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Žemutinių prigimtinio ir padėtinio ilgumo balsių skirtumai Lukšių šnektoje

Rima Bacevičiūtė

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LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI XL (1998) Rima BACEVIČIŪTĖ Institut für Litauische Sprache, Vilnius UNTERSCHIEDE ZWISCHEN NATUR- UND POSITIONSLÄNGE DER TIEFEN VOKALE IN DER MUNDART VON LUKŠIAI 1. In der sprachwissenschaftlichen Literatur findet sich meist die verbreitete Auffassung, dass sich die Vokale [aˑ, eˑ] < *-an-, *-en und [aˑ, eˑ] < *-à-, *-è- in nichts unterscheiden. Dies wird sowohl für das System der Standardsprache behauptet, in der „in betonten Silben historisch lange und positionslange Vokale [aˑ], [eˑ] gleich ausgesprochen werden“ (Pakerys 1995: 33; vgl. ferner: Vaitkevičiūtė 1960: 207, 217; Vaitkevičiūtė 1961: 31, 37; LKG 1: §17, §23; Mikalauskaitė 1976: 17), als auch für den ihr nahestehenden südsüdwestaukštaitischen Dialekt, in dem „die Monophthonge aˑ, eˑ < a, e sich in ihrer Länge nicht von den unter Akzent verlängerten ā, ē unterscheiden“ (Zinkevičius 1966: 80). In vielen Dialekten jedoch, darunter auch im südsüdwestaukštaitischen, wurde der Gegensatz zwischen natur- (historisch) und positionslangen Vokalen schon vor längerer Zeit festgestellt. Über die doppelte Quantität der tiefen Vokale sprach bereits vor einem Jahrhundert A. Baranauskas (Baranovskij 1898: 15), insbesondere aber K. Jaunius, der ausdrücklich feststellte, dass durch den Akzent verlängerte Vokale „im Kreis Kaunas mittellang sind (d. h. etwas länger als kurze, aber nicht so lang wie lange)“ (Jaunius 1970: 83). Hinweise auf das Vorhandensein eines Gegensatzes zwischen langen und halblangen Vokalen im kaunischen Dialekt finden sich auch in späteren Arbeiten (Girdenis 1971: 205; Zinkevičius 1980: 98; Pakerys 1986: 33); in einigen davon werden auch Qualitätsunterschiede erwähnt: Vokale natürlicher Länge können offener und vielleicht sogar leicht nasalisiert sein (Girdenis 1995: 172; vgl. ferner: 1971: 205; 1981: 128). Vokale dieses Typs wurden auch experimentell untersucht. Die Schlussfolgerungen aus B. Simanavičienės (1993: 46–53) Untersuchung des Dialekts von Veliuona zur Abhängigkeit des Akzents [aˑ, eˑ] < *-à-, *-è- von einem stimmhaften oder stimmlosen Kontext1 lassen auch an quantitative Unterschiede zwischen Positions- und Naturvokalen denken. Das Vorhandensein eines quantitativen Gegensatzes im Dialekt von Igliauka wurde durch die instrumentelle und auditive2 Untersuchung von A. Kazlauskienė (1996: 128–130) nachgewiesen. 1 Nach den Daten dieser Untersuchung weisen positionslange Vokale einen echten fallenden Akzent nur neben stimmhaften Konsonanten auf. In der Post- oder Präposition eines stimmlosen Konsonanten ähnelt der Akzent eher einem steigenden. 2 Besonders wichtig ist, dass die Sprecher des Dialekts selbst diesen Unterschied wahrnehmen. Folglich müssen sich die Wörter durch bestimmte phonologisch relevante Merkmale unterscheiden. 102 In dieser Arbeit wurde versucht, Quantität und Qualität der tiefen Vokale im Dialekt von Lukšiai experimentell zu untersuchen. Nach der aktuellen Dialektklassifikation gehört dieser Dialekt zum nördlichen Teil des westaukštaitischen kaunischen Dialektgebiets (Zinkevičius 1994: 26); nach der älteren Dialekteinteilung von K. Jaunius und A. Salys wäre er den westaukštaitischen Veliuona-Dialekten zuzuordnen, da er systematisch die Vokale [o·, e·] in unbetonten offenen Endsilben verkürzt, z. B.: sā.ku, dā.ri, vāiku, sā.uli usw. Das Zentrum des Dialektgebiets ist die Kleinstadt Lukšiai (Rajongemeinde Šakiai), 8 km östlich von Šakiai und 52 km westlich von Kaunas gelegen. 2. Für die Untersuchung wurden die Wortpaare grąžtas – kraštas, šąla – kãla, patręšęs – patręšęs, patręšus – patręšus ausgewählt und kurze Sätze gebildet, die die Bedeutungen der untersuchten Paare gut veranschaulichen. Die untersuchten Wörter standen meist an vorletzter Position: aštrùz grã:štaz bū:davų ‖ vìsas krã:šta(s) sūdėgì ‖ ilgai šā-la šì·met ‖ senėi_įėu kā.la ta._stūba ‖ biškì patrē.šes tas_mē.dis ‖ smārkei patrē.šes ta._pìeva ‖ būvù gerai patrē.šus ta:z_braš kēs ‖ ta_o·bels patrē.šus įėu_būvù. Die Sätze wurden in zufälliger Reihenfolge gemischt; dazwischen wurden weitere Sätze eingefügt, die für den Untersuchungsgegenstand nicht relevant waren. Das Material wurde von Sprecher A. Bacevičius, geb. 1930, auf Magnetband aufgenommen; das Material der Verfasserin wurde direkt in den Computerspeicher eingesprochen. Beide Sprecher sind Vertreter des untersuchten Dialekts. Bei den Aufnahmen wiederholte der Informant, nachdem er sich einen deutlich gesprochenen Satz (auch einen für die Untersuchung irrelevanten) angehört hatte, diesen frei und mit möglichst neutraler Intonation. So ließ sich die beim Vorlesen entstehende unnatürliche Sprechintonation vermeiden3. Die Sätze wurden jeweils fünfmal wiederholt. Später wurden die Aufnahmen vom Magnetband ebenfalls in den Computerspeicher übertragen und mit dem speziellen Sprachschallanalyseprogramm „Kalbam44“ von P. Kasparaitis bearbeitet. Das Programm stellt auf dem Bildschirm ein Oszillogramm des eingegebenen Signals dar, anhand dessen das Signal in einzelne Laute zerlegt werden kann; die Länge des markierten Lautabschnitts misst das Programm automatisch. Mit demselben Programm kann auch eine Spektralanalyse der Laute vorgenommen werden: Auf dem Bildschirm sind das dynamische Spektrogramm des Signals, die Veränderungen der Formantverläufe sowie ein spektraler Schnitt des Segments zu sehen. 3. Die Daten wurden statistisch ausgewertet. Nach den Längenmessungen wurden das arithmetische Mittel x̄, die Standardabweichung s, die angibt, wie weit die Werte des untersuchten Merkmals vom Mittelwert entfernt sind, sowie das 95%-Konfidenzintervall berechnet. Außerdem wurde die Signifikanz der Ergebnisse noch mit dem Student-t-Test geprüft. Diese Berechnungen wurden am Computer mit dem Programm von A. Girdenis durchgeführt. 3.1. Die erhaltenen Ergebnisse sind in den Tabellen 1–2 dargestellt. 3 Plg. I. Mažiulienės (1996: 46–47) darbo metodiką. 103 Vokaldauer in einzelnen Wörtern Tabelle 1 Beispiele | n | x̄ (ms) | s (ms) | 95%-Konfidenzintervall | t (Testwert) | 10 | 203 | 29 | 182 ÷ 224 | 5,42 > 3,92 kraštas | 10 | 151 | 8 | 145 ÷ 157 šąla | 10 | 209 | 13 | 199 ÷ 218 | 6,40 > 3,92 kala | 10 | 173 | 12 | 165 ÷ 182 patrėšęs | 10 | 203 | 23 | 185 ÷ 219 | 6,37 > 3,92 patrėšęs | 10 | 152 | 9 | 145 ÷ 159 patrašiūs | 10 | 223 | 17 | 210 ÷ 235 | 9,56 > 3,92 patrašius | 10 | 161 | 11 | 153 ÷ 169 Tabelle 2 Zusammengefasste Vokaldauer Beispiele | n | x̄ (ms) | s (ms) | 95%-Konfidenzintervall | t [aˑ] < *-an- | 20 | 206 | 22 | 195 ÷ 216 | 7,29 > 3,57 [aˑ] < *-ā- | 20 | 162 | 15 | 155 ÷ 169 [eˑ] < *-en- | 20 | 213 | 22 | 202 ÷ 223 | 10,18 > 3,57 [eˑ] < *-ē- | 20 | 156 | 11 | 150 ÷ 160 längere | 40 | 209 | 9 | 194 ÷ 224 | 7,18 > 5,96 kürzere | 40 | 159 | 10 | 143 ÷ 176 Wir sehen, dass zwischen historischer und positionsbedingter Vokallänge ein deutlich signifikanter Dauerunterschied besteht: Die Konfidenzintervalle überschneiden sich nirgends und überlappen einander nicht. Auch die Werte des Student-t-Tests zeigen, dass dieser Unterschied signifikant ist, da sie in allen Fällen über dem kritischen Wert für eine Wahrscheinlichkeit von 99,9% liegen. Noch deutlicher wird der quantitative Unterschied, wenn wir die Ergebnisse zusammenfassen (siehe Tabelle 2): Die Konfidenzintervalle überschneiden sich erneut nirgends, und die Werte des Student-t-Tests sind deutlich höher als der kritische Wert (bei den Hinterzungenvokalen doppelt, bei den Vorderzungenvokalen sogar fast dreimal so hoch!). Das Gesamtverhältnis der durchschnittlichen Dauer der kürzeren zu der der längeren Vokale beträgt 1: 1,3. 3.2. Auch das Streudiagramm veranschaulicht deutlich den quantitativen Unterschied zwischen Vokalen mit inhärenter und positionsbedingter Länge. Tragen wir im ersten Quadranten des Koordinatensystems auf der Ordinatenachse die Dauermaße (ms) der positionsbedingt langen Vokale und auf der Abszissenachse diejenigen der entsprechenden inhärent langen Vokale⁴ ein, erhalten wir eine grafische Darstellung, die die quantitativen Unterschiede dieser Vokale ausgezeichnet veranschaulicht (siehe Abb. 1). ⁴ Für eine klarere Darstellung wird als Bezugspunkt des Koordinatensystems nicht 0 ms, sondern 100 ms verwendet. 104 Abb. 1. Streudiagramm der Vokaldauer Alle Punkte liegen auf einer Seite der Diagonalen, einige sogar sehr weit von ihr entfernt – somit unterscheiden sich beide Varianten deutlich. 4. Es wurde versucht, auch die qualitativen Parameter dieser Vokale zu analysieren. Mit dem Programm „Kalbam44“ wurden Spektralschnitte der Lautsegmente analysiert; anschließend wurden die Formantmittelwerte mit einem speziellen, von A. Girdenis entwickelten Formantbewertungsprogramm ausgewertet, das anhand bestimmter Formeln (siehe Piotrovskij 1960: 29) die Indizes für Kompaktheit (C103), Bemolligkeit (b103) und Tonalität (T) berechnet (ein höherer Wert von T weist auf ein höheres Vokal-Timbre hin, ein niedrigerer und insbesondere negativer Wert auf ein tieferes). 4.1. Da die distinktiven Merkmale stimmhafter Laute durch die ersten beiden Formanten bestimmt werden, während die übrigen häufig nur individuelle Sprechereigenschaften oder expressive Inhalte vermitteln, stützt man sich bei der Analyse der akustischen Eigenschaften von Lauten vor allem auf die ersten beiden Formanten. Die Spektren männlicher und weiblicher Stimmen wurden getrennt untersucht, da sich die akustischen Merkmale von Männer- und Frauenstimmen erheblich unterscheiden, obwohl bestimmte konstante Relationen bestehen bleiben. Die Ergebnisse der Spektralanalyse männlicher und weiblicher Stimmen in dieser Untersuchung sind ebenfalls analog; lediglich die Formanten der Frauenstimme sind aufgrund des höheren Stimmtimbres deutlich höher. Daher präsentieren wir die Messwerte der Männerstimme, die ein klareres Bild vermitteln. Auch die Vokalqualität bei vorderer und hinterer Artikulation verdient eine gesonderte Erörterung. Tabelle 3 Formantwerte der Vokale [aː] < *-an- und [aː] < *-ā- in der Männerstimme5 Beispiel F₁ (Hz) F₂ (Hz) F₃ (Hz) C·10³ T gržtas 675 1326 2410 888 34 kraštas 685 1353 2320 889 61 šala 675 1320 2564 888 3 kala 703 1340 2525 893 5 5 Vgl. Frauenstimme grąžtas F₁=728 Hz, F₂=1410 Hz; kraštas F₁=785 Hz, F₂=1498 Hz; šala F₁=728 Hz, F₂=1369 Hz; kala F₁=785 Hz, F₂=1398 Hz. 105 Wie wir wissen, haben alle Hinterzungenvokale einen tiefen Klang, der durch den weiten und großen Mundresonator bedingt ist, der entsteht, wenn sich die Zunge nach hinten zurückzieht. Das zeigt auch die zweite, im niedrigen Frequenzbereich liegende Formant. Die F₂ der Vokale vom Typ [a] mit inhärenter Länge liegt jedoch noch etwas niedriger als die F₂ der Vokale mit positionsbedingter Länge. Das heißt, die Vokale mit historischer Länge haben einen tieferen Klang, der durch eine stärkere Rückverlagerung der Zunge bedingt ist. Die Vokale mit inhärenter Länge haben auch eine etwas niedrigere erste Formant; sie sind also etwas höher artikuliert und offener. Die beiden ersten Formanten sind auch bei den Vokalen [a·] <*-an- niedriger und stärker von F₃ entfernt, ein Merkmal der Nasalität; daher können wir feststellen, dass die Spektralanalyse die Vermutung einer gewissen fortbestehenden Nasalisierung dieser Vokale bestätigt. Auch die Werte der dritten Formanten unterscheiden sich: Bei den Vokalen mit historischer Länge sind sie erheblich höher. Der Spektralverteilung zufolge sind die tief artikulierten Vokale am kompaktesten, da beide Formanten nicht allzu weit von der Spektrummitte (≈ 1000 Hz) entfernt sind. Die Vokale mit historischer Länge sind etwas weniger kompakt, jedoch tiefer im Ton (siehe Tab. 3). Hinsichtlich der Bemollierung sind diese Vokale neutral (b.10³ =168), da die Lippen an der Artikulation nicht beteiligt sind. Die Beziehungen zwischen den Formanten sind auch im Diagramm zu sehen (siehe Abb. 2). Abb. 2. Spektren der Vokale [a·] < *-an- (----) und [a·] < *-a- (—) in den Wörtern grąžtas und kraštas6 4.2. Die Vokale [e·] und [æ·] haben eine recht instabile Artikulation, weshalb auch ihre akustischen Eigenschaften variieren. Besonders instabil ist der Vokal [æ·]: Zu Beginn der Aussprache liegen F₁ und F₂ innerhalb der Formantgrenzen des Vokals [e·], am Ende wird dieser Laut jedoch [a·] sehr ähnlich – offen, kompakter und tiefer im Klang. Daher wurde das Spektrum dieser Vokale an drei Stellen gemessen: am Anfang, in der Mitte und am Ende des Lautes. Die Berechnungen sind in der Tabelle zu sehen. 6 Eine ähnliche grafische Darstellung ergäbe sich auch für die Wörter šala – kala. 106 Formantwerte der Vokale [e·] < *-ėn/[e·] < *-ė und [æ·] < *-æn/[æ·] < *-àè – Männerstimme8 Beispiele | F₁ (Hz) | F₂ (Hz) | F₃ (Hz) | C.10³ | T patrėšęs | 576 / 605 / 626 | 1930 / 1787 / 1621 | 2580 / 2529 / 2379 | 828 / 842 / 857 | 399 / 320 / 247 patrėšęs | 587 / 615 / 610 | 1775 / 1714 / 1605 | 2471 / 2414 / 2326 | 839 / 849 / 855 | 337 / 269 / 259 patrėšus | 613 / 690 / 677 | 1627 / 1412 / 1351 | 2451 / 2349 / 2353 | 853 / 885 / 887 | 246 / 90 / 59 patrėšus | 623 / 627 / 678 | 1555 / 1448 / 1377 | 2363 / 2297 / 2249 | 860 / 869 / 886 | 216 / 163 / 95 Wir sehen, dass sich die Formantmerkmale aller Vokale vom Typ [e] im Verlauf der Aussprache verändern. Die erste Formant steigt nahezu kontinuierlich an, die zweite sinkt. Besonders deutlich zeigt sich dies vor einem harten Konsonanten (in der Position /—C). 5.2.1. Vergleicht man die tiefen Vokale in der Position /—C’, so zeigt sich, dass die F₂ der Vokale mit historischer Länge während der gesamten Aussprache höher bleibt als die der Vokale mit positionsbedingter Länge – sie klingen höher, sind vorderer artikuliert und gespannter (die Formanten liegen weiter vom Spektrum der „neutralen“ Stimme entfernt). Der Vokal mit positionsbedingter Länge ist weniger gespannt, weiter hinten artikuliert und tiefer im Klang.⁹ Zu Beginn der Aussprache hat der Vokal mit positionsbedingter Länge eine höhere erste Formant; am Ende springt die F₁ des Vokals mit inhärenter Länge jedoch deutlich höher, während sie beim positionsbedingten Vokal leicht absinkt. Während der gesamten Aussprache hat der Vokal mit historischer Länge eine erheblich höhere dritte Formant. Auch die Kompaktheit dieser Vokale verändert sich. Zu Beginn und in der Mitte der Aussprache ist der Vokal mit positionsbedingter Länge kompakter, am Ende hingegen der Vokal mit inhärenter Länge. Hinsichtlich der Tonhöhe sind diese Vokale sehr instabil; doch so stark sie sich auch verändern, die Unterschiede zwischen historischen und positionsbedingten Langvokalen bleiben bestehen. Zu Beginn und in der Mitte der Aussprache hat der historische Vokal eine deutlich höhere Tonhöhe; am Ende weist der Vokal mit positionsbedingter Länge einen etwas höheren Tonhöhenindex auf. 5.2.2. Vergleicht man diese tiefen Vokale in der Position /—C, zeigt sich ihre Instabilität noch deutlicher. Zu Beginn der Aussprache ist der Unterschied zwischen den ersten Formanten gering; die F₁ des Vokals mit positionsbedingter Länge ist etwas höher, steigt im weiteren Verlauf jedoch nur sehr geringfügig an, während die F₁ des Vokals mit inhärenter Länge deutlich höher springt. In der Mitte des Segments unterscheiden sich die Formanten um mehr als 60 Hz. Am Ende der Aussprache beträgt der Unterschied jedoch … Tabelle 4: 7 7 Die drei Formantwerte geben die Messungen zu Beginn, in der Mitte und am Ende wieder. 8 Die Frauenstimme zeigt dieselben Formantverhältnisse. 9 Hinsichtlich der Quantität unterscheiden sich diese Vokale am stärksten. 107 vollständig verschwindet. Die erste Formante des historisch langen Vokals F2 liegt nur am Anfang höher, ebenso wie in der Position /—C’; später verlagern sich die Formanten in den Tieftonbereich, die Laute erhalten einen tiefen Klang, und das Verhältnis der Formanten ist dasselbe wie bei Vokalen des Typs [a]: Die zweite Formante des positionsbedingt langen Vokals liegt höher. Somit hat am Ende des Segments der historisch lange Vokal [æː] einen tieferen Klang. Die dritte Formante des historisch langen Vokals liegt durchgehend höher. Am Anfang ist der positionsbedingt lange Vokal kompakter, in der Mitte der von Natur aus lange Vokal, und am Ende ist der Unterschied undeutlich. Der Tonalitätsindex zeigt deutlich sowohl die Dynamik der Laute als auch ihre Unterschiede (siehe Tabelle 4). Am Anfang hat wiederum, wie in der Position /—C’, der historisch lange Vokal einen deutlich höheren Ton, während in der Mitte und am Ende des Segments der positionsbedingt lange Vokal den höheren Ton aufweist, ähnlich wie bei Vokalen des Typs [a]. Der Bemmolitätsindex zeigt auch in diesem Fall keine Unterschiede (b.103=167), da die Lippen an der Artikulation dieser Vokale ebenfalls nicht beteiligt sind. Entsprechende Verhältnisse zeigen auch die Grafiken zur Veränderung des Verlaufs der Formanten (siehe Abb. 3 und 4). 3 pav. Balsių [eː] < *-eɪ- (---) ir [eː] < *-è- (—) formančių trajektorijų kitimas pozicijoje /—C. 4 pav. Balsių [æː] < *-æɪ- (---) ir [æː] < *-à- (—) formančių trajektorijų kitimas pozicijoje /—C. 108 6. Unterschiede zwischen von Natur aus und positionsbedingt langen tiefen Vokalen zeigen auch die Grafiken zu Grundton und Intensität (siehe Abb. 5–10). Die Grafiken wurden mit dem Computerprogramm zur Analyse von Sprachlauten WINCECIL22 erstellt. Abb. 5. Intensität des Vokals [aː] < *-ãi (in konventionellen dB) und Grundton (in logarithmischen Hz) im Wort grã.stas Abb. 6. Intensität und Grundton des Vokals [aː] < *-à- im Wort krā.štas Abb. 7. Intensität und Grundton des Vokals [eː] < *-en- im Wort patré·šęs 109 Abb. 8. Intensität und Grundton des Vokals [eː] < *-ė- im Wort patrė.šęs Abb. 9. Intensität und Grundton des Vokals [æː] < *-ǣn- im Wort patrė.šus Abb. 10. Intensität und Grundton des Vokals [æː] < *-æ̀- im Wort patrė.šus Wir sehen, dass sich die Grundtonverläufe sowohl der vorderen als auch der hinteren Vokale historischer und positionsbedingter Länge unterscheiden: Der Verlauf aller historischen Vokale ist ansteigend, derjenige der positionsbedingt langen Vokale fallend oder steigend-fallend. Gegen Ende des Lauts steigt der Grundtonverlauf der hinteren Vokale etwas höher an; der Grundtonumfang dieser Vokale ist daher größer (siehe Abb. 5). Unter den positionsbedingt langen Vokalen fällt der Verlauf des Vokals [æː] gegen Lautende am tiefsten ab – sein Grundtonumfang ist am größten. 110 Historische und positionsbedingt lange Vokale unterscheiden sich auch hinsichtlich der Lage des Grundtonmaximums: Bei historischen Vokalen liegt es näher am Lautende, bei positionsbedingt langen näher am Lautanfang. Ähnlich verändert sich auch die Intensität dieser Vokale: Die Intensitätsverläufe fast aller historischen Vokale steigen leicht an, die der positionsbedingt langen Vokale fallen ab. Die Intensitätsmaxima der positionsbedingt langen Vokale werden früher erreicht als die der von Natur aus langen Vokale. 6.1. Experimentelle Untersuchungen der Quantität und Qualität der tiefen Vokale im Dialekt von Lukšiai zeigen, dass tatsächlich signifikante Unterschiede zwischen ihnen bestehen. Die Messungen der Vokaldauer bestätigen eindeutig, dass im Dialekt von Lukšiai von Natur aus lange Vokale im Verhältnis 1:1,3 länger sind als positionsbedingt lange Vokale. Dies zeigen auch die statistischen Daten. 6.2. Zwischen den historischen und positionsbedingten tiefen Vokalen bestehen auch qualitative Unterschiede. Die von Natur aus langen hinteren Vokale haben im Vergleich zu den entsprechenden positionsbedingt langen Vokalen ein tieferes Timbre, sind etwas weniger kompakt und weisen einen tieferen Ton auf. Ihre beiden niedrigeren ersten Formanten weisen deutlich auf eine erhaltene Nasalierung hin. Die von Natur aus langen vorderen Vokale haben im Vergleich zu den positionsbedingten Vokalen ein höheres Timbre, sind kompakter und weisen einen höheren Ton auf; da ihre Artikulation variabel ist (insbesondere beim Vokal [zɛː]), ähnelt ihr Unterschied am Ende der Aussprache sehr dem der Vokale vom Typ [a]. 6.3. Die Unterschiede zwischen den von Natur aus langen und den positionsbedingt langen tiefen Vokalen zeigen sich auch in den Intensitäts- und Grundtonverläufen: Bei den von Natur aus langen Vokalen steigen sie leicht an, bei den positionsbedingten fallen sie ab. 6.4. Diese Schlussfolgerungen erlauben die zuverlässige Feststellung, dass im Dialekt von Lukšiai tatsächlich zwei Arten nichtkurzer tiefer Vokale existieren.10 Eingegangen am 02.07.1998 LITERATŪRA Baranovskij 1898: Барановский А. Заметки о литовскомъ языке и словаре. Санктпетербургъ: Типогр. Имп. Акад. наукъ. Girdenis A. 1971: [Rec.] Lietuvių kalbos tarmės (chrestomatija). – Baltistica 7 (2), 201–209. Girdenis A. 1981: Fonologija, Vilnius: Mokslas. Girdenis A. 1995: Teoriniai fonologijos pagrindai, Vilnius. Jaunius K. 1970: Kauniškių tarmė. – Drotvinas V., Grinaveckis V. Kalbininkas Kazimieras Jaunius, Vilnius: Mintis, 81–84. LKG 1 – Lietuvių kalbos gramatika, 1: Fonetika ir morfologija / Ats. red. K. Ulvydas, Vilnius: Mintis, 1965. Kazlauskienė A. 1996: Dve jop a žemutinių balsių kiekybė Igliaukos šnektoje. – Kalbotyra 45(1). Mažiulienė I. 1996: Centrinės šiaurės žemaičių tarmės prozodija. – Kalbotyra 45 (1), 30–115. Mikalauskaitė E. 1975: Lietuvių kalbos fonetikos darbai, Vilnius: Mokslas. 10 Baigdama norėčiau už vertingas pastabas padėkoti prof. habil. dr. A. Girdeniui. 111 Pakerys A. 1986: Lietuvių bendrinės kalbos fonetika, Vilnius: Mokslas. Pakerys A. 1995: Lietuvių bendrinės kalbos fonetika, Vilnius. Piotrovskij 1960 – Пиотровский Р. Г. Еще раз о дифференциальных признаках фонем. – Вопросы языкознания, №6, 24–38. Simanavičienė B. 1993: Dvejopa [ā, ē] < *-ā-, *-ē- priegaidė veliuoniečių šnektoje. – Kalbotyra 42 (1), 46–53. Vaitkevičiūtė V. 1960: Lietuvių kalbos balsių ir dvibalsių ilgumas, arba kiekybė. – Lietuvių kalbotyros klausimai 3, 207–217. Vaitkevičiūtė V. 1961: Lietuvių literatūrinės kalbos balsinės ir dvibalsinės fonemos. – Lietuvių kalbotyros klausimai 4, 19–47. Zinkevičius Z. 1966: Lietuvių dialektologija, Vilnius: Mintis. Zinkevičius Z. 1980: Lietuvių kalbos istorinė gramatika 1, Vilnius: Mokslas. Zinkevičius Z. 1994: Lietuvių kalbos dialektologija, Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidykla. UNTERSCHIEDE DER HISTORISCH SOWIE DER POSITIONELL NIEDRIGEN LANGVOKALE IM DIALEKT VON LUKŠIAI Zusammenfassung In der linguistischen Literatur wird behauptet, daß sich in der litauischen Gemeinsprache und den Dialekten die historisch sowie positionall niedrigen Langvokale nicht unterscheiden. Der vorliegende Beitrag begründet die quantitativen und qualitativen Unterschiede dieser Vokale in der Mundart von Lukšiai. Die experimentellen Untersuchungen und statistischen Berechnungen zeigen, daß die Dauer historisch sowie positionell niedrigen Langvokale im Verhältnis 1:1,3 steht. Auch die Qualität dieser Vokale weist Klangunterschiede auf: die historischen Langvokale der hinteren Reihe weisen einen niedrigeren Timbre auf, sind weniger kompakt, zeichnen sich durch einen niedrigeren Ton aus. Die beiden ersten niedrigeren Formanten weisen die erhaltene Nasalierung auf. Die historischen Vokale der vorderen Reihe weisen einen höheren Timbre auf, sind kompakter, zeichnen sich durch einen höheren Ton aus. Von den Unterschieden der historisch sowie positionell niedrigen Vokale zeugen auch die Kurven der Intensität sowie des Haupttones: bei den historisch niedrigen Vokalen klingen die Schwingungen ein wenig auf, während sie bei den positionsbedingten abklingen. 112