv des Ziels und des Teils usw.
2. Aus den grammatischen Systemen der Sprachen dieses Gebiets verschwinden sprachliche Erscheinungen, die den Kontaktsprachen gemeinsam oder ähnlich sind (am häufigsten wurde dies im Litauischen und im lokalen weißrussischen Dialekt beobachtet). Obwohl das grammatische System des lokalen litauischen Dialekts stark vom Einfluss der slawischen Sprachen geprägt ist, verschwinden darin die Bildungen mit den Suffixen -očiųs, -inas, -okas, -inykas, -ynė, -ata wahrscheinlich deshalb nicht, weil die entsprechenden Suffixe auch im lokalen weißrussischen Dialekt produktiv sind. Dort gibt es zahlreiche präfigierte Verben des imperfektiven Aspekts mit iterativer und frequentativer Bedeutung und den Suffixen -dyti, -inėti, -dinėti; ihrer Bedeutung nach entsprechen sie den im weißrussischen Dialekt weit verbreiteten Bildungen mit den Suffixen -іваць, -оўваць, -аваць usw. In beiden Kontaktdialekten gibt es außerdem gemeinsame oder ähnliche syntaktische Konstruktionen.
3. Aus dem grammatischen Aufbau jeder Kontaktsprache verschwinden jene Elemente, die den anderen Kontaktsprachen fehlen. Im lokalen litauischen Dialekt ist der Gebrauch von Multiplikativzahlen und Halbpartizipien stark verblasst und geschwächt; ihre Funktionen und Bedeutungen verändern sich, und ihre Formen erstarren. Zusammengesetzte Verbtempora kommen hier vergleichsweise selten vor; die darin verwendeten Partizipformen sind stark nivelliert.
Die oben dargestellten Merkmale der litauischen und slawischen Sprachen Südostlitauens sind als die markantesten Folgen des Kontakts dieser Sprachen anzusehen.
EINIGE ERSCHEINUNGEN DES GRAMMATISCHEN KONTAKTS DES LITAUISCHEN UND DER SLAVISCHEN SPRACHEN IN SÜDOSTLITAUEN
Э. ГРИНАВЯЦКЕНЕ
Zusammenfassung
Im Sprachareal Südostlitauens stehen Litauisch und die slawischen Sprachen (vor allem Weißrussisch, teilweise Polnisch) seit Langem in vergleichsweise intensivem Kontakt. Infolge ihres Zusammenwirkens treten im System jeder Kontaktsprache bestimmte Besonderheiten auf, die die örtlichen Mundarten vom System der jeweiligen Sprache unterscheiden und die Kontaktmundarten miteinander verbinden. Der Artikel veranschaulicht anhand konkreter Beispiele einige Kontaktphänomene, die sich in der grammatischen Struktur der örtlichen litauischen (teilweise auch weißrussischen) Mundart widerspiegeln. In den Kontaktmundarten lassen sich folgende Merkmale feststellen, die unserer Ansicht nach als Hauptergebnis dieses Kontakts gelten können.
1. In der örtlichen litauischen Mundart werden zahlreiche Wörter und einzelne syntaktische Konstruktionen verwendet, die nach dem Vorbild der slawischen Sprachen gebildet sind. Dazu zählen semantische Lehnübersetzungen und Entlehnungen bestimmter Verbpräfixe, semantische Lehnübersetzungen der Komparativformen von Adjektiven, der Gebrauch bestimmter Präpositionen u. a. In der örtlichen weißrussischen Mundart sind einige dem Litauischen eigene Elemente der Wortbildung und Syntax belegt.
2. In den grammatischen Systemen der Kontaktsprachen bleiben gemeinsame oder ähnliche Phänomene erhalten. Obwohl das grammatische System der örtlichen litauischen Mund-
228
art unter vergleichsweise starkem Einfluss der slawischen Sprachen steht, zeigt sich bei der Verwendung von Bildungen mit den Suffixen -očius, -ūnas, -okas, -inykas, -ynė, -ata dennoch eine gewisse Beständigkeit. Dies lässt sich wahrscheinlich dadurch erklären, dass die entsprechenden Suffixe auch in der örtlichen weißrussischen Mundart produktiv sind. In der litauischen Mundart sind außerdem präfigierte Verben des unvollendeten Aspekts mit den Suffixen -inėti, -dinėti, -dyti verbreitet, die iterative und frequentative Bedeutungen haben. Verben mit entsprechender Bedeutung sind auch in der örtlichen weißrussischen Mundart weit verbreitet.
3. Aus dem grammatischen System jeder Kontaktsprache verschwinden diejenigen Elemente, die in den anderen Kontaktsprachen fehlen. In der örtlichen litauischen Mundart wurde beispielsweise eine gewisse Einschränkung der Funktionen von Sammelzahlwörtern und Halbpartizipien sowie eine Nivellierung der Partizipialformen u. a. festgestellt.