Priegaidžių defonologizacijos tendencijos Gervėčių tarmėje
Full text
LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI, XXX (1993)
PERIFERINĖS LIETUVIŲ KALBOS TARMĖS
Danguolė MIKULĖNIENĖ
TENDENZEN DER DEPHONOLOGISIERUNG DER AKZENTE IM DIALEKT VON GERVĖČIAI
§ 1. Der Dialekt der Umgebung von Gervėčiai zieht die Aufmerksamkeit der Sprachwissenschaftler nicht nur durch Archaismen, sondern auch durch Neuerungen auf sich. Wie andere von dem großen litauischen Sprachgebiet abgetrennte Sprachinseln ist er, um Z. Zinkevičius’ Worte zu verwenden, ein natürliches Laboratorium zur Untersuchung verschiedener Phasen des Sprachkontakts und des Sprachverfalls (Zinkevičius, 1966, S. 29).
Gervėčių tarmės bruožai aprašyti P. Arumos (Arumaa, 1930), J. Kardelytės (1975), T. Sudnik (Судник,1975), A. Vidugirio (1972, 1974, 1989), J. Lipskienės (1972, 1989), E. Grinaveckienės (1973), A. Romančiuk (Романчик,1988), A. Jonaitytės (1989) ir kitų kalbininkų. Remiantis jų darbais, nesunku nustatyti pokyčius, naujai besirandančius tos tarmės atstovų kalboje.
§ 2. Hinsichtlich der Akzentuierung steht der Dialekt von Gervėčiai den anderen osthochlitauischen Dialekten von Vilnius völlig nahe (ausführlicher siehe Kardelytė, 1975, S. 6; Jonaitytė, 1989, S. 230). Die Einheimischen, besonders die ältere Generation, unterscheiden die Akzente — den Stoßton und den Schleifton — sehr gut (vgl. Zinkevičius, 1966, S. 33; Kardelytė, 1975, S. 13)1.
Neben den beschriebenen Fällen des Stoßtons und des Schleifton wird in der Monographie von J. Kardelytė sowie in Arbeiten anderer Sprachwissenschaftler auch ein mittlerer Akzent erwähnt, der für die Vokale i, u charakteristisch ist, wenn diese in betonter Position zu halb langen Vokalen gedehnt werden: iˑ, uˑ (visas, bū.va)2. Dieser mittlere Akzent hängt mit der Dehnung des kurzen Vokals („Halblänge“) zusammen und ist daher als quantitatives Merkmal eines betonten Vokals anzusehen (vgl. Garšva, 1977, S. 77–78).
Somit ist dieser mittlere Akzent phonologisch überhaupt kein Akzent: Mit einem langen betonten Silbenvokal bildet er keinen phonologischen Gegensatz zu den Akzenten (vgl. Kazlauskas, 1968, S. 6; Girdenis, 1981, S. 188–189; Garšva, 1982, S. 65).
§ 3. Als systemisches Phänomen dieses Dialekts ist nur die Opposition langer betonter Silben anzusehen. Auf sie stützt sich auch die Behauptung, dass in der Umgebung von Gervėčiai sowie an anderen östlichen Rändern des litauischen Sprachgebiets der Stoßton „in allen Fällen deutlich vom Schleifton unterschieden wird“ (Zinkevičius, 1966, S. 33; siehe auch die Dialekttexte — Lietuvių, 1970, S. 394–395; Kardelytė, 1975, S. 120–140).
1 Auf Akzente als ein ausschließlich für die litauische Sprache charakteristisches Phänomen wird in der Monographie von T. Sudnik (Судник, 1975) verzichtet, in der die phonologischen Systeme aller belarussischen, litauischen und polnischen Dialekte, die in einem Gebiet verbreitet sind, typologisch miteinander verglichen werden.
2 Mit dem Zeichen des mittleren Akzents wird auch die Betonungsstelle in nichtlitauischen Wörtern markiert, etwa in: o čitat’ lietu.viskai čito.us’u. Zur Markierung des mittleren Akzents in anderen Fällen siehe Zinkevičius (1974).
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Das phonologische Dialektsystem ist unverändert. Da es jedoch von slawischen Sprachen umgeben ist, wird es von verschiedenen Faktoren beeinflusst, die das System ins Wanken bringen.
§4. Da die Sprache der einheimischen Bevölkerung in der Umgebung von Gervėčiai aus soziolinguistischer Sicht nicht einheitlich ist, lassen sich mindestens drei Gruppen von Sprachbenutzern unterscheiden:
1) litauische Einwohner, die des Belarussischen nicht oder kaum mächtig sind (sie weigern sich, auf Belarussisch über den Haushalt, das Brotbacken und den Flachsanbau zu erzählen — "gadnai nemoku");
2) litauische Einwohner, die zu Hause Litauisch sprechen, neben ihrer Muttersprache aber auch Belarussisch und Polnisch beherrschen (die mittlere und die jüngere Generation auch Russisch);
3) nichtlitauische Einwohner, die Litauisch in gemischten Familien gelernt haben.
Natürlich ist das Litauisch, das die Angehörigen der einzelnen Gruppen verwenden, sehr unterschiedlich; auch ihre Kenntnisse und ihr Gebrauch der anderen Sprachen sind verschieden ausgeprägt. Vergleicht man jedoch die sprachlichen Merkmale der Vertreter aller Gruppen, zeichnen sich neu entstehende Veränderungen des Dialekts ab. Diese gilt es nicht nur zu bemerken, festzuhalten oder zu modellieren, sondern auch vorherzusagen – ihre möglichen Auswirkungen auf das Akzentuierungssystem des Dialekts zu antizipieren.
§5. In der Sprache der Informanten der ersten Gruppe sind sowohl die Akzenttöne langer betonter Vokale als auch die von Diphthongen deutlich hörbar (siehe Text 1). Sie treten in allen Akzentpositionen klar hervor: am Wortende (žirgais / ark'l'ais / t'enais / tais / san'aa / tai / ragai / klanañ / gaiž'ai / vel'n'ai / žinat), auf der vorletzten Silbe (á.rkl'us / ei.na / ei.nam / is'imá.ud'e's) und am Wortanfang (p'é.reina / p'é.rn'eš'u3). Somit zeigt der in allen Fällen realisierte Unterschied zwischen fallendem und steigendem Akzentton, dass das Akzentuierungssystem des Dialekts gut erhalten ist.
§6. J. Kazlauskas zufolge hängt in den Dialekten Süd-, Südwest- und Ostlitauens die Verlängerung oder Länge der Komponente eines betonten Diphthongs offenbar mit der Betonung zusammen, während ihre Kürze mit unbetonter Stellung verbunden ist (Kazlauskas, 1968, S. 8-9). Daher kann der Akzentgegensatz auch als quantitativer Kontrast zwischen den Komponenten des Diphthongs interpretiert werden.
Der fallende Akzentton eines Diphthongs kann dann als Gegensatz zwischen einer langen ersten und einer kurzen zweiten Komponente aufgefasst werden (á:R = L̄ ˘), der steigende dagegen als Opposition zwischen einer kurzen ersten und einer langen zweiten Komponente (aR̄ = ˘ L̄)⁴.
§7. Die Litauer in der Umgebung von Gervėčiai sprechen, wie viele Ostaukštaiten, steigende Diphthonge in wortfinaler Position verkürzt aus und realisieren ihre zweite Komponente nicht vollständig. Verglichen etwa mit der Aussprache der südlichen Westaukštaiten, klingt dieser Laut offener und hat seine eigene Quantität verloren. Die betonte Komponente verliert dann ihre Länge, und der fortlaufende Akzentton wird zu seinem eigenen Alloton, der von Sprachwissenschaftlern auch Mittelakzent genannt wird: aR̄⁽˙⁾ ⇒ aR̄⁽˙⁾, d. h. ˘L̄ ⇒ ˘L̄ (vgl. Gerullis, 1930, S. 48-49).
3 Hier werden Beispiele ausschließlich mit betonten Diphthongen angeführt (Mischdiphthongen aR, eR sowie zusammengesetzten Diphthongen), deren Akzenttöne die Vertreter aller Dialekte nach Gehör ausgezeichnet unterscheiden.
4 Zur Kennzeichnung der Quantität werden die vereinbarten Zeichen des „Atlas linguarum Europae“ („Atlas linguarum Europae“) verwendet (Лингвистический, 1981, c. 24).
— betonte (lange) Komponente eines Diphthongs,
— unbetonte (kurze) Komponente eines Diphthongs,
— betonte, jedoch längenverkürzte („halblange“) Komponente eines Diphthongs.
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Dieser mittlere Akzent – ein Alloton des Zirkumflexakzents – ist weder phonetisch noch phonologisch identisch mit jenem mittleren Akzent, der den unter dem Akzent gedehnten Kurzvokal kennzeichnet (siehe § 2)⁵.
§8. Zwar kennzeichnen die beiden gleichnamigen Akzente in erster Linie quantitative Veränderungen des betonten Vokals, doch äußern sie sich unterschiedlich: Das Allophon des kurzen betonten Vokals geht mit einer Zunahme der Quantität einher (+ Dehnung), das Allophon des fortlaufenden Akzents hingegen mit ihrer Abnahme (− Dehnung)⁶.
Man kann sagen, dass das hier erörterte Alloton des fortlaufenden Akzents eine positionelle Variante des fortlaufenden Akzents ist. In der Sprache der einsprachigen litauischen Einheimischen ist es gewöhnlich in der Wortauslautposition vor einer Pause zu hören – bei fallender Phrasen- oder Satzintonation, z. B.: p’irm’au / paskuĩ / beveik (siehe Text 1). In der Sprache zwei- und dreisprachiger Informanten gibt es noch mehr solcher Fälle (siehe Texte 2 und 3).
§ 9. Das Auftreten des Zirkumflexakzents als dieses Allotons in der Wortauslautposition ist eine natürliche prosodische Erscheinung, deren Ursprung mit den allgemein für das Wortende charakteristischen Tendenzen zur Neutralisierung der Akzente zusammenhängt (vgl. Girdenis, 1981, S. 191). Folglich muss bei der Erörterung des prosodischen Systems des Gervėčiai-Dialekts berücksichtigt werden, wie der Akzentgegensatz in nichtauslautenden (d. h. wortstamminternen) Silben realisiert wird.
Und zweitens: Quantitätsveränderungen des Bestandteils eines betonten Diphthongs am Wortende können eine weitere Defonologisierung der Akzente begünstigen, d. h. das Schwinden ihres Gegensatzes in anderen, nichtauslautenden Wortsilben.
§10. In der Sprache zwei- und dreisprachiger Litauer sind Veränderungen des Zirkumflexakzents am Wortende deutlich häufiger und ausgeprägter. Hier wird ein betonter Diphthong mit Zirkumflexakzent oft so ausgesprochen, dass der Stimmaufwand von der zweiten Silbe auf das erste Diphthongelement verlagert wird, mit anderen Worten: aR₍ˌ₎ ⇒ àR₍ˌ₎, vgl.: vaikái / labài / vaikài / vaistài. Häufig wird das erste Element, nachdem es den Akzent erhalten hat, gedehnt, d. h. aR₍ˌ₎ ⇒ ǎːR₍ˌ₎, z. B.: jinái / daug’ǎ.u / p’irm’ǎ.u / labǎ.i / dabǎ.r / san’ǎ.u / t’e.vǎ.i / vaikǎ.i / lungv’ǎ.u (siehe Texte 2 und 3).
Dann unterscheidet sich der Zirkumflexakzent des Diphthongs vom Akutakzent nur durch die unterschiedliche Realisierung des ersten Elements, vgl. ǎ₍ˌ₎R (ˌˌ) und ǎːR (ˌˌ). Der mit Akutakzent betonte Vokal wird intensiver und abrupter ausgesprochen, doch ist der auditive Unterschied beispielsweise zwischen á.u und à.u nicht besonders ausgeprägt; vgl. á.uk und à.uk (‹ àd.k). Sein wichtigstes Merkmal ist die Dauer (ausführlicher siehe Грумадене, Стунджа, 1987, 97-98).
§ 11. In der Sprache der Informanten der zweiten Gruppe wurde diese häufige prosodische Erscheinung nicht nur in der Wortauslaut-, sondern auch in der vorletzten Silbenposition festgestellt, z. B.: žaid’ė. / skáito. / skǎ.usmo. / pǎ.ukšč’ài / paskǎ.ito. / r’e.ik’á / rù.ṅko.m / l’î.nksma / sù.nk’ái (siehe Texte 2 und 3).
5 Šiuos abu atvejus A. Salys vadino antrine tęstine priegaide (Salys, 1992, p. 125). Antrinės terminas ypač tinkamas tvirtagalės priegaidės alotonui.
6 Offenbar betrachtet Z. Zinkevičius, wenn er dies berücksichtigt, den mittleren Akzent als heterogenen Akzent (Zinkevičius, 1966, S. 36); dann bleiben jedoch seine unterscheidenden Merkmale völlig unklar. Außerdem ist bis heute experimentell nicht nachgewiesen, dass in beiden Fällen des mittleren Akzents derselbe Laut hinsichtlich Quantität und Qualität entstehen kann, wie es bei einem heterogenen Akzent der Fall sein müsste.
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Das bedeutet, dass der für den Dialekt charakteristische phonologische Gegensatz der Akzente áR: aR⁽ⁱ⁾ in litauischen Diphthongen und Triphthongen bereits stark geschwunden ist — á.R: ǎR (⊥ ∪: ∪ ∪).
§ 12. Besonders häufig wird der Lautdruck in gemischten Diphthongen auf das erste Glied verlagert, z. B.: pi.ļβo. / sū.ŋk’ai / rū.ŋko.m / k’etvī.rtu. / deši.mts / ji.-rgī / l’i.ŋksma / v’isu.r (siehe Texte 2 und 3).
Dies zeigt, dass die Defonologisierung der Akzente stark durch die umgebenden slawischen Sprachen begünstigt wird: Nach dem Vorbild des Weißrussischen und des Polnischen gilt nur der Vokal als Kern der betonten Silbe (gemischte Diphthonge gibt es in diesen Sprachen nicht). Somit wird auch die Grundlage der betonten Silbe in litauischen Wörtern — der gemischte Diphthong — unabhängig von seinem Akzent bereits als Verbindung eines unter dem Akzent gedehnten Vokals und eines einfachen Konsonanten behandelt, vgl. píl’t’ (í·ə R = ⊥∪) und pi.rk’t’ (i·ə R = ∪́).7
Diese Auffassung wird auch durch die Untersuchung der Sprache der Informanten der dritten Gruppe gestützt. Ihre betonten Diphthonge werden gleich ausgesprochen — der Lautdruck konzentriert sich stets auf das erste Element (siehe Text 4).
§13. Die Defonologisierung der Diphthongakzente ist ein sich ausbreitendes Dialektphänomen. Dies belegen die Daten eines mit jüngeren Ortsansässigen durchgeführten Experiments8.
Informantės, baigusios lietuvišką mokyklą, paprašytos perskaityti tekstą, lengvai atpažįsta heterotonus — žodžius, besiskiriančius priegaidėmis, pvz.: šauk ir šaũk, aũk ir aũk, kaũšo ir kaũšo, kaũkė ir kaũkė. Tačiau, besistengdamos juos taisyklingai ištarti, dažniausiai klysta tvirtagalės priegaidės atveju: vis akcentuoja pirmąjį dvigarsio dėmenį.
Besonders häufig wird — offenbar wegen der Ähnlichkeit mit dem weißrussischen oỹ — der Zirkumflexakzent aũ (⇒ ǎ.u) defonologisiert: šaũk, a.ũk, kã.ušo.
§14. Vergleicht man also die Sprache der Informanten aller Gruppen, ist deutlich zu erkennen, wie die Akzente betonter Diphthonge gegenwärtig defonologisiert werden. In der Sprache der Vertreter jeder Gruppe wurden Veränderungen der Prosodie festgestellt, die sich als ein bestimmter Grad des Schwunds des Akzentgegensatzes auffassen lassen, vgl.: ⊥ ⇒ ⊥̩ ⇒ ∪̩ ⇒ ⊥̩ ∪ ⇒ ⊥̩ (∪̩).
§15. Man kann annehmen, dass sich mit dem Schwund des phonologischen Akzentgegensatzes in Diphthongen auch die Akzente langer betonter Vokale in ähnlicher Weise verändern werden. Das ist jedoch (zumindest derzeit) nicht der Fall: Sowohl einsprachige als auch zwei- (drei-)sprachige litauische Ortsansässige realisieren beide Akzente — sowohl den Stoß- als auch den Schleifton — am deutlichsten, vgl. s’ú· s’ím und s’·a s’ím, m’íŋkštó·kas und šeštó·kas9.
7 — Konjunktionssymbol für eine Summe.
8 Im Sommer 1988 führte Dr. L. Grumadienė das Experiment durch. Informantinnen: Joc Valda, geb. 1950 im Dorf Petruki, Litauerin; Karalienė Valentina, geb. 1954 im Dorf Gudinykai, Litauerin. Die Magnettonaufnahme wird in der Phonothek der Abteilung für Sprachgeschichte und Dialektologie des Instituts für litauische Sprache aufbewahrt. Registrierungsnummer der Aufnahme: 673.
9 Diese Tatsache stützt A. Pakeris’ Behauptung, dass die Akzente betonter langer Vokale und Diphthonge nicht denselben phonetischen Ursprung haben (Pakerys, 1982, S. 154). Außerdem bestätigt sie erneut, dass die Akzente langer Vokale im ostaukštaitischen Gebiet nicht nur ausgesprochen, sondern auch unterschieden worden sein müssen (ausführlicher siehe Zinkevičius, 1974, S. 93-94; Eidukaitienė, 1977, S. 18-23).
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Mit der Ausweitung des Defonologisierungsprozesses würde vermutlich im Laufe der Zeit auch der Gegensatz der Intonationen langer betonter Vokale in der Mundart verschwinden; eine Zeit lang würden im Sprachgebrauch der Einheimischen jedoch noch beide Intonationen bestehen bleiben — lange betonte Vokale bewahren die phonetischen Merkmale der Intonationen am längsten (vgl. Labov, 1978, S. 297).
§ 16. Der Abbau der Intonationsopposition zeigt, dass die Intonationen der Mundarten in der Umgebung von Gervėčiai unter dem Einfluss des Belarussischen und Polnischen allmählich ihre wichtigste Funktion — die distinktive Funktion — verlieren und daher im Laufe der Zeit lediglich zu einem zusätzlichen phonetischen Merkmal der Dauer eines langen betonten Vokals (bzw. Diphthongs) werden können.
Der phonologische Gegensatz zwischen betonten und unbetonten Vokalen kann sich in den einfacheren quantitativen Gegensatz zwischen langen und kurzen Vokalen verwandeln (siehe Schema).
Schema
Letztere ist für die benachbarten slawischen Sprachen charakteristisch. Nach Ansicht von J. Kazlauskas kann eine solche Situation angesichts der geringen funktionalen Belastung der Intonationen für die weitere Entwicklung des Akzents entscheidend sein (Kazlauskas, 1968, S. 9). Und zwar nicht nur in einer Mundart von Gervėčiai — möglicherweise in allen Mundarten des litauisch-slawischen Sprachgrenzgebiets.
Texte10
Es wurde versucht, die Abweichungen in der Sprache der Informanten in einer möglichst genauen phonetischen Transkription festzuhalten. Daher werden folgende seltenere Zeichen verwendet:
α — „abgeschwächter“, kurzer Allophon des Vokals a,
æː — offener, langer Allophon des Vokals e,
ɛ — zurückgezogener, velarisierter Allophon des Vokals e,
β — labialisierter Allophon des Konsonanten v,
w — bilabialer Allophon des Konsonanten v.
10 Alle Texte wurden im Sommer 1988 von L. Grumadienė und A. Romančuk aufgenommen. Die Tonbandaufnahme wurde von der Autorin des Artikels transkribiert.
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Die Weichheit eines Konsonanten wird über dem Buchstaben durch einen Apostroph gekennzeichnet (außer beim stets weichen Konsonanten j). Vor einem Vorderzungenvokal, dessen Qualität unverändert bleibt, kann der Konsonant auch hart sein. Die Härte des Konsonanten wird nicht gesondert gekennzeichnet, z. B. šit iei, žinau.
Die Intonation des Satzes wird durch Pfeile gekennzeichnet: ↗ — steigend, ↘ — fallend.
1
| ↗ nun. ↘ erzählte ↗ so. jene ↘ Leute | ↗ wie (sie) früher ↘ | das ↗ sie | ↘ sagte. | ↗ sie ritten ↘ nachts | ↗ nun also zogen wir mit den Pferden los ↘ | mit den Pferden | ↗ sie ritten ↘ nachts zum Weiden ↘ die ↘ Pferde schon | sagte | das Feuer ↗ angezündet | dann danach ↘ | ↗ sagte. sie gehen hinaus ↗ Holz ↘ holen | ↗ sagte | ↘ gibt die Baumstämme | ↗ sie brannte | ↘ sagte. | alle in den Papieren ↘ | auch in diesen Papieren ↘ | ↗ gibt | ↗ sie brannte | ↘ sagte | ↗ das sind keine Papiere | sondern diese sind aus Blech ↘ | von mir ↘ [...] | wie ↗ sie brannte ↘ | [...] | ↗ nun später | schon geht es mit den Pferden los ↘ | schon ↗ reiten wir | wir reiten ↘ durch diesen | durch die Sümpfe ↘ | schon ↗ solch ein guter Weg | weil solch ein Weg ↗ war ↘ | dort sagte sie | in einem so tiefen Loch ↘ | dass man nicht herauskonnte ↘ | und mit diesen Pferden schon ↘ nach Hause | wie früher. ↘ | meine ↗ Mutter erzählte das noch | wie ↗ früher ↘ es war | es ↗ war wahr ↘ | [...] | ↗ geht | zum Fluss ↘ hinüber | kommt näher | steht ein Baron ↘ so groß | Hörner ↗ | sagte | ↘ groß | ↗ sagte | ↘ groß | siehst du | sagt er | auf mich zu ↘ | ↗ ich | sagte | ↗ ich werde dich zuerst durch diesen Fluss bringen ↘ | sagte | ↗ dich in eine so große Grube ↘ und | sagte | nun kann man fast nicht ↘ aus dieser Grube herauskommen | dann schon ↗ etwa nach einer halben Stunde ↘ schon | schon ↗ wartet sie hier ↗ schon beginnt sie ↘ zu frieren | dann ↗ er schon | diese ↗ Teufel oder was ↘ | wo ↗ er ↘ verschwand | dann ↗ der Mensch | sagte | ↘ nass ↘ | durchnässt | hat fast keine Kräfte mehr ↘ | ↗ sobald er nach Hause kommt ↘ | ↗ zur Mutter: alles erzählte er ↘ so | [...] | ↗ ich weiß es ja | für mich ↘ | ↗ erinnert ihr euch auch ↘ |
Genė Lukaitienė, geb. 1923, Dorf Galčiūnai. Aufzeichnungsregistrierungsnummer 673.
2
| wir sind aus ↘ Petruki. | ↗ wir sind in Petrikai geboren | dort ↗ aufgewachsen und dort ↘ eingelebt. | jene ↗ also nicht ↘ | mein ↗ Vater ist dort ↘ geboren | ↗ und die Mutter | die nicht aus Švenčionys [Švenčionių] ↘ | sondern zu Hause ↗ auf Litauisch | ↘ wie denn | [...] ↗ unsere Kinder also ↗ alle auf Litauisch
100
kl’ä.ga | [...] ↗ war ↘ größer | es gab viel mehr ↗ Kauf | nicht vor ↘ später | als Petrikai niederbrannten ↗ | ist jetzt alles anders ↘ | ↗ früher war es ja sehr ↘ schön | sehr klein ↗ war es ↘ | Petrikai waren ja sehr schön | jetzt ↗ wird es schon ein bisschen ↘ schöner | nach dem Brand ↗ bei uns war es schon sehr ↘ viele | die Kinder hier ↗ versammelten sich | oder sie ↗ kochten ↗ | oder sie spielten mit den Streichhölzern ↘ | weiß nicht | ↗ niemand weiß es genau ↘ | manche ↗ sagen | ob die Nachbarn ↗ was die ↘ machten | wie ↗ früher | dort ↗ kochten sie die Kartoffeln | ja ↘ | das Feuer ↗ machte unten ein wenig | ↗ sie kochten die Kartoffeln ↘ wie Samogon. | aus den Kartoffeln ↗ sind sehr gute Arzneien ↘ | ↗ aus Kartoffeln | für ↗ was | ↘ gegen Rheuma | ↗ oder wie ↘ das | nun ↗ gegen Rheuma ist das ja sehr gut ↘ | gegen ↗ den Magen | ↗ gegen Bauch- ↘schmerzen |
Petrikienė Vanda, gim. 1922. Petrikų k. Įrašo registracijos Nr. 674.
3
Ich ↗ wuchs auf, da war es sehr ↘ schwer | meine Eltern waren ↘ arm | ↗ wir waren acht Kinder ↘ | ↗ es gab nicht viel zu tun | also wenn ↗ ich mich erinnere | zum ↘ Beispiel | als ↗ Vater sich aufmachte, Holz zu hacken ↘ | ↗ er ging aufs Feld | ↗ er mähte Roggen | ↗ den Weizen mähte er mit dem Dreschflegel | ↘ mit den Händen | dort blieb die Mutter ↗ und buk Pfannkuchen ↘ | die Kinder ↘ waren hungrig | ↗ zu kaufen gab es ↘ wenig | ↗ die Winter waren kalt ↘ | ↗ nur ein Fenster ↘ | also ↗ die Kinder alle ↘ auf dem Ofen | ↗ nun also buk die Mutter ↗ Pfannkuchen ↘ | durch den Rauchfang ↗ reichte sie sie den Kindern ↘ | den acht Kindern, wenn sie ↗ einen Pfannkuchen reichte | dann ein Stückchen ↘ für jeden und ↘ sonst nichts | dann warteten alle weiter | hungrig wie die ↘ Vögel | und anderes ↗ | ↗ anderes aßen sie | ↗ und Haferbrei | ↗ und Gerstengrütze. | Mutter ↗ zählte | ↗ zählte | zählte danach noch mehr ↘ | nicht einmal zehn ↘ | und alle ↗ Kinder waren noch hungrig ↘ | da ↗ sagte sie | genug ↘ | Kinder ↗ weint ↗ | ich gebe nichts | da kommt ↗ auch der Vater vom Holzhacken ↗ | ja, er braucht die Pferde ↘ zurückzulassen ↘ zum Füttern | also ↗ habt ihr alles aufgegessen | die Kinder sagten noch ↗ | ↗ wir sind ja noch ↘ nicht satt | ↗ nun | ↘ sagte sie | ↗ nichts | ↗ ich werde noch Borschtsch kochen ↘ dann | später dann ↘ schlafen | nun, dann blieb es bei ↗ Vater | den Kindern ↗ gab sie noch | und so ↘ lebten wir | ↗ es war schwer | dann, als wir ↘ klein waren | und als ↗ wir aufwuchsen | waren wir schon ↗ jung | ↗ Mädchen | Burschen ↘ | obwohl wir ↗ schwer lebten | ↗ war es sehr ↘ lustig | allerlei ↗ Lieder ↘ sangen wir | wenn wir ↗ abends hinausgingen | dann überall ↘ | in allen Gegenden ↘ Jugend | [...] | noch | ↗ jetzt scheint es leichter und besser |
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↘ lebend ↘ Menschen | aber diese Lieder nicht ↘ | überall ↗ genauso | wie jemand ↗ betrunken wo ↘ herumläuft | das Ganze |
Marija Mažeikienė, geb. 1923 in Petrikai. Aufzeichnungsregistrierungsnummer 674.
4
I s. ↗ at(t')ek'ėjau trį.zd'ešimt pirmais ↘ m'ėtais s | is'imó'k'au jau | ↗ jā.u trec'ais m'ėtais aš ↘ kalb'ėjau | pė.r ↗ d'v'ėjų.s metus aš ↘ is'imó'k'au | [...] | kàp ↗ at't'ek'ėjau | tadù aš ↘ i(š')s'im'ó'k'au | tąi ↗ juōk'ę.s'i iż man'ą ↘ | toi ži.no.ma | kàp ↘ n'emó'k'i | aš ↗ ir t'eip dà.r n'egal'ù pasakít ↘ l'įe.tù.viškai | t'ikrai ↘ | t'eip ↗ kl'ãːgam | kàp m'ę.s ↘ c'ã | kl'ãːgam | vi.s'i ↗ kã.lba | mú.su. ↘ kl'ãːga | c'ã ↘ k'itap kap jau | c'ã gi ↗ l'ę.tuv'ã n'elabai dà.uk ↘ k'įę.mu. | al'e ↗ k'į.ek išv'i.rto. jau ↘ | ↗ ižguda.βo. k'įek | prieg mą.n ↘ pō'm'ę'ėi | t'ã ↗ jau gerv'ę'cuos jau daug'ãu.s'a gù.diškai ↘ kl'ãːga | ↗ gudin'į.kuose | ↗ gaigal'ųose | vat | ↘ t'ùō.s'e kę.m'ūō.s'e | [...] | nu ka.p at't'ek'ėjo. ↗ gù.d'ę.s | katarō's n'ęnóri ↗ irgi mu.sù.k | katarō's ↘ n'ę.kalba | [...] | ă.ž ↘ iš v'įenų.lik'u | ↗ sanã jau ↘ ĩ ↗ sap't'í n'azdã.šym sap't'įn'el'į m'ę'tai ↘ suv'ę.jo. | praitą.m m'ę'n'as'i ↘ bù.bo | ↘ k'etvi.rto. | jā.u m'į.rt parã. | [...] | c'ã gi v'į.sa. ↗ l'ã.ika p'ę.tr'ikai | ↗ itas k'įėmas ir gaspadù'or'ai ↘ p'ę.tr'ikai | [...] | ↗ v'įenu. tur'ù ↘ | tó'k'u.va | ↘ mažù.t'į. | ↘ m'ę.įt'ęl'į. | v'įenu. turù. ↘ mã.rgu. | e' kũ gi jau ↗ ĩ | kàp ↗ neturę's'i | aš ↗ n'įekur ↘ nedais'u | ↗ n'ę.kur ↘ nedavažó's'u ↘ nup'į.r-kt'c' | kàp pask'ers'ù ↗ | tąi ↘ sã.βo. | kó.lei vaikai ↗ atvaž'ùos | kó.lei ↗ atv'ã.ę.š | tąi ↘ lã.uk | ↗ ă.lkanas ↘ s'ę.d'ęs'i |
Marija Petrikienė, geb. 1911 in Petrikai. Aufzeichnungsregistrierungsnummer 674.
Literatūra
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102
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TENDENCIES OF DEPHONOLOGIZATION OF INTONATION IN THE DIALECT OF GERVĖČIAI
Summary
The present article deals with the changes of prosody that were noticed in the language of unilingual and polylingual local Lithuanians. It discusses the reasons that could determine the decline of opposition of intonation in diphtongs (ǎR: aŘ). Allotones (aŘ / ǎR) that appeared as a result of the alteration of the circumflex (aŘ(.)) differ from the acute (ǎR) only in duration.
The dephonologization of intonation in the dialect of Gervėčiai is strongly maintained by the neighbouring slavonic languages. In due course, after the loss of its most important distinctive function intonation may become only an additional phonetic characteristic of duration in a long stressed vowel (resp. diphtong).
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