scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Dėl daugkartinio veiksmo raiškos pietrytinėse lietuvių kalbos tarmėse

Aloyzas Vidugiris

Full text

LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI XXXIX (1998) Aloyzas VIDUGIRIS Lietuvių kalbos institutas, Vilnius ZUR BEZEICHNUNG DER MEHRFACHEN HANDLUNG IN DEN SÜDÖSTLICHEN LITAUISCHEN MUNDARTEN Eine mehrfache (wiederholte, iterative oder frequentative) Handlung, gelegentlich auch ein Zustand, kann in den südöstlichen litauischen Mundarten wie auch anderswo auf verschiedene Weise ausgedrückt werden: durch Wörter mit bestimmten Suffixen, Wortverbindungen, Wiederholung derselben Wörter usw. Für dieses Phänomen gibt es kein einheitliches Ausdruckssystem. Wie in vielen anderen Mundarten kann auch in den südöstlichen litauischen Mundarten eine mehrfache Handlung oder ein Zustand sowohl durch iterative Verben als auch durch Verben mit anderen verallgemeinerten Bedeutungen ausgedrückt werden (LKG 1971: 24, 91–107; DLKG 1994: 283–291). Hier sollen nicht alle diese Verwendungsfälle untersucht werden; vielmehr gilt das Interesse der Tendenz zum Schwund des sogenannten Präteritum Frequentativum und zur Zunahme iterativer Verben mit den Suffixen -inėti, -dinėti, -dyti in den Mundarten am südöstlichen Rand des litauischen Sprachgebiets. Das sogenannte Präteritum Frequentativum (praeteritum frequentativum) wird aus dem Infinitivstamm und dem Suffix -dav- gebildet (zur Herkunft von -dav- und allgemein des Formans -d- siehe Otrębski 1956: 222; Smoczyński 1989: 5–10). Es handelt sich um eine bestimmte Variante des Präteritum Simplex, die der Tradition nach jedoch als eigene Zeitform gilt, da Wiederholung keine Zeit-, sondern eine Aktionsartbedeutung ist (DLKG 1994: 291). Die Formen des Präteritum Frequentativum gelten als späte Neuerung der litauischen ostlitauischen Mundart. Sie fehlen sowohl in den anderen baltischen Sprachen als auch allgemein in den indogermanischen Sprachen (Zinkevičius 1981: 115–116). Die Žemaiten verwenden stattdessen eine Verbindung aus dem Hilfsverb liuobėti und den finiten Formen des Verbs. Selbst in den ostlitauischen Mundarten sind sie nicht überall gleich verbreitet. Formen des Präteritum Frequentativum scheinen in den Schriften von M. Mažvydas zu fehlen (Urbas 1996); im Index von Daukšas Postille sind nur wenige belegt (Kudzinowski 1977: 183 u. a.), ebenso im Wortschatz von Kristijonas Donelaitis (Kabelka 1964: 76 ff.). A. Bezzenberger, der Schriftdenkmäler aus dem 16.–17. Jahrhundert in Kleinlitauen untersuchte, belegte ebenfalls nur wenige Formen des Präteritum Frequentativum (Bezzenberger 1877: 208). An den südöstlichen, insbesondere südlichen Rändern des litauischen Sprachgebiets sind Formen des Präteritum Frequentativum selten oder werden überhaupt nicht mehr verwendet. Vielleicht sind sie nur an den östlichen Randgebieten der ostlitauischen Mundarten (von Breslauja bis Gervėčiai) etwas häufiger. Im Satz steht das Präteritum Frequentativum wie jede andere Verbform gewöhnlich als Prädikat, d. h. es erfüllt die Funktion des Prädikats, z. B.: Ich liebte sie am meisten Vlk. Und ich fuhr hin, und ich ging hin Eiš., Früher waren die Menschen gesund 183 nės Kb. Manchmal werden die Formen des Präteritums Frequentativum mit Ableitungen des sie ersetzenden Suffixes -dinėti gebildet, z. B.: Früher kam er oft zu uns Rdš. Unser (unser) Pfarrer fuhr überall hin Lz. Eine sich wiederholende vergangene Handlung wird hier recht häufig mit der erstarrten, eingeschobenen Form būdavo oder ihren Varianten ausgedrückt, z. B.: Früher sprossen zu jener Zeit Zwiebeln Sem. Früher spannst du, spinnst und dir tut der Rücken weh Nč. Früher mähte man mit Sicheln Brsl. In Südlitauen wird diese Form oft verkürzt, z. B.: Früher kamen wir zusammen und sangen Eiš. Früher kommt er zu uns und sitzt Pls, Rod. Etwas weiter verbreitet ist die Variante būdo, z. B.: Oft brannte es Str. Früher, geh nur, die [Bienen] summen Vlk. Früher stand ein Stein (ein Stein) auf dem Wagen Mrs. Früher pflügten wir mit dem Hakenpflug Kls. Manchmal stehen diese Einschübe neben einem Prädikat in der Form des Präteritums Frequentativum, z. B.: Früher sagte er Str. Früher nahm ich nicht Ldvn. Im Südwesten Litauens, in der Gegend um Kučiūnai, Veisiejai, Kapčiamiestis, Leipalingis, Liškiava und Druskininkai, wird am häufigsten die Form būlavo (< *būdlavo) verwendet, z. B.: Früher war es anders Lš. Früher, geh nur hinaus, dann bellen die Hunde Kč. Früher ging er und sang DrskŽ, Rtn. Die Varianten būlavos, būlavoc: Früher erzählte der Großvater immer wieder DrskŽ. Früher, in Švendubrė, war es am besten Rtn. Etwas häufiger kommen Varianten dieser Form vor: ich pflegte oder er pflegte, z. B.: „Ich pflegte“, erzählt der Alte Dv. „Wie er kommt, pflegte ich dazusitzen“ Arm. „Ich pflegte, der Vater kommt“ (sie) zu uns (zu uns) Lt. „Er pflegte, früh gingen wir“ Dv. Nachts mähen sie Flachs, pflegte er DrskŽ. „Er pflegte, er kommt zu meiner Mutter“ (zu meiner Mutter) LzŽ. „Er pflegte, auf die Jagd“ (die Jagd) zu machen Arm. „Er pflegte, zu gehen“ (geht) zu Peter (am 29. Juni) Roggen zu schneiden Zt. „Er pflegte, du gehst, bekommst, was du willst“ DrskŽ. Unter dem Einfluss der Standardsprache zeigen die Formen des Präteritums Frequentativum heute eine Ausbreitungstendenz. Dort jedoch, wo der Einfluss der Standardsprache nicht mehr hinreicht oder schwach ist, werden selbst die erstarrten Formen des Präteritums Frequentativum nur begrenzt verwendet. Die erstarrten und verkürzten Varianten zeigen ihrerseits, dass ihr Gebrauch insbesondere in den südlichen Randgebieten zurückgegangen ist. Die Formen des Präteritums Frequentativum werden offenbar gerade durch die Verbreitung von Verben mit iterativer Bedeutung und den Suffixen -inėti, -dinėti, -dyti aus dem Gebrauch verdrängt. Das Verhältnis zwischen den Formen des Präteritums Frequentativum und dem Gebrauch anderer Verben mit frequentativer oder generalisierter Bedeutung hat der polnische Linguist R. Roszko untersucht (Roszko 1996: 51–62). Verben mit den Suffixen -(d)inėti, -dyti bezeichnen die Wiederholung einer Handlung nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch in der Gegenwart und Zukunft. Alle diese Suffixe, genauer gesagt ihre Ableitungen, sind im gesamten litauischen Sprachgebiet bekannt und gebräuchlich. In den Dialekten des südöstlichen Randgebiets, deren Einwohner mehr oder weniger zwei- oder mehrsprachig sind, hat sich jedoch die Bildung und Verwendung von Verben mit diesen Suffixen stark vermehrt. Auch ihr Bedeutungsumfang hat zugenommen, d. h., sie können viel- * Abkürzungen der Ortsnamen wie im akademischen „Wörterbuch der litauischen Sprache“, Bde. I–XVIII. 1941–1997. 184 fältige Handlungen, eine geringe Zahl wiederholter Handlungen, schrittweises Geschehen und Fortdauer (Fortsetzung) u. a. bezeichnen. Vieles hängt auch vom Subjekt und Objekt (von der Zahl der Handelnden und Betroffenen) sowie ganz allgemein vom Satzkontext ab. Die meisten Verben, insbesondere solche mit den Suffixen -dinėti, -dyti, werden meist aus präfigierten Verben gebildet. Das Hinzufügen des Suffixes verändert auch ihren Aspekt: Aus perfektiven Verben werden imperfektive Verben. Somit verändern sich diese Suffixableitungen, indem sie eine zusätzliche lexikalische Bedeutung erhalten, auch grammatisch (Vidugiris 1961: 219–231). Andererseits kann ein Teil solcher Suffixableitungen, d. h. der Verben mit den Suffixen -inėti, -dinėti, -dyti, Neubildungen darstellen und als eine Art Lehnübersetzungen(?) slawischer Verben mit den Suffixen -avatb, -ivatb gelten. Ihre Quelle ist offenbar die Zwei- oder Mehrsprachigkeit der Bewohner des südöstlichen litauischen Grenzgebiets sowie eine zunehmend von slawischen Sprachen geprägte Denkweise. Die Ableitungen mit den genannten Suffixen (ein Teil davon) können somit Erzeugnisse fremdsprachigen Einflusses sein, die lediglich in ein litauisches Gewand gekleidet sind. Außerdem neigen zweisprachige Menschen oft dazu, Ausdrucksmittel zu verwenden und zu verallgemeinern. Ableitungen mit diesen Suffixen setzen sich dort durch, wo die traditionellen litauischen Dialekte mit Grundverben oder Verben anderer Wortbildung mit erweiterter Bedeutung auskommen. Die meisten dieser Ableitungen sind inzwischen in das System der Randmundarten eingegangen und zu einem festen Bestandteil dieser Sprache geworden, zu einer normalen Ausdrucksweise. Vielleicht erscheinen sie nur uns als eine Art Exotismen. Bei der Aussonderung dieser Neubildungen sollte die alte, im Lauf der Zeit entstandene Bedeutungsreihe, ihre Abfolge (ihr System), helfen. In fast allen Randgebieten des ethnischen Südostlitauens können nebeneinander iterative Verben mit allen genannten Suffixen verwendet werden, doch ist ihr gegenseitiges Verhältnis nicht überall dasselbe. An manchen Orten haben sich Verben mit dem einen Suffix stärker durchgesetzt, andernorts solche mit einem anderen. Im Folgenden werden die Bildung, der Gebrauch, die Bedeutung und die Verbreitung solcher Verben nach den einzelnen Suffixen behandelt. Das Suffix -inėti dient wie auch in anderen litauischen Mundarten in den südöstlichen Randgebieten zur Bildung von Verben mit iterativer, frequentativer Bedeutung. Ableitungen mit dem Suffix -inėti werden gewöhnlich aus Formen des Präteritums gebildet, z. B.: beginėti: bėgo, buvinėti: buvo, darinėti: darė, davinėti: davė. Ihre grundlegende Bedeutung unterscheidet sich, abgesehen von der Wiederholung, meist nicht von jener der Verben, von denen sie abgeleitet sind, z. B.: bėginėti 1. umherlaufen, herumlaufen: bėgti: Er läuft herum, fliegt ringsumher Dbč. Warum lauft ihr herum, rennt umher? Ich werde euch überholen (ich werde euch schlagen) DrskŽ. Man muss dem Kind hinterherlaufen und es zum Essen auffordern (essen) Zt. Wenn es warm ist, laufen die Kühe herum (brünstig werden) Zt. 2. hastig umhergehen, sich abmühen: Schon das dritte Jahr läuft sie mit diesen Schafen herum Vrnv. Sie ist fünf Jahre jünger als jene, deshalb (noch) läuft sie wie ein Hase Zt. 3. sich paaren, sich fortpflanzen (von Tieren): Die Kuh ist brünstig – bring sie (bring sie) zum Bullen (zum Bullen) LzŽ. Woran merkt man, dass die Kuh brünstig ist? DrskŽ. Unsere Kuh ist brünstig; man muss sie zum Kalb bringen Rod. Auf dem Markt waren alle Kühe brünstig (hatten sich gepaart) Zt. Das Verb bėginėti behält mit verschiedenen richtungsbezeichnenden Präfixen ähnliche Bedeutungen bei, z. B.: 1.Wir laufen im Dorf herum (im Dorf, im Weiler) und dann gehen wir (ge- 185 nam) namō Zt. Die Leute liefen hinaus, um sich umzusehen, wo es brennt LžŽ. Wir wollen im Hof ein wenig umherlaufen (kiemą) Dv. Sie laufen zu Hause herum DrskŽ. Wenn die Sonne aufgeht, dann laufen alle hinaus Rod. 2. Bis du alles durchgegangen bist (apsiruoši), ist es schon Abend Btrm. 3. Wir haben nicht bemerkt, dass die Schafe sich herumgetrieben hatten Sn. Die Magd ist schon hinausgelaufen Dglš. Hat eure (jūsu) Kuh schon gekalbt? LžŽ. Wenn die Kuh nicht kalbt, gibt sie auch keine Milch Zt. Von allen Bedeutungen gilt nur die dritte Bedeutung des Wortes beginėti ar beginėtis, obwohl sie in Südostlitauen weit verbreitet ist, als Dialektismus (sie fehlt im DLKŽ 1993). Die Entsprechungen in der Standardsprache sind begiōtis, lakstýtis, vaikýtis usw. (Lyberis 1980: 202). Alle Bedeutungen des Wortes beginėti hängen eng miteinander zusammen, sodass schwerlich ein äußerer Einfluss vermutet werden kann. Allenfalls wird in einigen Randmundarten nach dem Vorbild des weißrussischen бегаць ‚herumlaufen‘ побегаць ‚ein wenig herumlaufen‘ eine nichtreflexive Form verwendet. Im Allgemeinen decken sich Verben mit dem Suffix -inėti, sowohl ohne als auch mit Präfixen, ungeachtet einiger zusätzlicher Bedeutungen oder Bedeutungsnuancen, weitgehend mit der Bedeutungsstruktur der ursprünglichen Verben. Das zeigt, dass Verben mit dem Suffix -inėti am häufigsten verwendet werden und zu den ältesten gehören. In Litauen, besonders in den Randmundarten der Wilnaer Mundart, kommen jedoch recht häufig auch Fälle eines für das Litauische untypischen Gebrauchs des Suffixes -inėti vor, z. B.: Toj lepioškà (Fladen) razcirinėja ** (zerbröselt, zerfällt), válgyc nemōžna (man darf nicht) Ad. Nezvālija (lässt nicht zu) jiem grāfas atadavīnėt pjāut' pievų Aps. Sāko itai visiem itep i(š)sidavinėja (es scheint, es spukt) Grv. Daūgis niūkė (sagte, erzählte), kad prisdavinėjo(es spukte) Aps. Prisidavinėja tį kās Brsl. Niēkas nevāikšto pirciñ, sāko susdavinėja (es spukt, vgl. weißrussisch выдаваца, прыдаваца ‚spuken‘) Pst.. Tadū atadinginēja košį Aps. Reikia gi, pademinēju (ich helfe) Ad. Vienà do nebaigia (singen), kità pradėminėja (beginnt) Ad. Drenažis uždėminėja (verlegt) Ad. Jau ateininėja namóp Lz. Anės išeininėja ir ateininėja in naktieś Brsl. Tai išeininėja (geht hinaus, fällt an) jiem po dù gektarūs Aps. Ūpė apeininėja ratū Ad. Ānys sulānda žemėsin ir pavasarį išėjinėja (kommt heraus) Ad. Siuvimo kūrsus praėjinė(jo) Ad. Prisejinėja (kommt zu, fällt an) ragutėlėm maistas timpt (ziehen, schleppen) Ad. Šaltu ūndeniu užgerinėja Str. Ažiminėja gaspadorius šienų dėl sāva kėltavų (Vieh) Aps. Regy (sieh), ānas i(š)sijuokinėja iš tavį Str. Tai ānas mōka ažkatbinėt rōži Aps. Die Polen wollten diese Hügel erforschen (untersuchen) Aps. Unsikliuōdė (verhedderten sich) die Pferde, und so entwirre ich bis heute noch diese Pferde Grv. Er ging, um dem Herrn die Erde abzuarbeiten (abzuarbeiten) Nmč. Wir haben gut verdient (verdient), der alte Rubel (altmodisch) war viel Geld wert Str. Er verdient wenig Tyr. Wenn die Kinder gefangen werden [von Hexen] dann kitzeln sie (kitzeln) Aps. Ich habe eine Familie durchgebracht Ad. Wenn es ein wenig regnet, gibt es Pilze Ad. Tadū ** Einen beträchtlichen Teil der Beispiele mit dem Suffix -inėti, die während der Expedition von 1972 aufgezeichnet wurden, durfte A. Bal priešaitis, I. Erman ytė, K. Pakalka abschreiben. 186 susirinkinėjom (machten uns bereit)razmušinėti (kämpfen) Aps. Über die Kuh weine ich mich aus (klage und tröste mich) Pst. Käfer setzen sich darauf und fressen die Blüten Ad. Ich möchte ihm gerade die Hände binden, damit er die Tür aufstemmt Str. Sie geht, sich auf einen Stock stützend Ck. A(ž)siprašinėję (lud ein), sagt, es wird ein Fest geben Grv. Der Zug hält immer wieder kurz an (stockt), wenn er nach Utena fährt Str. nyn fährt man in die Stadt Ad. Sie fahren, um Holz aus dem Wald abzutransportieren Aps. Aus den hier angeführten Beispielen ist ersichtlich, dass Verben mit dem Suffix -inėti nicht nur aus Formen des Präteritums, sondern auch aus Präsensformen gebildet werden, vgl. dėminėti: dė́ti, dė́ma (dėma), dė́jo; eininėti: eiti, eina, ėjo; iminėti: imti, ima, ėmė. Verben mit dem Suffix -inėti haben sich besonders in den südöstlichen Randgebieten der nördlichen Wilnaer Mundart von Strūnaitis bis Breslauja durchgesetzt. Der Gebrauch von Ableitungen mit diesem Suffix ist hier so verallgemeinert und häufig, dass Verben mit anderen Suffixen im Wettbewerb nicht standhalten. Dieser Gebrauch des Suffixes -inėti ist offenbar in den Jahren erzwungener Mehrsprachigkeit entstanden. Während der Expedition von 1956 in den Bezirk Breslauja war eine solche Tendenz im Gebrauch des Suffixes -inėti noch nicht festgestellt worden. Anderswo sind Verben mit diesem Suffix viel seltener, und ihr Gebrauch unterscheidet sich kaum von dem der Hauptmundarten und der Standardsprache. Dafür werden dort Verben ähnlicher Bedeutung mit den Suffixen -dinėti oder -dyti verwendet. Das Suffix -dinėti, so nimmt man an, ist zusammengesetzt und aus den Suffixen -do (vgl. -dyti) und -inėti entstanden (Skardžius 1943: 529). J. Otrębskis (Otrębski 1956: 414) behandelt solche Verben als Ableitungen mit dem Suffix -inėti, bei denen ein Element -d- die Verbalwurzel von diesem Suffix trennt. Die Entwicklung der Bildung von Verben mit dem Suffix -dinėti, die bereits aus litauischen Schriftdenkmälern des 16. Jahrhunderts bekannt sind, wäre folgende: gauti: gaudyti: gaudinėti; gyti: gydyti: gydinėti ar gydinėti; gulti: guldyti: guldinėti. Man kann eine weitere Gruppe von Verben mit dem Suffix -dinėti anführen, deren Bildung gleichsam das mittlere Glied mit -dyti überspringt, z. B.: duoti: duodinėti; stoti: stodinėti; važiuoti: važiuodinėti ar važiuod inėti. J. Otrębskis meint, dass -d- vor -inėti hier zur Vermeidung eines Hiats entstanden sei (Otrębski 1956: 415), obwohl dieses -d- auch analogisch hinzugekommen sein kann. Verben mit dem Suffix -dinėti werden meist aus dem Infinitivstamm gebildet, z. B.: arti: ardinėti, bėgti: bėgdinėti, duoti: duodinėti, eiti: eidinėti (und nicht bėgo: bėginėti, davė: davinėti, ėjo: ejinėti). Im litauischen Dialekt von Zietela bewahren Verben mit dem Suffix -dinėti häufig sogar den Akzent der Basisverben, z. B.:dailydinėti: dailýti ‚teilen‘, dėdinėti: dė́ti, važiuodinėti: važiuóti. Verben mit dem Suffix -dinėti, die eine iterative oder verallgemeinerte Bedeutung haben, werden am häufigsten in den südlichen litauischen Mundarten verwendet. Diese Ableitungen werden oft gleichsam ganz unnötig statt iterativer Verben mit dem Suffix -inėti oder primärer Verben mit erweiterter Bedeutung gebraucht. Sie werden meist aus primären Verben mit Präfixen gebildet, denn Ableitungen mit dem Suffix -dinėti ohne Präfix sind viel seltener. Außerdem verdoppeln sie meist die Grundbedeutung der primären Verben und bezeichnen seltener eine bestimmte Einzelbedeutung oder Bedeutungsnuance. Ihr Bedeutungssystem ist meist ärmer als das der primären Verben oder der Verben mit dem Suffix -inėti. Zum Vergleich betrachten wir das Verb bėgdinėti 187 1. laufen, umherlaufen: Bėgdzinėja po sėlų (kaimą, sodžių), lygų savo namų netūri LzŽ. Bėgdinėijom ir šen ir ten Zt. 2. strömen: Kraujai [aus den Beinen] bėgzdinėjo DrskŽ. Jų vaikai kasdien atbegdzinėja Lp. Adbegdzinėja pas tų medžiagų (medį) LzŽ. Adbegdinėja saldotas (kareivis) mūsų pirkion Zt. Adbegdzinėja daug ca iš toli darbūic (dirbti) DrskŽ. Inbegdinėja – viskas šarišta ir pagāudytos vištos Zt. Visi kap kiškiai išbėgzdinėjo Mrp. Išbėgzdinėjo an gönkų pažiūrėt Lp. Išbėgzdinėjo an ūlyčios (į gatvę) pazdairyč bocios (tėvo) LzŽ. Išbėgzdinėj kas kur Zt. Buvōja ir kunodà (bulvė) išbėgdinėja (pritrūksta), ponėliau Zt. Nubėgdinėja tōn karčmōn (į tą smuklę) Zt. Nok frōnto pabėgzdinėjom medžian (į mišką) Rod. Sāulute šildo, jau sniegas pabėgzdinėja (tirpsta) Pls. Ko, gegužėte, ko. mėlynickoji sesėtės(p) padbėgzdinēji (glaudiasi) LzŽ. Piemenūkas parbėgzdinēja namóp Lp. Neužbėgzdinėk kitām už akių – duok jām pasakýc Rod. Obwohl Verben mit dem Suffix -dinėti ihrer Bedeutung nach nicht den Ableitungen mit dem Suffix -inėti gleichkommen, bilden sie für Letztere mancherorts doch eine ernsthafte Konkurrenz. In der südöstlichen Randzone des litauischen Sprachgebiets bis zur Linie Trakai – Semeliškės – Onuškis – Druskininkai sind sie recht häufig. Nicht selten werden sie auch in der Gegend von Gervėčiai, Strūnaitis, Adutiškis, Kamojys und Breslauja verwendet. Die Beispiele sind sehr vielfältig: Seniau neišardzinėj bùlbų Dbč. Apardzinėja rugiāmi lūbinus, kap žydi DrskŽ. Kur mėtais priaugdinėja, vadzina auguliais Arm. Linai žoli užaugdinėja Nč. Čiā apsibūzdzinėj (apsigyveno) ānas Žrm. Jaū mėnelis (mėnulis) atbūzdzinėja (dyla, mažėja) LzZ. Kur jūs prabūzdzinėjat (gyvenate)? Dv. Kur pradedinėjo gyvint, tai niekas nerassakinėj Aps. Kai prasidedzinijom statýc, tai būvo sunkā Str. Gražų sudedinėja divōnų Pst. Jaū tėvai pridėdzinėja (pratinasi, mokosi bendrinės kalbos) nug vaikų Dbč. Velinai jām padėdzinėjo Nč. Aš su bōbom nesusdedinėju Brsl. Anā nēmiecki, cik tep insiduodzinėja (apsimeta) Rod. Jis dažnai ataidzinėja in mūs Dsm. Klūonan ataidzinėjo mergā in bėrnu Trak. Aš kamišijų pėreidzinėjau Ad. Jauni suveidzinėijom Šlčn. Vis katės razgindzinėjo (vaikė) Arm. Nuimdzinėja kortēļ (nuotrauka) Azr. Tāu brōliai priklegdzinėjo (prikalbėjo) krutēc (dirbti) Grv. Intēdzinėjo pasāldos, kad būt rūgšties Vrn. Svečiai sesdzinėjasi ažu stālo Dv. Dār atsispirdzinėjam, nesugudėjom Bn. Manchmal kommen Verben mit diesem Suffix auch mit zwei Präfixen vor, die gleichsam den Eindruck einer wiederholten Handlung verstärken, z. B.: Išpradėdinėja (pradeda) žydėt sōdas Zt. Paatbėgdinėj iti pōnai namóp Zt. Čiā mētė ir paišvaizdinėja miestan Arm. Dapadėdinėja išrinkdalinēt kunodàs (bulvės) Zt. Dvaruosa žemī išpardūodzinėjo LzŽ. Anys tēn parassibėgdinėj (išbėgiojo) iš pōjezdo (traukinio) Zt. Paažsukdzinėj (užsukiok) šriubelas (varžtelius) LzŽ. Pripamirišdzinėjau (primiršau, pamiršau) visūs mišlūs (misles) Dv. Diese Verben sind anscheinend ebenfalls aus einfachen Verben mit zwei Präfixen gebildet, z. B.: Tiktai assipradėjoši (prasidėjo) vainā Zt. Mān niekas nenōri dapadēt Zt. Jūmi māža ką dapridėjom (papildėm) Zt. Trūnōn (į karstą) paindēs (įdeda) ir pākopia (palaidoja) Zt. Būvo paatvaizdžavi lietuviai Dv. Vīlkas painsigrīovė (įsibruko) 188 pirkion Dv. Pripamiršau, neateina skaudžiai (greitai) galvon Dv. Natürlich ist dies keine Besonderheit der litauischen Sprache. Verben mit dem Suffix -dinėti zur Bezeichnung wiederholter Handlungen sind vielen litauischen Mundarten nicht fremd. Am häufigsten werden sie jedoch in den Randmundarten Südostlitauens verwendet, die in engem Kontakt mit den Slawen stehen, etwa in der Gegend von Dubičiai, Nočia, Pelėsa, Rūdinė, Ašava, Armoniškės, Dieveniškės und Zietela. Das Suffix -dyti wird in den litauischen Mundarten zur Bildung frequentativer und kausativer Verben verwendet, beispielsweise: ardyti, gaudyti, girdyti, guldyti, spardyti. In den südöstlichen Randgebieten gibt es jedoch zahlreiche Verben mit dem Suffix -dyti zur Bezeichnung wiederholter oder andauernder Handlungen, die den zentralen litauischen Mundarten fehlen. Ableitungen mit dem Suffix -dyti drücken zeitlich komplexere Handlungen aus als die zugrunde liegenden Verben (Naktinėnė 1997: 159). Sie sind gleichsam besondere Kurzformen des Suffixes -dinėti, deren Stämme meist Präfixe aufweisen, z. B.: Bulbas apardzýc reikia Grv. Ános (šarkos) neišbėgo niekur Grv. Aždėdo (peri) motkų (bičių motinėle) nàjų Grv. Kas táu tį padėdė? Grv. Kad regėtus, un galvós u(ž)sidėdo Grv. Ir pradėjo prĭsdǔodzýc (vaidentis) Grv. Anas jau i(š)sigindo (išsigina), kų par jį nieko nėra Grv. Galšią priimdo (superka) linus Dv. Pavandeniai (potvyniai) suskėldo Vrn. Neapklodžyk jó Rod. Kacinėlis ájo žýriun (maitintis), o gaidėlis likdė namie Grv. Aš likdžiau su mažais vaikais Dv. Nuspràuši išlipdo iš vandenio Dv. Reikia akmenùs išrinkdžyc (išrankioti) LžŽ. Nèr su kuõm siūlas pašlàpdo (pavilgyti) Str. Visur vanduõ bìt (būvo), gi dar (dabar) nutekėdo Zt. Pritemdžis, tai galėsi ataič Pls. Ánas davýdo (veja, nori privyti) jį Pls. Verben mit dem Suffix -dyti in frequentativer Bedeutung werden hauptsächlich parallel zu Verben mit den Suffixen -inėti oder -dinėti verwendet, gewöhnlich nur in den südöstlichsten Randgebieten. Am stärksten hat sich dieses Suffix in der Mundart von Gervėčiai durchgesetzt. Dort hat es alle Ableitungen mit den Suffixen -inėti und -dinėti verdrängt. Manchmal wird es sogar an suffixale Ableitungen angefügt, z. B.: Kó neatsidarinėdai durų? Grv.Tai tį ožys prisdavinedė (vaidenosi) Grv. Rugiųm prigamindo žėmį Grv. Das Suffix -dyti wird auch mancherorts anders verwendet. So bevorzugen in der Gegend von Rodūnia, wo dieses Suffix parallel zu -dinėti vorkommt, einzelne jüngere Familien das Suffix -dyti deutlich häufiger. Andernorts ist es seltener. Bei einzelnen Wörtern ist dieses Suffix außerdem aus der Gegend von Druskininkai, Dubičiai, Butrimonys (Rajon Šalčininkai), Valkininkai und Marijampolis (Rajon Vilnius) belegt. Anstelle eines Fazits. In den südöstlichen Randgebieten des litauischen Sprachraums, wo der Gebrauch der Formen des Präteritums Frequentativs zurückgegangen ist, sind Verben mit den Suffixen -inėti, -dinėti am weitesten verbreitet, seltener solche mit -dyti. Ihre Hauptfunktion besteht darin, den wiederholten Charakter einer Handlung auszudrücken. In den zentralen litauischen Mundarten werden Verben mit -inėti und -dinėti gewöhnlich ausschließlich in dieser Bedeutung verwendet. Verben mit dem Suffix -inėti bewahren ihr traditionelles Bedeutungssystem in allen Mundarten, auch den südöstlichen, am besten. Nur in einzelnen Mundarten wird der Gebrauch dieses Suffixes durch die Verbreitung von Verben mit anderen Suffixen eingeschränkt, zum Beispiel in Žie- 189 -dinėti begegnet auch in anderen Mundarten am Rand des südlichen Oberlitauischen auf, mit dem Suffix, und in der Mundart von Gervėčiai mit dem Suffix -dyti und Ähnlichem. Aufgrund der zunehmenden Zweisprachigkeit und Mehrsprachigkeit der Menschen bedeuten Verben mit den Suffixen -inėti, -dinėti oder -dyti in den Randmundarten nicht mehr so sehr eine mehrmalige Handlung als vielmehr eine verallgemeinerte, punktuelle, andauernde Handlung. In dieser Bedeutung begannen Verben mit dem Suffix -inėti sich in den südöstlichen Randgebieten der nördlichen Vilniškiai-Mundarten des östlichen Oberlitauischen um Apsas, Breslauja und Vidžiai sowie in der Gegend von Adutiškis und auch um Ažudievis, Kamojis, Lentupis und Kliukščionys und im südöstlichen Teil der gemischt besiedelten Gegend von Strūnaitis durchzusetzen. Ableitungen mit dem Suffix -dinėti sind vor allem in Südlitauen um Dieveniškės und Butrimonys, gelegentlich um Dubičiai und Druskininkai sowie in allen Gebieten verbreitet, die außerhalb der litauischen Grenze liegen: um Ašiūža und Pėrvalka (Bezirk Gardinas), um Armoniškės, Ašava, Bālātņa oder Varenāva, Benekainis, Kaulėliškės, Nočia, Pelėša, Rodūnia und Žirmūnai (Bezirk Varenavas), Lazūnai (Bezirk Vija) sowie Zietela (Bezirk Diatlovas). Verben mit dem Suffix -dyti werden an den Randgebieten Südlitauens und besonders um Gervėčiai verwendet. Eingegangen am 25.03.1998 LITERATŪRA Bezzenberger A. 1877: Beiträge zur Geschichte der Litauischen Sprache, Göttingen: Verlag von Robert Peppmüller. DLKG 1994: Dabartinės lietuvių kalbos gramatika, Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidykla. DLKŽ 1993: Dabartinės lietuvių kalbos žodynas, Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidykla. Kabelka J. 1964: Kristijono Donelaičio raštų leksika, Vilnius: Mintis. Kudzinowski Cz. 1977: Indeks - słownik do „Daukšos postilė“, Poznań: Wydawnictwo naukowe uniwersitetu im. Adama Mickiewicza w Poznaniu. Lyberis A. 1980: Sinonimų žodynas, Vilnius: Mokslas. LKA 1977: Lietuvių kalbos atlasas 1, Leksika, Vilnius: Mokslas. LKA 1982: Lietuvių kalbos atlasas 2, Fonetika, Vilnius: Mokslas. LKA 1991: Lietuvių kalbos atlasas 3, Morfologija, Vilnius: Mokslas. LKG 1971: Lietuvių kalbos gramatika 2, Morfologija, Vilnius: Mokslas. Naktinienė G. 1997: Pietų aukštaičių ir rytų aukštaičių vilniškių priežastiniai veiksmažodžiai žodynuose. – Lietuvių kalbotyros klausimai 37, 154–162. Otrębski J. 1956: Gramatyka języka litewskiego 3, Warszawa: Panstwowe wydawnictwo naukowe. Roszko R. 1996: Litewskie formy krotne typu eidavo (na przykład z gwary puńskiej).– Acta baltico – slavica 23, Warszawa: Slawistyczny ośrodek wydawniczy, 51–62. Skardžius P. 1943: Lietuvių kalbos žodžių daryba, Vilnius. Smoczyński W. 1989: Studia bałto-słowiańskie 1 (Prace komisji językoznawstwa 57), Wrocław – Warszawa – Kraków – Gdańsk – Łódź: Wydawnictwo Polskiej Akademii nauk. Urbas D. 1996: Martyno Mažvydo raštų žodynas, Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidykla. Vidugiris A. 1961: Veiksmažodžiai su priesagomis -inėti ir -dinėti Zietelos tarmėje. – Lietuvos TSR MA darbai, Serija A, 2 (11), 219–231. Zinkevičius Z. 1981: Lietuvių kalbos istorinė gramatika 2, Vilnius: Mokslas. 1996 – 1998. 02. 10. 190 ÜBER DIE AUSDRUCKSMÖGLICHKEITEN DER FREQUENTATIVEN HANDLUNG IN DEN SÜDÖSTLICHEN LITAUISCHEN DIALEKTEN Zusammenfassung Bei der Untersuchung der südöstlichen litauischen Dialekte haben wir festgestellt, daß der Gebrauch der Formen des sog. frequentativen Präteritums (būtasis dažninis laikas) zum Ausdruck der frequentativen Handlung allmählich abnimmt. Ein wenig häufiger liegt als eingeschaltetes Wort die Form būdavo, manchmal būlavo oder ihre Kurzformen būdau, būdo, būlau, būlo vor. Indessen jedoch wächst die Zahl der Verben mit den Suffixen -ineti, -dineti, -dyti, die eine iterativ-durative Bedeutung haben. Am besten ist das System der traditionellen Bedeutungen bei den Verben mit dem Suffix -ineti erhalten geblieben, die sich aus den Formen des Präteritums (būtasis kartinis laikas), seltener aus denen des Präsens entwickelt haben. In den eigentlichen Dialekten des Randgebietes wird der Gebrauch dieser suffigierten Ableitungen durch die aus dem Infinitiv gebildeten Verba mit dem Suffix -dineti oder -dyti eingeschränkt, die größtenteils von präfigierten Verben stammen. Wegen der sich verbreitenden Zwei-bzw. Mehrsprachigkeit in den Randgebieten bezeichnen die Verba mit den Suffixen -ineti, -dineti oder -dyti häufig keine mehrmalige, sondern eine verallgemeinerte einmalige, sich fortsetzende Handlung. Verba dieser Bedeutung sind in dem Ostaukštaitischen der Vilniuser Randgebiete mit dem Suffix -ineti verbreitet, während solche mit dem Suffix -dineti in den südlitauischen Mundarten und nicht allein in diesen letzteren, sondern vor allem in dem Dialekt von Gervėčiai (am Mittellauf der Ašmena) gebräuchlich sind. 191