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„Das phonologische Inventar und seine morphonologische Klassifizierung“ (einige Bemerkungen)

Bohumil Vykypěl

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ACTA LINGUISTICA LITHUANICA XLVIII (2003), 159 - 175 „Das phonologische Inventar und seine morphonologische Klassifizierung“ (einige Bemerkungen) € BOHUMIL VYKYPĖL Ūstav pro jazyk česky AV CR In the present paper an attempt is made to describe the Lithuanian expression plane (the phonolo- gical system) according to glossematic principles. We compare this description with the morphono- logical description of Lithuanian proposed by Tomaš Hoskovec. On this basis a few observations are made on the relation between the glossematic description of the expression plane of language and morphonology. Im ersten Heft des zweiten Jahrgangs der Zeitschrift Acta Linguistica erschienen mehrere Rezensionen und Notizen von Louis Hjelmslev, darunter auch diejenige des Aufsatzes von Ludovit Novak „K zakladnym otazkam $trukturélnej jazykovedy* (vgl. Hjelmslev 1940-41a; Novak 1937). Ludovit Novak, einer der ,,vorlauten Buben“ der zweiten Generation der Prager Schule’, publizierte diesen Aufsatz in der damals noch (v.a. eben dank Noviks Redaktion) bedeutenden Zeitschrift Sbornik Matice sloven- skej und verstand ihn als grundsitzliches Uberdenken der Ausgangsthesen und der Praxis der Prager strukturellen Sprachwissenschaft, v.a. der Phonologie. Louis Hjelmslev betonte die Wichtigkeit des Aufsatzes von Novak und bedauerte auch, dass dieser auf slovakisch geschrieben worden war, „dans une langue si peu répandue dans le monde international“. Zugleich fiigte Hjelmslev allerdings auch seine eigenen An- sichten in einer komprimierten Form zu Novaks Ausfithrungen hinzu. Die Zeit, in der besprechenswerte Zeitschriftenaufsétze erschienen, scheint langst vergangen zu sein. Die Geschichte von Novédk und Hjelmslev kann sich hoffentlich trotzdem immer wiederholen. Vor kurzem ist in der Zeitschrift Slavia ein Aufsatz von Tomas Hoskovec erschienen (vgl. Hoskovec 2002). Die heutige Slavia gleicht zwar dem Sbornik Matice slovenskej unter Novaks Redaktion nicht, aber der Aufsatz von Hoskovec ist auf tschechisch geschrieben, d. h. auch in einer in der internationalen Welt wenig verbreiteten Sprache. Ahnlich wie frither Novék versucht auch Hoskovec — am Beispiel des Litauischen — eine Theorie zu durchdenken und weiterzuentwickeln, und zwar die funktionell-ge- Zu den „vorlauten Buben® (auf tschechisch „hubati kluci®) vgl. Leska (2002: 53f.). 160 | BOHUMIL VYKYPĖL nerative Beschreibung von Petr Sgall, einem der bedeutendsten Fortsetzer der Pra- ger Tradition, und in diesem Rahmen konkret die (bisher weniger beriicksichtigten) Fragen, die sich hier auf der morphonologischen Ebene stellen. Wie bereits der Titel des Aufsatzes verrit, bildet das Haupthema die Frage, was mit dem phonologischen Inventar nach seiner morphonologischen Umklassifizierung geschicht. Mit anderen Worten geht es darum, wie die phonologischen Elemente zu reinterpretieren sind, wenn thre Rollen beim Aufbau der signifiants berticksichtigt werden. Es ist bekannt, dass Hjelmslev das Programm der Morphonologie (in ihrer damaligen Form) — im Unterschied zu demjenigen der Phonologie — begrūBt hat (vgl. Hjelmslev 1973: 228, 234 und auch unten 2.4.), denn die Morphonologic — so Hjelmslev — versuche die Elemente des Ausdrucksplans der Sprache nach der sprachlichen Form und nicht nach der Substanz zu beschreiben. Obwohl es erhebliche Unterschiede auch zwischen der Morphonologie und Hjelmslevs Beschreibung des Ausdrucksplans gibt (v.a. weil die Morphonologie sich zwar nicht im Substanzaspekt des Sprachgebrauchs wie die Pho- nologie, aber doch in dessen Zeichenaspekt bewegt und nicht im Sprachbau wie Hjelmslev; vgl. noch unten 2.), stehen die morphonologische Beschreibung und jene von Hjelmslev einander trotzdem offensichtlich naher. Man kann dies auch am Ergeb- nis der ,morphonologischen Klassifizierung“ des litauischen phonologischen Inventars beobachten, zu dem Hoskovec gelangt ist. Wir niitzen also diese Gelegenheit zum Vergleich der morphonologischen Beschreibung mit einem Versuch einer glossema- tischen Beschreibung der Elemente der Ausdrucksseite des sprachlichen Zeichens im Litauischen (um kompromissbereit weder ūber Phonologie noch Kenematik zu sprechen...). Dieser Vergleich betrifft vor allem die Frage der Reduktion der Ele- mente und einige allgemeinere Fragen des ,,Beschreibungsobjekts®. Zunichst sei aller- dings an die bekannte Tatsache erinnert, dass die glossematische Theorie ein Frag- ment darstellt und nicht in allen ihren Aspekten zu Ende gefiihrt wurde. Damit hangt auch zusammen, dass es nur wenige und zudem nicht unproblematische Beschreibun- gen einzelner Sprachen vom glossematischen Gesichtspunkt aus gibt. Trotzdem lésst sich vielleicht einiges sagen’. 1. Zwischen dem gesprochenen und dem geschriebenen Litauisch besteht keine Eins- zu-Eins-Beziehung, und sie miissen daher als zwei unterschiedliche Sprachen (Sche- mata) betrachtet werden. Im Folgenden wird das gesprochene Litauisch unter dem Litauischen verstanden. 1.1. Das Litauische hat sowohl analytische als auch synthetische Satze (Lexeme und Nexi) und Satzgruppen (Lexien und Nexien): Es hat teilbare Ausdruckseinheiten, die eine katalysierte Uberkette (d.h. die in der Analyse unmittelbar vorangehende Ein- heit) alleine bilden konnen, und es hat extense Ausdruckscharakteristiken (Modula- tion). Mit der Kategorie der extensen Ausdruckscharakteristiken werden wir uns hier nicht naher befassen: Die Beschreibung der litauischen Satzintonation stellt, wie auch Hoskovec (2002: 2691.) konstatiert, fast eine terram incognitam dar. Wir werden die glossematischen Termini nicht definieren und verweisen in diesem Punkt auf die entsprechende Literatur (vgl. v.a. Hjelmslev 1973: 247-266; 1975). „DAS PHONOLOGISCHE INVENTAR...“ | 161 Das Litauische hat auch analytische Silben (Syllabeme) und synthetische Silben: Es hat sowohl Einheiten, die in katalysierter Form alleine eine unkatalysierte Lexie im Ausdrucksplan bilden kėnnen, als auch intense Ausdruckscharakteristiken (Akzente). Was die Beschreibung des Systems der intensen Ausdruckscharakteristiken an- geht, so scheint es zwei Moglichkeiten zu geben. Die Kategorie kann in zwei Subkategorien geteilt werden: Die erste Kategorie wird durch die sog. Akzente gebildet, die zweite durch die sog. Intonationen. Die erste Subkategorie wird von der zweiten selektiert (die zweite ist von der ersten syntagma- tisch dependent) und beide haben zwei Glieder, die arbitrar , starker Akzent“ (') und „schwacher Akzent“ (°) resp. ,,akutierte Intonation“ (“) und ,,zirkumflektierte Into- nation“ (7) genannt werden konnen. Das System ist das folgende (1. Kategorie ‘punk- tuell’ und negativ orientiert; 2. Kategorie ‘steigend’ und positiv orientiert): a A o A o ' — oder — im Rahmen der ganzen Kategorie, die in zwei Dimensionen geteilt wird (ho- rizontal ‘steigend’ und positiv-negativ orientiert, vertikal ‘punktuell’ und negativ ori- entiert): o A - = ; A 9 ' Die sog. Intonationen selektieren die sog. Akzente, da die Akzente alleine (d.h. ohne Intonation) stehen dūrfen (und zwar der Akzent ' in den Silben mit einem sog. kurzen Vokal und ohne /, r, n, m), aber nicht umgekehrt (vgl. auch Hjelmslev 1973: 189-191). Der „schwache Akzent“ (°) ist intensiv, da in Verbindung mit ihm die In- tonationen latent, d.h. synkretisiert und durch Null manifestiert werden, wobei es sich um einen auflosbaren Synkretismus handelt (hierzu vgl. Hjelmslev 1973: 188, 204 und unten 2.4.2.). Die ,,zirkumflektierte Intonation® (7) ist intensiv, da in Verbin- dung mit ihr die Vokale a und e variieren (vgl. unten 1.2.2.). Die zweite erwahnte Moglichkeit ist, die Kategorie nicht zu teilen (weder in Sub- kategorien noch in Dimensionen) und mit vier Gliedern zu rechnen, die arbitrir als ~Starker Akzent“ oder ,,Gravis® ('), ,,schwacher Akzent“ (°), ,.akutierte Intonation (") und ,.zirkumflektierte Intonation” (7) bezeichnet werden. Das System ist das fol- gende (auf der Dimension ‘steigend’): B B Y r — , o 162 | BOHUMIL VYKYPĖL Gegen die zweite Moglichkeit spricht die Koexistenz der Glieder der Kategorien „Intonation“ und „Akzent“ (mit anderen Worten erfasst die zweite Strukturierung der Kategorie die syntagmatische Beziehung nicht, in welche die beiden Kategorie treten). Eine Alternative stellt Hjelmslevs Losung dar. Hjelmslev (1973: 197-202) streicht den Akzent ": Die sog. kurzen a und «e manifestieren in den sog. betonten Silben ohne /, r, n, m die Verbindung von a resp. «e mit “und die sog. kurzen u und i manifestieren in denselben Silben die Verbindung von u resp. i mit =. Das System konnte folgendermaBen aussehen (auf der Dimension ‘steigend’): B B Y — , o (Vgl. noch unten 3.) 1.2. Die Ausdruckskonstituenten (-themative) bilden vier Kategorien: die selektierten (Vokale), die selektierenden (Konsonanten), diejenigen, die sowohl selektiert als auch selektierend sind (Sonanten), und diejenigen, die weder selektiert noch selektierend sind. In die vierte Kategorie gehoren die Ausdruckselemente, die als Interjektionen dienen kėnnen, und man konnte hier vielleicht auch die Fremdelemente eingliedern, falls diese zum gegebenen Sprachbau gezahlt werden dirfen. 1.2.1. Die Konstituenten, die sowohl selektiert als auch selektierend sind, sind im Litauischen zwei: i und u. Ihre vokalischen Varietdaten werden durch die Phoneme /i/ resp. /u/ manifestiert, ihre konsonantischen Varietdten durch /j/ und /v/ (oder eher/ w/). Bei der Registrierung werden die jeweiligen Varietdten in eine einzige Invariante im Litauischen sowohl aufgrund des Substanz- als auch aufgrund des Zeichenaspekts des Sprachgebrauchs reduziert (zur zweiten Reduktion vgl. tave ‘dich’ vs. tau ‘dir’; gavau ‘ich bekam’ vs. gauti ‘bekommen’; keturi ‘vier’ vs. ketvirtas ‘der vierter’; eiti ‘gehen’ ėjau ‘ich ging’; gujau ‘ich jagte’ vs. guiti ‘jagen’). (Vgl. noch unten 2.4.1.) Das System der Sonanten sieht somit folgend aus (auf der Dimension ‘vordere’): o A i u i ist intensiv, da es den Synkretismus zwischen den sog. palatalisierten und nicht- palatalisierten Konsonanten dominiert (oder da vor i die sog. nichtpalatalisierten Konsonanten variieren — falls die palatalisierten Konsonanten reduziert werden; vgl. unten 1.2.3.). 1.2.2. Die selektierten Ausdruckskonstituenten sind zwei: a, 2. Die ūbrigen Kandi- daten auf Vokale lassen sich reduzieren: i = ii, ū = uu, ė = 22,0 = aa (vgl. Hjelmslev 1973: 198-200), ž = Varietat von @ in Verbindung mit “ und vor latentem n, a = Varietat von a in Verbindung mit “ und vor latentem n (vgl. Hjelmslev 1973: 182f., 197, 201f.). Die GroBen e und d kénnen als Signale fiir Fremdworter und Varianten von @ resp. a betrachtet werden. „DAS PHONOLOGISCHE INVENTAR...“ | 163 Alle diese Reduktionen hangen offensichtlich von der Annahme der Latenz von n ab, die jedoch Probleme mit sich bringt (latentes n vor Sibilanten, aber nicht im Fu- tur wie gerins ‘er/sie/es wird / sie werden verbessern’; latentes m am Silbenende — vgl. Hjelmslev 1973: 206, aber nicht in Ausdrucksformen wie ten ‘dort’ oder šiandien ‘heute’). Ohne latentes m miisste man mit dem folgenden Inventar der Vokale rech- nen: a, &,e, 0, und o und ¢€ miissten als dd resp. ee betrachtet werden, was eine Kom- plikation dahingehend mit sich bringen wiirde, dass e und d alleine in Fremdwortern enthalten sind, wahrend sie als Teile von Identitatsdiphtongen auch einheimische Zeichen bilden; auBerdem und vor allem gabe es fiir eine solche Reduktion kaum (morphonologische) Griinde. Die Vokale ohne e und 6 bilden folgendes System (auf der Dimension ‘vordere’): o A 2 a 2 ist aus demselben Grund wie i intensiv (vgl. 1.2.1.); zwischen den Vokalen besteht allerdings ein Synkretismus in den meisten Fallen. Unter Einschluss von e und d sieht das System folgendermaBen aus (horizontal ‘vordere’, vertikal “mittel' oder ‘ge- schlossen’): o A a e d A X a 1.2.3. Auch die meisten Kandidaten auf Konsonanten lassen sich reduzieren. So kann man die sog. palatalisierten Konsonanten vor u und a in eine Verbindung des entsprechenden nichtpalatalisierten Konsonanten mit der konsonantischen Va- rietat von i auflosen: p' =pj, b' =bj,t' =tj,d' =dj, kK’ =kj,g' =gj,c' =cj,3' =3, =, 3 = 3j.s' =5j,2' =2j, $' = šj, F' =m =mj,n' =nj,r' =rj, P = Ij,v' =vj,f = fj,x' =xj, h’ = hj; vor i und @ sowie den anderen palatalisierten Konsonanten sind p' etc. Va- rietiten von p etc. Die sog. Neutralisation der Palatalitatskorrelation (vor einem nichtpalatalisierten Konsonanten und am Wortende) ist als Manifestation der Latenz von j zu betrachten. Eine alternative Reduktion der sog. palatalisierten Konsonanten vor 4 und a wire jene in eine Verbindung des entsprechenden nichtpalatalisierten Konsonanten mit der vokalischen Varietat von i. Diese Reduktion wire deswegen vorzunehmen, weil es die (potenzielle) Kommutation zwischen den sog. palatali- sierten Konsonanten und der Verbindung des entsprechenden nichtpalatalisierten mit j zu geben scheint; vgl.: dialektal pjonycia ‘Trinker’ und die schwankenden Aus- drucksformen bjaurus / biaurus ‘garstig’, pjauti / piauti ‘schneiden’, pjudyti | piudyti ‘hetzen’ und ihre Derivate (tautosyllabisches Ci*** vor u und a wird durch /C’/ und Ci*» durch /Cj/ manifestiert). Eine weitere Auflosung ist bei den Affrikaten moglich: c = ts, 3=dz, č = 13, 3 = dž. Eine alternative Reduktion wire die folgende: c' = tj, 3' = dj (vgl. auch Hjelmslev 164 | BOHUMIL VYKYPĖL 1973: 201f.); ¢’ und d" sind Signale fiir Fremdwėorter oder Interjektionen und Varian- ten von t resp. d. Den Grund zur Auflėsung vonp' etc. in pj oder pi etc. sowie von c etc. in ts etc. stellt jedenfalls — wie angedeutet — die Absenz der Kommutation zwischen p' etc. und pj oder pi etc. resp. c etc. und fs etc. dar (zu diesem Grundsatz vgl. Hjelmslev 1943: 62f.; 1973: 217). Die GroBen f, x, h lassen sich als Signale fiir Fremdworter und Varianten betrach- ten: f schlieBt Synkretismus mit p ein, x mit k und 4 mit Null. Das resulticrende System lasst sich in zwei Subkategorien ordnen. 1.2.3.1. Die erste Subkategorie wird durch die Elemente gebildet, die unmittelbar neben einem Vokal oder Sonanten stehen miissen: m, n, r, I>. Thr System kann man entweder in zwei Dimensionen oder in eine einzige Dimension ordnen: (horizontal ‘nasal’; vertikal ‘hintere’) a A a n l A m r B B n || (auf der Dimension ‘Verschluss’) 1.23.2. Die zweite Subkategorie hat zehn Elemente und das folgende System (hori- zontal ‘vordere’; vertikal ‘stimmhaft’ mit Synkretismen): a A B B r a b g z ž d A p k S Šš t Die stimmhaften Konsonanten lieBen sich indessen in Verbindungen der entsprechenden stimmlosen mit 4 auflosen und vor einem anderen stimmhaften als Varianten des entsprechenden stimmlosen Konsonanten betrachten. Die sog. Neutra- lisation der Stimmbhaftigkeitskorrelation (vor einem stimmlosen Konsonanten und 3 Hier entsteht natiirlich die Frage nach der Unterscheidung zwischen dem zufilligen und dem strukturbedingten Fehlen von Elementenkombinationen, die indessen nur axiomatisch losbar scheint (vgl. Vykypél 2003: §2 mit Literatur). Diese Frage stellt sich tibrigens auch, wenn konstatiert wird, dass eine GroBe in Verbindung anderer GroBen aufgrund der Absenz von Kommutation zwischen der Grofe und der Verbindung aufzulosen ist: Auch das Fehlen einer Kombination in der betreffenden Position, in welcher der Kommutationstest durchgefithrt wird, kann zufillig sein. Aus demselben Grunde behandeln wir bei den Reduktionen nicht die Frage der Reihenfolge der Elemente, in die es reduziert wird, denn Hjelmslevs (1973: 161, 255) Regelxyz = xy + yz ist in dieser Perspektive nicht unbedingt giiltig (vgl. Fischer-Jorgensen 1979: 108). „DAS PHONOLOGISCHE INVENTAR...“ | 165 am Wortende) ware als Manifestation der Latenz von A zu betrachten. Das System wire dann das folgende (auf der Dimension ‘vordere’): a A B B Y į p k S § h t Eine alternative Ordnung des Systems ware die folgende (horizontal ‘vordere’; vertikal ‘Verschluss’): |e 3 B p S x a A “ic 2. Nun versuchen wir den Abriss des litauischen Ausdruckssystems mit der morpho- nologischen Klassifizierung des litauischen phonologischen Inventars in einigen As- pekten zu vergleichen. 2.1. An dieser Stelle ist es vielleicht angebracht, zunichst an einiges aus der Ge- schichte der Morphonologie zu erinnern (ohne allerdings die ganze Geschichte nach- zuerzahlen). Im Anfangsprogramm der Morphonologie, wie deren Begriinder, N. S. Trubetzkoy (1929; 1931; 1934; vgl. auch Skalicka 1979: 77f., 83), es formuliert hat, wurden bekanntlich verschiedene Dinge einbezogen: Die allgemeine Aufgabe, den phonologischen Aufbau der (Minimal)Zeichen zu untersuchen, zerfiel in zwei Bereiche, und zwar denjenigen der „gebundenen Alternationen®, welche phonologisch bestimmt sind (d. h. dadurch, durch welche inhaltslose Ausdruckseinheiten die einzel- nen Zeichen gebildet sind), und denjenigen der „freien Alternationen®, welche mor- phologisch bestimmt sind (d. h. dadurch, mit welchen Inhaltselementen die betref- fenden Ausdruckseinheiten verbunden werden). Trubetzkoy selbst hat sein eigenes Programm der Morphonologie indessen — aus welchen Griinden auch immer — nie vollendet, und auBerdem wurde der Status der Morphonologie als selbststandiger sprachwissenschaftlicher Disziplin kritisiert, indem behauptet wurde, die voraus- gesetzten Aufgaben der Morphonologie seien in die Phonologie (die ,,gebundenen Alternationen®) und Morphologie (die , freien Alternationen®) einzugliedern (vgl. Martinet 1963: 88 f.; 1965: 95; D’urovi¢ 1967 a; 1967 b; Kurylowicz 1967; neuer- dings vgl. Patri 2002). Die Kritik im zweiten Punkt lasst sich in dem Einwand zusam- menfassen, es bestehe kein Unterschied zwischen der Morphonologie und der for- malen Morphologie*, denn beide untersuchen den Aufbau der signifiants. Man diirfte hier zweierlei in der Antwort bemerken. Zunichst kann man sagen, dass die Morpho- nologie untersucht, was die EINZELNEN phonologischen Elemente beim Aufbau der 4 Vielleicht ist nicht notwendig daran zu erinnern, dass hier die Untersuchung der (Minimal)Zeichen unter Morphologie resp. deren signifiants unter formaler Morphologie verstanden wird, wihrend Hjelmslev die Beschreibung gewisser Inhaltselemente mit Morphologie gemeint hat. 166 | BOHUMIL VYKYPĖL Zeichen tun, wahrend die formale Morphologie sich mit KOMPLEXEN dieser Elemente als Zeichenkomponenten befasst. Da allerdings auch die Morphonologie Komplexe phonologischer Elemente (beispielsweise Diphtonge oder Phonemverbindungen, die mit einem einzigen Phonem alternieren) beschreibt und umgekehrt die formale Mor- phologie die Rollen einzelner Phonemen bei der Zeichenbildung zu berūcksichtigen hat, scheint ein zweiter moglicher Unterschied wichtiger: Die Morphonologie unter- sucht die Moglichkeiten des sprachlichen (phonologischen) Systems zum Aufbau der Zeichen, die formale Morphologie befasst sich damit, wie diese Moglichkeiten aus- genūtzt werden, d.h. wie die konkreten signifiants aufgebaut sind. Und eben in diesem Punkte konnen wir auch an Hjelmslevs anfangs erwahnte positive Bewertung der Morphonologie ankniipfen. 2.2. Der Unterschied zwischen den durch das System angebotenen Moglichkeiten und deren Ausniitzung stellt fiir Hjelmslev bekanntlich einen der wichtigen Unter- scheidungsmerkmale zwischen dem Sprachbau und dem Sprachgebrauch dar (vgl. auch Vykypél 2003: §1). Das Beschreibungsobjekt der Morphonologie konnte somit vor- laufig in den Hjelmslevschen Sprachbau, dasjenige der formalen Morphologie dage- gen in den Sprachgebrauch eingegliedert werden. Au er diesem Punkt lassen sich noch weitere Berithrungspunkte finden, welche die Morphonologie mit Hjelmslevs Kenematik (Beschreibung des Ausdrucksplans) verbinden. Zunachst ist daran zu erinnern, dass die Ausdruckselemente in den beiden Diszi- plinen nicht nach deren Manifestation (phonetisch oder phonologisch, d.h. nach Tru- betzkoys ,,phonologischem Gehalt™) klassifiziert werden. Der Unterschied besteht jedoch darin, wonach sie also klassifiziert werden: in der Morphonologie nach den Rollen der Elemente beim Aufbau der Zeichen, in der Kenematik nach den syntag- matischen und paradigmatischen Beziehungen, in welche die Elemente treten kon- nen, ohne dies durch den Rahmen des Zeichens zu beschrinken. Beides kann man nichtsdestoweniger fiir einen INNEREN Gesichtspunkt halten: Die Kenematik bewegt sich in der reinen Form, ohne die Substanz (Manifestation) zu berticksichtigen; im Falle der Morphonologie geht es um das Zeichen, das durch die Durchdringung der beiden Plane der Sprache (des Inhalts- und des Ausdrucksplans) miteinander gebil- det wird, und nicht um Manifestation, welche die Durchdringung der Plane mit der Welt darstellt. Trotzdem muss von einem streng glossematischen Gesichtspunkt aus zugestanden werden, dass die morphonologische Beschreibung des Aufbaus der sig- nifiants — wie sie sich auch immer auf Moglichkeiten beschrankt oder beschrinken kann und sich mit den konkreten Zeichen nicht befasst — nicht in die Beschreibung des Sprachbaus einbezogen werden darf, denn die Zeichen gehoren zum Sprach- gebrauch und die kenematische Beschreibung richtet sich nur auf die inhaltslosen Ausdrucksentititen: Die oben (2.1.) erwidhnten durch das System angebotenen Mog- lichkeiten stellen die syntagmatischen und paradigmatischen Kombinationsmog- lichkeiten der Elemente sowie deren Manifestationsmoglichkeiten dar, unter denen der Sprachgebrauch dann auf verschiedenen Stufen wihlt (im Ausdrucksplan auf der morphonologischen und spiter auf der formalmorphologischen Stufe). Man kann somit sagen, dass in Hjelmslevs Programm der Untersuchung des Ausdrucksplans in erster Linie (d.h. der des Sprachbaus) nur derjenige Bereich der Trubetzkoyschen „DAS PHONOLOGISCHE INVENTAR...“ | 167 Morphonologie passt, welcher der Untersuchung der sog. gebundenen Alternationen gewidmet ist (vgl. Vykypél 2002: 243f.). 2.3. Auch wenn also die Morphonologie nur teilweise in die Kenematik integrierbar ist, bleibt zwischen diesen zwei Disziplinen doch eine (Wahl-)Verwandtschaft beste- hen, die offensichtlich darauf beruht, dass in beiden Fallen mehr das Realisierbare als das Realisierte untersucht wird. Man kann ebenso vermuten, dass dies auch in der Bereitschaft der Morphonologie zur Reduktion der Elemente zum Ausdruck kommt. Somit konnen wir endlich zum Aufsatz von Tomaš Hoskovec zurūckkehren. Hier wur- de namlich eine ahnliche Reduktion der sog. palatalisierten Phoneme im Litauischen vorgenommen wie oben (1.2.3.): Die palatalisierten Phoneme wurden vom morpho- nologischen Gesichtspunkt aus als Verbindungen der jeweiligen nichtpalatalisierten Konsonanten mit einem „palatalisierenden Element“ interpretiert (vgl. Hoskovec 2002: 283-291). Dieser Schritt wurde allerdings nicht rein willkūrlich vorgenom- men, sondern deswegen, weil das Konsonantensystem sich dadurch ,,erheblich ver- einfacht“, wie ausdriicklich konstatiert wurde. Hoskovec lasst gleichzeitig zu, dass auch die sog. stimmhaften Konsonanten sich reduzieren lieBen (vgl. auch oben 1.2.3.2), er macht aber diese Reduktion nicht, denn sie wiirde keine Vereinfachung mit sich bringen, oder mit anderen Worten, man sche fiir eine solche Modifizierung vom morphonologischen Gesichtspunkt aus keine Ausniitzung (vgl. Hoskovec 2002: 283). Eine weitere Reduktion wird im Falle der langen Vokale /i/ und /ū/ als vom morpho- nologischen Gesichtspunkt aus moglich betrachtet (vgl. Hoskovec 2002: 293f.), und zwar durch ihre Auflosung in /ii/ resp. /uu/, d.h. es wird ahnliche Reduktion wie oben (1.2.2.) vorgenommen. Es wird aber zugleich einerseits konstatiert, die Auflosung dieser Phoneme sei nicht in allen Fallen moglich, und andererseits wird sie fir die anderen Vokale gar nicht erwogen. Beides ist auch verstandlich, denn es liegen dafir keine morphonologischen Griinde vor — oder mit anderen Worten hitten solche Ope- rationen zu keiner Vereinfachung vom morphonologischen Gesichtspunkt aus gefiihrt. Die kenematische Beschreibung findet jedoch ihre Griinde fiir beides, und zwar im Generalisierungsprinzip (zu diesem vgl. Hjelmslev 1943: 63; 1975: 2): Die Losung durch Reduktion, welche die Groen und ū in den einen Fallen eindeutig und in den anderen mehrdeutig zulassen, wird fiir alle Fille sowie fiir die anderen Vokale gene- ralisiert®. Dieses Prinzip lisst sich auch auf die sog. Affrikaten anwenden. Ahnlich wie bei /i/ und /ū/ wird auch bei den Affrikaten festgestellt (mit anderen Worten), dass sie in cinigen Fallen morphonologisch als Verbindungen von Dentalen mit Sibilanten in- terpretierbar sind, in anderen aber nicht (vgl. Hoskovec 2002: 286-290). Aufgrund des Generalisierungsprinzips lassen sich indessen alle Affrikaten so wie oben (1.2.3.) auflosen. Gegen ihre morphonologische Auflosung spricht jedoch der Umstand, dass durch die Verallgemeinerung der Auflosung keine Vereinfachung vom morphonolo- gischen Gesichtspunkt aus erreicht wird. Es sei angemerkt, dass man auch rein phonologische Griinde fiir die Interpretation der litauischen langen Vokale als Identitatsdiphtonge findet (vgl. Trubetzkoy 1939: 172). 168 | BOHUMIL VYKYPĖL 2.4. An den Unterschied im AusmaB der Reduktion konnen wir auch mit dem Ein- wand ankniipfen, den Hjelmslev gegen die Morphonologie erhoben und aphoristisch zusammengefasst hat, indem er (interessanterweise wieder in einer Notiz zu einem Text von Novak) geschrieben hat, die Phonologie sollte auf der Morphonologie auf- gebaut werden und nicht umgekehrt (vgl. Hjelmslev 1940-41b; vgl. auch Hjelmslev 1959: 122, 127; 1973: 228, 234; 1974: 1). Das bedeutet, dass die Morphonologie auf der Grundlage des phonologischen Systems arbeitet: Sie iibernimmt das pho- nologische Inventar und auch die phonologische Art und Weise des Kommutation- stests, d.h. kommutiert werden manifestierte Formen (Ausdrucksgréen), und dies geschieht im Rahmen des Zeichens (beim glossematischen Kommutationstest wer- den dagegen reine Formen innerhalb bereits aufgestellter Kategorien vertauscht; zum Vergleich zwischen Glossematik und Phonologie hinsichtlich der Kommuta- tion vgl. Ducrot 1967). Man kann dafiir auch Beispiele aus dem besprochenen Text anfiihren. 2.4.1. Das vielleicht anschaulichste Beispiel stellt die Frage dar, ob die Laute v und u resp. i und j selbststandige morphonologische Elemente, oder aber Varianten eines einzigen Elements darstellen, wozu sich noch die Frage gestellt, welche Beziehung zwischen j und i auf der einen und dem ,,palatalisierenden Element“ (vgl. 2.3.) auf der anderen Seite besteht (vgl. Hoskovec 2002: 295f.). Die angefiihrten Laute alternie- ren morphonologisch miteinander, und ihre Distribution ist zudem in hohem MaBe komplementar. Trotzdem wird die gestellte Frage im Falle von v und uv aufgrund des phonologischen Kommutationstests entschieden, und v und u werden als zwei unter- schiedliche morphonologische Elemente erklért, indem manifestierte Ausdrucksket- ten vertauscht werden und die konkrete Worter den Rahmen fiir den Kommutations- test bilden (volus vs. uolus, volą vs. uolg)°. Im Falle von j und i findet man zwar keine sog. Minimalpaare, aber im Falle von j und dem palatalisierenden Element lassen sich dennoch wenigstens manifestierte Silben vertauschen (bjaurus vs. labiau). Vom glossematischen Gesichtspunkt aus sind jedoch weder v und u noch j und i kommutier- bar, da sie zu unterschiedlichen Kategorien gehoren, wie sie auch immer an derselben Stelle in einem (manifestierten) Zeichen vorkommen oder vorkommen konnen. Diese GroBen konnen im Litauischen bloB auf jeweils eine reduziert und in die Kategorie der Ausdruckselemente, die sowohl selektiert als auch selektierend sind, eingeglie- dert werden, wobei dies auch aufgrund des Zeichenaspekts des litauischen Sprachge- brauchs geschieht, d.h. aufgrund der ,,morphonologischen Alternation® dieser Ele- mente (vgl. oben 1.2.1.). Die glossematische Kommutationsbeziehung der sprachlichen Elemente gleicht nicht der phonologischen distinktiven Fahigkeit der Phoneme, obwohl beides durch ein Vertauschen gewisser Elemente festgestellt wird: Sowohl das Vertauschen als auch die Elemente sind in den beiden Fallen unterschiedlich. Nichtsdestoweniger findet 6 Es fragt sich dabei, ob die Segmente vo und uo und nicht vielmehr va und uo zu vertauschen sind, denn der Laut, der im Diphtong uo als o geschrieben wird, ist viclleicht eher mit a zu identifizieren. „DAS PHONOLOGISCHE INVENTAR...“ | 169 man hinter dem noetischen Unterschied vielleicht ein gemeinsames ontologisches Objekt, das im ersten Falle in potentia, im zweiten in actu besteht’. Der quasi-schiedsrichterlichen Rolle der Phonologie entspricht ūbrigens auch die standige Unterscheidung zwischen dem phonologischen und dem morphonologischen Gesichtspunkt: Auch wenn es morphonologische Griinde beispielsweise fiir die Auf- 16sung von langen Vokalen in Diphtonge oder fiir die Reduktion von v und « oder j und i in ein einziges Element gegeben hitte, andere dies nichts an ihren phonema- tischen Status (vgl. Hoskovec 2002: 295); mit anderen Worten andert die morpho- nologische Reinterpretation des phonologischen Inventars das phonologische Sys- tem nicht rickwirkend. 2.4.2. Dass sich die Phonologie und mit ihr auch die Morphonologie im Sprachge- brauch und nicht im Sprachbau bewegt, zeigen auch andere Beispiele. Die Lange wird als immanentes prosodisches Merkmal von Silben betrachtet, weil Silben ihren voka- lischen Gipfel selbst andern oder behalten kénnen (vgl. Hoskovec 2002: 279f.). Die Silbenlédnge lasst sich jedoch einfach als Anwesenheit zweier bestimmter Elemente in einer einzigen Silbe interpretieren (dhnlich wie die vokalische Lange sich umgekehrt als Fahigkeit der Vokale, im Rahmen einer einzigen Silbe eine Gruppe mit denselben Vokalen zu bilden, betrachtet werden kann), und die Identitat der Silbe, die der Begriff der immanenten Silbenldnge voraussetzt, ist durch die Identitit der Silbe im Rahmen eines Zeichens oder genauer einer (paradigmatisch verbundenen) Zeichengruppe gegeben®. Eine so aufgefasste Identitit der Silben wird auch durch die Behauptung vorausge- setzt, auch die unbetonten Silben besaBen eine bestimmte Intonation, die sich aller- dings nur unter Betonung manifestiere und auBerdem die Position der Betonung be- einflusse (vgl. Hoskovec 2002: 282). Vom Gesichtspunkt des Sprachgebrauchs aus lassen sich die Verhaltnisse indessen vielmehr folgendermaBen beschreiben: Die sog. unbetonten Silben enthalten die intense Ausdruckscharakteristik ,,schwacher Akzent“ (°), und die Intonationen werden in Verbindung mit diesem „Akzent“ latent, d.h. syn- kretisiert und mit Null manifestiert (vgl. oben 1.1.). Dieser Synkretismus der Intona- tionen ist aber auflosbar, und zwar aufgrund des Zeichenaspekts des Sprachgebrauchs. Dies bedeutet mit anderen Worten, dass eine bestimmte unbetonte Silbe, d.h. eine solche, in der die intense Ausdruckscharakteristik ,,schwacher Akzent“ (°) enthalten ist, sich mit einer bestimmten betonten Silbe, d.h. einer solchen, in der die intense Ausdruckscharakteristik „starker Akzent“ (') enthalten ist, aufgrund der Tatsache identifizieren lasst, dass die beiden Silben an derselben Stelle in einem Zeichen ste- 4 Was die sog. Minimalpaare angeht, so sei Eli Fischer-Jorgensen (1979: 149) erwahnt, die geschrieben hat, Minimalpaare als fiir die Unterscheidung zwischen Varianten und Invarianten entscheidend zu betrachten heiBe, nicht die phonematische Struktur der Sprache, sondern die Zufille der Zeichenbildung oder sogar des untersuchten Materials zu beschreiben. Bei der Beschreibung des Sprachbaus ist namlich immer mit „zufalligen Lūcken“ im Sprachgebrauch zu rechnen und d. h. auch mit der Absenz von Minimalpaaren. Die Erwahnung des Unterschieds zwischen dem potenziellen und dem aktuellen System findet man tibrigens auch im besprochenen Text (vgl. Hoskovec 2002: 277, 288). Zu diesem Prinzip der Identitat vgl. ibrigens (in einem anderen Zusammenhang) auch die Bemerkungen von Hoskovec (2002: 291f., 294) zur „semantischen oder inhaltlichen Bestimmung* der Diphtonge. 170 | BOHUMIL VYKYPĖL hen (dieselbe „Zeichenfunktion“ haben), wobei dasjenige Glied der Kategorie der Intonation in die „unbetonte“ Silbe eingefūhrt wird, das in der „betonten“ Silbe ent- halten ist. Die Variierungsgrenzen, die der litauische Sprachbau setzt, bestehen somit in diesem Falle darin, dass in Silbengruppen, die das signifiant eines Wortes bilden konnen, nur eine Silbe mit „starkem Akzent“ und einer bestimmten Intonation auftritt und die anderen Silben in dieser Gruppe den „schwachen Akzent“ und Synkretismus der Intonationen enthalten. Wie diese Silben im Rahmen eines Wortes oder einer Gruppe paradigmatisch verbundener Worter distribuiert sind, entscheidet der Sprach- gebrauch, denn dies hangt davon ab, mit welchen Inhaltselementen die betreffende Silbengruppe verbunden wird. Dabei ist dann auch von Bedeutung (oder kann von Bedeutung sein), welche Intonation durch ihre Einfithrung den Synkretismus der In- tonationen auflosen kann. Angemerkt sei, dass allerdings auch Hjelmslev (1973: 204-209) den Synkretismus der Intonationen in sog. unbetonten Silben in einigen Fallen fiir auflosbar halt (d.h. in der idealen Notation enthilt eine solche Silbe mit dem auflosbaren Synkretismus eine bestimmte Intonation) und diesen eben aufgrund des Zeichenaspekts des Sprach- gebrauchs auflost, wobei er die eingefiihrten Intonationen dann als die Distribution der anderen Prosodeme im Rahmen einer Silbengruppe beeinflussend betrachtet (die durch den Sprachbau gesetzte Variierungsgrenze ist also enger). Hier stellt sich in- dessen die allgemeine Frage, wie eigentlich die Hjelmslevschen auflosbaren Syn- kretismen aufzulsen sind (oder mit anderen Worten, wie das Ergebnis eines Syn- kretismus mit anderen Elementen des Sprachbaus zu identifizieren ist). Es tritt in diesem Punkte offensichtlich wieder das Problem der Unterscheidung zwischen dem formalen und dem operativen Aspekt der Beschreibung des Sprachbaus auf: Wahrend im ersteren Aspekt vom Sprachgebrauch abzusehen ist, muss der Sprachgebrauch im operativen Aspekt der Beschreibung unumganglich beriicksichtigt werden (vgl. hier- zu Vykypél 2003: §3). Dariiber, ob und inwieweit der Sprachgebrauch in den einzel- nen Fallen auch tatsachlich beriicksichtigt wird, soll aufgrund des Empirieprinzips entschieden werden, d.h. man muss fragen, ob die Beschreibung widerspruchsfrei, exhaustiv und einfach ist (zum Empirieprinzip vgl. Hjelmslev 1943: 14; 1975: 1). Der Unterschied zwischen der morphonologischen und der glossematischen Beschrei- bung scheint hier also darin zu bestehen, dass die erstere sich unbedingt nach dem Zeichenaspekt des Sprachgebrauchs richtet, wiahrend die letztere diesen nur dann beriicksichtigt, wenn es fiir die gesamte Beschreibungsstrategie „vorteilhaft“ ist (diese muss sich dabei nach den Prinzipien und Zielen der Sprachtheorie richten; dazu vgl. Hjelmslev 1943: 13-19, 21-31). Somit scheint auch berechtigt, was Hjelmslev schrieb, nachdem er durch Synkretismusauflosung Intonationen in sog. unbetonte Silben einge- fihrt hatte: „On peut admettre ces faits sans donner pour cela la moindre concession a la théorie courante qui veut que ‘le circonflexe et I'aigu existent en syllabe atone (inaccentuée) au méme titre que dans les syllabes toniques (accentuées)’. Notre interprétation est foncierement différente et tient compte des faits de langue d'une fagon beaucoup plus réaliste.” (Hjelmslev 1973: 205). „DAS PHONOLOGISCHE INVENTA R...“ | 171 Ein beredtes Zeugnis fiir die oben (2.3.) erwahnte (Wahl-) Verwandtschaft zwischen Kenematik und Morphologie wiirde auch folgende Erklarung von Hoskovec darstellen: „Da wir uns in einer deduktiv aufgebauten Theorie bewegen, konnen wir uns am Anfang entscheiden, ob wir als die Elemente der phonematisch-prosodematischen Ebene die beiden erwahnten Inventare [d.h. diejenigen der Phoneme und der Prosodeme] so annehmen, wie sie sind, oder ob wir sie irgendwie modifizieren.” (Hoskovec 2002: 268) Man kann beobachten, dass die Kriterien einer solchen Modifizierung jedoch an- dere sind als diejenigen, welche die Kenematik verwendet: Im ersten Falle handelt es sich um phonologische Daten und diejenigen des Zeichenaspekts des Sprachgebrauchs, im zweiten auch und vor allem um die Prinzipien der gesamten Sprachtheorie, die unabhingig von den einzelnen Daten ist. 2.5. Eli Fischer-Jorgensen (1975: 123) schrieb: „What the Prague phonologists were interested in was the interplay between form and substance, the way in which the purport is formed®. Die Phonologie ist von diesem Gesichtspunkt aus die Beschreibung des Substanzaspekts des Sprachgebrauchs im Ausdrucksplan. Man darf die Morpho- nologie in dieser Perspektive als Komplement der Phonologie und als Beschreibung des Zusammenspiels zwischen der Ausdrucksform und dem Zeichenaspekt des Sprach- gebrauchs betrachten, eine Beschreibung dessen, wie die Zeichen gebildet werden. So wiirden die beiden Disziplinen ihren Platz im Hjelmslevschen Organon finden. 2.6. Bisher war liber die Morphonologie vorwiegend vom glossematischen Gesichtspunkt aus die Rede. Es diirfen jedoch ebenso ,,(mor)phonologische Einwande“ gegen die Kenematik erhoben werden. Der grundsitzlichste unter ihnen betrifft bekanntlich die operative Seite der Beschreibung (was wir auch oben in 2.4.2. beriihrt haben). Wir haben dies in anderen Texten zu beschreiben versucht und haben auch eine Art Kompromiss zwischen Glossematik und Phonologie vorgeschlagen, und zwar die Diversifizierung des phonologischen Systems nach den syntagmatischen Bezichungen seiner Elemente (vgl. Vykypél 2002; 2003). Diese Losung lasst sich einerseits offen- sichtlich mit der ,morphonologischen Klassifizierung des phonologischen Inventars“ im besprochenen Aufsatz vergleichen, und sie erinnert andererseits — und das erscheint uns fir die Zukunft noch interessanter — auch an eine fast vergessene alternative Variante der klassischen Prager Phonologie, und zwar diejenige von VILEM MATHESIUS. Wir sind tberzeugt, dass es eine wichtige Aufgabe der phonologischen Forschung darstellt, Mathesius’ Auffassung der Phonologie sowie ihren Einfluss zu analysieren’. 9 Fir einige Literatur zu Mathesius’ Phonologie vgl. Vykypél (2002: 241). - Nebenbei sei gesagt, dass weder die syntagmatische Strukturierung des Ausdruckssystems mit der immanenten (formalen) noch die paradigmatische mit der transzendentalen (substanziellen) Strukturierung gleichgesetzt werden darf, wie vielleicht einige Formulationen in zahlreichen Texten von Oldfich Leska eben auch zu Mathesius’ Phonologie (und auch Hoskovec 2002: 275 an einer Stelle) suggerieren konnten: Die paradigmatische Strukturierung kann entweder extensional (formal) oder intensional (substanziell) sein, und ebenso kann die syntagmatische Strukturierung entweder formal sein und die bloBen Abhingigkeiten beriicksichtigen, oder aber substanziell und die Reihenfolge und Kombination der Ausdruckselemente als Manifestation ihrer syntagmatischen Bezichungen untersuchen. 172 | BOHUMIL VYKYPĖL Ein allgemeinerer Vorwurf, den man gegen die glossematische Beschreibung oder genauer gegen die radikale Reduktion der Zahl der Elemente erheben kann, besteht in der Behauptung, dass diese keine Vereinfachungen bringt (dabei ist von Bedeutung, dass dies als theorieimmanentes Argument betrachtet werden darf, denn die Einfachheit bildet einen Teil des Hjelmslevschen Empirieprinzips; vgl. hierzu auch Vykypėčl 2003: $2). Wie bereits Henning Spang-Hanssen (1949) gezeigt hat, stellt die Einfachheit einen relativen Begriff dar: Die Verminderung der Zahl der Elemente durch Reduktion, die Hjelmslev bevorzugte, kann Komplikationen in den Regeln der Kombination und/oder Manifestation der Elemente mit sich bringen. Dies konnten wir auch oben (2.3.) beobachten, wenn auch in negativer Form: Die Reduktion der stimmhaften Konsonanten oder der Affrikaten wūrde keine Vereinfachung im morphonologischen Aspekt bringen und wurde daher nicht vorgenommen. 3. AbschlieBend kehren wir noch zur Frage nach der Strukturierung der Kategorie der intensen Ausdruckscharakteristiken zurūck. Oben (1.1.) wurde erwahnt, dass Hjelmslev diese Kategorie weder in Subkategorien noch in Dimensionen teilt. Er behauptet indessen, es sei unmoglich, sowohl die Kategorie der intensen Ausdrucks- charakteristiken (Akzente) als auch diejenige der extensen Ausdruckscharakteris- tiken (Modulationen) nicht nur im Litauischen, sondern in allen Sprachen zu teilen (weder in Subkategorien noch in Dimensionen). Man darf jedoch gegen diese An- sicht zweierlei einwenden. Zunachst ist zu bemerken, dass Hjelmslev (1973: 196) seine Behauptung, die Kategorien der Akzente und der Modulationen enthielten nie weitere Subkategorien oder Dimensionen, empirisch im iiblichen Sinne begriindet, d.h. sie beruht auf unvollstandiger Induktion, was im Rahmen der glossematischen Theorie nicht zuldssig ist". Der zweite Einwand besteht darin, dass die Parallelitat der Plane, einer der wichtigsten Punkte der glossematischen Theorie nicht gūltig ware, wenn die Kategorien der Ausdruckscharakteristiken nicht in Subkategorien oder Di- mensionen geteilt werden konnten, denn die Kategorien der Inhaltscharakteristiken (Morpheme) werden in Subkategorien und diese in Dimensionen geteilt (vgl. Hjelmslev 1959: 152-164). Die Kategorie der intensen Ausdruckscharakteristiken (Akzente) lieBe sich mit derjenigen des Numerus-Genus der intensen Inhaltscharakteristiken vergleichen. Vom panchronischen Gesichtspunkt aus wiirde die ,,Grundbedeutung® der Numerus-Ge- nus-Kategorie, welche ‘Konsistenz’ ist (vgl. Hjelmslev 1959: 157; 1972: 90-103), die am nachsten liegende Vergleichsbasis darstellen. Die dritte Dimension dieser Kate- gorie ist ‘massiv—punktuell’ und lieBe sich mit den „Akzenten“ vergleichen, die wir oben (1.1.) auf der Dimension ‘punktuell’ gegliedert haben. Die zweite Dimension der Numerus-Genus-Kategorie ist ‘Expansion-Konzentration’ und lieBe sich mit den „Intonationen“ vergleichen, die oben (1.1.) auf der Dimension ‘steigend’ gegliedert wurden. Auch hinsichtlich der extensionalen Strukturierung der Kategorien diirfte man Parallelen finden. Der Synkretismus der Intonationen in Verbindung mit dem 10 Esistersichtlich, dass der Text, der die litauischen Prosodeme betrifft, noch vor der ..deduktiven Wende* in der Entwicklung der glossematischen Theorie entstanden ist. „DAS PHONOLOGISCHE INVENTAR...“ | 173 „schwachen Akzent“ im Litauischen lasst sich beispielsweise mit dem Synkretismus der Genera im Plural im Deutschen vergleichen. Was die Anzahl der Glieder und die extensionale Strukturierung angeht, so lieBe sich besser die lettische Kategorie der intensen Ausdruckscharakteristiken mit der deutschen Numerus-Genus-Kategorie vergleichen: Genus/,,Intonation“ Numerus/,,Akzent“ B B Y a A Deutsch F. M. N. PL Sg. Lettisch 7 ! a o : Auch die Synkretismusbezichungen waren parallel: Deutsch Lettisch Bp | B | v p | B [ v Synkretismus PI. a i Synkretismus F. | M. | N. | se | A | wlll, ILIA TL Wenn man mit Hjelmslev (1959: 248) im Deutschen in der Numerus-Genus-Kate- gorie nur mit den Elementen ‘Femininum’, ‘Maskulinum’, ‘Neutrum’ und ‘Plural’ (bzw. auch ‘Kollektiv’) rechnet und die zweite oben (1.1.) vorgeschlagene Strukturierung der litauischen intensen Ausdruckscharakteristiken annimmt, so kann man ein paral- leles System aufstellen: p B Y r (I) Deutsch F. M. N. PL (Koll.) Litauisch i ji 9 ' (virtuell) Auch Hjelmslevs Strukturierung der Kategorie der intensen Ausdruckscharakte- ristik (vgl. oben 1.1.) lasst einen Vergleich mit der Kategorie der intensen Inhalts- charakteristiken Numerus-Genus zu, und zwar beispielsweise mit derjenigen im Franzosischen: B B Y Franzosisch F. M. PL. Litauisch | 9 SchlieBlich sei noch auf eine andere auffallige Verbindung zwischen der Kategorie der intensen Ausdruckscharakteristiken und der Inhaltskategorie des Numerus-Ge- 174 | BOHUMIL VYKYPĖL nus verwiesen. Bekanntlich hat das Lettische eine „Intonation“, die im Litauischen fehlt, und zwar die sog. gebrochene Intonation (“ ). Dem wūrde entsprechen, dass das Lettische auch in seinem Inhaltsplan ein Inhaltselement der Numerus-Genus-Kate- gorie hat, welches man im Litauischen nicht findet, und zwar die ‘Personalitat’ (vgl. vinš, vina vs. tas, ta). Fir die Liebhaber von Areallinguistik und Sprachbiinden ist hier sicherlich die Tatsache interessant, dass man vergleichbare Verhiltnisse in den germanischen Nachbarsprachen findet: vgl. die schwedischen Intonationen und schwe- disch han, hon ‘er, sie (personal)’ vs. den, det ‘er/sie, es (nichtpersonal)’, was beides im Deutschen fehit. LITERATURVERZEICHNIS Ducror, O. 1967: La commutation en glossématique et en phonologie. 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