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Latvių dalykinė kalba kalbos kultūros aspektu

Regina Kvašytė

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LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI, XXXI (1994) KALBOS NORMALIZACIJOS KLAUSIMAI REGINA KVAŠYTĖ DIE LETTISCHE FACHSPRACHE UNTER DEM ASPEKT DER SPRACHKULTUR Die Sprachsituation, die sich in den Nachkriegsjahren in Lettland herausgebildet hat, ist durch das gleichzeitige Funktionieren des Lettischen und des Russischen gekennzeichnet. Das Zusammenwirken dieser Sprachen spiegelt sich in allen Bereichen menschlicher Tätigkeit wider. Bis heute und nicht selten auch gegenwärtig dominiert das Russische in vielen Tätigkeitsbereichen; besonders weit verbreitet ist es in der Büroarbeit. Die Verleihung des Status einer Staatssprache an das Lettische im Oktober 1988 und die Verabschiedung des „Sprachengesetzes der Lettischen SSR“ im Mai 1989 förderten das Interesse an der lettischen Fachsprache. Im genannten Gesetz heißt es ausdrücklich, dass „in den in der Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik befindlichen Behörden, Betrieben und Organisationen die Staatssprache die Sprache der Büroarbeit ist“,1 das heißt Lettisch. Die Fachsprache erfüllt sehr wichtige gesellschaftliche Funktionen: Durch sie werden die Beziehungen der Verwaltungsorgane zur Bevölkerung aufrechterhalten und die Zusammenarbeit von Behörden, Betrieben und Organisationen gewährleistet. Schriftstücke der Büroarbeit lassen sich in mehrere Gruppen einteilen, beispielsweise in diplomatische, juristische, administrative und andere Dokumente; jede dieser Gruppen erfüllt charakteristische Funktionen. Zur Erfüllung dieser Funktionen sind bestimmte sprachliche Mittel erforderlich. Unter dem Aspekt der Kultur der Gemeinsprache ist die Frage des Einflusses des Russischen auf die lettische Sprache der Büroarbeit besonders wichtig, da das Lettische derzeit am engsten gerade mit dem Russischen in Kontakt steht. Als Folge des Sprachkontakts kann sich die Struktur einer Sprache oder können sich Strukturelemente unter dem Einfluss einer anderen (Kontaktsprache) verändern; mit anderen Worten: Es kann zu Interferenz kommen. Dieses Phänomen ist nicht einheitlich zu bewerten – Interferenz kann positiv oder negativ sein. Ihr Ausmaß hängt mit den Sprachstilen und den kommunikativen Funktionen der Sprache zusammen. „Unser Verständnis von Stil besteht im Bewusstsein eines festgelegten Normensystems, von dem man – wie von allen (Sprach-)Normen – abweichen kann, wenn man es kennt“2. Jedes in der lettischen Sprache beobachtbare Interferenzphänomen muss bewertet werden. „In der Umgangssprache und in der Sprache weniger gebildeter Menschen gibt es mehr zufällige Interferenzen, die gewöhnlich außerhalb der Literatursprache bleiben. Ein Teil der Interferenzen spiegelt jedoch bewusste und zweckmäßige Wortverwendungsweisen und grammatische Voraussetzungen wider. Da einige nützliche Interferenzfälle zur Norm werden, ist es sehr wichtig, nicht nur alle Einflüsse festzustellen und zu beschreiben, sondern auch ihre funktionale Zweckmäßigkeit zu bewerten und sie im Hinblick auf die Norm anzupassen 1 Latvijos PSR Valodu likums. Rīga, 1989, 6. lpp. 2 Шмелев Д. Н. Русский язык в его функциональных разновидностях. М., 1977. С. 46. 73 – in positiver Hinsicht, das heißt, sie als Norm anzuerkennen3. Grundlage der normativen Bewertung sollten funktionales Bewusstsein sowie strukturelle und semantische Übereinstimmung mit den Modellen des Lettischen sein. Die Übereinstimmung von Neubildungen mit dem System des Lettischen sollte berücksichtigt werden. „Die Sprache der Dokumente muss den Traditionen des offiziellen Sachstils der Literatursprache entsprechen, vor allem jenen, die dazu beitragen, Gedanken so genau, folgerichtig, treffend und knapp wie möglich auszudrücken“4. Bei der Bewertung des Einflusses einer Kontaktsprache muss auch berücksichtigt werden, dass „die besten Ergebnisse erzielt werden können, wenn bei der Bewertung von Sprachkontaktfakten und der Ausarbeitung von Empfehlungen für die Sprachpraxis jede konkrete Frage nicht individuell und isoliert, sondern komplex und systematisch gelöst wird … oder wenn die Lösung auf breit angelegten theoretischen Untersuchungen beruht …“5 Negative Interferenz tritt nicht nur in der Sprache von Laien, sondern auch in der von Fachleuten auf. In diesem Bereich begünstigt die Hauptfunktion der gesprochenen Form der Fachsprache – der Informationsaustausch – das Auftreten von Interferenz. Daher wird bei der Auswahl sprachlicher Ausdrucksmittel in diesem Fall weniger Aufmerksamkeit aufgewendet. In der schriftlichen Form der Fachsprache ist die Selbstkontrolle wesentlich stärker, doch auch hier lassen sich Verstöße gegen die Normen der lettischen Literatursprache nicht vermeiden. Alle genannten Sachverhalte entstehen durch eine nachlässige Haltung gegenüber der eigenen gesprochenen und geschriebenen Sprache und durch mangelnde Kenntnis standardisierter Terminologie in den Bereichen, in denen die Büroarbeit eingesetzt wird, beispielsweise in Wirtschaft, Statistik, Finanzwesen, Rechtswissenschaft und Ähnlichem. In Schriftstücken der Büroarbeit – einer der schriftlichen Formen der Fachsprache – ist die Verwendung standardisierter sprachlicher Mittel zulässig. Hier werden Ausdrucksmittel verwendet, die den Normen der lettischen Literatursprache nicht widersprechen: „Die Sprache der Dokumente muss den Normen der Gemeinsprache streng entsprechen, das heißt jenen Normen der gegenwärtigen Literatursprache, die nicht unmittelbar mit den Besonderheiten des einen oder anderen Sprachstils oder mit besonderen Kommunikationsumständen zusammenhängen“6. Standardisierte syntaktische Konstruktionen und lexikalische oder phraseologische Muster, die in der offiziellen Kommunikation verwendet werden, sind durch die sprachinterne Selektion sowie durch die strukturellen synonymischen Möglichkeiten der Sprache entstanden, welche diese Sprachfunktion gewährleisten. Die Sprache der Schriftstücke der Büroarbeit ist durch Genauigkeit, Lakonismus und Konkretheit gekennzeichnet. In ihnen werden klare und durchdachte Formulierungen verwendet. Lexikalische und syntaktische Besonderheiten hängen außerdem von der Art des fachsprachlichen Dokuments und von dessen Abfassungszeit ab. Eine allgemeine Anforderung, der Schriftstücke der Büroarbeit entsprechen sollten, ist die Ökonomie der sprachlichen Mittel prin- 3 Blinkena A. Interference un norma // Latviešu valodas kultūras jautājumi. Rīga, 1978. 29. lpp. 4 Рахманин Л. В. Стилистика деловой речи и редактирование служебных документов. М., 1973. С. 19. 5 Скуйня В. Роль языковых контактов в развитии латышского литературного языка и научной терминологии // Контакты русского языка с языками народов Прибалтики. Рига, 1984. С. 16. 6 Рахманин Л. В. Стилистика деловой речи и редактирование служебных документов. С. 18. 74 — in diesen Dokumenten werden die für den jeweiligen Fall am besten geeigneten Wörter verwendet; leere Worthülsen sind zu vermeiden. Neben den allgemeinen Anforderungen weist jede Dokumentengruppe auch spezifische Besonderheiten auf. Da die russische Sprache im betreffenden Zeitraum in allen Bereichen menschlicher Tätigkeit großen Einfluss hatte, ist es sinnvoll, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Begriffen und Konstruktionen der lettischen und der russischen Sprache in Schriftstücken der Büroverwaltung zu untersuchen. Ziel einer solchen Analyse ist es, die Verwendung für das Lettische untypischer Konstruktionen in der Sprachpraxis zu vermeiden. Der negative Einfluss des Russischen auf das Lettische ist besonders beim Gebrauch von Präpositionen zu beobachten. Verstöße gegen die Normen des Lettischen treten in diesem Fall in verschiedener Form auf. Zu nennen sind sowohl die wörtliche Übersetzung russischer Präpositionen als auch die Verwendung von Präpositionen in Konstruktionen, die im Lettischen ohne Präposition gebraucht werden: „... im Lettischen haben sich traditionell andere Konstruktionen etabliert — entweder ohne Präposition (das Verhältnis wird durch die Semantik der Wortform eines selbstständigen Bedeutungsträgers ausgedrückt) oder mit einer anderen Präposition (mit anderen Worten: Dieses Verhältnis ist im System des Lettischen mit einem anderen Mikrosystem von Präpositionsbedeutungen verbunden)“7. In Verwaltungsdokumenten entsprechen russischen Konstruktionen mit Präpositionen häufig lettische Konstruktionen ohne Präpositionen: заказ на товары — preču pasūtījums, отчет о выполнении плана — plāna izpildes pārskats, надбавка за стаж — stāža piemaksa, предложения к плану — plāna priekšlikumi, перевести на второй курс — pārcelt otrajā kursā, назначить на должность — iecelt amatā, переводить на русский язык — tulkot krievu valodā. Anders als im Russischen werden Präpositionen in folgenden Konstruktionen verwendet: продавать по талонам — pārdot pret taloniem, продавать по визитным карточкам — pārdot uz vizītkartēm, печатать на машинке — rakstīt ar rakstāmmašīnu, выдать под расписку — izsniegt pret parakstu, обработать данные на ЭВМ — apstrādāt datus ar ESM. Interferenz lässt sich auch in Wortverbindungen beobachten, wenn eine der Komponenten der Verbindung, zum Beispiel das Verb oder seine Form, falsch gewählt wurde: включить в список („įslegt sarakstā“) — iekļaut/ietvert sarakstā, идет речь („iet runa“) — ir runa, допустить ошибку („pielaist kļūdu“) — pieļaut kļūdu, kļūdīties; привести пример („pievest piemēru“) — minēt piemēru; входящая корреспонденция („ienākošā korespondence“) — saņemtā korespondence, исходящая корреспонденция („izejošā korespondence“) — nosūtītā korespondence und Ähnliches. Russischen Wortverbindungen mit Bindestrich entsprechen im Lettischen meist Konstruktionen ohne Bindestrich; häufig handelt es sich um ein zusammengesetztes Wort mit umgekehrter Komponentenfolge, zum Beispiel формуляр-образец — paraugformulars, счет-фактура — faktūrrēķins, рынок к заказу-наряду — norīkojumpasūtījuma birka. Die Komponentenfolge kann in beiden Sprachen auch gleich sein, zum Beispiel инженерно-технический персонал — inženiertehniskais personāls, журнал-ордер — žurnālorderis; человеко-день — cilvēkdiena. In der Sprache der lettischen Verwaltungsdokumente ist — wie auch in der Literatursprache allgemein — die Verwendung für das Russische charakteristischer zusammengesetzter Kurzwörter unerwünscht, 7 Нитинь Д. К вопросу о влиянии русского языка на латышские предложные конструкции // Контакты латышского языка. Рига, 1977. С. 131. 75 zum Beispiel профком, завком, Госснаб, Латбытхим und Ähnliches. „... lässt sich diese Tendenz nur schwer mit dem Prinzip der sprachlichen Ökonomie begründen, denn das Sprachzeichen muss dem Verständnis angemessen sein; erschwertes Verständnis beim Adressaten hebt jedoch diese ‚Ökonomie‘ des Absenders auf⁸. In der Sprachpraxis begegnen wir solchen Formen häufig, besonders in Bezeichnungen von Institutionen. An ihrer Stelle sollten Konstruktionen verwendet werden, die den Normen des Lettischen entsprechen. So empfiehlt es sich beispielsweise, statt der russischen Bezeichnung „Госснаб“ die kurze lettische Bezeichnung „Valstsapgāds“ zu verwenden, statt „Латбытхим“ — „Sadzīves ķīmija“. Als Beispiel können die Bezeichnungen von Projektierungsinstituten dienen, die gegenwärtig im Lettischen ein geschlossenes, stimmiges System bilden: Латземпроект — „Rūpnīcprojekts“, Латтепрогортстрой — „Pilsētprojekts“, Латгеопроводхоз — „Meliorprojekts“, Латкоммунпроект — „Komunālprojekts“ und andere. In Verwaltungsdokumenten werden auch häufig Abkürzungen verwendet, zum Beispiel: ОКУД — Общесоюзный классификатор управленческой документации; ЕГСД — Единая государственная система делопроизводства; ЕСКД — Единая система конструкторской документации; ТУ — технические условия und Ähnliches. Es empfiehlt sich nicht, solche Abkürzungen buchstabengetreu ins Lettische zu übertragen (und erst recht nicht, sie in kyrillischer Schrift zu schreiben). Die Bezeichnung oder der Begriff wird ausgeschrieben und übersetzt; anschließend werden entsprechende lettische Abkürzungen gebildet: VPDK — Vissavienības pārvaldes dokumentu klasifikators; VVLS — Vienotā valsts lietvedības sistēma; VKDS — Vienotā konstruktoru dokumentācijas sistēma; TN — tehniskie noteikumi. Um das komplexe Problem der Sprachsituation in der Republik erfolgreich zu lösen — die Verunreinigung des Lettischen durch untypische Lexeme, Konstruktionen und Ähnliches zu vermeiden —, müssen Informationen über die standardisierte Terminologie breiter verbreitet und in der Gesellschaft bekannter gemacht werden. Das Eindringen fremdsprachiger Elemente ins Lettische, wenn diese lettische Wörter und Konstruktionen verdrängen, erschöpft die Sprache, statt sie zu bereichern. Leider besteht bei solchen Interferenzerscheinungen die Tendenz, von der gesprochenen Sprache in die Schriftsprache überzugehen. Da gegenwärtig in der Verwaltungspraxis zur Verwendung des Lettischen übergegangen wird, muss diesen Fragen große Aufmerksamkeit gewidmet werden. LETTISCHE SÄCHLICHE REDE IM ASPEKT DER SPRACHKULTUR Zusammenfassung Für die sprachliche Situation in Lettland ist gleichzeitiges Funktionieren des Lettischen und des Russischen charakteristisch, die in allen Tätigkeitssphären eng zusammenwirken. Keine Ausnahme bildet auch die Schriftführung, worin das Lettische durch das Russische völlig verdrängt wurde. Das zunehmende Interesse für lettische sachliche Rede wurde durch Verleihung des Status der Staatssprache dem Lettischen sowie durch Fassung des Sprachgesetzes aktiviert. Die sachliche Rede übt eine besonders wichtige soziale Funktion aus — sie ermöglicht Beziehungen zwischen der Verwaltung und der Bevölkerung sowie gewährleistet die Zusammenarbeit von Betrieben, Behörden und Organisationen. Aus verschiedenen Gruppen von Dokumenten 8 Blinkena A. Latviešu valoda un valodniecība: ceļi un problēmas. ZAV. 1989. Nr. 9. 10. lpp. 76 (diplomatische, juristische, administrativ-kanzleimäßige Dokumente) wird der letzteren besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Jeder Art sachlicher Dokumente sind bestimmte sprachliche Ausdrucksmittel eigen, die der ihnen zugewiesenen Funktion genügen. Im Aspekt der allgemeinen Redekultur stellt der Einfluß des Russischen, mit dem das Lettische gegenwärtig engste Kontakte hat, ernste Gefahr dar. Alle Interferenzerscheinungen, die im Lettischen auftreten, bedürfen einer Bewertung. Als motiviert kann man lediglich funktional zweckmäßige Abweichungen von den vorhandenen Normen anerkennen. Es ist notwendig, auch die Entsprechung der Neubildungen dem System des Lettischen in Betracht zu ziehen. „Die Sprache in Dokumenten soll den Traditionen des offiziell-sachlichen Stils der Literatursprache gerecht werden und vor allem denjenigen, die dazu verhelfen, den Gedanken möglichst klar, folgerichtig und so kurz wie möglich auszudrücken“. Positive Ergebnisse werden dann erzielt, wenn bei der Bewertung von dekontaktiven Fakta und bei der Erarbeitung von Empfehlungen für die Sprachpraxis jede konkrete Frage nicht individuell, sondern komplex gelöst wird. In der sachlichen Dokumentation — einer Form der schriftlichen sachlichen Rede — ist der Gebrauch von standardisierten sprachlichen Mitteln zulässig; es sind nur solche Ausdrucksmittel, die den Normen der lettischen Literatursprache nicht widersprechen. Charakteristische Merkmale der sachlichen Rede sind Genauigkeit, Lakonismus und konkrete Beschaffenheit. Bei sachlichen Dokumenten sind Präzision und gründlich überlegte Formulierungen notwendig. Lexikalische und syntaktische Besonderheiten hängen vielmehr vom Genre des sachlichen Dokuments und von der Zeit seiner Ausstellung ab. Eine gemeinsame Anforderung für alle Arten sachlicher Dokumente ist das Prinzip der sprachlichen Ökonomie. Außer den gemeinsamen Anforderungen an die sachliche Rede sind jeder einzelnen Art der Dokumente charakteristische Besonderheiten eigen. Um den Gebrauch dem Lettischen nicht charakteristischer Konstruktionen in der sachlichen Dokumentation zu vermeiden, sollte man sich mit Ähnlichkeiten und Unterschieden bei Konstruktionen im Lettischen und Russischen bekannt machen. 578