Zum Ausdruck der Evidentialität im Baltischen: die litauische Partikel „nevà“
Full text
Acta Linguistica Lithuanica
LIX (2008), 57 - 80
Zum Ausdruck der Evidentialitat im
Baltischen: die litauische Partikel neva
Fiir Marianne Giedra
DANIEL PETIT
Ecole Normale Supérieure, Paris
Evidentiality is here understood as the linguistic marking of the speaker’s
distance to the contents of his utterance. In Lithuanian, evidentiality can be
expressed synthetically by means of the so-called relative mood, consisting in
the use of participles instead of finite verb forms, or analytically by means of
adverbs or particles. This paper deals with the origin of one of these particles,
Lith. neva ‘allegedly’. It is not attested before the 19th century and seems to
consist of the negative né and the presentative particle va. There are typologi-
cal difficulties, however: evidentiality is never expressed by a bare negation;
and presentative particles (like Lat. ecce, Russ. som, French voici, voila) are
known to be non-negatable. This suggests that né in neva cannot have had its
basic negative meaning. We could therefore assume it to have been used in
its comparative function (‘as, like’), which has left numerous relics in Baltic
and could go back to Indo-European (cf. OInd. nd ‘not’ and ‘as, like’).
I. EINLEITUNG!'
In der sprachtypologischen Literatur wird in der letzten Zeit dem Begriff
der Evidentialitat eine grof3e Bedeutung beigemessen?. Unter Evidentialitét
' Vortrag gehalten in der XIV. Fachtagung der indogermanischen Gesellschaft (Salz-
burg, 22. September 2008). Fir Diskussion und Hinweise danke ich Bjorn Wiemer,
Georges-Jean Pinault und Axel Holvoet.
* Wahrend die englischsprachigen Sprachwissenschaftler (z.B. Aikhenvald und Dixon
2003, Aikhenvald 2004) jetzt weitgehend die Bezeichnung evidential, bzw. evidentia-
lity verwenden, hat sich in der franzosischen Linguistik zumindest seit Lazard (1956:
149, Fufšnote 2) und neuerdings Guentcheva (1996, 2007) die Bezeichnung médiatif,
bzw. médiativité durchgesetzt — explizit mit dem Streben, der Spezifizitat des Worts
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versteht man alle Sprachmittel, die Angaben iiber die Stellung des Sprechen-
den gegeniiber dem Inhalt einer Aussage zum Ausdruck bringen. Evidentiale
Merkmale zeigen, wie der Sprechende vom Vorgang Kenntnis nahm, ob er
ihn unmittelbar erlebte oder nicht, schliefšlich auch ob er dessen Wahrheit
garantiert oder nicht. Nach Guentcheva kann Evidentialitit im engeren Sin-
ne des Wortes grundsatzlich als Nicht-Aneignung des informationellen In-
halts definiert werden“. Evidentiale Ausdrucksstrategien kénnen je nach den
Sprachen verschiedenartig erfolgen. Es gibt Sprachen, in denen Evidentiali-
tat eine sehr komplexe Kategorie sein kann. Z.B. konnen in der Sprache der
Tuyuca (Brasilien, Kolumbien) bis zu 5 Sūtzen regelmafšig gebildet werden,
je nach der Informationsquelle und je nach der Stellung des Sprechenden
gegeniiber dem Wahrheitsgehalt der Aussage*:
(1a) Diiga apé-wi „Er hat Fulšball gespielt [ich sah ihn spielen]
(1b) Diiga apé-ti „Er hat Ful3ball gespielt [ich horte ihn spielen, sah
ihn aber nicht]*
(1c) Diiga apé-yi „Er hat Ful3ball gespielt [ich sah Indizien, die zeigen,
dalS er Fulšball gespielt hat, z.B. seine Fuspur auf
dem Platz]
(1d) Diiga apé-yigi „Er hat FuBBball gespielt [ich habe die Information
von jemand bekommen]
(1f) Diiga apé-hiyi Er hat Ful8ball gespielt [die Vermutung liegt nahe]‘
Ofter driickt sich Evidentialitit im Rahmen eines binaren Kontrasts aus, in-
dem zwischen einer externen Information, von der sich der Sprechende dis-
évidence im Franzosischen gegenuber dem Englischen gerecht zu werden (vgl Gu-
entcheva, 1996: 13, Lazard, 2000: 209-210). Andere Bezeichnungen wurden eben-
falls vorgeschlagen, z.B. médiaphorique von Hagége (1995: 15). Bezeichnungen wie
testimonial, indirektiv, distanziv, imperzeptiv, quotativ, usw., sind ebenfalls gelegentlich
anzutreffen. Johanson (2000: 61) verwendet die Bezeichnung indirective.
* Guentcheva (1996: 13) : ,non-prise en charge du contenu informationnel“. Vgl.
auch Joseph (2003: 97) : ,, Evidentiality can be defined as the indication of the sour-
ce of a speaker’s information, of the modality by which that information was gained,
and/or of the speaker’s stance (i.e., attitude) towards the truth of the information.
* Klassisches Beispiel nach Barnes (1984: 255-271), s. auch Guentcheva (1996: 13).
Ein anderes Beispiel ist Fasu, eine Papuasprache, mit 6 verschiedenen Moglichkeiten
(vgl. Joseph, 2003: 98).
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Zum Ausdruck der Evidentialitat im Baltischen
tanziert, und einer internen Information, die der Sprechende als wahrheits-
getreu iibernimmt, unterschieden wird. Bekannt ist z.B. der Modus Obliguus
der ostseefinnischen Sprachen (Finnisch, Estnisch, Livisch), demzufolge Par-
tizipialformen in pradikativer Verwendung eine evidentiale Bedeutung, d.h.
eine Distanz des Sprechenden, ausdriicken, z.B. estn. Ma lugevat „Ich lese
angeblich; man sagt, daR ich lese; es heifšt, ich lase“ (mit Partizipialendung
vat)’.
Die Zahl sprachtheoretischer, bzw. sprachtypologischer Untersuchungen
ūber Evidentialitat und deren Markierung hat sich in der letzten Zeit bedeu-
tend vermehrt®. Es fallt aber auf, dal} indogermanistisch orientierte Studien
dieser Frage der Evidentialitit mit einigen Ausnahmen’ bisher fast keine
Aufmerksamkeit geschenkt haben — vielleicht schon deshalb, weil das re-
konstruierbare Indogermanische als eine Sprache galt, in der Evidentialitit
keine Rolle spielte, und sich evidentiale Bildungen erst in spiteren Phasen
der indogermanischen Einzelsprachen entwickelt haben. Bekanntlich ist Evi-
dentialitat als morphosemantische Kategorie nur in einigen modernen Spra-
chen vertreten, insbesondere im Albanischen, im Bulgarischen, im Neuper-
sischen, im Neuarmenischen sowie im Litauischen. Es ist wohl anzunehmen,
dal’ die Kategorie der Evidentialitdt der indogermanischen Grundsprache
fremd war. Dal dem uridg. Injunktiv eine evidentiale Grundbedeutung zu-
zuschreiben sei, wie Joseph unlidngst (2003) vorschlug, ist eine Behauptung,
fiir die es m.E. noch zu wenig Anhaltspunkte gibt.
Das bedeutet jedoch nicht, daR die Frage der Evidentialitét fiir Indoger-
manisten vollig uninteressant ist. Denn eine der Hauptaufgaben der moder-
nen Indogermanistik besteht darin, zu untersuchen, wie die ererbten Sprach-
strukturen zum Zustand der historischen Einzelsprachen gefiihrt haben. Die
Frage, wie Evidentialitdt entstehen kann, ist ein bisher fast unerforschtes
Thema in der Indogermanistik.
Typologisch gesehen hat man grundsatzlich mit zwei wichtigen Aus-
drucksmitteln der Evidentialitdat zu rechnen. Entweder ist Evidentialitét syn-
* Vgl. Hasselblatt (*2001: 135).
® Z.B. Chafe und Nichols, Hrsg. (1986), Guentcheva, Hrsg. (1996, 2007), Johanson
und Utas, Hrsg. (2000), Aikhenvald und Dixon, Hrsg. (2003), Aikhenvald (2004).
7 Vgl. Gren-Eklund (2000), Joseph (2003). Vgl. auch eine allgemeine Darstellung bei
Ramat (1996).
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thetischer Natur und wird in der Verbalform selbst markiert, meistens durch
urspriingliche Perfektformen, wie z.B. im Bulgarischen (z.B. Hean cnsut „Ivan
schlaft angeblich‘)® oder im Neuarmenischen (z.B. Gac“er em ,Angeblich bin
ich weg“)*; das Albanische verfiigt bekanntlich {liber einen spezifischen Mo-
dus, den sogenannten Admirativ, der u.a. eine evidentiale Bedeutung auf-
weisen kann (z.B. Puniiakam „Ich habe angeblich gearbeitet‘)!’. Oder Evi-
dentialitat wird analytisch durch Hinzufiigen adverbialer Bestimmungen
ausgedriickt. Dies ist in vielen modernen Sprachen der Fall, z.B. im Deut-
schen (angeblich, vorgeblich), im Franzosischen (apparemment, prétendument),
im Englischen (like), im Russischen (6yomo), im Polnischen (rzekomo), im
Bretonischen (hervez), im Neuarmenischen (ever), usw. Komplexere Aus-
drucksmittel sind selten; ein Beispiel findet sich im Irischen is costiil ,angeb-
lich® (< ,es gibt Anschein®).
Bekanntlich spielt die Kategorie der Evidentialitit in den baltischen Spra-
chen, insbesondere im Litauischen, eine grofše Rolle. Das Litauische kann
die Distanz des Sprechenden gegeniiber dem Inhalt einer Aussage zweifach
ausdriicken, und zwar entweder synthetisch durch den sogenannten Modus
Relativus oder analytisch durch Adverbialformen. Bei dem Modus Relativus
handelt es sich bekanntlich um die Verwendung von Partizipialformen als
Pradikaten mit evidentialer Bedeutung. Ein einfaches Beispiel:
(2a) Indikativ, wenn der Sprechende die Wahrheit der Aussage fiir ge-
sichert halt:
Danuté dirba mokykloje
„Danutė arbeitet in der Schule.
(2b) Partizip, wenn der Sprechende die Wahrheit der Aussage nicht fiir
gesichert hilt, sei es, weil sie ihm zweifelhaft erscheint, sei es, weil
er die Information nicht personlich, sondern durch eine dufiere
Quelle kennt.
Danuté dirbanti mokykloje
„Danutė arbeitet angeblich in der Schule.
“ Beispiel bei Guentcheva (1996: 54).
* Beispiel bei Donabédian (1996: 90).
'“ Beispiel bei Duchet und Pérnaska (1996: 31-46).
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Zum Ausdruck der Evidentialitat im Baltischen
Die Literatur zum Modus Relativus im Litauischen ist unūbersichtlich. Ich
verweise hier nur auf die wichtige Monographie von Axel Holvoet, Mood
and Modality in Baltic (2007), in dem ein Kapitel dem Modus Relativus ge-
widmet ist (S. 81-127)'!. Es wird oft angenommen, dal} der Modus Relati-
vus durch den Kontakt mit den ostseefinnischen Sprachen entstanden ist.
Sprachtypologisch gesehen ist aber zu bemerken, dal} Evidentialitédt oft aus
urspriinglichen Perfektbildungen stammt, was fiir die Partizipialformen des
Baltischen auch passen wiirde, insofern sie in der Ausbildung von periphras-
tischen Perfekten eine wichtige Rolle spielen. Eine interne Deutung ist also
durchaus moglich.
Neben dem Modus Relativus gibt es im Litauischen eine ganze Reihe von
Adverbien, bzw. Partikeln, die eine evidentiale Bedeutung tragen konnen.
Bisher wurden sie nur skizzenhaft in einer Monographie von Roman Roszko
(1993) sowie in einem wichtigen Aufsatz von Bjorn Wiemer (2007) gesam-
melt und untersucht. Man hat sich aber die Frage nach ihrem Ursprung
meist nicht gestellt. Gegenstand der vorliegenden Untersuchung ist die Her-
kunft einer eben solchen evidentialen Partikel, namlich lit. neva ,angeblich’.
2. DIE PARTIKEL neva: PHILOLOGISCHER BEFUND
Uber die Herkunft der litauischen Partikel neva ,angeblich® wurde bisher
sehr wenig geschrieben. Sie wird nur kurz von Fraenkel (LEW, 498) behan-
delt; sie fehlt ganz in dem unldngst erschienenen etymologischen Worter-
buch der litauischen Sprache von Wojciech Smoczynski (2007). Selbst der
philologische Befund bleibt wenig erforscht. Soweit ich sehe, ist diese Parti-
kel im altlitauischen Schrifttum nicht bezeugt. Die ersten Belege gehen auf
das 18. Jahrhundert zuriick. Im handschriftlichen Worterbuch von Jakob
Brodowski (1713-1744) tritt das Wort neva ,angeblich® zum ersten Mal auf.
Anfang des 19. Jahrhunderts wird es im Worterbuch von Christian Gottlieb
Mielcke durch folgendes Beispiel illustriert (1800: 564):
(3) Christian Gottlieb Mielcke, Littauisch-deutsches und Deutsch-littaui-
sches Worter-Buch (1800):
Neva būk nekaltas esąs
,als ob er unschuldig ware [angeblich unschuldig]'
"1 Aus der alteren Literatur s. noch Ambrazas (1977). S. auch Wiemer (2006).
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Im 19. Jahrhundert taucht das Wort langsam in der Literatur auf, interes-
santerweise zunachst nur im unformellen Sprachgebrauch oder in wenig
formalen literarischen Gattungen. Charakteristisch ist z.B. der Gebrauch von
neva in Marchensammlungen, denen oft gesprochene mundartliche Varian-
ten zugrundeliegen. Man findet z.B. in den Lietuviškos Pasakos von Jonas
Basanavičius (1898: I, 178)'%
(4) Jonas Basanavičius, Lietuviškos Pasakos (1898):
O tas vaikinas ir neva nusidave girtu, atsigules ant lovos, keline tq užsi-
smauké ir neva miegti.
,Und der Bursche stellte sich betrunken, im Bett liegend, zog die
Hosen auf sich und stellte sich schlafend.’
Im 20. Jahrhundert ist das Wort in literarischen Werken haufiger belegt,
insbesondere in Romanen und Novellen, die nach Wiedergabe der gespro-
chenen Sprache streben. z.B. bei Schriftstellern wie Mykolaitis-Putinas,
Sruoga oder Tumas-Vaižgantas. Man hat z.B. bei Juozas Tumas-Vaižgantas
(1869-1933)":
(5) Juozas Tumas-Vaižgantas (1869-1933):
Saviski, tušti Aleksio įrodymai labiau jtikindavo Jokūbą, negu labai
išmintingi ir neva mokslingi privedžiojimai.
„Die eigentūmlichen und leeren Erklarungen von Aleksis ūberzeug-
ten Jakob mehr als sehr verniinftige, angeblich wissenschaftliche
Tauschungen.“
Eine andere literarische Gattung, in der der Gebrauch von neva bevorzugt
zu sein scheint, ist Privatliteratur, z.B. Privatbriefe oder Memoiren, die
durch einen einfachen, der gesprochenen Sprache nahen Stil gekennzeich-
net werden. Man findet die Partikel neva z.B. in der Autobiographie des
Ostpreulšenlitauers Vilius Gaigalaitis (1870-1945):
(6) Vilius Gaigalaitis (1870-1945):
'2 Ahnlicher Gebrauch in den Litauischen Marchen und Erzahlungen von Christoph
Jurkschat (1898: 124). Vgl. LKZ 749.
VIII
13 Zitiert nach dem LKŽ.,,, 749.
VIII
'4 S. Kaukiene (1997: 323).
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Zum Ausdruck der Evidentialitat im Baltischen
Buvome į blogą garsą įklampyti, neva neištikimi esanti?
„Genossen wir einen schlechten Ruf, als ob wir untreu waren?
Charakteristisch ist die Tatsache, dal} die Partikel neva bis zu den drei-
(šiger Jahren des 20. Jahrhunderts von den Puristen nicht empfohlen oder
gar als Barbarismus verworfen wurde. 1911 schrieb der beriihmte litauische
Grammatiker Jonas Jablonskis in einem Brief, das Wort neva in der Bedeu-
tung ,wie‘ (= lyg) sei unkorrekt'. Im litauisch-russischen Worterbuch von B.
Sereiskis (1933: 511) wird die Partikel neva durch russ. 6ydmo, kax-6yomo,
6yomo-6ut ,angeblich® wiedergegeben und durch ein Beispiel illustriert:
(7) B. Sereiskis, Lietuviskai-rusiskas žodynas (1933):
Jie sako, neva as sutrukdZiau visą dalyką.
„Sie sagen, dal} ich die ganze Sache angeblich gestort habe.
Sereiskis betont aber ausdriicklich, da neva mit dem Modus Relativus in
der Bedeutung ,daf3... angeblich... weniger korrekt ist als die Standardkons-
truktion kad (+ Mod. Rel.). Einige Jahre spater (1935) tadelte der Gram-
matiker Juozas Balčikonis in einer Rezension den Schriftsteller Vincas My-
kolaitis-Putinas fiir den Gebrauch von neva in einem Satz seines Romans
Altorių Sesély'®. Nach Balčikonis sei neva ein Slavismus; er wiederholte mehr-
mals dieselbe Meinung (vgl. RR, 148 und 331). Erst neuere Worterbiicher
verzeichnen das Wort als neutral. Im grofen Worterbuch von Niedermann,
Senn, Salys und Brender (1951: II 180) findet man zahlreiche Belege, z.B.:
(8) Niedermann, Senn, Salys und Brender (WIS, 180):
žinios neva apie einančias derybas
„Nachrichten ūber angeblich im Gange befindliche Verhandlungen'
(9) Niedermann, Senn, Salys und Brender (WIS, 180):
vaistai, kurie neva palengvina kentėjimą
„Heilmittel, die vorgeblich den Schmerz lindern“
Im Standardworterbuch der litauischen Sprache (Dabartinės lietuvių kalbos
žodynas, DZ “2000: 423) wird neva durch tarsi, lyg ,sozusagen, wie‘ erliutert
'> Vgl. Pirockinas (1986: 164). S. auch Jablonskio laiškai, hrsg. von A. Piro¢kinas,
Vilnius (1985: 28, 29).
'* Der Satz von Mykolaitis-Putinas lautet: jausdamasis neva kaltas ,sich wie schuldig
fiihlend® (Altorių šešėly, I 233, 6).
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DANIEL PETIT
und durch zwei Beispiele illustriert, unter denen ich hier nur eines anfiihren
mochte:
(10) Dabartinės lietuvių kalbos žodynas, DZ “2000 (vgl. LKZ
Atrodo, neva serga.
„Es scheint, als ob er krank ware.’
749):
VIII
In der heutigen litauischen Sprache ist der Gebrauch von neva iblich.
Roszko (1993: 53) und Wiemer (2007) fiihren mehrere Beispiele insbeson-
dere aus der Presse an. Als charakteristisches Beispiel kann man folgendes
vorbringen:
(11) Roszko (1993: 54):
Kiti astronautai, nusileidusieji Mėnulyje, juokiasi iš pasakų, kuriose
neva susitikę su ateiviais iš kitų pasaulių.
„Andere Astronauten, auf dem Mond gelandet, machen sich iiber
die Geschichten lustig, in denen sie angeblich Bewohner anderer
Welten hatten treffen sollen.‘”
Es ist schlieflich keine Uberraschung, daR die Partikel neva in den li-
tauischen Dialekten ziemlich gut belegt ist, denn die mundartlichen Auf-
nahmen, die meist seit den fiinfziger Jahren des 20. Jahrhunderts gemacht
wurden, sind ja eine lebenswahre Wiedergabe der gesprochenen Sprache.
In den sogenannten ,kapsischen“ oder ,zanavykischen*“ Dialekten, die zur
westlichen hochlitauischen Zone gehoren (in der Nahe des Flusses Nova),
wird die Partikel neva (néva) haufig verwendet. Da der Modus Relativus in
diesem Dialekt fast vollig verloren ging, wird neva (néva) meist mit Indika-
tivformen verbunden. Die Bedeutung ist oft evidential, wie aus folgendem
Beispiel ersichtlich wird:
(12) Zanavykischer Dialekt von Griskabudis (ZŠŽ, 270):
Neva g'ee.rt karéivei prašo: ale iš tikro: i:_maeerga[s] ž'ūri.
„Angeblich bitten die Soldaten, etwas zu trinken, aber in der Tat
gucken sie sich die Madchen an.“
Bemerkenswert ist der Kontrast zwischen néva ,angeblich“ und iš tikro „in der
7 Vgl. Roszko's polnische Ūbersetzung: Inni astronauci, ktérzy wyladowali na Ksiežycu,
šmieją się z opowiešci, w ktérych niby sie spotkali z przybyszami z innych šwiatdw.
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Zum Ausdruck der Evidentialitat im Baltischen
Tat’. Es ist jedoch auffallig, dalš n@va (néva) in demselben Dialekt manchmal
eine allgemeinere Bedeutung (,sozusagen, wie‘) ohne evidentiale Nuance
aufweist, z.B.:
(13) Zanavykischer Dialekt von Griskabudis (ZŠŽ, 270):
Jiz dė-ši[m] me-tu neva gavo.
„Er erreichte ungefahr [< sozusagen, wie] zehn Jahre.“
In demselben Dialekt ist gelegentlich auch eine Variante navago-s (névagos)
zu treffen'®, z.B.:
(14) Zanavykischer Dialekt von Griskabudis (ZSZ, 270):
Nevago-z bando- stuba- pasistati-t.
,Angeblich versucht er, ein Haus zu bauen.
Weitere Beispiele (s. LKZ
dartlichen Quellen.
Es besteht also Grund zur Annahme, dal? es sich bei der Partikel neva ,,an-
geblich” um ein populares Wort handelt, das erst spit in die geschriebene
Sprache, insbesondere in sprachnormorientierte, bzw. puristische Schriften,
integriert wurde. Dies kann auch die Tatsache erkldaren, da das Wort in der
altlitauischen Literatur, soweit ich weil}, nie bezeugt ist: Diese Literatur, die
fast ausschliel3lich religioser Natur ist, gehort ja zum gehobenen Stil. Auffal-
lig ist der Umstand, dal neva von einer gewissen puristischen Tradition als
unkorrekt oder gar als Slavismus verworfen wurde. Diese Eigentiimlichkeit
der Partikel neva mul} jeder, der sich um deren Herkunft kiimmert, bertick-
sichtigen.
vi, 749) zeigen ein deutliches Uberwiegen der mun-
3. HERKUNFT DER PARTIKEL neva
Bevor ich die Frage nach der Herkunft der Partikel neva zu beantworten ver-
suche, mochte ich auf eine Besonderheit ihres Gebrauches hinweisen. Neva
kann im Satz zwei Funktionen haben, es kann als Adverb (15a = dt. angeb-
lich, poln. rzekomo) oder als Konjunktion (15b = dt. daf...angeblich, poln.
jakoby) fungieren. Dafiir zwei Beispiele aus der Monographie von Roszko
(1993: 53):
'8 Weitere Belege s. Senkus (KD 130) und LKZ,_ 749,
VIII
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DANIEL PETIT
(15a) Roszko (1993: 53):
Pateikiama ano meto statistika, kuri neva turi parodyti, kaip en
tuziastingai balsavo Lietuva.
„Es wird eine Statistik jener Zeit ausgestellt, die angeblich zeigen
soll, mit welcher Begeisterung Litauen abgestimmt hat.“ '*
(15b) Roszko (1993: 53):
Ėmė sklisti gandai, neva nedirbs M. M. Mažvydo nacionalinė bib-
lioteka.
„Gerūchte begannen umzulaufen, dal} die Nationalbibliothek
M. Mažvydas nicht arbeiten wūiirde.“ *"
Diese Ambivalenz laf3t sich m.E. durch die Reanalyse urspriinglich paratak-
tischer Konstruktionen erklaren. Beispiel 10 (atrodo, neva serga ,es scheint,
als ob er krank ware‘) lalšt tatsachlich beide Deutungsmoglichkeiten offen:
Entweder ist neva Adverb in einer asyndetischen Struktur (,es scheint, an-
geblich ist er krank“) oder Nebensatzkonjunktion (,es scheint, dal’ er krank
ist’). Gerade in solchen Kontexten konnte der Gebrauch von neva als Kon-
junktion entstehen. Urspriinglich war neva wohl nur Adverb.
Was nun die Herkunft von neva betrifft, so miissen einige Fakten zu-
nachst in Betracht gezogen werden.
Zuerst die Betonung. In der heutigen litauischen Sprache ist Endbetonung
regelmaldig (neva), aber eine mundartliche Variante mit Anfangsbetonung
(neva) ist auch bekannt. Diese Schwankung ist sehr auffdllig. Eine derarti-
ge Akzentvariation ist in einem unflektierbaren Wort grammatischer Natur
schwer verstandlich. Aulšerdem widerspricht die Variante néva einem fiir
das Litauische charakteristischen Lautgesetz, demzufolge der Vokal e (sowie
a) im Inlaut in offener Silbe gedehnt wird und den Schleifton bekommt: Man
wiirde *néva erwarten (wie z.B. in lit. kévalas ,Eierschale’, klévas ,Ahorn’,
dréeve Akk. ,Hohlung in einem Baumstamm‘, usw.), nicht néva mit Gravis.
Bekanntlich bezeichnet der Gravis im Litauischen betonte Kurzvokale. Of-
fensichtlich trat hier die zu erwartende Dehnung nicht ein.
Ein weiteres Problem ist die Tatsache, dafš eine Sequenz *-ev- vor Hinter-
* Roszko: Przytaczana jest statystyka z tamtego okresu, ktéra ma rzekomo pokazaé, jak
entuzjastycznie miata gtosowač Litwa.
** Roszko: Poczely rozchodzic sie plotki, jakoby biblioteka narodowa imienia M. Mazvy-
dasa miata nie pracowac.
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Zum Ausdruck der Evidentialitat im Baltischen
vokal im Litauischen regelmalšig zu *-av- wird; *-ev- wird nur vor Vorder-
vokal erhalten. Demzufolge hat man z.B. savas ,sein, eigen‘ (< idg. *seu-o-,
gr. £€6¢) gegeniiber devyni ,neun‘ (< *dev-in- mit sekunddrer Dehnung zu
*dev-yn- nach aštuoni ,acht’ < idg. *h,neu-n, lat. nouem). Die Erhaltung der
Sequenz *-ev- vor dem Hintervokal *-a in neva ist erklarungsbediirftig®'.
All diese Probleme konnen eine Losung finden, wenn man annimmt, dad
neva aus zwei urspriinglich unabhéangigen Wortern *né + *va zusammenge-
setzt ist. Nur diese Vermutung macht verstandlich, warum der Vokal ė im
Inlaut nicht gedehnt wurde: Er stand urspriinglich nicht im Inlaut, sondern
im Auslaut eines unabhéangigen Wortes (*né) und in dieser Position trat die
in Frage stehende Dehnung nicht ein. Diese Annahme macht auch verstdnd-
lich, warum die Sequenz *ev nicht zu *av wurde: Die Univerbierung von *né
und *va mull jiinger sein als der Lautwandel *ev > *av vor Hintervokal.
Schlieflich ist die Akzentschwankung (neva / néva) unter der Annahme, daiš
hier zwei urspriinglich autonome Worter vorliegen, durchaus verstandlich;
sie reflektiert entweder die Betonung des ersten Glieds oder die des zweiten.
Neva mull demnach wahrscheinlich als spate Univerbierung zwei unabhén-
giger Worter *nė + *va aufgefallt werden.
Angesichts dieser Fakten liegt die Annahme nahe, dal} das erste Glied
von neva die indogermanische Negation *né fortsetzt. Es ist bemerkenswert,
dal} einige der oben beschriebenen Besonderheiten des Worts neva Paralle-
len in der Negation haben: Bei der Negation auch tritt keine Dehnung des
Vokals e vor (z.B. nékalba ,er spricht nicht‘); der Lautwandel *-ev- > *-av- ist
ihr auch fremd (z.B. nevalgo ,er it nicht‘); schlieflich ist auch der Akzent
ahnlicherweise mobil (z.B. nékalba / nevalgo). Dal} die Negation in dieser
Struktur urspriinglich unabhédngig war, ist keineswegs iiberraschend; die re-
gelmallige Univerbierung (z.B. lit. nesdko ,er sagt nicht‘) ist sekundar??. Die
Frage ist nun, welche Rolle eine Negation bei der Entstehung einer eviden-
tialen Partikel spielen konnte. Hier beginnen typologische Schwierigkeiten.
Das Litauische verfiigt iiber andere Partikeln, die eine evidentiale Bedeu-
“I Eine Variante nava ist sehr selten.
** In der Vorgeschichte der baltischen Sprachen war die Negation noch ein autonomes
Wort. Davon zeugen Spuren von Tmesis im AltpreuBischen (apr. neggi “noch, und
nicht” < *ne-gi + Verb, III 31,, 33 , 45,, 109 ,) sowie im Litauischen (z.B. nesidiioda
“er gibt sich nicht” < *ne-si-diioda).
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DANIEL PETIT
tung innehaben®. In semantischer Hinsicht lassen sich diese Partikeln in
mehrere Untergruppen klassifizieren. Es kann sich um Verbalformen han-
deln, insbesondere aus dem Wortfeld des Sprechens, wie z.B. sdko (< ,man
sagt’ aus sakyti ,sagen‘), tarsi (< ,du wirst sagen‘ aus tarti ,sagen‘), tartum
oder tarytum (< ,du wiirdest sagen‘ ebenfalls aus tarti ,sagen‘). Sie konnen
auch auf dem Existenzverbum būti ,sein‘ beruhen, im Modus Relativus (esq,
Partizip Aktiv Nt.) oder im Imperativ (būk, mit Variante biiktai, vielleicht
Nachahmung von russ. 6yomo). Evidentialitdt kann schlieRlich durch Ver-
gleichspartikeln ausgedriickt werden, z.B. durch lyg ,wie‘ (mit Variante lyg-
tai). Aulšer neva ist die am weitesten verbreitete Partikel nun esą. Zwischen
beiden Partikeln scheint der Unterschied darin zu bestehen, dal} neva eine
grollere Distanz des Sprechenden als esą ausdriickt. Diese Frage bediirfte
noch einer griindlicheren Untersuchung. Dieselben Kategorien lassen sich
auch in anderen indogermanischen Sprachen, in denen Evidentialitit als eine
markierte Kategorie fungiert, nachweisen. Oft liegen evidentialen Partikeln
urspriingliche Verbalformen mit der Bedeutung ,sprechen, sagen‘ zugrunde,
wie z.B. dt. angeblich (< angeben), fr. prétendument (< prétendre), pol. rzeko-
mo (< rzec ,sprechen’), heth. -ua(r)- (< *-uorh,-, vgl. gr. eipw ,sprechen‘)?.
Ebenso oft sind evidentiale Partikeln aus urspriinglichen Vergleichspartikeln
entstanden, wie z.B. engl. like (< ,wie), russ. axobu (< jako ,wie‘ + Kon-
ditional by). Manchmal stammen evidentiale Partikeln aus Existenzverben
(vgl. russ. 6yomo < Imper. Sg. 2 *bodi + -to) oder aus Verben, die das
Scheinen, bzw. Erscheinen bezeichnen (vgl. fr. apparemment, ir. is costiil „es
gibt Anschein®). Im Bretonischen ist hervez ,angeblich‘ urspriinglich eine Pra-
position ,nach, laut’, die die indirekte Quelle der Information angibt®. Der
Vergleich aufler-indogermanischer Sprachen bestitigt dieselben Tendenzen
bei der Ausbildung evidentialer Partikeln.
Auffallig ist aber, dal keiner evidentialen Partikel eine negative Bildung
zugrundeliegt. Und dies ist wahrscheinlich kein Zufall. Evidentialitat driickt
die verschiedenen Stufen der Distanz aus, die den Sprechenden und das
Gesprochene trennen kann. Sie setzt nicht unbedingt, oder nicht in erster
** Zu den evidentialen Partikeln des Litauischen s. grundsatzlich Wiemer (2007).
# Zum Hethitischen s. Kloekhorst (2008: 958).
* Vgl. Hemon (1975: 94) : according to".
Zum Ausdruck der Evidentialitat im Baltischen
Linie, eine Negierung der Realitat voraus. Sprachtypologisch gesehen steht
fest, dalš Evidentialitat nirgends als Negierung des unmittelbaren Erlebnis-
ses aufgefasst wird.
Eine zweite typologische Schwierigkeit hangt mit der Deutung des zwei-
ten Glieds -va zusammen. Angenommen, dal} es sich um ein urspriinglich au-
tonomes Wort handelt, liegt die Vermutung nahe, dal? es mit der deiktischen
Partikel va ,da! hier! siehe da! schaue!‘ identisch ist. Diese Partikel, die in
gesprochenen Sprache ziemlich haufig Verwendung findet, wird durch ihren
populdren Charakter gekennzeichnet. Sie fehlt ganz in der altlitauischen Li-
teratur; ihre ersten Belege gehen auf das Ende des 19. Jahrhunderts zuriick
(s. Būga, RR, 328, RR, 47). Ihrer Funktion nach erinnert sie an Formen, die
in anderen Sprachen unter dem Cover-Namen prdsentative Partikeln zugeord-
net sind, z.B. russ. som, lat. ecce, fr. voici, voila, usw. Die Funktion solcher
Formen ist namlich, eine unmittelbar vor den Augen stehende Realitét stark
deiktisch zu prasentieren. In den meisten Fallen kann va durch den franzosi-
schen Prasentativ voici oder voila iibersetzt werden. Beispiele:
(16a) Jan Otrebski, GJL,, 371:
Va, ką as radau.
„Siehe da, was ich gefunden habe! (fr. ,Voici ce que j'ai trouvé!)
(16b) Hochlitauischer Dialekt von Pivašiūnai (s. LKZ 763):
Dabar va laiko y[ra].
„Nun gibt es wirklich Zeit‘ (fr. ,Voila, il y a du temps.*)
(16c) Hochlitauischer Dialekt von Pivašiūnai (s. LKŽ, 763):
AS va pinigy turiu.
,Siehe, ich habe Geld! (fr. ,Voila, j'ai de I'argent.‘)
Eine Variante va (mit Dehnung) ist seltener belegt, z.B. :
(17) Hochlitauischer Dialekt von Miežiškiai (s. LKZ, 763) :
Va keturi arkliai — pasigauk katrą nori.
„Siehe da vier Pferde — nimmt dasjenige, das du willst (fr. ,Voici
quatre chevaux — prends celui que tu veux!‘)
Angenommen, dal’ ein etymologischer Zusammenhang zwischen va und
neva besteht, ist zu bemerken, dal beide Formen durch denselben populédren
Charakter gekennzeichnet werden. Beide sind spat bezeugt, zundchst nur
in umgangssprachlichen Texten oder in Dialektaufnahmen, beide gehoren
69
DANIEL PETIT
offensichtlich zur gesprochenen Sprache. Ich vermute, da die Partikel va
dafiir verantwortlich ist und neva eben ihr diesen Charakter verdankt.
Dalš neva von einigen litauischen Grammatikern als Slavismus betrach-
tet wurde, hangt wohl mit der falschen Auffassung zusammen, va sei aus
dem Russischen som ,siehe da! schaue!* entlehnt. Diese Annahme ist aber
unbegriindet. Būga (RR, 46, RR 826) halt va mit Recht fiir ein rein litau-
isches Wort (savas žodis). Eine Entlehnung aus dem Russischen hitte nicht
va, sondern vat ergeben. Diese Form vat tritt allerdings tatsdachlich in einigen
litauischen Dialekten auf®®, aber sie darf nicht mit der Partikel va identifi-
ziert werden. Hochstens konnte man annehmen, da’ va und vat angesichts
ihrer volligen Synonymie und ihrer phonetischen Ahnlichkeit sekundir als
freie Varianten derselben Partikel empfunden wurden. Von urspriinglicher
Identitat darf keine Rede sein. Interessanterweise gibt es neben va / vat kein
entsprechendes Paar neva / *nevat®.
Neben va gibt es Varianten mit weiteren deiktischen, bzw. emphatischen
Partikeln, z.B. vage (LKZ, 814), vagi KZ... 815), usw. Nach dem Modell
von niekada / niekados „nie, niemals‘ wurde zu va eine dehnstufige Form vos
(s. LKZ, , 957) geschaffen?. Ahnlicherweise wurde neben *neva-ga (mit Par-
tikel -ga) eine Variante névagos gebildet, die u.a. in den Dialekten von Sakiai,
Geistarai, Žalioji (in der Nihe von Vilkaviškis) bezeugt ist. Andere Varianten
sind vielleicht hier einzuordnen, z.B. vai (LKZ, 831), vaigi (LKZ_ 847),
vaje AKT... 980), vajai (LKZ, 979), obwohl unsicher bleibt, ob hier tat-
sachlich dieselbe Partikel vorliegt, da die Bedeutung etwas verschieden ist.
Vai und vajė driicken eher einen Ausruf des Erstaunens aus. Schlief3lich ist
auch auf eine Variante vė (LKZ 460) hinzuweisen, die genau dieselbe Be-
deutung wie va aufweist (,siehe da! schaue!‘) und meist in niederlitauischen
Dialekten bezeugt ist; eine Variante végi (KZ, 502) ist aulšerst selten. Wie
der urspriingliche Auslautsvokal zu rekonstruieren ist (*va oder *vė), lafšt
sich angesichts der Unstabilitat der Ablautverhiltnisse in der Morphologie
der Partikeln kaum entscheiden.
?6 S. die Belege in LKZ 391.
XVIII
“* Eine Form nėvat ist zwar in den litauischen Dialekten gelegentlich bezeugt, aber
nur als Lehnwort aus dem Polnischen nawet ,sogar‘. Vgl. AYA 270.
** Diese Form ist sehr selten (wahrscheinlich wegen der Homonymie mit der weit
verbreiteten Partikel vos .kaum, schwerlich®).
70
Zum Ausdruck der Evidentialitat im Baltischen
Die Herkunft der Partikel va ist dunkel. Wahrscheinlich handelt es sich
ursprūnglich um einen deiktischen Stamm. In anderen indogermanischen
Sprachen gibt es deiktische, bzw. anaphorische Partikeln, die zu einem
Stamm *uo- gehoren, z.B. russ. esa ,da, sieh da!“ s.kr. évo ,da, da schau! (aus
*e-uo). Man konnte z.B. annehmen, dal va eine neutrale Form dieses Stam-
mes in adverbialer Verwendung fortsetzt, etwa idg. *uo(d) ,auf diese Weise,
so“ (oder mit lokativer Bedeutung hier‘). Verschiedene Pronominalformen,
die auf *e/o-uo- beruhen, sind auch zu erwdhnen: slav. *ovo- (aksl. ove ...
OVb O pgv, O Og, russ. oa, s.kr. ovaj, sloven. dv, tsch. ov, pol. ow ,dieser’,
vgl. auch apol. owo ,ecce’), i.-ir. *ava- (avest. auua-, apers. ava- dieser’,
aind. avos Gen. Du. ,jener beiden‘)*. Eine Verkniipfung mit der altindischen
hervorhebenden Partikel vavd ,gerade, gewif3, eben‘ (mit Reduplikation und
Doppelbetonung) ist moglich. Ob auch aind. vdi ,wahrlich, fiirwahr“ (vgl.
avest. uoi ,wahrlich” Y 36, 3) dazu gehort oder gar mit lit. véi ,sieh da!‘ un-
mittelbar zu vergleichen ist, mu} als unsicher angesehen werden, solange
die Struktur der Partikel nicht geklart wird®’. Nebenbei sei bemerkt, dal}
im Altindischen die Partikel vdi negiert werden kann, vgl. nd vdi ,wahrlich
nicht, tiberhaupt nicht, ja nicht RV+ (s. auch javest. na-uua “durchaus
nicht”).
Die Annahme liegt also nahe, dal neva aus zwei Teilen {Negation nė +
Prasentativ va} besteht. Hier wird man aber mit einer zweiten typologischen
Schwierigkeit konfrontiert. Sprachtypologisch ist bekannt, dafš prasentative
Partikeln in den meisten Sprachen negationsunfiahig sind. Im Franzosischen
z.B. diirfen voici, voila nicht negiert werden: Neben voici/voila des fleurs sind
*voici/voila pas des fleurs unmoglich®'. Im Lateinischen gibt es neben dem
* Trautmann (BSW 20), Vasmer (III 116-117), Hoffmann und Forssman (1996: 167),
Kent (1953: 85). Russ. eom gehort nicht hierzu, denn es ist als *v-oto (mit *v-Prothe-
se) zu deuten und mit poln. oto ,dss.” zu vergleichen.
* Im Litauischen kann véi analogisch zu néi “nicht, als” (< *ner mit unklarem Akut)
sein.
“* Es ist zu bermerken, dal’ die franzosische gesprochene Sprache eine Negierung
von voila, aber nur in der Form einer rhetorischen Frage bilden kann: voila-t-il pas,
vgl. Voila-t-il pas Monsieur qui ricane dėja? (Moliére, Tartuffe, I 1), vgl. auch Voula-t-
il pas de quoi pousser des cris simistres! (Victor Hugo, Ruy Blas III 5). Weitere Belege
bei Grevisse (1986 : 642, § 387). Die Prasentativpartikel voila ist aber als solche
negationsunfahig.
71
DANIEL PETIT
Prasentativ ecce ,sieh da, schaue!‘ kein negatives Gegenstiick *non ecce. Das-
selbe gilt fiir den russichen Prasentativ eom, dem kein *nesom gegeniiber-
steht, sowie fiir lit. štai, das ebenfalls isoliert ist (kein *nestai). Robert Forest
(2000: 21-31) hat gezeigt, dal’ diese Unmoglichkeit, prasentative Partikeln
zu negieren, fast eine Universalie in den Sprachen der Welt bildet. In der
Sprache der Peul (Afrika) z.B. ist ein Satz wie padao i ,siehe da ein/das
Feld! (fr. ,voila un/le champ‘) negationsunfahig. Der Ansatz einer negativen
Struktur *ne-va auf der Basis des Prasentativs va ware im Litauischen eine
typologische Inkongruitat.
Diese Situation ist exemplarisch fiir die Probleme, mit denen die heutige
Indogermanistik konfrontiert wird. Was soll man machen, wenn eine ety-
mologische Rekonstruktion der Sprachtypologie widerspricht? Es ist heu-
te nicht mehr denkbar, typologische Unmoglichkeiten einfach in Kauf zu
nehmen und sich so zu verhalten, als gabe es sie nicht. Man mul die typo-
logischen Widerspriiche fiir genauso zwingend halten wie die Evidenz der
historischen Laut- und Formenlehre. Das heif’t in unserem konkreten Fall:
Wenn die Rekonstruktion von neva als {Negation nė + Prédsentativ va} sich
als typologisch unmoglich erweist, mul’ sie irgendwie falsch formuliert sein
und unbedingt durch eine andere Rekonstruktion ersetzt werden.
Das Problem liegt m.E. in der Negation né. Eine Negation ist hier aus den
zwel Griinden, die oben angegeben wurden, unerwartet. Erstens wird Evi-
dentialitat nirgends durch Negierung der Realitit ausgedriickt. Und zwei-
tens ist eine prasentative Partikel wie va normalerweise negationsunfahig.
Es ist also anzunehmen, dal} nė eine andere Funktion besitzt als die einer
Negation.
4. NEGATION UND VERGLEICH IM LITAUISCHEN
Es ist bekannt, dal} die negative Partikel *né in den baltischen Sprachen
auch eine vergleichende Funktion haben kann. Die Frage wurde bereits Ge-
genstand mehrerer Untersuchungen. Ich verweise hier insbesondere auf den
wichtigen Aufsatz von Georges-Jean Pinault iiber Negierung und Vergleich
im Vedischen (1985), der auch viel baltisches Material anfiihrt (s. insb. S.
131-132)”. Im heutigen Litauischen beschrankt sich diese vergleichende
** 8. auch Pinault (1989: 53-74). Viel Material auch bei Būga (RR, 470-471).
72
Zum Ausdruck der Evidentialitat im Baltischen
Funktion fast ausschliefšlich auf komparativischen Strukturen, wo erwei-
terte Formen der Negation nei oder negū (selterer nekaip) die Erganzung
einfūhren. Beispiele aus der altlitauischen (18a) sowie aus der modernen
litauischen (18b) Sprache:
(18a) J. Bretkūnas, Postilė (1591: 37, 17-18)*
Tassai daug geresnis ira nei wissu praraku Seno Sokano.
Dieser ist viel besser als alle Propheten des Alten Testaments'
(18b) Hochlitauischer Dialekt von Naujamiestis (LKŽ,,, 621)
Geriau duoti, negu prašyti.
„Es ist besser zu geben als zu bitten.“
In der litauischen Standardsprache werden in dieser Funktion nur noch nei
oder negu (und nekaip) verwendet, aber in den alten Texten und Dialekten ist
manchmal auch einfaches né nach Komparativformen zu treffen, z.B.:
(19) Jakob Brodowski, Lexikon Germanico-Lithvanicum et Lithvanico-
Germanicum (1713-1744)*
Keturios akys daugiaus mato ne viena.
,Vier Augen sehen besser als eines.
Aufšer den komparativischen Strukturen, wo die Negation nė die Funkti-
on einer vergleichenden Partikel besitzt (vgl. die Parallelkonstruktion: Kom-
par. + kaip ,wie‘), lafšt sich ein freierer Gebrauch von nė als Vergleichspar-
tikel (,wie') nur noch in den alten Texten nachweisen®. Man findet z.B. im
ersten litauischen Worterbuch (Sirvydas DTL III 84):
(20) Konstantynas Sirvydas, Dictionarium trium linguarum (*1643) s.u.
jakoby :
Ne zerkatas žiba.
,Wie ein Spiegel glanzt er.“
Im 18. Jahrhundert findet man denselben Gebrauch noch bei J. Brodowski
(1713-1744):
** Beispiel und Analyse bei Leskien (1903: 111).
** vgl. LKZ,, 596.
5 Vgl. LKZ,, 597.
73
DANIEL PETIT
(21) Jakob Brodowski, Lexikon Germanico-Lithvanicum et Lithvani-
co-Germanicum (1713-1744):
Auga vaikai ne girioj medžiai.
„Kinder wachsen wie Baume in einem Wald.“
Erweiterte Formen der Negation konnen ebenfalls diese Funktion aufwei-
sen, z.B.:
(22) Hochlitauischer Dialekt von Suvalkų Naumiestis (Būga RR
826):
piktas nėi velnias
„bose wie der Teufel
Diese Ambivalenz der Negation nė (,nicht / wie‘) stellt eine Altertiim-
lichkeit des Litauischen dar. Eine Parallele liegt im Vedischen vor, wo die
Partikel na bekanntlich entweder als Negierung® oder als Vergleichsparti-
kel” fungieren kann. Im Rig-Veda ist der vergleichende Gebrauch von nd
sogar haufiger belegt als der negative; in dieser Bedeutung konkurriert nd
kontexbedingt mit iva (man hat iva nach Vokal, nd nach Konsonant)?®. Es ist
anzunehmen, dal die vergleichende Funktion sekundir aus der negativen
Funktion entstanden ist, und zwar durch Uminterpretierung sogenannter
,Negativvergleiche‘ (comparaisons négatives). Nehmen wir mit Pinault (1989:
64) als Beispiel RV VI 10.2:
(23) RV VI 10.2
Ghrtam na šūci matdyah pavante.
„Rein wie Schmalz klaren sich (meine) Gedanken.*
Urspriinglich war der Satz als negativer Vergleich zu deuten, etwa: Nicht
der Schmalz ist rein, rein sind die Gedanken, die sich klaren“. Spater wurde
er uminterpretiert als ,Rein wie Schmalz klaren sich (meine) Gedanken'.
Diese Stilfigur, der negative Vergleich, ist auch in der litauischen Volksdich-
** Z.B. RV IV 30.19 : nd tdt te sumndm dstave ,diese deine Giite ist nicht [mit Worten]
zu erreichen‘. Vgl. Pinault (1985: 115).
“* Z.B. RV VI, 10.2 : Ghrtdm nd šūci matdyah pavante ,rein wie Schmalz kliren sich
(meine) Gedanken‘. Vgl. Pinault (1989: 64).
** Zum Vedischen vgl. Pinault (1995-1996, 1997, 2004).
74
Zum Ausdruck der Evidentialitūt im Baltischen
tung weit verbreitet. Dafiir ein einfaches Beispiel aus einer alten Volkslie-
dersammlung:
(24) August Leskien und Karl Brugmann, Litauische Volkslieder und
Mdrchen (1882: 16):
Nei véjes pūte, “Nicht der Wind wehte,
nei sodai ūže, nicht die Garten rauschten,
tik aužulai lingava nur die Eichen wiegten hin und her”.
Das heilšt:
„Eichen wiegten hin und her, wie der Wind wehte, wie die Garten
rauschten.’
Die Annahme liegt nahe, dal’ diese Tendenz zur Uminterpretierung nega-
tiver Vergleiche bereits indogermanisch war. Dies erklart die Tatsache, dal?
die Negation in vielen Sprachen noch als Vergleichspartikel in komparativi-
schen Strukturen fungiert, vgl. z.B. engl. than (<pat + Negation ne), engl.
(USA) he is taller nor me, usw.
Es stellt sich nun die Frage, ob neva auf eben diesem vergleichenden
Gebrauch der negativen Partikel beruhen kann. Dieser Ansatz wiirde die
typologischen Schwierigkeiten lūsen, die wir in diesem Aufsatz ausfiihrlich
diskutiert haben. Es ist mehrmals betont worden, dal evidentiale Partikeln
oft aus Vergleichspartikeln stammen, wie z.B. lit. lyg (< ,wie‘). Typologisch
gesehen steht der Annahme, da der Partikel nė in neva tatsidchlich eine
vergleichende Funktion zugrundeliegt, nichts im Wege. Dies war schon die
Meinung von Fraenkel (LEW, 498), der nė in neva als ,gleichsam, wie‘ iiber-
setzt. Bildungsmalig denkt man an die Parallele von kaip vd, das in einigen
litauischen Dialekten mit der Bedeutung ,wie zum Beispiel‘ (= in der Stan-
dardsprache kaip antai) verwendet wird. Gegeniiber va, das die unmittelbar
vor den Augen stehende Realitat beschreibt (,genauso, wie ich die Sache hic
et nunc sehe'), bringt die Vergleichspartikel nė in neva eine semantische Nu-
ance der Unbestimmtheit, der Ungenauigkeit (,ungefahr so, nur vergleichs-
weise so, mehr oder weniger so, aber eben nicht so‘), die es leicht zum
Ausdruck der Evidentialitat geeignet machen konnte. Fiir Sprachtypologen
ist die Herkunft von neva also insofern interessant, als sie zeigt, wie sich eine
evidentiale Partikel als Ergebnis eines Vergleichsprozesses auf der Basis ei-
ner prasentativen Partikel entwickelte, was natiirlich ein gewisses Licht auf
das ganze Phanomen der Evidentialitdt werfen kann.
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Daniel Petit
Ecole Normale Supėrieure,
Centre d'ėtudes anciennes
45, rue d'Ulm, F-75005 Paris, France
daniel.petit@ens. fr
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