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Old Lithuanian “žmuo”, “žmunį” against the background of the Proto-Baltic athematic nouns

Wojciech Smoczyński

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ACTA LINGUISTICA LITHUANICA LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI XLIII (2000) Wojciech SMOCZYŃSKI Jagiellonen-Universität, Krakau ALTLITAUISCHES ŽMUO, ŽMŪNI VOR DEM HINTERGRUND DER PROTOBALTISCHEN ATHEMATISCHEN SUBSTANTIVE* 1. Stlit. žmuõ „Mensch; Bauer“ erscheint in Daukszas „Postylla“ als Reliktwort, das vor dem Neologismus žmógus/žmògiš „dass.“ zurückweicht1, der übrigens auch in der Form mit uo überliefert ist: žmuogus 334₃₅, zmuogus 275₃. Der archaische Charakter des Wortes žmuõ zeigt sich darin, dass es ein defektives Paradigma hat. Es besteht aus drei Formen: Nom. Sg., Akk. Sg. und Nom. Dual., vgl. nach Kudzinowski 1977: I, 472 ff.: Nom. Sg. žmuo 10-mal, zmuo 2-mal (neben žmógus, žmogiš)3 Akk. Sg. žmūni 1-mal, žmūni 1-mal (neben žmógų) Nom. Dual. žmūne 1-mal, žmūne 1-mal (keine Dualformen zum Stamm žmogu-). 2. Die obliquen Formen Akk. Sg. žmūni und Nom. Dual. žmūne erscheinen in Daukszas „Postylla“ in den folgenden Sätzen: Akk. Sg. žmūni: Ko iiemus padėsti bediewes tiesos kurės įstatinėje už žmūni dėsimti grivnų, o už szunį dwidėszimti arba daugiesn’ 339₂₉; Calwinas... pasamdęs žmūni giwą 459₅. Nom. Dual.: du žmūne lipo Bažniczion 313₁₉, du žmūne lipo Bažniczion 314₁₆ 3. K. Būga war der Ansicht, dass den mit Strich versehenen Buchstaben <ú> und <û> in Daukszas „Postylla“ der Wert eines langen /ū/ zuzuschreiben sei und schlug daher vor, den Akk. Sg. als *žmūni und den Nom. Dual. als *žmūne zu lesen4. Die diakritischen Buchstaben <ú>, <û> lassen sich bei Dauksza jedoch ebenso gut als Kennzeichnungen des Akzents auf einem kurzen Vokal /u/ interpretieren. Dafür spricht erstens die identische Schreibung <ú> in žmūni und in den Formen des Wortes „Hund“, von dem mit Sicherheit bekannt ist, dass es im Alt-Litauischen oblique Kasus mit kurzem u hatte, vgl. Akk. Sg. šūni 339₂₉, Dat. Sg. šūni 116₁₅, Nom. Pl. šūnes 5-mal. Vgl. ferner šūke 406₄₇ = šūke * Dies ist eine erweiterte Fassung des Artikels „Starolitewskie žmuo: rekonstrukcja paradygmatu“, der in Collectanea linguistica in honorem Casimiri Polański, herausgegeben von M. Brzezina und H. Kurek, Krakau: Jagiellonen-Universität, 1999, S. 219–229, erschienen ist. 1 Obie te akcentuacje są poświadczone u Daukszy, zob. Kudzinowski 1977: I, 427 n. 2 Siehe Kudzinowski, a. a. O. 3 Vgl. bei Mažvīdas: βmū 5-mal, szmū 2-mal, βmu 1-mal neben βmagus 9-mal und βmogus (zahlreich). Oblique Formen mit dem Stamm žmun- gibt es nicht, siehe Urbas 1996: 441. 4 Būga 1921: 424 (1959: 336). Siehe auch 1959: 214, Anm. 1. 18 „Schale“, súkas’ 139₁ = sùkas (i) „dreht sich“, púse 3x, pússe 2x = pusè „Teil, Hälfte“. Zweitens kann man aufgrund von Schreibungen mit <û>, wie etwa sunùs 256₄₀ = sùnùs „Sohn“, lapùmo 41₃₀ [neben lapùmo 32₄₁] = lapùmo „Hochmut, Stolz“ oder sùnkum as 151₄₀ = sùnkum as „Schwere“, auch dem Buchstaben <û> in der acc.-Schreibung žmùni den Wert eines kurzen /u/⁵ zuschreiben. In den folgenden Ausführungen werde ich mich daher der Transkriptionen acc. sg. žmùni und nom. du. žmùne bedienen. Unabhängig von den Hinweisen, die sich aus der Beobachtung der mit einem Strich versehenen Vokalbuchstaben in Daukszas „Postille“ ergeben, wird der Widerspruch gegen die Lesung *žmùni vor dem Hintergrund der nachfolgenden Erörterungen zur protobaltischen Struktur des betreffenden Paradigmas noch deutlicher werden. 4. Die neben nom. sg. žmùō stehenden Formen acc. sg. žmùni und nom. du. žmùne zeigen, dass es sich hier um ein Substantiv mit dem Suffix -n- handelt, das athematisch, ähnlich wie šùō, šùni, flektiert wird. Ziel der folgenden Bemerkungen ist es, herauszufinden, wie sich neben der Nominativform žmùō ein schwacher Stamm in der Gestalt žmun-. herausbilden konnte. 5. Nach dem Stand der bisherigen Forschung gilt als sicher, dass nom. žmùō die protobaltische Struktur *žm-ōn-Ø aufweist, wobei žm- die Wurzel in der Schwundstufe repräsentiert, während -ōn- das für den indogermanischen asigmatischen Nominativ charakteristische Suffix in der Dehnstufe ist. Für die Analyse *žm-ōn spricht der parallele Aufbau des litauischen nom. sg. šùō „Hund“. Im Unterschied zu žmùō hat das Substantiv šùō ein äußeres Gegenstück, nämlich in Gestalt des vedischen nom. sg. ś(u)vā, und kann daher mit erheblich größerer Wahrscheinlichkeit auf eine baltische Vorform *śwōn < ie. *k’w-ōn-Ø⁶ zurückgeführt werden. Sowohl bei *śwōn als auch bei *žmōn handelt es sich um eine n-suffigierte Bildung, die einst durch den Suffixablaut -on- (acc., voc.⁷):: -n- (gen.):: -ōn- (nom.) gekennzeichnet war. 6. Aus der Identität des Wortbildungsaufbaus der Nominative žmùō i šùō folgt die Wahrscheinlichkeit, dass auch die Flexion dieser beiden Substantive parallel sein wird. In historischer Zeit stellen sich die Flexionsformen, soweit sie vergleichbar sind, wie folgt dar: nom. sg. šùō žmùō acc. sg. šùni žmùni gen. sg. šùnes (*žmùnes) 5 Ebenso Fraenkel, LEW 1320. Es ist erwähnenswert, dass Skardžius 1956: 163 sich aufgrund des treffenden Arguments gegen Būgas Lesung wandte, dass die Endung -uo des nom. sg. niemals mit -ūn- der obliquen Kasus alterniert. 6 Der litauische Reflex setzt eine dissimilatorische Tilgung von w vor *ō voraus, das mit der Zeit zu lit. uo wurde. Gegebenenfalls könnte man hier auch von einer gelegentlichen Vereinfachung der anlautenden Gruppe *św- sprechen. Vgl. lit. šešuras „Vater des Ehemanns; Vater der Ehefrau“, im Altlitauischen auch „Schwager“ < *šwešuras < protobalt. *swešura- < idg. *swek’uro- (avest. xvasura-, gr. hekurós). 7 Vgl. ved. acc. śvánam, voc. śvan. 19 Nom. Pl. šùnes (*žmùnes), Nom. Du. šùne žmùne 7. Kommentar zum Paradigma šùo. 7.1. Litauisch Nom. Sg. setzt idg. *k’w-ōn fort, vgl. Ved. śvá, śúvá (Vok. śvan), Avest. šown (š < *k’w), Gr. kúōn (Vok. kuón). Diese Vorform kann eine Umgestaltung des Nominativs *pk’w-ōn (älter *pek’w-ōn?) widerspiegeln, der auf der Grundlage der Schwundstufe der obliquen Kasus des Typs Gen. Sg. *pk’un-és entstanden ist. Zugrunde liegt diesem Derivat auf -on-/-n- vermutlich ein Wurzel­nomen *pek’u-/*pk’u- „Vieh“⁸. Gemeint ist vielleicht der „Hund“ als „Hüter der Viehherde“. 7.2. Gen. Sg. šùnes (heute šuñs) entspricht hinsichtlich des Ablauts des Suffixes dem Ved. śúnas (statt *śúnás), dem Gr. kunós und kann daher als Fortsetzung eines idg. Genetivs auf *k’u-n-és/ós. gelten. 7.3. Der vedische Akk. Sg. śvánam „Hund“ geht unter Berücksichtigung des Brugmannschen Gesetzes auf *śvá.nam < idg. *k’w-ón-m zurück, d. h. auf eine für den starken Kasus typische Bildung. Das Suffix ist hier vollvokalisch und betont. Angesichts der Übereinstimmung zweier litauischer Formen mit den vedischen Entsprechungen – Nom. šùo wie śvá, Gen. šùnes wie śúnas – wäre zu erwarten, dass auch dem vedischen Akkusativ śvánam im Litauischen *švānį < protobalt. *šw-an-in entspräche. Dem ist jedoch nicht so, denn das Litauische zeigt šù-n-į. Der Akkusativstamm šun- trat vermutlich unter dem Einfluss der Genitivform šùnes an die Stelle von *švan-. Das Motiv für diese Ersetzung ist in der Tendenz zu suchen, den Ablaut im Paradigma während einer vorgeschichtlichen Entwicklungsphase des Litauischen einzuschränken. Im vorliegenden Fall setzte sich an die Stelle der protobaltischen dreigliedrigen Alternation *šwōn:: *šwan:: *šun eine litauische Alternation mit nur zwei Allomorphen, lit. šùo:: šùn. 7.4. Dytematismus vom Typ šùo-:: šùn- stimmt im Wesentlichen mit dem überein, was in anderen konsonantischen Paradigmen beobachtet wird. Bekanntlich kennt die litauische athematische Deklination keine Opposition zwischen starken und schwachen Kasus, sondern beruht auf zwei Stämmen: Der eine ist für den Nominativ charakteristisch, der andere kennzeichnet die Casus obliqui. Der Unterschied zwischen der Deklination šùo, šùni (žmùo, žmùni) einerseits und den übrigen Konsonantenstämmen andererseits besteht nur darin, dass Letztere im Casus obliquus das konsonantische Suffix in der Regel in voller Stufe zeigen (-en-, -er-, -el-, -es-) und nicht in Schwundstufe, wie es bei šù-n-ės, šù-n-i der Fall ist. Vgl. der Reihe nach: (A) litauische Stämme auf -en-: 1. vand-en- (kein *vand-n-, *und-n-, *ud-n-9), Nom. vand-ùo „Wasser“; 2. akm-en- (kein *akm-n-), Nom. akm-ùo „Stein“. 8 Zob. Osthoff 1901: 230. Ostatnio Hamp 1980; Schmitt-Brandt 1998: 147, 207. 9 Vgl. lexikalisch verselbständigte Wörter: (1) lett. ùdens m. „Wasser“ < *undenis), (2) prußisch unds m. Ench. < *undis neben wundan EV. Akk. Sg., zu lesen [undan], vermutlich Neutrum. Die baltischen Formen setzen eine Metathese des Konsonanten n im ererbten schwachen Stamm *ud-n- voraus (Vollstufe: Nom. *wéd-ōr, heth. ù-i-da-a-ar = /wedār/). Vgl. Ved. Abl.-Gen. Sg. ud-n-ás, Lok. Sg. udán, udáni. – Dialektale litauische Formen: unduõ (puntininkai), ondù „Wasser“, ùndens „Wasser“ (Samogitien) enthalten nicht das ererbte und-, sondern gehen lautgesetzlich auf vanduõ zurück, siehe Vitkauskas 1986: 103 ff. 20 (B) Litauische Stämme auf -er-: 1. mot-er- (kein *mot-r-), Nom. mótē „Mutter; Frau“ (vgl. Gen. Sg. lat. mātris, gr. mētrós, skr. mātúr [< *meh₂-tr̥-s]); 2. dukt-er- (kein *dukt-r-¹⁰), Nom. duktē „Tochter“; 3. ses-er- (kein *ses-r-¹¹), Nom. sesuō „Schwester“. (C) Prälitauischer Stamm auf -el-/-ol-: *āb-el-/*āb-ol- (kein *āb-l-¹²), Nom. ábuolas „Apfel“ (lett. ābuõls), obelis neben obalìs „Apfelbaum“. (D) Litauischer Stamm auf -es-: 1. mén-es- (kein *mén-s-, vgl. lat. mēnsis, gr. mēn¹³), Nom. mén-uo „Mond; Monat“; 2. deb-es- < *nebh₂-es-¹⁴ (kein *deb-s-), Nom. debesìs, -iẽs „Wolke“, Gen. Pl. altlitauisch debesų. Die Bedingungen für die Verbreitung von Stämmen mit e-Vollstufe des Suffixes im Obliquus sind bislang nicht untersucht worden. Es lässt sich vermuten, dass Formen des hysterodynamischen Typs im Akk. Sg.¹⁵, die auf dem Suffix betont waren, bei diesem innovativen Prozess eine wesentliche Rolle spielten. 7.5. Bei der Flexion des lit. Wortes „Hund“ findet die Verallgemeinerung der Schwundstufe šun- im Obliquus (Beseitigung von *švan-) eine Parallele im Griechischen. Vgl. lit. Gen. šunès:: gr. kunós, lit. Akk. šùnį:: gr. kúna (Nom. šuõ:: gr. kuōn). 7.6. Angesichts der Rolle des Genetivs Sg. als der Form, von der aus sich der schwache Stamm auf das gesamte Paradigma ausbreitet, seien beispielhaft diejenigen litauischen und slawischen Substantive angeführt, die ausschließlich in der Schwundstufe belegt sind: (A) Schwundstufe der Wurzel: 1. lit. širdìs f. „Herz“, Akk. šìrdį, urslaw. *sъrdь-ce ⇐ protoslaw. Akk. *sъrd-in, eine nach dem Gen. *sъrd-és < idg. *ḱṛd-és modellierte Form (Vollstufe: lit. šérdį „Baumkern; Glockenherz“ ⇐ *ḱerd-, hom. gr. kēr, heth. kēr¹⁶); 2. lit. dùrės Pl. „Tür“ ⇐ Gen. ¹⁰ Doch außerhalb des Paradigmas gibt es ein Derivat, das den ererbten Stamm *duk̑tr- bezeugt. Es handelt sich um lit. pódukra „Stieftochter“ < *pā-duktr-ā. Was simplex dukrà „Tochter“ betrifft, so ist dies eher ein Decompositum im Verhältnis zu pódukra als ein Suffixderivat, *duk̑tr-ā. ¹¹ Vgl. ved. Gen. svásur (*swésr-s-), got. swistrs sowie die Tatsache, dass im Slawischen als Spur von *sesr- das Derivat *sesr-ā, aksl. sestra „Schwester“, erhalten ist. ¹² Der Schwundstufenstamm *āb-l- ist durch slawische Derivate belegt: aksl. jābl-anъ, -i f. „Apfelbaum“ (< *ābl-ōn-) und *abъlъko „Apfel“ (< *ābl-u-ko-). Zweifelhaft ist hingegen, ob auch das Preußische einen solchen Stamm kannte. Pruß. woble „Apfel“ (Elbinger Vokabular), ein Hapax, alterniert mit dem konsequenten *(v)ābel- im Grunauer Vokabular: wabelcke, wabelko, wobelke. woble kann also eine sekundäre, synkopierte oder orthographisch eingedeutschte Form sein (dazu siehe Smoczyński 1986: 36 f.). ¹³ Der Stamm *mēn-s- wurde auch im Slawischen fortgesetzt, obwohl er dort eine Reihe von Umformungen erfuhr: > 1. *mēns-i- ⇒ 2. *mēnsi-ko- > 3. [Metathese von n] *měsinko- > 4. aksl. měsečь. Für die Phasen 1–2 gibt es Parallelen in der slawischen Behandlung des idg. Stammes *sh₂-ul- „Sonne“: ⇒ *sul-ni- ⇒ *sul-ni-ko- > aksl. sъlnьce (vgl. § 7.6. B). měsečь wird anders etymologisiert von Erhart 1998. ¹⁴ Vgl. ved. nábh-as- n. „Feuchtigkeit; Nebel; Wolke“, nábhasī Dual. „Himmel und Erde“; aksl. nebo, nebese „Himmel“. ¹⁵ Zur Terminologie für Flexionstypen, die durch bewegliche Akzentuierung und Ablaut gekennzeichnet sind, siehe Schindler 1975, Rix 1976: 123. ¹⁶ Die Dehnstufe, die den Nom. Sg. kennzeichnete, ist für die akute Intonation des lit. Stammes šérd- verantwortlich; der Akut im Schwundstamm šìrd- ist dagegen analogisch nach dem Nom. Sg. gebildet. 21 idg. *dʰur-ós (Vollstufe *dʰwor-, aksl. dvorъ „Ort hinter der Tür“¹⁷); 3. aksl. krъvь „Blut“ ⇐ urbalto-sl. Akk. *kruw-i-n¹⁸ < *kruH-in, eine nach dem Gen. *kruw-és < idg. *kruh₂-és nachgebildete Form (Vollstufe: ved. kravi-s, gr. kréas „blutiges, rohes Fleisch“ < *kréwh₂-s-¹⁹; 4. aksl. vьsb „Dorf“ ⇐ idg. Gen. *wik’-ós (Nom. *woyk’-s, vgl. altlit. vieš-pats „Herr“, altpreuß. steimans buttas waispattin Dat. Pl. „den Hausfrawen, den Herrinnen des Hauses“, gr. oíka-de „nach Hause“). (B) Schwundstufe sowohl in der Wurzel als auch im Suffix: 1. aksl. sъnъ „Schlaf“ < *sopnъ ⇐ idg. Gen. *sup-n-és²⁰ (Nom. *swép-ōr, lat. sopor, -oris m. „tiefer Schlaf“, lit. sãpnas „Traum“); 2. aksl. dьnь, dьn-e „Tag“ ⇐ idg. Gen. *di-n-és (Nom. *dy-ōn/*dy-ēn)²¹; 3. urslaw. *sъl- aus idg. *sh₂-ul- „Sonne“ (⇒ *sul-ni-²² ⇒ *sulni-ko- > aksl. sъlnьce)²³; 4. ostlit. bruvís f., altkirchenslaw. brъvь ⇐ urbalto-sl. Akk. *br-uw-in²⁴; 5. urlit. *dr-u- „Baum“ (vgl. ved. dros Gen. Sg. „Holz“ < *dr-ew-s, gr. drûs f. „Baum“, drutómos „Holzfäller“) ist die Grundlage des vṛddhi-Derivats lit. dervà f. „Harzbaum; aus Holz gebranntes Pech“ < *d-e-rw- + -ó- „aus Holz, hölzern“²⁵; 17 Problematisch ist die Form aksl. dvьri Pl. „Tür“, russ. dverь, und zwar vor dem Hintergrund des Fehlens einer Form *dōri mit antevokalischem Allomorph *dur- wie in lit. dùres, sekundär dùrys „Tür“. Das Vorhandensein eines silbischen r nach v (vьr) setzt jedenfalls eine Sequenz *wr-C voraus, nicht *wr-V; vgl. slaw. četvŕt-ō:: lit. ket-vìr-tas „vierter“ (aber ket-ur-i „vier“). Es liegt die Vermutung nahe, dass die slawische Bezeichnung für „Tür“ ein Derivat mit konsonantischem Suffix ist, *dwir-yo- < *dʰur-yó-. Der Bau entspricht dem gr. thâirós m. „Angeln, um die sich eine Tür dreht“ < *tʰwar-yó-. 18 Vgl. das adjektivische Derivat lit. krùvi-nas „blutig“ = aksl. krъvь-nъ „verwandt, blutsverwandt“. 19 Der litauische Reflex dieses Prototyps wäre *kriáuš-. Was lit. kraujas „Blut“ betrifft, so bleibt der Bau dieser Bildung aufgrund (a) des Zirkumflexes und (b) des Diphthongs au nach einem harten Konsonanten rätselhaft. Man kann ein thematisches Derivat *krewh₂-o- „blühend“ annehmen > (Schwund des Laryngals) *krewo- > *krowo- (vgl. aksl. novъ:: gr. néos „neu“) > urbalto. *krava-, von dem mit dem Suffix -yo- das Kollektivum kraujai gebildet wurde? 20 Hier und im Folgenden lasse ich in der Rekonstruktion der Genitivendung die ablautende Variante *-ós außer Acht. 21 Dieselbe Schwundstufenbasis setzt das litauische vṛddhi-Derivat dienà „Tag“ voraus < *deynā < *deyn-eh₂- ⇐ *d-e-y-n + -ó-, von *din-. Vgl. den Typ diẽvas „Gott“ < *d-e-yw-ó- „mit dem Himmel verbunden“, von *diw- ⇐ *dy-ew- „Tageshimmel“. Siehe zuletzt Smoczyński 1998: 62 f. (mit Literaturangaben). 22 Das Suffix ist wohl nach og-nъ „Feuer“ gebildet, vgl. ved. ag-ni-. 23 Der urslawische Schwundstufenstamm *sōl- < *sh₂-ul- ist einerseits mit ved. Gen. súras < *suh₂-és (dies aus Metathese von *sh₂-ul-) vergleichbar, andererseits mit dem Vollstufenstamm *sh₂-wel- in ved. svàr-/súvar- n. „Sonne“. Lit. sáulė hingegen sieht wie ein vṛddhi-Derivat aus einem metathetischen Schwundstufenstamm aus: *sh₂-ul- > *suh₂-l- ⇒ *s-e-wḱ-l-ó- Adjektiv „sonnig“ > urbalto. *sāwla-. Von einem solchen Adjektiv wurde offenbar ein Derivat auf -iyā- gebildet, *sāwlyā, das schließlich substantiviert wurde. Siehe zuletzt Bader 1995, die für lat. sōl die Rekonstruktion *seh₂-l- annimmt und sich dabei auf die Entwicklung von mōtus < *mouH-to- beruft. 24 Anstelle von *br-yaw-in < idg. Akk. *bʰr-éwH-m (vgl. lit. briau-nà „Rand, Kante, Grat“) wurde infolge der Angleichung der Akkusativform an den Gen. *br-uw-és < idg. *bʰr-uH-és ein sekundäres w eingefügt, das den Hiatus nach dem Schwund des Laryngals ausfüllte (vgl. gr. ophrus, ophruós „Augenbraue“). 25 Sprachübergreifende Neutra mit vṛddhi-Struktur, insbesondere das Sks. drevo „Baum; Holz“ < *denw-o- und das Aengl. teoru „Baumharz“ < *terw-a-, legen die Vermutung nahe, dass das litauische Femininum dervà ursprünglich ein Kollektivum sein könnte, dessen -a auf *-eh₂ zurückgeht (= nom. pl. n.). 22 6. pruß. pintis „Weg“, sofern es sich um eine Ableitung von der Genitivstammbildung *pint-és < *pnt-h₂-és handelt (vgl. ved. pathás)?26. (C) Schwundstufe der Wurzel und Vollstufe des Suffixes: Sks. imę, imene „Name“ < *jbmen- < *im-men-es ⇐ Gen. *in-mén-s < ie. *(H)nh₃-mén-s (vgl. die Vollstufe im Lat. nōmen, im Ved. nāma < *(H)neh₃-mn; kein baltoslaw. *nōmin). Von dieser Liste eignen sich für einen strukturellen Vergleich mit šun- vor allem die Stämme *di-n- (Sks. dъnъ) und *sup-n- (Sks. sъnъ). 8. Das Paradigma von žmuō. 8.1. Man nimmt an, dass žmuō < *žm-ōn mit der indogermanischen Bezeichnung für „Erde“ verwandt ist und eine Ableitung mit der Bedeutung „irdisches Wesen, Erdbewohner“ darstellt27. Das Paradigma des Substantivs „Erde“ wurde von Schindler 1967: 200 und 1975: 263 folgendermaßen rekonstruiert: Nom. *d(ʰ)égʰ-ōm vgl. heth. <te-e-kán> = /deg-an/ Akk. *d(ʰ)égʰ-om-m̥ vgl. griech. kʰtʰ-ón-a < **tʰkʰ-óm-am Lok. *d(ʰ)gʰ-ém-Ø vgl. ved. ks-ám-i Gen. *d(ʰ)gʰ-m-és vgl. ved. j-m-ás 8.2. In den baltoslawischen Sprachen sind nur Spuren von zwei Formen des obigen Paradigmas zu erkennen, nämlich des Lokativs und des Genitivs Sg. 8.2.1. Mit dem Lokativ ie. *d(ʰ)gʰ-ém > *gʰém ist der urbal. Stamm *žem- in Verbindung zu bringen, von dem die baltoslawische Bezeichnung für „Erde“ abgeleitet wurde: lit. žemė, Sks. zemlja < *žem-(i)yā. Dem Suffix nach zu urteilen, handelte es sich ursprünglich um ein Adjektiv28, doch die Bedingungen seiner Substantivierung sind bislang nicht geklärt. Neben dem Stamm auf -(i)yā- bezeugt das Slawische noch eine Ableitung auf -i-, *gʰem-i-. Diese hat sich einerseits in den russischen Adverbien na zemb „auf die Erde“, o zemb „an der Erde“, andererseits im aksl. Adjektiv zemьnъ „irdisch“ < *žemi-na- erhalten, das im Gegensatz steht 26 Das Slawische weist dagegen aksl. pъtь, -i m. „Weg“ auf, dessen Stamm auf -i- mit der Neuaufteilung der alten Akk.-Sg.-Form *panti-n ⇐ *pant-in < ie. *pónt-h₂-m (ved. pántham ⇐ *pántam) zusammenhängt. – Traditionell wird hier eine urbalto-slawische paradigmatische Alternation *pant-:: *pint- angenommen. An diesem Punkt ergibt sich jedoch ein gewisser Vorbehalt, da im prußischen Korpus neben <in>, pintis auch Schreibungen mit <en> auftreten, nämlich pentes und peentis „Weg“ (bei Grunau). Diese Schreibungen mit <en> legen eine lautliche Herleitung von pintis aus pentis < *pantis nahe (der Vokalismus der prußischen Grundform stimmte demnach mit aksl. pъtь überein). Eine solche Herleitung hat eine gute Parallele in der Variation der Formen des prußischen Partizips *sant- „seiend“, dessen altlitauisches Äquivalent sant-, Akk. Sg. santį lautet (vgl. lat. sōns, sontis „schuldig, strafwürdig“ < ie. *h₃s-on-t-). Die Formen sind einerseits -senti- (Gen. Sg. emprikisentismu „gegenwärtig“), andererseits -sint- (Nom. Sg. emprijkisins „gegenwärtig“). Der prußische Wandel *anC > enC > inC erklärt sich höchstwahrscheinlich durch den Einfluss der niederdeutschen Lautung; vgl. z. B. mnd. sinte „heilig“ < sente < sante (Lasch 1914, § 139). Zu weiteren Beispielen für sekundäres inC im Altpreußischen siehe Smoczyński 2000: 19n. 27 Zob. Skardžius 1956: 163, Fraenkel, LEW 1320. 28 Vgl. das ved. Adjektiv kṣām-ya- „auf der Erde befindlich, irdisch, humanus“, das im Gegensatz zu divyá- „himmlisch, divinus“ steht (Fraenkel 1959: 13). 23 aus dem Aksl. zemljьnъ von zemlja29. – Auf der Grundlage des urbal. *žem- ergab sich also ž als Fragment der ursprünglichen Wurzel in der Schwundstufe30 und em als ursprüngliches Suffix in der Vollstufe. 8.2.2. Mit dem ie. Genitiv *d⁽ʰ⁾gʰ-m-és > *gʰm-és (zwei Schwundstufen) ist die baltische Neuwurzel žm- verbunden, von der gerade das uns interessierende Wort *žm-on- „irdisches Wesen, Erdbewohner“ > „Mensch“31 stammt. Eine entsprechende Neuwurzel ist auch im Slawischen bekannt, erscheint dort jedoch nur in der Bezeichnung für die „Schlange“ und den mythischen „Drachen“: aksl. zmijь m. „drákōn, óphis“; zmija f. „óphis“; altostsl. zmii, gen. zmija; russ. zmei, zméja; serbokroat. zmâj, zmâja usw., alles aus urslaw. *zmьb, gen. *zmbja Adj. „auf der Erde kriechend“. Die vorslawische Form *žm-iyo- zeigt, dass es sich hier um das Adjektiv „irdisch, terrestrisch“ handelt. Ursprünglich trat es als Bestandteil der Syntagma *zmbьžь „Erdschlange“ auf (semantische Spezifizierung aufgrund der Opposition zur „Wasserschlange“) und wurde infolge der Ellipse des Substantivs žь32 substantiviert. Auffällig ist das Fehlen entsprechender Formen im Litauischen, *žm-ijas, *žm-ijā (Būga 1959: 376). 8.3. Bei der nun folgenden Rekonstruktion der vorbaltischen Flexion des Wortes *gʰm-on- > *žm-an- muss gleich vorweg eingeschränkt werden, dass die Rekonstruktion des vorhistorischen Kasusformenbestands auf zwei Schwierigkeiten stößt. Die erste ist das Fehlen eines Belegs im litauischen Material für eine athematische Genitivform im Singular zu žmuõ. Die zweite Schwierigkeit besteht im Vorhandensein des obliquen Stammes žmun- (žmùni, žmùne). Dieser Stamm wird gewöhnlich als žm-un- segmentiert, doch lässt sich dies historisch-lautgesetzlich nicht begründen, da die Struktur *gʰm-n-C im Singularparadigma ausgeschlossen ist. Ich beginne mit den Einzelheiten, die im Augenblick recht klar zu sein scheinen. 8.4. Sicher ist der Prototyp des Nom. Sg. *gʰm-ōn, aus dem sich das altlit. žmuõ durch regelmäßige lautliche Entwicklung herleitet. Für die Rekonstruktion des Suffixes in der Dehnstufe *ōn liegen neben den Vergleichsdaten (siehe § 5) auch gewisse innerbaltische Hinweise vor. Es handelt sich um litauische Suffixe mit der Struktur -uon-i- (z. B. gėluonis neben gėlùo), -uon-e- (mómuonė neben momuõ), -uon-a- (širšuõnas neben širšuõ), -uon-ia- (ėduonia)), die vorwiegend, wenn auch nicht ausschließlich, in der denominalen Derivation verwendet werden; siehe Būga 1959: 333 ff., 368 ff. 8.4.1. Es ist anzunehmen, dass die genannten Suffixe durch Thematisierung ehemaliger konsonantischer n-Stämme entstanden, und zwar durch Anfügung der Paradigmenmerkmale -i-, -e-, -a-, -ia- an die Nom.-Sg.-Form sowie durch Fixierung 29 Siehe dazu Fraenkel 1959: 13. 30 Wäre die Vollstufe im Baltoslawischen fortgeführt worden, hätte der Nom. Sg. lit. *dežuo und slav. *deža gelautet. 31 Vgl. die Schwundstufe im Griech. epi-kʰtʰón-ios „auf der Erde lebend“ (vielleicht auch in neo-kʰm-ós „neu, unerwartet“). – Ein vom baltischen unabhängiges Derivat vom starken Stamm des Substantivs „Erde“ ist das altind. hemō „homo“ (vgl. némō „niemand“), Akk. hem-ōn-em „hominem“ < *gʰém-ōn. 32 Siehe Vaillant 1950: 75; Fraenkel 1959: 4. 24 des apophonischen Paradigmas, was eine Folge der Thematisierung war. Offen bleibt jedoch die Frage, wie der Mechanismus dieser Thematisierung zu rekonstruieren ist. Meiner Ansicht nach lässt sich die Sequenz uon im thematisierten Nom. Sg. auf -uon-V- als Amalgam auffassen, das aus historischer Sicht in zwei Segmente zerlegbar ist. Das erste Segment ist uo als Auslaut der athematischen Form Nom. -uo < *-ōn (Schwund von *-n vor der Pause), das zweite dagegen n als Bestandteil des Suffixes -en-/-an- in den obliquen Kasus mit vokalischen Endungen (Gen. *-en-es, Akk. *-en-in oder *-an-in). Die Einführung von uo vor n erfolgte im Zuge der Beseitigung der paradigmatischen Apophonie -uo (Nom.):: -en-/-an- (obl. Kasus) durch die Generalisierung von uo. Als das ursprüngliche Paradigma, etwa *širšuo:: Gen. *širš-en-es, Akk. *širš-en-i33, eine neue Gestalt annahm, *širšuo:: Gen. *širš-uon-es, Akk. *širš-uon-i, ergab sich natürlich die Möglichkeit, daraus das Neuthema *širšuon- zu abstrahieren und es anschließend als Grundlage für thematische Derivate zu verwenden; vgl. širšuon-as „Hornisse; Wespe“ neben širšuon-e, altlit. širšuonis ebenda (LKŽ XIV 908). Das Auftreten rückgebildeter Derivate vom Typ (1) širš-e, širš-a (LKŽ XIV 906) ⇐ širšuonė, (2) širš-as (Chylinski, ibid.) ⇐ širšuonas schuf seinerseits die Grundlage für die Resegmentierung širšuonas ⇒ širš-uonas (nun motiviert durch širšas) usw. und damit für die Verselbständigung von -uonas, -uone usw. als neuen Nominalsuffixen. Sie reihten sich in eine Reihe mit den langvokalischen Suffixen -ūnas, -ynas, -ėnas, -onas ein. Ein Anzeichen für diesen Prozess ist, dass neben širšuonas jüngere Varianten auftraten: širšonas, širšūnas „Hornisse“34. Noch später entstanden durch den abwechselnden Derivationsprozess -uon-:: -uol- Varianten wie širšuolis, širšuolė. 8.4.2. Bei einer solchen isolierten Form wie altlit. pirmuon-es Nom. Pl. f. SD „Vorfahren; Elemente, Urbestandteile“ kann man einen Stamm in der Gestalt des Nom. Sg. *pirm-uo oder *pir-muo ansetzen. Der ältere Akk. Sg. zu *pirmuo könnte die Form *pirm-an-in gehabt haben; dafür sprechen die thematisierten Formen, die aus dem preußischen „Enchiridion“ bekannt sind, vgl. Nom. Sg. pirm-onn-is „der erste“, Dat.-Akk. pirm-ann-in, pirm-ann-ien. 8.4.3. Ähnlich wie sich die Stämme auf -n- zu athematischen Stämmen auf -l- entwickelten. Über das Derivat óbuol-as (lett. ābuōls) „Apfel“ lässt sich sagen, dass es sich zu Nom. *ob-uo < *āb-ōl:: obl. *ab-el- verhält wie širšuon-as zu Nom. širš-uō < *širš-ōn:: obl. *širš-en-. Aus der Tatsache, dass neben obelīs f. „Apfelbaum“ auch eine Form mit dem Suffix *-ol-, obalis f. ebenda belegt ist (LKŽ VIII 985), kann man auf eine doppelte Gestalt des ur-litauischen Akk. Sg. schließen und einerseits *āb-el-in > óbelį, andererseits *āb-al-in > óbalį rekonstruieren (vgl. Nom. Pl. óbelės, Gen. Pl. obelų). Angesichts der o-Stufe im Nom. Sg. *āb-ōl muss vielleicht als älter angesehen werden 33 Vgl. altind. Gen. Sg. śṛṣ-n-ás [Nom. śíras „Kopf“] < *k’r̥h₂-s-n-ós, Stamm *k’erh₂s-en-. Aus dem Slawischen vgl. serbokroat. sršljen, kirchenslaw. sršēń „Hornisse“, urgemeinslawischer Stamm *sьrš-en-. 34 Vor diesem Hintergrund halte ich das Vorhandensein einer litauischen Apophonie uo:: ūn neben uo:: o, auf die K. Bügas lexikalische Vergleiche 1959: 331 f. hindeuten, für weniger wahrscheinlich. 25 als Akk. Sg. *āb-el-in anzusehen, während *āb-al-in < *āb-ol-im als Angleichung an den Nom. Sg. (?) zu werten ist. 8.4.4. Abschließend ist erwähnenswert, dass auch der urbal tische t-Stamm *nepuo, *nepátin, *neptés thematisiert wurde. Altlit. nepuotis „Enkel“35 beruht auf dem obliquen Kasus *nepuot-i-, der sich an die Stelle von *nepat-i- setzte, entstanden durch Resegmentierung des alten Akk. *nepát-in < ie. *nep-ót-m36. Die Verbindung uo erklärt sich wiederum durch den Ersatz von a durch uo im Akkusativsuffix unter dem Einfluss des Nom. *nepuo < *nep-ōt oder *nepuos < *nep-ōt-s (vgl. altind. nāpát, lat. nepōs). Eine ähnliche Neuerung zeigt sich im lateinischen Akk. nep-ōt-em (statt *nep-ot-em) und sogar im Gen. nep-ōt-is (statt *neptis < *nep-t-es, vgl. ved. náptur37). In beiden Fällen geht es um die Beseitigung des durch die ererbte Suffixapophonie *ōt:: *ot:: *t entstandenen Allomorphismus. 8.5. Die Rekonstruktion des Akk. Sg. in der Gestalt *gʰm-on-m, ur-lit. *žm-an-in38 wird aus vergleichender Sicht durch die Korrelation Nom. *-ōn-Ø:: Akk. *-on-m gestützt; vgl. altlat. hemo:: hemōnem „Mensch“, gr. téktōn:: téktōna „Zimmermann“, altind. tákṣā:: tákṣāṇam ebenda, gr. ákmōn:: ákmona „Amboss“39. Für eine mögliche Vorform *gʰm-n-m mit zwei Schwundstufen (wie im Schwundstufenkasus) gibt es dagegen keine vergleichende Grundlage. Für *žm-an-in sprechen auch einige interne Hinweise. 8.5.1. Erstens vgl. Akkusativformen des Typs *pirm-an-in zu *pirmuo sowie lit. dial. óbalį zu *obuo, die oben in § 8.4.2–3 erwähnt wurden. Zweitens scheint für die Rekonstruktion des Akk. Sg. in der Form *žman-in das Vorhandensein des litauischen Wortes žmónės f. „Menschen“ < *žman-ē- zu sprechen, das als Nom. Pl. zu žmuo fungiert. Fasst man dieses Wort als Derivat in der Dehnstufe auf, muss sein Stamm als *žman- rekonstruiert werden. Zur Dehnstufe o vgl. lit. žólė „Gras“ zu žalias „grün“, mõlė „Mahlzeit des Getreides“ zu malù, málti „mahlen“40. Weniger wahrscheinlich erscheint 35 Dat. Pl. nepuotims (i-Stamm), Akk. Pl. nepuočius (yo-Stamm). 36 Neben dem Maskulinum nepuotis, -iēs „Enkel“ gab es einen femininen i-Stamm, nepuotis (Margarita Theologica). Daneben trat ein Derivat auf -ē-, nepuotė „Enkelin“ (Bretkun), siehe LKŽ VIII 670. 37 Aus dem urbal tischen Genitiv *nep-t-és wurden die Derivate altlit. nept-ė „Enkelin“, nept-is „Enkel“ gebildet (LKŽ VIII 670). Mit der Zeit wurden auch sie durch nepuotis beziehungsweise nepuotė ersetzt. Aus anderen Sprachen vgl. kirchenslaw. netii, serbokroat. netjb „Vetter“ < *nept-iyo-, ved. naptiya- „zur Nachkommenschaft gehörig“, avest. nauua.naptiia- n. „Verwandte neunten Grades“, altind. napti, lat. neptis, -is f. „Enkelin“. 38 Vgl. Stang 1966: 227. 39 Vgl. bei r-Stämmen die Korrelation Nom. *-ēr-Ø:: Akk. *-er-m, z. B. gr. anēr:: anéra „Mann“, mētēr:: mētera „Mutter“ (lit. mótė:: móterį, kirchenslaw. mati:: materb). 40 Do stopnia wzdłużonego *žmān- sprowadził žmón(ēs) już Peters 1980: 189, choć nie stwierdził wyraźnie, że *žman- jako podstawa tego derywatu należało do paradygmatu rzeczownika „człowiek“ i pojawiało się w formach acc. sg. i voc. sg. – Inaczej Fraenkel 1959: 12, który przyjmował, że pierwotny nom. pl. miał postać *žmuon-es (pluralizacja formy nom. sg. przez -es) i następnie uległ wykolejeniu w žmón-es (forma gwarowa z Twerecza), mianowicie na tle tendencji do 26 die Annahme, dass die Bildung *žmān-ē f. ein von der Form des Vokativs Sg. *žman „Mensch!“ abgeleitetes Kollektivum ist < *gʰm-on-φ. Vgl. einerseits Vokative vom Typ ved. śvan, gr. kúōn, andererseits litauische Vokative wie dial. sēser „Schwester!“, dùkter „Tochter!“. 8.5.2. Traditionell nehmen die Baltisten auch im Altpreußischen eine gedehnte Stammform *žmān- (lit. žmon-) an. Sie gehen davon aus, dass sich das urbalttische *žmān- hier durch Labialisierung zu *[zmuːn-] verändert hat. Dieser Lautung sollen Schreibungen mit <smūn-> aus dem „Enchiridion“ entsprechen, etwa smūnets 1× „Mensch“ (neben smunent- 11×), steison smūni 1× Gen. Pl. „der Person[en]“ (aus der Entnasalisierung des sogenannten asigmatischen Gen. Pl. *smūn-in), das Denominativum smūnint 1× „ehren“ (neben smunin- 2×), en smūnin 1× Dat. Sg. „in Ehren“. Meiner Ansicht nach ist diese Hypothese zu schwach begründet. Sieht man zunächst von den Hapaxlegomena smūni, smūnin ab, so fällt vor allem auf, dass von den 12 Belegen des Wortes smunent- „Mensch“ nur in einem einzigen (!) Fall ein Strich darüber geschrieben ist: smūnets 63₁₉. Dabei ist bemerkenswert, dass dieser Schreibung das Element n im Suffix fehlt. Es liegt der Verdacht nahe, dass smūnets ein Druckfehler für <smunēts> ist (falsch platzierter Strich), zu lesen als smune(n)ts. Wenn der Strich hier also eine Abbreviatur für n war und kein Zeichen für die unbetonte Länge, gibt es keinerlei philologische Grundlage dafür, smunent- (so 11×) als [zmuːnent-]⁴¹ zu interpretieren. 8.5.2.1. Was wiederum die Hapaxlegomena smūni, smūnin betrifft, die offenbar etymologisch mit smunent- zusammenhängen, so ist festzustellen, dass das Vorhandensein eines Strichs in diesen Schreibungen allein noch nicht ausreicht, um <ū> als [uː] zu lesen. Man muss berücksichtigen, dass es im „Enchiridion“ mehrere Dutzend Beispiele gibt, die einen Strich über zweifellos kurzen Vokalen zeigen⁴². Diese Art der Schreibung legt die Vermutung nahe, dass der Strich in erster Linie als Akzentzeichen (Kennzeichnung des beweglichen Wortakzents) dient, während seine Verbindung mit der Quantität des unbetonten Vokals zweitrangig ist (vgl. Smoczyński 1990). Hier folgen Fälle der Schreibung <ū> in Wörtern, die sich durch den Vergleich mit den litauischen Entsprechungen als Wörter mit kurzem [u] interpretieren lassen: 1. poklūsnai 1× ‘gehorsam’ (daneben poklusm° 9×), zu lesen [poklūs-]. der Ersetzung des alten uo durch o in bestimmten Substantiven, vgl. etwa slōgas „Last“ statt slūogas (⇐ slēgti „lasten, bedrücken, ersticken“). – Noch eine andere Erklärung gibt Zinkevičius 1980: 248: žmōn-es statt *žmun-es, wobei o angeblich aus dem Wort žmōną „Frau; Ehefrau“ verallgemeinert worden sei. Sollte der Autor etwa meinen, dass der Vokal o in žmōną einen anderen Ursprung haben könnte als das o in žmōnes (-es)? 41 So liest beispielsweise Mažiulis, PEŽ IV 135, und leitet die Form vom urbalttischen *žmānent- „Menschlein, kleines Menschlein“ ab. 42 Vgl. 1. [i]: polinka ‘bleibt’:: lit. dial. palìnka, senìnka ‘sammelt’:: lit. dial. surènka, kakìnti ‘greifen’:: lit. kákinti, alkìns ‘nüchtern’:: slk. alčьnъ „hungrig“, newìns ‘der neunte’:: lit. devìntas, dessìntas ‘der zehnte’:: lit. dešìmtas, imt ‘nehmen’:: lit. ìnti; 2. [ē]: gēhrt ‘sprechen’, preigērb ‘vorsprechen’:: lit. geibti, mērgan ‘Magd’:: lit. mergà, Akk. mergą, sacramentan ‘Sakrament’:: lit. sakramentas, 3. [ā]: ānters ‘anderer, zweiter’:: lit. antras, rankans ‘Hände’:: lit. Akk. Pl. rankàs, perbānda ‘versucht’:: lit. bandó, bandýti. 27 Vgl. altlit., lit. dial. paklùsnas m., paklusnà f. ebenso. 2. aulauūsins 1× Akk. Pl. ‘Tote’, zu lesen [aulavúsans], eine abweichende Schreibweise zu aulauwussens I₉₅. Vgl. lit. dial. pasilióvusius ‘Verstorbene’. 3. pickùls ‘Teufel’, zu lesen [pikúls], vgl. lit. pikùlas ebenso. Angesichts dieser Tatsachen muss man die Möglichkeit zulassen, dass sich hinter der Schreibung <smūni> ein kurzvokalischer Stamm [zmún-] verbergen könnte, also derselbe, den die Schreibung des Wortes smunents- „Mensch“ wiedergibt. So gelangt man zu dem Schluss, dass das Preußische einen Stamm [zmun-] gehabt haben könnte, der seiner Herkunft nach identisch mit dem Stamm altlit. žmun-, Akk. žmùni, war. All dies führt zur Zurückweisung der Hypothese, isolierte Schreibungen des Typs smūn- könnten [muː] enthalten, das aus einer fakultativen Labialisierung von *[maː] hervorgegangen sei, und somit etymologisch mit der innovativen litauischen Form žmōnes. zusammenhängen. 8.5.3. Auf das urbalttische Akk. *žmanin beruft sich jüngst Z. Gołąb (1998: 69) im Zusammenhang mit einem neuen Versuch, das slawische Wort mòžb „Mann“ etymologisch zu erklären. Er nimmt an, dass der Stamm *žman- < ie. *gʰmon- dem Baltischen und dem Slawischen gemeinsam war; im Slawischen sei er lediglich mit dem Suffix -g- umgebildet worden (als Parallele dient urslaw. *lěmǫgъ gegenüber lit. liemuõ, liemẽn-s). Eine auf einen solchen Stamm gegründete Akkusativform hätte *žmangim ⇒ *žmang-i-m gelautet; daraus ergäbe sich der i-Stamm urslaw. *žmǫžь. Die historische Form mòžb sei durch dissimilatorischen Schwund des ersten ž und den Übergang des Wortes zu den yo-Stämmen entstanden. Gołąbs Vorschlag erscheint im Vergleich zu früheren Etymologien dieses Wortes (*manu-gyo-, *man-g-yo-) überzeugend, unter anderem weil er auch im litauischen Neologismus žmogùs43 das Vorhandensein des Suffixes -g- annimmt. Allerdings ist festzuhalten, dass die Entscheidung hier davon abhängt, die Frage zu klären, in welcher Bedeutungsfunktion die Suffigierung mit *-g- oder *-gʰ- in der baltoslawischen Wortbildung verwendet wurde. Leider ist diese Frage noch nicht untersucht worden. 8.6. Nach der Erörterung der Fragen im Zusammenhang mit dem urbalttischen Akk. *žmanin wenden wir uns nun dem ursprünglichen Genitiv des Wortes „Mensch“ zu. Die Form dieses Kasus lässt sich nämlich nur indirekt erschließen, und zwar durch den Verweis auf den Parallelismus der Deklinationen der Substantive „Hund“ und „Mensch“ (siehe § 6). Vergleicht man das Verhältnis Nom. *kʷw-ōn:: Gen. *kʷ-u-n-és, so darf man annehmen, dass neben dem Nom. *gʰm-ōn ein Genitiv der Form *gʰm-n-és = [gʰmnés] möglich gewesen wäre. In dieser Bildung erscheint das Suffix also in konsonantischem n, weshalb das wurzelanlautende m seine silbische Allophonform [m̥]44 annimmt. Im Baltischen muss wie üblich die Möglichkeit einer doppelten Vokalisierung des Sonanten berücksichtigt werden. Der Reflex *[gʰmnés] hätte theoretisch zwei Formen annehmen können: entweder mit imC, d. h. *žim-n-es, 43 Proponowany przez Gołąba 1998: 72 prototyp *žmō(n)g- jest chyba bez paraleli fonotaktycznej. Pomysł Otrębskiego (1950: 85), by w žmogùs upatrywać złożenie *žmān-magus (por. goc. magus „chłopiec“), które z czasem zostało przekształcone «par une contamination», nie znalazł oddźwięku u innych badaczy. Inne próby referuje Fraenkel, LEW 1318. 44 Vgl. anderssprachige Fälle der Vokalisierung eines Sonanten vor dem Affix -n-: gr. dám-nā-mi < *dm̥-né-h₂-; lat. iungunt < *yu-n-g- von *ywg-/*yewg-. 28 oder aus umC, d. h. *žum-n-es. Als Stütze für diese Hypothese mag die Alternation im:: um < *[m] in solchen litauischen Formen dienen wie (1) rìmtas neben dial. rùmtas „ernst, zuverlässig“ (zu remiùos, remtìs „sich auf etwas stützen, sich auf etwas verlassen“) oder (2) timpstù „ich spanne“ neben ítumpas „Schwung, Anlauf“ (zu tempiù „ich spanne an“), vgl. LKŽ IV 269⁴⁵. Wie sich aus den weiteren Ausführungen ergeben wird, ist es richtiger, einen Reflex des Genitivs in der Form des urbalt. *žum-n-es anzusetzen (§ 8.9). 8.7. Der litauische Obliquus mit dem Stamm žmun- stellt uns vor die Frage, wie das Segment un zu verstehen ist, das auf die Wurzel žm- folgt. Sollte dieses un ein Reflex des silbischen n sein, wäre dafür ein antekonsonantischer Kontext erforderlich, *gʰm-n-C = [gʰm-n-C]⁴⁶. Ein solcher Kontext wäre nur in der Pluralflexion möglich, nämlich vor konsonantischen Endungen wie Lok. Pl. -su (*žm-un-su „unter den Menschen“) oder Instr. Pl. -mis (*su žm-un-mis „mit den Menschen“)⁴⁷. Tatsache ist jedoch, dass die litauische Überlieferung keinerlei Pluralformen von žmuõ aufweist. Dies macht die Überprüfung der aufgestellten Hypothese natürlich unmöglich. Hinzu kommt, dass žmuõ in Daukszas „Postylle“ keinen Plural der Form *žmunes zur Seite hat, sondern die suppletive Bildung žmonės „Menschen“ (§ 8.5). Was wiederum den Dual du žmùne betrifft, lässt sich nicht feststellen, ob diese Form vom Singularstamm *žumn- (siehe oben Gen. *žumnes) gebildet wurde, der anschließend dem antekonsonantischen Pluralstamm *žmun-C angeglichen wurde, oder ob sie auf andere Weise entstanden ist. 8.8. Wenn wir annehmen, dass žmun- tatsächlich auf phonologischem Wege vor den konsonantischen Pluralendungen entstanden ist, muss sein Vorkommen vor vokalischen Endungen (Akk. Sg. žmùn-i, Nom. Du. žmùn-e) durch analogischen Ausgleich erklärt werden. Im Singular hätte die Verallgemeinerung von žmun- zur Beseitigung der unregelmäßigen Genitivform *žum-n-es führen müssen (anomales Verhältnis žm-uo:: *žum-n), ebenso wie der Akkusativform *žm-an-i < *gʰm-on-m (vgl. *švanį < *kʷ-on-m in § 7.3), die sich durch den Ablaut ihres Suffixes von den übrigen Formen unterschied. 8.9. Die Schwäche des in §§ 8.7–8.8 beschriebenen Szenarios besteht darin, dass wir in den litauischen Flexionsklassen keine Parallele für die analoge Ausbreitung des antekonsonantischen Pluralstamms auf die obliquen Singularfälle finden. Unter diesen Umständen bietet sich folgende Hypothese an: ⁴⁵ Für die Position nach ž lässt sich eine Doppelform uR/iR anhand von Beispielen wie lett. zułtis „Galle“, lit. tułžis ebend. anführen (statt *žułtis < urbalt. *žuł-ti- gegenüber urslaw. *zъłьcь „Galle“, altostsl. zъłьcь, russ. želčь, kirchenslaw. zъłьcь < *žil-k- aus idg. *gʰlH-C (Vollstufe in lit. želti „grün werden“, kirchenslaw. zelenъ „grün“). ⁴⁶ Ich verstehe nicht, warum Fraenkel, LEW 1320 die Rekonstruktion in der Form *gʰm-dn- schreibt. Das „Schwa“-Zeichen ist an dieser Stelle morphologisch nicht begründet, da -n- eine Reduktion zu -on- darstellt, nicht zu einem Suffix mit Laryngal (*-Hₒn- bzw. *-gₒn-). ⁴⁷ Vgl. in altlitauischen Texten vorkommende Instr.-Pl.-Formen des Typs akmenis < *akmen-mis und seser-mis (Zinkevičius 1980: 245). 29 (A) Die Stammform žmun- ist genetisch jedoch mit dem Singularparadigma verbunden, insbesondere mit der Form des ererbten Genitivs Sg. (B) Der lautgesetzliche Reflex des Gen. *žum̥n-ès < *gʰm-n-és (§ 8.6) erfuhr eine Art Metathese zu *žmun-ès. Eine Parallele für die Verschiebung des Vokals u nach dem Schema umn > mun bildet der Wandel ulž > luž im litauischen Wort für „Milz“: blu̇žnīs f., Akk. blu̇žnį stammt, wie es scheint, aus (1) *plužnį48 < (2) *pulžnį < (3) urbalt. *pulž-n-in < (4) idg. dial. * (s)plgʰ-n-m. Vgl. altind. plihán- „Milz“, gr. splēn, splēnós, lat. liēn < *lihēn49. (C) Wahrscheinlich handelte es sich nicht um einen rein lautlichen Wandel50. Da seine Folge die Vereinheitlichung des Anlauts žm- in allen Flexionsformen ist, ist anzunehmen, dass es sich vielmehr um eine morphonologische Regularisierung unter dem Einfluss zweier Formen mit dem Anlaut žm- handelt, nämlich Nom. žmuõ < *gʰm-ōn und Akk. *žmànį < *gʰm-on-m51. Die Folge des Wandels von *žum̥nès zu *žmunès ist die Beseitigung des anomalen Wurzelallomorphismus *žum-:: žn-. 9. Nachdem sich der „metathetische“ Genitiv *žmunes etabliert hatte, trat eine weitere Innovation ein, diesmal eine ablautbedingte. Sie bestand darin, die Akkusativform *žmanin durch *žmunin zu ersetzen. Der Allomorphismus žmōn:: žman:: žmun wurde somit auf zwei Glieder reduziert, žmōn:: žmun. Dies geschah auf dieselbe Weise wie im Paradigma des Substantivs „Hund“, wo šūni (mit šun wie im Gen. šunès) an die Stelle von *švàni < *švanin trat (vgl. § 7.3); dadurch reduzierte sich die Reihe švōn:: švan:: šun auf švōn:: šun. Infolgedessen wurde das Paradigma des Substantivs žmuõ zweistämmig, also wie das der typischen litauischen konsonantischen Deklination (vgl. § 7.4). 10. Das Gesagte lässt sich im folgenden Entwicklungsschema zusammenfassen. Das Zeichen „>“ bezeichnet einen Lautwandel, das Zeichen „⇒“ einen morphologischen Wandel. idg. urbalt. urlit. lit. Nom. *gʰm-ōn-Ø > *žm-ōn-Ø > *žm-ōn-Ø > žmuõ-Ø Akk. *gʰm-ōn-m > *žm-an-in > *žm-an-in ⇒ žmùn-i Gen. *gʰm-n-és > *žum-n-es ⇒ *žm-un-es > *žmun-ès 48 bl- erklärt sich durch die Sonorisierung von pl-, ähnlich wie in dem Wort blusà „Floh“ < *plusà, zu altind. plúši, altpreuß. lu. Vgl. ferner die Gruppe lb in lit. gulbė „Schwan (weiblich)“ gegenüber slow. *kʰolpъ, kaschub. kiełp „Schwan“. 49 Anders stellt sich das slawische Gegenstück dar: kirchenslaw. slězena < *selžena < *spelgʰ-en- (Verlust von p im Anlaut). Für das Baltoslawische könnte man ein Ablautparadigma *(s)pelž-(e)n-:: *(s)pulž-(e)n- ansetzen. Die baltische Fortsetzung hätte in der Verallgemeinerung des Schwundstamms *(s)pulž-n- bestanden. 50 Was den phonotaktischen Aspekt dieses Wandels betrifft, ist zu berücksichtigen, dass es im Litauischen kein einziges Wort gibt, das mit *žum- oder *žun- beginnt. Es gibt jedoch Wörter mit dem Anlaut žm- (vgl. die Wortfamilie žmogùs, ferner žmegìns, žmùlys) sowie mit dem Anlaut žn-: žnáibyti, žnýbti, žnýplès. 51 Diese Formulierung greift eine Anregung auf, die Prof. Vytautas Ambrazas in der Diskussion zu meinem Vortrag auf der Konferenz „Lietuvių kalba: tyrėjai ir tyrimai. Kazimiero Jauniaus 150-osioms ir 90-osioms mirties metinėms paminėti“, Vilnius, am 22.–23. Oktober 1998, geäußert hat. 30 Auf ähnliche Weise lässt sich die Entwicklung des Paradigmas des litauischen Substantivs „Hund“ darstellen: IE urbaltt. uralit. lit. nom. *k’w-ōn-∅ > *šw-ōn-∅ > *šw-ōn-∅ > šuō-∅ acc. *k’w-ōn-m > *šw-an-in > *šw-an-in ⇒ šun-i gen. *k’u-n-és > *šu-n-es > *šu-n-es > šun-ès Aus dem Vergleich beider Schemata wird ersichtlich, dass die Regularisierung des Paradigmas „Hund“ durch die einfache Verallgemeinerung des ererbten Stamms im Gen. Sg. šun- auf den Akk. Sg. erreicht wird. Im Paradigma „Mensch“ haben wir es dagegen mit einer Folge zweier Veränderungen zu tun: zunächst mit der Umgestaltung des ererbten Genetivums *žum-nes zu *žmunes, danach mit der Verallgemeinerung des innovativen Stamms žmun- auf den Akk. Sg. Erst infolge beider Veränderungen trat die auffällige Ähnlichkeit der Formen žmuō und šuō in der historischen Epoche hervor⁵². Vgl. insbesondere die Alternation uo:: un, die sich bei keinem anderen litauischen Substantiv wiederholt. 11. Es wurde hier zu zeigen versucht, dass der Flexionstyp, zu dem der konsonantische Stamm „Mensch“ gehörte, einerseits einen Gen. Sg. in der ursprachlichen Form *žum-n-és und andererseits einen Akk. Sg. in der Form *žm-án-in voraussetzte. Der Ersatz des Akk. *žmánin durch *žmānin (lit. žmùni) konnte nicht ohne das Vorhandensein eines formalen Vorbilds in Gestalt des Genetivums *žmunes erfolgen. Man muss jedoch bedenken, dass ein solches Vorbild erst auftrat, als der ererbte Gen. *žum-n-és unter dem Einfluss der Formen mit dem Anlaut žm- (*žmōn, *žmānin) eine neue Gestalt annahm: *žmunés. Aufgrund der Schlüsselrolle, die im Verlauf der oben (§ 10) rekonstruierten Entwicklung des Paradigmas der Genitivform *žum-n-és zukommt, kann man der bisherigen Erklärung nicht zustimmen, die das Auftreten der Form des Akk. Sg. žmùni mithilfe der analogen Proportion erklärte: nom. šuō:: acc. šùni = nom. žmuō:: acc. X (X = žmùni)⁵³. Eine so angeordnete Proportion setzt stillschweigend die semantische Dominanz des Substantivs „Hund“ über das Substantiv „Mensch“ voraus, was schon aus Bedeutungsgründen wenig wahrscheinlich ist. Der Hauptmangel der traditionellen Erklärung liegt jedoch anderswo. Sie befasst sich nicht mit der Frage, woher der Akk. šùni stammt (schließlich ist dies keine ererbte Form); außerdem legt sie nahe, als hätte der Akk. žmùni keinen morphologischen Vorläufer in der starken Form *žmanin. BIBLIOGRAFIA Bader F. 1995: Autour de lat. sōl. – Linguistica Baltica 4, 265–276. Būga K. 1921: Priesagos -inas ir dvibalsio uo kilmė. – Lietuvos mokykla – 10–11, 420–457. Przedruk w Būga 1959: 331–376. ⁵² Być może na tej podstawie Peters 1980: 188 doszedł do przekonania, że *gʰm-ōn (žmuō), musi być neologizmem wzorowanym na *k’wōn (šuō). ⁵³ Zob. Specht 1932: 214, 226; Specht 1934. Stang 1966: 227 ujmuje rzecz ostrożniej: „Vielleicht war die ursprünglich Flexion žmuo, *žmani, *žmunes. Später wurde die schwundstufige Form des Stammes verallgemeinert, wie in šuō, šùni, šùnis.“ 31 Būga K. 1959: Rinktiniai raštai 2, sudarė Z. Zinkevičius, Vilnius. Erhart A. 1998: Der indogermanische Mondname. – Linguistica Baltica 7, 63–69. Fraenkel E. 1959: Zur indoeuropäischen Stammbildung und Flexion. – Lingua Posnaniensis 7, 1–24. Fraenkel E. LEW = Lituaisches etymologisches Wörterbuch, Heidelberg, 1955–1965. Gołąb Z. 1998: Lat. homo ~ Slavic možь: is there any etymological connection between them? – Studia Indogermanica Lodziensia 1, 67–73. Hamp E. P. 1980: IE *()k’uon ‘dog’. – Indogermanische Forschungen 85, 35–42. Kudzinowski Cz. 1977: Indeks-słownik do «Daukšos Postilė», I, Poznań. Lasch A. 1914: Mittelniederdeutsche Grammatik, Halle a.S. LKŽ = Lietuvių kalbos žodynas, Vilnius 1941–. Mažiulis V. PEŽ = Prūsų kalbos etimologijos žodynas, 1–4, Vilnius, 1988–1997. Osthoff H. 1901: Etymologische parerga, Leipzig. 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Remiantis formų šuo:: šunės santykiu, kur genityvo forma atitinka paveldėtą modelį (ide. *k’u-n-es), reikėtų tikėtis daiktavardžio žmuo genityvo *žumnes. Tai būtų praformos *g’hm-n-es atitikmuo. Priesaga su neskiemeniu -n- būtų sąlygojusi skiemeninę šaknies baigmens formą, kurios prūsųlietuviškas refleksas būtų -um-. Tačiau žm(uo) alomorfą žum(n)- pakeitė žmu(n)-. Iš pažiūros tai panašu į metatezę: *žum(n)- > 32 *žmu(n)-, bet jos priežastis neaiški. Čia šakininis morfas žm- galėjo būti pagal nominatyvą apibendrintas kitiems linksniams (pakitimą galėjo skatinti ir ta aplinkybė, kad lietuvių kalboje nėra žodžių, prasidedančių *žūm-). Pagal ved. švanam < *kʷ-on-m pavyzdį reikėtų laukti akuzatyvo formos pral. *šv-an-in ‘šunį’. Priesagos nykstamąjį laipsnį čia reikėtų aiškinti genityvo formos įtaka: šun(i) pakeitė *švan(i) pagal šun(es) pavyzdį. Panašiu būdu pirminė forma *žman(i) galėjo prisiderinti prie genityvo žmun(es) ir virsti paliudyta forma žmuni. Aiškinant genityvo lemiamą vaidmenį daiktavardžio žmuo paradigmos kitimui, remiamasi ir lietuvių bei slavų kalbų silpnųjų atematinių kamienų daiktavardžiais, pvz., lie. širdìs, dùrys, sl. vъsь. Atkreiptas dėmesys ir į bendresnį dalyką: trinariai alomorfai (pvz., *švōn: *švan: *šun-) paprastai keičiami dvinar ais (pvz., šuo: šun-). Pateikiama ir daugiau „bitematizmo“ polinkį rodančių lietuvių kalbos linksniavimo pavyzdžių. OLD LITHUANIAN ŽMUO, ŽMUNĮ AGAINST THE BACKGROUND OF THE PROTO-BALTIC ATHEMATIC NOUNS Summary In Daukša’s Postilė, the forms acc. sg. žmunì and nom. du. žmune have a stress mark placed over a short syllable. No other oblique cases are attested. The principal question that rises here is how to account for the stem žmun-, which cannot be explained in the framework of the consonantal declension with a stem in -en-. If we take as our point of departure the relationship between the forms šuo:: šun es, where the genitive corresponds to the inherited model (PIE *kʷ-u-n-es), we are entitled to expect alongside žmuo a genitive *žumnes. This would be a reflex of *gʰm̥-n-es. The suffix, in its non-syllabic variety -n-, would have induced a syllabic realisation of the root-final -m-, the regular Proto-Lithuanian reflex of which would be -um-. The allomorphic relationship of žum(n)- to žm(uo) was, however, eliminated in favour of žmun-. On the face of it, this looks like a metathesis *žumn- > *žmun-. But the motive behind this change remains unclear. A possible explanation could be that the root morph žm- spread from the nominative to the oblique cases (the fact that Lithuanian has no words beginning with žūm- could somehow have contributed to this). In the accusative we would expect, on the basis of Vedic śvānam < *kʷ-on-m, a Proto-Lithuanian reflex *šv-an-in ‘dog’. The generalisation of the zero grade of the suffix should be attributed to the influence of the genitive: šun(i) replaced *švan(i) under the influence of šun(es). By analogy, we could assume an original *žman(i) to have been assimilated to the genitive žmun(es) to yield the attested žmunì. In order to explain the crucial role played by the genitive singular in this remake of the paradigm of žmuo, the parallel of the Lithuanian and/or Slavonic nouns built on weak grade athematic stems, such as širdìs, dùrys, vъsь, is invoked. Attention is also drawn to an observation of a more general nature, viz. that a ternary allomorphic series (e.g., *švōn: *švan-: *šun-) is usually replaced with a binary one (e.g., šuo: šun-). Other instances of this ‘bithematism’ in Lithuanian declension are cited in support of this. Wojciech SMOCZYŃSKI Uniwersytet Jagielloński Katedra Językoznawstwa Ogólnego i Indoeuropejskiego al. Mickiewicza 9/11, PL-31-120 Kraków, Polska El. paštas [email protected] Gauta 1999 06 16 33