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Postverbų pateikimo problema „Lietuvių kalbos žodyne“

Rolandas Mikulskas

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ACTA LINGUISTICA LITHUANICA XLVIII (2003), 71 – 96 Das Problem der Wiedergabe von Postverben Im Wörterbuch der litauischen Sprache ROLANDAS MIKULSKAS Institut für litauische Sprache Der Artikel behandelt die lexikografische Erfassung der sogenannten „Postverben“ (d. h. Partikeln, die in Verbalkomplexen vorkommen) in der litauischen Lexikografie. In diesem Zusammenhang werden die nordlitauischen „perfizierenden“ Konstruktionen mit solchen postverbalen Markern ausführlich erörtert. Bei den als Postverben verwendeten Formen handelt es sich in der Regel um ursprüngliche Illative. Ihre Funktion als Aspektmarker nimmt ihnen ihre eigentliche lexikalische Bedeutung und die Möglichkeit, als Adverbialbestimmungen zu fungieren. Deshalb sollte man bei der Frage nach der grammatischen Deutung solcher Formen (angeregt durch die Anforderungen der lexikografischen Beschreibung) vor allem Versuche zurückweisen, sie mit dem Prozess der Adverbialisierung von Illativen in den westlitauischen Dialekten in Verbindung zu bringen. 0. Nachdem im vergangenen Juni der zwanzigste Band des Wörterbuchs der litauischen Sprache (im Folgenden LKŽ) erschienen war, wollte ich – wie wohl jeder andere Verfasser eines LKŽ-Textes – nachsehen, wie mein Textabschnitt redigiert worden war. Besonders interessierte mich, wie die Redakteure mit den von mir versuchsweise eingebrachten ethnolinguistischen Ideen zur Textgestaltung und Bedeutungsdefinition sowie mit den Neuerungen bei der grammatischen Kennzeichnung von Wörtern umgegangen waren. Leider war ich beim Lesen des redigierten Textes mehr als einmal enttäuscht: Es entsteht der Eindruck, dass mein Versuch, neue Prinzipien für die Organisation und Darstellung lexikografischen Materials einzuführen, nicht erkannt worden war. Natürlich hielten sich die Redakteure des LKŽ an die über viele Jahre gewachsene Redaktionspraxis; doch führt eine solche Haltung nicht mitunter zu einer gewissen Trägheit, die Neuerungen den Weg versperrt? Selbstverständlich war es im letzten Wörterbuchband möglicherweise nicht der richtige Zeitpunkt, die Redaktionsprinzipien radikal zu ändern, wenn ihre methodische Einheitlichkeit gewahrt werden sollte. Die von mir vorgeschlagenen Neuerungen waren jedoch nicht radikaler Art. Zu ihrer Einführung bewogen mich zwei allgemeinere Überlegungen. Erstens wurden während der hundert Jahre, in denen das LKŽ-Projekt verwirklicht wurde, beim Verfassen der Texte wiederholt methodische und theoretische Neuerungen angewandt, um mit der Entwicklung der Sprachwissenschaft Schritt zu halten. Zweitens geht es um ein Wort von besonders komplexer Semantik, Erde – gerade dieses Wort und seine unmittelbarsten Ableitungen waren im zwanzigsten LKŽ-Band zu beschreiben. Wegen ihrer existenziellen Bedeutung schenkt die moderne Bedeutungswissenschaft unserer Zeit, die kognitive Semantik, Wörtern dieses Typs besondere Aufmerksamkeit (neben Erde können hier auch Himmel, Haus, Ort, Heimat sowie die für die Litauer historisch bedeutsamen Wörter Westen und Osten genannt werden u. a.; vgl. Gudavičius 2000: 39). Denn in der Bedeutungswelt, die solche Wörter umfassen, sind die über viele Jahrhunderte gewachsene Sichtweise eines Volkes, einer Sprachgemeinschaft auf für ihre Existenz wichtige Dinge sowie ihre Mentalität kodiert. Bei der Abfassung oder Gestaltung solcher „grundlegenden Texte der litauischen Kultur“ wie des LKŽ (Daujotytė 2002: 35) ist es sinnvoll, die Bedeutungen dieser für uns existenziell wichtigen Wörter so zu ordnen und darzustellen, dass die Mentalität ihrer Benutzer für die Leser möglichst klar erkennbar ist und in möglichst unverfälschter Form an kommende Generationen weitergegeben wird, wobei möglichst angemessene (auch unkonventionelle) lexikografische Mittel einzusetzen sind. Die auf diesem Gebiet gesammelte Erfahrung bei der Bedeutungsordnung wäre auch künftig von Nutzen, wenn das LKŽ-Projekt in der einen oder anderen Form fortgesetzt wird. Hier möchte ich diese einleitenden Bemerkungen beenden, deren recht abstrakter Charakter den Leser zu irritieren beginnen könnte. Ich hoffe, künftig auf ethnolinguistische Überlegungen und die Anwendung der Prinzipien dieser Richtung auf Wörterbücher vom Typ des LKŽ zurückzukommen. Im Folgenden möchte ich mich etwas ausführlicher mit einem grammatischen Problem befassen – der Darstellung der sogenannten Postverben im LKŽ. 72 | ROLANDAS MIKULSKAS lesern möglichst klar wird und in möglichst unverfälschter Form an kommende Generationen weitergegeben wird, wobei möglichst angemessene (auch unkonventionelle) lexikografische Mittel einzusetzen sind. Die auf diesem Gebiet gesammelte Erfahrung bei der Bedeutungsordnung wäre auch künftig von Nutzen, wenn das LKŽ-Projekt in der einen oder anderen Form fortgesetzt wird. Hier möchte ich diese einleitenden Bemerkungen beenden, deren recht abstrakter Charakter den Leser zu irritieren beginnen könnte. Ich hoffe, künftig auf ethnolinguistische Überlegungen und die Anwendung der Prinzipien dieser Richtung auf Wörterbücher vom Typ des LKŽ zurückzukommen. Im Folgenden möchte ich mich etwas ausführlicher mit einem grammatischen Problem befassen – der Darstellung der sogenannten Postverben im LKŽ. 1. Beim Schreiben über das Wort Erde fiel mir auf, dass in den nördlichen litauischen Mundarten der Instrumental dieses Wortes oder dessen Analogon, die Präpositionalfügung „in+Akkusativ“, wenn sie nach Verben bestimmter Bedeutung verwendet werden, anzeigen, dass die von diesen bezeichnete Handlung vollständig ausgeführt wird, also als Aspektmarker fungieren. In der nordwestžemaitischen (kretingischen) Mundart erfüllt auch das Adverb žemyn (abwärts) diese Funktion, ebenso seine längere Variante žemynais (abwärts). Ein Blick auf entsprechende Fälle in anderen Bänden des LKŽ (z. B. lauka(n), šalin, viršuo u. a.) zeigt, dass die Bedeutung dieser Wörter unterschiedlich definiert wird und die Auffassung der Redakteure von der grammatischen Funktion dieser Formen nicht klar formuliert ist. An einer Stelle werden diese Wörter verstärkende Partikeln genannt, an einer anderen Adverbien¹; andernorts gehen Belege für einen solchen Gebrauch zwischen den verschiedenen Bedeutungen der entsprechenden Substantivkasusformen unter. Da ich eine solche uneinheitliche Behandlung dieser Wörter im LKŽ feststellte und eine möglichst geschlossene Auffassung von ihnen vermitteln wollte, bemühte ich mich, soweit wie möglich alle mit dem Wort Erde verbundenen Formen, die dieselbe grammatische Funktion erfüllen, an einer Stelle zusammenzufassen (vollständig ist dies nicht möglich, da ein Teil der Belege für diesen Gebrauch zwangsläufig unter dem Adverb žemyn erscheint). So kam mir die Idee, im Artikel žemė eine eigene Bedeutung anzusetzen. Unter dieser Bedeutung ließe sich die überwiegende Mehrheit der Belege für einen solchen Gebrauch zusammenfassen, nachdem vermerkt worden wäre, dass die Instrumentalform des Stichworts oder ihr Analogon, die Präpositionalfügung „in+Akkusativ“, gewöhnlich nach Verben des Vergehens, Vernichtens oder Entfernens verwendet wird und anzeigt, dass die Handlung ihrem Ende zugeht oder nahezu vollständig ausgeführt wird. Die Ortskürzel würden die geografische Verbreitung dieser Erscheinung kenntlich machen. Angesichts der neuesten Untersuchungen zur Ausdrucksweise des verbalen Aspekts in den nördlichen litauischen Mundarten (Girdeni̇s, Kačiuškienė 1986: 21–27) halte ich es für richtig, die betreffenden Formen mit grammatischer Funktion Postverben zu nennen. Zwar musste ich bei dieser gewählten Darstellungsform des Phänomens im LKŽ die Tatsache außer Acht lassen, dass der Instrumental als Paradigmenkasus in den westlichen litauischen Dialekten nicht mehr gebraucht wird; genauer gesagt, sind nur vereinzelte Belege für einen solchen Gebrauch verzeichnet. Der Instrumental mancher hier verwendeter Wörter wird von vielen bereits als Adverb angesehen. Wie wir jedoch später sehen werden, haben sich die Instrumentalformen nicht aller Wörter aufgrund ihrer inhärenten Semantik gleichermaßen von ihren Flexionsparadigmen gelöst. Aus diesem Grund lässt sich der verbale Aspektmarker žemė(n) leichter als instrumentalförmig auffassen als andere Wörter mit derselben Funktion, etwa laūkan oder šalin. 1 Im letzteren Fall werden sie ebenfalls uneinheitlich behandelt: Sie werden entweder als eigene Bedeutung des entsprechenden Adverbs aufgeführt (šalin, viršuo) oder als Adverbien besonderer Funktion in einem eigenen Artikel angesetzt (žemė(n), žemyn). POSTVERBŲ PROBLEMA LKŽ 73 1.1. LKŽDie Redaktion entschied sich für eine andere Lösung. Als „Illativ“ wird nur ein Teil der Belege mit žemė(n) behandelt, und zwar in Übereinstimmung mit der als „grammatisch korrekt“ geltenden Auffassung, dass Illative westlich einer bestimmten ostlitauischen Dialektgrenze nicht möglich seien (vgl. LKŽXX 313, Bedeutung 3). Hier wurden nur jene Belege aus dem Žemaitischen aufgenommen, in denen eine Präpositionalphrase „į + Akkusativ“ die Funktion eines Aspektmarkers übernimmt. Sätze mit žemėn (oder nordostžemaitisch žemė) werden von der Redaktion beim eigens angesetzten Adverb žemėn aufgeführt (ebd., 337). Seine Funktion wird nicht eigens erläutert; stattdessen wird lediglich auf žemyn verwiesen (ebd., 344), wo erklärt wird, dass dieses Adverb (und seine Akzentvariante žemýn) im Žemaitischen zur Hervorhebung einer abgeschlossenen Handlung gebraucht wird². Ergänzend sei bemerkt, dass ein Teil der Belege für einen solchen Gebrauch auch beim separat angesetzten Adverb žemynais (žemynais)³ zu finden ist (ebd., 345). Diese Entscheidung der Redaktion ist nachvollziehbar. Ihr liegt ein gewisses „Wissen um die Sachverhalte“ zugrunde, das heißt Kenntnisse der historischen Grammatik und Dialektologie über die Entwicklung und das Schicksal des Illativs in den heutigen litauischen Dialekten. Eine gewisse Kuriosität dieses Redaktionsprinzips wird sich später zeigen. Hier möchte ich zunächst auf den auffälligsten Mangel dieser Entscheidung hinweisen: Formen mit im Wesentlichen derselben grammatischen Funktion werden an nicht weniger als vier Stellen des Wörterbuchs aufgeführt und dabei unterschiedlich behandelt. So wird ein einheitliches Phänomen der Verbgrammatik unbegründet zergliedert. Der neu eingeführte Terminus Postverb bleibt nur beim zuerst genannten Fall stehen (d. h. bei Bedeutung 3 des Artikels žemė). Bei näherer Betrachtung der Redaktion dieser Bedeutung zeigen sich übrigens ebenfalls gewisse Inkonsistenzen und sogar Fehler. Die zuvor genannten semantischen Verbgruppen, nach denen gewöhnlich die Postverben žemė(n) und į žemę gebraucht werden, wurden in der Definition so „korrigiert“, dass anstelle der Bedeutung des Verschwindens nun Verben mit der Bedeutung des Herabsetzens stehen. Das ist jedoch falsch! Auch das geografische Prinzip zur Abgrenzung des Illativs wurde nicht konsequent beibehalten: Die Quellenangaben für Lȳgumai liegen weit westlich des Gebiets, in dem der Illativ paradigmatisch gebraucht wird. Zudem finden sich unter den Belegen mit postverbaler Verwendung von žemėn auch solche, die nicht nur außerhalb des Verbreitungsgebiets der Postverben liegen, sondern auch keinen solchen Gebrauch zeigen. Hier passen also folgende Belege nicht: (1) Simpla širdis, tai nepasipusi: žemėn atsil eidžia rankos ir griūvi ML. (2) Mušiau mušiau – žemėšan sumušiau (ps.) DGLŠ. (3) Jūs, broliukai, dieveriukai mano, jūs nueikit naujojon kalvelėn ir nukalkit aukselio dalgelį ir nukirskit man žemėn galvelę (d.) PRNG. (4) Kad tu jam galvą žemėn – nesako, neprispažįsta ML. Alle diese Sätze wurden in ostlitauischen Mundarten aufgezeichnet, in denen der Illativ als Kasus des Paradigmas noch lebendig ist. Darauf weist auch der Plural des Illativs im zweiten Beispiel hin. Im ersten Beispiel ist die adverbiale Bedeutung des Wortes žemėn eindeutig: Es bezeichnet hier die Richtung der Handlung, das heißt, es modifiziert das Verb atsil eidžia hinsichtlich der Richtung im Raum. Im dritten ² Ein solcher Verweis legt gleichsam den Vorrang der Form žemyn vor der Form žemė(n) nahe, obwohl die geografischen Daten zeigen, dass Erstere eindeutig eine lokale Variante ist. ³ An der üblichen Stelle, das heißt bei den entsprechenden Bedeutungen des Adjektivs žemas, -a, wird das Adverb žemyn zusammen mit seinen längeren Varianten aufgeführt (vgl. LKŽXX 298 ff.). 74 ROLANDAS MIKULSKAS und im vierten Beispiel tritt die illativische Bedeutung der verwendeten Wörter žemėn besonders deutlich hervor, wenn man diese Sätze mit geografisch nahegelegenen Belegsätzen vergleicht, die bei Bedeutung 2 des Artikels žemė angeführt werden: (5) Mergiotė užpykus grėblį žemėn ir nuėjo Lb (308). (6) Kai tik nulekia žemėn kur panašus [obuolys] į razsipleskoja, i trūksta ŠVnč (309). Diese Anmerkungen zeigen deutlich, dass den Redakteuren des LKŽ die Bedeutung meines Vorschlags zur postverbalen Verwendung der besprochenen Formen nicht vollständig klar war. Offenbar wurden hier genügend Argumente dafür vorgebracht, weshalb eine ernsthaftere Diskussion über die Aufnahme der Postverben in das LKŽ lohnenswert ist. Beginnen wir also von vorn und der Reihe nach. 2.0. Zunächst empfiehlt es sich, die Hauptaussagen des bereits erwähnten Artikels von Aleksas Girdenis und Genovaitė Kačiuškienė in Erinnerung zu rufen. Mit Blick auf parallele Erscheinungen in den lettischen und nordlitauischen Verbalsystemen stellen die Autoren darin fest, dass es in den nordlitauischen und nordwestlitauischen Mundarten eine ternäre Aspektopposition gibt, deren Entwicklung der lettischen sehr ähnelt. Das Wesentliche des ternären Aspektsystems sei, dass neben dem Verlaufsgeschehen – dem Imperfektiv – und dem Ereignisgeschehen – dem Perfektiv – noch eine Zwischenkategorie existiere, die die Autoren des Artikels PER-FICIENTIV nennen möchten. Der Perficientiv wird mit bestimmten Adverbien „abgeschwächter“ Semantik gebildet, die Funktion und Bedeutung nach den perfektiven Verbpräfixen ähneln. Die Autoren schlagen vor, sie POSTVERBEN⁴ zu nennen. Die gemeinsame Bedeutung perficientiver Verben und ihrer Postverben bestehe im ANNÄHERN DER HANDLUNG AN IHR ENDE ODER GENERELL AN EINE BESTIMMTE GRENZE. Fast alle in den genannten litauischen Mundarten gebrauchten Postverben haben Entsprechungen im Lettischen. Am weitesten verbreitet ist das Postverb žemė(n) und seine lokalen Varianten žemyn, žemynais, į žemę, dem lettischen nuošts, zemē entsprechend (z. B.: nordžemaitisch Kiršk koję žemėn TRK = Cērtiet kāju nuošt). Mit diesem Postverb sei der Perficientiv sogenannter annihilativer (destruktiver) Verben besonders häufig. Im Žemaitischen seien auch Verben mit lauk (lauko(n), laukonais) ≈ lett. ārā recht häufig. In den nordlitauischen Mundarten der Panevėžys-Sprecher entsprächen ihnen meist Formen mit ōre. Ihnen stehe der Perficientiv mit šalin (šalinais, į šalį) ≈ lett. pruo(j)ām kaum nach. Die Autoren des Artikels führen auch Perficientiv-Beispiele mit anderen, seltener vorkommenden Postverben an. Bei einigen davon, etwa pry(šais), pušiau (pušiau), į rinkį, lygiai, ist die grammatische Funktion schwieriger zu erkennen – zumindest in den angeführten Beispielen, vgl.: (7) Nekėls man rankos pryšais! TRK. (8) Nelaužk pušiau – sutrupės ALS. (9) Su arkliu varys teip į rinkį Kl. (10) Aniė ejo – i[r] mani vėdės[i] lygiai KlK. Man kann wohl sagen, dass diese Wörter die Prädikate der hier angeführten Sätze modifizieren. ⁴ Girdenis verwendete diesen Terminus bereits lange vor Erscheinen des Artikels in den Zetteln mit Beispielen aus nordžemaitischen Mundarten, die er der Kartei des LKŽ zur Bezeichnung der grammatischen Funktion der besprochenen Wörter übermittelt hatte. POSTVERBŲ PROBLEMA LKŽ 75 im Hinblick auf die Semantik und nicht auf den Aspekt (z. B. könnten wir im letzten Satz lygiȧi ohne Weiteres durch das semantische Adverbialäquivalent kartų ersetzen). 2.0.1. Nach einer detaillierten Analyse der entschlüsselten Tonbandaufnahmen, die in fast allen nordžemaitischen Pfarreien gemacht worden waren, stellen die Verfasser des Artikels fest, dass viele perficientivische Konstruktionen (genauer: Makroformen) angeblich ausschließlich in den nördlichen Mundarten völlig usuell und neutral sind. Schon südlich (und südöstlich) von Viekšniai, Tirkšliai, Salantai und Grūšlaukis beginnen sie allmählich, ihre Regelmäßigkeit einzubüßen und immer stärker vom Kontext und der Expressivität des Sprechens abhängig zu werden. Wahrscheinlich sind deshalb gerade die „anihilierenden“ Konstruktionen miršta, bẽngi(a)si, sprógsta žẽmen. am weitesten verbreitet. 2.0.2. Aus all dem ziehen die Verfasser des Artikels eine diachrone Schlussfolgerung: Das ternäre Aspektsystem der nördlichen Litauer (oder seine Ansätze beziehungsweise Rudimente) sei ein neues grammatisches Phänomen, das infolge des Einflusses des Lettischen entstanden sei⁵. Dieser Einfluss habe fruchtbar sein können, weil zum einen der neue Zwischenaspekt den Ausdrucksreichtum und die Genauigkeit der Sprache erhöhte und zum anderen sein Entstehen gut mit einer der ausgeprägtesten Tendenzen der nördlichen Mundarten übereinstimmte – ihrer syntaktischen Neigung zu größtmöglicher Konkretheit. 2.1. Nach einer kurzen Wiedergabe der Hauptgedanken des Artikels von Girdenis und Kači žkienė möchte ich einige für die weitere Erörterung bedeutsame Punkte hervorheben. Erstens sollten Wörter wie žẽme(n), laũko(n), õre, šalìn und Ähnliches, die nach bestimmten Verben verwendet werden und die Funktion eines bestimmten Zwischenaspektmarkers erfüllen, viel genauer als Postverben denn als Adverbien bezeichnet werden, selbst wenn ihre Semantik „verblasst“ ist. Zweitens ist es bei der Erklärung der Strukturmerkmale perficientivischer Konstruktionen wichtig, sich daran zu erinnern, dass ihre Gesamtbedeutung die Annäherung einer Handlung an ihr Ende oder allgemein an eine bestimmte Grenze ist. Dazu passt die Tatsache, dass das am weitesten verbreitete Postverb žẽme(n) (į žẽmę) ist. Verglichen mit den anderen im Artikel erwähnten Postverben repräsentiert gerade dieses den Begriff der Grenze am besten, d. h. aufgrund seiner inhärenten semantischen Eigenschaft, den Endpunkt einer Handlung zu lokalisieren, kann es zugleich das Ende oder die Grenze dieser Handlung bezeichnen, der sie sich nähert. Die Tatsache, dass das lettische Postverb nuõst, das als Adverb „weg“ bedeutet und lediglich die Richtung anzeigt, am häufigsten dem litauischen žẽme(n) entspricht, würde gerade die von den Verfassern des Artikels hervorgehobene syntaktische Neigung der nordlitauischen Mundarten zu größtmöglicher Konkretheit belegen. Drittens ist für eine einheitliche grammatische Interpretation der Postverben von großer Bedeutung, dass die Verfasser des Artikels perficientivische Konstruktionen als bestimmte grammatische MAKROFORMEN betrachten. Diesen Begriff hat Girdenis in einem früheren Artikel erläutert (Girdenis 1984: 25–30). Makroformen sind auf einer tieferen morphosyntaktischen Ebene zu unterscheiden; sie „dienen“ unmittelbar der Syntax und umfassen sowohl synthetische Formen als auch jene periphrastischen Konstruktionen, die im Satz denselben „horizontalen“ Paradigmen angehören wie die synthetischen Formen und dieselbe Funktion erfüllen. Makroformen stehen zur Ebene der Mikroformen in einem Verhältnis der Realisierung (oder Manifestation). Der Satz wird unmittel- 5 Regis, šia išvada dabar abejoja E. Lipartė (2000: 149–150). Jos manymu, trijų veiks lų sistemą šiaurinėse lietuvių tarmėse reikėtų kildinti iš baltų kalbų partik ulinių veiksmažodžių ir priešdėlinių veiksmažodžių koreliacijų sistemos. Ji plačiai paplitusi latvių kalboje. Jos liekanų ar užuomazgų esama ne tik šiaurinėse, bet ir rytinėse bei pietinėse lietuvių kalbos tarmėse, tik čia šios koreliacijos nesančios dar pakankamai ištirtos. Tačiau straipsnio autorės pateikiami negausūs veiksmažodžių su partik ulomis pavyzdžiai iš pastarųjų tarmių terodo lokalinę reikšmę kaip ir jų priešdėliniai atitikmenys, vadinamosios partikulos čia neatlieka veikslo rodiklio funkcijos. 76 | ROLANDAS MIKULSKAS bar angeblich aus Makroformen „konstruiert“, auf Textebene wird er jedoch als Verbindung einzelner Mikroformen (oder schlicht Wörter) behandelt. Gerade deshalb sind verschiedene Permutationen von Wörtern möglich, die zu einer Makroform gehören, ebenso wie ihre Ellipse und viele andere textuelle Phänomene. Der zuletzt genannte Gedanke des Verfassers des Artikels ist bemerkenswert, da er einige Unregelmäßigkeiten im Ausdruck perficientivischer Konstruktionen erklärt, etwa die gelegentlich auftretenden Postverben vor dem Verb oder ihre Verwendung nach präfigierten Verben. Girdenis folgend könnten wir verschiedene Manifestationen derselben Makroform, des periphrastischen Illativs, als die Präpositionalphrase POSTVERBŲ PROBLEMA LKŽ 77 2.3. Wenn man der Auffassung ist, dass sich das ternäre Aspektsystem in unseren nördlichen Mundarten nach dem Vorbild des Lettischen herausgebildet hat, ist es völlig verständlich, dass den lettischen perficientivischen Konstruktionen mit Postverben direktionaler Herkunft nuost, žemė, ārā, pruō(jā)m im Litauischen entsprechende Konstruktionen mit Illativformen žemė(n), (į žemę), lauk(a)n7, šalìn entsprechen. Da diese Postverben in den diskutierten Konstruktionen vor allem die Funktion eines Aspektmarkers erfüllen, schiene es sinnlos, von ihrer Bedeutung als Illativformen konkreter Substantive zu sprechen. Bei der Lösung der lexikografischen Aufgabe, diese Formen darzustellen, die unter anderem auch zwingend eine grammatische Interpretation voraussetzt, kommt man jedoch nicht umhin, dies zu tun. Zumal ihre Aufnahme ins Wörterbuch dadurch kompliziert wird, dass diese Wörter, wie bereits erwähnt, allzu leicht der Klasse der Adverbien zugeordnet werden. 2.3.1. Obwohl wir der Auffassung der besprochenen Verfasser zustimmen, dass es sich hierbei um ein neues grammatisches Phänomen handelt, können wir dennoch nichts Näheres über den Beginn der Verbreitung perficientivischer Konstruktionen in den nordlitauischen Mundarten sagen. Da Daukantas sie bereits in seinen Schriften verwendete, können wir lediglich vermuten, dass einige von ihnen Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts im nordwestlichen žemaitischen Dialekt (der Kretingaer Mundart) verbreitet waren. Die historische Grammatik zeigt, dass der Illativ als paradigmatischer Kasus zu jener Zeit bereits durch die Präpositionalphrase „į + Akkusativ“ ersetzt worden war (Zinkevičius 1980: 258). Wahrscheinlich schritt der Ersatz der synthetischen Illativformen durch Präpositionalphrasen allmählich fort, je weiter man nach Westen kam. Noch heute wird der Singular-Illativ einiger Substantive von älteren Menschen systematisch weit westlich der zuvor genannten Linie verwendet, sogar in der Gegend um Ariogala, Tytuvėnai, Radviliškis und Jūkiškiai; andernorts in Westlitauen kommt er meist nur in der Folklore vor (Zinkevičius 1966: 200–201). Es ist offensichtlich, dass der Bedarf an einem Illativ als einer auf morphosyntaktischer Ebene in der Sprache funktionierenden Makroform nicht verschwunden ist. Seine allgemeine Funktion – einen Ort anzuzeigen, auf den eine Handlung gerichtet ist oder gelenkt wird – wird in den westlichen litauischen Dialekten lediglich durch eine periphrastische Konstruktion realisiert. Es stellt sich die Frage, als was die aus verschiedenen Gründen in diesen Dialekten weiterhin verwendeten synthetischen Illativformen bestimmter Wörter zu betrachten sind. Um diese Frage zu beantworten, müssen Sprachwissenschaftler eine weitere lösen: die nach dem Grad der Adverbialisierung dieser Formen. 2.3.2. In der Grammatik wird das Adverb als eine unflektierbare und nicht konjugierbare selbstständige Wortart definiert, die eine Handlung oder einen Zustand hinsichtlich verschiedener Umstände (Ort, Zeit, Ursache usw.) modifiziert (vgl. Ulvydas, red., 1971: 425; Ambrazas, red., 1997: 410; LKE 504). Doch häufig können wir diese definierenden Merkmale nicht als Kriterien heranziehen, wenn wir das Adverb von anderen Wortarten abgrenzen wollen. Nehmen wir etwa den Versuch, den Grad der Adverbialisierung eines bestimmten Kasus eines konkreten Substantivs zu bestimmen: Im Wesentlichen wird dabei die Frage entschieden, ob es dem Deklinationsparadigma angehört oder nicht, sodass das erste Kriterium – eine unflektierbare Wortart zu sein – hier tautologisch wird. Manchmal hilft der Kontext, oder vielmehr die Satzfunktion der betreffenden Form, dabei, eine nichtparadigmatische Substantivform von einer paradigmatischen zu unterscheiden 7 Dieses Postverb wird im LKŽ (VII 176) offenbar in einer an die Standardsprache angepassten Form aufgeführt. Die authentischen žemaitischen Formen lauko(n), laukonais (ibid., 184), auf die Girdenis und Kaukčienė in ihrem Artikel hinweisen, werden im Wörterbuch nicht mit der hier gemeinten grammatischen Funktion in Verbindung gebracht; dort gelten sie als Adverbien, die die räumliche Bewegungsrichtung anzeigen, obwohl sich diese Wörter in manchen Sätzen auch als Postverben interpretieren lassen, vgl.: Gana, lipk lauko [vom Baum herunter]! ŽG. 78 | ROLANDAS MIKULSKAS (Paulauskienė 1989: 55–56). Im vorliegenden konkreten Fall modifizieren jedoch sowohl der Illativ als auch das aus ihm hervorgegangene Adverb mit direktionaler Bedeutung die Handlung im Hinblick auf die Richtung im Raum, sodass beide die Funktion einer lokalen Adverbialbestimmung erfüllen. Daher kann auch das zweite, funktionale Merkmal des Adverbs in diesem Fall nicht als Kriterium dienen, um das Adverb vom Illativ des Substantivs abzugrenzen. Ein gewichtigerer Grund, die umstrittene Wortform als nicht vollständig von der Substantivflexion losgelöst anzusehen, sind die noch vorkommenden Diminutivformen oder der Plural dieser Form. Dieses letztgenannte Kriterium lässt sich jedoch nur teilweise anwenden, da in den westlichen litauischen Dialekten zunächst der Pluralillativ verschwand und wir nur von erhalten gebliebenen Singularformen sprechen. Nehmen wir konkret die Form žemė(n), so ist angesichts ihrer für den postverbalen Gebrauch wichtigen Beziehung zur Grundbedeutung⁸ des Wortes žemė – ‚die Oberfläche (unseres Planeten), auf der wir gehen und stehen‘ – eine Pluralform insgesamt kaum zu erwarten. Ganz anders verhält es sich, wenn dieses Wort in anderen Bedeutungen verwendet wird. So lässt die vierte Bedeutung von žemė, ‚die obere lockere Schicht der Oberfläche unseres Planeten‘ (LKŽXX 313), den Pluralillativ ohne Weiteres zu, vgl.: (11) Wir haben nicht auf die Erde mitgenommen, was wir gegessen und getrunken haben. ŠvNČ (316). (12) Im Wald geboren, im Wald aufgewachsen, aufs Feld hinausgegangen, kriecht in die Erde (der Pflug) SLK (316). 2.3.3. Als wirksames Mittel zur Abgrenzung von Adverbien gegenüber den Kasus, aus denen sie hervorgegangen sind, wird ihre Unfähigkeit angeführt, kongruierende Attribute bei sich zu haben (Laigonaitė 1957: 49; Ulvydas, red., 1971: 426; Paulauskienė 1989: 56). Dem ist zuzustimmen; es sei lediglich hinzugefügt, dass nicht alle konkreten Substantive, nicht alle Bedeutungen eines polysemen Substantivs und nicht alle paradigmatischen Formen einer einzelnen Bedeutung gleichermaßen dazu neigen, kongruierende Attribute anzunehmen. Wenn etwa in der Sprache ein Gegenstand nur als Orientierungspunkt zur Angabe der Bewegungsrichtung dient, hat der dabei verwendete Illativ (oder die Präpositionalphrase „į + Akkusativ“) gewöhnlich keine Attribute, da die Umstände der Äußerungsbildung keine zusätzliche Modifikation dieses Gegenstands erfordern. 2.3.4. Es wäre falsch anzunehmen, dass die hier aufgeführten Kriterien alle Möglichkeiten ausschöpfen, Adverbien von den konkreten Kasusbedeutungen zu unterscheiden, aus denen sie hervorgehen. Große Möglichkeiten bietet hier die semantische Analyse der gesamten Äußerung. Auch Aldona Paulauskienė (ibid., 56) erkennt den Einfluss von Kontext, Situationsverständnis und Interpretation auf die Bedeutung der grammatischen Form an. Ihr zufolge werde ein Kasus zum Adverb, wenn die objektbezogene Bedeutung ganz verschwinde und die adverbiale zur Hauptbedeutung werde (ibid., 55). Die „objektbezogene“ Interpretation der grammatischen Bedeutung hängt auch von der konkreten Bedeutung des Substantivs ab. Andererseits wird sie von der Semantik einiger Prädikate gefordert und gestützt, die in Äußerungen mit diesem Substantiv am häufigsten vorkommen. Es ist leicht einzusehen, dass bei einem Substantiv wie 8Diese Bedeutung setzten die Redakteure an die zweite Stelle und rückten die Bedeutung von Erde als Planet an die erste. Eine solche Entscheidung wäre verständlich, wenn man ein enzyklopädisches Wörterbuch, ein astronomisches Nachschlagewerk oder schließlich ein Wörterbuch der Gegenwartssprache verfassen würde. Eine solche Reihenfolge der Bedeutungen ist jedoch für ein Wörterbuch vom Typ des LKŽ völlig ungeeignet, in dem Bedeutungen vor allem auf der Grundlage von Äußerungen der Volkssprache gebildet werden. Eine sorgfältige semantische und kognitive Analyse dieser Äußerungen zeigt, dass für die Litauer der Begriff der Erde als Oberfläche, auf der wir gehen, und die entsprechende Bedeutung grundlegend sind. Von genau diesem Konzept gehen die Fäden vieler anderer Bedeutungen des Wortes žemė aus und kehren zu ihm zurück. POSTVERBŲ PROBLEMA LKŽ | 79 žemė, dessen Grundbedeutung inhärent eine Grenze bezeichnet, an der die Handlung aller fallenden oder geworfenen Gegenstände natürlicherweise zum Stillstand kommt und endet; der Illativ, der mit den Prädikaten kristi, mėsti, lėistis, lipti usw. verwendet wird, bewahrt die objektbezogene Bedeutung leichter als etwa die Illative der Substantive laukas oder šalis. Aufgrund der semantischen Struktur dieser Substantive können ihre Illativformen die Endposition einer Handlung nicht lokalisieren, wenn sie diese modifizieren. Da sie daher in sehr abstrakter Weise lediglich die Richtung der Handlung ausdrücken, lassen sie sich leichter als Adverbien interpretieren. Verlässliche Schlussfolgerungen über das Verhältnis ihrer objektbezogenen und adverbialen Bedeutungen können wir dennoch erst ziehen, wenn wir jeden einzelnen Beleg solcher Formen separat untersucht haben. Beispielsweise lassen sich selbst die Illativformen in solchen Sätzen aus dem Žemaitischen, die gewöhnlich bereits nur als Adverbien gelten (Laigonaitė 1957: 50), unterschiedlich interpretieren, vgl.: (13) Ich gehe nach draußen, um nachzusehen, was für ein Lüftchen weht Vkš. (14) Geh weg! Vkš9. Im ersten Beispiel ist die objektbezogene Bedeutung der Form laukan aufgrund ihrer semantischen Beziehung zum Inhalt des Nebensatzes leicht zu erkennen. Im zweiten Beispiel hat die Form šalin tatsächlich nur adverbiale Bedeutung. Weiter vgl. Sätze aus dem LKŽxx: (15) Wenn Rauch wie etwas aus dem Schornstein in die Erde hinabwirbelt, wird es, heißt es, sicher regnen PLs (309). (16) Wenn man heizt, fällt der Rauch zur Erde – das kündigt Regen an Vdk (309). (17) Der Rauch fällt noch in die Erde, das Wetter wird noch nicht besser Aln (309). (18) Der Rauch zieht nach unten, vielleicht regnet es wieder stärker Kp (309). Der Illativ žemėn im ersten Satz und die ihm entsprechende Präpositionalphrase į žemę im zweiten Satz bezeichnen hier die Ausbreitungsrichtung des Rauchs und haben somit lediglich direktionale Bedeutung. Das wird durch den Vergleich mit den weiter unten angeführten Beispielen für Äußerungen noch deutlicher: Zur Bezeichnung einer analogen Situation werden hier eindeutig direktionale Formen gewählt – das Adverb žemyn (4) und die Präpositionalphrase in žemę10. Mit diesen Beispielen sollte gezeigt werden, dass sogar bei „echten“ Illativen eine „adverbiale“ Interpretation möglich ist. Solche Fälle kommen allerdings seltener vor. Weitaus häufiger sind Kontexte, die die objektbezogene Bedeutung des Illativs des Wortes žemė hervorheben, vgl.: (19) Sobald ein Apfel oder etwas Ähnliches zu Boden fällt, zerplatzt er und geht kaputt Švnč (309). (20) Audra muni hob aus, legte auf die Erde Akm (309). Die Verben beider Sätze razsipleskoja, trūksta, dėjo ‚schlug‘ bestimmen, indem sie der Erdoberfläche die Eigenschaft der Härte prädizieren, zugleich auch die „objektive“ Interpretation der Illativformen des jeweiligen Wortes. 9 Die Beispiele aus A. Laigonaitės Buch werden hier unverändert wiedergegeben, obwohl sie den im LKŽ akzeptierten Regeln für die Übertragung in die Gemeinsprache nicht entsprechen. 10 In den ostlitauischen Dialekten, in denen der Illativ als paradigmatischer Kasus verwendet wird, wird Richtung durch die Konstruktion „į + Akkusativ“ ausgedrückt (Laigonaitė 1957: 47; Zinkevičius 1980: 255). Den Angaben des LKŽ zufolge ist dieser Gebrauch auch für den südauschaitischen Dialekt charakteristisch, vgl.: Jeigu in aukštų staugia, tai an gaisro, o jei in žemę, tai an mirties šuva staugia Mrc (LKŽxx 308). 80 | ROLANDAS MIKULSKAS 2.3.5. Wenn wir den Einfluss des Kontextes auf die Bedeutung der grammatischen Form anerkennen, können wir nicht ausschließen, dass Sprecher bestimmter Dialekte, in denen der Illativ als paradigmatischer Kasus nicht mehr verwendet wird, in manchen Fällen dennoch imstande sind, den ursprünglichen Zweck dieser synthetischen Formen zu erkennen. Ebenso sinnlos wäre es zu leugnen, dass wir die grammatische Bedeutung der in der Literatur oder in der gesprochenen Gemeinsprache verwendeten Illativformen verstehen, nur weil dieser Kasus in der heutigen Sprache als paradigmatischer Kasus nicht mehr lebendig ist (vgl. Laigonaitė 1957: 48). 2.3.6. Allgemein lässt sich die Funktion des Illativs wie folgt bestimmen: Indem er ein Objekt bezeichnet, modifiziert er die Handlung hinsichtlich der Richtung im Raum11. Seine formale Bedeutung lässt sich folgendermaßen darstellen: Bewegung + Richtung nach innen + Inneres eines Gegenstands – Ort (Paulauskienė 1989: 121). Bei Anwendung dieses Schemas auf den Illativ des Wortes žemė müssen wir die konkrete Bedeutung berücksichtigen. Wenn wir als Hauptbedeutung die Bedeutung ‚(der Planet) Oberfläche, auf der wir gehen und auf der wir stehen‘ herausstellen, ist dieses Schema einfacher. Für die Form žemė(n) (į žemę) setzt es sich dann aus folgenden Komponenten zusammen: Bewegung + Richtung auf ein Objekt zu – Ort. So könnten wir beispielsweise nach diesem Schema den Illativ in folgendem Satz leicht interpretieren: Nedainuok ne ant lietaus, lipk žemė (zum Hahn gesagt) GrNK (LKŽxx 337)12. Dieses Schema ist jedoch noch einfacher. Zum Beispiel ließe sich die Bedeutung der im Satz Vanduo krisdamas už daideliai, par užplūška krimta žemėn Kl (LKŽxx 337) verwendeten Illativform folgendermaßen darstellen: Bewegung + Richtung auf ein Objekt zu – Richtung. Von der Bedeutung des Illativs ist hier nur die semantische Komponente des Direktivs übrig geblieben. Dass die Form žemė(n) unter bestimmten Umständen lediglich Richtung bezeichnen sollte, ist nicht überraschend. Denn alle Gegenstände bewegen sich aufgrund der Schwerkraft bei einer Bewegung zur ERDE zugleich nach UNTEN. Im letztgenannten Beispiel lässt sich die Form žemėn einfacher als Adverb auffassen13. 2.3.7. Aus dem Gesagten ist es nun an der Zeit, eine für uns wichtige Schlussfolgerung zu ziehen: Die Interpretation der grammatischen Bedeutung der besprochenen Formen hängt auch von der lexikografischen Darstellung des Materials ab. Wenn wir die erwähnte Bedeutung des Wortes žemė als Hauptbedeutung postulieren, bleiben nur wenige Fälle, in denen wir die Form žemė(n) rein „adverbial“ interpretieren könnten (d. h. wenn sie nur eine abstrakte Richtungsbedeutung hat). Deshalb kann man die Form žemėn im Befehl Lipk žemėn! bei abstrakter Betrachtung auf eine Weise auffassen, als sei hier die konkrete Bedeutung von žemės bereits verschwunden (Laigonaitė 1957: 49); in einer lexikografischen Beschreibung, in der auch ‚Diele‘ und ‚Fußboden‘ als Bedeutungsnuancen der Hauptbedeutung ausgewiesen werden (LKŽxx 312–313), muss man sie jedoch ganz anders auffassen. Dann wäre auch die Illativform im Satz Lipk žemė nu lovos vaikai, kur užsikorei? KrŠ (LKŽxx 337) konkret, „objektbezogen“ zu interpretieren14. 2.4. Kehren wir zum Hauptgegenstand der Erörterung zurück – den perficientiven Konstruktionen. Es ist leicht zu erkennen, dass die grammatische Funktion, die Postverben in diesen Konstruktionen erfüllen, sie von der lexikalischen Bedeutung abgrenzt, die diese Wörter hätten, wenn sie im Satz frei verwendet würden. Die Eigenständigkeit der lexikalischen Bedeutung ist eines der Adverbiumskate- 11 In diesem Artikel kann davon abgesehen werden, dass der Illativ auch temporale, modale und finale Umstände ausdrücken kann (ausführlicher dazu siehe Laigonaitė 1957: 38–44; Paulauskienė 1989: 59). 12 Nach Ansicht des Verfassers dieses Artikels zeigt dieser Satz keinen postverbalen Gebrauch. 13 Vielleicht passt dieser Satz wegen der sich geradezu aufdrängenden Interpretation auch nicht unter die übrigen Beispiele, die perficientive Konstruktionen veranschaulichen. 14 Daher ist auch die Aufnahme dieses Satzes unter die Illustrationen perficientiver Konstruktionen fraglich. POSTVERBŲ PROBLEMA LKŽ 81 goriją apibrėžiančių požymių (Ul vydas, red., 1971: 425; Ambrazas, red., 1997: 410). Būtent dėl turimos leksinės reikšmės prieveiksmis ir sugeba reikšti įvairias veiksmo aplinkybes, t. y. modifikuoti sakinio tarinį erdvės, laiko, būdo ir kitais atžvilgiais. Akivaizdu, kad perficientyvinėse konstrukcijose postverbais einantys žodžiai žemyn (žemyn), žemynais (žemynais), laũk, nors formaliai ir nesiskiria nuo atitinkamų prieveiksmių, tačiau yra daugiau ar mažiau apriboti reikšmės atžvilgiu ir tokiems prieveiksmiams būdingos vietos aplinkybės funkcijos par excellence neatlieka. Kita vertus, ir minėtos iliatyvo formos žemė(n), lauka(n), (veikiau – laũko(n)), šali(n) dėl tų pačių priežasčių beveik15 nemodifikuoja sakinio veiksmo krypties erdvėje atžvilgiu. Ypač perficientyvinėse konstrukcijose yra desemantizuota forma žemė(n). Neaišku, kuo ją laikyti, prie kurios kalbos dalies priskirti. Geografinio kriterijaus taikymas nepadeda atsakyti į šį klausimą. Juk vargu ar galėtume analogiškuose pasakymuose iš rytinių tarmių, kur iliatyvas dar gyvas kaip linksnis, formą žemėn interpretuoti kitaip: čia vartojamose perficientyvinėse konstrukcijose ji desemantizuota lygiai taip pat kaip ir vakarų pusės pavyzdžiuose. Šios ir kitų panašių formų interpretacijai labai reikšmingas tas faktas, kad žemė(n) šiaurės rytų žemaičiai perficientyvuose vartoja pramaišiui su prielinks nine konstrukcija į žemę. Kadangi konstrukcijos su šiais postverbais yra labiausiai paplitę ir, kaip matysime toliau, aiškiausiai reiškia tarpinį veikslą, tai pagrįstai galime manyti, kad šiaurinėse lietuvių šnektose formuojantis ternarinei veikslo sistemai būtent iliatyvas suvaidino svarbų vaidmenį. Žinoma, kalbėti reikėtų tik apie semantinę minėtų iliatyvo formų potenciją, kuri, kaip minėta anksčiau, net vakarinėse tarmėse tam tikruose kontekstuose tolydžio gali būti atgaivinama. Sprendžiant apie formų žemė(n) ir į žemę semantinių potencijų panaudojimą perficientyvui reikšti, jas derėtų suprasti labai plačiai: gebėdamos reikšti nukreipto ar kreipiamo žemyn veiksmo ribą kartu jos gali reikšti ir kai kurių kitų veiksmų pabaigą, o veikiau – artėjimą prie pabaigos. Inherentiškai turėdamos semantinį ribos požymį kalbamosios formos geriausiai tinka tarpiniam veiksmažodžio veikslui reikšti. Taip įtikinamai galima būtų paaiškinti, kodėl būtent su postverbais žemė(n) ir į žemę perficientyvinės konstrukcijos yra labiausiai paplitusios. Nėra abejonės, kad ribos požymį šios iliatyvo formos paveldėjo iš tų junginių, kuriuose jos modifikuoja vertikalaus judėjimo žemyn reikšmę turinčius veiksmažodžius. Kaip žinome, perficientyvines konstrukcijas su kalbamomis formomis sudaro tik tam tikros reikšmės veiksmažodžiai. Tačiau tik dalyje jų galima įžvelgti vertikalaus judėjimo žemyn reikšmę. Suprantama, kad kuo sunkiau ši reikšmė įžvelgiama, tuo aiškesnė yra perficientyvo raiška. 2.4.1. Auf der Grundlage der Belege aus dem Zettelkatalog des LKŽ können wir die Prädikate, mit denen die Postverben žemė(n) und į žemę auftreten, in drei semantische Gruppen einteilen. Die erste Gruppe umfasst Verben mit der Bedeutung des Vergehens, die zweite solche mit der Bedeutung des Vernichtens, die dritte Verben mit der Bedeutung des Entfernens (Abtrennens). Die in der ersten Gruppe am häufigsten belegten Verben sind: mirti, sprógti, dvėsti, šalti; in der zweiten Gruppe – šauti, mušti, bengti; in der dritten Gruppe – imti, vilkti(s), kinkyti, mėsti, griauti, kirsti, pjauti (siehe Tabellen 1, 2, 3, S. 90–95). Nur in der dritten Gruppe können wir deutlichere Verben mit der Bedeutung einer vertikalen Bewegung nach unten erwarten, vgl.: 15 Wie wir später sehen werden, hängt der Desemantisierungsgrad all dieser Formen vs die Möglichkeit ihrer semantischen Interpretation auch von der Bedeutung der jeweiligen Verben ab, nach denen sie verwendet werden. 82 | ROLANDAS MIKULSKAS (21) Mėšk žėmen, iss nicht, sonst wirst du noch krank PLN. (22) Rītink toki seni žėmė, wozu brauchst du so viel RDN. (23) Kleine Häuser werden dem Erdboden gleichgemacht, dafür baut man fünf- und neunstöckige ŠTS. (24) Neškiava žėmen [den Topf mit Kartoffeln, damit nichts anbrennt KL. Einzelne Verben dieser Bedeutung können jedoch auch in den ersten beiden semantischen Gruppen vorkommen, vgl.: (25) Sie gingen beide in einen solchen Sumpf – er sinkt ein, versinkt in der Erde, das Kind VKŠ. Da die Verben in diesen Sätzen die Bedeutung einer vertikalen Bewegung nach unten bewahrt haben, bleibt die Möglichkeit bestehen, die von ihnen gebildeten Verbindungen mit den Formen žėmė(n) und į žėmę semantisch zu interpretieren; daher ist ihr Perfizientivcharakter nicht sehr ausgeprägt. Dennoch bilden die allermeisten dieser sogenannten annihilativen Verben keine sinnvollen Verbindungen mit den hier behandelten Illativformen; mit anderen Worten, die von ihnen gebildeten periphrastischen Konstruktionen erfüllen die Bedingungen semantischer Kombinierbarkeit nicht. Am deutlichsten zeigen dies Beispiele, in denen diese Formen nach Verben entgegengesetzter Richtung, d. h. nach Verben der Aufwärtsbewegung, verwendet werden, vgl.: (26) Mir sind die Augen schon weiß geworden, nun hat es angefangen, mich aufzuhängen, die Erde, und genug LC. (27) Ráusu das Gras samt Wurzeln aus und werfe es weg KRŠ. (28) Flachs muss ausgerissen werden KLVRŽ. Somit ist die grammatische Funktion der behandelten Verbkonstruktionen mit den Illativformen žėmė(n) und į žėmę sehr eindeutig. 2.4.2. Wie wir bereits wissen, wird im nordwestlichen Schemaitischen Dialekt (Kretinga-Unterdialekt) neben žėmen auch das Postverb žėmyn (žėmyn) und seine längere Variante žėmynais (žėmynais) verwendet. Da diese Form, wenn sie frei verwendet wird, d. h. als Adverb, eine etwas andere semantische Struktur aufweist als die zuvor erörterten Illativformen, könnten wir mit gutem Grund fragen, ob die Bedeutung des Prädikats einer Äußerung manchmal die Wahl dieser Form für eine postverbale Funktion bestimmt. Eine Untersuchung der in der Kartei des LKŽ vorhandenen Äußerungen unter diesem Gesichtspunkt zeigt jedoch, dass sich die Prädikate, die mit den Postverben žėmyn (žėmyn) und žėmynais (žėmynais) perfizientive Konstruktionen bilden, in ihrer Bedeutung in nichts von den zuvor behandelten unterscheiden. Auch sie lassen sich in die genannten drei semantischen Gruppen einteilen. Einige davon, zum Beispiel: mirti, sprógti, šálti; šáuti, pílti, kárti, múšti, ganýti; ráuti, máuti, gráuti, kìršti, sind sowohl mit Illativ- als auch mit adverbialen Postverben belegt, häufig aus denselben oder nahegelegenen Orten (vgl. die Angaben in Tabellen 1, 2, 3). Dies zeigt, dass die Wahl der Postverbform bei der Bildung von Äußerungen (zumindest gegenwärtig) nicht durch die Bedeutung des Prädikats bestimmt wird. Hinsichtlich ihrer Bedeutung sind die Formen žėmyn (žėmyn) und žėmynais (žėmynais) jedoch eindeutig aus den Illativformen abgeleitet und sind daher diesen gegenüber als sekundär anzusehen (in freier Verwendung haben sie lediglich eine abstrakte Direktivbedeutung). Auch aufgrund ihrer begrenzten Verbreitung sind sie gegenüber den allgemein verbreiteten Formen illativischen Ursprungs (in den nördlichen Mundarten) als sekundär anzusehen. Weitere geografische Fakten bestätigen Argumente für eine solche Entwicklungsrichtung. Den Daten des Lietuvių kalbos atlaso zufolge ist die Illativform žėmė(n) im Süden verbreit- POSTVERBŲ PROBLEMA LKŽ 83 Die Grenze (westlich des Gebrauchsareals des Illativs als Kasus der Paradigmenbildung) ließe sich durch die Linie Pagėgiai – Katyčiai – Švėkšna – Judrėnai – Plungė – Telšiai – Luokė – Pavandenė – Padubysys – Radviliškis – Šeduva – Pociūnėliai – Surviliškis – Kėdainiai darstellen (LKA11 55). Wir sehen, dass diese Grenze im Wesentlichen mit der zuvor angegebenen Verbreitungsgrenze der perficientiven Konstruktionen in den nördlichen litauischen Mundarten übereinstimmt. Folglich können wir schließen, dass die Verbreitung der Form žemė(n) westlich des Gebrauchsareals des Illativs ausschließlich mit dem Gebrauch perficientiver Konstruktionen zusammenhängt. Der eine oder andere Fall, in dem sich diese Form hier rein „illativisch“ (oder sogar adverbial) interpretieren lässt, zeigt lediglich ihre semantischen Potenziale und ist somit als ein gewisser Fall von Resemantisierung anzusehen. Ganz anders verhält es sich mit dem Adverb žemyn. Es ist in ganz Litauen weit verbreitet und zählt zu den häufigsten Adverbien der litauischen Sprache (Ulvy das, red., 1971: 535). In perficientive Konstruktionen könnte es später als synonymische Variante des Postverbs žemėn aufgenommen worden sein, da es dessen semantische Struktur teilweise widerspiegelt. Dafür spricht die heute bestehende doppelte Akzentuierung dieses Postverbs (und seiner längeren Variante). Als Adverb wird diese Form in der žemaitischen Mundart wie übrigens auch in ganz Litauen nur auf der Endung betont, also žemyn (žemynais). In perficientiven Konstruktionen gebraucht, also in einer gewissen Isolation stehend, wird sie jedoch häufig auch auf dem Stamm betont, also žemyn (žemynais). Wahrscheinlich wurde žemyn (nordwestl. žem. žėmin) in postverbaler Position auch nach dem in dieser Position recht häufig vorkommenden žemėn (nordwestl. žem. žėmėn) betont, nämlich žemyn (nordwestl. žem. žėmin). 2.4.3. Aus dem Gesagten geht hervor, dass die gegenwärtig in perficientiven Konstruktionen verwendeten Formen sowohl illativischer als auch adverbialer Herkunft lediglich als Indikatoren eines Zwischenaspekts betrachtet werden sollten, wobei mögliche semantische Interpretationen dieser Formen, die gelegentlich noch auftreten, außer Acht zu lassen sind. Zur Bezeichnung dieser Formen genügt völlig die formale Benennung Postverb, da so vermieden wird, sie künstlich einer Sprachklasse mit bestimmtem semantischem Gehalt zuzuordnen. Da die Stellung der betreffenden Formen im Wörterbuch dennoch von ihrem Verhältnis zu den traditionellen Wortarten abhängt und es bei der Bedeutungs- (Funktions-)definition oft erforderlich ist, ihre Benennungen zu verwenden, kann man sich in solchen Fällen der unverbindlichen Bezeichnungen Illativform (nicht Kasusform!) oder Adverbialform bedienen. Kenntnisse der historischen Grammatik sollten bei der kategorialen Behandlung dieser Formen mit großer Vorsicht herangezogen werden. Da sie allgemein Entwicklungstendenzen ausdrücken, schematisieren sie die Sprachbeschreibung mehr oder weniger. Die wichtigste Pflicht eines Lexikografen besteht jedoch darin, die Semantik jedes aufgenommenen Wortes (oder seiner Form) so umfassend wie möglich zu beschreiben. Wie wir gesehen haben, haben die behandelten Formen unterschiedliche semantische Veränderungen erfahren. Es wäre übermäßig rigoristisch, ihren semantischen Gehalt und ihre grammatische Funktion im Wörterbuch nach den von der historischen Grammatik vorgegebenen Schemata zu erklären. Dadurch wird lediglich die wahre Natur dieser Formen verschleiert. 3. In diesem Artikel möchten wir zumindest kurz auch weitere verbreitetere Postverben ansprechen. In den nördlichen litauischen Mundarten erfüllen ziemlich häufig die Formen illativischer Herkunft lauka(n), lauk(o)n, laukonais und die bereits rein adverbialen Ursprungs laũk-16 die Funktion eines Zwischenaspektindikators. Nach den Daten des LKŽ (durchgesehen wurde auch das Ergänzungskartei) perfi- 16 Im LKŽ (VII 176) wird nur die Form laukan (und ihre kürzere Variante lauka) mit einer postverbalen Funktion in Verbindung gebracht. Sie wird dort als verstärkende Partikel bezeichnet, zugleich aber semantisch als Adverb šalin interpretiert; das Vorgehen ist also inkonsequent. 84 | ROLANDAS MIKULSKAS Die perficientiven Konstruktionen mit diesen Postverben werden meist von denselben Verben mit annihilativer Bedeutung gebildet. Auch sie lassen sich in die drei genannten semantischen Gruppen einteilen, vgl.: (i) Prädikate mit der Bedeutung des Verschwindens: (29) Die Fichten vertrockneten völlig (laukon? – R. M.), rötete sich völlig ŠtS (LKŽᵥᵢᵢ 177). (30) Von jenen Alten liefen völlig davon YL. (ii) Prädikate mit der Bedeutung des Vernichtens: (31) Pflüge die Wiesen vollständig um (laukon? – R. M.) diese Wiesen, hier gibt es nur wenig Gras, der Boden wird besser sein ŠtS (LKŽᵥᵢᵢ 176). (32) In den Wäldern Kurlands schoss man die Wolfsjungen vollständig ab (laukon? – R. M.), die Elche aber nicht ŠtS (LKŽᵥᵢᵢ 176). (33) O aš jau nekraunu [pinigų, turiu i leidų lauk JDR. (iii) Prädikate mit der Bedeutung des Entfernens (Abtrennens): (34) Jei supelėjusi vaška bei imirusių bičių ar perų randat, tai pja ukiat jus laukan (laukon? – R. M.) S. DAUK. (LKŽᵥᵢᵢ 176–177). (35) Sodną reiks raut lauka PKR. (36) Aną paėmė minas rinkti lauk po karo AKM. (37) Jug kad jau prasigėrė, ka jau antstolis kraustė lauko LŽ. (38) Lipk į marką į mešk linus laukonais SKD. Unter den perfektiven Konstruktionen, die von Verben der letztgenannten Gruppe gebildet werden, gibt es zahlreiche unklare Fälle, in denen man annehmen kann, dass die Postverben auch die Funktion der Modifikation der Handlungsrichtung im Raum erfüllen, vgl.: (39) Darys operaciją, reik imti tą blužnį laũk TRK. (40) Tik girdžiu – mūša duris laũka (lauko? – R. M.) Dr (LKŽᵥᵢᵢ 176). Eine solche doppelte Interpretation ist besonders in den Fällen möglich, in denen im Satz außerdem eine Konstruktion verwendet wird, die den Beginn der Handlung lokalisiert: „iš+Genitiv“, vgl.: (41) Sūnai mūša laũk iš kiėmo, nepasirūdo nė vienas žmogus TRK. Die Phrase mūša laũk iš kiėmo lässt sich folgendermaßen interpretieren: [mūša laũk] iš kiėmo = „treibt (aus dem Hof) hinaus“ und mūša [laũk iš kiėmo] = „treibt aus dem Hof hinaus“. Im letzteren Fall modifiziert die Form laũk räumlich weniger das Verb (mūša) als vielmehr das Substantiv (kiėmas). 3.1. Zuvor haben wir gezeigt, dass die postverbale Form žemė(n) genetisch mit Prädikaten verbunden ist, die eine vertikale Bewegung nach unten bezeichnen. Ähnlich ließen sich auch die Formen laũka(n), laũko(n), laũkonais, laũk mit Verben der Bewegung, d. h. Verben, die eine horizontale Bewegung bezeichnen, in Verbindung bringen. Diesmal scheint die genetische Verbindung jedoch stärker zu sein. Tatsächlich muss man die große Mehrheit der genannten Formen, die mit Verben verwendet werden, welche eine horizontale Bewegung bezeichnen, bereits als Raumadverbien betrachten, vgl.: POSTVERBŲ PROBLEMA LKŽ 85 (42) Vaikai, lėkam laukó! RDN (LKŽVII 184). (43) Ans leidos laukon MŽK (LKŽVII 184). (44) Bėgom laukon iš trobos, bijo[j]om, ka neuždegtų budinkus TRKN. (45) Išvaryk vištas laukonais iš trobos SLNT (LKŽVII 184). In einer oder anderen solchen Äußerung mit einem Prädikat der Bewegungsbedeutung ließe sich auch ein Perficientiv erkennen, vgl.: (46) I tu eik po velnium nu muno galvos, eik, žalį, tu laukon! PLN. 3.2. Bei Bewegungsverben werden die besprochenen Formen im gesamten Gebiet westlich des Verbreitungsareals des Illativs verwendet. Hier bezeichnen sie gewöhnlich lediglich eine Bewegung nach außen und sind als Adverbien anzusehen. Die rasche Adverbialisierung der Illativform laukon wurde wahrscheinlich durch die Entwicklung der semantischen Struktur des Substantivs laukas in Richtung Abstraktion bewirkt. Die abstraktesten Bedeutungen dieses Substantivs, ‚Ort unter freiem Himmel‘ und ‚Außenseite‘ (LKŽVII 178), kennzeichnen meist nur eine Seite der räumlichen Opposition Innen vs. Außen. Ein solches Substantiv hat keine objektbezogene Bedeutung mehr. Seine Illativform laukon bezeichnet abstrakt eine Richtung im Raum (von innen nach außen) und ist faktisch bereits ein Adverb. Solche Adverbien können den Endpunkt (das Resultat) der modifizierten Handlung nicht lokalisieren17. Vielleicht werden die Formen lauka(n), laukon, laukonais (und die Ableitung lauk) aufgrund dieser ererbten semantischen Eigenschaft in perficientiven Konstruktionen seltener als Postverb gewählt als die Form žemė(n) (und die Ableitung žemyn), weil sie sich weniger als Letztere dazu eignen, die Annäherung einer Handlung an ihr Ende auszudrücken. Bei der Frage, wie diese Formen in postverbaler Verwendung in der lexikographischen Beschreibung zu behandeln und darzustellen sind, sollte beachtet werden, dass der semantische Unterschied zwischen den Illativformen lauka(n) (et cet.) und dem Adverb lauk aufgrund des Verlusts der objektbezogenen Bedeutung im einen Fall und ihres Erhalts im anderen wesentlich geringer ist als der entsprechende Unterschied zwischen žemė(n) und žemyn (et cet.). 4. Mit der Ausdrucksweise des intermediären Verbalaspekts ließe sich auch die Illativform šalin in Verbindung bringen. Im postverbalen Gebrauch wird diese Form im LKŽ (XIV 446–447) als Adverb bezeichnet, das die Bedeutung des Verbs hervorhebt. Die Durchsicht der hier angeführten Beispiele und der Belege aus der Ergänzungskartei macht deutlich, dass perficientive Konstruktionen mit der Form šalin überwiegend von Verben der Entfernung (Trennung) gebildet werden, vgl.: (47) Lūpa tas duris šalin atsispyręs TRK (LKŽXIV 447). (48) Paskiau tą [v]andini lėisi apent šalin VVR (LKŽXIV 447). (49) Vaikščioji kaip baidyklė – plaukus kirpk šalin JDR (LKŽXIV 446). (50) Drabužius išplausi i neįmsai šalin, pakol nenusileis saulė DR (LKŽXIV 447). Mit Prädikaten der Bedeutung des Verschwindens und Vernichtens ist nur die eine oder andere Äußerung belegt, vgl.: 17 In Äußerungen mit diesen Adverbien wird gewöhnlich der Anfang der (Bewegungs-)Handlung lokalisiert; zusätzlich dienen dazu Präpositionalphrasen mit Innenbedeutung wie aus trobos, pro duris und Ähnliches. 86 | ROLANDAS MIKULSKAS (51) Die Zwiebeln trocknen an der Seite xiv, 447). (52) Diese Webstühle sind ausgedient, man muss andere herstellen Šts (LKŽxiv, 447). In vielen Äußerungen mit Prädikaten der Bedeutung des Entfernens lässt sich die Form šalin so auffassen, dass sie zugleich die Funktion eines lokalen Adverbs erfüllt. Das ist nicht verwunderlich – als Adverb passt šalin semantisch ideal zu Verben dieser Bedeutung. Wenn Verben dieser Bedeutung in Dialekten, die vom Verbreitungsgebiet des Gebrauchs perficientiver Konstruktionen entfernt liegen, durch die Form šalin modifiziert werden, ist diese daher als reines Adverb anzusehen, vgl.: (53) Ich frage mich, ob man den ganzen Arm abschneiden muss? KIVRŽ (LKŽxiv 446). (54) Beim Sauerkirschbaum musst du die Äste abschneiden. SNT (LKŽxiv 446). Angesichts der möglichen doppelten Interpretationen der meisten derartigen Beispiele muss man anerkennen, dass die mit der Form šalin gebildeten perficientiven Konstruktionen (natürlich mit Ausnahme jener seltenen Fälle mit Verben der Bedeutung des Verschwindens oder Vernichtens) nicht so eindeutig sind wie etwa solche mit der Form žemė(n). Daher ergeben sich auch Schwierigkeiten bei ihrer lexikographischen Darstellung18. Die schwache Ausprägung des Perficientivs in solchen Konstruktionen wird unter anderem auch dadurch belegt, dass die Form šalin darin ziemlich häufig nach präfigierten Verben steht, die für sich allein bereits eine abgeschlossene Handlung bezeichnen können, vgl.: (55) Sie befahlen, die alten Ställe abzureißen KRT. (56) Danach riss man den Turm wieder ab LK (LKŽxiv 447). (57) Wir schälen die Rinde ab und schneiden sie in große Stücke [Äpfel] TV. 4.1. Die Gründe für die Untauglichkeit der Form šalin zum Ausdruck des Perficientivs sind wie im vorherigen Fall in ihrer Semantik zu suchen. Als Adverb ist diese Form im gesamten Gebiet westlich des Verbreitungsareals des Illativs weit verbreitet. Wie die Form lauka(n) modifiziert sie meist Verben der Fortbewegung oder allgemein der horizontalen Bewegung. Die rasche Adverbialisierung der Illativform šalin wurde wahrscheinlich durch die Bedeutungsabstraktion des Substantivs šalis begünstigt. Die abstrakteste Bedeutung dieses Substantivs, ‚ein Ort oder Raum, der von etwas entfernt liegt, ein abgelegener Ort‘ (LKŽxiv, 456), bezeichnet eine Seite der räumlichen Opposition Zentrum (wo das Subjekt lokalisiert ist) vs. Peripherie. Ein solches Substantiv hat seine objektale Bedeutung bereits eingebüßt. Seine Illativform šalin zeigt abstrakt eine Richtung im Raum an (vom Ort, an dem sich das Subjekt befindet, zum Rand) und ist faktisch bereits ein Adverb. Diese Form ist, ebenso wie lauka(n), inhärent nicht in der Lage, das Ende der modifizierten Handlung zu lokalisieren, und eignet sich vielleicht deshalb weniger zum Ausdruck des Perficientivs als die Form žemė(n). Andererseits sollte man bei der Suche nach einer Antwort auf die Frage, wie Wörter mit einer solchen Semantik überhaupt als Aspektmarker fungieren können, beachten, dass der Perficientiv der durch die Direktivformen laukan und šalin modifizierten Bewegungsverben weniger mit der Lokalisierung des Handlungsendes als vielmehr mit der Lokalisierung des Handlungsbeginns zusammenhängt, die in diesen Konstruktionen stets vorausgesetzt wird. 18Im LKŽ werden an derselben Stelle Beispiele sowohl aus nördlichen als auch aus südlichen Dialekten angeführt. Unter den Beispielen zum adverbialen Gebrauch scheint sich hier und da ein deutlicherer Perficientiv zu finden, vgl.: Grūdo munį šalin, ir gan ŽEML (LKŽxiv 446); Aš pasiemiau šakalį tą šunį mušti šalin. END (LKŽxiv 446). POSTVERBŲ PROBLEMA LKŽ 87 5. Nicht alle in den nördlichen litauischen Mundarten verwendeten Postverben lassen sich mit dem Illativ in Verbindung bringen. Das von den nördlichen Niederlitauern verwendete viršuo stammt wahrscheinlich aus dem Inessiv19. In der Mundart der nördlichen Panevėžys-Litauer entsprechen ihm die Formen viršū (viršum), viš. Im LKŽ werden all diese Formen semantisch interpretiert und als Adverbien angeführt. Da sie häufig nach bestimmten Verben wiederkehren, gelten sie im Wörterbuch nicht selten als Bestandteile phraseologischer Verbindungen, die mit diesen Verben gebildet werden (insbesondere, wenn die Verben in übertragener Bedeutung verwendet werden). Dieses Vorgehen ist jedoch nicht konsequent, vgl.: (58) Stürzt hinüber, stürzt sich auf: eine zugeschüttete Furche Všk (LKŽXIX 605). (59) Ich kann nichts sagen, gleich stürzt er hinüber Všk (LKŽXIX 621). (60) Wenn er sie sieht, stürzt er hinüber wie ein Eber TL (LKŽXIX 626). Das letztgenannte Beispiel wird im Wörterbuch nicht als Phraseologismus angeführt (wie übrigens auch die anderen benachbarten niederlitauischen Sätze). Andererseits werden hier völlig unbegründet aus unmittelbar verständlichen Äußerungen wie Er klettert hinüber [der Hund], wenn du nichts sagst Klk (LKŽXIX 626) usw. Phraseologismen gemacht. 5.1. Offensichtlich werden die betreffenden Formen im LKŽ nicht mit der Kategorie des Aspekts in Verbindung gebracht. Ein Durchsehen der hier angeführten niederlitauischen Äußerungen mit der Form viršuo zeigt, dass sie meist mit Verben verwendet wird, die eine horizontale Bewegung bezeichnen (stürzen, springen, gehen, fahren), und diese nicht nur hinsichtlich der Richtung modifiziert (sie bezeichnet ein direktes Herankommen an etwas oder ein direktes Losstürzen auf etwas), sondern auch hinsichtlich der Intensität (sie bezeichnet ein rasches Herankommen, einen plötzlichen Angriff). Gerade als Aktionsintensivierer, die ein plötzliches Herankommen eines Objekts oder Phänomens auf etwas hin anzeigen, könnten sie auch als grammatische Aspektmarker interpretiert werden, da sie zugleich eine Bewegungshandlung ausdrücken, die rasch ihrem Ende (einem Zusammenstoß, Kontakt) entgegengeht. 5.2. Die Analyse der Äußerungen zeigt, dass sich die Form viršuo in der Regel leichter als Richtungsadverb interpretieren lässt, wenn das Verb einen direkten (körperlichen) Kontakt mit einem Objekt bezeichnet, vgl.: (61) Es dröhnte [das Auto], dachte ich, als käme es hinübergefahren; ich erbebte Krš (LKŽXIX 626). (62) Es gab Hähne, – wie er hinüberstürzt! Rnv (LKŽXIX 626). (63) Wir sind vor diesen Stieren weggelaufen, – er wird hinüberstürzen Žd (LKŽXIX 626). Man kann annehmen, dass die Form viršuo die Funktion eines Richtungsmodifikators der Handlung aus dem präpositionalen (postpositionalen) Gebrauch im Wesentlichen gleichartiger Äußerungen übernommen hat, vgl.: (64) Die [Autos] ziehen über die Wiese, und hinüber über den Menschen fahren sie RDN (LKŽXIX 626). (65) Diese Kuh war sehr wild, sie stürzte sich auf die Menschen AKM (LKŽXIX 626). 5.3. Wenn diese Verben in übertragener Bedeutung verwendet werden, d. h. keinen körperlichen Kontakt bezeichnen, lässt sich die sie modifizierende Form viršuo leichter als Postverb auffassen, vgl.: 19 Belegt ist auch die Form viršūon, wobei n wahrscheinlich aus der illativischen Form viršun stammt: Jetzt stürzen sich die Kinder hinüber auf den Älteren Krš (LKŽXIX 627). 88 | ROLANDAS MIKULSKAS (66) Ich möchte diese Kinder nicht verraten, dort oben auf dem Dachboden SD (LKŽxix 626). (67) Er springt oben herum und kratzt sich die Augen aus [der kleine Junge] Krš (LKŽxix 626). 5.4. Der Ausdruck des Perfientivs ist am deutlichsten, wenn die Form viršuo auf Verben der Bewegung folgt und die Annäherung von etwas (schnell) direkt an den Ort bezeichnet, an dem sich der Sprecher befindet, vgl.: (68) Die Deutschen kommen von oben her, aber die Russen kommen in Haufen Šts (LKŽxix 626). (69) Der Wind bläst den Gestank von oben her Trk (LKŽxix 626). (70) Der Regen kommt von oben, schneller, rechen wir doch Akm (LKŽxix 626). Das ist verständlich, denn bei Verben dieser Bedeutung, die durch die Form viršuo modifiziert werden, ist die Ereignishandlung zwangsläufig mit der Ankunft des Handlungssubjekts (oder dem Herbeibringen des Objekts) an einem bestimmten Punkt im Raum (auf dem Weg) verbunden. 6. Schließlich sollte eine praktische Frage erörtert werden, die bei der Anwendung des Begriffs „Postverb“ auf die besprochenen Formen in den Fällen aufkommt, in denen diese vor dem Verb stehen, vgl.: (71) Die Henne kräht vielleicht etwas heraus, schlägt den Kopf gegen die Erde Krš. (72) Das Dorf begann zu brennen, die Bewohner wurden teils versklavt, teils hinausgetrieben (hinaus? – R.M.) S. Dauk (LKŽvii 177). Die Analyse perfientiver Konstruktionen zeigt folgende Tendenz: Je reiner der Ausdruck des Zwischenverlaufs ist, desto strikter ist die Position des Postverbs nach dem Verb festgelegt. Umgekehrt gilt: Je stärker die grammatische Funktion der betreffenden Formen mit dem Ausdruck der Direktivität vermischt ist, desto freier ist ihre Stellung im Satz. Doch selbst bei eindeutigen Perfientiven ist die gelegentliche Verwendung des Postverbs vor dem Verb durchaus verständlich, wenn man sie als textuelles Phänomen deutet, das heißt als abhängig von den Umständen der Äußerungsrealisierung. Eine solche „Inversion“ ist möglich, wenn eine strikte Regel besteht, die die Reihenfolge der Bestandteile des periphrastischen Perfientivs erst auf einer tieferen morphosyntaktischen Ebene festlegt. Somit ist die Verwendung des Begriffs „Postverb“ zur Beschreibung der betreffenden Formen vollkommen gerechtfertigt.20 SCHLUSSFOLGERUNGEN 1. Es bestehen keine Zweifel an der Existenz perfektiver Konstruktionen in den nordlitauischen Mundarten. Sie müssen im Text des LKŽ angemessen repräsentiert werden. 2. Die perfektiven Konstruktionen sind im LKŽ bei den Verben unter den Formen anzusetzen, die den intermediären Aspekt anzeigen. Diese Formen müssen möglichst einheitlich grammatisch behandelt werden. Auf diese Weise wird eine maximale Konzentration der betreffenden Konstruktionen an einer Stelle erreicht, die Rückschlüsse auf ihre geografische Verbreitung ermöglicht. Eine einheitliche Darstellung dieser perfektiven Marker würde auch die Transparenz der elektronischen Suche in der neu vorzubereitenden Ausgabe des LKŽ erhöhen. 20 Perfektive Konstruktionen mit Postverben anderer semantischer Herkunft, wie kiaurai, ilgai, kiekai usw., wurden nicht untersucht. POSTVERBŲ PROBLEMA LKŽ 89 3. Der Aspektausdruck in den nordlitauischen Mundarten verwendeten perfizientiven Konstruktionen ist unterschiedlich ausgeprägt. Die Reinheit des Perfizientivs hängt vom Desemantisierungsgrad der Formen ab, die seine grammatische Funktion anzeigen. Je stärker diese Formen desemantisiert sind, desto reiner ist der Ausdruck des intermediären Aspekts. Die Möglichkeiten einer Resemantisierung dieser Formen, d. h. der Interpretation als lokale Adverbien, hängen teilweise auch von der Semantik der Prädikate der Äußerungen ab. 4. Es gibt keine theoretische Grundlage dafür, die betreffenden Formen als Adverbien zu betrachten. Bei ihrer Aufnahme ins Wörterbuch genügt der formale Terminus Postverb (abgekürzt Postv.); bei Bedarf können in der Definition unverbindliche Termini wie Iliativform, adverbiale Form usw. verwendet werden (je nach semantischer Herkunft dieser Formen). 5. Am weitesten verbreitet sind perfizientive Konstruktionen mit dem Postverb iliativischer Herkunft žemė(n) (į žemę) und seinen lokalen Varianten adverbialer Herkunft (im nordwestlichen Niederlitauischen) žemyn (žemyn) und žemynais (žemynais). Diese Postverben treten gewöhnlich nach Verben mit der Bedeutung des Vergehens, Vernichtens und Entfernens (Abtrennens) auf. Die perfektive Bedeutung dieser periphrastischen Konstruktionen ist am deutlichsten ausgeprägt. Mehrdeutig ist nur der eine oder andere Fall, in dem die genannten Verben zugleich eine vertikale Abwärtsbewegung bezeichnen (dann können die betreffenden Formen auch als lokale Adverbien verstanden werden). 6. Perfizientive Konstruktionen mit dem Postverb žemė(n) werden entlang der gesamten litauisch-lettischen Grenze verwendet. Die südliche Verbreitungsgrenze dieser Konstruktionen kann allgemein als südliche Grenze der Verbreitung des Perfizientivs in den nordlitauischen Mundarten angesehen werden und als Orientierung dienen, wenn die betreffenden periphrastischen Konstruktionen auf zweierlei Weise gedeutet werden können. 7. Die Postverben iliativischer Herkunft lauka(n), (lauko(n), laūkonais) und šalin sind eher als Formen adverbialer Herkunft anzusehen, ebenso wie die Form laū́k. Perfizientive Konstruktionen mit diesen Postverben sind Mischtypen, da sie häufig auch als Modifikatoren der Bewegungsrichtung im Raum interpretiert werden können. Deutlicher ist der Ausdruck des Perfizientivs in den mit diesen Postverben gebildeten Konstruktionen derselben Verben mit annihilatorischer Bedeutung. Am leichtesten adverbial interpretierbar sind die Formen nach Verben, die eine horizontale Bewegung (ein Gleiten) bezeichnen; deshalb ist ihre postverbale Funktion am stärksten „verdunkelt“. 8. Mit der žemaitischen Form inessivischer Herkunft viršūo bilden nur wenige Verben, die einen Angriff oder eine plötzliche Bewegung bezeichnen, perfektive Konstruktionen. Häufig modifiziert diese Form das Satzgeschehen sowohl hinsichtlich der Quantität (sie bezeichnet die Bewegungsintensität) als auch der räumlichen Richtung (direkt auf das Objekt zu) und ist daher kein rein grammatischer (Aspekt-)Marker. Am deutlichsten zeigt sich die postverbale Funktion der Form viršūo, wenn sie nach Bewegungsverben steht. Indem sie die plötzliche Annäherung von etwas direkt an das Äußerungssubjekt bezeichnet, drückt sie zugleich das Ende der Bewegung aus. 9. Im Wörterbuch sollten diese Formen, die als Marker des intermediären Aspekts fungieren, mit der Kennzeichnung Postv. getrennt von den Adverbien aufgeführt werden. Am besten wäre es natürlich, sie in einem eigenen Artikel anzusetzen. Damit möglichst viele perfizientive Konstruktionen an einer Stelle verzeichnet werden, sollten neben den Grundformen nach Möglichkeit auch lokale Varianten aufgeführt werden. Nehmen wir an, die Methodik des LKŽ erlaubt es nicht, die Formen žemė(n) und žemyn (žemyn) in einem lexikografischen Artikel aufzuführen; dennoch ist es sinnvoll (und dafür gibt es, wie wir gezeigt haben, auch eine theoretische Grundlage), neben den Perfizientiven mit der synthetischen Iliativform žemė(n) aufzuführen 90 ROLANDAS MIKULSKAS Beispiele mit der Form des periphrastischen Illativs į žemę (oder umgekehrt, wie es hier im Artikel žemė gemacht wurde). Ähnlich könnte man neben Konstruktionen mit dem Postverb žemyn (žemyn) in einem Artikel auch Beispiele mit seiner längeren Variante žemynais (žemynais) anführen, wie dies bei der Darstellung der Adverbien im Artikel žemas, -a geschieht. TABELLE 1. ÄUSSERUNGEN MIT PERFEKTIVEN KONSTRUKTIONEN PRÄDIKATE (VERBEN DER BEDEUTUNG DES VERGEHENS) Verb | žemėn | žemė | į žemę | žemyn | žemyn | žemynais | žemynais sterben | PLNG, LG, SKD, TRKN, ŠTS, YL, TRK, AKM, VGR, MŽK x 2 | KRŠ, TRŠ | TL | DR, GRŠL, PLT | SD, VGR | LNK | SK platzen | KLVRŽ, TRK x 3 | RDN, KRŠ | — | DR, SKD, BRS | SD, TRK | — | — auseinanderfallen | KRT, PLT, x 2, KLVRŽ, AKM | KRŠ | — | SD | — | — | — sich verflüchtigen | TRK | — | — | — | — | — | — verwelken | AKM | — | — | — | — | — | — frieren | ŠTS | — | — | — | YL | — | — abnutzen | ŠTS (über Fell) | — | — | — | — | — | — erkalten | ŽEML, MŽK, TRK x 3 | — | PP | — | KLVRŽ x 2, TRK | — | — ertrinken | — | — | VKŠ, LŽ | ŠTS | — | — | — gehen ‘gleiten’ | VGR (über Schnurrbart), RDN (über Haare) | — | — | — | — | — | — POSTVERBŲ PROBLEMA LKŽ 91 FORTSETZUNG VON TABELLE 1 Verb žemėn žemė in die Erde žemyn žemyn žemynais žemynais šėrties Šts rieseln Ms (über Klingen) sir(g)ti YL fallen SKD (über die Köpfe im Krieg) galiuoties SKD schlechter werden SKD TABELLE 2. PRÄDIKATE VON ÄUSSERUNGEN MIT PERFEKTIVEN KONSTRUKTIONEN (VERBEN MIT VERNICHTUNGSBEDEUTUNG) Verb zu Boden Erde in die Erde nach unten nach unten nach unten nach unten erschießen den Nachbarn KL, [einen Menschen] PLT, [einen Menschen] KRTN, [einen Menschen] ALS, [einen Menschen] YL, [einen Menschen] ŽEML, diese Schlange TRK, [einen Menschen] SK, eine Frau VŠK, die Eltern PS, einen Kommunisten PPL, einen Mann KPR [einen Menschen] KAL, [einen Menschen] SD, [einen Menschen] GD eine solche Schlange SD, einen Menschen ŽD x 2, [einen Menschen] YL, [einen Menschen] SD schlagen ein Kind TRK, einen Vater TRK [einen Menschen] TRKN [den Menschen] YL 92 ROLANDAS MIKULSKAS FORTSETZUNG VON TABELLE 2 Verb zur Erde Erde in die Erde abwärts abwärts abwärts abwärts [einen Gegenstand] TRK, [einen Menschen] YL, Fliegen END (er)schlagen ta žmogų PLNG beenden [einen Menschen] ŽEML, eine Frau TRK sich SD das Leben nehmen [einem Menschen] SD hängen [einen Menschen] LC [einen Menschen] YL erwürgen [einen Menschen]TRK [einen Menschen] TRK, [einen Menschen] Ms schreien ein Wildschwein KRŠ gießen ‘schießen’ Menschenmetzger KRŠ Menschenmörder PVN töten [einen Menschen] YL verderben [Krähe] PLT (zu) zerstreuen Vištytis ŠTS quälen Alte VKŠ (zer)schlagen Alte ŽEML hüten Klee ŠTS Getreide PLNG POSTVERBŲ PROBLEMA LKŽ 93 FORTSETZUNG VON TABELLE 2 Verb zu Boden Erde in die Erde abwärts nach unten abwärts nach unten drücken (über das Gedränge in der Kirche) SLNT (über Schmerzen) ŠTS dreschen Flachs ŠTS frieren (über strengen Frost) ŠTS schlagen [einen Menschen] ŠTS schneiden (über eine Krankheit) Sd TABELLE 3. PRÄDIKATE VON ÄUSSERUNGEN MIT PERFEKTIVEN KONSTRUKTIONEN PRÄDIKATE (VERBEN MIT DER BEDEUTUNG DES ENTFERNENS (ABTRENNENS)) Verb zu Boden Erde in die Erde abwärts nach unten abwärts nach unten abnehmen Schaffell YL, Kreuz TrK, Jacke KlK, Mütze KlK, Hand KlK, Schmuck Vgr, Schale JDP, Rüben AKN Staub Pp ausziehen Jacke JNŠ, [Kleidung] VŠK Jacke LK anspannen Pferd KlK, Pferd ŽG, Stuten KlvrŽ [Pferd] TrŠ 94 | ROLANDAS MIKULSKAS FORTSETZUNG VON TABELLE 3 Verb zu Boden Erde in die Erde abwärts nach unten abwärts nach unten werfen [Lebensmittel] PLN, Flicken LNKV, Bier KRČ das Rauchen KRŠ fällen Bäume VŽ, den Kopf KL, das Bein TRK, den Kopf VB den Kopf KrŠ den Kopf LK das Bein TrK zerstören (sich) [das Haus] KRTN, Häuser ŠTS, die Schule KLK, das Häuschen SLČ [die Häuser] YL schneiden den Bart SD, die Schnurrbärte SD, [das Material] YL, das Material ŽG sägen [das Getreide] BDR, Gips BDR, die Birne ŽG, die Beine VKŠ die Hasel AKM das Bein KRG ausreißen Flachs KLVRŽ, Gras KRŠ Kartoffeln KRTN, Flachs JDR, Flachs KLP beißen Kartoffeln SD Kartoffeln TrK brechen Hand TrK kratzen Bienen MŠK (ab)reißen Zwiebelschale Č aufreißen Pickel VKŠ tragen Topf KL POSTVERBŲ PROBLEMA LKŽ 95 FORTSETZUNG VON TABELLE 3 Verb abwärts Erde in die Erde nach unten nach unten nach unten nach unten heben Topf KL Pfanne Lk [Topf] SD máuti(s) Ring TrK Hose ŠAUK Strümpfe GrŠL kleiden (sich) [Mensch] TrK daryties LKŽ Ms ‘sich anziehen’ mit dem Mund kneten PlT lūpti beržus AkM tėpti medų ŠtS (hin)werfen JDR ritinti senį RDN versti valdžią Skp ABKÜRZUNGEN LKAIII – Atlas der litauischen Sprache 3, Morphologie, red. K. Morkūnas, Vilnius: Mokslas, 1991. LKE – Enzyklopädie der litauischen Sprache, red. V. Ambrazas, Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidybos institutas, 1999. LKŽVII – Wörterbuch der litauischen Sprache 7, red. J. Kruopas, Vilnius: Mintis, 1966. LKŽXIV – Wörterbuch der litauischen Sprache 14, red. K. Ulvydas, Vilnius: Mokslas, 1986. LKŽXIX – Wörterbuch der litauischen Sprache 19, red. V. Vitkauskas, Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidybos institutas, 1999. LKŽXX – Wörterbuch der litauischen Sprache 20, red. V. Vitkauskas, Vilnius: Lietuvių kalbos institutas, 2002. LITERATŪRA Ambrazas, V., red., 1997: Dabartinės lietuvių kalbos gramatika. Trečiasis pataisytas leidimas, Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidybos institutas. Daujotytė, V. 2002: Pamatinis kultūros tekstas. Dvidešimt lietuvių kalbos žodyno tomų, sudarė J. Zabarskaitė, Z. Šimėnaitė, Vilnius: Lietuvių kalbos institutas, 34–35. Girdenis, A. 1984: Stratifikacinis lietuvių kalbos veiksmažodžio morfologijos modelis. 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