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Postpozicinių vietininkų sistema Chylinskio Naujojo Testamento vertime

Gina Kavaliūnaitė

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ACTA LINGUISTICA LITHUANICA XLIX (2003), 33 – 49 Das System der postpositionalen Lokative in Chylinskis Übersetzung des Neuen Testaments Gina Kavaliūnaitė Lietuvių kalbos institutas Der Artikel behandelt die Struktur des Systems der Lokalkasus im Alt-Litauischen, wie sie sich in Chylinskis Übersetzung des Neuen Testaments widerspiegelt. Es wird argumentiert, dass die traditionellen Beschreibungen des litauischen Systems der Lokalkasus in mehreren wichtigen Punkten revidiert werden sollten. Wie in früheren Publikationen gezeigt wurde, stehen Inessiv und Adessiv nicht hinsichtlich der Kasusbedeutung in Opposition; ihre Verteilung hängt von den kategorialen Eigenschaften der Nominalphrase ab (Belebtheit und Individuation). Auch das Subsystem der Lativkasus weist keine Opposition zwischen einem internen (Illativ) und einem externen (Allativ) Kasus auf. Nur der Illativ ist in dieser Hinsicht markiert; der Allativ ist tatsächlich ein allgemeiner Lativkasus, der hinsichtlich der Opposition „intern: extern“ unmarkiert ist. Das System der Lokalkasus ist somit in Wirklichkeit ternär: Es besteht aus einem Lokativkasus mit zwei Varianten (Inessiv bei Unbelebtem und Adessiv bei Belebtem) und zwei Lativkasus, von denen einer zusätzlich als Illativ markiert ist. Der Artikel setzt die Untersuchung des Gebrauchs der Lokalkasus in Chylinskis Sprache fort, deren erste Ergebnisse in früheren Publikationen veröffentlicht wurden (Kavaliūnaitė 2001, 2002). Zunächst wurde der Gebrauch von Inessiv und Adessiv untersucht (Kavaliūnaitė 2001). Die Untersuchung bestätigte die Vermutungen von Zigmas Zinkevičius (1982) und Wojciech Smoczyński (2001) hinsichtlich des Zusammenhangs des Adessivs mit der Kategorie der Belebtheit und präzisierte die Art dieses Zusammenhangs. In dem genannten Artikel wurde gezeigt, dass Adessiv und Inessiv gemäß der von Silverstein formulierten Belebtheitshierarchie verwendet werden; ihr Verhältnis wird durch eine semantisch bedingte komplementäre Verteilung bestimmt. In einer späteren Publikation (Kavaliūnaitė 2002) wurde der Gebrauch der Lativkasus – Illativ und Allativ – behandelt. Es wurde festgestellt, dass auch im System der Lativkasus die Belebtheit eine gewisse Bedeutung hat, der Allativ jedoch Funktionen aufweist, die nicht unmittelbar mit der Belebtheit zusammenhängen. Im vorliegenden Artikel werden die zuvor formulierten Schlussfolgerungen präzisiert und allgemeine Merkmale der Struktur des Lokalkasussystems formuliert. Wie zuvor festgestellt wurde, wird der Gebrauch von Inessiv und Adessiv durch die Stellung des Nomens oder seines pronominalen Ersatzes in der Belebtheitshierarchie bestimmt. Substantive, die unbelebte Gegenstände (Orte usw.) bezeichnen, haben nur eine Inessivform; die Adessivform tritt ausschließlich bei Substantiven auf, die Lebewesen bezeichnen, oder bei anderen Nomina, die in der Belebtheitshierarchie eine hohe Stellung einnehmen (Näheres hierzu und zur Belebtheitshierarchie siehe Kavaliūnaitė 2001). Da der Gebrauch der Kasusformen durch die kategorialen Eigenschaften des Nomens bedingt ist, besteht zwischen diesen Kasusformen keine semantische Opposition. Es stellt sich die Frage, ob ähnliche Faktoren auch den Gebrauch der entsprechenden Lativkasus – Illativ und Allativ – bestimmen. Auf 34 | GINA KAVALIŪNAITĖ den ersten Blick scheint ein Zusammenhang mit der Belebtheit zu bestehen: Es werden nur Illativformen von Nomina verwendet, die kein Belebtheitsmerkmal aufweisen. Im Folgenden werden statistische Daten zum Vorkommen von Illativ und Allativ präsentiert. Um sie mit der Verteilung von Inessiv und Adessiv vergleichen zu können, wird zunächst die Tabelle aus dem früheren Artikel wiedergegeben, die zeigt, wie der Adessiv mit den Wortarten und ihren Subkategorien zusammenhängt (vgl. Kavaliūnaitė 2001: 99): TABELLE 1. HÄUFIGKEIT DES GEBRAUCHS DES CHNT-ADESSIVS NACH WORTARTEN UND IHREN SUBKATEGORIEN Kategorie Belegte Formen Adessivformen der Pronomen der ersten Person Sg. manimp (44x), Pl. musimp (21x) Adessivformen der Pronomen der zweiten Person tavimp (21x), Pl. jusimp (59x) Adessivformen des Reflexivpronomens savimpi (61x) Adessive von Eigennamen Kristusiep (65x), Viešpatiep (55x), Jėzusiep (47x), Dieviep (44x), Tėviep (11x), Sunumpi (4x), Simon iep (4x) etc., insgesamt 177 Adessive von Eigennamen Adessive von Demonstrativ- und Personalpronomen der dritten Person jampi, tampi, kitampi (90x) Adessive von Relativpronomen kuriampi, kampi (23x) Adessive von Personenbezeichnungen žmogumpi (8x) Adessive von Adjektiven gyvampi (1x), tikrampi (1x), išmint ingampi (1x) Adessive von Bezeichnungen für Lebewesen (außer Menschen) und unbelebte Gegenstände keine Insgesamt 507 Was die Abhängigkeit der Inessivform von den kategorialen Eigenschaften des Nomens betrifft, ist hervorzuheben, dass im ChNT-Text fast keine Inessivformen von Wortarten verwendet werden, die in der Belebtheitshierarchie einen hohen Rang einnehmen. Es gibt keinen einzigen Inessiv im Singular von Pronomen der 1. und 2. Person, die in der Belebtheitshierarchie den höchsten Rang einnehmen. Von den mehreren Tausend Inessiven im ChNT bezeichnen nur 17 Lebewesen; 14 davon stehen im Plural- CHYLINSKIO POSTPOZICINIŲ VIETININKŲ SISTEMA | 35 Diese Inessive nehmen auf der Skala der Individualitätshierarchie eine niedrige Stellung ein (zu diesen Ausnahmefällen siehe ausführlicher Kavaliaunaitė 2001: 101–103). Es gibt keinen Inessiv eines Personennamens, der Pronomen aš, tu oder der Lexeme Dievas, Tėvas, Jėzus, Kristus usw. TABELLE 2. GEBRAUCH DES INESSIVS IM CHNT NACH WORTARTEN UND DEREN SUBKATEGORIEN Kategorie Belegte Formen Insgesamt Inessive von Bezeichnungen unbelebter Gegenstände 1234x Sg., 383x Pl. 1617x Inessive der Demonstrativ- und Drittpersonpronomen aname (45x Sg., 27x Pl.), jame (1x), 216x; joje (7x), jose, tame (77x), tose (22x), šiame (6x), šiose (1x), tokiame (2x) 216x Inessive von Ortsnamen 142x 142x Inessive der Indefinitpronomen cielame (9x), kožname (5x), kožnoje (3x), niekame (1x), tūlame (2x Sg., 2x Pl.), visoj (26x), visose (41x), visokiame (25x) 114x Inessive der Interrogativ- und Relativpronomen katroj (6x), kitame (1x), kitoj (3x), kok iame (3x), kokioj (2x), kuriame (38x), kurioje (19x), nekuriame (2x Sg., 2x Pl.) 76x Inessive der Adjektive 47x Sg., 20x Pl. 67x Inessive der Numeralia 52x 52x Inessive von Bezeichnungen für Lebewesen 1x Sg., 15x Pl. 16x Inessive der Partizipien 11x 11x Inessiv des betonten Pronomens pačiame (1x) 1x Inessive der Pronomen der 1. und 2. Person gibt es nicht Insgesamt 2312 36 | GINA KAVALIŪNAITĖ In den Tabellen 3 und 4 wiederholen wir die entsprechend gruppierten Daten, die den Gebrauch des Illativs und des Allativs veranschaulichen (Kavaliūnaitė 2002: 84–86): TABELLE 3. GEBRAUCH DES ILLATIVS IN CHNT NACH WORTARTEN UND DEREN SUBKATEGORIEN Kategorie Belegte Formen Insgesamt Illative von Bezeichnungen unbelebter Dinge 611x 611x Illative von Eigennamen (Ortsnamen) 212x 212x Illative der Adjektive 22x 22x Illative der Demonstrativpronomen und der Personalpronomen der 3. Person jan (9x), juosna (3x), anan (1x), šian (1x), tokian 1x 15x Illative der Zahlwörter 11x 11x Illative der Frage- und Relativpronomen kurian (5x), kuriosna (1x), katrian (2x), katriosna (1x) 9x Illative der Indefinitpronomen kitan (4x), nekurion (1x), nekuriosne (1x), cielon (1x) 7x Illative der Partizipien 2x 2x Illative der Possessivpronomen savon (1x) 1x Illative von Personenbezeichnungen žmogun (1x) 1x Illative von Bezeichnungen für Lebewesen (keine Personen) keine – Illative der reflexiven Pronomen und der Personalpronomen der 1. und 2. Person keine – Insgesamt 891x CHYLINKIO POSTPOZICINIŲ VIETININKŲ SISTEMA | 37 TABELLE 4: VERWENDUNG DES ALLATIVS IM CHNT NACH WORTARTEN UND DEREN SUBKATEGORIEN Kategorie Belegte Formen Insgesamt Allative der Demonstrativpronomen und der Personalpronomen der 3. Person jop (344x), josp (33x), jump (305x), anop (11x), top (23x), tosp (2x), tump (16x), topgi (1x), tokiop (1x) 736x Allative der Bezeichnungen unbelebter Dinge 327x 327x Allative von Eigennamen (Personennamen) 235x 235x Allative von Personenbezeichnungen 164x 164x Allative der Personalpronomen der 2. Person tavėsp (20x), jūsump (99x) 119x Allative des Reflexivpronomens savėsp (57x) 57x Allative der Personalpronomen der 1. Person manėsp (40x), mūsump (7x) 47x Allative der Indefinitpronomen zum anderen (9x), zum anderen (14x), zum anderen (2x), zum anderen (7x), zum anderen (2x), zum anderen (2x), zum anderenp (2x), zum anderen (3x) 41x Allative der Adjektive 37x 37x Allative von Relativpronomen kuriop (12x), kuriump (2x), kop (8x), katrop (2x) 24x Allative von Partizipien 16x 16x Allative von Zahlwörtern 10x 10x Allative von Possessivpronomen savump (1x), saviškiump (1x), tavump (1x) 3x Allative von Bezeichnungen für Lebewesen (keine Personen) 2x 2x Insgesamt 1818x 38 | Gina Kavaliūnaitė Diese Daten stimmen teilweise mit denen überein, die beim Vergleich des Gebrauchs von Adessiv und Inessiv ermittelt wurden. Die Illativformen der Personalpronomen der 1. und 2. Person, die in der Belebtheitshierarchie eine hohe Position einnehmen, sind nicht belegt. Auch Illativformen von Substantiven, die Lebewesen bezeichnen, sind nicht belegt: Hier wurde nur eine Ausnahme festgestellt – der Illativ žmogun (dazu siehe Kavaliūnaitė 2002: 95). Andererseits fällt ein deutlicher Unterschied ins Auge: die vergleichsweise hohe Zahl der Allativformen von Bezeichnungen unbelebter Dinge (inanimata) (327). Wie aus Tabelle 1 hervorgeht, sind Adessivformen solcher Substantive nicht belegt. Was dieser Unterschied bedeutet, wird im Folgenden in diesem Artikel erörtert. Aus den Tabellen geht hervor, dass die Belebtheitskategorie für die Verteilung der inneren und äußeren Lokalkasus von Bedeutung ist. Dass Substantive, die Lebewesen bezeichnen (animata), keinen Illativ haben, zeigt, dass der Gebrauch des Illativs ähnlich wie der des Inessivs mit dem Merkmal [–belebt] des Nomens zusammenhängt. Da der Adessiv mit der Kennzeichnung [+ belebt] verbunden ist, wäre zu erwarten, dass auch der Allativ ähnlich gekennzeichnet ist. Eine solche Beschränkung gilt jedoch nicht für den Allativ. Folglich sind Fälle zu erwarten, in denen ein und dasselbe Substantiv sowohl Illativ- als auch Allativformen aufweist. Tatsächlich gibt es zahlreiche solche Fälle. Im Text des ChNT sind folgende Formen belegt: garbèn und garbèsp: Lk 9,26 ChNT atevǫ garben fawo, ir (garben) Tewa, ir βwentu Anjehu StB wanneer hy komen fal in fijne heerlickheyt / ende [in de heerlickheyt] des Vaders / ende der heylige Engelen GdB gdy przyjdźie w chwale fwey / y w Ojcow[k]iey / y świętych Anjołow Jn 11,4 ChNT liga n’eft fmertiefp, bet garbefp Diewo StB Defe kranckheyt en is niet tot der doot / maer ter heerlickheyt Godts GdB Tá chorobá nie jeft ná śmierć / ále dla chwaty Božey zum Königreich und ins Königreich: Lk 18,24 ChNT Wie schwer werden die, die Besitz haben, ins Königreich Gottes eingehen StB Wie schwerlich werden diejenigen, die Güter haben, in das Königreich Gottes eingehen GdB Wie schwer ist es doch für die, die Geld haben, in das Königreich Gottes einzugehen APD 1,3 ChNT und ohne zu sprechen → sprech<end> über die Dinge, die zum Königreich Gottes gehören → die zum Königreich Gottes gehören StB und über die Dinge sprechend, die das Königreich Gottes betreffen GdB und über das Königreich Gottes sprechend zum Baum und an den Baum: Röm 11,24 ChNT Wenn du nicht [...] von Natur aus [...] in den edlen Ölbaum eingepfropft bist: StB Denn wenn du [...] wider die Natur in den guten Ölbaum eingepfropft bist CHYLINSKIO POSTPOZICINIŲ VIETININKŲ SISTEMA | 39 GdB Denn wenn du, obwohl du von Natur aus ein wilder Ölzweig bist, in den guten Ölbaum eingepfropft bist LK 17, 6 ChNT Ihr würdet zu diesem Feigenbaum sagen: Werde entwurzelt und verpflanze dich ins Meer, und er würde euch gehorchen StB ihr würdet zu diesem Maulbeerbaum sagen: Werde entwurzelt und ins Meer gepflanzt, und er würde euch gehorchen GdB und wenn ihr zu diesem wilden Feigenbaum sagt: Reiß dich mit der Wurzel aus und pflanze dich ins Meer; er würde euch gehorchen in den Abgrund und in den Untergang: LK 8,31 ChNT Sie baten ihn, ihnen nicht zu befehlen, in den Abgrund zu fahren StB Und sie baten ihn, ihnen nicht zu befehlen, in den Abgrund zu fahren GdB Da baten sie ihn, ihnen nicht zu befehlen, von dort in den Abgrund zu fahren HEBR 10,39 ChNT Aber wir gehören nicht zu denen, die sich zurückziehen zum Verderben, sondern zu denen, die glauben, um das Leben zu bewahren StB Aber wir gehören nicht zu denen, die sich dem Verderben entziehen, sondern zu denen, die glauben zur Errettung der Seele GdB Wir aber gehören nicht zu denen, die sich dem Verderben entziehen, sondern zu denen, die glauben zur Rettung der Seele zum Leben und des Lebens: 1Jn 3,14 ChNT Wir wissen, dass wir aus dem Tod zum Leben übergegangen sind, weil wir die Brüder lieben StB Wir wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder lieben GdB Wir wissen, dass wir vom Tod zum Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder lieben 2Kor 2,16 ChNT Dem einen ist es ein Geruch des Todes zum Tode, dem anderen ein Geruch des Lebens, zum Leben StB Dieser ist zwar ein Geruch des Todes zum Tod; jener aber ein Geruch des Lebens zum Leben GdB Diesen zum Geruch des Todes bis zum Tod, jenen aber zum Geruch des Lebens zum Leben Es gibt Fälle, in denen die Wahl zumindest auf den ersten Blick davon abhängig zu sein scheint, ob das Substantiv ein Lebewesen oder einen unbelebten Gegenstand bezeichnet. Ein solches Beispiel ist das Wort Kirche, das entweder ein Gebäude oder eine Gemeinschaft von Gläubigen bezeichnen kann. Ist das Gebäude gemeint, wird der Illativ verwendet; richtet sich das Wort hingegen an die Gläubigen, der Allativ: ApD 13,14 ChNT und sie gingen in die Kirche am Sabbattag, setzten sich StB und nachdem sie hineingegangen waren in die Synagoge am Sabbattag / setzten sie sich nieder 40 | GINA KAVALIŪNAITĖ APR 3,6 GdB am Mittwoch in der Synagoge an einem Sabbattag / saßen ChNT Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist zu den Gemeinden spricht StB Wer Ohren hat / der höre, was der Geist zu den Gemeinden sagt GdB Wer Ohren hat, höre, was der Geist zu den Gemeinden spricht In diesem Fall lässt sich jedoch nicht behaupten, dass der Gegensatz zwischen Illativ und Allativ allein auf Belebtheit oder Unbelebtheit beruht. Es ist schwer festzustellen, welche Faktoren die Kasuswahl in der Wendung spricht zu den Kirchen bestimmen. Konstruktionen mit dem Verb sprechen, also Sprechprädikate, setzen zumindest in prototypischen Fällen einen belebten Adressaten voraus. Ihre Bedeutung weist daher eine gewisse Verflechtung von Richtungsmerkmalen (die Ausrichtung des Sprechakts auf den Adressaten) und Merkmalen der Belebtheit des Adressaten auf; deshalb ist es nicht leicht festzustellen, welcher Faktor genau den Gebrauch des Allativs bestimmt. Um also die Zahl der unterscheidenden Merkmale zu verringern und ein „minimales Paar“ zu bestimmen, anhand dessen sich das Kriterium für die Kasuswahl feststellen ließe, müssen zunächst zumindest einige Beispiele untersucht werden, in denen Allative von Substantiven, die unbelebte Gegenstände bezeichnen, mit reinen Bewegungsverben verwendet werden (wobei die für Sprechprädikate typische Verflechtung der Richtungsbedeutung mit Belebtheit vermieden wird). Zur Untersuchung des funktionalen Verhältnisses zwischen Allativ und Illativ wurden mehrere häufiger gebrauchte Substantive mit räumlicher Bedeutung ausgewählt. Wir betrachten die Beispiele der Substantive Grab und Boot. Der Allativ dieses Wortes grabop wurde zehnmal verwendet, der Illativ graban achtmal. Alle Illative bis auf einen Fall1 entsprechen niederländischen Konstruktionen mit der Präposition in. Sie bezeichnen Situationen, in denen der Körper eines Verstorbenen (meistens Jesu) ins Grab gelegt wird oder die Jünger zum Grab Jesu in der Höhle gehen. In beiden Fällen ist klar, dass der Endpunkt der Bewegung im Inneren des Grabes liegt: Mk 6,29 ChNT Sie kamen, nahmen seinen Leichnam und legten ihn ins Grab StB sie gingen hin und nahmen seinen toten Leib weg / und legten ihn in ein Grab GdB sie kamen und nahmen seinen Leib / und legten ihn ins Grab Jn 20,6 ChNT Simon Petrus kam dann und folgte ihm, und ging ins Grab StB Simon Petrus ging dann und folgte ihm / und ging in het graf GdB Dann kam auch Simon Petrus und ging ihm nach / und trat w grob ein Die Belege für den Gebrauch des Allativs entsprechen niederländischen Konstruktionen mit den Präpositionen naar und tot. Hier werden Situationen beschrieben, in denen die Jünger zu dem Ort gehen, an dem sich das Grab Jesu befindet. Eine solche Lokalisierung könnte als allativisch (außerhalb des Ortes) betrachtet werden, d. h. als ein Fall, in dem der Endpunkt ein Ort beim Grab ist: Mk 16,2 ChNT kamen sie sehr früh grabop, da die Sonne aufgegangen war → Frauen 1 ApD 8.2: sie trugen Stephanus (gemeinsam) graban (ChNT), sie trugen Stephanus gemeinsam [ten grave] (StB), Und pogrʒebli Sʒczepana (GdB). CHYLiNSKIO POSTPOZICINIŲ VIETININKŲ SISTEMA | 41 StB Sie kamen zum Grab, als die Sonne aufging GdB Sie kamen zum Grab, als die Sonne aufgegangen war Einige Sätze weiter wird beschrieben, wie die Jünger, nachdem sie zum Ort des Grabes gekommen sind, in das Grab selbst hineingehen: Mk 16,5 ChNT Und nachdem sie graban hineingegangen waren, sahen sie einen Jüngling, der zur Rechten saß (im Grab) StB Und in het graf ingegaen zijnde / sahen sie einen Jüngling / zur Rechten sitzend GdB Und nachdem sie in grob hineingegangen waren / sahen sie einen Jüngling, der zur Rechten saß Diese Beispiele widersprechen nicht der Annahme, dass der Illativ eine Richtung ausdrückt, bei der der Endpunkt der Bewegung im Inneren eines Objekts liegt, während der Allativ einen Ort am Objekt als Endpunkt der Bewegung bezeichnet. Es ist jedoch zu beachten, dass diese Bedeutung im System der statischen Lokalkasus keine Entsprechung hat, da der Adessiv keine Bedeutung des Verweilens am Objekt ausdrückt. Dieser Umstand wurde in der Literatur bereits festgestellt (Gelumbeckaitė 2002:120) und wird auch durch Chylinskis Daten bestätigt. Die entsprechende Bedeutung wird in Chylinskis Sprache durch die Präposition pas mit dem Akkusativ2 wiedergegeben: Joh 20,11 ChNT Aber Maria stand draußen am pas graba und weinte; während sie weinte, blickte sie ins Grab hinein StB Und Maria stand draußen by het graf / weinend. Als sie dann weinte / beugte sie sich in das Grab hinein GdB Aber Maria stand u grobu draußen und weinte. Und als sie weinte / beugte sie sich ins Grab hinein Lk 24,22 ChNT Aber auch einige Frauen aus unserer Mitte haben uns erschreckt; sie waren früh am Morgen pas graba buwo StB Doch auch einige Frauen aus unserer Mitte haben uns erschreckt, die früh am Morgen am Grab gewesen sind GdB Aber auch einige Frauen aus unseren Reihen haben uns erschreckt, die früh am Morgen am Grab waren 2 Die Präposition pas kommt in ChNT insgesamt 41-mal vor: 26-mal bei unbelebten Substantiven (inanimata) und 15-mal bei Personen bezeichnenden Substantiven (animata) oder deren pronominalen Ersatzformen. Wenn die Präposition pas mit einer Personenbezeichnung verwendet wird, lag ihre Bedeutung vermutlich nahe bei der Bedeutung des Adessivs, denn wir finden: idad hume → ume ßyrdies at ßliktu Wießpatiep → paſ Wießpati ChNT (Apg 11,23); met een voornemen des herten by den Heere souden blijven (StB); w przedsęwzięciu serca trwali przy Panu (GdB). Im Übrigen entspricht der Adessiv Wießpatiep fast immer der Konstruktion in den Heere ‘èv χωρίῳ’, vgl. kalbedami draƒew Wießpatien ChNT (Apg 14,3), vrymoediglich sprekende in den Heere (StB), beſpiecżnie mowiąc w Panu (GdB); gjate vienok Dievuy CHriſtujiep Jeſujiep Wießpatien muss in ChNT (Röm 6,11), maer Gode levende zijt in Christo Jeſu / onſen Heere (StB), áłeſcie żywymi Bogu w CHryſtuſie IEſuſie PAnu náßym (GdB) und so weiter. Zwischen dem Adessiv und der Präpositionalfügung mit pas gab es gewiss gewisse Unterschiede; der Adessiv wird verwendet, wenn von einem Aufenthalt im Haus einer Person die Rede ist. Eine solche Nuance zeigt sich auch in 2 Kor 5,8: gieydżiame → welijame giwent iß → nog kuna, ó giwent Wießpatien (ChNT), hebben meer behagen om uyt het lichaem uyt te woonen / ende by den Heere in te woonen (StB), wolemy ráčey wyniść z ciała / á iść ná mięßkanie do Pana (GdB). Offenbar unterschied Chylinskis das „Wohnen bei jemandem“ als Variante des Inessivs vom zufälligen, vorübergehenden „Sich bei (neben) etwas befinden“ – diese letztere Bedeutung wird durch eine Konstruktion mit der Präposition pas wiedergegeben. 42 | Gina Kavaliūnaitė Wenn es keinen statischen Kasus gibt, der „das Sich-bei-etwas-Befinden“ bezeichnet, gibt es auch keinen Grund zu der Annahme, dass der Allativ neben der Richtungsbedeutung noch „das Sich-bei-etwas-Befinden“ als Endpunkt einer Bewegung bezeichnen sollte. Plausibler ist die Annahme, dass der Allativ einen Ort als Ziel der Bewegung bezeichnet. Dieser Ort wird durch Bezug auf ein bestimmtes Bezugsobjekt beschrieben (reference object), doch der Kasus präzisiert nicht, ob der Endpunkt der Bewegung innerhalb dieses Objekts liegt oder nicht. Eine ähnliche Bedeutung vermittelt auch die Präposition naer (tot) im niederländischen Original; vergleichbar sind das deutsche nach, zu, das englische to und Ähnliches. Diese Interpretation wird auch durch den Gebrauch der Formen eldijos, eldijon bestätigt. Hier ist das Zahlenverhältnis anders als bei graban, grabop: Der Illativ des Wortes eldija wurde 19-mal verwendet³, der Allativ dagegen nur zweimal (Joh 6,19 und APG 20,13). Die Beispiele zeigen, dass die meisten Verwendungen des Illativs mit Verben verbunden sind, die das Präfix į- enthalten. Im NT von Chylinski stehen beim Illativ eldijon die Verben įeiti (12 Belege), įžengti (2 Belege) und įimti (1 Beleg). Dieselbe Bewegung mit einem Endpunkt innerhalb des Objekts wird durch die Präposition in im niederländischen Original ausgedrückt. Wo im niederländischen Text naer verwendet wird, steht in einem Fall der Allativ: APG 20,13 ChNT Aber wir gingen zuerst eldyofp, nachdem wir in Aſſon an Bord gegangen waren StB Doch wir waren vorausgegangen na het ſchip und nach Aſſon abgefahren GdB Wir gingen zuerst do okrętu und fuhren nach Aſſon ab Aus dem ganzen Satz wird in diesem Fall deutlich, dass die Gefährten des Paulus nicht nur den Ort erreichen, an dem sich ihr Schiff befindet, sondern auch an Bord gehen, um weiterzufahren. Das war das Bewegungsziel, doch das Überschreiten der Objektgrenze (das An-Bord-Gehen) wird nicht ausgedrückt. An einer anderen Stelle jedoch, wo im niederländischen Original die Präposition naer steht, wird der Illativ verwendet: APG 20,38 ChNT und geleitete ihn eldyon StB und sie geleiteten ihn na het ſchip GdB und führten ihn do okrętu Diesmal wird auch die letzte Bewegungsphase berücksichtigt: das An-Bord-Gehen. Offenbar ermöglichte das System der Lativkasus Chylinski, in solchen Fällen als Bewegungsziel entweder einen verallgemeinerten Lativkasus zu verwenden, der auf das Bezugsobjekt verweist, oder einen Inessivkasus, der als Bewegungsziel einen Punkt innerhalb des Bezugsobjekts angibt. Seine Wahl konnte er auf die im niederländischen Text verwendete Präposition stützen, tat dies jedoch nicht überall. Eine vollständige Abhängigkeit von der Konstruktion im niederländischen Text besteht also nicht. Vielmehr ähnelten die Bedeutungen der niederländischen Konstruktionen mit naer und des litauischen Allativs einander. 3 Tatsächlich 20-mal, aber in einem Fall (Joh 6,16) vermutlich irrtümlich, denn im Original steht na zee „am Meer“: Mokityney jo nuejo eldyon (ChNT); gingen ſijndecipſelen af na de zee (StB); ʒłtapili ucżniowie jego do morża (GdB). Obwohl der Illativ in Joh 6,17 bei der Übersetzung einer Konstruktion mit der Präposition in verwendet wird: Jr ieję eldyon (ChNT); Ende in het ſchip gegaan zijnde (StB); A wſtapiliſy w łodź (GdB). CHYLINSkIO POSTPOZICINIŲ VIETININKŲ SISTEMA | 43 Wenn ein Ort nicht anhand eines Bezugspunkts beschrieben wird, sondern einfach ein Substantiv mit abstrakterer Bedeutung vieta verwendet wird, sollte der Gegensatz zwischen „Aufenthalt im Inneren“ und „Aufenthalt bei etwas“ aufgehoben sein. Dennoch sind in Chylinskis Text die Formen vieton und vietosp belegt: Die erste Form betont das Erreichen des Ziels, während die letztere lediglich die Richtung angibt (es ist ungewiss, ob das Ziel erreicht wird): Mk 14,32 ChNT Dann kamen sie an einen Ort [dessen Name war Gethsemane → genannt Gethsemane StB Ende ɫy quamen an einen Platz / dessen Name Gethsemane war GdB Y Prʒyšli an einen Ort, der Gethsemane genannt wurde G καὶ ἔρχονται εἰς χωρίον οὗ τὸ ὄνομα Γεθσημανί Filip 3,14 ChNT Und während ich nach dem strebe, was vor mir liegt, laufe ich dem vorgesteckten Ziel entgegen, um den Preis zu gewinnen StB ende ɫtreckende my tot het gene dat voren is / jage ick nach dem Ziel / nach dem Preis der Berufung Gottes GdB á do tego się co prʒede mna jeft ɫpieją / bieżę zum Ziel, zum Preis jener göttlichen Berufung G τοῖς δὲ ἔμπροσθεν ἐπεκτεινόμενος, κατὰ σκοπὸν διώκω εἰς τὸ βραβεῖον τῆς ἄνω κλήσεως τοῦ θεοῦ Die im ChNT reichlich verwendeten Konstruktionen mit Illativen und Allativen abstrakter Substantive könnten die aus der Untersuchung von Konstruktionen mit konkreten Substantiven gewonnenen Definitionen nur geringfügig verändern oder ergänzen. Wenn wir die Annahme für zutreffend halten, dass der Allativ einen Ort als Ziel des Aufenthalts bezeichnet, wenn der Endpunkt nicht angegeben ist, ließe sich die große Zahl der Allative abstrakter Substantive leicht erklären. Die Zielbedeutung sagt nicht aus, ob das Ziel vollständig erreicht wurde oder ob man sich ihm lediglich angenähert hat, z. B.: 1Tes 4,7 ChNT Denn Gott hat uns nicht zur Unreinheit berufen, sondern zur Heiligung StB Want God en heeft ons niet geroepen tot Unreinigkeit / sondern zur Heiligung GdB Bo nas nie powołał Bog ku Unreinheit, sondern zur Heiligung Hebr 6,11 ChNT Wir wünschen aber, dass jeder von euch denselben Eifer beweise, um zur vollen Gewissheit der Hoffnung bis zum Ende zu gelangen StB Maer wy begeeren / dat een yegelicx van u deſelve neerſtigheyt bewiſje / zur vollen Gewissheit der Hoffnung / bis zum Ende GdB A ʒądámy/ áby káždy ʒ was toʒ ɫtáránie pokázował / zur Erlangung der vollen Hoffnung bis zum Ende 2Tes 3,5 ChNT Doch möge der Herr eure Herzen zur Liebe Gottes und zur Geduld Christi lenken StB Doch de Heere rechte uwe herten zur Liebe Gottes / ende zur Geduld Christi 44 | GINA KAVALIŪNAITĖ GdB A PAN niech ſpráwuje ſercá wáſbe ku miloſći Bożej / y ku čierpliwemu ćzekawániu Chryſtuſá 2Kor 9,11 ChNT Idand butumbite bagoteŋ wifame wiſokioſp gieribeſp → gieradeiſteſp, kuria → kuriÿ per mug daro dekudaryma diewop StB Dat ghy in alles rijck wordet tot alle goetdadigheyt / welcke door ons werckt dancklegginge tot Godt GdB A Byśćie ӡ každey míary byli ubogáćeni ku wβelkiey proſtoſći / ktora ſpráwuje preӡ nas / áby dӡieki Bogu ćzynione były Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Illativ den Übergang in einen neuen, anderen Zustand bezeichnet, der Allativ hingegen ein Ziel, das erreicht werden kann, aber nicht muss. Diese Beschreibung entspricht demselben Schema, das bei der Beschreibung von Konstruktionen mit konkreten Substantiven vorgestellt wurde. Bei der Wahl der einen oder anderen Interpretation (und entsprechend des einen oder anderen Kasus) half Chylinski in jedem Einzelfall der niederländische Text, in dem die Präpositionen in (durch den Illativ wiedergegeben) oder tot (durch den Allativ wiedergegeben) verwendet wurden. Das griechische Original hat gewöhnlich in allen Fällen dieselbe Präposition eis, die Chylinski keinen Grund geben konnte, zwischen den beiden Kasus zu wählen. Die Wahl der einen oder anderen Interpretation schlägt sich oft bereits im dem Verb hinzugefügten Präfix nieder; so ist etwa das Präfix į- natürlicherweise mit dem Illativ verbunden: Mt 25,21 ChNT Jeyk linxmiben Wieβpatieç tawo StB Gaet in in de vreughde uwes heren GdB wnidӡ do rádosći páná twego G εἴσελθε εἰς τὴν χαρὰν τοῦ κυρίου 1Tim 6,9 ChNT Doch diejenigen, die reich werden wollen, geraten in Versuchung → in die Versuchung und (in) ∠ in ≥ Fallen StB Doch die rijck willen worden / vallen in verſoeckinge / ende [in] den ſtrick GdB Bo ktoryӡ chcą bogátymi bydӡ / wpadają w pokubienie / y w sidło G Die aber, die reich werden wollen, geraten in Versuchung. Solche Illative können als von Verben gefordert gelten: Sie werden mit Verben verbunden, die einen Übergang in einen anderen Zustand ausdrücken (nicht zufällig haben sie die Präfixe į-, at-). Aliative abstrakter Substantive werden gewöhnlich nicht von Verben gefordert⁴, sondern fungieren als Angaben des Zwecks: 4 Es gibt zweifellos Fälle, in denen der Allativ als vom Verb gefordert gelten kann, z. B. bei Verben mit dem Präfix pri-, etwa Lk 9,62: Zednaǧ kurſey prydeſi ſąka ſawo jungop (ChNT); Niemand die ſijne hant aen den ploegh ſlaet (StB); Žaden ktoryby pryłoӡył rękę ſwoję do pługa (GdB). CHYLIŃSKIO POSTPOZICINIŲ VIETININKŲ SISTEMA | 45 Eph 1,14 ChNT Die das Unterpfand unserer Erbschaft ist, igitop iβ<pirkimop> → zur Erlösung und zum Lob seiner Herrlichkeit StB Die das Unterpfand unseres Erbes ist / bis zur erworbenen Erlösung / um des Preises seiner Herrlichkeit willen GdB Der ein Unterpfand unseres Erbes ist / zur Erlösung des erworbenen Besitzes / zum Lob seiner Herrlichkeit G was das Unterpfand unseres Erbes ist, zur Erlösung des Eigentums, zum Lob seiner Herrlichkeit 1 Petr 1,22 ChNT Nachdem ihr eure Seelen gereinigt habt [...] zur aufrichtigen brüderlichen Liebe StB Nachdem [ihr] eure Seelen gereinigt habt [...] zu ungeheuchelter brüderlicher Liebe GdB Ponieważeście duβę wáβe oczyścili [...] ku nieobłudney bráterſkiey miłości G τὰς ψυχὰς ὑμῶν ἡγνικότες [...] εἰς φιλαδελφίαν ἀνυπόκριτον Diese abstraktere Zielbedeutung entspricht der bei konkreten Substantiven festgestellten Richtungsbedeutung, während die Bedeutung des Übergangs in einen neuen Zustand der Bedeutung des Eindringens in das Innere eines Objekts entspricht. Der Gegensatz zwischen Illativ und Allativ lässt sich folgendermaßen formulieren: Beide Kasus bezeichnen eine Richtung, der Illativ enthält jedoch ein zusätzliches Sem: Er bezeichnet auch das Überschreiten der Grenzen eines Objekts und das Eindringen in dessen Inneres. Der Allativ bezeichnet ein Objekt als Ziel der Richtung (Bewegung), legt aber nicht fest, ob die Grenzen des Objekts überschritten und der endgültige Bewegungspunkt im Inneren des Objekts liegen wird oder nicht. Verglichen mit den bisherigen Definitionen der Funktionen von Illativ und Allativ unterscheidet sich diese Beschreibung hinsichtlich der Markiertheit⁵. Die bisherigen Definitionen beschrieben den Gegensatz zwischen Illativ und Allativ als symmetrisch (equipollent): Der Endpunkt der Bewegung liegt entweder im Inneren des Objekts (Illativ) oder nicht im Inneren (Allativ) (vgl. Zinkevičius 1980: 254–261; Range 1995: 96–102). Tatsächlich ist der Allativ in dieser Hinsicht unmarkiert. Anders als der Illativ, der eindeutig anzeigt, dass der Endpunkt im Inneren des Objekts liegt, liefert der Allativ keine solche Information. Der Endpunkt der Bewegung liegt häufig am Objekt, doch dies ist kein Merkmal der Bedeutung des Allativs. Typologisch ist ein solches semantisches Verhältnis zwischen den lativischen Kasus ein ganz gewöhnliches Phänomen. Ein gutes Beispiel sind die englischen Präpositionen to und into: Die erste bezeichnet ein Objekt als Ziel der Bewegung, und dieses Merkmal ist auch in der Bedeutung der Präposition into enthalten; dies zeigt sich darin, dass die Präposition to selbst als Bestandteil in die Präpositionen in-to eingeht. Letztere ist das markierte Glied des Gegensatzes, da sie zur allgemeinen Bedeutung der Präposition to zusätzlich die allativische Bedeutung der Präposition in hinzufügt. Nun können wir das Verhältnis von Illativ und Allativ zur Belebtheit präzisieren. In diesem Fall ist die Belebtheit, anders als bei der Untersuchung des Gebrauchs von Inessiv und Adessiv festgestellt, für die Differenzierung der Kasus nicht von wesentlicher Bedeutung. Im Fall des markierten Illativs ist die Kasussemantik offenbar schlecht mit Belebtheit vereinbar, wahrscheinlich weil die Kasusbedeutung – eine Bewegung, deren Endpunkt im Inneren eines räumlichen Objekts liegt – auf Lebewesen 5 Auf den Unterschied in der Markiertheit weist nur Hamp (1997) hin. 46 GINA KAVALIŪNAITĖ begen gewöhnlich nicht angewandt wird (obwohl in heutigen Dialekten eine metaphorische Äußerung wie kitan žmogun neįlisi durchaus möglich ist). Dass jedoch kein direkter Zusammenhang besteht, zeigt der Gebrauch des Allativs mit Substantiven ohne Belebtheitsmerkmale. Die Bedeutung des Allativs hängt nicht mit der Belebtheitshierarchie zusammen. Vor diesem Hintergrund lässt sich sagen, dass das Verhältnis zwischen statischen und dynamischen Lokalkasus asymmetrisch ist. Wie im vorherigen Artikel festgestellt wurde, beruht der Gegensatz zwischen Inessiv und Adessiv auf der Belebtheit und nicht auf der Art der bezeichneten räumlichen Beziehung. Die Wahl hängt also von den kategorialen Eigenschaften des Nomens ab. Wenn dem so ist, sind Inessiv und Adessiv im Grunde keine unterschiedlichen Kasus. Dies bestätigen auch rein morphologische Tatsachen. Wie in der Literatur erwähnt, können Inessiv und Adessiv innerhalb derselben Nominalphrase verwendet werden; so kann bei zwei Wörtern, deren syntaktische Beziehung (z. B. die eines Adjektivs zu einem Substantiv) Kongruenz erfordert, eines die Inessivform und das andere die Adessivform aufweisen. Solche Fälle sind in Daukšas Postille belegt: nė regi Dwasios s. žmogup atgimdėtame DP 25535–36 žmonele bediewiufém͂p ir neybtikumūlémp DP 4452–53 (Beispiele zitiert nach: Palionis 1967: 170) Belege, in denen Adessiv und Inessiv innerhalb derselben Nominalphrase verwendet werden, finden sich auch in der Sprache Chylinskis: Eph 4,6 ChNT Wienų Diewaś ir Tewaś wifu, kurſey yra and wilo, ir per wiś, ir juſimp wiſoſe StB Ein Gott und Vater aller, der über allen und durch alle und in euch allen ist GdB Ieden Bog y Ocėc wʒbyſtikich / ktory jeft náde wʒbyſtko / y po wʒbyſtikich / y we wʒbyſtikich was Das bedeutet, dass Inessiv und Adessiv Varianten desselben Kasus sind. Der Adessiv ist eine Variante des Inessivs, die für Nomina mit dem Merkmal Belebtheit charakteristisch ist. In formaler Hinsicht umfasst der Adessivmarker als Bestandteil auch den Inessivmarker, und für die Kongruenz genügt es, wenn das Nomen mit dem beiden Varianten gemeinsamen Inessivmarker gekennzeichnet ist. Auf diese Weise entstehen Nominalphrasen, in denen nur ein Glied den der gesamten Phrase zugeordneten Kasusmarker trägt. Eine solche Art der Kasusmarkierung, die in agglutinierenden Sprachen völlig üblich ist, ist für das Litauische ansonsten nicht charakteristisch. Postpositionale Lokalkasus werden gewöhnlich wie alle Kasus verwendet – alle Glieder der Nominalphrase sind mit ihnen markiert (z. B.: anon eldyon ChNT Jn 6,22; top katnop ChNT Mk 11,23; neweydamayniβkoβp broliβkoβp meitęβp ChNT 1PETR 1,22; tump źmoniump ChNT APD 28,26 usw.). Daher sind jene Fälle, in denen sich der zweite Adessivmarker -p(i) als fakultativ erweist und die Kongruenzanforderungen durch den Gebrauch des Inessivs neben dem Adessiv erfüllt werden, durchaus bedeutsam und bezeugen die besondere Nähe von Inessiv und Adessiv. Das Verhältnis zwischen Illativ und Allativ ist ganz anders. Sie sind zweifellos unterschiedliche Kasus. Hinsichtlich der Kasussemantik bilden sie einen klaren Gegensatz. Daher kann ein Nomen beide Kasusformen haben, den Illativ und den Allativ, und zwischen ihnen besteht ein semantischer CHYLINSKIO POSTPOZICINIŲ VIETININKŲ SISTEMA | 47 Gegensatz, der gerade den Kasus selbst zugeschrieben werden kann, da er nicht auf den kategorialen Eigenschaften des Nomens beruht. Prisiminkime ankstesniame straipsnyje (Kavaliaūnaitė 2001: 104) cituotą Wojciecho Smoczyńskio apibrėžimą (Smoczyński 2001: 215): „Es wird ein gemeinsames Auftreten von (I) Illativ mit Lokativ sowie (II) Allativ mit Adessiv beobachtet, und zwar je nach der Bedeutung des Stammes: bei unbelebten Ortsnamen – (I), bei belebten (insbesondere Personenbezeichnungen) und bei Personennamen – (II). Es gibt jedoch keinen Stamm, von dem sowohl Loc[ativus] und Ill[ativus] als auch Ade[ssivus] und All[ati-vus] gebildet würden. Tatsächlich haben wir es also mit zwei isofunktionalen Formpaaren komplementärer Distribution zu tun, die durch die Semantik des Substantivs geregelt wird.“ Der erste Teil dieser Aussage über Inessiv und Adessiv ist völlig zutreffend, der zweite Teil – über Illativ und Allativ – wird jedoch durch die Sprachdaten Chylinskis nicht bestätigt. Ob Smoczyńskis Verallgemeinerung zum Gebrauch von Illativ und Allativ auf die Sprache anderer alter Schriftdenkmäler oder auf jene litauischen Dialekte angewandt werden kann, in denen noch Reste postpositionaler Lokalkasus vorhanden sind, wird in diesem Artikel nicht erörtert. Atsižvelgiant į šio ir ankstesnių straipsnių (Kavaliaūnaitė 2001, 2002) duomenis, Chylinskio NT vertime vartojamų postpozicinių vietininkų sistemą galima apibūdinti taip: funkciniu požiūriu ši sistema iš esmės yra trinarė, t. y. ji susideda iš trijų funkciškai (linksnių semantikos atžvilgiu) diferencijuotų linksnių. Vienas, statinis, turi du vardažodžio kategorinių savybių sąlygojamus variantus – inesyva (gyvumo požymio neturintiems vardažodžiams) ir adesyva (gyvumo požymį turintiems vardažodžiams). Pagal požymį „statiškas: dinamiškas“ (arba „vieta: kryptis“) jam galima priešinti du linksnius: iliatyvą, kuris be bendros krypties reikšmės turi dar „įsiveržimo į objekto vidų“ reikšmę, ir aliatyvą, kuris turi tik bendrą krypties reikšmę, be papildomo „išorinės lokalizacijos“ (lokalizacijos prie objekto) semos. Šį linksnį būtų tiksliau vadinti „liatyvu“ negu „aliatyvu“. Schematiškai ChNT vartojamų postpozicinių vietininkų sistemą galima pavaizduoti taip: 1 SCHEMA. DAS LOKALKASSUSSYSTEM IN CHYLINSKIS SPRACHE 48 | GINA KAVALIŪNAITĖ Wie zu sehen ist, unterscheiden sich die Ergebnisse der Funktionsanalyse von dem Bild der Struktur des Lokativsystems, das entstünde, wenn man morphologische Merkmale mechanisch auf die semantische Ebene übertrüge. Auf den ersten Blick ist das System der Postpositionslokative viergliedrig und symmetrisch. Es beruht auf zwei Merkmalen: Es werden statische und dynamische Kasus einander gegenübergestellt, und nach einem weiteren Merkmal werden Innen- und Außenlokative unterschieden. Tatsächlich gibt es den letztgenannten semantischen Gegensatz in Chylinskis Sprache nicht. Die Bedeutung der äußeren Lokalisierung („des Sichbefindens bei einem Objekt“) ist unwesentlich oder kann gänzlich fehlen. ABKÜRZUNGEN ChNT – CZESŁAW KUDZINOWSKI, JAN OTRĘBSKI, red., Biblia litewska Chylińskiego. Nowy Testament 2, Tekst, Poznań: Zakład Narodowy im. Ossolińskich, 1958. G – NESTLE-ALAND, Hrsg., Novum Testamentum Graece, 27. Aufl., Stuttgart: Deutsche Bibelgesellschaft, 1975. GdB – Biblia święta, Tho jest, Księgi Stárego y Nowego Przymierza z Żydowskiego y Greckiego Języka ná Polski pilnie i wiernie przetłumáczone [...], [Dantzig], 1632. StB – Bibel, das ist die ganze Heilige Schrift, die alle kanonischen Bücher des Alten und des Neuen Testaments enthält. Auf Befehl der Hochtreuen Herren Generalstaaten der Vereinigten Niederlande [...] aus den ursprünglichen Sprachen getreu in unsere niederländische Sprache übersetzt [...] und durch gemeinsamen Beschluss der niederländischen Kirchen von Druckfehlern und Irrtümern verbessert, die sich in der ersten Ausgabe fanden. Zu Amsterdam, gedruckt bei der Witwe des verstorbenen Paulus Aertsz van Ravesteijn [...] im Jahr 1657. ZEICHEN [...] Kupur žmog[us] ergänzte Abkürzung → fehlerhaft zu ⌜ Beginn einer Korrektur ∠ gestrichen〉 gestrichen LITERATŪRA GELUMBECKAITĖ, J. 2002: Linksnių ir prielinksnių konstrukcijų sintaksė Jono Bretkūno Biblijos Evangelijoje pagal Luką, Vilnius: Lietuvių kalbos instituto leidykla. (Opera Linguistica Lithuanica, 1.) HAMP, E. P. 1997: The in- and ad-forms of case in XVI and XVIII c. Baltic. Baltistica 32 (1), 40. KAVALIŪNAITĖ. 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CHYLINSKIO POSTPOZICINIŲ VIETININKŲ SISTEMA | 49 ZINKEVIČIUS, Z. 1980: Lietuvių kalbos istorinė gramatika, Vilnius: Mokslas. ZINKEVIČIUS, Z. 1982: Lietuvių kalbos postpoziciniai vietininkai. Baltistica 18 (1), 21–38. Gina Kavaliaūnaitė Gauta 2003 10 04 Lietuvių kalbos institutas P. Vileišio g. 5, 10308 Vilnius, Lietuva [email protected]