scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Kiprijono Nezabitausko žodyno autorius

Giedrius Subačius

Full text

LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI XXXVI (1996) LIETUVIŲ KALBA: TYRĖJAI IR TYRIMAI Übersichten. Rezensionen. Anmerkungen Opinions. Reviews. Observations Überblicke. Rezensionen. Anmerkungen Giedrius SUBAČIUS DER AUTOR DES WÖRTERBUCHS VON KIPRIJONAS NEZABITAUSKAS Seit dem 19. Jahrhundert hält sich die Tradition, Kajetonas Nezabitauskas als Verfasser des handschriftlichen Wörterbuchs zu betrachten, das während des Zweiten Weltkriegs in Warschau verbrannte: ”Žodinikas // Letuwiszkaj—Žemaitiszkas // yr // Lenkiszkaj yszrozitas [...] tom I-szy // od Lit. A do I wlasznie — // przez // Kajetana Niezabitowskiego // Żmuidina” (Titel nach Vincas Maciūnas, Mūsų senovė, 1940, Bd. 3, Nr. 1(10), S. 142). 1963 und 1967 veröffentlichte A. Kaupuž in Literatūra, Bd. 6 und Bd. 10, zahlreiche Briefe von Ivan Loboiko, dem Kanzler Graf Nikolaj Rumiancevas und Kiprijonas Nezabitauskas, aus denen zweifelsfrei hervorgeht, dass „der wahre Verfasser des Wörterbuchs Kiprijonas Nezabitauskis war“, Kajetonas’ älterer Bruder*. Doch auch heute wird häufig noch bezweifelt, dass nicht Kajetonas dieses Wörterbuch verfasst habe (vgl. Zinkevičius Z. Lietuvių kalbos istorija. V., 1990. Bd. 4. S. 128; Žukas V. Nezabitauskis—Zabitis Kajetonas Rokas. — Tarybų Lietuvos enciklopedija. V., 1987. Bd. 3. S. 212 u. a.). Ohne die überzeugenden Argumente A. Kaupužs für Kiprijonas’ Autorschaft zu wiederholen, müssen die Gründe abgewogen werden, weshalb Kajetonas weiterhin als Verfasser gilt. 1. Auf dem Titelblatt wird Kajetonas als Verfasser genannt. Gleich vorweg sei gesagt, dass das Titelblatt erheblich später beschriftet worden sein muss als der Wörterbuchtext selbst (die Diphthonge aj, ej, uj sind im Titel mit j geschrieben, doch begann man erst im vierten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts, sie verbreitet so zu schreiben; im Text selbst sind sie offenbar mit y — Atkakbintgirey wiedergegeben, wie es 1823 geschrieben worden sein könnte). Als sein Bruder Kiprijonas nach dem Aufstand von 1831 nach Paris emigriert und in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden war, konnte Kajetonas seinen eigenen Familiennamen ohne Furcht auf das Titelblatt des Wörterbuchs seines Bruders schreiben. 2. Andere Quellen aus dem 19. Jahrhundert erwähnen ein von Kajetonas verfasstes litauisches Wörterbuch (Kurjer Polski, 1830, Nr. 64; Dykcyonarz Biograficzny powszechny. Warszawa, 1851). Doch bezogen diese Publikationen ihre Informationen vermutlich von Kajetonas selbst, der damals im Warschauer Zensurkomitee arbeitete. Auch Kajetonas selbst erklärte in einem Brief- * Siehe: K a u p u ž A. Einige zusätzliche Nachrichten über Kulturschaffende Litauens zu Beginn des 19. Jahrhunderts in den Briefen des Professors der Universität Vilnius I. N. Loboiko. Literatūra 6, 1963, S. 207—222; K a u p u ž a A. Kulturschaffende Litauens zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach dem Briefwechsel von Prof. I. N. Loboiko mit N. P. Rumiancevas, dem Gründer des Museums. — Literatūra 10, 1967, S. 165—199. (Anm. d. Red.) 212 gegenüber dem Krakauer Professor Wiszniewski und Simonas Daukantas sagte er, er habe ein žemaitisch-litauisches Wörterbuch verfasst. Doch in diesen Briefen findet sich Unwahres. Gegenüber Wiszniewski rühmte sich Kajetonas, selbst ein Büchlein über Bienen verfasst zu haben (1823), allerdings unter dem Namen seines Bruders Kiprijonas (obwohl die Sprachanalyse Kiprijonas und nicht Kajetonas als Verfasser bestätigt), dass Kanzler N. Rumiancevas ihm für diese Übersetzung gedankt habe (in Wirklichkeit dankte er Kiprijonas), dass er das Büchlein Rozmyślania wieśniaka rolnika veröffentlicht habe (aber dessen Verfasser Dionizas Poška verschwieg), dass das Dziennik Wileński seinen Bericht über eine Reise durch Žemaitija veröffentlicht habe (obwohl darin nur Poškas Baublys beschrieben wurde) — auf die beiden letztgenannten Fälle hatte bereits V. Maciūnas hingewiesen. In seinem Brief an S. Daukantas erwähnte Kajetonas unter seinen Verdiensten weder die Übersetzung des Büchleins über Bienen noch Rozmyślania wieśniaka rolnika — er dürfte geahnt haben, dass Daukantas deren tatsächliche Verfasser kennen könnte. Außerdem behauptet Kajetonas in beiden Briefen, sein Wörterbuch vollendet zu haben, obwohl das verbrannte Manuskript nur bis zum Anfang des Buchstabens K reichte (V. Maciūnas). Wie aus den Briefen I. Loboikos hervorgeht, hatte Kiprijonas das Wörterbuch ebenfalls nur bis zum Buchstaben K verfasst. Daher lässt sich kaum bestreiten, dass Kajetonas gern prahlte und sich Werke anderer zuschrieb. Außerdem ist bedeutsam, dass Kajetonas ein Gleichgesinnter D. Poškas und zugleich Kiprijonas’ Konkurrent war. Poška schrieb: „Ich habe keine bessere Orthografie gesehen als [...] die in Kajetonas Nezabitauskas’ Fibel“. Andererseits begann Poška, während Kiprijonas noch an seinem Wörterbuch arbeitete (März 1825), ebenfalls ein konkurrierendes Wörterbuch zu verfassen, das heißt, mit Kiprijonas um die Entwicklung und Verbreitung einer Schriftsprache Žemaitisch-Litauisch zu konkurrieren. Wäre Kajetonas der Verfasser gewesen, hätte sein Freund Poška dessen Arbeit wohl kaum missbilligt und sich entschlossen, mit ihm zu wetteifern, statt ihm zu helfen. Somit sprechen trotz des Verlusts der Handschriften zahlreiche Argumente dafür, dass Kajetonas, der gern prahlte und sich selbst lobte, sich auch das unvollendete litauische Wörterbuch seines Bruders Kiprijonas aneignen wollte. Daher ist als Verfasser dieses Wörterbuchs, wie A. Kaupuž bereits festgestellt hat, Kiprijonas Nezabitauskas anzusehen. BUCH ÜBER DIE BALTISCHEN SPRACHEN In Deutschland, das auf eine lange Tradition der Erforschung der baltischen Sprachen zurückblickt, sind in den vergangenen Jahren neue, für die Baltistik bedeutende Arbeiten erschienen. Eine davon ist das 1994 veröffentlichte, von drei Linguisten auf Deutsch verfasste Buch „Die baltischen Sprachen. Eine Einführung“.1 Das schön gedruckte Buch umfasst 416 Seiten und gliedert sich in vier Hauptkapitel. Der Verfasser des recht umfangreichen (S. 15–70) Einleitungskapitels ist der Linguist Rainer Eckert, der sich große Verdienste um die baltische Sprachwissenschaft und ihre Popularisierung erworben hat. Sehr knapp, man könnte sagen enzyklopädisch, vermittelt er die wichtigsten Informationen über alle baltischen Sprachen und Völker, ihre Namen und ihre Geschichte; er behandelt die ausgestorbenen Prußen, Sudauer, Jatwinger, Kuren, Semgallen und Selonen, die von anderen Völkern assimiliert wurden. Selbstverständlich ist hier den beiden heute lebenden baltischen Völkern – den Litauern und den Letten – der meiste Raum gewidmet. Ihre Geschichte wird anhand der entscheidendsten Ereignisse skizziert, die diese Völker begleitet haben, von 1 E c k e r t R., B u k e v i č i ū t ė E.-J., H i n z e F. Die baltischen Sprachen. Eine Einführung. Langenscheidt. Verlag Enzyklopädie. Leipzig, Berlin, München, 1994. 213