Lietuvių tarmes pats tyręs ir kitus skatinęs
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DER DIE LITAUISCHEN MUNDARTEN SELBST ERFORSCHTE UND ANDERE DAZU ANSPORNTE
(Zum 130. Geburtstag von J. Rozwadowski)
Ende 1997 (am 7. Dezember) jährt sich zum 130. Mal der Geburtstag eines der bedeutendsten polnischen Linguisten und Litauisten, Jan Rozwadowski. Sein wissenschaftliches Betätigungsfeld war recht breit: Als hervorragender Kenner der klassischen Sprachen und bedeutender Indoeuropäist, Slawist und Litauist verfasste er seine Arbeiten auf Polnisch, Latein, Französisch und Deutsch. Mit litauistischen Fragen beschäftigte er sich während nahezu seiner gesamten wissenschaftlichen Laufbahn. Kürzlich erschien eines seiner umfangreichsten litauistischen Werke, „Die litauische Mundart der Umgebung von Zietela im Gebiet von Naugardukas (Naugardija)“1.
J. Rozwadowski wurde 1867 in Czarna (zwischen Tarnów und Dębica) in einer Ingenieursfamilie geboren. Von 1885 bis 1889 studierte er klassische Philologie an der Universität Krakau. Von 1891 bis 1894 setzte er seine Ausbildung in Leipzig fort, wo er Vorlesungen von A. Leskien, E. Sievers und E. Windisch hörte und die Seminare von K. Brugmann besuchte. Nach seiner Rückkehr im Jahr 1895 unterrichtete er an demselben Krakauer Gymnasium, das er selbst absolviert hatte. Nach seiner Habilitation im Jahr 1897 wurde er zum Dozenten an der Universität Krakau ernannt und war ab 1900 Professor.
J. Rozwadowski arbeitete bis zu seinem Lebensende in Krakau. Zweimal (1912–1913 und 1915–1916) wurde er zum Rektor der Universität Krakau gewählt. Seit 1903 war er Mitglied der Polnischen Akademie der Wissenschaften, ab 1920 deren Vizepräsident und von 1925 bis 1929 ihr Präsident. Außerdem war er Ehrenmitglied der nationalen Akademien zahlreicher europäischer Länder und verschiedener Vereinigungen, darunter auch der Litauischen Wissenschaftlichen Gesellschaft. Er starb am 13. März 1935.
J. Rozwadowski interessierte sich bereits während seines Studiums für die litauische Sprache. Er lernte sie auch ausgezeichnet. Im Archiv der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Krakau sind zahlreiche in kleiner und klarer Handschrift (ähnlich der von K. Būga) verfasste Exzerpte und Zusammenfassungen aus verschiedenen, überwiegend alten litauischen Schriftdenkmälern erhalten geblieben. Schon dies zeigt, dass J. Rozwadowski die litauische Sprache ernsthaft studierte. Als er 1895 in einer Bibliothek eine Ausgabe von 1737 der anonymen Grammatik „Universitas linguarum Litvaniae“ („Gesamtheit der litauischen Sprachen“) entdeckte und ihre Bedeutung für die litauische Akzentologie erkannte, gab er sie 1896 in Krakau neu heraus. Im selben Jahr veröffentlichte er eine ausführliche Studie auf Deutsch und Polnisch über das in dieser Grammatik verwendete Akzentuierungssystem und verglich es eingehend mit dem Akzentuierungssystem von F. Kuršaitis.
Im Bewusstsein der großen Bedeutung der litauischen Mundarten für die Sprachwissenschaft gehörte J. Rozwadowski zu den wichtigsten Initiatoren der Erforschung des rasch schwindenden südöstlichen Randgebiets der litauischen Sprache. Zunächst wollte er herausfinden, wo Litauisch noch gesprochen wurde. Zu diesem Zweck stützte er sich auf die von A. Plater 1890 erhobenen Daten über
1 Jan Rozwadowski. Die litauische Mundart der Gegend von Zdziecioła in der Region Nowogródek. Ein posthum erschienenes Werk. / Bearbeitet von Adam Gregorski. Fachliche Beratung: Jan Safarewicz, Krakau: 1995, 181. Polnische Akademie der Wissenschaften – Zweigstelle Krakau. Arbeiten der Kommission für Sprachwissenschaft, Nr. 59.
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Zur Verbreitung des Litauischen im Gouvernement Wilna erstellte er eine Karte, die er 1904 veröffentlichte: „Karte der litauischen Sprache im Gouvernement Wilna“ („Mapa języka litewskiego w gubernii Wileńskiej“). Vermutlich veröffentlichte J. Rozwadowski bereits 1898 unter dem Pseudonym Anonimo, nachdem er die von A. Plater gesammelten Daten bearbeitet hatte, die Arbeit „Das Verbreitungsgebiet der litauischen Sprache im Gouvernement Wilna“ („Obszar języka litewskiego w gubernii Wileńskiej“). Wegen der damals zugespitzten Beziehungen zwischen Litauern und Polen (genauer: zwischen nicht polonisierten und polonisierten Litauern) wagte er es nicht, sie unter seinem Namen zu veröffentlichen, da er nicht in die Politik hineingezogen werden wollte. Kurz darauf (1914) erstellte er eine Karte zur gesamten Verbreitung des Litauischen in Groß- und Kleinlitauen: „Karte der litauischen Sprache“ („Mapa języka litewskiego“).
Als Professor an der Universität Krakau reiste J. Rozwadowski in die Gegend von Zietela, wo er 1901 und 1903 eine beträchtliche Anzahl von Texten im örtlichen Dialekt aufzeichnete. Er untersuchte auch andere litauische Dialekte. Im Krakauer Archiv ist unter seinen Handschriften ein Bündel Texte (Märchen und Erzählungen) erhalten geblieben, die im Gebiet Sudargo im Rajon Šakiai aufgezeichnet wurden (ohne Datumsangabe). Diese nicht von Rozwadowski selbst abgeschriebenen Texte wurden vervielfältigt und als Lehrmaterial verwendet. An der Universität Krakau unterrichtete J. Rozwadowski lange Zeit Litauisch.
J. Rozwadowskis wissenschaftliche Interessen waren sehr breit gefächert. Gesondert untersuchte er Fragen der griechischen, lateinischen, slawischen, keltischen und Roma-Sprachen. In vielen seiner Arbeiten stützte er sich auf Befunde des Litauischen. Zu seinen erwähnenswerten Arbeiten zählen „Wortbildung und Wortbedeutung“ (Heidelberg, 1904), der in der litauischen Zeitschrift „Draugija“ (Nr. 16, 1908) veröffentlichte, K. Jaunius gewidmete Aufsatz über das Wort skutulė, „Historische Phonetik der polnischen Sprache“ (Kraków, 1915 und 1923) sowie ein interessanter Aufsatz über lexikalische Beziehungen zwischen dem Slawischen und dem Iranischen (1915). Im selben Jahr (1915) veröffentlichte er im dritten Band der Polnischen Enzyklopädie eine zusammenfassende Arbeit mit dem Titel „Die baltischen Sprachen“. Nach J. Rozwadowskis Tod erschien auf Betreiben von T. Lehr-Słaviński und J. Safarewicz ein bedeutendes Werk, „Studie über die Namen slawischer Gewässer“ (1948). Auf Initiative von J. Rozwadowski wurde 1908 in Krakau die Zeitschrift polnischer Slawisten „Slawistisches Jahrbuch“ („Rocznik slawistyczny“) gegründet. Gemeinsam mit K. Nitsch gründete er 1913 eine der populärsten Zeitschriften der Polonistik, „Die polnische Sprache“ („Język polski“).
Auch nachdem J. Rozwadowski hohe Ämter erreicht hatte und mit vielfältigen Aufgaben beschäftigt war, verlor er sein Interesse an der litauischen Sprache nicht und kümmerte sich weiterhin besonders um die litauischen Dialekte am südöstlichen Randgebiet Polens, das damals besetzt war, und um deren Schicksal. Er versuchte, eine umfassende Erforschung dieser Dialekte zu organisieren. Zu diesem Zweck ließ er die neuesten Informationen über den Gebrauch des Litauischen im sogenannten damaligen Wilnaer Gebiet zusammentragen. Von 1928 bis 1933 erstellte O. Chomiński die „Karte des Verbreitungsgebiets der litauischen Sprache in der Republik Polen“ („Mapa obszaru językowego litewskiego w Rzeczypospolitej Polskiej“), von der nur wenige Exemplare erhalten sind. Die wichtigsten Quellen für diese Karte und Bruchstücke der unvollendeten Kommentare befinden sich im Archiv J. Rozwadowskis (sie sollten veröffentlicht werden).
Auf Initiative J. Rozwadowskis wurden 1926 die bedeutendsten polnischen Sprachwissen-
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schaftler (J. Baudouin de Courtenay, V. Porzeziński, K. Nitsch, J. Otrębski) zusammengerufen, und man beschloss, verschiedene litauische Dialekte im damaligen Polen zu beschreiben. Rozwadowski selbst beabsichtigte offenbar, eine Beschreibung des Zietelaer Dialekts samt Texten für den Druck vorzubereiten. V. Porzeziński begann, den Dialekt von Lazūnai zu untersuchen, J. Otrębski den von Tverečius. Von ihnen gelang es jedoch nur J. Otrębski, noch zu Lebzeiten eine Beschreibung des „Ostlitauischen Dialekts von Tverečius“ („Wschodniolitewskie narzecze twereckie“, 1934) zu veröffentlichen.
J. Rozwadowskis Arbeit „Der litauische Dialekt in der Gegend von Zietela im Gebiet von Naugardukas“ wurde mehr als 60 Jahre nach dem Tod des Verfassers veröffentlicht. Das Schicksal der Handschriften V. Porzezińskis ist bislang unbekannt.
J. Rozwadowski war der zweite Sprachwissenschaftler, der sich für den Dialekt von Zietela interessierte. Vor 1901 hatte sich dort nur E. Volteris aufgehalten (1886 und 1888). Der dritte, K. Būga, untersuchte den Dialekt von Zietela im Sommer 1906.
Zur Untersuchung des Dialekts von Zietela wurde J. Rozwadowski wahrscheinlich von dem bekannten polnischen Ethnografen und Heimatforscher Michał Fedorowski (1853–1923) angeregt. Dieser zeichnete, während er als Agronom tätig war und Güter in der Umgebung von Ašmena, Gardinas, Lyda, Naugardukas, Slanimas, Sluckas, Valkaviskas und anderen Orten verwaltete, mündlich überlieferte Texte der belarussischen Folklore, Bräuche und Zaubersprüche in Dialektform auf, erforschte Flora und Fauna, sammelte alte Bücher, verschiedene Dokumente, Handschriften und Kunstwerke, führte Hügelgräberausgrabungen durch und vieles mehr. Er stand mit zahlreichen polnischen Wissenschaftlern und Künstlern in Verbindung. Sein Nachlass umfasst das eindrucksvolle achtbändige Werk „Lud białoruski“ („Das belarussische Volk“). Fedorowski wurde vor allem von Persönlichkeiten der polnischen Kultur wie O. Kolberg, Z. Gloger und J. Karłowicz beeinflusst. Sein Gut Podole (nahe Zietela), wo diese Schätze zusammengetragen worden waren, wurde von vielen bedeutenden Persönlichkeiten der polnischen Kultur besucht. Genau zu jener Zeit diente auf Podole die hervorragende Erzählerin Regina Dargevičiūtė aus Zasečiai (1876–1958). Fedorowski selbst versuchte, von ihr Litauisch zu lernen. Ob nicht gerade diese Litauerin M. Fedorowski dazu bewog, den berühmten Kenner der litauischen Sprache J. Rozwadowski zu einem Besuch nach Podole einzuladen, der später (1904) schrieb: „Meinen Aufenthalt auf Podole (1901) widmete ich der Erforschung des aussterbenden litauischen Dialekts in der Gegend von Zietela (Diatlovo).“
Der Verfasser dieses Artikels begegnete Regina Dargevičiūtė, die in Zietela ein kleines Kind pflegte, zufällig an einem Herbstabend des Jahres 1957. Regina war zierlich, trotz ihres fortgeschrittenen Alters recht aufrecht, von eher großer Statur und lebhaft wie eine junge Frau. Sie sprach temperamentvoll, etwas überschwänglich und schnell, wobei ihr oft die Worte fehlten (sie hatte schon lange nicht mehr Litauisch gesprochen). In kurzer Zeit schien sie ihr ganzes Leben erzählen zu wollen. Offenbar waren die acht Dienstjahre „bei Herrn Federauskas“ die glücklichsten ihres Lebens; dieser hatte Regina zwei Jahre lang ermöglicht, die Feinheiten der Kochkunst, der Haushaltsführung und der guten Umgangsformen zu erlernen. Nicht umsonst erzählte Regina stolz, sie habe ihrem Dienstherrn Federauskas und dem „Professor aus Krakau“ Litauisch beigebracht (an den Namen J. Rozwadowskis erinnerte sie sich nicht). Später konnte ich Regina noch ein paarmal befragen. Schade, dass ich damals noch kaum etwas über die von ihr erwähnten Menschen wusste. Als ich es dann erfuhr, lebte Regina bereits nicht mehr.
Bis die Texte des Zietelaer Dialekts von J. Rozwadowski veröffentlicht wurden, vergingen meh-
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… nicht das ganze Jahrhundert. Früher verhinderte wahrscheinlich die recht komplizierte, unkonventionelle Transkription der Texte deren Veröffentlichung. Diese Hürde konnten offenbar weder der Autor selbst noch andere Herausgeber überwinden, solange es keine Computertechnik gab. Der Autor selbst wagte es nicht, die Transkription zu vereinfachen, und bei den anderen war das Ansehen J. Rozwadowskis zu groß, als dass sie dies getan hätten. Nach seinem Tod hatte der polnische Linguist K. Nitsch das Archiv J. Rozwadowskis übernommen. 1945 übergab er die Texte dem nach Polen übergesiedelten Linguisten und Baltisten Jan Safarewicz (1904–1992), einem Mitarbeiter der ehemaligen Universität Vilnius Stefan Batory, der den ehemaligen Schüler J. Rozwadowskis, den Spezialisten für klassische Sprachen Adam Gregorski (1906–1993), hinzuzog. Dank des Einsatzes dieses Linguisten waren die Zietela-Texte bereits 1956 druckfertig. Wegen der Transkription, insbesondere der unkonventionellen Akzentbezeichnung, wagte sich jedoch niemand daran, die druckfertige Arbeit zu veröffentlichen. Schließlich begann man, das Werk am Computer zu setzen. Nach A. Gregorskis Tod redigierte und betreute der Krakauer Linguist Prof. Leszek Bednarczuk die zu veröffentlichende Arbeit. Auch ein weiterer polnischer Baltist, der hervorragende Litauischspezialist Prof. Wojciech Smoczyński, leistete durch seine Beratung einen Beitrag zu dieser Arbeit.
J. Rozwadowskis Buch „Litewska gwara okolic Zdziecioła na Nowogródczyźnie“ umfasst: ein von J. Safarewicz verfasstes Vorwort, eine Einleitung von A. Gregorski, Faksimiles der von J. Rozwadowski aufgezeichneten Texte der Zietela-Mundart (79 S.) und deren Transkription (das Manuskript wurde von A. Gregorski transkribiert), J. Rozwadowskis „Material für die Beschreibung der Mundart von Zasečiai (Dorf)“, A. Gregorskis „Anmerkungen zur Sprache der Mundart“, ein von ihm zusammengestelltes litauisch-polnisches Wörterverzeichnis sowie ein Nachwort von L. Bednarczuk – Post scriptum. Am Ende sind eine kurze Bibliografie zur Erforschung der Zietela-Mundart, ein Abkürzungsverzeichnis und eine Zusammenfassung auf Französisch beigefügt.
Die Texte behandeln unterschiedliche Themen: Lieder, Übersetzungen von Gedichten oder Romanzen, Märchen, Sagen, Anekdoten, Klagegesänge sowie Erzählungen über bestimmte Bräuche oder Erlebnisse. Am Ende findet sich eine kleine Sammlung schöner Sprichwörter und Redensarten. Die meisten Texte wurden wohl (vgl. S. 12–34) von der Bewohnerin von Zasečiai Regina Dargevičiūtė aufgezeichnet. J. Rozwadowskis kennzeichnete sie mit dem Buchstaben R. Andere Texte stammen von Mikalojus Tilvikis aus Pagiriai, von Jonas und Vincentas Dicevičius sowie von Kiprijona Bagdelytė, die in Teteikiai lebte. Genauere Angaben zu den Gewährspersonen fehlen jedoch.
Die von J. Rozwadowski festgehaltenen Texte der Zietela-Mundart sind authentisch geblieben, das heißt, sie sind so, wie der Linguist sie damals hörte und aufzuzeichnen vermochte (später wurden sie weder redigiert noch korrigiert oder vereinheitlicht). Beim Aufzeichnen von Erzählungen oder Liedern konnte er sich nur auf seine eigenen Kenntnisse verlassen. Damals hatte sich noch keine einheitliche litauische Rechtschreibung herausgebildet, ebenso wenig gab es eine einheitliche Transkriptions- und Akzentuierungstradition. Aus heutiger Sicht könnten wir ihm verschiedene Unregelmäßigkeiten bei der Transkription, der Akzentuierung und der Kennzeichnung von Vokalqualität und -quantität und anderes vorwerfen. So schrieb er den Vokal ė auf vier verschiedene Arten, nämlich als e (b’élg ’lauf’, s’ėdo, zm’ėji), ė (jém’ė, nùm’irė, us’s’inorėi), è (m’ėgo, s’ėd’ei, šėnavoti ‘ehren, schützen’) oder (pon’, sùkn’, pràmulk’ ‘verschluckte’). Die Länge betonter Langvokale kennzeichnete er nicht eigens. Ihre Länge wird durch das Intonationszeichen angezeigt. Einen Strich über dem Buchstaben verwendete er nur zur Kennzeichnung der Länge unbetonter Vokale. Nach polnischem Vorbild schrieb er den harten oder verhärteten l konsequent als ł (bróhuks, gulėj, fái-
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dō), das weiche l dagegen auf unterschiedliche Weise. Die Palatalität der Konsonanten kennzeichnete er meist mit einem Minutenzeichen über dem Buchstaben (apšišākė, bōčīs, mañē), seltener rechts oben neben dem Buchstaben (b'en'el'ū, m'erg'ātė, vād'ē). Ohne dass klar wäre, worauf diese Schreibweise beruht, wird der zweite Bestandteil der Konsonantenverbindungen kv, sv, tv und manchmal des fallenden Diphthongs au als f geschrieben, z. B.: k'etvirtōs ~ ketvirtōs, nakfōt ~ nakvōt, sfet'imām ~ svetimām, dangōfs ~ dangaũs. Nach dem Vorbild der slawischen Sprachen schreibt er die Negation ne meist getrennt vom Verb: n'e būs, n'e pasak'ei, n'e turi ~ nēturi, seltener n'ēvedei, n'ērink.
J. Rozwadowski unterschied die Intonationen vergleichsweise gut. Doch sein Bestreben, die verschiedenen Aussprachefärbungen der mehrsprachigen Bewohner von Zietela wiederzugeben, führte zu beträchtlicher Uneinheitlichkeit. Bisweilen scheinen die Intonationen vertauscht zu sein, z. B.: b'eg'in'ēdam'i, būs'i, iškūfė, l'iep'e m'ielitkas, n'ieko, nutēk'ā, pōnas, slūžīt'dienen', tavōrišas ‘Freund’, vīras neben būča, išb'eg'in'ėjau, l'iep'e, m'ielitkas, n'ēks, pōna, slūžina, tavōrišo. Möglicherweise entstand diese Variation durch die Betonung bestimmter Wörter im Satz, das Sprechtempo, das Diktieren des Textes und anderes.
Der Aufzeichner unterschied drei Vokalquantitäten: lange, kurze und halblange Vokale. Nicht gedehnte Kurzvokale werden meist mit einem doppelten Graviszeichen gekennzeichnet, z. B.: ajš’i, ajšū, anà ‘sie’, būs, dūrės, dūris, g'erēst ‘besser’, mōmā, mo-mūt'ė, pašouk'ė, sūrū, v'īsa. Einen einfachen, einzelnen Gravis tragen meist unzureichend gedehnte betonte (phonologisch neutralisierte) a, e, z. B.: ānas ‘er’, àn'is ‘sie’, gràž'ā ~ gràžiā, pō krūm'ālu, lāk'e ~ lēkia, p'irk'āfēn, stālō, užrāk'ē ‘schloss ab’, neben hānas, kōjātēm'i, pasāk'ēt, us'irāk'ē. Gelegentlich ist mit diesem Akzent auch bei sonst stets kurzen i, u eine sporadische Dehnung markiert (b'īt ‘war’, bōč'ūlō, gùli), ja sogar bei Langvokalen (athēlē ~ atlēkė, iā ~ iā, jēm'ē ~ ēme, ji ~ ī, namōp, sūrī ~ sūri). Šlūbō steht neben jā, namōp, sūris usw. Aufgrund der Neutralisierung der Intonationen wird bisweilen auch ein von Natur aus fallender Diphthong oder eine gemischte Doppellautverbindung auf dem ersten Bestandteil betont, z. B.: āj ‘geht, gehen’, inlīndo ~ inlīdo, īmtū ~ īmtu, p'irkō ~ pirkō, ebenso ktāus ~ klāus, m'élzas'i ~ meldžiasi, paklāus'ē ~ paklausė, pam'iršō ~ pamiršo, šūnt'ē ~ šu in tė, v'ērk'ē ~ verkė usw.
Die als zweiter Bestandteil auftretenden Sonoranten kennzeichnete J. Rozwadowski niemals mit einem Zirkumflex. Stattdessen akzentuierte er gewöhnlich den kurzen ersten Bestandteil mit einem doppelten Gravis, z. B.: dabārg'i, dānt'i, d'iržas, m'ērgā, pav'ērktū, rask'īrs, šēn, š'īlt'ī, tēn. Mitunter werden sogar fallende reine Diphthonge unterschiedlich geschrieben: aīs, aīj'im, sakōū, aber auch labāi, vāikō usw. Etwas ungewöhnlich wirken die mit fallender Intonation akzentuierten neu entstandenen Doppellaute ēj, ōj, die durch Kürzung (Wegfall der Endung o) in den Präteritumformen der dritten Person von Verben mit den Suffixen -ējo, -ojo entstanden sind, z. B.: gut'ēi, m'iegōi, n'ēžinōi ‘wusste nicht’, norēi, stōi neben gutēi, nuorēi, stōi. Vielleicht versuchte J. Rozwadowski auf diese Weise, die Aussprache des Halbvokals į oder dessen Vorherrschen zu kennzeichnen.
Ungeachtet der hier erwähnten und vieler weiterer Zeichenkombinationen, die zur Wiedergabe der Merkmale der aussterbenden Zietela-Mundart verwendet wurden, hat J. Rozwadowskis Transkription, die uns ungewöhnlich erscheint, eine reale Grundlage. Sie ermöglicht einen unmittelbaren Einblick in den Zerfall des phonetischen Systems der Zietela-Mundart.
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Wahrscheinlich kommen in den Texten aufgrund der Informanten (wegen ihres Vergessens des Litauischen) nicht übereinstimmende Wortformen vor, zum Beispiel: pas'ūvo sūn'ālū advōbn'in'es (=advobninius ‘Seiden-’) maršk'inukùs (S. 5), v'is'i (alle) p'irk'ātes použrak'in'ėtōs (S. 38), bōba ch'itrast'e (=chy tresnė ‘klüger’) kad (=kap) čertas (S. 74); dakt (=decken) kālin'us, alė žodīs šitas, geras(t) kap kalin'ėj (S. 74); kap b'ėdos nėrā, tai asmōkus (=asmokų ‘Geld’) n'ėrā (S. 76).
Viele Sprecher des Zietela-Dialekts waren zweisprachig oder mehrsprachig. Nicht wenige von ihnen waren in einer gemischten Familie aufgewachsen, andere sprachen selbst als Erwachsene in ihrer eigenen Familie kein Litauisch mehr. K. Būga zufolge sprachen selbst diejenigen, die in rein litauischen Familien aufgewachsen waren, wegen des begrenzten litauischen Wortschatzes besser Weißrussisch als Litauisch. Eine der wichtigsten Informantinnen von J. Rozwadowski, Regina Dargevičiūtė, war früh zur Waise geworden und hatte ihr ganzes Leben lang bei fremden slawischsprachigen Menschen gedient. Die Sprache der Informanten war also nicht fehlerfrei. Die variierende Transkription von J. Rozwadowski ist daher das Ergebnis seines Bemühens, die Aussprache der Sprecher zu erfassen und angemessen wiederzugeben.
Dass der Aufzeichner nicht den einfachsten Weg der Vereinheitlichung wählte, ist der größte Vorzug der Texte. Ein anderes Problem ist, dass der Sprachwissenschaftler nicht überall Akzent, Vokalquantität, Konsonantenpalatalisierung und dergleichen markieren konnte; solche Fälle sind jedoch nicht sehr häufig. Die erhaltenen authentischen Aufzeichnungen der Zietela-Texte von J. Rozwadowski können so manchen Linguisten erstaunen: Er vermochte einen zusammenhängenden Text in einer fremden Sprache spontan in einer so ordentlichen und komplexen Transkription festzuhalten. Vereinzelte Fehler oder Inkonsistenzen sollten dem Ruf J. Rozwadowskis als namhaftem Litauisten keinen Abbruch tun.
Das Manuskript der von J. Rozwadowski aufgezeichneten Texte des Zietela-Dialekts wurde vergleichsweise sorgfältig entziffert. Wie bei jeder anspruchsvollen Arbeit gibt es auch hier Transpositionsfehler und kleine Fehler. Häufig fehlt eine Akzentmarkierung, zum Beispiel: k'āik'e = k'āik'e (S. 1), m'ergā = m'ėrgā (S. 24), žantō = žantō (S. 50); bisweilen ist der Akzent falsch gesetzt: g'ītā = g'ītā (S. 6), namōp = namōp (S. 9), nor'ēs = nor'ēs (S. 58); die Palatalisierung der Konsonanten ist nicht markiert: kūmėt = kūm'ėt (S. 4), mo'mūtā = mo'mūt'ā (S. 6), važ'āugi = važ'āug'i (S. 8); die Vokallänge (Quantität) ist nicht markiert: m'ėrga = m'ėrga (S. 4), sūn'alīs = sūn'alis (S. 7), tok'ė = tōk'ė (S. 8). Es kommen ausgelassene Buchstaben vor, zum Beispiel: jūk'es'i = jū'k'es'i (S. 2), jū = jū° (S. 10), do = dor (<do und, S. 14); Wörter sind vertauscht: Potām kab an'es jėm'ė kūlt'is = Potām kab jėm'ė an'ės kūlt'is (S. 52) und so weiter.
Im Literaturverzeichnis fehlen K. Būgas Arbeiten über den Zietela-Dialekt; ein und dieselbe Arbeit von E. Volter wird, nachdem ihr Titel aufgeteilt wurde, zweimal aufgeführt. Broch hat in seinem Artikel „Zum Litauischen südlich von Wilna“ jedoch lediglich die Sprache der Gemeinden Asava und Žirmūnai im Kreis Lida beschrieben und die Umgebung von Zietela nicht besucht.
Diese und andere Ungenauigkeiten mindern den Wert der Publikation nicht. Die Bedeutung der einst von J. Rozwadowski aufgezeichneten und nun veröffentlichten Texte des Zietela-Dialekts ist enorm. Als diese Texte aufgezeichnet wurden, sprachen in der Umgebung von Zietela noch Menschen verschiedener Generationen Litauisch: Großeltern, Eltern und Kinder. Die Zahl derjenigen, die Litauisch sprechen und verstan-
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den, betrug noch beinahe tausend Personen; die meisten lebten im Dorf Zasečiai, weniger in Pagiriai, Narčiai, Strela, Teteikiai und anderen Orten. Es ist ungewiss, wie viele weitere veröffentlichungswürdige Materialien polnische Linguisten noch im Nachlassarchiv von J. Rozwadowski finden werden; doch die Publikation „Der litauische Dialekt in der Umgebung von Zietela im Gebiet von Naugardukas“ wird eines der wertvollsten litauistischen Werke J. Rozwadowskis bleiben, das die litauische Dialektologie bereichert hat. Allen polnischen Linguisten, die an der Vorbereitung dieser Arbeit für den Druck mitgewirkt haben, gilt unser größter Dank.
Aloyz as Vidugiris
BEDEUTENDE WERKE ZUM HUNDERTSTEN GEBURTSTAG EINES HERAUSRAGENDEN SPRACHWISSENSCHAFTLERS
Die europäische Sprachwissenschaft des 20. Jahrhunderts ist untrennbar mit dem Namen des polnischen Sprachwissenschaftlers Jerzy Kuryłowicz verbunden. Auf der Grundlage struktureller Analysemethoden erschloss dieser Forscher mit seinem außerordentlich weiten Horizont neue Perspektiven in der vergleichenden und allgemeinen Sprachwissenschaft und setzte seine innovativen Gedanken in zahlreichen Monografien und anderen Arbeiten um, deren Themen nicht nur indoeuropäische, sondern auch Sprachen anderer Familien (insbesondere semitische) umfassen. Wie lebendig seine Ideen und Traditionen heute sind, zeigen deutlich zwei umfangreiche Aufsatzsammlungen, die Wojciech Smoczyński zusammengestellt und anlässlich des hundertsten Geburtstags Kuryłowiczs veröffentlicht hat. Eine dieser Sammlungen, die der Baltistik und der Slawistik gewidmet ist, erschien als vierter Band der unseren Sprachwissenschaftlern wohlbekannten internationalen Zeitschrift „Linguistica Baltica“ (Kuryłowicz Memorial Volume Part Two, Kraków, 1995, 333 p.). Die andere, noch umfangreichere Sammlung widmet sich allgemeinen und methodologischen Fragen der Sprachwissenschaft sowie der Entwicklung verschiedener Sprachen (vor allem indoeuropäischer) (Kuryłowicz Memorial Volume Part One. Analecta Indoeuropaea Cracoviensia Vol. II, Kraków,1995, 593 p.). Diese Sammlung möchten wir hier kurz besprechen. Die darin veröffentlichten Arbeiten zeigen, wie Kuryłowiczs Gedanken weitergeführt werden und sich in den heutigen Untersuchungen zur Entwicklung verschiedener Sprachen widerspiegeln.
Für die historische Linguistik des Litauischen sind Kuryłowiczs Arbeiten aufgrund ihrer methodologischen und theoretischen Prinzipien besonders wichtig. Von den zahlreichen in der Sammlung veröffentlichten Aufsätzen möchte ich hier diejenigen hervorheben, in denen behandelte Fragen unsere Sprachwissenschaftler dazu anregen könnten, die Entwicklung entsprechender Phänomene des Litauischen und anderer baltischer Sprachen zu überdenken und eingehender zu untersuchen.
Die Biografie des berühmten Sprachwissenschaftlers, seine wissenschaftlichen Arbeiten und deren methodische Postulate werden im einleitenden Beitrag des Herausgebers und Redakteurs der Sammlung, Smoczyński, behandelt („Jerzy Kuryłowicz 1895–1978. On the hundredth anniversary of his birth“, XI–XXIV). Indem Kuryłowicz auf die vergleichende Grammatik der indoeuropäischen Sprachen einen funktionalen Sprachbegriff anwandte, untersuchte er vor allem nicht einzelne Sprachelemente, sondern ihre wechselseitigen Beziehungen und die Genealogie ihrer Systeme; die Beziehungen zwischen den Spracheinheiten bestimmte er dabei anhand ihrer Oppositionen, Neutralisierungsfälle und ihrer Hierarchie.
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