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A. Baranausko bendrinės kalbos teorija

Regina Venckutė

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LIETUVIŲ KALBOS SANDAROS TYRINĖJIMAI LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI, XXVI (1987) REGINA VENCKUTĖ DIE THEORIE DER GEMEINSPRACHE VON A. BARANAUSKAS Zu Beginn des Jahres 1985 fielen zwei für die litauische Sprachwissenschaft und die nationale Kultur insgesamt bedeutende Jubiläen sinnvoll zusammen: Mit der Feier des 150. Geburtstags von A. Baranauskas, der an den Ursprüngen der professionellen Erforschung unserer Sprache stand, und des 100. Geburtstags von Prof. J. Balčikonis, einem verdienten Wissenschaftler der Litauischen SSR, würdigten wir ihre Verdienste um die Litauistik. Es ist wohl kaum notwendig, nach unmittelbaren Verbindungen zwischen diesen Linguisten mit unterschiedlicher Ausbildung und aus verschiedenen Epochen zu suchen – sie verbindet der Zusammenhang einer ununterbrochenen wissenschaftlichen Entwicklung –, doch bestimmte Parallelen zwischen Baranauskas’ und Balčikonis’ Auffassungen von der Gemeinsprache könnten das Gesamtbild der Geschichte der litauischen Sprachwissenschaft zweifellos erweitern. Auf Baranauskas gehen nicht nur die Linien der Herausbildung unserer professionellen Sprachwissenschaft (über K. Jaunius und K. Būga), sondern auch der Entstehung und Normierung der Gemeinsprache zurück (über K. Jaunius und J. Jablonskis)1. Wenn wir über Balčikonis’ Stellung in der litauischen Sprachwissenschaft nachdenken und seine Verbindungen zu Būga und Jablonskis sowie die schwierige Situation der ersten Nachkriegsjahre berücksichtigen, müssen wir anerkennen, dass er damals die Autorität in unserer Sprachwissenschaft war, auf die man sich stützte und deren Anliegen sich kraftvoll verzweigten und ausweiteten – eben jene Linien2. A. Baranauskas’ Beitrag zu konkreten Bereichen der litauischen Sprachwissenschaft (vor allem zur Dialektologie, Akzentologie, Geschichte der geschriebenen Gemeinsprache u. a.) ist bereits eingehend untersucht und angemessen gewürdigt worden3, doch seine sprachwissenschaftlichen Auffassungen wurden im Kontext der Entwicklung des linguistischen Denkens kaum interpretiert4. Die allgemeine theoretische Haltung, der dieser begabte autodidaktische Linguist folgte, verdient jedoch auch heute noch Beachtung – sowohl im Hinblick auf die Geschichte der litauischen Sprachwissenschaft als auch auf ihre Gegenwart. Baranauskas’ linguistische Auffassungen bildeten sich unter dem Einfluss dreier sprachwissenschaftlicher Strömungen des 19. Jahrhunderts heraus – des Naturalismus, der Junggrammatiker und der Kasaner Schule. Er stand somit stark unter dem Einfluss der deutschen Komparatisten und der russischen Sprachwissenschaft (vor allem vermittelt durch J. Baudouin de Courtenay). Wohl den größten anfänglichen Einfluss auf die Entfaltung von Baranauskas’ linguistischem Talent und seine methodischen Grundsätze hatten die Auffassungen von A. Schleicher, dem Begründer der naturalistischen Richtung, denn bereits im Priesterseminar von Varniai wurde dem künftigen Erforscher seiner Muttersprache ein gewaltiges 1 Zinkevičius Z. A. Baranauskas kalbininkas. – Kn.: Literatūra ir kalba, V., 1986, t. 19. 2 Pupkis A., Mažiulis V. Juozas Balčikonis. – Kn.: Balčikonis J. Rinktiniai raštai, V., 1978, t. 1, p. 23–35. 3 Sabaliauskas A. Lietuvių kalbos tyrinėjimo istorija. – V., 1979, p. 166–171; Salys A. A. Baranauskas. – Kn.: Lietuviškoji enciklopedija. K., 1934; Zinkevičius Z. Min. veik. 4 Venckutė R. Antano Baranausko kalbinių pažiūrų ištakos. – Kn.: Ženklas ir prasmė. V., 1986. 183 Eindruck machte die Theorie des „Stammbaums“, die die Entstehung der indoeuropäischen Sprachfamilie erklärte, später dann Schleichers „Litauische Grammatik“ und weitere Arbeiten dieses bedeutendsten Indoeuropäisten der Mitte des 19. Jahrhunderts. Wichtig waren hierbei (wenn auch kurze) persönliche Kontakte Baranauskas’ zu Schleicher. Aus Schleichers Arbeiten lernte Baranauskas die Grundlagen der historisch-vergleichenden Methode, d. h. die Lautwandelgesetze auf die Rekonstruktion der Archetypen sprachlicher Elemente anzuwenden. Von Schleicher hatte er auch die Vorstellung von der Sprache als Organ des menschlichen Geistes übernommen und mit ihr theoretisch seine Ansichten über die Ursachen der dialektalen Aufspaltung der Sprache sowie seine Überlegungen zum gemeinsamen (ererbten) und zum partiellen (d. h. spezifischen, später entstandenen) Sprachelement begründet. In seiner wichtigsten gedruckten Studie „Anmerkungen zur litauischen Sprache und zum Wörterbuch“ schrieb Baranauskas: „Das gemeinsame Element entsteht in der Sprache zusammen mit dem Stamm, in der ursprünglichen Existenzstufe des Stammes, und bleibt als Unterschicht der historisch entstandenen dialektalen Unterschiede erhalten. Zu den solchen Elementen der Sprache gehören Wurzeln, Stämme, Formen, ursprüngliche Flexionen und das System der Wortverbindungen, die in allen Dialekten und Mundarten gleichermaßen verwendet werden; die Unterschiede bestimmter Dialekte und Mundarten bilden das spezifische Sprachelement“5. An dieser Auffassung festhaltend, charakterisierte Baranauskas die Bedeutung jeder dieser Schichten für die Sprachforschung im Allgemeinen zutreffend und schrieb weiter: „Wörter werden im Volksmund mit der Zeit glatt wie Kieselsteine, die von Strömung oder Wellen gewälzt werden <…>, Wortendungen reiben sich ab, Anfang und Mitte verkürzen sich und gleichen sich an, Silben werden kürzer <…>. Da <…> die Vollformen der Wörter sich durch langen Gebrauch, der etymologische Elemente abschleift, verkürzen, verwandelt sich das gemeinsame Sprachelement in Mundarteigentümlichkeiten; daher sind für einen detaillierten Vergleich der Aussprachen die Vollformen wertvoller als die verkürzten <…>“6. Beeinflusst von Schleichers Auffassung von der Wortwurzel als der ursprünglichen und wichtigsten Zelle des „Sprachorganismus“, widmete Baranauskas bei der Erklärung der Unterschiede zwischen den litauischen Dialekten den Gesetzmäßigkeiten des Lautwandels in der Wurzel (insbesondere der Vokale) große Aufmerksamkeit und betonte, dass dieselben Laute am Wortende schneller wechseln oder ganz verschwinden können. Deshalb orientierte er sich bei der Einteilung der litauischen Dialekte an Komplexen vokalischer Merkmale und nannte häufig nicht einmal ein konkretes Unterscheidungsmerkmal7; bei der Entwicklung einer auf dem Prinzip des Dialektausgleichs beruhenden litauischen Rechtschreibung, d. h. bei der Festlegung normgerechter Formen für die gemeinsame Schriftsprache, hielt er konsequent an der Auffassung fest, dass „die volle Flexionsendung“ (d. h. Endung. — R. V.) besser ist als die verkürzte8. Später wurde diese theoretische Position Baranauskas’ durch die detaillierte Erforschung unserer Dialekte bestätigt: Es zeigte sich, dass gerade jene Dialekte das archaischste phonologische System bewahren, deren Vokalismus in der Wurzel (bzw. Wortmitte) und in der Endung (bzw. am Wortende) übereinstimmt. Baranauskas hingegen (zu seinen Lebzeiten waren die Dialekte kaum erforscht) zieht in den „Anmerkungen zur litauischen Sprache und zum Wörterbuch“ eine aufschlussreiche Schlussfolgerung: „Die Mundarten R₂ und R₃ (d. h. R₂ — „Mū- 5 Ins Litauische übersetzte Auszüge aus der Studie wurden in „Mūsų kalba“ veröffentlicht. Hier und im Folgenden zitiert nach: Venckutė R. Iš Antano Baranausko lingvistinio palikimo. — Mūsų kalba, 1975, Nr. 1, p. 41. 6 Ebd., S. 42. Girdenis A., Zinkevičius Z. Zur Klassifikation der litauischen Dialekte. — Kalbotyra, 1966, Bd. 14, S. 139.7 8 Baranausko laiškas H. Vėberiui. Cituojama iš: Baranauskas A. Raštai. — V., 1970, t. 2, p. 186. 184 ßgebiet“, R₃ – der östliche Teil der Panevėžys-Dialekte, die „reinen puntininkai“ — R. V.), die in den Endungen viele reduzierte <…> Laute und Silben aufweisen, sind bereits Ansätze einer künftigen Phase der litauischen Phonetik9. Baranauskas erforschte die litauischen Dialekte aus praktischer Notwendigkeit, doch offenbar nicht ohne den Einfluss der Junggrammatiker zeichnete er die kleinsten dialektalen Unterschiede so akribisch auf und bekannte sich auf seine Weise zum „Kult“ des Faktischen und der lebendigen Sprache10. Seine außerordentlich gewissenhafte Haltung gegenüber den Sprachfakten und seine feste Überzeugung, dass ohne deren gründliche Erforschung keine wissenschaftlich zuverlässigen Schlussfolgerungen möglich seien, waren auch durch persönliche Eigenschaften Baranauskas’ als Forscher bedingt11. Dennoch bewahrte ihn die Fähigkeit, seine Beobachtungen systematisch zusammenzufassen, vor der für die Junggrammatiker typischen kleinteiligen Beschreibung von Fakten und ließ ihn einer modernen strukturellen Auffassung von Sprache nahekommen, mit der er seiner Zeit – der Epoche der allgemeinen Vorherrschaft der Junggrammatiker (oft Atomisten genannt) – weit voraus war. Dazu werden zweifellos auch die innovativen Ansichten von Baudouin de Courtenay beigetragen haben (die beiden standen in recht engem Kontakt). Von Baudouin de Courtenay übernahm Baranauskas den Grundsatz, den Befund der Schriftsprache klar vom Befund der gesprochenen Sprache zu unterscheiden. In anschaulicher Formulierung findet sich dieser Grundsatz in Baranauskas’ Brief an Weber: „Das eine ist das Buch, etwas anderes der Mund: Im Buch ist die Sprache halb erstorben, im Mund hingegen ganz lebendig“12. Diese Überzeugung dürfte Baranauskas’ recht skeptische Haltung gegenüber der noch nicht gefestigten und nicht durch klare Kodifizierungsregeln gefestigten litauischen Schriftsprache der Mitte des 19. Jahrhunderts bestimmt haben (sie tritt in den Briefen des Verfassers von „Anykščių šilelis“ an J. S. Dovydaitis, J. Jablonskis, H. Weber u. a. zutage). Die Unterscheidung zwischen Schrift- und gesprochener Sprache als zwei Existenzformen der Nationalsprache dürfte auch Baranauskas’ Überzeugung zugrunde gelegen haben, dass Litauen unbedingt nur eine gemeinsame Schriftsprache benötige, während sich für die sonstige Kommunikation (als gesprochene Sprache) alle Dialekte eigneten. Für unsere Augen mag eine solche Behauptung auf den ersten Blick vielleicht paradox erscheinen, ist aber im Grunde weder theoretisch noch praktisch falsch: Die moderne Sprachkulturtheorie leugnet keineswegs den Heimatdialekt, sondern betrachtet ihn als wichtiges traditionelles Mittel der alltäglichen Kommunikation (in der Familie und in anderen neutralen, informellen Situationen); strenger eingeschränkt wird nur der Gebrauch der Dialekte im öffentlichen Leben und in der Massenkommunikation (Belletristik, Presse, Schule, Rundfunk usw.). Aus alledem lässt sich offenbar der begründete Schluss ziehen, dass Baranauskas das Verhältnis zwischen gemeinsamer Sprache und Dialekten recht nüchtern und modern auffasste. „Übersetzen“ wir seine Überlegungen in moderne linguistische Begriffe, erkennen wir deutlich, dass für Baranauskas sowohl die gemeinsame Sprache als auch die Dialekte, die gewöhnlich nur in gesprochener Form funktionieren, relativ eigenständige Kommunikationssysteme sind und sich klar hinsichtlich ihrer Gebrauchssphäre sowie ihrer durch spezifische innere Entwicklungsgesetze geprägten phonetischen, lexikalischen, morphologischen und syntaktischen Merkmale unterscheiden. 9 R. Venckutė, Aus dem linguistischen Nachlass von Antanas Baranauskas, S. 44. 10 Baranauskas verstand unter lebendiger Sprache in erster Linie die gesprochene Sprache der Landbevölkerung, das heißt die „Dorfmundart“. 11 R. Venckutė, Die linguistische Korrespondenz von Antanas Baranauskas. — In: Literatura ir kalba. V., 1986, Bd. 19. 12 Baranauskas A. Ebd., S. 248. 185. Während er am Priesterseminar in Kaunas Litauisch unterrichtete, erkannte Baranauskas deutlich den Bedarf an einer praktischen (normativen) Grammatik und machte sich daran, selbst eine solche zu verfassen. Dabei hoffte er, dem wissenschaftlichen, auf die Diachronie ausgerichteten Vorbild von Schleicher’s litauischer Grammatik folgen zu können; doch schon bald verstand er, dass er „die Grenzen abstecken und sie nicht überschreiten“ müsse (darauf weist er in seinen Briefen an Weber mehrmals hin). „Die Grenzen abstecken“ bedeutet nicht nur, die litauische Sprache so zu beschreiben, wie sie von ihren Sprechern verwendet wird, ohne sich auf Rekonstruktionen ferner Vergangenheit einzulassen, sondern auch einen Weg zu finden, die Unterschiede zwischen den zahlreichen Dialekten miteinander in Einklang zu bringen, das heißt, eine für alle Litauer notwendige geschriebene Gemeinsprache zu schaffen. Mit diesen konkreten, klar erkannten Aufgaben vor Augen entschied sich Baranauskas für das Prinzip des Ausgleichs der Dialekte, begründete es mit der theoretischen Aussage über das gemeinsame und das partielle Element und entwickelte eine eigenartige Theorie der Gemeinsprache. Das wichtigste Ziel der „Sprachwissenschaft“ (so nannte Baranauskas seine Grammatik) war es, durch den Vergleich unterschiedlicher Dialektformen deren Grundlage zu finden, mit anderen Worten, die ursprüngliche Gestalt wiederherzustellen, aus der sie sich entwickelt hatten. Die etymologische Grundlage verschiedener Dialektformen nannte Baranauskas „Wortstamm“; in Anlehnung an Schleichers Theorie des „genealogischen Baums“ behauptete er: „Der Wortstamm ist der Stumpf, aus dem die Dialektzweige gewachsen sind“¹³; „um die gesamte litauische Sprache gut zu erlernen, muss man all ihre Dialekte gut erlernen; aus ihrem sorgfältigen Vergleich geht der eigentliche Wortstamm hervor“¹⁴. Bei der Wiederherstellung der „stammbezogenen“ Formen drang Baranauskas nicht weit in die Vergangenheit vor: Als normgerecht betrachtete er die in den Dialekten belegten, am wenigsten veränderten Wortformen, zum Beispiel dirba, galvomis, sėdi, und nicht dirb, galvom, sėd; Formen, die in alten Schriften vorkamen, in den Dialekten aber nicht mehr erhalten waren, nahm Baranauskas nicht in seine geschriebene Gemeinsprache auf und betrachtete sie folglich nicht als normgerecht (Weber erklärte er, er wolle „die Rechtschreibung nicht von der lebendigen Sprache loslösen“¹⁵). Nach dieser Theorie waren Baranauskas’ Texte genau genommen eine Übertragung osthochlitauischer Formen in westliche. Das hat er selbst unmissverständlich eingeräumt: „Meine Sprache ist der Dialekt R₁ (der osthochlitauischen Anykščiai-Sprecher, der ‚Rotininker‘. — R. V.), durch den Vergleich mit anderen Dialekten verbessert und ergänzt und nicht nach der Aussprache, sondern nach dem Wortstamm geschrieben“¹⁶. Die nach dem Prinzip des Dialektausgleichs von Baranauskas geschaffene geschriebene Gemeinsprache stand den in Schleichers Grammatik festgehaltenen Mundarten der preußischen Litauer (der westhochlitauischen Dialekte) nahe. Es bleibt lediglich hinzuzufügen, dass er zu dieser Annäherung seiner vereinheitlichten Schriftsprache an den westhochlitauischen Dialekt rein theoretisch gelangte, gestützt auf die Regelmäßigkeit der Gesetze des dialektalen Lautwandels. Da Baranauskas die meisten dieser Gesetze hinreichend gut kannte und sich konsequent an das hielt, was wir heute als Methode der internen Rekonstruktion bezeichnen würden, führte er die phonetischen Unterschiede der Dialekte auf das archaischste Lautsystem zurück; am besten erhalten geblieben ist ein solches gerade im südlichen westhochlitauischen Dialekt (Kaunasser Dialekt). In einem Brief an Weber heißt es dazu: „<…> kann ich nicht zugeben, dass ich eine neue, nirgends so gesprochene, aber für alle Litauer verständliche Sprache erfunden habe <…>. Ich habe keine Sprache erfunden, sondern für die litauische Sprache eine Rechtschreibung ersonnen; oder genauer: Auch eine neue Rechtschreibung habe ich nicht erfunden, sondern die bereits bestehende und bekannte verbessert“¹⁷; „Meine Sprache 13 Baranauskas A. Min. veik., p. 185. 14 Zitiert aus: Archivum Philologicum, 1937, Bd. 6, S. 50. 15 Baranauskas A. Min. veik., p. 186. 16 Min. veik., p. 185. 17 Min. veik., p. 187. 186 hat eine Grundlage in den Wörtern und wird deshalb so geschrieben; wenn man sie jedoch entsprechend den Dialekten ausspricht, kann sie nicht als tote, sondern als lebendige Sprache bezeichnet werden“18. Deshalb nennt Baranauskas die vereinheitlichte Schriftsprache meist einfach Rechtschreibung: Beim Lesen könne jeder die Laute so aussprechen, wie sie in seinem Heimatdialekt ausgesprochen werden, denn die Buchstaben seien mehrdeutige Symbole für Laute, die sich in den Dialekten unterschiedlich verändert hätten. Zum Beispiel könne man ranką unter Berücksichtigung des regelmäßigen Wandels von an und ą in den Dialekten als [rañką, rañkų, ruñkų, rõnkª] und noch anders lesen. Eine phonetische Rechtschreibung wäre laut Baranauskas unpraktisch, denn „man müsste so viele Rechtschreibungen und so viele Sprachlehren einrichten, wie es Dialekte gibt. Es braucht aber eine Sprachlehre, eine Rechtschreibung und zugleich eine Anleitung dazu, wie die Litauer die Buchstaben in jedem Dialekt auszusprechen haben“19. Konkrete Regeln zu formulieren, nach denen sich die Formen der geschriebenen Gemeinsprache mühelos in Dialektformen umwandeln ließen, erwies sich als weniger einfach: Baranauskas’ „Sprachlehre“ enthält keine klaren Anweisungen dazu, wie die „gemeinsamen“ Formen dialektal zu lesen sind, insbesondere jene, die sich in den Dialekten nicht nur in der Aussprache unterscheiden. In der praktischen Entwicklung der Gemeinsprache setzte sich diese recht komplizierte Theorie Baranauskas’ nicht durch. Die Erforschung der Geschichte der Gemeinsprache erkennt jedoch an, dass sie für die Durchsetzung des westhochlitauischen Dialekts von Bedeutung war, der seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zur Grundlage der heutigen gesprochenen und geschriebenen Gemeinsprache wurde20. Bei der Festlegung der „gemeinsamen“ (normgerechten) Formen der Schriftsprache stellte sich für Baranauskas die Frage nach der Reinheit der Sprache. Hier erwies er sich als vorsichtiger Normierer: Er befürwortete keinen „strengen Purismus“ (in Briefen hatte er ihn kritisiert), vermied jedoch eindeutig fremde Elemente. Diese Haltung erläuterte er in einem Brief an Weber folgendermaßen: „Offenkundig hüte ich mich davor, Fremdes in die eigene Sprache aufzunehmen, weder als Wörter noch als Bildungen; ich suche danach, wie sich dieser Gedanke auf litauische Weise ausdrücken lässt. Wenn ich keine klarere Bildung oder kein passendes Wort finde, verwerfe ich auch ein möglicherweise eigenes nicht“21. Für seine Zeitgenossen war Baranauskas eine unbestrittene Autorität in Fragen der litauischen Sprache. Diese Anerkennung hatte er sich mit der lebendigen und bildhaften Sprache von „Anykščių šilelis“ sowie mit seiner ausgezeichneten Kenntnis seines eigenen Heimatdialekts und anderer litauischer Dialekte erworben. Mit den verschiedensten Fragen zur Bedeutung litauischer Wörter, zum Gebrauch von Wortformen und Ähnlichem wandten sich bedeutende russische und westeuropäische Indoeuropäisten ebenso wie die meisten Vertreter der litauischen Nationalkultur an ihn. Über konkrete Korrekturen Baranauskas’ wissen wir nicht allzu viel (seine Auskünfte waren überwiegend theoretischer und nicht praktischer Art); doch aus den in seiner linguistischen Korrespondenz überlieferten Bemerkungen lässt sich schließen, dass dieser Sprachwissenschaftler nicht nur ein ausgezeichneter Kenner seiner Muttersprache, sondern auch ein aufmerksamer Förderer ihrer Pflege war. Ein wertvolles Zeugnis dafür ist folgende Stelle aus einem seiner Briefe an Weber: „Mir gefällt auch die erfundene Bezeichnung ‚Litauischer Schriftverein‘ nicht <…>. Wäre es nicht besser, ihn ‚Verein der Freunde der litauischen Schrift‘ oder ‚Verein litauischer Schreiber‘ oder anders zu nennen, weil die Vereinsmitglieder nicht die Schriften, sondern die Schreiber sind“22. 18 Min. veik., p. 185. 19 Archivum Philologicum, 1930, t. 1, p. 76. 20 Jonikas P. Lietuvių bendrinės rašomosios kalbos idėja priešaušrio metu. – Kn.: Archivum Philologicum, 1937, t. 6, p. 52; Palionis J. Lietuvių literatūrinės kalbos istorija. – V., 1979, p. 197. 21 Baranauskas A. Min. veik., p. 186. 22 Min. veik., p. 207. 187 Baranauskas schätzte, ähnlich wie später Jablonskis und Balčikonis, die gute Beherrschung des heimischen Dialekts sehr und orientierte sich beim Sammeln von Dialektbelegen an der Sprache einfacher Landbewohner. Was er Boduen de Courtenay dazu schrieb: „Die litauischen Lehrer, die selbst polnisch sprechen und Litauisch nicht gut gelernt haben, <...> haben an manchem Ort die litauische Sprache verdorben, vor allem in den Schriften, in der lebendigen Sprache aber in den Städtchen und auf den Gütern. So gilt nun: Je abgelegener ein Winkel Litauens und je weiter er vom Städtchen und vom Gut oder von der Landstraße entfernt ist, desto reiner und schöner ist die litauische Sprache“²³. Im Kontext der Entstehung der professionellen litauischen Sprachwissenschaft ist Baranauskas’ Theorie der Gemeinsprache, abgesehen von den bereits genannten Aspekten, auch aus folgenden Gründen bedeutsam: 1. Da sie unmittelbar mit dem Bedürfnis nach einer praktischen Grammatik zusammenhing, zeigte sie eine klare Perspektive für die Entwicklung einer normativen Grammatik auf, rückte die Bedeutung von Belegen aus der lebendigen (gesprochenen) Sprache in den Vordergrund und regte auf ihre Weise eine intensivere Erforschung der Dialekte und des Wortschatzes an (vgl. die Linie Jaunius — Būga — Jablonskis). 2. Indem sie in der litauischen Dialektologie das Prinzip des Vergleichs von Bündeln dialektaler Merkmale verankerte, brachte sie die litauischen Sprachforscher einer strukturellen Betrachtungsweise der Sprache näher und schuf Ansätze für die Anwendung der inneren Rekonstruktion. Es wurde deutlich, dass es keine Trennung zwischen historischer und deskriptiver (normativer) Grammatik gibt (und geben sollte), denn solidere Normen lassen sich nicht ohne elementare Kenntnis der Geschichte der Sprachbelege festlegen (wissenschaftlich fundierte Normen des Litauischen legte später Jablonskis’ „Lietuvių kalbos gramatika“ von 1922 vor). 3. Sie trug zur Herausbildung bestimmter Kodifizierungskriterien für die litauische Gemeinsprache bei; an erster Stelle sind dabei Systematik, geografische Verteilung der Belege, Reinheit und vielleicht teilweise Zweckmäßigkeit zu nennen. Diese Kriterien sind in der Praxis der Sprachnormierung auch heute aktuell. Zudem ist anzumerken, dass Baranauskas’ klare Orientierung nicht an der Schriftsprache, sondern an der gesprochenen Sprache dazu führte, dass in unseren ersten normierenden Arbeiten die lebendige („Dorf-“)Sprache deutlich dominierte (vgl. die Position von Jablonskis und Balčikonis). Bei der Bewertung von Baranauskas’ Ansichten im Kontext der heutigen litauischen Sprachwissenschaft wäre es sinnvoll, seine Prinzipien der Dialekteinteilung, seine Theorie der drei Vokallängen (die sogenannte „Morentheorie“) und seine konkreten Überlegungen zur Geschichte einiger Erscheinungen der litauischen Sprache zu untersuchen (diese waren nicht selten sowohl sehr scharfsinnig als auch eindeutig falsch); wegen des begrenzten Umfangs des Artikels wird hier jedoch nur die Theorie der Gemeinsprache behandelt. Sie genügt völlig, um Baranauskas’ theoretische Ansichten mit der Sprachwissenschaft des 19. Jahrhunderts im Allgemeinen in Verbindung zu bringen und zu zeigen, wie durch diesen begabten autodidaktischen Sprachwissenschaftler die fortschrittlichsten linguistischen Ideen seiner Zeit in die sich herausbildende litauische Sprachwissenschaft gelangten und dort prächtig aufblühten. THEORIE DER LITERATURSPRACHE VON A. BARANAUSKAS Zusammenfassung Die fortschrittlichen Ideen der naturalistischen Richtung und der Kasaner linguistischen Schule, die die Entwicklung der nationalen litauischen Sprachwissenschaft fruchtbar beeinflussten, gelangten vor allem durch die Vermittlung einer eigenständigen Theorie der nationalen (Literatur-)Sprache in diese Sprachwissenschaft. Diese Theorie hatte A. Baranauskas in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt. 23 Ebd., S. 133. 188