Baltische Bestattungsrituale im Spiegel ihrer Bezeichnungen: litauisch „šermenys“ und „šarvójimas“, altpreußisch „sirmen“
Full text
ACTA LINGUISTICA LITHUANICA
L111 (2005), 9-21
Baltische Bestattungsrituale im Spiegel
ihrer Bezeichnungen: litauisch Sermenys
vw „aa
und šarvojimas, altpreuldisch sirmen
BERND GLIWA
Sargeliai
The common etymology of Lith. šermenys and OPr. sirmen ‘funeral rite, funeral feast’
relates them to šėrti ‘feed’. This interpretation is rejected here. Lith. šėrti is used for
feeding animals and only metaphorically for children, old or sick persons; its use in a
ritual context is not attested and seems unlikely. Feasting the guests is not the essence of
funeral and other custom. There is no evidence to show that Sermenys was restricted to
the funeral feast.
New etymological connections are suggested here: (1) with Lith. šermuonėlis, Germ.
Hermelin ‘ermine’, Lith. Sirvas, Sirmas ‘white, whitish’, šarmas, OPr. sirmes ‘washing
lye made of ashes’ according to the colour which has been associated with death, (2)
with Lat. cremare, IE *kremH- ‘to burn, cremate’ and, perhaps, gr. ktpapos, 3.) with IE
*kerH,- ‘burst’ > ‘decay’ and gr. xnp ‘death; goddess of death’.
Lith. šarvojimas 'laying-out of the dead’ is related to šarvai, šarvas ‘(1a) discharge
(after birth), (1b) menstruation, (1c) discharge (from the mouth of the dead), (2a)
armament, (2b) soldier's outfit, weapons and ammunition, (2c) carapace, (3a) dowry,
(3b) burial object’, OPr. sarwis ‘weapon’. A former meaning *‘physical sign and ritual
equipment in a rite of passage’ is suggested.
1. VORBEMERKUNGEN
Der Tod und die Frage nach dem „Danach“ bewegt die Menschheit von jeher.
Jenseitsvorstellungen und Bestattungszeremonie sind eng miteinander verkniipft,
die Bestattung ist das Ritual, das den optimalen Ubergang in den nachsten Abschnitt
der Existenz oder Nichtexistenz sicherstellt. Dabei konnen sowohl die Interessen des
Verstorbenen (z. B. reiches Leben im Jenseits oder schnelle Reinkarnation) als auch
der Hinterbliebenen (keine Riickkehr des Verstorbenen als Geist, keine Beldstigung
der oder gar Rache an Lebenden) im Vordergrund stehen. Um unser Verstandnis
von den historischen Jenseitsvorstellungen der Litauer und deren Urahnen zu er-
weitern sind „aus religionswissenschaftlicher Sicht selbst die Bezeichnungen der
Familienfeste (Taufe, Hochzeit, Begrdbnis) und verschiedene Verwandschaftsbe-
griffe aufschlussreich® (Vėlius 1996: 92).
Andererseits kann das Studium der Lexik nicht ohne die Kenntnis deren Inhalts
erfolgen, da die zugehorige Terminologie mit den Handlungen und Dingen, die sie
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bezeichnen, korrespondieren, insofern, als wesentliche Eigenschaften oder markante
Teile Anlass zur Benennung eines Objektes geben konnen. Eine Ausnahme bilden
hier lediglich Lehnworte, bei denen der Bezug zwischen Zeichen und Bezeichnetem
vom kulturellen Kontext uiberschattet ist. Mit dem Import eines Gegenstandes, einer
Pflanze, einer Technologie wird sehr haufig der zugehorige Begriff iubernommen.
Damit ist jedoch die Urschopfung des Wortes nicht ad acta gelegt, sondern nur in
die Spendersprache verschoben, in der die Motivation zu suchen ist.
Idealerweise stunde also neben der Untersuchung der Lexik auch die Untersu-
chung des jeweils damit Bezeichneten. Mit Lévi-Strauss (1997: 60) bedauert man,
nicht gleichzeitig auch Ethnologe, Mineraloge, Botaniker, Zoologe und Astronom
zu sein. Und da die Sprache alle Bereiche des Lebens in Geschichte und Gegenwart
erfasst, lieBe sich diese Liste beliebig erganzen. Denn nur grindliche Sachkennt-
nis verhindert, dass nicht vage Vorstellungen zu einem Begriff in die Etymologie
desselben einfliel3en.
2. LIT. sermenys ,TOTENMAHL, TOTENWACHE®
Neben Sermenys (Gen. šermenių / šermeniį) sind die Formen Sefmenés, Serminés,
serminys u.a. (LKZ.. 6571.) bezeugt. Die Bedeutung reicht von 1. ,Totenwache mit
religiosen Liedern (giesmės) und Wehklagen (raudos) 2. ,Beerdigung’, 3. ,Totenmahl‘
bis zu 4. heidnische Brauche, die Bestattung betreffend' (LKZ, 657). Szyrwid listet
stypd / Parentalia orum. epulū funebre, sermenis (SD* 427). Das anonyme Lexicon
Lithuanicum (LEX 13a, 58) nennt szermenys — Begrabnifd und szermenys — Leichbe-
gangnifs. ;
Obwohl LKZ, 657 Sermenys als Plurale tantum ausweist, findet sich die zu Grun-
de liegende singulare Form Sermuo (konsonantische Deklination, n-Stamm) in den
Bedeutungen 1. ,Totenwache‘ und 2. ,Totenmahl‘ (LKZ_, 660). Das homophone
šermuo, gehorig als phonetische Variante zu Selmué ,Dachfirst’, interessiert hier
nicht weiter. Der dritten Bedeutung Sermué und šermuonėlis ,Hermelin, Mustela
erminea‘ bzw. vilpisys ,Wildkatze, Felis silvestris‘ stehen die Formen mit Wurzel-e:
šermuonėlis, šermonis, šermonys, šermonėlis, Sermunelis, sermuonis (LKZ, 658-660),
mit i: Sirmuonelis, Sirmunelis (LKZ,, 904) und mit a: Sarmuonelis, Sarmuonis (LKZ
524) zur Seite, alle in der Bedeutung ,Hermelin, Mustela erminea‘; gelegentlich
konnte auch der ahnliche Zebenkstis Wiesel, Mustela nivalis‘ damit gemeint sein.
Ohne zunédchst die inhaltliche Problematik zu erortern, sei die These aufgestellt,
dass šermuo ,Totenwache... “ und šermuo ,Hermelin‘ nicht nur homophon, sondern
auch etymologisch verwandt sind.
Die herkommliche Etymologie verkniipft sermenys mit šėrti ,futtern’, gebildet
aus baltisch *Ser- „mūsten“ < idg. *ker ,dass.“ mit Suffix *-men. Der Ansatz als idg.
*ker- ds. (statt ker-) erfolgt, um die Verbindung mit russ. korm ,Futter* aufrechtzu-
erhalten, wahrend gr. kopevvuu „ich sittige* diesbezuglich indifferent ist (Mažiulis
1997: 114 und Lit., LEW 974).
Rix et al. rekonstruieren die Wurzel als kerh,- sittigen, fiittern‘ (LIV 329). Wie
man den Ausfiihrungen von Sabaliauskas (1994: 334) unschwer entnehmen kann,
Lit. Sermenys, šarvojimas, ALTPREUSS. Sirmen | “EX
ist hier per Prajustiz die Bedeutung Sermenys ,Totenmahl als urspriinglich angenom-
men wurden. Der semasiologische Vergleich, dass anderssprachliche Bezeichnungen
fur Leichenschmaus sich ebenfalls auf Begriffe des Essens beziehen, ist aber nicht
mehr als eine Zirkelschluss, denn dieser Vergleich ist natiirlich nur zulassig, wenn
die Annahme der urspriinglichen Bedeutung richtig ist. Apr. sirmen betreffend, so
ist die gegebene Bedeutung ,Leichenschmaus‘ (Mažiulis 1997: 114 mit Quellenan-
gabe Nesselmann 1873: 161f.) etwas irrefuhrend. Der Originalbeleg: Item czu der
sirmen, die die Prewssen pflegen czu halden, sal uffs hogeste nicht me, denne eyne tonne
bir getrunken werden... (Landesordnung 1427 in: BRMS 488) lisst sich, da vorher-
gehend von Hochzeiten und Kindelbier die Rede war, durchaus auf die Bestattung
beziehen. Nur besteht auch die Hochzeit nicht nur aus Essen und Trinken, womit
die Einschrankung nur auf das Totenmahl hier ungerechtfertigt ist. Dartiberhinaus
darf man keineswegs gegenwartige Gewohnheit, ein Leichenschmaus erst und nur
nach der Beerdigung, in die Zeit verlegen, von der hier die Rede ist. Es ist reichlich
uberliefert, dass bereits vor der eigentlichen Beerdigung/Kremation gezecht wurde.
Es ist bei den Bezeichnungen also weder gesichert, dass es sich um ein Ereignis nach
der Beerdigung handelt, noch dass dabei Essen im Vordergrund steht. Weiterhin
wird also von der allgemeineren Bedeutung sirmen ,Bestattung‘ ausgegangen.
Formal ist gegen den Anschluss an $érti nichts einzuwenden, aber inhaltlich ist
dieser Anschluss an §érti „fūttern“ fragwiirdig. Denn es ist zu beachten, dass $érti
von polysemantischer Natur ist — wobei hier wohl verschiedenen Entwicklungsli-
nien zur Homophonie zusammengefallen sind. Die Unmenge an Bedeutungen, die
LR... 667-677) fiir sérti und Ableitungen mittels Prafixen gibt, mochte ich derart
zusammenfassen: (1.a) vom Vieh — fiittern, masten, ziichten, (1.b) vom Menschen
— aufpappeln (nach Krankheit), fiittern (Kinder, Alte), zu essen geben (widerwil-
lig oder unzureichend), aufziehen, 2. schlagen, schneiden, peitschen, dazu auch
heftig regnen, 3. mausern, federn, haaren (vgl. lit. šeriai ,Borsten, Haare‘), durch
Pelzwechsel die Farbe wechseln, 4. allgemein abfiarben, ausbleichen und 5. Stroh
zum Dreschen trocknen (durch Heizen der jauja ,Getreidedarre‘). Betrachten wir
also zunachst inwiefern sich die Abstammung aus “kerh, - „fūttern, sattigen‘ se-
mantisch begriinden lūsst. Offensichtlich ist der Hintergedanke dabei, dass eine
groldere Menge Gaste bewirtet werden muss, und dass der Leichenschmaus schnell
in ein Gelage ausartet (vgl. BRMS 46). Sérti fiittern, misten‘ findet iiberwiegend
Verwendung in der Viehzucht. Wenn es sich auf den Menschen bezieht, steht es
im Gegensatz zu lit. vaisinti ,bewirten’, myluoti ,ds. und maitinti ,zu Essen geben,
erndahren’, insofern als bei $érti entweder 1. die Unselbstindigkeit des Essenden
(Alte, Kinder) betont wird oder aber 2. die Handlung wird als ungeniigend (aus
Mangel) oder widerwillig getan aufgefasst oder 3. das Aufpappeln eines Kranken
und Grof3ziehen eines Kindes, moglicherweise in Anlehnung an die Aufzucht von
Vieh, lasst sich aber ob der Langfristigkeit der Handlung nicht mit der Bedeutung
,Géste bewirten’, die auch sonst nicht vorkommt, in Zusammenhang bringen. Der
Beleg bei Donelaitis: Nes dosningas Dievs kiekvieną Zino pasotint; Ale su pilnom saujoms
mus vis šert nežadėjo, den Sabaliauskas (1994: 334) als Argument fiir die vormalige
Verwendung von šėrti in Bezug auf menschliche Ernahrung bringt, ist derart nicht
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anwendbar. Denn erstens wird hier in dem Verhaltnis Gott — Mensch die Dominanz
des Erstgenannten der relativen Passivitat des Menschen entgegengestellt, ganz in
dem o.g. Trend. Dartiberhinaus erscheint šėrti in einer verneinenden Aussage, denn
Gott wird den Menschen ja gerade nicht fiittern wie ein Kleinkind oder Vieh (das
ist durchaus abwertend gemeint), sondern dem Menschen wurden Moglichkeiten
gegeben, sich selbstandig zu ernahren.
Hier wurde Sermenys * Fiitterung der Gaste‘ also durch die Verwendung eines
Begriffes aus der Viehzucht eine abwertende Bedeutung mit sich fiithren, die aber
nicht zur Benennung einer feierlichen Handlung durch die daran teilnehmenden
Personen dienen kann.
Balys (1948: 188) erklart Sermenys in der engeren Bedeutung ,L.eichenschmaus
nach der Bestattung‘ ebenfalls als Fiitterung, und zwar nicht nur der Lebenden,
sondern auch der Toten. Ob sich die Bewirtung der Seelen Verstorbener, die, so
scheint es, mindestens eine gewisse Ehrfurcht vor selbigen voraussetzt mit dem
Begriff der Fiitterung zusammenbringen lasst, darf bezweifelt werden — auch, wenn
hier die relative Unselbstandigkeit der Seelen beriicksichtigt wird. Zwar konnte
man das ebenfalls an die Viehzucht angelehnte Sujet von Hirt (lat. pastor) und
Schafherde, die zu huten sei (vgl. lit. iSganymas ,Weiden, Hiiten‘ und ,Erlésung,
Seligkeit‘), vergleichen. Hier fehlt auch der negative Beigeschmack, vermutlich,
da es eindeutig als Metapher aufgefasst wird; allerdings bringt es liberwiegend die
Sicht der Hirten und nicht die der Schafe. Sefmenys * Fiitterung der Gaste“ kann
man dahingegen kaum als Metapher auffassen.
Ferner, wenn man denn das Gelage als den semantischen Angelpunkt der Be-
griffsfindung festmacht, bleibt doch die Frage nach dem Wesentlichen: namlich
Bestattung und Ehrung des Verstorbenen. Zudem hétten wir in einem solchen Fall
allen Grund, auch fiir Hochzeit und Taufe, denen beide gleichartige Gelage zu eigen
sind (BRMS 487), dhnliche Bezeichnungen zu erwarten. Bezogen auf Seelen muss
man fragen, warum dann nicht all die anderen Feste, bei denen Seelen Verstorbe-
ner ,gefūttert' werden, also 7 Tage, 40 Tage, ein Jahr nach der Bestattung, diverse
Kalenderfeste u.a., entsprechend benannt werden. Weder in diesem noch jenem
Sinne sind Sermenys und Derivate anzutreffen.
Der Einwand, dass es sich bei dem Bedeutungswandel des Begriffes $érti hin zum
Flittern um eine baltische Sonderentwicklung handeln konnte und dass zum Zeit-
punkt der Bildung von šermuo ,Totenmahl etc.“ noch die rekonstruierte Bedeutung
*kerh, - ,sattigen, futtern® als * bewirten‘ vorhanden war, ist dabei naturlich zu beden-
ken. Weniger schwer wiegt der Vergleich mit russ. kopm Futter’, wozu aksl. kxpama
Tpognį“ belegt ist (REW,, 329). Denn auch wenn dies mit lit. $érti verglichen wird,
so bedarf doch der Umstand, dass die baltischen Sprachen Satem-Reflexe zeigen,
wahrend sich die Slavinen als Kentum-Sprachen verhalten, einer soliden Begriindung.
Eine Vermutung „in the case of Slavic *ksrm® we are apparently dealing with depa-
latalization of the initial velar before a syllabic *r“ (R. H. Derksen, pers. Mitteilung)
bediirfte analoger Fille und einer detaillierten Chronologie als Evidenz. Ahnliches
Verhalten, lit. §: sl. k, liegt bei lit. šeivikaulis tibia‘ vs. serb.-kr. cjevnica „ds.“ < sl.
“cévs vor, allerdings unter anderen Bedingungen und ebenfalls ungeklart.
Lit. Šermenys, šarvojimas, ALTPREUSS. sirmen | 13
Da eine schliissige Begriindung derweil aussteht, ist eine alternative Deutung von
*kwrmb, namlich der Anschluss an idg. *(s)ker- ;scheren, kratzen, abschneiden‘ (zur
Wz. vgl. LIV 556) vorzuziehen. Es wiirde sich demnach bei sl. *ksrma um eine Be-
zeichnung * Abgeschnittenes, Ernte (Resultat) der ggf. ein *,Mahd, Ernte (Prozess)*
vorausging. Dies ist anwendbar auf Futter fiir das Vieh — Heu — wie auch auf das
Getreide zur menschlichen Ernahrung. Zu vergleichen wire im semasiologischen
Sinne, und auch im formalen, da *(s)kert- ,(zer)schneiden‘ als Erweiterung zu o.g.
*(s)ker- gilt (LIV 566), lit. kirsti „fallen, Getreide ernten’. Eine Verwandschaft von sl.
“kvrma mit lit. $érti, Sermenys wird auch von ESSJ_ 222 als wenig wahrscheinlich
zuruckgewiesen.
Das Suffix *-mon/-men- ist weitverbreitet. Wie verhilt sich dieses zur ,Wurzel-
erweiterung’ -m-? Es ist wahrscheinlich, dass die Formen mit *Serm- Ableitungen
hiervon darstellen, mit neu durch Resegmentierung neugebildeter Wurzel (eine
sinngemalle Erkldarung bietet sich fiir das -m- in sl. *kerma an). Betrachten wir
zunachst Sermuo ,Totenmahl etc.“ und sermuo ,Hermelin, Mustela erminea‘. Der Her-
melin ist, wenigstens im Winter, weild — nur die Schwanzspitze bleibt dunkel. Daher
verwundern die Wortverwandschaften sirmuonélis ,Hermelin‘, Sirmuonis ,Pelzmiitze
aus Hermelinfell': Sirmas, Sirmas ,weil3, grau (vom Tier); ergraut beim Menschen’,
Sirmis ,weil3, grau (von Pferd und Kuh)‘, Sirmelys Grauer, Schimmel’ (LKZ 902f)
und Sarmuonelis ,Hermelin‘, ,Hermelinfell* (LKZ, , 524): šarmas ,Ascheaufguss
zum Weilšen und Waschen; Lauge, Base’, šarmas, šarmas, Sarma ,Reif; Schimmel,
sarmuo ,Waschmittel (aus Asche) (LKZ,,, 520ff.) wenig. Allen gemeinsam ist die
semantische Komponente ,weil}, grau“, so dass an etymologischer Verwandschaft
kaum zu zweifeln ist. In diesem Zusammenhang ist von Interesse, dass altpreufRisch
gaylux E 661 ,Hermel* offensichtlich zu gaylis E 459 ,weifš“ gehort. Wiederum lit.
gailus ,atzend, scharf; stechend, bitter; kalt; zornig' schldgt semantisch den Bogen
zu šarmas Reif; Lauge’, wie man auch der Erlauterung zu šarmas — gailus nusistojes
peleny plikinys entnehmen kann (LKŽ,, „921). Nach Kluge (1999: 371): dt. Hermelin
< ahd. harmo < voreinzelsprachlich *Kermon < idg. *kormo- Reif, Schnee, Hagel’
in lit. šarmas ,Reif, gefrorener Tau’.
Der Reduzierung auf ,Reif, Schnee, Hagel‘ kann nicht ganz zugestimmt werden,
insbesondere da das Verhaltnis und die Chronologie der Formantien -m- vs. -men
diese Bedeutung eher als sekundar qualifiziert. Eventuell lieRe sich die Grundbe-
deutung ,was weif3, grell, kalt ist“ angeben. Unter Hinzufiigung der Bedeutungen,
die ESSJ , 68 fur idg. “kerH-m- scharf, stechend, dtzend gibt, erhalt man die all-
gemeinere Form ,grell, scharf, dtzend, kalt; was die Sinne stark reizt' (zu solchen
semasiologischen Ubertragungen, Zusammenstellungen vgl. Urbutis 1972: 57-61,
Gliwa 2004: 9-11). In diesem Sinne ist aber bereits die Wurzel *kerH- aufzufassen,
wenn man baltische Parallelentwicklungen Sarmas/Serksnas ,Reif*, Sirmas/Sirvas
,weild, grau“ nicht als Folge von Interferenz verschiedener Entwicklungslinien
betrachten will. Hierher gehoren weiterhin: lett. sérksna ,Schneekruste‘, sifms
,grauhaarig, grau“, aksl. srens ,weilš“, arm. sarn ,Eis‘ u.a. (LEW 973f.). Im Weiteren
sollte wegen der Akutierung von šarmas ,Lauge’, širmas ,weil3, grau“ eine Set-Wurzel
*kerH- angesetzt werden; zirkumflektierte Varianten sind sekundir zu erkliren,
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insbesonders durch Metatonie bei Substantivierung und weitere Verallgemeinerung
derartiger Formen.
Altpr. sirmen „Bestattung“ und sirmes E 554 „Lauge“ stehen formell einer etymo-
logischen Verwandschaft nicht im Wege, wiederum auf der Grundlage von *sir-m-
„Asche; was weilš, grau ist“.
Moglicherweise gab es einen Unterschied in der Bedeutung von pelenai ,Asche
und Glut' und *sirm- ,vollig verbrannte Asche’, wie man aus der Bezeichnung Po-
lengabia „Gottin, der das Anfachen des Feuers anvertraut ist“, die Lasicki (1969: 22,
42) nennt, vermuten kann. Dabei ist es belanglos, ob es sich um eine Gottin oder
ein Haushaltsgerat handelt (1969: 80). Die Tatsache, dass sich aus Asche Feuer
anfachen lasst, setzt die Existenz von Glut voraus. Andererseits ware natiirlich
auch eine derartige Interpretation moglich: Polengabia * die (die Glut) mit Asche
zudeckt’. Und Asche ist bekanntlich ein guter Warmeisolator, so dass die Glut
lange erhalten bleibt. Ob man allerdings gabija, zu gobti / gaubti ,zudecken’, in so
pragmatischer Weise auffassen kann oder ob eine andere Auffassung angeratener
ware, sei dahingestellt.
Aus Bugas (1961: 712) Ausfiihrungen zu lit. šarmas, lett. sarms ,weilde Lauge zum
Waschen' wird deutlich, dass er Verwandschaft mit einem unbelegten lettischen
Verb *seft ,weilden, bleichen® annimmt. Damit stiinde šdrmas * Waschmittel, Weil3-
macher* oben genanntem šėrti ,4. ausbleichen, *bereifen‘ evtl. auch ,3. mausern,
federn, durch Pelzwechsel die Farbe wechseln, abfarben‘ nahe.
Maziulis (1997: 114f und Literatur) bemerkt, dass Buga mit dieser Auffassung
alleine steht und schlief3t sich weitgehend dem tiblichen Vergleich von altpr. sirmes
mit dt. Harn an. Der Beschreibung von altpr. sirmes als * eine dem Harn dhnliche
Flussigkeit' (Mažiulis 1997: 115) kann jedoch nicht zugestimmt werden. Die Far-
be stimmt nicht tiberein, sirmes ,Lauge’ ist im Gegensatz zu Harn geruchsneutral,
letzterer wiederum ist nicht atzend und kann auch beim besten Willen nicht als
Weildmacher bezeichnet werden. Wobei aber die dtzende Eigenschaft der Aschel-
auge recht moderat bleibt, denn traditionell wurde $drmas auch im Badehaus zum
Haarewaschen genutzt. Die Ahnlichkeit beschréinkt sich also auf die Eigenschaft
flussig® und dann sollte es erlaubt sein, auch beispielsweise ,Wasser* und „Blut“ als
altpr. sirmes bzw. lit. šarmas zu traktieren. Das ist mitnichten der Fall.
Zurtick zu Sermenys. Gemalš archeologischen Untersuchungen war die Feuerbe-
stattung im Territorium der baltischen Volker im Zeitraum von 1200 v. Chr.-0
und dann etwa ab 500-1400 n. Chr. tiblich, teilweise in Koexistenz mit anderen
Bestattungsformen (die Zeitangaben sind als grobe Orientierung zu verstehen,
genauer siehe: Grigalavičienė 1995: 65, 95; Toporov 2000: 206), einschliellich
oder fortgesetzt von Verbrennungen kriegsgefangener Kreuzritter (BRMS 42,
450). Auch in der Zwischenzeit, in der die Feuerbestattung von der Beerdigung
abgelost wurde, spielte Feuer eine wichtige Rolle bei den Kulthandlungen zur
Bestattung: in vielen Grabern sind Spuren von Asche und verkohltem Holz zu
finden, die anscheinend auf die Sarge geschiittet wurden (Stankus 1984: 64).
Im heutigen Litauen sind brennende Kerzen unverzichtbarer Bestandteil von
Totenwache und -messe.
Lit. Sermenys, šarvojimas, ALTPREUSS. sirmen | 15
Bei Verbrennung entsteht Asche. So wie šarmas auf der Grundlage von Asche zur
Bezeichnung der Waschlauge wird, konnte šermenys, gleichfalls auf der Basis von
Asche, urspriinglich die Einascherung, also die Leichenverbrennung bezeichnet
haben. Balt. *šermon „Einascherung“ entsprache in der Wortbildung etwa lit. armué
„Pflūgen, Gepflūgtes“, rėmuo „Sodbrennen“, sémuo „Saat, Saatgut“, pjūmuo „Schnitt,
Ernte“, gelmuo „Kalte“ als Nomina actionis (Skardžius 1996: 293-295, Ambrazas
1993: 55). Die unmittelbar damit verbundenen rituellen Handlungen wie Gebet,
Gesang, Verzehr von Speisen und berauschenden Getranken erben diese Benen-
nung. Dass die Bezeichnung der Leichenverbrennung weder die Sememe ,Feuer“
noch ,brennen‘ beriicksichtigt, findet Parallelen in dt. Eindscherung ,zu Asche ma-
chen’, sowie in lat. cremare ,eindschern, verbrennen‘: ignis ,Feuer‘. Lat. cremadre ist
singular innerhalb der Indogermania k()remH- ,verbrennen‘ (LIV 368) und wird
mit anderssprachlichem Material nur unter Vorbehalt verglichen, so etwa mit gr.
keépapog ,Topfererde, Ziegel, Krug... (Walde 1910: 199). Das gr. Wort wiederum
wird vorsichtig mit lit. karštas ,heild’, ahd. herd verglichen, nicht ohne darauf zu
verweisen, dass ein Wort mit -(a)mo- und aus dem semantischen Gebiet der Tech-
nologie sehr wohl ein entlehntes Kulturwort sein konnte (GEW 823f. und Lit.).
Semasiologisch lige hier eine Entwicklung ,weild* > ,weillmachend‘ > ,ein-
aschern' > ,verbrennen‘ vor. In gewisser Weise lūsst sich dies mit altindischen
metaphorischen Bezeichnungen fur das Feuer vergleichen krsnavartman, krsnagati
JFeuer* wortlich ,schwarze Spur habend®, krsnajamhas ,mit dunkler Bahn (Feuer)*
(Mylius 2001: 121).
Bekannt ist, dass in der litauischen Tradition die Farbe Weiflš das Symbol des
Todes noch bis ins 20. Jh. hinein war und der Tote gemeinhin in weifšes Leinen
gekleidet wurde. Im Todesfalle von Unverheirateten wurden diese zur Bestattung
gekleidet wie fur die Hochzeit und mit dem ublichen Hochzeitsschmuck versehen
(Dundulienė 1999: 248, 262). Wie Gimbutienė bemerkt, ist die Farbe der vollig von
Gewebe befreiten und ausgeblichenen Knochen die Farbe des Todes (1996: 202).
Exkarnation und Einascherung fiihren zu weiflšen Uberresten. Dagegen ist es nicht
verwunderlich, dass mit der Beerdigung die zu-Erde-Werdung mit schwarzer Erde,
mit Humus assoziiert wird und Schwarz zur Symbolfarbe des Todes wird, mit der
Symbolen eigenen Tragheit.
Hierhergehorige baltische Begriffe, die auf die Farbe Bezug nehmen, sind ins
Ostseefinnische entlehnt. Zu nennen sind finn. harmaa „grau“, harmd Reif, dūnne
Schneeschicht, Bierschaum‘ und hermo Nerv‘ (Liukkonen 1999: 37-39, 44). Fir
das letztgenannte Wort mochte ich einen etwas anderen semasiologischen Weg
vorschlagen, nicht tiber ,graue Muskelfaser, Sehne‘ wie Liukkonen, sondern ūber
graues Nervengewebe ,Riickenmark, Hirnmasse'.
Wenn sermenys primar die Einascherung bezeichnete, lige der Vergleich mit
cremare aus kremH- semantisch sehr nahe. Problematisch ist dabei erstens die
Metathese -re- : -er- und die Natur des -m-. Handelt es sich bei cremdre um eine
denominale Bildung, diese Moglichkeit raumt Kimmel explizit ein (LIV 369), so
wire *ker-H-mén- zu erwigen, mit vollzogener Metathese im Lateinischen — dies
insbesondere, falls man carbo ,Kohle* hierher stellen mochte (Walde 1910: 199; [EW
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571f.) (vgl. z.B. die unterschiedlichen Reflexe der Ablautstufen in lat. crėvi perf. zu
cerno „ich nehme wahr‘; cremare ware dann als Wort mit neuer Wurzel ausgehend
von der Schwundstufe aufzufassen. Anders Schrijver (1991: 207f.), der ein schwund-
stufiges “kr-em- fiir cremare ansetzt und mit lit. kūrti vergleicht, aber eine Sicht als
nichtidg. Lehnwort bevorzugt). Andererseits wiirde k- in primarem *kre-H-mon, da
lit. šr- im Anlaut ausschlief8lich in neueren Lehnworten, vorzugsweise Germanismen,
erscheint, den Wandel zu š- nur in der Schwundstufe durchfiihren > §ir-m-. Darauf
konnte eine neue Ablautreihe mit širmas > Sermenys, šarmas aufbauen. Ob dariiber
hinaus dann Formen mit nicht palatalem *kre-m- bestehen konnten, ggf. mit abwei-
chender Bedeutung, ist eine offene Frage. Belege dafiir gibt es keine. Man konnte
erwagen, hier lit. §érti in der Bedeutung ,Trocknen des Getreides, durch Heizen der
Darre’ anzuschlielšen — dann mit einer Bedeutung * Feuer machen, brennen’.
Ein alternativer Ansatz ist ker(h,)-mon- *,die Aufbahrung des Verstorbenen un-
mittelbar vor der Beerdigung oder Kremation; Aufbahrung des Toten in Baumbe-
stattung, Exkarnation‘. Diese Aufbahrung (lit. Sarvojimas) kann sich dem Bericht
des Wulfstan (um 890) zufolge bis zu einem halben Jahr hinziehen, je nach Rang
des Verstorbenen (BMRS 164-169; Toporov 2000: 222-234). Der Vergleich mit
idg. *kerh,- ,brechen, zerbrechen (intr.)* (LIV 327f.) und dann wohl ,zerfallen,
verwesen* ist dann naheliegend, zumal wir hier evtl. mit gr. kno ,Tod, Verderben;
Todesgottin® vergleichen konnen (IEW 578, GEW 842-843). In diesem Fall muss
aber der Vergleich mit den Bezeichnungen von Reif, Lauge und entsprechenden
Farben aufgegeben werden.
3. EINIGE KULTURGESCHICHTLICHE UND
TECHNISCHE ASPEKTE DER KREMATION
Natiirlich findet die Aufbahrung und Ehrung des Verstorbenen auch vor der
Beerdigung statt. Die folgenden Ausfiihrungen beschrianken sich aber auf die Ein-
ascherung. Die Aufbahrung der Leiche vor der Verbrennung hat neben der rituellen
auch eine hochst praktische Funktion. Die Verbrennung wird enorm erleichtert, da
der Tote vertrocknet, denn immerhin besteht der menschliche Kérper zu 60% aus
Wasser (Schenck, Kolb 1990: 456). Das kann wichtig sein bei Mangel an Brenn-
material. Aber auch aus ritueller Sicht ware dies forderlich, da die vollstandige
Verbrennung somit garantiert ist. Die einzusammelnden Knochen muissen frei von
Geweberesten sein (Gimbutienė 1996: 202).
Gamkrelidze und Ivanov unterstreichen die Notwendigkeit eines gewissen Standes
der Technik, wie sie mit der Einfiihrung der Keramik erreicht ist, um die Krema-
tion zu ermoglichen (1984: 830). Die Leichenverbrennung setzt bei den Hethitern
etwa vom 17. bis 14. Jh. v. Chr. ein (1984: 830), in der Ilias des Homer ist von
rituellen Leichenverbrennungen die Rede. Zeus personlich zwang Achilles, den
Leichnam des Hector dessen Vater zu iibergeben, damit dieser, Konig Priamos von
Troja, ihn koniglich einaschern konne. Gimbutienė (1996: 286) erwahnt Graber
mit eingeédscherten Uberresten fiir die Zeit um 4500 v. Chr. im heutigen Ungarn
(1996: 240) sowie fiir etwa 2500 v. Chr. in der Slovakei.
Lit. Sermenys, šarvojimas, ALTPREUSS. sirmen | 1.7
Holz, das in waldreichen Gegenden zur Geniige vorhanden ist, und die Beherr-
schung des Feuers sind die einzigen technischen Voraussetzungen. In der Tat lasst
sich auf dieser Basis einfache Keramik brennen. Wie erwahnt lief3e sich ggf. gr.
KEPUUOC JKeramik, Gebranntes’ daneben ,Topferton‘ zur betrachteten Sippe um
*kerH-m- stellen. Man beachte, dass der Topfermarkt Kepauewcos auch seit spate-
stens 491 v. Chr. offentlicher Begrabnisplatz und Kremationsstitte Athens fiir die
im Kampfe gefallenen Krieger war (Benseler 1990: 431; Schnaufer 1970: 51-57,
177).
Erst die Verwendung von Kohle und Ofen ermdglicht eine vollstindige Ein-
ascherung, einschliel8lich der Knochen. Zur langeren Aufbahrung der Leiche ist
aullerdem noch Wissen uber die Konservierung und Mumifizierung erforderlich.
Dass die Balten uber solche Kenntnisse verfligten, bezeugt schon Wulfstan um 890
(dazu Toporov 2000: 223f.).
4. LIT. Sarvojimas ,AUFBAHRUNG®
Sarvdjimas ist eine Abstraktbildung zu šarvėti ,1. den Verstorbenen ehren, 2. rii-
sten“, daneben šafvoti ,ungeschickt, schlecht mahen‘ (LKZ_ 532). Die Ehrung des
Verstorbenen schlief8t ein: ihn zu waschen, ggf. rasieren, frisieren, in seine beste
Kleidung zu kleiden und aufzubahren (LKZ, 532) oder gar den so behandelten
Leichnam mit an den Tisch zu setzen (Lasicki 1969: 32, 50). Sarvéti seinerseits ist
zu šarvas, šarvas / šarvai zu stellen, als sekundares Verb. šarvai ,(1.a) Ausfluss (nach
der Geburt), (1.b) Monatsblutung, (1.c) Speichel der dem Verstorbenen aus dem
Mund flief3t, (2.a) gepanzerte Bekleidung der Krieger, (2.b) Ausriistung der Krieger
einschliel3lich Bekleidung, Waffen und Munition, (2.c) Panzer von Insekten, Krebsen
etc., (3.a) Mitgift, Heiratsaussteuer, (3.b) Grabbeigabe, (3.c) Wagen ohne Rangen
und Wagenleitern; Bodenbrett' (LKZ 528-530). Bei der Wagenbezeichnung han-
delt es sich moglicherweise um eine = Entlehnung aus pl. szaraban ,altertiimlicher
Wagen' > lit. Sarabanai (LKA 90) und bei der Erlauterung: pasarvoja numirėlį, t.y.
paguldė ant šarvo „man bahrt den Leichnam auf, d.h. legt ihn auf das Bodenbrett des
Wagens' (KZ, 530) vielleicht um eine volksetymologische Umdeutung.
Fraenkel neigt zu der Annahme, dass lit. šarvas ,Harnisch, Panzer, Riistung’
und altpr. sarwis „Waffen“ wegen des lit. § einheimisch und mit gr. kopvg Helm’,
kopvooew ,wappnen‘ urverwandt sind (LEW 965). Den Vergleich der baltischen
mit den griechischen Wortern weist Frisk zuriick (GEW 826f, 921, 925f.). Das
Verhéltnis von mhd. harnas, (<) altfranz. harnais und got. sarwa „Waffen“ nebst
germanischem Kontext ahd. saro, gisarawi, ae. sierwan ,planen, risten u.a.‘, altfries.
sera ,rūsten“ zueinander und zu den baltischen hier diskutierten Begriffen bleibt
unklar (vgl. LEW 966). Die Akutierung von lit. šarvas ,Harnisch, Panzer, Riistung’
(AP3) deutet jedoch auf ein Erbwort.
Zur Grundbedeutung ,ausstatten, rusten‘ stellt Fraenkel auch Sdrvas ,Aussteuer,
Mitgift“ sowie Sarvoti einen Toten aufbahren, ihn zum Begribnis schmiicken‘. End-
lich erklart Fraenkel auch šarvas Placenta, Menstruation‘ aus der sonstigen Bedeu-
tung ,Panzer® bzw. ,Schmuck® und fiihrt hierbei insbesondere Ruhigs Wiedergabe
18 | BERND GLIWA
durch ,der Mūgde monatliche Blūte“ an (LEW 966). Nicht unerwahnt bleiben soll
noch der — unverbindliche — Ansatz Maziulis’, šarvai ,Menstrua der Weiber‘ an die
Sippe altpr. sirmes, lit. šarmas im weiter oben diskutierten Sinne eine dem Harn
ahnliche Flussigkeit' anzulehnen (Mažiulis 1997: 115), dem jedoch nach dem oben
Gesagten keineswegs zugestimmt werden kann, obwohl natirlich ein Einfluss durch
Kontamination nicht auszuschliel3en ist.
In Anlehnung an Fraenkel kann fur die oben gegebenen Bedeutungen zu šarvas,
šarvai die Grundbedeutung mit ,Ausriistung, festliche Kleidung, Ausstattung zu be-
sonderen Gelegenheiten, besondere Kennzeichen® angegeben werden. Eine derartige
Zusammenfassung ist nicht unproblematisch und bedarf einiger Erérterungen.
Mit der erfolgten Nachgeburt ist das Ende des Geburtsvorganges gekennzeichnet.
Die Placenta wurde als Teil des Neugeborenen angesehen. Der Glaube, dass deren
weiterer Verbleib Einfluss auf das Schicksal des Neugeborenen haben solle, resultiert
im Brauch der Bestattung der Placenta (Paukstyté 1999: 57f.). In dieser Tradition
veranlasst beispielsweise die Mazylis-Geburtsklinik in Kaunas die Beerdigung der
Mutterkuchen, sonst ein Rohstoff fiir die Kosmetikindustrie (Dr. Apanaviciené,
pers. Mitteilung, 2001). Es sollte also erlaubt sein, die Placenta auch als ,Ausrii-
stung‘ des Neugeborenen aufzufassen. Die Menstruation ihrerseits ist ein sicheres
Kennzeichen der Geschlechtsreife, der Heiratsfahigkeit. Augenmerk ist zu richten
auf die abweichenden Angaben ,Menstrua der Weiber‘ die Mažiulis (1997: 114),
vermutlich in Anlehnung an Miihlenbach, und ,der Magde monatliche Bliite‘ wie
Fraenkel (LEW 966) Ruhigs Worte wiedergibt. Letzteres ist eindeutig zu verstehen
als Menstruation der Jungfrauen, also der noch nicht verheirateten, aber schon ge-
schlechtsreifen Madchen. Wenn die hier dargelegte Interpretation richtig ist, dann
handelt es sich bei, Menstrua der Weiber‘ um eine verallgemeinernde Begriffsum-
deutung. Schliefšlich ist der Speichelfluss des Verstorbenen ein sicheres Zeichen
des Ablebens. Geburt, Heirat und Tod sind bedeutende Ereignisse, deren rituelle
Durchfūhrung aul3er Frage steht. Auf der einen Seite werden also die Kennzeichen
genannt, die die Durchfiihrung des Rituals rechtfertigen. Andererseits beinhaltet
das semantische Feld zu Sdrvas, šarvai die feierliche Ausstattung fur die Zeremonie.
Man kann wohl von korrelierten Gruppen von Ereignissen reden, denn das Ritual ist
dem eigentlichen Sterbe- oder Geburtsvorgang ja neben- oder, zumeist, nachgestellt.
Nach dem Tod folgt die Bestattung, nach der Geburt mit der Taufe die feierliche
Aufnahme des Sduglings in die Gemeinschaft. Ebenso die Hochzeit: Die Feier beglei-
tet das eigentliche Ereignis, das sich ohne festlichen, moralischen und juristischen
Rahmen ganz banal auf Entjungferung und Geschlechtsakt reduzierte.
Zur Illustration soll die folgende Tabelle dienen:
Ereignis physisches Zeugnis uber Ritual rituelle Ausstattung um dieses
ein abgeschlossenes Ereignis Ereignis feierlich zu begehen
Geburt Ausfluss (nach der Bestattung der Kleidung und Schmuck
Geburt), Nachgeburt Placenta, rituelles des Sauglings zur Taufe
Lit. Sermenys, šarvojimas, ALTPREUSS. sirmen | 19
-—
Ereignis physisches Zeugnis uber Ritual rituelle Ausstattung um dieses
ein abgeschlossenes Ereignis Ereignis feierlich zu begehen
Reife Monatsblutung (in vielen Erstes Brotbacken, Offentliche Verkostung des
(weibl.) Kulturen die physische Ohrfeige Brotes im Badehaus, Be-
Voraussetzung zur Ehe) kanntgabe der Mitgift
(Saknys 1996: 54-56)
Reife Biologische Reife Aufnahme als Pferd, Rustung, Sporen
(mannl.) Krieger i
Hochzeit Blutung beim ersten Hochzeit Mitgift, Heiratsaussteuer
Geschlechtsverkehr ji
Tod Speichel der dem Totenwache und Aufbahrung, Kleidung und
Verstorbenen aus dem Bestattung Ehrung des Verstorbenen,
Mund fliesst Grabbeigaben
Bisher keine Erorterung fand die im gegenwartigen Sprachgebrauch wohl wich-
tigste Bedeutung von šarvai ,Panzerung, (Ritter-)riistung’. Diese Bedeutung lūsst
sich unschwer hier einordnen. Es darf auch erinnert werden an Militarparaden
auch der jlingeren Geschichte und Aufmarsche in Vorbereitung auf den Krieg, an
Siegesparaden und an solche zu Jahrestagen der Siege, ebenso an feierliche Verei-
digungen der Soldaten. Auch der Bau von Triumphbdégen oder die Verabschiedung
der Rekruten weisen rituelle Elemente auf. Noch zu sowjetischen Zeiten wurden
verschiedentlich einberufene Rekruten von der ganzen Dorfbevilkerung zum Ge-
stellungsort begleitet (Juknaité 1998: 274). Nicht zuletzt gehort der Umstand, dass
in den meisten Armeen eine spezielle Paradeuniform existiert, hierher, ebenso die
Beteiligung des Militdrs an Staatsempfangen, wo auch mal mit Degen und Sdbeln
gefuchtelt werden darf. Militartechnische Bedeutung haben diese Waffen langst
nicht mehr, rituelle schon. Die religiose und rituelle Komponente des Krieges wird
ausfiihrlicher von Beresnevičius erortert (1997: 12-63), rituelle Musik im Krieg
von Seskauskaite (2002).
Mit dieser Sicht der Dinge wire es vielleicht méglich, die etymologische Ver-
bindung von šarvai etc. mit gr. kopn „Jungfrau, Madchen, Tochter!, kolpntec,
waffenfahige Jiinglinge, junge Krieger‘, von Frisk (GEW 920f.) zuriickgewiesen,
erneut zu hinterfragen.
An dem Zusammenhang von Sirmas, Sirvas ,grau, weil3‘ sowie šarmas, šarvas zu-
einander besteht auch aus formaler Sicht kaum Zweifel — wobei das -v- dem primar
zur Adjektivbildung verwendeten Suffix -u- entstammt, wie z.B. in gyvas, kreivas,
šyvas — wahrend -m- der Substantivbildung entstammt. Wenn $drvas urspriinglich
*,weilš, grau' hiefs, dann ware Sarvéti hierzu etymologisch (iterativ, durativ) *, weil
sein‘, wie gyvas: gyvoti.
20 | BERND GLIWA
Natūrliche Sprachen haben interessanterweise die Eigenschaft, vieldeutig zu sein.
So sind auch hier die Deutungsmoglichkeiten, die sich nicht notwendigerweise
widersprechen miissen, nicht erschopft.
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