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Grammatische Kernbereiche, deren Rekonstruktion und deren Relevanz für historisch belegte Sprachstufen des Baltischen und Slavischen

Björn Wiemer

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ACTA LINGUISTICA LITHUANICA LI (2004), 81 - 112 Grammatische Kernbereiche, deren Rekonstruktion und deren Relevanz fiir historisch belegte Sprachstufen des Baltischen und Slavischen BJORN WIEMER Universitat Konstanz The paper offers a critical account of prominent theoretical approaches to prehistorical developments of basic morphosyntax in Baltic and Slavic: voice, alignment and aspectuality. For comparative reasons the relation between possessive BEand HAVE-constructions is discussed as well. The methodological practice in reconstructing and explaining the diachronic evolution of ancient Baltic and Slavic is assessed critically, first of all because it has abided by ‘in vitro’-approaches without an account of language contact and typological evidence. It is argued that an adequate theory of grammatical change would further have to try to be more accurate with respect to the relative chronology of ‘layers’ of coding techniques and their possible intersections during long periods of diachronic development. This includes the possibility of the cooccurrence of grammatical coding. As for this issue, speakers of contact languages could trigger the functional repartition ofsuch cooccurrent devices to such a degree that one of these devices would become predominant, fitting their own language’s form:function distribution. 0. EINLEITUNG Dieser Beitrag darf in gewissem Sinne als kritische Hommage an zwei Gelehrte verstanden werden, die sich insgesamt der historisch-sprachvergleichenden Baltistik und Slavistik sehr verdient gemacht haben: Jurij Sergeevi¢é Stepanov und William R. Schmalstieg. Zu jedem von ihnen soll hier eine Serie an mehr oder minder einfluBreichen Ver6ffentlichungen zum AnlaB genommen werden, um in erster Linie zu zeigen, wie sehr die diachron orientierte Baltistik darunter leidet, dass chronologische Abfolgen der Veranderung grammatisch relevanter Strukturen und Analogiebildungen zu wenig konkret in ihrer gegenseitigen Verflechtung in nachfolgenden Perioden betrachtet und daB dabei auch zu wenig funktionale Gesichtspunkte beriicksichtigt werden. Dazu kommen oft eine Vernachlassigung typologisch plausibler Entwicklungsablaufe und des Faktors Sprachkontakt sowie eine nicht selten fehlende Bestimmung des grammatischen vs. lexikalischen Statuses morphologischer Unterscheidungen. Die Bereiche, welche hier zur Sprache kommen, sind zentral fiir den Sprachbau, und entsprechend wichtig sind sie fiir die diachrone Morphologie und Syntax sowie auch fiir morphologische und syntaktische Rekonstruktionen. Es geht um Diathese, Aktionalitat und Alignment. Der Besprechung der Thesen 82 | BJORN WIEMER und des Vorgehens von Stepanov (Abschnitt 1) und Schmalstieg (Abschnitt 2) schlieBen sich Uberlegungen zu einem analogen Fall aus der Geschichte des Slavischen an (Abschnitt 3). Zusammengenommen sollen diese drei grob entworfenen ,,Fallstudien“ historisch-vergleichender Argumentation auf typologischem Hintergrund zu methodischen Postulaten fiihren, welche zum SchluB formuliert werden (Abschnitt 4). 1. STEPANOV: VERBINDUNG ZWISCHEN AKTIONALITAT UND DIATHESE BEI DER STAMMBILDUNG Einen beeindruckenden Versuch, aus den historisch bezeugten Fakten und den rekonstruierbaren vorhistorischen Zustanden des Baltischen und Slavischen auf dem Gebiet der Verbmorphologie einen synthetischen Abri8 der Entwicklung im Bereich der Aktionalitat und der Diathese zu erstellen, hat Stepanov (1976; 1977; 1978a, b; 1989) unternommen. Stepanovs Thesen beriihren Voroder Friihphasen der Grammatikalisierung, sie sind allerdings nach der ,,in vitro-Methode“ der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft, d.i. ohne Bezugnahme auf kontaktlinguistische Faktoren, formuliert worden. Ich versuche hier eine kritische Zusammenfassung seines Standpunktes zu diesem Thema. Fragen, die tiefer ins Detail der ide. Lautund Formenlehre gehen, werde ich nicht besprechen; ebenso wenig werde ich Aussagen zur Korrektheit der Rekonstruktion Stepanovs bei diesen Fragen problematisieren. Vielmehr kommt es mir auf eine kritische Betrachtung seiner Methodik und der Interpretation der so gelieferten Fakten an. Stepanov geht ausvon in der Indoeuropaistik gelaufigen Fakten der Stammveranderung im Verbsystem der Alteren ide. Sprachen, welche nicht zuletzt das vorhistorische Baltische und Slavische betrafen, sowie davon, daB es in der frith-ide. Syntax keine klaren Mittel zur Kennzeichnung von Transitivitat (als einer satzsemantischen Gr6éBe) gegeben habe. Zudem gab es keine spezielle Morphologie, welche am Verb cine Erweiterung resp. Verminderung der Argumentstruktur angezeigt hatte, noch eine solche, die eine systematischere Unterscheidung zwischen verschiedenen aktionalen Typen (im Sinne aspektsensitiver Klassen) ermdglicht hatte. Vielmehr waren aktionale Gestalten lexemimmanent festgelegt' . Ausgehend von diesen auch in der Indoeuropiistik allgemein anerkannten Pramissen bemitht sich Stepanov darum, ,,Schichten“ von fiir das Slavische und Baltische etymologisch gemeinsamen Veranderungen am Verbstamm aufzudecken, welche im Zuge der dialektalen Ausdifferenzierung des ide. Sprachgebiets im vorhistorischen Baltischen und Slavischen zu systematischeren morphologischen Korrelationen fihrten, mithilfe derer Transitivitat, Argumentverminderung bzw. -erweiterung und aktionale Typen markiert wurden. Die Ausdifferenzierung des Slavischen und des Baltischen gegeneinander beruht dabei in der verschiedenen Art, in welcher diese Korrelationen funktional ausgebaut wurden. Die Affigierungsverfahren, die dem Baltischen und Slavischen vom Typ her und (zumindest anfangs) auch etymologisch (d.i. von der Form-Substanz her) gemein waren, bildeten zuerst, laut Stepanov, funktionale Cluster aus aktionalen, d.i. aspektrelevanten und diathese- ; In der Forschung sind diese gelegentlich als ,,lexical aspect“ bezeichnet worden. REKONSTRUKTION GRAMMATISCHER KERNBEREICHE | 83 bezogenen Merkmalen. Unter ‘Diathese’ versteht Stepanov den ,,Bezug der Handlung auf ihr Subjekt“ (1978a: 338). Dies entspricht der ‘basic voice’ bei Klaiman (1991), unter welche auch das Medium der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft fallt. Aktionale Merkmale sind dagegen fiir Stepanov verbinharente Merkmale, die festlegen, ob ein Bezug auf eine Grenze (russ. ‘mpegem’) vorliegt oder nicht. Es geht mithin tiberwiegend um eine Unterscheidung terminativer vs. aterminativer Verbstamme. Staémme (und ihre evtl. weitere Affigierung) lassen sich in Stepanovs Modell auf drei Situationsphasen bezichen, die jeweils unterschiedliche Teile einer komplexen, um die Erreichung einer solchen Grenze angeordneten Situation fokussieren. Phase (i) besteht in einem ProzeB, der der Erreichung einer solchen Grenze entgegenstrebt (,,pollecc, crpeMauMiica K CBOeMYy mipeyesty*), Phase (ii) entspricht jener Grenze selbst (,,HacrymieHue mpezena“), Phase (iii) schlieBlich stellt einen Zustand dar, welcher aus der Erreichung jener Grenze notwendig folgt. Dieser ist selbst aterminativ, da er zu seinem Ende hin offen ist (,,mpouecc, OrpaHWyeHHbI B Hayale, UCXOLAWIMi M3 paHee JOCTMrHyTOrO Mpefeswa uM He OrpaHWyeHHbIii KOHIIOM“); vgl. Stepanov (1977: 145). Wichtig ist, daB wir es hier erst einmal nur mit einer konzeptuellen Unterscheidung aktionaler Stadien zu tun haben, die sich um eine Zustandsveranderung gruppieren. Obwohl Stepanov immer wieder von ,,Aspekt-Oppositionen“ oder gar ,,Aspekt-Paaren“ (,,BAOBbIe T1pOTHBOMOcTaBeHusA / Mapp) spricht, handelt es sich zunachst nur um eine Grundlegung aspektsensitiver Klassen von Verblexemen, nicht jedoch um eine grammatische Aspekt-Opposition (s.u.). Aspekte waren auf diese Situationsphasen komplementar verteilt* — wovon in dem von Stepanov rekonstruierten Sprachzustand (und auch in spateren Perioden) keinesfalls ausgegangen werden kann. Die aus den Vorformen des Slavischen und Baltischen stammenden stammverandernden Affixe (Infixe, Suffixe oder Reduplikation) fiihrten in vielen Fallen zu einer Verschiebung der Stammbedeutung von Situationsphase (ii) zu Situationsphase (i) oder (iii). Standardbeispiele sind Reduplikationen zur Bildung des stativen Perfekts und Alternationen von Positionsverben; vgl. etwa aus der ide. Wurzel *séd- > aks. sédo.1.sG.aor zu sés-ti ‘sich setzen’ (= Situationsphase (ii)) gegeniiber séd-é-ti ‘sitzen’ (= Situationsphase (iii)), analog dazu lit. séd-u.1.sG.pRs zu sés-ti ‘sich setzen’ gegentiber séd-é-ti ‘sitzen’ (1989: 221f.). Stepanov sucht nun im System des ide. Verbs nach dem, wie er sagt, ,,diachronen Prototyp“ der morphologischen Markierung einer solchen dreiphasigen Gliederung und faBt fiir diese Rolle zwei ,,Favoriten“ ins Auge, namlich die ide. Unterscheidung (I) von Prasens-, Aoristund Perfektstammen und (II) die Gegeniiberstellung von activa tantum, media tantum und perfecta tantum (mit je eigener Stammstruktur); vgl. Stepanov (1977: 146ff.; 1978a: 341). Funktionale Cluster von aktionalen und diathesebezogenen Eigenschaften kann man u.a. fiir das Urslavische rekonstruieren, in welchem Ablautbildungen noch produktiv 2 Notabene: die drei Phasen Stepanovs entsprechen genau den drei Komponenten, aus welchen in einer Aspekttheorie, die Aspekte als Operatoren auf dem lexeminharenten aktionalen Gehalt (als den Operanda) behandelt, die komplexeste Klasse aufgebaut ist. In der ILA-Theorie Breus ist dies die INCO-Klasse (vgl. Breu 1998); zu ihr geh6ren vor allem sog. holistische Verben wie etwa russ. vanoanumb / Hanoaxamp ‘(auf)fiillen’, sacaonume / 3acaonamp ‘verdecken, zudecken’, cnpamameca / npamamvca ‘sich verstecken’. Zu diesen Verben speziell vgl. Paduéeva / Rozina (1993). 84 | BJORN WIEMER gewesen sein miissen, so daB u.a. Ablautbildung mit Stammerweiterung einer Wurzel wie *nes- (> russ. nes-ti, lit. nes-ti ‘tragen’) zu *nos-i-ti eine Kausativwie auch eine Iterativbildung verursachte?. Dieser Typ der Stammbzw. Wurzelveranderung fihrte spater im Slavischen zur Ausbildung von Iterativa bzw. ,,Indeterminativa“ (und bildete damit spater einen der formalen Grundsteine fiir den ipf. Aspekt), wahrend er im (Ost)Baltischen vor allem auch zu einem produktiven Typ der Bildung von Kausativa und Kurativa wurde (vgl. Stepanov 1976: 420). Ein weiteres Beispiel: die Opposition zwischen kurzem und langem Wurzelvokal (+ Stammerweiterung durch Suffix) fiihrte zur produktiven Gegeniiberstellung von Verben, die punktuell oder in einer anderen Weise perfektiv interpretiert wurden (kurzer Vokal), vs. Verben, die einen frequentativen, iterierten, intensivierten oder in irgendeiner anderen Weise als progressiv interpretierbaren Sachverhaltstyp denotierten (langer Vokal). Vel. etwa aks. wmréti <> wmirati ‘sterben’ (Dehnung des Wurzelvokals + Stammerweiterung), pogrébati = pogreti ‘vergraben; begraben’ (é < *€ wegena < *din der Stammerweiterung) sowie auch kombiniert mit Prafigierung vezbongti ‘aufwachen’ © bedéti ‘wach sein’ (é < *é). Analoge ,,Paare“ gibt es auch noch im heutigen Litauischen; vgl. etwa klupti ‘stolpern’ => kliipoti ‘stolpernd gehen’, kisti ‘(hinein)stecken’ = kySoti ‘(irgendwo) stecken, festsitzen’ (im letzten Fall gekoppelt mit der Opposition [+ transitiv]). Im Gegensatz zum Slavischen wurde im (Ost)Baltischen diese morphologische Opposition aber verstarkt auch zur unterschiedlichen Markierung intransitiver und transitiver Stamme verwendet; vel. lit. kisti ‘sich verandern’ = keisti ‘verandern’, plisti ‘sich verbreiten’ = plésti (sowie plétoti) ‘verbreiten’ (wobei é < *é), busti ‘aufwachen’ vs. => bausti urspriinglich so viel wie ‘aus dem Schlaf reiSen’ — ‘zu etwas nétigen’ oder auch ‘maltretieren, schlagen’, heute mit der Bedeutung ‘bestrafen’ (vgl. u.a. Stepanov 1978a: 36, 342). Ferner sind im Baltischen Nasal-Infixe und das st-Suffix zu den produktivsten Mitteln der Prasensstamm-Bildung primar von intransitiven Verben geworden (Stang 1943: 131ff.), wahrend Nasal-Infixe im Slavischen abgebaut wurden’ . Diese Intransitiva stehen regular in Opposition zu transitiven Verben mit anderer Stammbildung und dementsprechend anderer Tempusstamm-Bildung (zum Teil aus spateren ,,Schichten“, so z.B. mit dem Suffix -(d)y- < *7). Vgl. dazu eine Gegeniiberstellung von typischen Reprasentanten dieser Opposition: (1a) tamp-a.3.PRs Vs. tap-0.3.PRT (1b) tap-o0.3.PRS vs. tap-€.3.PRT zu tap-ti ‘werden’ zu tap-y-ti ‘bemalen’. (urspriinglich so viel wie ‘sich anheften, ankleben’). 3 Vgl. dazu analog im Altgriech. gégw ‘ich trage’ und seine iterative Ableitung gogéw im Vergleich zu po8éw ‘ich erschrecke jmd.’, welches dasselbe Suffix und denselben o-Ablaut als Kausativ zum medialen géSoyat ‘ich fiirchte mich’ aufweist (Stepanov 1978a: 359). Vgl. kiimmerliche Reflexe in Form von Nasalvokalen im Polnischen bzw. deren Weiterfiihrung im Ostslavischen wie bei ide. *séd- > urslav. *sé-n-d- > aks. sedbzw. poln. sigdzie ‘er / sie setzt sich’ bzw. russ. sjadet ‘dass.’ (vs. Prateritum poln. siadf, russ. sel ‘er setzte sich’). Im Gegensatz zu NasalInfixen zur Prasensstamm-Bildung erlangten Nasal-Suffixe in Form von -ng- (< *na@?) im Slavischen als Stammerweiterung, welche nicht auf ein Tempus beschrankt war, eine auBerordentlich wichtige Rolle bei der Entstehung des Aspektsystems und der aktionalen Funktionen (vgl. Sadnik 1962). REKONSTRUKTION GRAMMATISCHER KERNBEREICHE | 85 (2a) link-st-a.3.prs vs. link-o.3.PRT (2b) lenk-ia.3.prs vs. lenk-é.3.PRT zu link-ti ‘sich neigen; Neigung zeigen’. zu lenk-ti ‘beugen, biegen’. (3a) vyk-st-a.3.PRs vs. vyk-0.3.PRT (3b) vyk-d-o.3.prs vs. vyk-d-é.3.PRT zu vyk-ti ‘sich ereignen’. zu vyk-dy-ti ‘ausfiihren’. Aus diesen und einer Reihe weiterer Fakten laBt sich gema8 Stepanov folgender SchluB zichen: im Baltischen tiberwog in den anfanglichen kategorialen Clustern insgesamt die Diathesefunktion, wahrend im Slavischen die aktionale Funktion die Oberhand gewann. Stepanovs Theorie beinhaltet also in allgemeiner Form folgende Aussagen?: (a) Die Affigierungstypen, welche fest in das System der slavischen und baltischen Verbmorphologie eingegangen sind (und dort heute entweder fossilisiert oder weiterhin zu einem gewissen Grad noch sichtbar oder gar produktiv sind), reprasentieren eine identische morphologische Technik. (b) Das Gros dieser Affixe weist sogar eine gemeinsame etymologische Herkunft auf. (c) Sowohl diese Affixe wie auch die Affigierungstypen missen aus der Zeit stammen, fiir welche man intensive Kontakte zwischen den Vorformen des historisch belegten Slavischen und Baltischen ansetzen darf (was wiederum wesentlich zur Hypothese von einer ,,baltoslavischen Sprachgemeinschaft“ beigetragen hat). Stepanov selbst spricht hier von ,,proto-balto-slavisch“. (d) Im Zuge der Ausdifferenzierung zum Slavischen und Baltischen wurden die Cluster 5 aus aktionalen und diathesebezogenen Eigenschaften allmahlich aufgelést, d.i. es wurde, wie Stepanov wohl sagen wiirde, entweder die aktionale oder die diathesebezogene Komponente in ihnen ,,unterdriickt“, wohingegen die andere in der weiteren Entwicklung aus funktionaler Sicht im Gesamtsystem der Verbmorphologie in den Vordergrund riickte und bestandig ausgebaut wurde bzw. langer erhalten blieb. Im Baltischen sind die diathesemaBigen Veranderungen besser erhalten (d.i. archaischer), im Slavischen hingegen die aktionalen, und zwar so stark, daB sie den Grundstein fiir das spatere Aspektsystem legten. Vgl. seine eigenen Worte, auf die ich noch zuriickkommen werde: ,,[]peo6sazaioulMMu MpoTHBOMOCTaBICHHAMH B MarOMbHOM JIeKCHKe COBPEMEHHOPO JIMTOBCKOTO A3bIKa ABIIAIOTCA TapHBbIe OMMO3HUMUM Npoctok rmiarom BelicTBMa WIM CocTOsHMA / Kay3aTHBHbIit WIM cbaKTHTMBHbIM Paro Toro x*e KopHa. Hanpumep: bégti ‘Oexate’ / béginti ‘3actaBiATb 6exKaTb (WIEMTb MOJIOKO)’, ésti ‘ecTb (o 2MBOTHEIX)’ / édinti “KOpMMTb (XKMBOTHBIX)’, siliti ‘utp’ / sitidinti ‘orqaBaTb wImMTb, faire coudre’, kisti ‘menatecs’ / keisti ‘MeHatb’. STOMy THITy MpOTHBOMOCTaBIeHHH OTBeYaeT MpOLYKTHBHAaA rpaMMaTHyecKad OMMO3MUMA «MATKOe» TepexOqHOe cripskKeHHe / «TBepoe» HellepexoqHoe CIps>KeHMe; T.e. THM ja-mpe3seHc é-mpeTepHT MpoOTHB THMa a-lIpeseHc o-mpeTepuT. AHaOrM4HO 3TOMY TipeoOalaioulMMM ONMO3HUHAMH B COBPEMCHHOM PYCCKOM A3bIKe (cp. TaKKe pyre culaBAHCKMe) ABJLAIOTCA BUOBbIe Mapbl T1arOOB, BKOUA Mapbl «criocobos yelicrBusd, Aktionsarten». (...) Bowie coracyoTcsl OCHOBHbI€ OTHOWICHHA B KaTeropHu MepexowHOCTH / HeTlepexXOZHOCTH Hu «ompedeieHHoro» / «HeompesyereHHoro» Buga. TleppwuHble MpoTMBOMOCTaBIeHHble Mapbl MipeAcTaBIAIOT ONHO M TO Xe WelicTBMe C ABYX pa3sIMYHBIX TOUeK 3peHHa (...). B 970i MBOMCTBEHHOCTH TOYeK 3peHHA Ha OJHO M TO Xe MelicTBHe (XOTA CAaMH TOUKM 3peCHHA pa3sIM4HBl) COCTOHT OOMIHOCTb CHAaBAHCKOM M OaTHHCKOM CHCTeM M OCHOBaHHe eAMHCTBAa MX MpOTOTHMa «BAL — WMate3a». (...) HapaliMBaeTca MpeawnonoxeHHe, uTO GanTHiicKMe MpOTHBOMOCTAaBIeCHUA WHaTe3 H CylaBAHCKHe MPOTHBOMOCTaBeHHA BAOB BOSHHKaIOT M3 OLHOFO M TOO X%Ke MCTOUHHKa — V3 HEKOTOPbIX MOCTOAHHBIX KOppesIALMit MEY BHOM M AMaTe3oii, CyIeCTBOBaBLUMX B MpoTo-GaToCylaBAHCKOM HM COCTABIABIUMX TaM 9JIEMeHTbI JOCTaTOYHO yCTOHYMBON CHCTeMbI «BU — WMaTesa».* (Stepanov 1978a: 335-337; Sperrung vom Autor selbst, BW). 86 | BJORN WIEMER Was nun die Bildung von Clustern aktionaler und diathesebezogener Merkmale angeht, so prazisiert Stepanov leider nicht, ob die jeweiligen Arten der Stammveranderung das aktionale und das diathesebezogene Verhalten gleichzeitig und en gros beriihren oder von Verbtyp zu Verbtyp (oder von einer lexikalischen Gruppe zur anderen) einmal nur eine aktionale Modifikation hervorrufen, ein anderes Mal nur eine Veranderung der Diathesestruktur. Seine Beispielreihen demonstrieren sowohl das eine wie das andere. Und sie widersprechen sich zum Teil auch, indem nicht immer klar wird, welcher Art die Affinitaten zwischen aktionalen und diathesebezogenen Merkmalen es sind, die zu Clusterbildungen fihren. So tritt z.B. das oben schon erwahnte st-Suffix nicht ausschlieBlich in intransitiven Prasensstammen auf, sondern Stepanov (1976: 409) sieht in ihm auch einen Trager einer ingressiven Funktion (,,HaaMHaTesbHOCTE* ), was eigentlich einen perfektivierenden Effekt mit sich bringen mite. Diese Behauptung stellt er anhand des modernen Litauischen auf®. Er stellt sich dabei jedoch nicht die Frage, ob (a) eine ingressive Komponente nicht einfach ein Resultat der Interaktion mit dem lexikalischen aktionalen Default darstellen konnte (vgl. etwa bei ding-st-a ‘verschwindet’) und (b) ob die heutige Situation ohne weiteres auf das vorhistorische (oder jedenfalls frithere) Baltische projiziert werden kann. Es ergibt sich noch ein anderes Problem: wie ist der behauptete perfektivierende Effekt mit der andernorts von Stepanov vertretenen Ansicht zu vereinen, daB Prasensstémme in friihen Phasen vornehmlich mit Progressivitat korrelierten’ ? Als weiteres Bedenken kommt hinzu, daB -stdamit in Opposition zur Stammerweiterung durch *é (> aks. é, lit. é) gebracht wird, welches sehr haufig nur eine aktionale Modifikation, namlich ,,Progressivierung“ nach sich zog, sich aber hinsichtlich der Diathese-Eigenschaften des Stamms neutral verhielt (d.i. es ist sowohl fiir transitive wie fiir intransitive Stamme nachgewiesen). Sowohl die *é-Suffigierung als auch die Suffigierung durch {st} zahlt Stang (1943: 118, 132) zu den relativ spaten Verfahren. Wenn dem so ist und *é nur zu einer aktionalen Modifikation des Stamms fiihrte, lage es damit quer zu dem von Stepanov postulierten diachronen Trend; dieser geht ja seiner Ansicht nach im Baltischen zur Seite der Diathese (s.o.). Zu *é-Erweiterungen treten dann auch intransitive Verben mit nasalem Prasensstamm in aktionale Opposition, indem das Verb mit *é-Suffix Situationsphase (iii), das Verb mit Nasal Situationsphase (i) oder (ii) aus dem obigen Dreiphasen-Modell bezeichnet, die Diathese aber unangetastet lassen; dies liefe notabene darauf hinaus, daB *é als Marker der Aterminativitat zu einer terminativen Wurzel (Stamm) getreten ware. Solche von Stepanov postulierten ,,Paare“ sind gar nicht einmal so selten; vgl. dazu die folgenden reprasentativen Gegentiberstellungen® (mehr dazu in Schmid 1963: 60ff.): (4a) bu-n-d-a.3.prs vs. budo.3.PRT (4b) budi / bud-é-ja.3.pRs vs. bud-é-jo.3.PRT zu bus-ti (< *bud-ti) ‘aufwachen’. zu bud-é-ti ‘wach sein’. : Sie findet sich auch schon bei Stang (1943: 131). , Vgl. etwa Stepanov (1989: 180, 186) selbst oder auch Kazlauskas (1968: 289). 8 Diese Fille demonstrieren nicht nur einen Unterschied in der Phasigkeit, sondern auch eine lexikalische Unterscheidung hinsichtlich der Terminativitat: Verben wie in den (a)-Satzen prasupponieren in der Regel einen terminativen Verlauf (= Phase (i)) oder ein Ereignis (= Phase (ii)), diejenigen in den (b)-Satzen dagegen nicht, da sie auf Stepanovs Phase (iii) fokussieren. REKONSTRUKTION GRAMMATISCHER KERNBEREICHE | 87 (5a) Svi-n-ta.3.PRS vs. Svit-0.3.PRT (Sb) Svit-i / Svit-é-ja.3.PRS VS. Svit-é-jo.3.PRT zu Svis-ti ‘dammern,hell/Tag werden’. zu Svit-é-ti ‘hell leuchten, schimmern’. (6a) kru-n-t-a.3.PRs vs. krut-o.3.PRT (6b) krut-a.3.prs vs. krut-é-jo.3.PRT zu krus-ti ‘in Bewegung geraten’. zu krut-é-ti ‘sich bewegen, riitteln, zappeln’. Etwas anders geartet ist das nachste Beispiel: einerseits wird die Transitivierung von Stammen im Baltischen an die *é-Erweiterung ide. Stamme gekniipft, welche im Litauischen das Prateritum mit palatalem Stammauslaut ergeben haben soll (in der 3. Pers. auf -é wie etwa bei pies-ti ‘zeichnen, malen’: pies-é ‘er/sie zeichnete, malte’); diesem tritt das Prateritum ohne Stammerweichung (in der 3. Pers. auf -o) gegentiber (wie etwa bei bég-ti ‘laufen’, bég-o ‘er/sie lief’). Auch im Slavischen seien dieselben Stamme auf eine solche Weise transitiviert worden (vgl. aks. pas-a-ti ‘schreiben’ => pis-e-te ‘er/sie schreibt’). In beiden Fallen seien diese mit dem sog. ,,indeterminierten Aspekt“ (,,HeompeyesIeHHbIi BUT“) assoziiert gewesen (Stepanov 1976: 409), und damit potentielle Vorlaufer eines ipf. Aspekts (zu dieser Frage s.u.). Nun wird aber an anderen Stellen die Transitivierung mit Perfektivierung, verstanden als die Setzung einer immanenten Grenze (also Terminativierung), assoziiert (vgl. u.a. Stepanov 1977: 145ff. selbst). Dies ist auch das, was man erwarten wirde und sich typologisch durchgangig bestatigt (vgl. etwa Bybee, Dahl 1989). Ein weiteres Beispiel: die morphologische Opposition von iund a-Stammen in spateren slavischen Aspektpaaren wie russ. ocmaeumb / ocmaeaamp ‘(da)lassen’ soll auf eine Opposition von Kausativ (i-Stamm) und Iterativ (oder Durativ, a-Stamm) zuriickgehen. Stepanov verallgemeinert daraufhin, daB es im ,,Proto-Balto-Slavischen“ eine ClusterKorrelation von ‘intransitiver Stamm + indeterminierter Aspekt + Iterativ’ vs. ‘transitiver Stamm + determinierter Aspekt + Kausativ’ gegeben habe (Stepanov 1977: 149). Hiermit widerspricht er jedoch sich selbst, s. bereits oben zur Erweiterung ide. athematischer Stamme. Denn die i-Erweiterung ist im Baltischen (und nicht nur dort; vgl. Stepanov 1978a: 359f. selbst) zugleich Grundlage sowohl fiir Kausativwie fiir Iterativbildungen (im weiten Sinne, d.i. inklusive Intensiva und Frequentativa) gewesen; vel. etwa lit. ly-dyti ‘(in einer Form) gieBen’ als Kausativbildung zu /y-ti ‘gieBen, regnen’ (s. auch Bsp. 3) gegentiber graib-y-ti ‘(hastig) um sich greifen’ als Iterativum zu grieb-ti ‘ergreifen’. Zudem existieren *i-stammige Iterativ-Bildungen auch von intransitiven Verben; vel. z.B. Svisti ‘leuchten.INTR’ => Svaityti ‘fechten’ (altlit.), bristi ‘waten’ = braidyti ‘1. immer wieder hervorkommen (z.B. Sonne hinter den Wolken), 2. watend kleinkneten’. Aus solchen Vergleichen ergeben sich Widerspriiche, die darin begriindet sind, daB die von Stepanov als diachroner Ausgangspunkt genommenen funktionalen Cluster sich in verschiedener Weise auflésen und die beteiligten Merkmale dann in verschiedenen Perioden wieder unterschiedlich zusammentreten k6nnen. So kann es eben kommen, daB Kausativ und Iterativ/Intensiv in einer friiheren Periode einen Cluster bildeten, zu 9 Vgl. das Zitat in Fn. 5. Diese Ansicht vertrat im tibrigen bereits Stang (1943: 82f.). Eine tibersichtliche Analyse zur Verteilung von é/o im litauischen Prateritum liefert Schmid (1966). Bedenken meldet freilich Michelini an, wenn er zum Schlu8 kommt, ,,da8 morphologische Einheiten verschiedenen Ursprungs im Suffix -éder baltischen Praterita zusammengeflossen sind“ und ,,in den meisten Fallen (...) -éauf *i@ zuriickzufiihren* sei (Michelini 1990: 845). 88 | BJORN WIEMER spaterer Zeit aber voneinander getrennt waren und dadurch miteinander in Opposition treten konnten. Die Gegeniiberstellung der oben zitierten iund a-Stamme im Slavischen ist indes bereits ein vergleichsweise spates Entwicklungsprodukt. DaB dagegen im Litauischen i-Stamme sowohl fiir Kausativa wie fiir Iterativa verwendet wurden, kann auf zwei Weisen gedeutet werden: entweder entstanden beide Arten von Verben auf einer friheren Stufe, als diese Funktionen noch ,,gepaart“ waren, und stellten dann verschiedene ,,Auflésungen“ des Clusters dar; oder sie entstanden in verschiedenen Perioden, als Kausativitat und Iterativitat keine Cluster (mehr) bildeten. Stepanov bringt die von ihm detailliert besprochenen morphologischen Oppositionen zwar zum Teil in eine grobe zeitliche Reihenfolge (s. die Aufstellung im Anhang), doch verzahnten sich offenbar die Perioden, in denen sie jeweils produktiv waren, so daf es zu einer oft sehr undurchsichtigen Verflechtung verschiedener Schichten und der mit ihnen verbundenen Funktionen kam. Ein offenes Problem stellt also die chronologische Abfolge der verschiedenen morphologischen Oppositionstypen und die Lange ihrer Uberlappung in realer Zeit dar’. Ein damit zusammenhangendes, von Stepanov nicht angesprochenes Problem liegt in der Frage nach analogischen Ausgleichen, welche ein reines Bild der konsequenten Abfolge der Schichten bei den Stammveranderungen triiben. Um nun eine wahre Materialschlacht zu vermeiden, verzichte ich hier auf eine Beispieldiskussion zu diesem Thema. Man k6nnte bei einer aufmerksamen Lektiire der Arbeiten Stepanovs entsprechende Falle zusammenstellen, und das heutige Litauische zeigt gerade bei den im Prasens nasal-infigierten Verben und bei den Weiterbildungen der *i-Stamme (d.i. -(d)inund -(d)y-) ein sehr buntgeschecktes Bild, da gerade diese Affixe sowohl aktionale wie auch diathesebezogene Modifikationen nach sich ziehen. Weiter waren einige Anmerkungen zu Stepanovs Begriffsapparat und seinem darauf aufbauenden Vorgehen am Platz. Hier ist zu betonen, daB Stepanov keine Aussagen zu dem Grammatikalisierungsgrad der jeweiligen Affigierungsverfahren macht (und dies auch nicht eigentlich seine Absicht war). Man kann jedoch indirekt erschlieBen, daf ihre Produktivitat und die RegelmaBigkeit der Bildung im jeweiligen funktionalen Bereich (Diathese oder Aktionalitat) den Ausschlag fiir eine Stufung des Grammatikalisierungsgrades darstellen kénnte, wenn man einen solchen bestimmen wollte. Wichtiger ist aber der Umstand, da8 Stepanov Aspekt (Buz) und lexikalische Modifikationen wie die Aktionsarten (cnoco6pi ”evtcTBus), die u.a. eine aktionale (und damit aspektrelevante) Veranderung der Bedeutung hervorrufen, relativ undifferenziert unter eine globale Kategorie der Aktionalitat (acmekryambHoctTs) reiht. Sein dreiphasiges Modell versteht er demgeméaB als eine schematische Darstellung von AsPEKTtypen, obwohl es tatsachlich per se erst einmal nur einen Ausschnitt aspektsensitiver LExik reprasentiert (s.o.). In ahnlicher Weise betrachtet Stepanov das genus verbi und das Passiv (zusammengefaBt als ‘sanor’) in einem Atemzug mit Veranderungen der lexikalischen Diathese (d.i. der Argumentstruktur) unter der einen Kategorie der ‘sanorosocty’. Dies ist legitim, sofern es, wie © Vor allem in Stepanov (1977) wird nicht deutlich, wie seine synchrone Klassifizierung der Transitivitats-Typen und das aktionale Dreiphasen-Modell sich zu der Abfolge der morphologischen Oppositionen verhalt. REKONSTRUKTION GRAMMATISCHER KERNBEREICHE | 89 Stepanov bekundet, primar um den Aufweis der systematischen konzeptuellen Beziehungen zwischen grammatischen Kategorien wie Aspekt oder Passiv und den sie motivierenden funktionalen (konzeptuellen) Bereichen geht. Eine gemeinsame Betrachtung wird aber dann prekar, wenn man damit den Statusunterschied der involvierten kategorialen Oppositionen (eher grammatisch vs. eher lexikalisch) verwischt oder ihn gar fiir irrelevant erklart. Stepanov ist sich dieses Umstands im Grunde bewuBt, zumindest im Bereich der Diathese. Denn er verweist zum einen darauf, daf eine Affigierung, die etwa explizit transitive Stamme markiert (d.i. aus intransitiven oder diathesemafBig labilen Stammen ableitet), auch dazu fiihrt, da dem derivierenden und dem derivierten Stamm (Verb) jeweils verschiedene lexikalische Explikationen zukommen (vgl. u.a. Stepanov 1977: 140). Ebenso ist er des Umstands gewahr, daf ein und dieselbe Affigierungstechnik einmal eine rein syntaktische Funktion (Markierung des Passivs), ein anderes Mal eine lexikalisch derivierende Funktion haben kann (z.B. Bildung von dekausativen Verben); so etwa das schon gelaufige Beispiel des russischen Postfixes {sja} (Stepanov 1978a: 339). Und schlieBlich zeigt er an derselben Stelle, daB die Opposition Aktiv vs. Passiv und eine Opposition lexikalischer Diathese-Unterscheidungen ganz unterschiedliche, zum Teil sogar unvereinbare Folgen fir die Interpretation des gemeinten Sachverhalts nach sich ziehen k6nnen. So 1aBt sich dem Aktiv-Satz (7a) der denotativ aquivalente (d.i. synonyme) Passiv-Satz (7b) gegeniiberstellen: (Ja) Jla6opanm pacmanaueaem eewecmeo “Der Laborassistent bringt die Substanz zum Schmelzen’. (7b) Bewecméo pacmanaueaemca (aabopanmom) ‘Die Substanz wird (vom Laborassistenten) zum Schmelzen gebracht’. Aus keinem der beiden Satze ergibt sich zwingend, daB die bearbeitete Substanz tatsachlich auch schmilzt. Genau das aber wird bezeichnet (asseriert), wenn man dem transitiven Verb pacmanaueame ‘schmelzen lassen, zum Schmelzen bringen’ sein intransitives lexikalisches Aquivalent maamp ‘schmelzen.inTR’ gegeniiberstellt; vgl.: (8) Bewecmeo maem. ‘Die Substanz schmilzt’, d.i. hinsichtlich der terminativen Komponente impliziert (7b) nicht notwendig (8). Umgekehrt impliziert (8) nicht (7b), wenn es um die Agens-Prasupposition geht: nur (7b) setzt einen externen Verursacher voraus (genau diese Komponente macht 7b zu einer denotativen Periphrase von 7a), (8) dagegen schlie8t ihn aus. Dasselbe gilt prinzipiell auch fiir das Litauische, in dem diese Opposition aber immer noch sehr regelmaBig (wenn auch nicht mehr produktiv) durch das Verhiltnis zwischen einfachem und erweitertem Stamm zum Ausdruck gebracht wird; vgl. Krosnis kaista ‘Der Kamin wird hei’ => Seimininkas kaitina krosnj ‘Der Hausherr heizt den Kamin an/ein’. Stepanov periphrasierend kann man daraus den SchluB ziehen, daf bei einer lexikalischen Diathese-Opposition der Art, wie sie im Rahmen der sog. ‘inchoative—causative alterna- 96 | BJORN WIEMER Wie lautet also die These, zu deren Firsprechern auch Schmalstieg zahlt? Sofern es ein Aktiv:Inaktiv-System gegeben hat, soll es einem Ergativsystem vorausgegangen sein”. Ferner wird die Unterscheidung zwischen Stammen der aktiven vs. inaktiven Klassen als Grundlage fiir das Aufkommen sowohl einer Genus-Opposition nach ‘genus commune’ vs. ‘genus neutrum’ als auch fiir die Dichotomie von Aorist/Prasensvs. Perfektstammen” betrachtet. Wenn die Grundlage fiir diese bereits 4uBerst alten (um ca. 2000 v. Chr.) morphologischen Unterscheidungen das postulierte Aktiv:Inaktiv-System dargestellt haben soll, dann erkennt man allein hieran schon, wie weit zuriick in der Zeit das letztere bestanden haben miiBte. Ferner soll die aktive Klasse die Grundlage fiir den Ergativ und dieser wiederum fiir den Nominativ ausgemacht haben sowie, komplementar dazu, die inaktive Klasse die Grundlage fiir den ‘casus indefinitus’ (= Absolutiv) und dieser seinerseits fiir den Akkusativ (s.u.). Nach dieser Hypothese ergabe sich damit die folgende Abfolge der Alignment-Systeme: Aktiv:Inaktiv > Erg:Abs (‘indefinitus’) > Nom:Akk (vgl. Schmidt 1980: 103; 1983: 9f.); vgl. jedoch Dixon (1994: 185f., Fn. 2) fiir eine Kritik an dieser Abfolge. Konzentrieren wollen wir uns nun auf die Diskussion um ergative Syntax bzw. vermeintliche Reste eines aus ide. Vorgangeridiomen tibernommenen Ergativsystems. Ich méchte dazu betonen, dai mit ‘Ergativform’ 0.4. nicht einfach eine haufige Kennzeichnung des Agens in einem obliquen Kasus oder einer PP gemeint sein kann” . Eine solche Gleichsetzung hat auch in der slavistischen Literatur mitunter zu Missverstandnissen gefiihrt, wenn einige Autoren von ,,ergativer Syntax (Konstruktion etc.)“ reden. Konfusion entsteht, weil hierbei nicht beachtet wird, daB ein morphosyntaktisch markierter Ausdruck des ranghéchsten Arguments per se noch nicht ein Ergativschema begriindet. Zum einen muB namlich dieses Argument im Satz einem komplementaren Argument gegeniiberstehen (welches dem Absolutiv entsprache), und zum anderen muB im Gegensatz zum Passiv die oblique Markierung des ranghéchsten Arguments als das morphosyntaktisch unmarkierte Muster qualifiziert werden kénnen. Darauf komme ich gleich zuriick. Fir das Baltische, speziell das Litauische ist von Ergativsyntax im Zusammenhang mit Satzen vom Typ (9) Cia Zmoni-y gyven-t-a / gyvena-m-a hier Mensch.GEN.PL leben.PTC.NEUT ‘Hier haben (wohl) Menschen gewohnt / wohnen (wohl) Menschen’. (10) Sen-y misk-ai myle-t-a alte.GEN.PL Wald.NoM.PL lieben.pTC.NEUT ‘Von den Alten wurden die Walder geliebt’ die Rede gewesen. An solchen Satzen fallt auf, daB (a) das pradikative Partizip mit keiner 2 Vegi. dazu die sehr kritische Besprechung von Stepanov (1989) durch Krasuchin (1990, insbes. S. 73 und 78) und neuerdings auch Comrie (2001: 24-27). Zu diesen und deren Verkoppelung mit dem Medium vgl. insbesondere Stepanov (1989: 24ff.); s. Abschnitt 1. % So versteht es z.B. Rosén (1979: 165). B REKONSTRUKTION GRAMMATISCHER KERNBEREICHE | 97 NP kongruiert, obwohl eine nominativische NP stehen kann (s. Bsp. 10), und daB (b) das jeweils ranghoéchste (u.U. einzige) Argument des das Partizip derivierenden Verbs im Genitiv ausgedriickt wird. Zur Entstehung dieser Konstruktion gibt es mindestens zwei Hypothesen, von denen die eine auf der Annahme einer vorhistorischen Ergativsyntax basiert. Der Hauptverfechter dieser Hypothese ist nun Schmalstieg (1982; 1988; 1993; 1994), und ich werde sie deshalb kurz ‘Ergativ-’ oder ‘Schmalstieg-Hypothese’ nennen®. Schmalstieg erkennt die etymologische Verwandtschaft zwischen dem *fo-Suffix des tPartizips und der 3. Pers. Sg. des ide. Mediumaorists (z.B. im Vedischen und Griechischen)**. AuBer dieser Vorannahme geht er davon aus, daf es im friihen Ide. keine Kongruenz zwischen Satzgliedern gegeben habe, daB keine Transitivitats-Opposition existiert habe und dementsprechend Stamme hinsichtlich der Diathese indifferent (bzw. diffus) gewesen seien. Deshalb seien Satze der Art wie (10) auch in diachroner Analogie zu anderen nominalen Satzen zu sehen (Schmalstieg 1982: 132f.); vgl. etwa (11) Més-a sveik-a valgy-ti Fleisch.NoM.sG.F gesund.NEUT essen.INF ‘Fleisch zu essen ist gesund’. Dies entsprache jedoch einem neutralen Alignment, da sich weder hinsichtlich des Merkmals [+ aktiv] noch bei der Unterscheidung [+ transitiv] ein klares Muster der Kasuswahl oder der Kennzeichnung von Kongruenz erkennen laBt (vgl. dazu Plank 1995: 1185). SchlieBlich gab es beides — auch Schmalstiegs Uberlegung zufolge — am Anfang ja noch nicht. Nun sei beim Aufkommen der Transitivitats-Unterscheidung, welche sich auch in Form von Kasusmarkierungen manifestierte, in intransitiven Satzmustern der urspriingliche ‘indefinite Kasus’ zuerst zum Absolutiv, dann zum Nominativ umfunktioniert worden, wahrend bei transitiven Pradikaten fiir das ranghéchste Argument ein spezieller Kasus verwendet worden sei. Auf diese Weise sei zunachst ein Ergativ-Muster entstanden. Der ehemalige Ergativ-Kasus habe sich dann zum heutigen Genitiv gewandelt”” (Schmalstieg 1982: 121). Nun ist zwar die Entwicklung eines Ergativ-Musters aus einem neutralen Alignment aufgrund transitiver Satztypen typologisch durchaus belegt (Plank 1995: 1194). Zum einstigen ide. Ergativ lasst sich jedoch eher vermuten, da8 dieser durch Expansion auf Argumente intransitiver Pradikate zum Nominativ reinterpretiert worden ist; diese RB Andere Anhanger dieser These waren Marvan (1973) und Palmaitis (1977). Diese Annahme stiitzt sich auf Hirts Studien zur ide. Syntax; vgl. Schmalstieg (1988: 36f.). Schmalstieg (1982: 121) nimmt hier rekonstruierte Satze an wie *patér bhr-t6 vir-os ~ ‘Vater getragen des Mannes / durch den Mann’ mit pater als urspriinglichem Indefinitkasus, bhrto als Verbalnomen und viros als ergativisch zu verstehendem Kasus (spater Genitiv). Leider gibt er nicht an, woher diese Rekonstruktion stammt und wie gesichert sie durch historisch-vergleichende Daten ist. Ahnlich wenig gesichert ist seine Behauptung, da der Genitiv in Satzen wie lit. Kambarys. NOM.SG pribégo vandens.GEN.sG ‘Das Zimmer lief mit Wasser voll’, Zemé.NOM.SG primirko lietaus.GEN.SG ‘Die Erde sog sich mit Regen voll’ auf einen Ergativ zuriickgehe (Schmalstieg 1984). Heute wird hier der Genitiv zur Angabe einer gewissen Menge einer Substanz bei zweistelligen, aber intransitiven Verben verwendet (s. die gerade zitierten Beispiele). Ein solcher ,,ergativischer Zusatz* zu intransitiven Satzen ware logischerweise nur fiir die Zeit denkbar, als es noch keine einigermaBen deutliche Transitivitats-Opposition gab (s. dazu auch Stepanovs Hypothesen in Abschnitt 1). &8 98 | BJORN WIEMER Entwicklung findet u.a. in kaukasischen Sprachen Parallelen (vgl. Schmidt 1980: 103f.). Somit stellt sich die Frage, ob es sich bei Satzen vom Typ (9-10), welche Ziel der Erklarung Schmalstiegs sind, wirklich um ein ergatives Alignment handelt. Dazu sofort mehr. Die Schmalstieg-Hypothese setzt indes noch mehr voraus. So muB es bei der urspriinglich anzunehmenden Juxtaposition der Satzglieder ein Modell gegeben haben, in welchem der Nominativ (bzw., fiir Schmalstieg, der Absolutiv) neben einem nicht kongruierenden tPartizip (bzw. Verbalnomen) intransitiver Stamme gestanden hatte; dies entsprache im Litauischen einer Struktur wie (12) *tév-as gulé-t-a** Vater.NOM liegen.PTC.NEUT = ‘Vater gelegen’ = ‘Der Vater lag’. Ferner setzt diese Hypothese wegen der fiir das friihe Ide. angenommenen fehlenden Subjekt-Objekt-Unterscheidung auch voraus, daB Formen wie pasnig-t-a ‘geschneit’, palyt-a ‘geregnet’, d.i. von nullstelligen Verben (pasnigti ‘schneien’, palyti ‘regnen’), zu den urspriinglichen Partizipien gehort haben (Schmalstieg 1982: 119), nicht aber dai diese erst spater durch lexikalische Expansion eines morphologischen Markierungsmusters entstanden waren. Damit im Zusammenhang miiBte auch das kongruenzlose Satzmuster aus (10) diachron vor einem kongruierenden (dem Passiv entsprechenden) Muster (10’) Sen-y misk-ai myle-t-i alte.GEN.PL Wald.NoM.PL.M_ lieben.PTC.NOM.PL.M ‘Von den Alten wurden die Walder geliebt’ existiert haben (Schmalstieg 1982: 119f.). Den Versuch einer glaubwiirdigen Rekonstruktion, welche diese Annahme stiitzen wiirde, unternimmt Schmalstieg allerdings nicht (genauso wenig tun dies im tibrigen Matthews 1955 oder Ambrazas, die sich in diesem Punkt mit Schmalstieg decken; zu Ambrazas s.u.). Abgesehen davon wire es fiir seine Hypothese eine entscheidende Frage, in welcher (vorhistorischen) chronologischen Relation sich der von ihm postulierte Kasuswandel und die Entstehung des *to-Formans befinden (vgl. Ambrazas 1994: 9). Auch darauf antwortet Schmalstieg nicht. Uber das *to-Formans kénnen wir mit einiger Sicherheit sagen, daf es sich im Baltischen (und Slavischen) relativ spat, woméglich gar erst mit Einsetzen der Schriftlichkeit (beim Baltischen also erst in den letzten 300-400 Jahre), diathesemaBig konturiert hat, d.i. eine klare Festlegung auf eines der Argumente des ableitenden Verbs erfolgt ist” . Die 2% Dies illustriert intransitive Stamme mit einem inaktiven Argument. Da Ergativsyntax aber nicht zwischen aktiven und inaktiven Pradikaten unterscheidet, miBten hypothetisch auch Satze wie *Tévas.NOM.SG.M eita.NEUT ~ ‘Vater gegangen’ bestanden haben (vgl. die Besprechung in Ambrazas 1994: 8). ® — Der Vorgang der Konturierung besteht in der Auflésung eines unterdeterminierten (= diffusen) Prototyps; dieser kann durch ein ‘gram’ (im Sinne von Bybee, Dahl 1989) reprasentiert sein. Vor der Auflésung (Konturierung) existiert aus logischer Sicht zwischen den Varianten des Prototyps eine ‘und/oder’-Relation, welche nur unter Einwirkung des Kontexts entschieden (oder auch offen gelassen) werden kann. Einen typischen Fall eines diffusen (d.i. nur durch den Kontext konturierbaren) REKONSTRUKTION GRAMMATISCHER KERNBEREICHE | 99 morphologischen Kasus ide. Sprachen sind dagegen bekanntlich viel alterer Herkunft. Uber die Rolle morphologischer Kasus bei einem Wandel von einem Ergativzu einem Akkusativsystem kann aus typologischer Sicht so viel gesagt werden, daB ein solcher Wandel in der Ausweitung der Anwendung des anfanglichen Ergativ-Kasus (nur verwendet zur Markierung des ranghéchsten Arguments transitiver Pradikate!) auf Argumente intransitiver Pradikate besteht. Durch eine solche Expansion hért der Ergativ auf, ein Ergativ zu sein, und wird zu dem, was gemeinhin als ‘Nominativ’ bezeichnet wird. Es findet also vor allem eine Umkehrung der Markiertheitsverhaltnisse im Alignment statt® . Und genau das tritt ja im obigen Fall (9-10) nicht ein: der Genitiv bleibt ein obliquer Kasus, das Satzmuster in (9-10) bleibt ,,non-basic“ auf dem Hintergrund einer ansonsten akkusativischen Syntax’'. Man beachte auBerdem, daf sich Schmalstiegs Rekonstruktion prima facie nur auf kongruenzlose Konstruktionen mit t-Partizipien bezieht. Will man erklaren, weshalb auch m-Partizipien in inkongruenten Satzmustern des Typs (10-11) vorkommen, muB man notgedrungen annehmen, da nach dem Muster von “fo eine sehr durchgreifende Analogie stattgefunden habe* , und man miiBte diese Analogie auf andere relevante Vorgange in der diachronen Chronologie der Alignment-Systeme und beteiligter grammatischer Erscheinungen bezichen. Ebenso miiBte die inkongruente Verwendung der heute genusneutralen t-Partizipien von intransitiven Verben (wie in Bsp. 9) durch Analogie erklart werden. Denn Schmalstiegs These beruht ja darauf, daB zuerst nur in transitiven Satzmustern ein Ergativ-Kasus entstanden sei. Aber wieder: selbst wenn nun durch Analogie dieser Kasus auch zur Kennzeichnung des einzigen Arguments intransitiver Pradikate verwendet worden ware, hatte eine solche Analogie zu einem Markierungsmuster gefiihrt, welches gerade nicht als Ergativ-, sondern als Akkusativ-Alignment zu klassifizieren ware*. Vgl. (9-10): dort steht das einzige Argument des intransitiven Verbs gyventi Morphenss stellt im Litauischen das Pronomen kas ,wer und/oder was’ dar. Zum Begriff der Konturierung vg]. Lehmann (1996; 1999: 234), Wiemer (2001: 47ff.). Zur Diathese-Ausrichtung dieses und vergleichbarer deverbaler Formantes vgl. Wiemer (2004: 288-293) mit den einschlagigen Literaturangaben. Vgl. Plank (1995: 1186f., 1991), der in einem Wechsel des Alignment u.a. ,,consequences of revaluations of non-basic constructions as basic and vice versa“ sieht, sowie auch Dixon (1994: 182-206, passim). 3| Nur als Kuriosum sei noch folgendes vermerkt: Schmalstieg (1982: 122) spricht entgegen seiner eigenen Hypothese — die ja den Ergativ zum Genitiv werden 1a$t — noch den Standpunkt anderer Verfechter der These von einer ergativischen Vergangenheit des Ide. an, wonach nicht der Genitiv, sondern der Nominativ als Nachfolger des Ergativs anzusehen ware (dies entsprache der gerade dargelegten, typologisch belegten Entwicklungsfolge). Diese Annahme sieht Schmalstieg als completely unnecessary“ an (in Schmalstieg 1993: 41 freilich zieht er sie schlieBlich wieder in Erwagung!). Seine Erklarung endet dann aber in einem Akkusativsystem — ohne die ,,Zwischenstufe* des Ergativsystems. Man kann sich bei einer solchen Argumentationsweise nicht des Eindrucks erwehren, daB es sich um inkoharente ad hoc-Versuche handelt. 8 Dasselbe betrafe slavische n-Partizipien, sofern deren inkongruente Satzmuster genauso mit Strukturen wie in (10-11) in Zusammenhang gebracht werden kénnen. Deshalb hat Stepanov (1978b: 348) darauf hingewiesen, daB die komplementare morphonologische Verteilung von nund t-Suffix letztlich gegen eine Hypothese wie der Schmalstiegs spreche. Dies unterscheidet den litauischen Fall gerade vom oft zu Vergleichszwecken angefiihrten Indoiranischen (vgl. Christen 1998: 58). Zu den grundlegenden Markierungsmustern vgl. auch Comrie (1975: 114f.). DemgemaB stiinde das sich aus Bsp. (9-10) ergebende Kasus-Muster einem Antiergativ-System nahe, wie man es z.B. im modernen Finnischen vorfindet. 100 | BJORN WIEMER ‘leben’ (Zmoniy) in demselben Kasus wie das ranghéchste Argument des transitiven Verbs myléti ‘lieben’ (seny); syntaktisch entspricht dies einem Akkusativ-Pattern, in welchem freilich die morphologische Markierungsrelation ,,vertauscht“ ware. Weder dies jedoch noch eine ide. Vorstufe mit Juxtaposition der Art *tév-as.NOM.SG.M dirb-t-a / gulé-t-a.NEUT kann auf irgendeine Weise glaubhaft rekonstruiert werden (Ambrazas 1990: 213). SchlieBlich impliziert die Schmalstieg-Hypothese, daB das heutige Passiv und das Subjekt-Impersonal im Litauischen (mit den genusneutralen ta/ma-Partizipien) sich aus einem Ergativsystem entwickelt hatten. Dies ware damit allerdings der in der Typologie bislang einzige Fall, in dem ein Passivaus einem Ergativsystem entstanden ware. Es sind namlich ansonsten unter realen (nicht rekonstruierten) Fallen nur solche bekannt, in denen ein Passivzu einem Ergativmarker umfunktioniert worden ist (vgl. Estival/Myhill 1988 sowie #1142 aus dem Konstanzer ,,Universals Archive“). Einen nur zum Teil gegensatzlichen Standpunkt zu Schmalstiegs Annahmen hatte bereits Stepanov (1978a: 355ff.; 1978b: 348f.) vertreten, indem er die Entstehung der Satztypen (9-10) nicht unter der Annahme einer ergativischen Kasusmarkierung besprach, sondern implizit an ein Aktiv:Inaktiv-Alignment kniipfte, welches auch seiner Ansicht nach die Vorstufen des Baltischen und Slavischen (er spricht von ,,Proto-BaltoSlavisch“) vom friihen Ide. tibernommen haben sollen. Demnach ware die oblique Markierung des Arguments in (9) als urspriinglich anzusehen, weil ein animater Referent in einer fir ihn ,,untypischen“ Rolle, namlich inaktiv, erschien; demgem4® sei er auch morphologisch und syntaktisch (in Form fehlender Kongruenz) markiert worden. Zum anderen sieht Stepanov in Satzen vom Typ (9) eine Verbindung zu dem im Baltischen und Slavischen untergegangenen ide. Perfekt. Dieses gilt allgemein als eine Zustandskategorie (und wird u.a. deshalb mit dem Medium in Zusammenhang gebracht bzw. bildete mit diesem Form:Funktions-Cluster). Nach dem Untergang des Perfekts im Baltischen und Slavischen sei in diesen gewissermaBen eine leere Systemstelle entstanden, welche, so Stepanov, durchinfinite Formen des Verbs und obliquer Argument-Markierung aufgefangen worden sei*. Die Ausbildung eines analytischen Passivs sei damit diachron sekundar gewesen gegeniiber der ,,perfektischen“ (besser wohl: statischen) Semantik des Satztyps (9). Gegen diese These ist einzuwenden, daB sie genauso wie diejenige Schmalstiegs Fragen nach der Verifizierbarkeit der chronologischen Abfolge aufwirft: in welcher zeitlichen Relation stehen die Funktion als Perfekt, die Funktion im Passiv und die Funktion im (inferentiven) Evidentialis® ? Zudem stellt Stepanov nicht die Frage, ob der Satztyp (9) wirklich einem Stativ entsprach oder nicht eher einem ‘experiential’ (welches der evi- * Dabei stellt er pauschal auch eine direkte Beziehung zu intransitiven Satzen mit nominalem Pradikat und obliquer Argument-Markierung im heutigen Russischen und Litauischen her; so vor allem mit dem Dativ-Experiencer (vgl. russ. Mue xoaoduo, lit. Man Salta ‘Mir ist kalt’) oder einem externen Dativ-Possessor mit dem AkK des rangniedrigsten Arguments wie in russ. (dial.) Mue.DAT Hozy.AKK 6oaexo wortl. ‘Mir ist das Bein.aKkK schmerzlich’ oder lit. Man.pat skauda galvg.AKk wortl. ‘Mir schmerzt den Kopf’. Stepanov tibersieht jedoch, daB viele dieser Satzmuster sich offenbar erst relativ spat, namlich in historischer Zeit ausgebildet haben (vgl. dazu allgemein in Galkina-Fedoruk 1958). * Gerade fiir diese Funktion sind Satze des Typs (9-10) ja im modernen Litauischen gut belegt. REKONSTRUKTION GRAMMATISCHER KERNBEREICHE | 101 dentialen Funktion naherstiinde). Dariiber hinaus griinden sich seine Annahmen (genauso wie die Schmalstiegs) auf Hypothesen tiber einen Wechsel des Alignments, welche ihm aufgrund der typologischen Gegen-Evidenz die Beweislast tiberlassen (s.0.). SchlieBlich beruhen sie auf einer rein systemimmanenten Rekonstruktion, bei welcher mégliche Einfliisse durch Sprachkontakte vollkommen ausgeklammert werden. So kommt es gerade in Schmalstiegs Ausfiihrungen zu vollkommen unndtigen ad hocDeutungen, welche auch durch Fakten, die fiir die Rekonstruktion relevant waren, nicht gedeckt sind. So z.B. dann, wenn er ad libitum Satze des Typs (13) Ant Sakel-iy ant —Zal-iyjy vainik-us kabin-t-a auf ASt.GEN.pL auf griin.GEN.PL Kranz.AKK.PL.M aufhangen.PTC.NEUT ‘Auf den Asten auf den griinen sind (es) Krainze.akk aufgehangt’ interpretiert, in denen das rangniedrigste Argument als Akkusativ-Objekt markiert wird. Schmalstieg (1982: 121f., 129) spekuliert hier, daB das Verb kabinti ‘aufhangen’ erst spater (im Zuge der Transitivitats-Opposition) klar als transitiv umgedeutet worden sei und daB dadurch auch das von ihm gebildete t-Partizip kabinta (heute genusneutral) transitiv (m.a.W.: am ranghéchsten Argument ausgerichtet) verstanden worden sei. Eine solche ,,Erklarung“ ignoriert die Tatsache, dass sich in der diachronen Entwicklung der Partizipien mit t-Formans die Orientierung am rangniedrigsten Argument durchgesetzt hat (s. Fn. 29). Wenn sie in Einzelfallen bei transitiven Basisverben eine Orientierung am ranghéchsten Argument aufweisen und ansonsten auch von intransitiven und gar nullstelligen Verben gebildet werden kénnen (und somit ,,aktivisch“ verwendet werden), so kénnte dies in gr6Berem MaBe als das Ergebnis einer weitreichenden Expansion dieses deverbalen Suffixes auch auf andere als transitive Stamme gesehen werden und in kleinerem MaBe als das Resultat einer syntaktischen Reanalyse (so beim polnischen Impersonal mit dem no/to-Partizip). Ob im Falle litauischer Partizipien auf -ta (ebenso wie auf -ma) von transitiven Verben mit Objekt-Rektion polnischer Einflu8 angenommen werden kann, steht noch offen* . Abgesehen davon aber ist es viel plausibler davon auszugehen, da die Expansion des deverbalen t-Formants nicht von transitiven auf intransitive, sondern eher von intransitiven auf transitive Verbstamme erfolgte — also gerade in der umgekehrten Richtung als die, welcher der Schmalstieg-Hypothese entsprache. Die letztgenannte Annahme rechtfertigen ein paar Argumente, welche Ambrazas (1990: 200-214; 1994; 2004) gegen die Schmalstieg-Hypothese vorgebracht hat. Dabei geht auch er von der Annahme aus, daB der frithe ide. Satzbau in erster Linie durch Juxtaposition nominaler Satzglieder mit nur schwach ausgepragter Wortklassen-Differenzierung gepragt gewesen sei. Der Genitiv in Satzen wie (9-10) gehe allerdings nicht auf einen Ergativ-Kasus zurtick; diesen habe es sehr wahrscheinlich nie gegeben. Vielmehr sei der Genitiv in Satzen vom Typ (9-10) als Fortsetzung eines sehr alten genetivus subiecti anzusehen, wie er auch in anderen alteren ide. Sprachen durchweg bei Verbalnomina * Zu der diachronen Entwicklung des sog. ,,impersonalen“ Passivs im baltisch-slavischen Sprachraum vgl. Wiemer (im Druck 2). 102 | BJORN WIEMER (nomina actionis) beobachtet werden kann*’. Gemaf dieser Rekonstruktion gehen die heutigen genusneutralen ta-Partizipien auf *o-stammige Verbalnomina zuriick, bei denen zuerst Argumente im Nominativ standen, welche mit dem Partizip auf -ta (< *to) nicht kongruierten. Eine solche Struktur sei bis heute im Satzmuster der Art (14) rug-iai séja-m-a | sé-t-a Roggen.NoM.PL_ SdeN..PTC.NEUT ‘Der Roggen wird / ist gesat’ reflektiert. Zu Verbalnomina mit toder m-Suffix konnte der ,, Trager“ der jeweiligen Eigenschaft im Genitiv (als genetivus subiecti) angegeben werden, und das sowohl bei transitiven Stammen (valstiecio.GEN.SG.M séjama / séta urspriinglich ‘des Bauern Gesates’, d.i. ‘vom Bauern gesat’) als auch bei intransitiven (valstiecio.GEN.sG.m gulima / guléta urspriinglich ‘des Bauern Liegendes / Gelegenes’, d.i. ‘vom Bauern wird / wurde gelegen’). Diese Rekonstruktion bietet den Vorteil, (a) dass sie wesentlich durchschaubarer ist und (b) dass sie vor allem weder einen Unterschied zwischen fund m-Partizipien noch einen zwischen transitiven und intransitiven Stammen macht. Dadurch gerat dieser Ansatz im Gegensatz zur Schmalstieg-Hypothese nicht in einen Erklarungszwang, der zu zusatzlichen hypothetischen Annahmen tiber durchgreifende analogische Angleichungen ndtigt. Mit der gr6Beren Durchschaubarkeit hangt zusammen, da der Satzstruktur in (910) eine ausgesprochen lange diachrone Kontinuitat zugesprochen werden kann, bei der sich allenfalls der syntaktische Status der genitivischen NP geandert hatte (und auch dies eventuell erst in den letzten Jahrhunderten). Letztlich erlaubt Ambrazas’ Ansatz auch, die These von der possessiven Herkunft des durch den Genitiv markierten ranghéchsten Arguments zu integrieren (s. Fn. 37). Aufgrund des auBerst spekulativen Charakters der Ergativ-Hypothese*’, der in der Regel ad hoc getroffenen Entscheidungen Schmalstiegs (vgl. vor allem Schmalstieg 1988: 30ff.), die sich in der Regel nicht durch Fakten solide stiitzen lassen, sowie der oben dargelegten Ungereimtheiten und aufgrund der Tatsache, daB Schmalstiegs Ansatz dazu fiihren miBte, ein Passiv aus einem Ergativ-System entstehen zu lassen (was dem eindeutigen Bild typologisch bezeugter Falle genau entgegenlaufen wiirde), ware dem Erklarungsansatz von Ambrazas eindeutig der Vorzug zu geben. * Dieser Standpunkt ist in so klarer Form erst in Ambrazas (2004) formuliert. Friiher schien auch er der These Holvoets nicht abgeneigt gewesen zu sein, dass der Genitiv in diesen Satztypen auf einen possessiven, zuerst nur adnominalen Kasus zuriickgehe, welcher spater zu einem Adjunkt umgedeutet worden sei. Auch Stepanov nahm an, da der Genitiv in (9) zuerst possessiv zu interpretieren war. Er sah dies allerdings als eine Weiterentwicklung des frith-baltischen und friih-slavischen »Perfekt-Ersatzes“ an (vgl. 1978b: 347f.). * Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, da in den litauischen Dialekten der Genitiv bei taund ma-Partizipien intransitiver Stamme sogar haufiger steht als bei solchen Partizipien von transitiven Stammen (Ambrazas 1994: 9). Zu anderen Einwanden gegen die These von der ,,ergativischen Vergangenheit“ des Ide. mit weiteren Literaturangaben vgl. Comrie (2001: 24f.) und Matasovié (2000: 330f.). S REKONSTRUKTION GRAMMATISCHER KERNBEREICHE | 103 3. EIN ANALOGER FALL IM SLAVISCHEN: ‘ESSE’ UND ‘HABERE’ IN POSSESSIV-KONSTRUKTIONEN Neben Schmalstieg bauen bis in die letzte Zeit auch andere Forscher ihre Rekonstruktionen auf kaum haltbarem Boden. Mitunter werden sogar Ziige einer vermeintlich archaischen, noch aus dem Proto-Ide. stammenden Morphosyntax anstelle von Innovationen gesetzt, welche sich unter Umstanden in einzelnen ide. Sprachen erst durch Sprachkontakt (u.a. mit nicht-ide. Sprachen) durchgesetzt haben. Einen sehr deutlichen Fall stellt z.B. Bauer (2000: 10, 151) dar, die die russische possessive Konstruktion vom Typ u + GEN (y mena Kuuea ‘ich habe ein Buch’ etc.) als Beispiel fiir Zige anfiihrt, die ,inherited from the protolanguage“ seien. Es drangt sich die Frage auf, ob hier nicht in gewisser Weise die Chronologie auf den Kopf gestellt worden ist. Da sich diese possessive Konstruktion zudem in einen engen Zusammenhang mit der Frage nach dem Alignment bringen laBt (s. Abschnitt 2), lohnt es sich, auf das sich stellende methodische Problem noch etwas naher einzugehen. Nehmen wir also zur These Stellung, nach welcher die possessive Konstruktion u + GEN (+ ESSE, mit dem Possessee im Nominativ) im Russischen ein finnougrisches Substrat darstellt. Diese These wurde von Veenker (1967: 117-119) diskutiert und eigentlich auch akzeptiert, Panzer (1982: 330f.) und Vasilev (1973) hingegen haben sie in Zweifel gezogen. Panzers Skepsis beruht jedoch de facto allein auf der (etwas dogmatischen) Annahme, daf slavische Sprachen ja eigentlich ,,BE-languages“ und nicht ,, HAvE-languages“ seien (im Gefolge von Isaéenko 1974) und daB es deshalb wahrscheinlicher sei, das das Russische lediglich einen ererbten Zustand des Urslavischen fortfiihre; wenn die iibrigen slavischen Sprachen fiir den possessiven Ausdruck eine HABERE-Konstruktionen verwenden (aks. iméti und dessen Entsprechungen), so sei dies auf eine stiitzende Wirkung des Griechischen (bzw., vermittelnd, des Aks.), des Lateinischen oder spaterer westeuropaischer Sprachen zurtickzufiihren. Wenn Panzer hinsichtlich der stiitzenden Wirkung vermutlich Recht hat, wiirde dies hingegen prasupponieren, daB das HABERE-Verb doch slavisches Gemeingut aus dem Urslavischen ware. Auch das Material der etymologischen Worterbiicher spricht relativ eindeutig fiir eine solche Annahme (vgl. Vasmer 1953: 479 und Walde 1930: 124). Panzers Skepsis an finnougrischem EinfluB ist also nicht besonders solide begriindet, und sie wird weder widerlegt noch bestatigt. Vielmehr sollte man erwagen, dass beide Arten possessiver Konstruktionen schon in vorhistorischer Zeit parallel zueinander existiert haben und die Rolle eines finno-ugrischen Substrats darin bestanden habe diirfte, eine Repartition dieser konkurrierenden Konstruktionen zugunsten der adessiven (mit EssE) zu unterstiitzen. Genau diese Annahme unterstiitzt die Untersuchung von Safarewiczowa (1964, insbes. S. 17, 55f.). Es muB somit die wichtige Bemerkung Veenkers, da8 die adessive EssE-Konstruktion sich nur im Russischen, d.i. in der nordéstlichen Peripherie des slavischsprachigen Gebiets, als vorwiegende Possessiv-Konstruktion (mit allen ihren funktionalen Fortbildungen) gegentiber der HABERE-Konstruktion durchgesetzt habe, gegen den Aufweis Vasilevs erwogen werden, daB die adessive Konstruktion bereits in friihen dokumentierten Stufen diverser slavischer, darunter auch stidslavischer, Sprachen belegt sei, und zwar neben der possessiven Funktion im engen Sinne auch in partitiver Funktion (bei Inalienablia), der Funktion des Besitzes und derjenigen der verwandtschaftlichen AngehG6rigkeit. Vasilev 104 | BJORN WIEMER (1973: 363) weist auBerdem zu Recht darauf hin, daB man aufgrund der Kenntnis iiber die Siedlungsbewegung der direkten Vorfahren der Ostslaven voraussetzen miisse, daB ein unmittelbarer Kontakt zwischen diesen und finnougrischen Stammen erst im 5. Jh. n. Chr. begonnen haben kénne. Da bereits in den friihesten erhaltenen ostslavischen Texten die Konstruktion ‘u + GEN + ESSE’ vorkommt (vgl. Safarewiczowa 1964), konnen als ,, Virulenzzeit“ fiir ihre Etablierung also fast 500 Jahre angesetzt werden. Das diirfte, so sollte man denken, ausreichen fiir eine Calquierung unter finnougrischen Substratbedingungen, fiir welche im Russischen seit jener Zeit reichlich Voraussetzungen bestanden haben (vgl. dazu u.a. Veenker 1967: 17-21). Dies ware ein weiterer Grund, Panzers und Vasilevs Skepsis zu dampfen. Denn der einsetzende Zerfall des Urslavischen (ca. 500 n. Chr.) fallt mit dem Beginn der slavischen Siedlungsbewegung nach Nordosten mehr oder minder zusammen. Wenig aussagekraftig sind dann Beobachtungen dariiber, daB in der historisch dokumentierten Zeit ‘u + GEN + ESSE’ praktisch in der gesamten Slavia vorkam. Vasilev selbst weist (neben Safarewiczowa 1964 zum Gemeinostslavischen und alteren Russischen) auf die Fluktuation in der Gebrauchshaufigkeit dieser Konstruktion und der HABERE-Konstruktion hin. DaB sie sich nur im Russischen auf Dauer in der Norm gehalten hat, ist deshalb am plausibelsten auf den fortgesetzten Substrat-EinfluB8 finnougrischer Sprecher zuriickzufiihren. Die verstarkte Verwendung dieser Konstruktion in possessiver (und semantisch nahestehenden) Funktionen ist auch in neuerer Zeit leicht durch Kontakt zu Idiomen zu erklaren, welche sie bereits ausschlieBlich oder vorwiegend in dieser Art verwendeten. Das zeigt u.a. das deutlich haufigere Auftreten von uv + GEN in possessiver Funktion in der nérdlichen ‘polszczyzna kresowa’ (vs. Standardpolnisch) sowie der litauischen Umgangssprache und denjenigen litauischen Mundarten, welche in engem Kontakt mit ostslavischen Varietaten gestanden haben. Generell werden diese Uberlegungen gestiitzt durch einen Vergleich mit dem Baltischen. Auch in diesem darf ein HABERE-Verb zum Erbwortschatz gezahlt werden: lit. turéti ist als allgemein-baltische Ablautbildung zur Wurzel *tver zu verstehen (vgl. die etymologische Verwandtschaft mit tverti ‘(ein)fassen’; Fraenkel 1965: 1142f.; Pokorny 1959: 1101). Im Lettischen gibt es nun bekanntlich kein HABERE-Verb mehr; das zu lit. turéti kognate Verb turét hat die Bedeutung ‘halten’ erworben und wird vornehmlich in dieser konkreten Bedeutung verwendet. Man darf also davon ausgehen, da8 auch im Baltischen ein HABEREVerb an der Bildung grundlegender Satztypen teilhatte und somit das Alignment bestimmte (so wie dies bis heute im Litauischen der Fall ist). Es ist ferner davon auszugehen, daB das Lettische wesentlich weitreichendere Sprachkontakte mit ostseefinnischen Sprachen gehabt hat und in vielem durch ein entsprechendes Substrat viel starker gepragt ist als das Litauische. Die Zuriickdrangung des HABERE-Verbs im Lettischen kénnte also analog zu einem identischen Proze& im Russischen betrachtet werden — und dies macht sowohl areallinguistisch wie auch hinsichtlich der bekannten siedlungsgeschichtlichen Fakten mehr als Sinn. Vorerst kann man nur sagen, dass dieser Frage in ihren Details noch genau nachzugehen ware. Allein die vorangegangene Besprechung der ESsE-HABERE-Problematik sozusagen lm Vogelflug“ zeigt folgendes: wenn man von ,,archaischer Syntax“ sprechen will, sollte man zuerst klaren, wie das Konkurrenz-Verhiltnis der fraglichen Konstruktionen zu an- REKONSTRUKTION GRAMMATISCHER KERNBEREICHE | 105 deren morphosyntaktischen Konstruktionen (Markierungsverfahren etc.) ausgesehen haben diirfte und wie sich ihr chronologisches Verhaltnis zueinander gestaltete. Dabei konnte sich durchaus erweisen, dass ein aus heutiger Sicht archaisch anmutendes Kodierungsmuster nicht ununterbrochen und unangefochten seit den Zeiten einer (wie auch immer anzusetzenden) Protosprache existierte, sondern zeitweise zuriickgedrangt werden konnte, um erst spater als primares Verfahren wieder aktiviert zu werden. Als Ausléser fiir eine solche Wiederbelebung kommt dann vor allem Sprachkontakt (insbesondere Substrat-Einflu8) in Frage, so dass man nicht bei systemimmanenten Erklarungsversuchen stehen bleiben sollte. 4. EIN PAAR ABSCHLIESSENDE POSTULATE Bei der obigen Besprechung von Fallbeispielen zentraler morphosyntaktischer Kodierungsverfahren und ihren vermuteten diachronen Veranderungen kann letztendlich kaum etwas bewiesen, sondern allenfalls plausibel gemacht werden. Die Plausibilitat von Erklarungsansatzen wird jedoch in dem MaBe steigen, wie man Argumente aus Bereichen heranziehen kann, die tiber eine systeminterne Rekonstruktion hinausgehen. Systeminterne Argumentation darf als eine notwendige Bedingung der Erklarung angesehen werden, sie ist indes keine hinreichende Bedingung — vor allem dann nicht, wenn es alternative Ansatze gibt. Nichts anderes sollte in diesem Beitrag demonstriert werden. Die Durchleuchtung der Argumente, welche den theoretischen Ansatzen Stepanovs und Schmalstiegs zugrunde liegen, sollte dabei stellvertretend fiir viele andere Falle zeigen, wie geboten der Abgleich der historisch-vergleichenden Rekonstruktion mit typologischen Fakten und mit kontaktlinguistischen Erkenntnissen erscheint und was von dieser Rekonstruktion tibrigbleiben kann, wenn man sich um einen solchen Abgleich nicht bemiiht. Indem hier also zur ide. Vorgeschichte des historisch dokumentierten Baltischen (wie auch Slavischen) keine kompetenten Urteile abgegeben werden sollen, kann doch in bezug auf sie eine Reihe von Schlussfolgerungen und Postulaten formuliert werden: 1. Spekulative Annahmen tiber umwilzende Veranderungen im Alignment sind alles andere als tiberzeugend, sie fiihren zu internen Unschlissigkeiten und zum gréBten Teil widersprechen sie sogar typologischen Vergleichsdaten. Auf jeden Fall fiihren sie die Anhanger der Theorie einer ergativischen Syntax in Erklarungsnot. 2. Vor allem bei primar syntaktischen Problemen bringt die Beriicksichtigung areallinguistischer Faktoren (Sprachkontakt, Substrat-Bildung) die Erklarung weiter, macht sie wesentlich plausibler und einfacher. Zudem erlaubt sie eine Einschatzung der postulierten Entwicklungen unter den Bedingungen realer Zeit und realer Kommunikation sowie unter der Annahme einer bereits existierenden Variation funktional aquivalenter Mittel. SchlieBlich gestattet sie eine bessere Abschatzung dessen, was archaisch, was hingegen innovativ ist. Hierbei ware genau zwischen der Form (etymologischen ,,Substanz‘) und den Funktionen zu unterscheiden: es sind offenbar gerade die letzteren, die durch Sprachkontakt verandert werden k6nnen. Insbesondere kénnen latente oder frither schon im Vordergrund gestandene Funktionen durch Sprachkontakt (wieder) aktiviert werden. 112 | BJORN WIEMER Bisang, W., Himmelmann, N. P., Wiemer, B., eds., What makes Grammaticalization? A Look from its Fringes and its Components. Berlin-New York: Mouton de Gruyter, 271-331. —im Druck 1: O razgraniéenii grammati¢eskich i leksiéeskich protivopostavlenij v glagol’nom slovoobrazovanii, ili: emu mogut nau¢it’sja aspektologi na primere sja-glagolov? Erscheint in: Lehmann, V., red., Semantika i struktura slavjanskogo vida 1V. Miinchen: Sagner. —im Druck 2: On the diachronic and areal background of constructions called ‘impersonal’ in Polish, East Slavic and Baltic. Erscheint in: Manninen, S., Hiietam, K., Kaiser, E., Vihman, V., eds., Passives and Impersonals in European Languages. Amsterdam, Philadelphia: Benjamins. Bj6rn Wiemer Gauta 2004 11 19 Universitat Konstanz Fachbereich Sprachwissenschaft Universitatsstrasse 10, 78457 Konstanz [email protected]