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„Geradėjas“, „piktadėjas“, „niekadėjas“ – grynai lietuviški žodžiai

Jonas Klimavičius

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ACTA LINGUISTICA LITHUANICA LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI XLII (2000) Jonas KLIMAVIČIUS Institut für Litauische Sprache, Vilnius WOHLTÄTER, ÜBELTÄTER, NICHTSNUTZ – REIN LITAUISCHE WÖRTER Der Nichtsnutz wird gewöhnlich, sofern man ihn nicht vergisst, neben den Wohltäter und den Übeltäter eingeordnet. Sowohl den Forschern als auch den Normierern fehlen hier noch Genauigkeit und wirkliche Klarheit. Normalerweise sollten sich die Normierer auf Forschungsergebnisse stützen können – auf ihre eigenen oder auf die der Sprachhistoriker. KPP1 und Wohltäter sind hybr. und Nichtsnutz – hybr. KPP2 Wohltäter ist n. vert. Nichtsnutz KPP1 und KPP2 – Taugenichts, Übeltäter, Nichtstuer. Übeltäter – aus unerfindlichen Gründen – findet sich weder in KPP1 noch in KPP2. Übrigens wäre nicht der Nichtsnutz, sondern in erster Linie der Übeltäter ein Übeltäter. KT: Wohltäter ist vert., Nichtsnutz – hybr. KNK: Wohltäter ist wiederum n. vert., Nichtsnutz – hybr. In der von der Staatlichen Litauischen Sprachkommission bestätigten Liste der Großen Sprachfehler werden fremde Wortbestandteile unter den Wortbildungsfehlern aufgeführt – 2.1.5. -dėjas, -a – ein Substantivbestandteil, z. B.: geradėjas, -a = geradarys, -ė; niekadėjas, -a = niek(a)darys, -ė, nenaudėlis, -ė, niekšas, -ė; piktadėjas, -a = piktadarys, -ė. In der Dissertation von Pranas Skardžius „Die slavischen Lehnwörter im Altlitauischen“ (Kaunas, 1931) wird der Nichtsnutz nicht angeführt, und die beiden anderen werden nicht ganz einheitlich behandelt. Bei dem einen wird der hybride Charakter betont, während man nur einen litauischen Einfluss feststellt; bei dem anderen wird das Litauische betont, während das Slawische lediglich als Einfluss gilt: „geradėja „Wohltäter“: <…>. Mischbildung aus p. dobrodziej oder wr. добродѣй und lit. gėras „gut“; wobei auch lit. dėti „legen“ herangezogen wurde. <…>; piktadėja(s) „Übeltäter“: <…>. Aus lit. piktas „böse“ und dėti „legen“ nach wr. злодѣй oder p. złodziej gebildet. <…>“. Es muss gesagt werden, dass unter den Vorgängern, auf die sich Skardžius stützt – A. Brückner, A. Leskien, E. Berneker, F. Sommer, E. Fraenkel –, K. Būga fehlt. In Būgas Studie von 1911 „Apie lietuvių asmens vardus“ (übrigens veröffentlicht in „Lietuvių tauta“ – wie später auch Skardžius’ Dissertation) wird im Kapitel „Dvikamieniai sudėtiniai daiktavardžiai galūnėmis -as ir -a vienaskaitos vardininke“ gerade piktadėjas sowie das Neutrum piktadėja erklärt: „;: pa-deio aba padare Širvydo PS 155, “ K. Būg RR I 216. Somit wird die Wortbildung ohne jeden slawischen Einfluss erklärt! Und erklärt wird, was Skardžius überhaupt nicht erklärt und was sich nicht durch Entlehnung erklären lässt: Die Endung -a der Neutrumformen geradėja, piktadėja kann nicht von der slawischen Endung -ej stammen! Für die Neutra der „zweistämmigen Zusammensetzungen“ (d. h. Komposita), die Personen bezeichnen, führt Būga dort eine ganze Reihe an – akiplėša, daugnora, gal(v)žuda, gernora, naktibalda, niektauža, pasalkandė, pikžodžia, saunora, varlamuša, … Und 58 Auch in Būgas Studie „Lituanica“ von 1912 wird im Abschnitt „К вопросу о хронологии литовских заимствований с русского“ argumentiert: „В слово nedelia введено é из *deti „делать“ (ср. pa-deio oder padare Ширвид Sak. Punktay 15524, pa-deii „помогать“, gera-dej-a-s „добро-дей“)“ K. Būg RR I 346. Somit wird auch geradėjas mit dėti in Verbindung gebracht, und zwar konkret mit seiner Bedeutung „machen“, die (nur?) bei K. Sirvydas belegt und auf etwas eigentümliche Weise angeführt ist: *dėti „делать“. So ergibt sich ganz unerwartet, dass geradėjas, piktadėjas nicht nur litauische Wörter, sondern auch semantisch ebenso motiviert sind wie geradarys, piktadarys! Būga verwies auf die kurze Wendung padeio aba padare [in alten Schriften werden die Synonyme der Konjunktion a(r)ba / alba häufig verbunden], zudem ohne polnisches Textäquivalent, denn er stützte sich nicht auf das zweisprachige Original von 1629, sondern auf Richard Garbe’ees nur litauischen Nachdruck von 1884. Im Original von 1629 steht: Sukietino weydus saw tabiau negi vota. Sirdi sawo padeio aba padare kayp adamantu / akmeni kiečiausi – Serce swe uczynili iáko diámént kamień natward[3]y [I 381]. Nicht zu vergessen: Die Übersetzung stammt aus dem Litauischen, nicht aus dem Polnischen! Im LKŽ II1 gibt es keinen Eintrag für das Wort dėti in diesem Satz von Sirvydas (und auch im LKŽ II2 nicht). Im LKŽ II2 bedeutet machen 11. „herstellen“, aber nur „(bestimmte Speisen)“ – Käse, Würste, Kohl –; der Zusammenhang mit der Grundbedeutung ist klar (und das Einlegen von Kohl kommt ihr sogar sehr nahe). Mehr verrät machen, Unterbedeutung 1: „sich mit etwas überziehen, sich an der Oberfläche bilden (bei Eis, Kruste usw.)“ (ebenso bei Schorf, Schorfkruste, Krätze) – hier geht es wirklich eher ums Entstehen als ums Sich-Ziehen. Am meisten und wohl besonders charakteristisch spricht machen, Bedeutung 18, reflexiv: „werden, geschehen, sich ereignen“, besonders solche Sätze: Das Wetter wird davon kalt Zapyškis. Uns ist ein Unglück zugestoßen – wir wurden bestohlen Darbėnai. Besonders ein Unglück geschah, denn dies ist ein systemisches – paradigmatisches – Phänomen, während die häufig vorkommende 3. Person geschieht nur reflexiv erhalten geblieben ist – bereits ein Zeichen für den Zerfall des Paradigmas. Das bezeugt sowohl die Archaischheit als auch den Reliktcharakter der Semantik. Übrigens ist auch die Form destis in dieser Bedeutung bei Sirvydas belegt: So geschah es mit dem Teufel (so ergeht es dem Teufel), Punktai sakymu II 70. Weitergehende Überlegungen zur Semantik von dėti sind hier nicht nötig; interessant ist nur der Vergleich mit lettisch dēt – dessen ursprüngliche Semantik ist geschwunden, aber dēties „werden“ ist nicht nur neben dem üblichen likties (oder notikt) weiterhin gebräuchlich, sondern auch die ursprüngliche Form dēties. Einiges, aber nicht alles, verrät die Fortsetzung dieser Geschichte. In dem 1939 erschienenen Sprachratgeber „Kalbos patarėjas“, redigiert von A. Salys und P. Skardžius, fehlen geradėjo, niekadejo und piktadėjo. Sie fehlen aber auch in Pranas Skardžius’ grundlegender Studie „Lietuvių kalbos žodžių daryba“ (Vilnius, 1943), was bedeutet, dass Skardžius sie nicht als litauische Wortbildungen betrachtete. Und Antanas Salys? Im zweiten Band des „Lietuvių rašomosios kalbos žodyno“ (Heidelberg, 1951), zusammengestellt von M. Niedermannas, A. Sennas und inzwischen auch A. Salys, stehen niekadejas, -o = niekadarbis, -bė – so werden also auch geradėjas, -o = geradaris, -rė (geradėjystė = geradarybė) im ersten Band (1932) aufgeführt, zusammengestellt von M. Niedermannas, A. Sennas und F. Brenderis. Etwas anders verhält es sich im dritten Band, den A. Sennas und A. Salys zusammenstellten und in dem Salys vielleicht schon mutiger war – piktadėjas, -o (veraltet) = (rlt.) piktadarys, -rė; piktadėjystė, -ės (veraltet) = (rlt.) piktadarybė. Die Abkürzung rlt. bedeutet „reinlitauisch (Hinweis auf die 59 einheimische Entsprechung eines Fremdwortes); wirklich litauisch“. Somit ist piktadėjas ein wirklich litauisches Äquivalent, aber ist es tatsächlich ein Fremdwort? Schließlich trägt es noch die Kennzeichnung veraltet. Handelt es sich hier nicht um einen lexikografischen Kompromiss zwischen Salys’ Auffassung und der weitgehend etablierten Normierungspraxis? Nicht so sehr aus zwingender Notwendigkeit wie um der Vollständigkeit willen muss die Geschichte fortgeführt werden. In seiner Arbeit „Das Verb in Konstantinas Širvydas’ „Punktai sakymu“ (Index)“ führt K. Morkūnas für das Wort padėti nur die üblichen Bedeutungen „hinstellen, hinlegen; helfen“ an, nicht aber „machen“, obwohl er die von Būga erwähnte Form padėjo belegt (I 381) LKK XX 172. J. Balčikonis bemerkte 1957 kurz zu dem Wort geradėjas (=geradarys): „Die zweite Hälfte dieses Wortes, „-dėjas“, ist dem polnischen Wort „dobrodziej“ entlehnt.“ J. Balč RR II 283. Im einleitenden Aufsatz zur Ausgabe der Schriften Balčikonis’ von 1978 ordnen Aldonas Pupkis und Vytautas Mažiulis geradėją den Hybridbildungen zu und betrachten -dėjas sogar als Suffix (ebd., 30), lösen es also gewissermaßen von dėti. 1988 führt Zigmas Zinkevičius geradėją und piktadėją unter „verschiedenen Lehnübersetzungen und Umformungen“ an und merkt dazu an: „Zu -dėjas vgl. dėti“ LKI III 138. Kurz vor der Reinschrift erschien wie Phileas Fogg Birutė Kabašinskaitės „Lietuvių kalbos liaudies etimologija ir artimi reiškiniai“ (Vilnius, 1998). Geradėjas wird im Unterabschnitt „Der Zusammenhang zwischen Kontamination und Volksetymologie“ sehr knapp behandelt: gera-d-ėj-as „Wohltäter“: *geradėjas (vgl. poln. dobrodziej, altbelaruss. dobrodėj „ebd.“)“ und dėti (dėjo)“ (81). Sie stützt sich auf Skardžius und seine Vorgänger. Im selben Unterabschnitt wird erneut die Wirkung von dėti angeführt: „nedėlia, nedėlė ‚Woche, Sonntag‘ (vgl. altbelaruss. nedėlja ‚ebd.‘) wurde durch das Wort dėti beeinflusst“ (86). Hier stützt sie sich auch auf die von mir erwähnte Verbindung, die Būga herstellt (K. Būg RR I 346), hat aber nicht verstanden, dass Būga dėti hier in der Bedeutung „machen“ heranzieht (also wird ne-dėlia ebenso wie slaw. ne-dėlja als „Nicht-Tun“, d. h. als arbeitsfreier Tag, motiviert!). Im Kapitel „Volksetymologien“ wird versucht, ein slawisches Vorbild für das Wort niekadėjas zu finden: „niekadėjas …“ (vgl. russ. niegodiai „ebd.“ und andere slawische Wörter), nach niekas, dėti umgebildet, hat die Unterbedeutung „jemand, der an nichts schuldlos, an nichts beteiligt und über etwas unwissend ist“ angenommen (LKŽ VIII 771 ff.)“ (27). Es bedarf keiner slawischen Vorbilder, denn geradėjas, piktadėjas, niekadėjas sind litauische Wörter. Ihre Deutung ist seit Langem festgefahren, weil man 1) die einfache Tatsache – die Neutrumformen geradėja, piktadėja – und 2) die von Būga knapp, aber deutlich angegebene litauische Bildung aus dėti „machen“ außer Acht gelassen hat. Diese lange Trägheit wurde auch durch Kabašinskaitė fortgesetzt – sie war wohl die Erste, die sich an eine Erklärung auch der anderen Bedeutung von niekadėjas (ihrer Ansicht nach einer Unterbedeutung) wagte, sich aber weder in Būgas Gedanken noch in die Angaben des akademischen Wörterbuchs vertiefte. Über jene Unterbedeutung, die mich schon lange umtreibt (mit ihr nahm der Gedanke seinen Anfang), werde ich später sprechen. Nun muss die Frage nach dem litauischen Charakter von geradėjo, piktadėjo, niekadėjo auch antithetisch bedacht werden, damit sie überzeugender abgeschlossen werden kann. Das Wichtigste ist der Parallelismus geradėjo – geradario, piktadėjo – piktadario, niekadėjo – niek(a)dario (und andere). 60 Das wäre also selbst dann zu erörtern, wenn geradėjas, piktadėjas, niekadėjas Fremdwörter wären – wie, wann, wo und für wen sind geradarys, piktadarys, niek(a)darys entstanden und gebraucht worden? Und wenn geradėjas, piktadėjas, niekadėjas litauisch sind, wozu dann noch geradarys, piktadarys, niek(a)darys? Geradėja(s) und piktadėja(s) werden in den Dialekten und alten Schriften weiter verbreitet und seit längerer Zeit gebraucht als niekadėjas. Den Angaben des LKŽ III zufolge stammt die sächliche Form geradėja aus der Postille von J. Morkūnas, dem Wörterbuch von K. Sirvydas und den „Punktai sakymų“, der Grammatik von D. Klein; die spätere Form geradėjas stammt aus den Wörterbüchern von P. Ruigys und F. Neselmanas (im Wörterbuch von F. Kurschat: geradėjis). Nicht ganz klar ist jedoch, aus welcher Quelle jeweils geradėjystė stammt – aus dem Katechismus von M. Petkevičius, dem Wörterbuch von K. Sirvydas, der Bibel von S. B. Chilinskis oder dem Wörterbuch von P. Ruigys –, und geradėjysta aus der Postille von J. Morkūnas. Auch geradaris ist ähnlich alt (soweit unsere vergleichsweise jungen Schriften zurückreichen) – es findet sich in der Postille von M. Daukša; geradarystė und geradarymas im Wörterbuch von K. Sirvydas. Aus den Dialekten wird geradaris in vielen Orten belegt – Skapiškis, Kupiškis, Joniškėlis, Žemaičių Kalvarija. Für die Zeitgenossen sind den Angaben des LKŽ IX zufolge folgende Formen belegt: piktadėja, piktadėjas, piktadaris (-ys): piktadėja – bei B. Vilentas, in den Postillen von M. Daukša und J. Morkūnas, im Wörterbuch von K. Sirvydas und den „Punktai sakymų“, im Wörterbuch von Krauzė; piktadėjas – in der Postille von M. Daukša, bei M. Mažvydas, B. Vilentas, J. Bretkūnas und S. Bitneris, im Wörterbuch von F. W. Haack, bei P. Ruigys und im Wörterbuch von F. Kurschat (-is in der Bibel von L. J. Rėza und bei S. Daukantas); piktadėjystė – im Wörterbuch von K. Sirvydas; piktadaris – im Wörterbuch von K. Sirvydas; piktadarys – in der Postille von M. Daukša und im Wörterbuch von K. Sirvydas; piktadaringas – im Wörterbuch von K. Sirvydas. Aus den Dialekten wird piktadarys nur aus Smalvos genannt, piktadariauti aus Stačiūnai; eine weitere dialektale Verbreitung geht aus verschiedenen späteren Wörterbüchern und Schriften hervor. Eine areale Abgrenzung von geradėjas – geradaris und piktadėjas – piktadaris gibt es nicht und hat es nie gegeben. Der Unterschied liegt woanders – geradarys, piktadarys sind selbst durchsichtig, und man sagt geradarystę / piktadarystę daryti, während die Motivation von geradėjas, piktadėjas (übrigens semantisch gleichwertig) bereits verblasst ist; geradėjystę / piktadėjystę padėti ist nirgends mehr belegt, sondern nur noch padaryti: Kada anas kam padarė geradėjystą Armoriškė (LKŽ III). Žmonės padaro tankiai piktadėjystę dėl menko pelno Jonas Balvočius-Gerutis (LKŽ IX). Ist dieser Unterschied auch chronologisch bedingt? Wahrscheinlich: Als geradėjas, piktadėjas die Bedeutung „tun“ des Wortes dėti (fast) verlor und dadurch seine motivationale Durchsichtigkeit einbüßte, entstand (oder verbreitete sich erst?) geradarys, piktadarys. Auch wenn diese Chronologie nicht sehr wichtig ist, wird sie durch den Vergleich von niekadėjo und niekadario gewissermaßen bestätigt: Den Angaben des LKŽ VIII zufolge ist niekadėjas (-us, -is) in der Bedeutung 2. „jemand, der zu nichts taugt, ein Taugenichts“ erst spät belegt – im Wörterbuch von M. Miežinis und im Wörterbuch von A. Juška (aus den Dialekten: Dusetos, Plateliai); Bedeutung 3. „jemand, der nichts Ernsthaftes tut, ein Nichtstuer, Faulpelz“ findet sich im Wörterbuch von P. Ruigys (aus den Dialekten: Prienai, Krosna). Dagegen ist niekudarys (-is) in der Bedeutung 2. „jemand, der Dummheiten macht, ein Wirrkopf, Spaßmacher, Scherzkeks, Schelm“ in der Postille von M. Daukša, im Wörterbuch von K. Sirvydas sowie im Wörterbuch von F. Kurschat belegt (aus den Dialekten: Merkinė, Giedraičiai, Žemaičių Kalvarija); Bedeutung 1. „jemand, der Unsinn macht, ein Faulpelz, Müßiggänger“ findet sich bei A. Baranauskas und in späteren Schriften. Die Variante niekadarys ist in den Bedeutungen 1. „jemand, der Unsinn treibt, ein Taugenichts“ und 2. „jemand, der Wertloses herstellt“ nur aus einzelnen Schriften bekannt. 61 Niek(a)dario möglicherweise etwas frühere Verbreitung könnte sowohl die große Zahl seiner Synonyme (anders als bei geradario und piktadario) als auch deren teils nur enge oder recht begrenzte Verbreitung und gelegentliche Mehrdeutigkeit erklären: niekadarbis 1. „jemand, der Unsinn treibt, sich mit Nichtigkeiten beschäftigt“ (Wörterbuch von A. Juška, Lieder von A. Juška, Girkalnis) (auch niekdarb(i)uoti – Skirsnemunė, Tilžė), 2. „Müßiggänger, Faulpelz, Nichtstuer“ (auch niekdarbystė – Wörterbuch von F. Kurschat), 3. „jemand, der etwas schlecht macht, ein Grobian“ (J. Šlapelis), 4. „jemand, der herumalbert, ein Spaßmacher, Scherzkeks“ (Wörterbuch der litauischen Schriftsprache II); niekadarbis (Kupiškis, Palevenė), siehe niekadarys; niekdirbys „jemand, der sich mit Nichtigem, Unnötigem und Nutzlosem beschäftigt“ (Kairiai, M. Šalčius); niekadirbys (Schriften), siehe niekadarys; außerdem selten dykadárbis 2. „jemand, der Unsinn treibt“ (Dusetos) (1. „jemand, der umsonst arbeitet“). Hier muss man auch eine gewisse semantische Unbestimmtheit berücksichtigen, die vom ersten Glied abhängt: „jemand, der nichts tut – ein Faulpelz“ lässt sich leichter von „jemand, der Unsinn macht“ unterscheiden, doch die Doppeldeutigkeit Letzteren – „Unsinn – Untaten“ und „Unsinn – Belangloses oder Unsinniges“ – verwischt sich häufig. In dieser Hinsicht unterscheidet sich von piktadario auch dessen seltenes Synonym blog(a)dāris (-ys) „jemand, der schlecht handelt“ (LKŽ I₂): blogas bedeutet sowohl „schlecht“ (entspricht piktas – piktadarys) als auch schlicht „untauglich“. Für das Thema dieses Artikels ist das jedoch nicht besonders wichtig. Man könnte noch anmerken, dass für das Verhältnis von niek(a)dario zu niekadeju möglicherweise auch ein anderes, noch unerforschtes Wort eine gewisse Rolle gespielt haben könnte: niekadejas. Doch sei's drum. Das LKŽ VIII betrachtet dieses niekadejo anders als B. Kabašinskaitė nicht als Nebenbedeutung des zuvor besprochenen Wortes, sondern im Gegenteil: xniekadejas 1. „jemand, der unschuldig und unbeteiligt ist und von etwas nichts weiß“. Dies ist jedoch kein Wort aus den alten Schriften. Das ist kein Hinweis darauf, dass es neu wäre – vielleicht wurde es schlicht thematisch nicht gebraucht, vielleicht wurde es aus dem riesigen Vorrat einfach nicht in die Wörterbücher aufgenommen. In den Dialekten ist es sowohl bei den Aukštaiten (aber nicht im Osten) als auch bei den Žemaiten bekannt: Tėvas dedas niekadėju Joniškis. Išvertė pieną ir stovi kai niekadėjas Marijampolė. Eina kaip niekadėjas, lyg niekas nieko (als wäre nichts geschehen) Šunskai. Pats nulaužė peilį, pametė po suolu ir sėdi niekadėjas Seredžius. Aš tyčia viską režiu į akis, o jin tyli kaip niekadėja Joniškis. Iš ryto sugrįžęs namo, kaip niekadėjas su kitais dirbau laukuose V. Pietaris. (Ein Satz aus dem LKŽ VIII ist noch übrig, wird aber später gebraucht.) Handelt es sich hier also um eine gewöhnliche Bedeutungsentwicklung (ob man es nun wie das LKŽ VIII oder umgekehrt wie B. Kabašinskaitė auffasst), um Enantiosemie oder vielleicht sogar um Homonymie? Bei der Suche nach einer Antwort helfen die folgenden Belege (die B. Kabašinskaitė gar nicht erwähnt) – zunächst xniekadeja Adverb, 1. „als wäre nichts geschehen“: Čia jam niekadėja pamaži bevaižiuojant su sykiu pradėjo labai skaniai kvepėti A. Schleicher, „Litauisches Lesebuch und Glossar“, S. 185. Atėjo ir sėdi sau niekadėja Griškabūdis. Aš taip, lyg nieko nemanydamas, niekadėja nuėjau ir užtikau juos vagiant Sudargas (2. „unabsichtlich“ im Wörterbuch von F. Kurschat). Auffällig ist, dass weder das Substantiv niekadėjas 1. noch das Adverb niekadėja areal für Entlehnungen aus dem Slawischen charakteristisch ist (auch nicht für Übersetzungslehnwörter oder hybride Bildungen). Am wichtigsten ist die völlig nachvollziehbare Motivation, die anders als bei niekadėjo 2. und 3. nicht verblasst ist. 62 Hier muss erklärt werden, warum es kein substantiviertes Neutrum niekadeja gibt, wenn es geradėja, piktadėja gab. Wenn geradėja, piktadėja nicht bis in unsere Zeit überdauert haben, dann hat die Adverbialisierung die Neutrumform niekadaėja vielleicht noch schneller verdrängt (obwohl das gemeinsame Genus sie ohnehin als bequemere – distinktivere – Form verdrängte). Das Empfinden für das Litauische wird mehrfach gestärkt und gefestigt dadurch, dass andere Adverbialformen derselben Bedeutung mit dem nichtlitauischen Element -dėjas (angeblich litauisiert) eindeutig nicht gleichzusetzen und nicht in Verbindung zu bringen sind: niėkdėlė 1. „ohne irgendeinen Zweck, als habe man nichts vor, gleichsam zufällig“: Aš taip sau, niėkdėlė Eržvilkas. Ir pas mus niėkdėlė užsuk Jurbarkas (2. „heimlich, ohne dass jemand es sieht“: Kai jie visi susės valgyti, tu niėkdėlė prislįnk prie lango ir pasiklausyk, ką jie šnekės Skirsnemunė); nuleisti niėkdėlė „keine Beachtung schenken“: Jisai nuleido niėkdėlė Daukšiai; niėkdėliais (niėkdėliais J. Barono žodynas, 1932) siehe niėkdėlė: 1. Niekdėliais ims by ką man ir pagerins: taip prie lengvesnio darbo pastatys, tai pasiūs kur ant kokio pusdienio Žemaitė (2. Tu jam niekdėliais pasakyk, kad kiti negirdėtų Girdžiai); niėkadėliais „als wäre nichts geschehen“ (J. Jablonskis). Hier ist es bereits russ. niegodiai – davon ist keine Spur zu sehen. Auch von einer Entwicklung aus niekadejo „Übeltäter“ ist nicht die geringste Spur zu finden. Im Gegenteil: Diese Adverbien sind zweideutig. Es gibt sogar ein Substantiv, das semantisch niekadeją 2. und 3. ähnelt: 1niėkdėlis „minderwertige, untaugliche Sache, Kleinigkeit“: Ne be to, kad niėkdėlis neįkliūtų ir bobai kuriai Žemaitė; 2niėkdėlis, -ė „Nichtstuer, Faulpelz“: Ta niėkdėlė nieko nedirba, tik tinginiaują Panevėžys. Der letzte Satz erweitert das Verbreitungsgebiet erheblich (obwohl es auch dort Lücken gibt). Nun ist es an der Zeit, uns an den ausgelassenen Belegsatz zu niekadejo 1. zu erinnern: Nieku dėjęs (kaip niekadeja) nuvėjau pas kaimyną Kvedarna. Er steht nicht an seinem Platz, lenkt unsere Aufmerksamkeit aber in eine weitere notwendige Richtung – zur Phraseologie des Pronomens und Substantivs niekas (niekai): 1niekas pron. def. – nieku dėjęsis „als hätte man nichts getan, als wäre nichts geschehen, sich verstellend“: Į stubą įėjęs sėdos kai pirm to nieku dėjęs[is] prie vakarienės K. Jurkšaičio pasakos 11 (auch in den Wörterbüchern von F. Neselman, F. Kurschat und A. Juska); niekų (niekuõ) dėtas (nedėtas) „aus irgendeinem Grund, mit nichts zu tun habend, nicht beteiligt, unschuldig“: Buvo bajoraitis vaikiukas niekuo nedėtas, bet plikis M. Valančius. Jis niekuo nedėtas (nenusidėjęs), nekaltas J. Jablonskis; 2niekas sm. – nieku dėti „keine Beachtung schenken“: Jis nieku dėjo, kad ana durna, by tik graži Švenčionys; 1niekai sm. pl., niekai – niekais leisti (nudėti) „keine Beachtung schenken“: Aš tą vekselį niekais nudėjau Veiveriai. Es bleibt also nur, diesen semantischen Komplex der litauischen Motivation von niekadejo 1., niekadeja adv., niekdėlė, niek(a)dėliais durch einschlägige Angaben zu den Bedeutungen und zur Phraseologie des Wortes dėti zu vervollständigen: dėti 14. „(als etwas) bezeichnen“ <…>|| „(für etwas) halten“: Ar tu esi beprotis, ar mane už beprotį dedi? Kartena. Ji buvo gražuole dedama J. Balčikonis; 17. „sich verstellen, so tun als ob“: Deda negirdų Tverečius. Juoku dėjusis ir pasakiau Šatės [Čia įdėta ir: Nieku dėjęsis (tartum be priežasties), nuėjau prie kaimyno Kvedarna]; 19. refl. impers. „scheinen“: Kaip tau dedas, ar jis gerai padarė? Daugel iškis; dėti ant juoko „zum Gespött machen“: Ką čia save dedi ant juoko su tais niekais! Darbėnai; kaip dedamas „nicht reagieren, gleichgültig sein“: Juk ans žmogus ir yr kaip dedamas (was immer du mit ihm machst, er sagt nichts) Salantai; to dėtas „dafür bestimmt“: 63 Ta diena to dėta – važiuokim, kad ir lyn Plateliai. Hier passt sogar die Phraseologie von dėmės (: dėi) dazu: dėl dėmės „zum Schein, nicht ernsthaft“: Dėl dėmės dirba vaikiš, t. y. dėl slisties [t. y. dėl akių] A. Juškos žodynas; tą dėmę daryti „so tun, als ob man etwas täte“: Ans darbo nedirba, tik tą dėmę daro Kvedarna; tai dėmei „einfach so, nebenbei“: Ans yr tik tai dėmei, o nieko nedirb Kretinga. Dieser Beweis lässt sich mit der Darstellung im zweiten Band des „Wörterbuchs der litauischen Schriftsprache“ abrunden: niekadėja Adv. „ohne bestimmte Absicht, von ungefähr“ (mit dem zitierten Satz von A. Schleicher), niekėle Adv. „unverzüglich, ohne Verzug“ (hier wurde mangels umfassenderer Angaben und wegen des Missverständnisses des zitierten Textbelegs ein Fehler gemacht: Vieną sykį jam parėjo į galvą mintis aprašyti visa, ką pergyveno; taip jis niekėle paėmė stalą ir ant jo užrašė visą nuotykį), niekėdeliais Adv. = niekėdele. Somit gibt es keinerlei Hinweise oder Merkmale für Fremdheit, keinerlei rlt.-Entsprechungen (rein litauische Entsprechungen). Folglich ist es zweifellos litauisch. Niekadėjas „Täter von Unsinn und Übeltaten – jemand, der Schlechtes tut (Übeltäter)“ und „jemand, der mit nichts zu tun hat – (nicht) dafür gehalten wird, (nicht) so erscheint (?)“ sind Bedeutungen, die weit auseinanderliegen und durch sehr unterschiedliche Bedeutungen von dėti motiviert sind; doch sollte man hier weder Homonymie noch Enantiosemie annehmen. Schlussfolgerungen 1. Geradėjas, piktadėjas, niekadėjas sind rein litauisch und keine slawischen Hybridbildungen. Die geschlechtsneutralen Formen geradėja, piktadėja machen einen slawischen Ursprung völlig unmöglich – -a kann nicht aus slawisch -ej stammen. Die Bedeutung des zweiten Bestandteils dėti ist „tun“, folglich sind die Wörter ebenso motiviert wie ihre Synonyme geradarys, piktadarys, niek(a)darys. Die Bedeutung von dėti „tun“ ist archaisch – sie lässt sich nicht nur anhand des Beispiels aus K. Sirvydas’ „Punktai sakymų“ nachweisen, das K. Būga bereits 1911 angeführt hat: padėio aba padare (I 381), sondern auch anhand der Bedeutung „werden“ von detis (Das Wetter wird davon kalt Zapyškis), sowie anhand weiterer relikthafter semantischer Belege (auch lettisch dēties – neben likties oder notikt). Dass Geradėjas vorhanden war, hat vielleicht gerade das Eindringen einer slawischen Bildung desselben Modells verhindert: dobrod(z)iejus (die slawische Entlehnung dobras „ziemlich gut, groß“, dòbrai, dòbriai hat sogar die nördlichen Hochlitauer erreicht). Die Synonyme geradarys(-is), piktadarys(-is), niek(a)darys(-is) sind semantisch durchsichtig und ebenfalls seit Langem bekannt – sie entstanden (oder verbreiteten sich erst), als geradėjas, pikta-dėjas, niekadėjas, durch den (fast vollständigen) Verlust der Bedeutung „tun“ beim Wort dėti ihre motivierende Durchsichtigkeit einbüßten. 2. Die unbelegte Auffassung, dass niekadėjas mundartlich „jemand, der unschuldig, an nichts beteiligt ist und von etwas nichts weiß“ bedeutet (Tėvas dedas niekadėju Joniškis), sei eine Bedeutungsnuance von niekadėjas nichtlitauischer Herkunft – lässt sich noch leichter widerlegen. Für den litauischen Ursprung spricht die offenkundig litauische Motivation des Adverbs niekadėja 1. „als wäre nichts geschehen“ (Atėjo ir sėdi sau niekadėja Griškabūdis) (2. „zufällig“): [„so getan, als habe man nichts damit zu tun; mit nichts (nicht) befasst“], insbesondere die Varianten niekėle, niek(a)dėliais 1. „ohne irgendeinen Zweck, als habe man nichts vor, gleichsam zufällig“ (Ir pas mus niekėle užsuk Jurbarkas) (2. „heimlich, ohne dass jemand es sieht“), nuleisti niekėle „keine Beachtung schenken“ 64 (Er ließ ein Nichtslein sinken Daukšiai) und das Substantiv niekėdelis „ein minderwertiger, untauglicher Gegenstand, eine Kleinigkeit“ (niekėdelis, -ė „Müßiggänger, Faulpelz“). 3. Bei der Erörterung der Normgemäßheit der Wörter geradėjas, piktadėjas, niekadėjas sind sowohl die Wiederherstellung des Litauischen als auch die Tradition und der Stil zu berücksichtigen. Übrigens wurde niekadėjas in der Bedeutung „jemand, der nichts dafür kann“ in der Standardsprache kaum verwendet. Eingegangen am 26.01.1999 LITERATŪRA J. Balč RR II – Balčikonis J. Rinktiniai raštai 2, Vilnius: Mokslas, 1982. K. Būg RR I – Būga K. Rinktiniai raštai 1, Vilnius: Valstybinė politinės ir mokslinės literatūros leidykla, 1958. KNK – Kaip nereikia kalbėti. Sudarė Danguolė Mikulėnienė, Vilnius: Mokslas, 1991. KPP1 – Kalbos praktikos patarimai. Sudarė Aldonas Pupkis, Vilnius: Mokslas, 1976. KPP2 – Kalbos praktikos patarimai. Sudarė Aldonas Pupkis, Vilnius: Mokslas, 1985. KT – Kalbėkime taisyklingai. Sudarė Danguolė Mikulėnienė, Vilnius: Mokslas, 1990. LKI III – Zinkevičius Z. Lietuvių kalbos istorija 3, Vilnius: Mokslas, 1988. LKK XX – Lietuvių kalbos klausimai 20, Vilnius: Mokslas, 1980. LKŽ I2 – Lietuvių kalbos žodynas 1, Vilnius: Mintis, 1968. LKŽ II1 – Lietuvių kalbos žodynas 2, Vilnius: Valstybinė enciklopedijų, žodynų ir mokslo literatūros leidykla, 1947. LKŽ II2 – Lietuvių kalbos žodynas 2, Vilnius: Mintis, 1969. LKŽ III – Lietuvių kalbos žodynas 3, Vilnius: Valstybinė politinės ir mokslinės literatūros leidykla, 1956. LKŽ VIII – Lietuvių kalbos žodynas 8, Vilnius: Mintis, 1970. LKŽ IX – Lietuvių kalbos žodynas 9, Vilnius: Mintis, 1973. GERADĖJAS, PIKTADĖJAS, NIEKADĖJAS – PURELY LITHUANIAN WORDS Summary The words geradėjas (Eng. benefactor), piktadėjas (Eng. evil-doer, wrong-doer), niekadėjas (Eng. villain, loafer, wrong-doer) are purely Lithuanian and not hybrid Slavonic borrowings. The meaning of their second element dėti (Eng. put) is to do, to make, thus they are motivated as well as their synonyms geradarys (Eng. benefactor), piktadarys (Eng. evil-doer), niekadarys (Eng. evildoer, wrong-doer) (they obviously evolved or spread at the time when the motivation of the former ones faded). The meaning make, do of the word dėti (Eng. put) is archaic, derived from the relics, thus the faded motivation must have stimulated an interest in their origin, which was likely to be found in Slavonic languages. In Lithuanian dialects, the word niekadėjas is known in the meaning ‘the one who has done something’ and thus is obviously motivated. Its ‘Lithuanian-ness’ is supported by the adverbs niekada (Eng. as if nothing has happened), niekdėle, niek(a)dėliais (Eng. with no particular purpose, as if by chance) and the noun niekdėlis (Eng. trifle, a worthless thing) of the same root. 65