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Anmerkungen zu den Flussnamen lit. „Liẽkė“, „Liekà“ und ihrer Sippe

Harald Bichlmeier

Abstract

    Die Flussnamen lit. Liẽkė, Liekà (und ihre Sippe) begegnen bisweilen im Rahmen der Untersuchungen zur ‘alteuropäischen’ Hydronymie. Traditionell wird ihnen eine Etymologie auf Grundlage der Wurzel uridg. *(h1)lei̯k- ‘krümmen, biegen’ zugeschrieben. Diese Wurzel hat es allerdings wohl nie gegeben, sie ist zumindest im appellativischen Wortschatz keiner indogermanischen Sprache nachweisbar. Folglich kann ihr – sollte es die Wurzel uridg. *(h1)lei̯k- überhaupt gegeben haben – eigentlich auch gar keine Bedeutung zugeschrieben werden. Es erscheint somit als sinnvoller, die beiden litauischen Flussnamen von der Wurzel uridg. *u̯lei̯ku̯- ‘flüssig sein, befeuchten’ herzuleiten. Die Anknüpfung an baltisches Wortmaterial ist schwierig, aber möglich.    Gleichzeitig ist für den Namen des Flusses Lech, für dessen Etymologisierung die beiden genannten Wurzeln ebenfalls in Anschlag gebracht worden sind, festzuhalten, dass er sich von der Wurzel uridg. *(h1)lei̯k- nicht herleiten lässt, weil es sie wohl gar nicht gab, dass aber auch die Wurzel uridg. *u̯lei̯ku̯- ausscheidet, weil dem phonologische Gründe entgegen stehen. Vielmehr handelt es sich bei diesem Namen um eine keltische Bildung mit der Bedeutung ‘der mit Stein(platt)en, der Steinige’: uridg. *pl̥(h2)k-(m)néh2- > frühurkelt. *φlikkā- > urkelt. *likkā.    Als Ergebnis ist festzuhalten, dass lit. Liẽkė, Liekà etc. und dt. Lech etymologisch nichts miteinander zu tun haben.

Full text

HARALD BICHLMEIER Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Research fields: onomastics (toponymy), historical phonology of the Germanic languages, Indo-European linguistics, Aljamiado-texts. DOI: doi.org/10.35321/all83-07 ANMERKUNGEN ZU DEN FLUSSNAMEN LIT. LIĖKĖ, LIEKĄ UND IHRER SIPPE Keletas pastabų dėl Liėkė, Lieką ir kitų bendrašaknių upėvardžių ANNOTATION Die Flussnamen lit. Liėkė, Lieką (und ihre Sippe) begegnen bisweilen im Rahmen der Untersuchungen zur ‘alteuropäischen’ Hydronymie. Traditionell wird ihnen eine Etymologie auf Grundlage der Wurzel uridg. *(h₁)leik- ‘krümmen, biegen’ zugeschrieben. Diese Wurzel hat es allerdings wohl nie gegeben, sie ist zumindest im appellativischen Wortschatz keiner indogermanischen Sprache nachweisbar. Folglich kann ihr – sollte es die Wurzel uridg. *(h₁)leiküberhaupt gegeben haben – eigentlich auch gar keine Bedeutung zugeschrieben werden. Es erscheint somit als sinnvoller, die beiden litauischen Flussnamen von der Wurzel uridg. *uleikʷ- ‘flüssig sein, befeuchten’ herzuleiten. Die Anknüpfung an baltisches Wortmaterial ist schwierig, aber möglich. Gleichzeitig ist für den Namen des Flusses Lech, für dessen Etymologisierung die beiden genannten Wurzeln ebenfalls in Anschlag gebracht worden sind, festzuhalten, dass er sich von der Wurzel uridg. *(h₁)leiknicht herleiten lässt, weil es sie wohl gar nicht gab, dass aber auch die Wurzel uridg. *uleikʷausscheidet, weil dem phonologische Gründe entgegenstehen. Vielmehr handelt es sich bei diesem Namen um eine keltische Bildung mit der Bedeutung ‘der mit Stein(platt)en, der Steinige’: uridg. *pḷ(h₂)k-(m)neh₂- > frühurkelt. *φlikkā- > urkelt. *likkā. Als Ergebnis ist festzuhalten, dass lit. Liėkė, Lieką etc. und dt. Lech etymologisch nichts miteinander zu tun haben. Straipsniai / Articles 151 HARALD BICHLMEIER SCHLÜSSELWÖRTER: alteuropäische Hydronymie, keltische Gewässernamen, litauische Gewässernamen, ‘falsche Freunde’. ANNOTATION The river-names Lith. Liėkė, Liekà (and their siblings) are sometimes mentioned in papers dealing with the so-called ‘Old-European hydronymy’. Traditionally they are etymologized on the basis of a root PIE *(h₁)leik- ‘bend’. This root, however, probably never existed, at least there seem to be no descendents from it in the appellatival lexicon of any IE language. Thus the root – if it ever existed – cannot be ascribed a meaning. So it seems more appropriate to derive the Lithuanian river-names from the root PIE *uleikᵘ- ‘moisten, be liquid’. Parallelly the river-name Lech (a river in Austria and Bavaria) was also analyzed based on the two roots mentioned, PIE *(h₁)leik- ‘bend’ and PIE *uleikᵘ- ‘moisten, be liquid’. As just mentioned, the first one, however, never existed – and the second one cannot be the starting point because of phonological reasons. The river-name Lech is based on a Celtic formation ‘the one with stone(-plate)s’: PIE *pl̥(h₂)k-(m)neh₂- > PCelt. *(q)likkā-. Thus it is clear that the river-names Lith. Liėkė, Liekà etc. and Germ. Lech do not have a common etymology. KEY-WORDS: Old European hydronymy, Celtic hydronyms, Lithuanian hydronyms, ‘false friends’. 1. EINLEITUNG Die beiden Flussnamen lit. Liėkė, Liekà und ihre Sippe begegnen verschiedentlich in der Literatur zu den älteren Schichten von Gewässernamen in Europa, mithin zur ‘alteuropäischen Hydronymie’. Unter bestimmten Bedingungen könnte auch ein Zusammenhang dieser Namen mit dem Namen des von Österreich nach Bayern fließenden und dort in die Donau mündenden Flusses Lech hergestellt werden, was in älterer Literatur auch geschehen ist. Ziel des vorliegenden Beitrages ist es zu untersuchen, ob eine solche Verbindung zu Recht besteht.¹ ¹ Ich danke den beiden anonymen Rezensenten des Beitrags für ihre Anmerkungen und Vorschläge, die geholfen haben, Missverständnisse auszuräumen und allgemein den Beitrag zu verbessern. 152 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII Anmerkungen zu den Flussnamen lit. Liĕkė, Liekā und ihrer Sippe 2. DIE LITAUISCHE NAMENSIPPE 2.1. Auszugehen ist hinsichtlich der Etymologisierung und weiterer anzuknüpfender Namen letztlich von lit. lieknas (auch lieknas) m. ‘Morast, sumpfiges, mooriges Wiesengelände’, liėkna (auch lieknā) f. ‘tiefgelegene sumpfige Wiese’. Weiter zugehörig ist wohl lit. lāikšės (1) f. ‘großer, vom Buschwerk überwachsener Sumpf’ (Weiteres zur Etymologie s.u. § 3.). 2.2. Was die Namen angeht, die zu dieser Sippe gehören, so sind mehrere Auflistungen miteinander abzugleichen: Neben der ‘klassischen’ litauischen Literatur (besonders Savukynas et al. 1963, Vanagas 1970, 1981, 1981a) ist etwa eine Aufstellung zu nennen, die bei SEJL² (2018–2020) s.v. lāikšės genannt wird (LED 656 s.v. lāikšės werden die Gewässernamen indes nicht angeführt, sondern LED 696 s.v. lieknas), wobei ein Abgleich mit der Lietuvos vietovardžių geoinformacinė duomenų bazė (http://lkiis.lki.lt/lietuvos-vietovardziu-geoinformacine-duomenu-baze; im Weiteren LVGDB) die dort vorgenommene Zuordnung der Namen zu Geoobjekten als bisweilen fraglich erscheinen lässt. 2.3. Laut Smoczyński gibt es folgende Namen aufbauend auf der Wurzel lit. leik–/liek–: 2.3.1. Flussnamen von einer Basis leik–/liek–: a) Ableitungen: Liėke (2),² Liėkė (4),³ Liekā (4);⁴ b) Komposita: Lēikupis (1).⁵ 2.3.2. Flussnamen von einer Basis leikn–/liekn–: a) Ableitungen: ² Vgl. Savukynas et al. 1963: 91; nicht in Vanagas 1970; vgl. Vanagas 1981: 189; Vanagas 1981a: 59; nicht in LVGDB. ³ Vgl. Savukynas et al. 1963: 91; nicht in Vanagas 1970; vgl. Vanagas 1981: 189; Vanagas 1981a: 59; nicht in LVGDB. ⁴ Vgl. Savukynas et al. 1963: 89; Vanagas 1970: 46; Vanagas 1981: 185, 189; Vanagas 1981a: 59; nicht in LVGDB. ⁵ Vgl. Savukynas et al. 1963: 89; Vanagas 1970: 241; Vanagas 1981: 189; Vanagas 1981a: 59; nicht in LVGDB. Straipsniai / Articles 153 HARALD BICHLMEIER Liekšna (1);⁶ 7x in LVGDB, darunter kein Gewässername: 116597⁷ (Wiese), 116664 (Wiese), 116866 (Wiese), 117072 (Wiese), 117766 (Wiese), 117807 (Wiese), 118043 (Wald). Liekšnas (1; 4x)⁸. Liekšnas (2; 3x);⁹ 5x in LVGDB, darunter kein Gewässername: 116808 (Wiese), 117138 (Wiese), 117244 (Wiese), 117700 (Wiese), 117767 (Wiese). b) Komposita: Liekšnupalis,¹⁰ Liekšnupis,¹¹ Pusiáulieknis.¹² 2.3.2. Ortsnamen von einer Basis liekn-/liekn-: a) Ableitungen: Liek̨niai¹³ (in LVGDB als Hofteilname [118387]); Liek̨nėlis,¹⁴ Ūžliek̨nė (offenbar ein Waldname),¹⁵ Ūžliek̨nis,¹⁶ Ūžliek̨niai (1)¹⁷ (11748); b) Komposita: Liek̨nag̨ala,¹⁸ Jūodliek̨nis,¹⁹ Šilaliek̨nis.²⁰ 2.4. In der o.a. Liste Smoczyńskis ist das in der hydronymischen Literatur regelmäßig genannte Liek̨a nicht angeführt und auch in LVGDB und der ‘klassischen’ litauischen Literatur zum Thema ist es nicht verzeichnet. Nach aktuellem Stand spricht vieles dafür, dass es sich bei dem Gewässernamen lit. Liek̨a ⁶ Vgl. Savukynas et al. 1963: 91; Vanagas 1970: 36; Vanagas 1981: 190. ⁷ Die hier und im Weiteren angeführten Zahlen sind die den einzelnen Geoobjekten in LVGDB zugeteilten Geocodes. ⁸ Vgl. Savukynas et al. 1963: 91; Vanagas 1970: 36, 115; Vanagas 1981: 190; Namenform mit Akut nicht in LVGDB. ⁹ Vgl. Savukynas et al. 1963: 91; Vanagas 1970: 36; Vanagas 1981: 190. ¹⁰ Vgl. Savukynas et al. 1963: 91; Vanagas 1970: 89; Vanagas 1981: 190; nicht in LVGDB. ¹¹ Vgl. Savukynas et al. 1963: 91; Vanagas 1970: 235; Vanagas 1981: 190; nicht in LVGDB. ¹² Vgl. Savukynas et al. 1963: 130; Vanagas 1970: 254, 256; Vanagas 1981: 269; nicht in LVGDB. ¹³ Nicht in Savukynas et al. 1963; nicht in Vanagas 1970; nicht in Vanagas 1981. ¹⁴ Vgl. Savukynas et al. 1963: 91; Vanagas 1970: 115; Vanagas 1981: 190; nicht in LVGDB. ¹⁵ Vgl. Savukynas et al. 1963: 181 (Ūžliek̨nės ūpis); Vanagas 1970: 272 (Ūžliek̨nės ūpis); Vanagas 1981: 356 (Ūžliek̨nės ūpis): zum Waldnamen Ūžliek̨nė; nicht in LVGDB. ¹⁶ Nicht in Savukynas et al. 1963; nicht in Vanagas 1970; nicht in Vanagas 1981; nicht in LVGDB. ¹⁷ Nicht in Savukynas et al. 1963; nicht in Vanagas 1970; nicht in Vanagas 1981. ¹⁸ Nicht in Savukynas et al. 1963; nicht in Vanagas 1970; nicht in Vanagas 1981; nicht in LVGDB. ¹⁹ Nicht in Savukynas et al. 1963; vgl. Vanagas 1970: 251, 256; nicht in Vanagas 1981; nicht in LVGDB. ²⁰ Vgl. Savukynas et al. 1963: 185; Vanagas 1970: 239, 247; Vanagas 1981: 331; nicht in LVGDB. 154 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII Anmerkungen zu den Flussnamen lit. Liëke, Liekà und ihrer Sippe um einen Ghostname handelt, der vielleicht auf einer Verschreibung von Leikà beruht. Wer diesen zuerst in die wissenschaftliche Diskussion eingeführt hat, ist vorläufig nicht zu ergründen. Ergänzend zur o.a. Liste sind in LVGDB noch folgende Ableitungen bzw. Onymisierungen der Appellativa lit. liėknas, liėkna verzeichnet: 2x Liek̇nalis (2):21 116716 (Wiese), 116824 (Wiese); Lieknāle (2):22 116997 (Acker); Liek̇nai (2):23 116697 (Viehweide); Liek̇iai (2):24 76426 (Dorf); 4x Liek̇nos (1):25 117693 (Wiese), 117701 (Wiese), 117506 (Sumpf), 117507 (Wiese); Liek̇niniai pašėdžiai:26 116394 (Wiese); 3x Liek̇nė (2):27 116370 (Wiese), 116395 (Wiese), 116613 (Wiese); Liek̇nės (2):28 116711 (Wiese). 2.5. Weiters werden in der Literatur zu den Gewässernamen Litauens noch einige weder von Smoczyński noch in LVGDB gebotene Gewässernamen angeführt, nämlich zweimaliges Liekupis29 sowie je einmaliges Liekaitis, Liekaitė, Liėkno upalis und Lieknėlių rãvas. 2.6. Es ist vorläufig unklar, wie die Diskrepanz zwischen den Angaben in der Datenbank und den Angaben (sofern sie Gewässernamen betreffen) in den Namenbüchern entstanden ist. 2.7. Außerdem werden u.a. von Udolph (1990: 116) auch noch zwei Gewässernamen mit schwundstufiger Wurzelform, lit. Li̇kupis, Likupỹs, hierhergestellt. Udolph zitiert dazu (und zu Namen mit Liek-, Leik-) u.a. auch Vanagas 21 Nicht in Savukynas et al. 1963; nicht in Vanagas 1970; nicht in Vanagas 1981. 22 Nicht in Savukynas et al. 1963; nicht in Vanagas 1970; nicht in Vanagas 1981. 23 Nicht in Savukynas et al. 1963; nicht in Vanagas 1970; nicht in Vanagas 1981. 24 Nicht in Savukynas et al. 1963; nicht in Vanagas 1970; nicht in Vanagas 1981. 25 Nicht in Savukynas et al. 1963; nicht in Vanagas 1970; nicht in Vanagas 1981. 26 Nicht in Savukynas et al. 1963; nicht in Vanagas 1970; nicht in Vanagas 1981. 27 Nicht in Savukynas et al. 1963; nicht in Vanagas 1970; nicht in Vanagas 1981. 28 Nicht in Savukynas et al. 1963; nicht in Vanagas 1970; nicht in Vanagas 1981. 29 Vgl. Savukynas et al. 1963: 91; Vanagas 1981: 189. 30 Vgl. Savukynas et al. 1963: 91; Vanagas 1970: 76; Vanagas 1981: 189. 31 Vgl. Savukynas et al. 1963: 91; Vanagas 1970: 76; Vanagas 1981: 189. 32 Vgl. Savukynas et al. 1963: 91; Vanagas 1970: 270; Vanagas 1981: 190. 33 Vgl. Savukynas et al. 1963: 91; Vanagas 1970: 272; Vanagas 1981: 190. 34 Vgl. Savukynas et al. 1963: 92; Vanagas 1970: 241, 244; nicht in LVGDB. Straipsniai / Articles 155 HARALD BICHLMEIER 1981: „185, 189f. – die Formen mit Likfinden sich allerdings auf S. 191 und werden dort in keiner Weise mit den Namen mit Liek-, Leikin Verbindung gebracht; ebensowenig wird eine Verbindung mit dem Personennamen lit. Likas für wahrscheinlich gehalten; dagegen erscheint ebenda eine Verbindung mit dem Verb lit. likti als möglich. Allerdings ist freilich eine Verbindung der Gewässernamen mit lit. likti ‘bleiben, übrig bleiben, lebendig bleiben, verlassen, zurücklassen’ doch kein sonderlich naheliegender Vorschlag. Solches erschien in einer Gegend plausibler, in der Flüsse in der Trockenzeit verschwinden – da wäre ‘der Fluss, der (trotz der Trockenheit) übrig bleibt (also weiterhin Wasser führt)’ ein sinnvolles Benennungsmotiv. Für das Baltikum ist das vorläufig eher ein unwahrscheinliches Szenario. Die Verknüpfung kann also allenfalls als entfernte Möglichkeit eingestuft werden. 2.8. In einer Tabelle zusammengefasst ergibt sich somit folgendes Bild: Name SEJL² LVGDB Savukynas et al. 1963 Vanagas 1970 Vanagas 1981 Vanagas 1981a Juódliek­nis + (ON) – – – – – Leikà + (FIN) – 89 46 185, 189 59 Liekáitė – – 91 76 189 – Liekáitis – – 91 76 189 – Leikupis + (FIN) – 89 241 189 59 Liẽkė + (FIN) – 91 – 189 59 Liekė̃ +(FIN) – 91 – 189 59 Liẽkiai – 76426 (Dorf) – – – – Liẽkna + (FIN) 116597 (Wi), 116664 (Wi), 116866 (Wi), 117072 (Wi), 117766 (Wi), 117807 (Wi), 118043 (Wa) 91 36, 115 190 – Liẽknagala + (ON) – – – – – Liẽknai – 116697 (Vw) – – – – Liek­nãlė – 116997 (A) – – – – Liek­nãlis – 116716 (Wi), 116824 (Wi) – – – – Liẽknas + (FIN) 116808 (Wi), 117138 (Wi), 117244 (Wi), 117700 (Wi), 117767 (Wi) 91 36 190 – 156 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII Anmerkungen zu den Flussnamen lit. Liėkė, Liėką und ihrer Sippe Name | SEJL² | LVGDB | Savukynas et al. 1963 | Vanagas 1970 | Vanagas 1981 | Vanagas 1981a Liėknė | – | 116370 (Wi), 116395 (Wi), 116613 (Wi) | – | – | – | – Liėknėlių rāvas | – | – | 91 | 272 | 190 | – Liėknėlis | + (ON) | – | 91 | 115 | 190 | – Liėknės | – | 116711 (Wi) | – | – | – | – Liėkniaĩ | + (ON) | 118387 (Ht) | – | – | – | – Liėkniniai pasėdžiai | – | 116394 (Wi) | – | – | – | – Liėkno upālis | – | – | 91 | 270 | 190 | – Liėknos | – | 117693 (Wi), 117701 (Wi), 117506 (Su), 117507 (Wi) | – | – | – | – Liėknupalis | + (FlN) | – | 91 | 89 | 190 | – Liėknupis | + (FlN) | – | 91 | 235 | 190 | – Liėkupis | – | – | 91 | – | 189 | – Pusiālieknis | + (FlN) | – | 130 | 254, 256 | 269 | – Šilalieknis | + (ON) | – | 185 | 239, 247 | 331 | – Užlieknė | + (ON), genauer: Wa | – | 181 (Užlikenės ūpis) | 272 (Užlikenės ūpis) | 356 (Užlikenės ūpis) | – Užliekniai | + (ON) | 117748 | – | – | – | – Užlieknis | + (ON) | – | – | – | – | – Abkürzungen: A – Acker, FlN – Flussname, Ht – Hofteil, ON – Ortsname, Su – Sumpf, Vw – Viehweide, Wa – Wald, Wi – Wiese 2.9. In der tabellarischen Übersicht werden weitere Diskrepanzen deutlich: Es erstaunt, wieviele Toponyme (im weiteren Sinn) in LVGDB nicht verzeichnet sind. Vereinzelt werden unterschiedliche Zuordnungen getroffen, so gilt etwa Liėknėlis dem SEJL² als Ortsname, in der litauischen Fachliteratur als Gewässername. Hier ist wohl noch einiges noch einmal gründlich zu überprüfen, möglicherweise erweist sich die eine oder andere Namenform auch noch als Ghostname. Straipsniai / Articles 157 HARALD BICHLMEIER 3. ZUR ETYMOLOGIE VON LIT. LIEKĖ, LIEKĄ ETC. 3.1. Im Kontext der ‘alteuropäischen Hydronymie’ werden meist nur die beiden kürzesten Formen, lit. Liekė, Lieką, genannt. Diesen Namen sind bislang zwei verschiedene Etymologien zugeschrieben worden, die im Folgenden vorgestellt und gegeneinander abgewogen werden sollen: eine traditionelle und eine jüngere. Eng mit der Etymologie dieser beiden Flussnamen verwoben ist einerseits die Frage nach der Etymologie des Namens des von Österreich nach Bayern fließenden Flusses Lech, andererseits die nach der Etymologie einer Reihe slawischer Flussund Gebietsnamen. 3.2. Als Ableitungsgrundlage konkurrieren hier in allen Fällen zwei urindogermanische Wurzeln miteinander, *uleikᵘ- ‘flüssig sein, befeuchten’ (jüngerer Vorschlag) und *(h₂)leik- ‘krümmen, biegen’ (traditionelle Ansicht). Aus semantischer Perspektive erscheinen Ableitungen von beiden Wurzeln zur Benennung von Fließgewässern als durchaus geeignet: nach einer charakteristischen Krümmung bzw. ihrem Kurvenreichtum benannt sind sicher der Chamb (ahd. Kamb [1058]; < ahd. *kamp- ← gall./urkelt. *kambo- ‘gekrümmt’35),36 wohl der Bogenbach (auch Ortsname Bogen; Niederbayern; < ahd. Pogana, Bogana [ON: ca. 790 (Kopie 1254)], GewN ahd. Bogana [882])37, vielleicht die Memel (lit. Nẽmunas), falls die traditionelle Etymologie zutrifft,38 und vielleicht die Elbe, falls sie doch als uridg. *h₂elh₂-bʰ(h₂)-o- ‘die Mäandrierende’ und nicht in traditioneller Manier als ‘die Weiße’ zu etymologisieren sein sollte.39 Und Benennungen auf der Grundlage von Wurzeln, die ‘feucht, nass, flüssig’ bedeuten, sind bekanntlich sehr zahlreich, vgl. die diversen deutschen Gewässernamen Neetze, Nette, Netze, die zur Wurzel urgerm. *nat- ‘nass’ zu stellen sind,40 in Österreich die Mattig (wohl aus [vor-]kelt. *madu-kozur Wurzel 35 Vgl. EDPC 186. 36 Vgl. DGNB 81f. 37 Vgl. Prinz 2007: 158–164; DGNB 67; Wiesinger, Greule 2019: 101f. 38 Vgl. dazu Bichlmeier 2019: 49f.; 2020: 130f. jeweils mit älterer Literatur. Ähnlich auch schon unter Anführung der beiden bei Bichlmeier genannten etymologischen Vorschläge Vanagas 1988: 28f. 39 Vgl. dazu Bichlmeier 2012, 2013; Bichlmeier, Blažek 2014, 2015; Scheungraber, Grünzweig 2014: 43–46 (jeweils mit weiterer Literatur). 40 Vgl. DGNB 372, 374f. 158 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII Anmerkungen zu den Flussnamen lit. Liẽkė, Lieką und ihrer Sippe uridg. *mad- ‘nass sein / werden’ [LIV² 421]⁴¹ und wohl auch die Sava / Save, die am ehesten zu – *sh₂eu̯ ‘schütten, regnen’ (vgl. IEW 912; LIV² 545) gebildet sein dürfte,⁴² etc. 3.3. Bevor aber auf die außerbaltischen potentiellen Verwandten eingegangen werden kann, sei zunächst die innerbaltische Verwandtschaft der Namen ausgelotet. 3.3.1. Allgemein werden die beiden litauischen Flussnamen und ihre Sippe mit lit. lieknas (auch liėknas) m. ‘Morast, sumpfiges, mooriges Wiesengelände’, lett. liekns m. ‘Niederung, niedrig gelegene feuchte Wiese’, lit. liėkna (auch lieknā) f. ‘tiefgelegene sumpfige Wiese’, lett. liėkna f. ‘Sumpf, Niederung zwischen zwei Anhöhen, feuchte sumpfige Stelle im Wald, sumpfiger Wald, große, feuchte Wiese’, lett. liėkne f. ‘unendliche Wiese entlang der Flussmündung’ in Beziehung gesetzt. Weiter zugehörig sei lit. laíkšės (1) f. ‘großer, vom Buschwerk überwachsener Sumpf’.⁴³ 3.3.2. Aus den bezeugten Wortformen des Litauischen und Lettischen sind folgende Vorformen zu erschließen: urbalt. *leiknā–/*laiknā–, *leikna–/*laikna–, *leikniā/*laikniā– und schließlich *laik-s-iā. 3.3.3. Semantisch stellt diese Verbindung kein Problem dar. Problematisch ist aber zunächst die Intonation der Wurzelsilbe, da dem (meistens begegnenden) Akut des Appellativums ein Zirkumflex in den Gewässernamen gegenübersteht. Der Unterschied lässt sich dann leicht erklären, wenn der Akut ursprünglich ist und man von urbalt. *leik- (/*laik-) > urostbalt. *lēkausgeht. In diesem Falle könnte der Zirkumflex in den Gewässernamen so erklärt werden, dass er durch Metatonie (métatonie douce) im Gewässernamen lit. Liẽkė < urbalt. *Leikiā entstanden ist und dann auf den Gewässernamen lit. Lieką übertragen wurde, wo die Metatonie eigentlich nicht stattfinden konnte. Die Frage ist nun: Woher hat die Wurzel in den Appellativa den primären Akut? Eigentlich gibt es hier nur zwei Alternativen: entweder enthielt die Wurzel im ⁴¹ Vgl. DGNB 340f., Wiesinger, Greule 2019: 126. ⁴² Vgl. Bichlmeier 2011: 65–74; Repanšek 2016: 121f., Bichlmeier 2017, jeweils mit älterer Literatur. ⁴³ Vgl. LitEW 1: 332, 364f.; Karulis 1992/2001: 523f. (mit veralteter Etymologie). In SEJL 350 schreibt Smoczyński dazu noch: „Bez etymologii.“. – Grundsätzlich dazu nun SEJL² (2018–2020) s.v. liėknas, laíkšės, wo nun eigentlich die Etymologie auf der Grundlage von uridg. *uleik̯ubevorzugt wird. Diese etymologische Verknüpfung ist letztlich schon etwa ein Jahrhundert alt (was auch von Bichlmeier 2010 nicht erkannt worden ist), vgl. LitEW 1: 332, wo Fraenkel die ältere Literatur nennt, diesen Vorschlag aber zurückweist. Für den Akut gibt es freilich auch von Smoczyński keine Erklärung; SEJL² (2018–2020) s.v. laíkšės liest man: „Akut bez historycznego uzasadnienia.“, LED 656, 696 (wo nun auch uridg. *uleik̯uals Basis gilt) wird das Problem gar nicht erst aufgeworfen. Straipsniai / Articles 159 HARALD BICHLMEIER Urindogermanischen einen Laryngal, ist also als uridg. *(u)leiHᵏ⁽ᵘ⁾- anzuset­zen,⁴⁴ oder die Bildung hat eine (innerbaltisch ?) ausgebildete Dehnstufe. In diesem Falle ist (vor)ur­balt. *(u)lei(H)ᵏ⁽ᵘ⁾- zu postulieren, wobei hier der Ansatz eines Laryngals in der Wurzel entbehrlich ist. Laut SEJL² (2018–2020) s.v. laĩkės sei der „Akut bez historycznego uzasadnienia“. Man darf also annehmen, das der Autor ihn ebenfalls als irgendwie analogisch betrachtet. 3.3.4. Da nun die für die Etymologisierung der Appellativa und dann auch der Ortsund Gewässernamen zugrundegelegte Wurzel die Entstehung eines Akuts nur bedingt zulässt, erscheint es so, als würden die Namen den älteren Zustand (mit Zirkumflex) bewahren, die Appellativa hingegen generuert sein. Sollte diese Analyse stimmen, wäre dies zumindest eine auffällige Situation. 3.4. Wie sieht es nun mit der Bezeugung der beiden zugrundegelegten Wurzeln aus? 3.4.1. Die Wurzel uridg. *uleikᵘist gut bezeugt, etwa in lat. liquēre ‘flüssig sein’, liquidus ‘flüssig’ etc. Zur mutmaßlichen Wurzel uridg. *h₁leik- ‘biegen, krümmen’ wurde wohl von Bichlmeier (2010: 44f.) das Nötige gesagt: „Die zweite Position [gegenüber der, dass es sich eben um eine Fortsetzung der Wurzel uridg. *uleikᵘhandelt; H.B.] vertritt etwa Anreiter (2005: 45; 2005a: 16; 2008: 150) bzw. Anreiter/Haslinger/Roider (2000: 131), der von einer Herleitung aus vor­römisch *lik- ‘krümmen, biegen’ < idg. *(h₁)likzur Wz. *(h₁)leik-, vgl. GewN lit. Liėkė, Liekà (< *[h₁]loikʰēn₂, *[h₁]loikéh₂), ausgeht, womit der Lech ‘der Gebogene’ wäre. Dies ist letztlich die Position, die schon Pokorny vertrat. Grundsätzlich könnte dies natürlich so sein, allerdings weist diese Herleitung einen deutlichen Schönheitsfehler auf: Diese indogermanische Wurzel scheint im appellativischen Wortschatz nicht bezeugt zu sein, was letztlich bedeutet, dass ihre Bedeutung eigentlich nicht zu erschließen ist.“ Und weiter ebenda 46: „Andererseits bietet diese Wurzel *uleikᵘeinen Ansatzpunkt zur Etymologisierung der beiden o.g. litauischen Flüsse Liėkė, Liekà, die angesichts der Tatsache, dass die baltischen Sprachen genau den für Satem-Sprachen typischen Lautwandel *-kᵘ- > -kvollzogen haben und andererseits kein ererbtes Wort im ⁴⁴ Auf eine theoretische Möglichkeit sei noch hingewiesen, die den Stoßton erklären würde, jedoch semantisch wenig überzeugt: Im Prinzip könnte ein verdunkeltes Kompositum *leiH-h₃kᵘ-ozugrunde liegen, zusammengesetzt aus uridg. *leiH- ‘gießen, schütten’ (LIV² 405f.) und *h₃ekᵘ- ‘erblicken, sehen’ (LIV² 297f.) – doch bleibt eben die Bedeutung unklar (‘wie ein Guss aussehend’?). – Und ebenfalls einen Laryngal würde eine Ableitung *loiH-kozur vorgenannten Wurzel aufweisen, eine Bildung parallel zu uridg. *h₃roiH-ko/h₂- > gemeinsam. *ŕ̥ēka ‘Fluss’ (zu uridg. *h₃reiH- ‘wallen, wirbeln’ (LIV² 305f.), die etwa auch in uridg. *h₃reiH-no- > urkelt. *rēno- (→ lat. Rhēnus), urgerm. *rīna- > dt. Rhein fortgesetzt ist. 160 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII Anmerkungen zu den Flussnamen lit. Lieḱe, Lieḱā und ihrer Sippe Baltischen eine Anlautsguppe vlzeigt, mithin also idg. *#ul- > urbalt(o-sl.). *#lgilt, als urbalt. *laik(i̯)āresp. *leik(i̯)ā- < idg. *u̯loiku̯ieh₂, *u̯loiku̯eh₂resp. *uleiku̯ieh₂, *uleiku̯eh₂rekonstruiert werden können. Als Bedeutung ergäbe sich ausgehend von der o.a. Wurzelbedeutung etwa ‘Befeuchtung’, also ‘das befeuchtende (Gewässer)’ o.ä.“ 3.4.2. Angesichts des zuletzt Gesagten, wird auch klar, dass die etwa von Wiesinger (2014: 682) akzeptierte Zusammenstellung von slawischen und baltischen Gewässernamen von Udolph (1990: 113–117) nichts beweist (er nennt dort neben dem Lech etwa slowak. Likava [1321 Lyka], den Flussund Landschaftsnamen kroat. Lika⁴⁵ etc., da es sich bei den zahlreich angeführten Namen aus dem baltischen und slawischen Bereich um Fortsetzer eben dieser Wurzel uridg. *uleikᵘ- ‘befeuchten’ handeln kann bzw. dürfte; der von Udolph (1990: 116) zitierte Wurzelansatz „*leikᵘ- ‘fließen’“ nach Schmid 1975 ist verfehlt bzw. überholt. Die einzige Wurzel uridg. *uleikᵘ-, die allgemein noch anund im Iranischen fortgesetzt wird, bedeutet ‘(zurück, ver) lassen, sich entfernen von’ (EDIV 307f.; LIV² 406f.; es ist dies eben die Wurzel, auf der auch weiter oben angeführtes lit. *l̥kti ‘beruht’). Ein Schönheitsfehler bleibt, dass die Wurzel uridg. *uleikᵘ- ‘befeuchten’ im Slawischen appellativisch nicht fortgesetzt zu sein scheint. Diese Wurzel uridg. *uleikᵘdürfte somit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch dem einzigen jemals in der Diskussion als Argument erwähnten Paar von Appellativen, lit. liekna f., lett. liekņa f. ‘sumpfige Wiese’ zugrundeliegen. ⁴⁵ Dieser Name (bzw. die ganze Namensippe) birgt ein Problem, das bislang übersehen worden zu sein scheint: Der älteste Beleg (abgesehen von Por[tus] Epi[icus] in der Tabula Peutingeriana, findet sich bei Konstantin Porphyrogenetos (De Adm. Imp. 30, 93) Λίκα, das nach Schramm (1981: 286, mit Verweis auf ältere Literatur) auf dem Lok. gemein­slaw. *vь̄ Licě beruhen soll. Der nächstälteste lautet dann 1185 Lica. Die Frage ist hier, warum die kroatische Namenform nicht die sogenannte dritte (progressive) Palatalisierung vollzogen hat, diese hätte hier doch greifen sollen, da sie (in klassischer Beschreibungsweise [Bräuer 1961: 193]) gemein­slaw. *k, *g, *x in der Stellung nach gemein­slaw. *i, *ь, *ę betraf (bzw. in modernerer Interpretation urslaw. *k, *g, *x in der Stellung nach urslaw. *i, *i, *j; auch über einen Nasal hinweg [Holzer 2007: 51]). Eine direkte Parallele zu unserem Fall ist wohl das Suffixkonglomerat urslaw. *-in-i̯ā > gemein­slaw. *-bnica. Wie aus der neueren Beschreibung hervorgeht, scheinen die Akzentverhältnisse keine Rolle gespielt zu haben. Und normalerweise sollten auch Lehnwörter diesen Lautgesetzen unterliegen – und der Flussbzw. Gegendname wird ja wohl bald nach der slawischen Einwanderung in die Region im späten 6. Jh. übernommen worden sein. Daraus ergibt sich nun die Frage, warum einerseits sämtliche slawischen Namenformen die progressive Palatalisierung nicht zeigen – und andererseits, ob nicht am Ende Λίτζα vielleicht doch die lautgesetzliche Form des Nominativs ist. Aber dies bedarf einer eigenen Untersuchung. Straipsniai / Articles 161 HARALD BICHLMEIER Es bedarf hingegen schon einiger semantischer Verschiebungen, um eine sumpfige Wiese als ‘die Gebogene’ zu bezeichnen.46 Warum nun aktuell diese Herleitung aus der appellativisch nicht bezeugten Wurzel uridg. *(h₁)leik- ‘biegen’ als einzige bei Scheungraber, Grünzweig (2014: 210) auftaucht, bleibt unklar. 4. ZUR ETYMOLOGIE DES FLUSSNAMENS LECH 4.1. Hier kommt nun der Flussname Lech und seine Etymologie ins Spiel. Für diesen sind drei Etymologien angeführt und diskutiert worden, nämlich zunächst die oben schon genannten: a) eine Ableitung von einer Wurzel uridg. *(h₁)leik- ‘biegen’, wobei dann entweder mit einer vorkeltischen oder dann letztlich doch keltischen Bildung auf dieser Grundlage gerechnet wird; b) eine Ableitung auf der Grundlage der Wurzel uridg. *uleiku- ‘feucht sein, befeuchten’ etc, wobei in den Darstellungen nicht immer klar wird, ob die Bildung nun für keltisch, vorkeltisch oder durch keltischen Filter gegangenes Vorkeltisch gehalten wird. Und schließlich: c) Urkelt. *liko/ā- ‘Fels, Stein’ samt einer (expressiv?) geminierten Variante *likko/ā- (die von einigen wenigen Belegen für den Flussnamen, einigen Personennamenbelegen [sofern man sie als zugehörig akzeptiert] und den appellativischen keltischen Vergleichswörtern gefordert wird). Diese Benennung passt gut zu den Teilen des Oberlaufs, an denen der Fluss sich zunächst durch enge Felsen arbeitet und später ein breites Flussbett einnimmt, das bei Niedrigwasser weite mit Kieselsteinen übersäte Flächen sichtbar werden lässt. 4.2. Trotz der o.a., bereits vor 10 Jahren geäußerten Feststellung, dass eben gerade eine Herleitung von der semantisch natürlich ansprechenden Wurzel uridg. *uleikuaus lautlichen Gründen für den Namen des Lech keinesfalls in Frage kommt, stellen Wiesinger, Greule (2019: 107) diese Etymologie als einzige vor. Dies stellt einen klaren Rückschritt gegenüber schon Erreichtem dar: 46 Hierzu bereits Walde, Pokorny 1927–1932, 2: 397 (s.v. *le̯iqᵘ) in Bezug auf „lit. lė̃knas „Morast“, lett. lėkns, lėkne „ds., niedrig liegendes Feld“: „nicht wahrscheinlicher zu *le̯iqᵘ- „biegen“ als „Einbuchtung, daher feuchte Senke““. 162 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII Anmerkungen zu den Flussnamen lit. Liėkē, Liekā und ihrer Sippe Es wird allein diese etymologische Lösung und dazu in stark verkürzter Form geboten: „Etymologisch wird rom. *Licus/*Lica über kelt. *Likos/ā < *wlikos auf idg. *wlikwō-s ‘Befeuchter’ zu idg. *wleikw- ‘befeuchten’ zurückgeführt. L: Greule (2014), 304; Wiesinger (2014), 681–683; Greule (2015), 343.“ 4.3. Begonnen sei die Analyse von hinten: Die beiden Autoren zitieren nur eigene Werke, wobei Greule (2014 = DGNB: 304) hier auffällt, da dort anders als in Wiesinger, Greule (2019) durchaus noch die Forschungsgeschichte in den Blick genommen wird: Es werden alle drei o.a. Etymologien vorgestellt und kurz diskutiert, wobei die ‘Stein’-Variante als einzige abgelehnt wird, während die anderen beiden dort zunächst als gleichwertig erscheinen, aber darauf hingewiesen wird, dass „*Likos nicht sicher als keltisch zu erweisen ist“ – und das „[t]rotz der beiden keltischen Appellative air. fluch ‘feucht’ und kymr. gwlith ‘Tau’ (< *ulik-)“ –, dass aber dieses Rekonstrukt, obwohl man „dissimilatorischen Schwund des ig. Labiovelars /kʷ/ > /k/ und Schwund des anlautenden /u-/“ voraussetzen müsse, „wegen der daraus erschließbaren Bedeutung ‘Befeuchter (des Landes), Wasserspender o.ä.’ als Name eines Flusses vorzuziehen“ sei. 4.4. Gegenüber dieser korrekten und mit den entsprechenden Kautelen versehenen Darstellung ist die aktuelle in Wiesinger, Greule (2019) letztlich mehrfach fehlerhaft: Die Erklärung, der Name gehe als „rom. *Licus/*Lica über kelt. *Likos/ā < *wlikos auf idg. *wlikwō-s ‘Befeuchter’ zu idg. *wleikw- ‘befeuchten’“ zurück, weist folgende (Tipp-)Fehler auf: • Die Wurzel ist, bleibt man in der eher im angelsächsischen Raum üblichen, hier angewandten Notationsweise, *wleikwzu schreiben (vgl. in üblicherer Notation: uridg. *uleiku̯-); die Wurzel hat nur fünf Phoneme, nicht, wie in der Schreibung „*wleikw-“ suggeriert wird, sechs. Vermutlich handelt es sich dabei nur um einen Tippfehler, dieser ist aber sinnentstellend. • „[I]dg. *wlikwō-s ‘Befeuchter’“ müsste (abgesehen von der fehlerhaften Notation) hinsichtlich der Morphologie erst noch begründet werden: Nomina agentis, wie hier offenbar eines angesetzt wird, weisen zwar Suffixbetonung auf, haben aber normalerweise die o-Vollstufe in der Wurzel; man würde folglich uridg. *uloik-u̯-ō- ‘Befeuchter’ gegenüber dem Nomen 47 Ähnlich auch Greule 2015: 343 = Greule o.J.: 7: „< roman. Licus (*Likius, Licca) über kelt. *wlikos < (idg.) *wlikwōs ‘Befeuchter’ zu idg. *wleikw- ‘befeuchten’“, wobei hier aber alle Zeichen richtig gesetzt sind. Straipsniai / Articles 163 HARALD BICHLMEIER actionis uridg. *ulōiku̯-o- ‘Befeuchten, Befeuchtung’, ggf. auch Nomen rei actae ‘Befeuchtetes’ erwarten. • Die in der oben angeführten Darstellung nicht begründete Dissimilation *u̯ – kʷ > *u̯ – k ist zwar im Prinzip möglich – aber letztlich gänzlich ad hoc und hat, so weit erkennbar, keinerlei Parallelen im Keltischen; in einem möglichen Beispiel mit derselben Lautsequenz geschieht jedenfalls nichts dergleichen: Auf uridg. *uekʷu̯- ‘sagen’ (LIV² 673f.; IEW 1135f.) können jedenfalls Fortsetzer eines Stamms urkelt. *uekʷu̯-o- ‘Gesicht’ (wohl < ‘Sprache’) beruhen, die von einer Dissimilation keine Spur zeigen: zugehörig ist vielleicht Ogam VEQ-REQ, sicher mkymr. gwep ‘Gesicht, Ansicht, Grimasse’, mbret. goap ‘Verhöhnung’ (falls nicht Lehnwort aus dem Normannisch-Französischen), gall. PN Uepo-litanus, Uepos.⁴⁸ • Und noch mehr ad hoc ist die darauf dann noch folgende Annahme eines Schwundes des anlautenden uridg./urkelt. *u̯-: Für einen solchen fehlt in den keltischen Sprachen jeglicher Hinweis: Uridg. *u̯- wird zu urkelt. *u̯- und dieses weiter zu air. f-, kymr. gw-, bret. g-, korn. g-, gall. /u-/ <u-/ v->. Und dasselbe gilt auch für sämtliche Anlautgruppen urkelt. *ul- < uridg. *(H)ulund urkelt. *uliK- < uridg. *(H)u̯lK-.⁴⁹ • Endgültig unwahrscheinlich wird diese keltische Etymologie aber dadurch, dass es eben von dem Wort, auf das man den Flussnamen Lech hier zurückführt, urkelt. *uliku̯-o-, in allen keltischen Sprachen, in denen es weiterlebt, eben auch nicht ansatzweise einen Fortsetzer gibt, der einen der oben angenommenen nicht lautgesetzlichen Lautwandel zeigen würde; man findet immer nur die regulären Reflexe von *uund *-kʷ-: air. fliuch, akymr. gulip, mkymr. gulip, gwlyp, gʷlyb, abret. gulip, mbret. gloeb, glueb, mod. bret. gwleb, akorn. glibor (gl. lat. humor). 4.5. Zusammenfassend lässt sich somit festhalten, dass die von Wiesinger, Greule 2019 als alleinige Etymologie gebotene Rückführung des Namens Lech auf „idg. *wlikwō-s (lies: *wlikwōbzw. *ulikʷu̯-o-; H.B.) ‘Befeuchter’“ zwar semantisch gut passen würde, aber der lautgeschichtlichen Überprüfung nicht standhält: Sie bleibt nur möglich, wenn man für das (Voralpen-)Keltische (das Bayernkeltische [als Analogiebildung zum Bayer[n]slawischen] bzw. die Celtica bavarica) sonst im Keltischen nicht nachweisbare lautliche Entwicklungen akzeptiert, die aber schon bei ebendiesem Lexem nirgendwo in den keltischen Sprachen nachweisbar sind. ⁴⁸ Vgl. EDPC 409f.; OPEL 4: 155; 2007: 236; Raybould, Sims-Williams 2009: 14, 25. ⁴⁹ Für Beispiele vgl. EDPC 425f. 164 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII Anmerkungen zu den Flussnamen lit. Liėke, Liėką und ihrer Sippe 4.6. Die in diesem Zusammenhang von Wiesinger, Greule (2019) zitierte Arbeit von Wiesinger (2014: 681–683) ist hinsichtlich der gerade besprochenen Problematik ebenfalls problematisch: Sämtliche Widrigkeiten, die mit dieser Herleitung einhergehen, werden kaum berührt. So heißt es dort S. 682: „Da die um die Zeitenwende am Lech siedelnden Likaten keltisch benannt sind, liegt auch keltische Benennung des Flusses nahe, die dann kelt. *Likā anzusetzen ist. ... Allerdings dürfte der Flussname nicht keltischen, sondern schon idg.-vspr. Ursprungs sein. So weist Jürgen Udolph verwandte Bildungen einerseits im Osten von Kroatien über die Slowakei und Polen bis Weißrussland und Litauen und andererseits im Westen in Belgien, Frankreich, England nach. Auszugehen ist dann von idg. *lei- (*leiH-) ‘gießen, fließen’ (Pokorny, 664) und Formanserweiterung zu *leikᵘ⁻⁵⁰ (*uleikᵘ⁻) ‘fließen’ in lat. liquēō ‘flüssig sein’ und liquidus ‘flüssig, fließend‘.“ Angesichts der doch deutlich von der in Wiesinger, Greule (2019) vertretenen Etymologie abweichenden Herleitung – es wird ja hier mit einer vorkeltischen, in Wiesingers Terminologie ‘indogermanisch-voreinzelsprachlichen’ Bildung gerechnet – dort indes eindeutig mit einer keltischen, wären im jüngeren Text schon ein paar klärende Worte angebracht gewesen, wenn dieser Text als einer von nur drei Literaturverweisen erscheint.51 Wollte man unter dieser Voraussetzung die Herleitung des Namens Lech aus einem keltischen Gewässernamen *Likā retten, müsste man annehmen, dass dieser nur eine keltisierte Form bzw. die ins Keltische integrierte Form eines vorkeltischen Namens ist. Dann müsste man aber weiter annehmen – wenn man weiterhin von einer zugrundeliegenden Wurzel uridg. *uleikᵘ⁻ ‘fließen’ bzw. 50 Quelle für diesen überholten Ansatz dürfte ebenda zitierter Udolph 1990: 116 („*leikᵘ⁻, „fließen“ als Wurzelerweiterung zu *lei- „gießen, fließen““) sein, wo dieser diese Theorie der Wurzelweiterung von Schmid 1975 übernimmt. Allerdings ist die Theorie einer derartigen Wurzel­erweiterung aus heutiger Sicht zu verwerfen (die Wurzel ist als uridg. *leiH- ‘gießen’ anzusetzen, LIV² 405f.), diese Idee widerspiegelt nur den gerade bei Udolph üblichen, völlig veralteten Wissensstand. Dass uridg. *leiHund *uleikᵘ⁻ irgendwie einen gemeinsamen Ursprung haben, ist grundsätzlich ausgeschlossen. Auch ist eine Wurzel uridg. *leikᵘ⁻ ‘niedrig, Niederung’, die indirekt irgendwie etwas mit ‘fließen, flüssig’ zu tun haben könnte (so etwa Merlingen 1978: 60), ein Phantasma bzw. entspringt veralteten Auffassungen: diese Wurzel wird dadurch generiert, dass eben der Name Lech mit der Sippe um lett. liekns zusammengestellt wird; der Name des Lech müsste dann – wenn er aber ebenda nicht ausgeführt wird – letztlich ‘der Niedrige, der Seichte’ bedeutet haben. Nach den Ausführungen oben in 3.3., besonders in 3.3.1. erscheint diese Etymologie als wenig zielführend. 51 Letztendlich handelt es sich dabei um einen verschleiernden Terminus, der es dem Nutzer erspart, sich festlegen zu müssen, ob er voreinzelsprachliche (in diesem Falle vorkeltische) Bildungen nun als urindogermanisch oder ‘alteuropäisch’ (also irgendwie westurindogermanisch) im Krahe’schen Sinne ansieht. Straipsniai / Articles 165 HARALD BICHLMEIER recte ‘befeuchten’ ausgehen will, dass die vorkeltisch-indogermanische Sprache, aus der das Keltische den Namen übernommen hat, dergestalt war, dass sie den Labiovelar verloren bzw. zum Velar gewandelt hatte (wie etwa die Satemsprachen) und anlautendes *ulzu *lvereinfacht hätte (wie das Baltische, Slawische, Italische). Man kommt hier in einen Bereich, in dem kaum mehr etwas sprachwissenschaftlich-argumentativ abzusichern ist.52 Zudem ergibt sich dann hier die Frage: wenn der Flussname nun vorkeltisch ist („idg.-vspr.“), kann man dann den Volksnamen Licates / Likaten noch als keltisch bezeichnen, wie es im Zitat ja geschieht? Oder ist er dann keltisch auf vorkeltischer Grundlage, weil er das (keltische?) Suffix (*)atenthält? Abgesehen davon ist die im Zitat offenbar vorgenommene Verbindung von uridg. *leiH- ‘gießen, fließen’ (LIV² 405f., Pokorny 1959: 664f.) mit uridg. *uleiku̯- ‘befeuchten’ (LIV² 696f.; nicht in Pokorny 1959) nachgerade abenteuerlich – und findet sich in der Form nicht einmal beim ebenda zitierten Udolph (1990: 115f.). 4.7. Kehren wir noch einmal zu den beiden anderen Etymologien zurück: 4.7.1. Zunächst zur angeblichen Wurzel *h₁leik- ‘biegen’:53 Die wichtigste Literatur, die diese Etymologie enthält, ist wohl IEW 669; Snyder 1967: 161 („Zugrunde liegt wohl idg. *leik- ‘biegen’. Keltische Herkunft dieser Namen ... ist ... weniger wahrscheinlich.“);54 ohne Verweis auf IEW; Anreiter (2008: 150). Dass die Etymologie ausgehend von dieser Wurzel abzulehnen ist, wurde oben § 3.4.1. schon dargelegt. 4.7.2. Die ‘Stein’-Etymologie wird in erster Linie in der französischsprachigen Literatur vertreten, die aber etwa von Wiesinger, Greule (2019) sowie den dort zitierten Vorgängerarbeiten nicht rezipiert bzw. zitiert wurde. Sie wird in der französischsprachigen Literatur zudem in der Regel als einzige für den Lech 52 Zudem impliziert diese Ansicht nota bene, dass vor den Trägern der Sprache, aus der später das Keltische hervorging, Sprecher eines anderen indogermanischen Idioms ins Voralpenland eingewandert sein müssen – also folglich mit mindestens zwei Wellen indogermanischer Einwanderung gerechnet werden müsste: eine dann vielleicht im 2. Jt. v. Chr. (von deren Trägern der Gewässername geprägt worden wäre – das wäre dann wohl in klassischer Terminologie ‘alteuropäisch’) und die mit den sich später zu Kelten entwickelnden Sprachträgern im 1. Jt. v. Chr. 53 Beide Etymologien werden in Sims-Williams (2006: 185, Anm. 78) genannt, ohne eine Entscheidung zu treffen. 54 Snyder (1965: 187f.) bietet hingegen noch beide Lösungen, die zu urkelt. *lik(k)- ‘Stein’ und die zu uridg. *leik- ‘biegen’ (nach IEW 669), scheint aber schon der letzteren zuzuneigen. Kategorisch hingegen ist er bereits in der Ablehnung (aus lautlichen Gründen) einer Etymologisierung auf der Grundlage der Wurzel *uleiku̯-. 166 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII Anmerkungen zu den Flussnamen lit. Lieḱe, Lieḱā und ihrer Sippe genannt, wobei meist darauf hingewiesen wird, dass der Flussname einfaches urkelt. *k hatte, die verglichenen Lexeme aber geminiertes urkelt. *kk (so etwa DLG² 200; DLG³ 201; Delamarre [2007: 177]; Delamarre [2012: 117]). DTNG 2, s.v. „licco-, licca ‘pierre plate, dalle, falaise, roche’ / ‘slab, flat stone, cliff“ geht nun implizit offenbar davon aus, dass die Geminate grundsätzlich vorhanden war, in den Belegen meist aber nicht geschrieben wurde, mit Ausnahme von Licca bei Venantius Fortunatus. Während dies hier nicht mehr erwähnt wird, gilt die Geminate in DLG² 200; DLG³ 201 (und in älterer Literatur) als „expressiv“ (so etwa noch IEW 832, Pokorny 1960: 170, aber auch noch Bichlmeier 2010: 43).⁵⁵ 4.7.3. Diese Einschätzung ist erstaunlich, da die Lösung für diese Geminate bereits von Stokes (1893 passim, hier: 170) erkannt und diesen aufgreifend von Lühr (1985 passim, hier: 293, 337) bestätigt wurde: Es gab im Urkeltischen ein der Lex Kluge im Germanischen vergleichbares Lautgesetz, das bewirkte, dass (zumindest vor dem Wortakzent) die Gruppen aus uridg. *p/t/k + *n urkelt. *pp/tt/kk ergaben, die aus uridg. *bʰ/dʰ/gʰ + *n führten zu urkelt. *bb/dd/gg. Bereits bei Stokes (1893) findet sich so die wohl korrekte Etymologie: Das keltische ‘Stein’-Wort im appellativen Wortschatz geht auf uridg. *pₗ̥knā-, in moderner Notation uridg. *p̥l̥k-néh₂- > frühurkelt. *φlikkā- > urkelt. *likkā- > mir. lecc ‘Steinplatte’, kymr. llech ‘Steinplatte’, bret. lec’h ‘Grabstein’ zurück. Dabei ist der Ansatz der Schwundstufe im Rekonstrukt nur dann notwendig, wenn eben der Name des Lech mit seinen Belegen der Gestalt /lik(k)-/ damit verbunden werden soll. 4.7.5. Ansonsten gilt: Diese keltischen Wörter könnten auch auf kelt. *(p)lekkāzurückgeführt werden, eine ursprünglich vollstufige Form. Problematisch an diesem Ansatz ist weiters, dass es sich, sieht man sich die Bedeutungen der anderen von dieser Wurzel abgeleiteten Wörter an, sicher um eine semantische Sonderentwicklung im Keltischen handeln dürfte, wo ausgehend von der eigentlichen Bedeutung ‘flach’, ‘Fläche’ eben die Einschränkung auf ‘Steinfläche’ stattgefunden hat (vgl. Bichlmeier 2010: 43). Mit anderen Worten: auch vorurkelt. *plek-nḗkönnte zu den belegten keltischen Appellativen führen. 4.7.6. Aus dem Gesagten ergibt sich nun also Folgendes: Geht man von uridg./vorurkelt. *p̥lk-néh₂- > frühurkelt. *φlikkā- > urkelt. *likkāaus, können ⁵⁵ Zu Personennamen, die das Element Liccenthalten, vgl. noch OPEL 3: 26. – Zu weiteren Möglichkeiten der Entstehung von Geminaten im Festlandkeltischen vgl. de Bernardo Stempel 2010. – Skeptisch sieht diese Lösung Isaac 2004 (> Possibly Celtic Elements, s.v. lico-); doch da er ebenda nur die auszuschließende Etymologie nach Anreiter (et al.) zur Wz. *(h₁)leik- ‘biegen’ als Alternative erwägt, bringt dieser Eintrag keine neuen Argumente, die die Keltizität des Lexems wirklich infrage stellen würden. Straipsniai / Articles 167 HARALD BICHLMEIER die appellativischen Formen und die Belege des Gewässernamens zusammen erklärt werden, man muss aber annehmen, dass beim Gewässernamen die Geminate oft nicht geschrieben worden ist. Alternativ kann man uridg./vorurkelt. *pl̥k-néh₂- > frühurkelt. *φlikkā- > urgelt. *likkāfür die Appellativa (und einen Gewässernamenbeleg?) ansetzen, hingegen uridg./vorurkelt. *pl̥k-éh₂- > frühurkelt. *φlikā- > urgelt. *likāfür die Gewässernamenbelege. 4.7.7. Da, wie oben schon ausgeführt, die Grundbedeutung der Wurzel uridg. *plekam ehesten ‘flach’ gewesen sein dürfte (vgl. vielleicht lett. plaks ‘flach’, falls aus vorurbalt. *pl̥ok-o- [falls nicht aus *pl̥ak-o- ← *pl̥h₂k-o-; s.u. 4.7.9], lit. plãkanas ‘flach’ sowie einige weitere Anschlüsse bei Pokorny 1959: 831f.⁵⁶),⁵⁷ ist für eine no-Ableitung uridg./vorurkelt. *pl̥k-nówohl auch am ehesten von dieser Bedeutung auszugehen. Und wie schon von Bichlmeier (2010: 44) dargestellt, hat man wohl keine andere Möglichkeit, als folgende Bedeutungsentwicklungen anzunehmen: für die Appellativa in jedem Fall wohl ‘flach’, substantiviert dann ‘Fläche’ > ‘Steinfläche’ > ‘Steinplatte’ > ‘Grabplatte’, für den Flussnamen ‘die Flache, Seichte’, wobei sekundär – unter der Voraussetzung, dass die außerhalb des Gallischen nachgewiesene Bedeutungsentwicklung auch im Voralpengallischen stattgefunden hat – die Bedeutung ‘Steinplatte’ wieder eingedeutet worden sein mag. Eine Bedeutung ‘steinig’ o.ä. kann entstanden sein, ist aber aus dem Gesagten vorerst nicht ableitbar und würde sich jedenfalls morphologisch nicht in einem dieser Bedeutungsverschiebung zuzuordnenden Ableitungsprozess widerspiegeln. 4.7.8. Es sei aber doch noch ein zunächst kompliziert erscheinendes Szenario präsentiert, das aber gerade für diesen Gewässernamen genau diese Bedeutung ‘steinig’ erklären könnte: Nimmt man als Ausgangspunkt einen ablautenden proterodynamischen n-Stamm uridg./vorurkelt. *plék-n̥ n. (oder *plék-ōn m.), Gen. *pl̥k-én-s → *pl̥k-n-és ‘Flachheit, Fläche’ oder einen amphikinetischen n-Stamm uridg./vorurkelt. *plék-n̥ n. (oder *plék-ōn m.), Gen. *pl̥k-n-és an, würde ein mit possessivem uridg. *-ódavon abgeleitetes Adjektiv uridg./vorurkelt. *pl̥k-n-óeben ‘Fläche / Flachheit habend’, also ‘flach’ bedeuten. Sollte die Bedeutungsentwicklung 56 Vgl. mit abweichender Etymologie (zur Wurzel uridg. *pleh₂k) LitIEW 602f.; LEV 2: 58; SEJL 467f.; ALEW 2: 785f.; SEJL² s.v. plãkanas; LED 978f. 57 Ob es sich bei der Wurzel tatsächlich um das Ergebnis eines Prozesses von Wurzel­erweiterung gehandelt hat, wie ebenda impliziert, spielt für die weitere Diskussion in unserem Fall keine Rolle. Sollte diese Vermutung zutreffen, ist wohl am ehesten von einer Urwurzel *pelauszugehen, die dann u.a. einerseits zu *pl-eh₂- ‘breit, sich ausbreiten’, andererseits zu *pl-ek- ‘flach’ erweitert worden wäre. Man kommt hier aber in den Bereich glottogonischer Spekulationen. 168 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII Anmerkungen zu den Flussnamen lit. Lieḱe, Lieḱā und ihrer Sippe von ‘Fläche’ hin zu ‘Stein(fläche)’ bereits urkeltisch erfolgt sein, könnte so auch eine Bedeutung ‘steing’ motiviert werden. Gleiches gilt auch, wenn man von einem men-Stamm uridg./vorurkelt. *pl̥k-mn̥ n., Gen. *pl̥k-mén-s, Instr. *pl̥k-mn̥-éh₁ ‘Flachheit, Fläche’ ausgeht, hier würde nur zusätzlich noch die auch sonst zu beobachtende Vereinfachung der Dreierkonsonanz im Instrumental⁵⁸ *-kmn- > *-kn- (noch im Vorurkeltischen) stattgefunden haben und für das Gesamtparadigma des Worts verallgemeinert worden sein müssen, sodass sich ebenfalls das davon abgeleitete possessive Adjektiv vorurkelt. *pl̥k-mn-ó- > *pl̥k-n-óergibt. 4.7.9. Abschließend sei aber noch auf ein Problem im Zusammenhang mit dem Ansatz der Wurzel uridg. *plekhingewiesen: Diese kann einigen der Bildungen, die IEW 831f. zusammengestellt sind, durchaus zugrundeliegen; doch ist für die meisten dort angeführten Formen eher eine Wurzel uridg. *pleh₂k- ‘schlagen’ (LIV² 485) vorauszusetzen, auf deren Grundlage eben auch die o.a. baltische Sippe um lett. plaks, lit. plākanas ‘flach’ (< **[platt] geschlagen’) erklärt werden kann, indem mit erneuertem Vokalismus plak- < *plək- (statt uridg. *pl̥h₂k- > urbalt. *pīlk-/*pūlk) gerechnet wird.⁵⁹ Ist nun die Wurzel tatsächlich (und ausschließlich) als uridg. *pleh₂kanzusetzen, erhebt sich die Frage, ob auf dieser Grundlage noch die Herleitung der urkeltischen / gallischen Form *libkāmöglich ist. Anzusetzen wäre nach den im Vorhergehenden dargestellten Ableitungsprozessen eine Vorform vorurkelt. *pl̥h₂k-(m)n-ó-. Doch auch diese Form würde letztlich genau zu dem oben dargestellten Ergebnis, eben urkelt. *libk-o, führen, da diese Form eine Struktur aufweist, die den Input für das Wirken der ‘Wetter-Regel’ bildet: Gemäß der ‘Wetter-Regel’ erfolgte der Verlust eines Laryngals vor der Kombination aus Verschlusslaut und unsilbischem Sonorant bei folgender Betonung der Endsilbe. Vgl. dazu Neri (2017: 343), der die ‘Wetter-Regel’ folgendermaßen präzisiert: „Der Laryngalschwund vollzog sich regulär (d.h. als ausnahmsloses Lautgesetz) nur in der Stellung hinter unbetontem Vokal oder unbetontem silbischem Resonant und vor jeglicher Verbindung von mindestens einem Obstruenten + unsilbischem Resonanten oder Halbvokal (VHK R/UṾ > VK R/UṾ, RHK R/UṾ > RK R/UṾ oder R K R/UṾ). Der Lautwandel fand in einer Zeit statt, als der Schwundablaut und die Umfärbung eines kurzen e schon eingetreten waren, aber noch vor dem generellen einzelsprachlichen Laryngalschwund, der mit ⁵⁸ Eines der schlagendsten Beispiele hierfür liefert ai. áśman- ‘Stein’: Nom. áśmā, Gen. aśnáḥ, Instr. aśnā. ⁵⁹ Vgl. die Literatur in Fußnote 56. Straipsniai / Articles 169 HARALD BICHLMEIER Ersatzdehnung des vorangehenden sonorantischen Segments einherging, und ist somit als urindogermanisch einzustufen.“ Mit anderen Worten: die Entwicklung auch ausgehend von der für die Mehrzahl der bezeugten Wortformen zugrunde zu legenden Wurzelform ist regulär und führt zum bezeugten Ergebnis: uridg. *pl̥h₂k-(m)n-ó- > vorurkelt. *pl̥k-(m)n-ó- > frühurkelt. *pl̥ik-nó- > urkelt./(ur-)gall. *likko. 4.8. Aus der hier erfolgten Durchsicht aller Möglichkeiten ergeben sich folgende Erkenntnisse: 4.8.1. Dass die semantisch freilich gut geeignete Wurzel uridg. *uleikū- ‘befeuchten’ bei der Etymologisierung des Namens des Lechs als keltischer Name eine Rolle spielte, ist ausgeschlossen. Sollte der Lech einen vorkeltisch vergebenen Namen haben, ist es theoretisch möglich, dass diese Wurzel hier die Grundlage bildet, erfordert aber etliche Zusatzannahmen wie die, dass Lautwandel stattgefunden haben müssen, die für Mitteleuropa bzw. den Alpenraum sonst nicht nachzuweisen sind (sondern nur im Italischen bzw. in Satemsprachen wie etwa dem Baltischen und Slawischen begegnen). 4.8.2. Dass eine Wurzel uridg. *h₁leik- ‘biegen’ eine Rolle spielte, ist ebenfalls ausgeschlossen. Diese hat wohl schlicht nie existiert: Das einzige (baltische) Appellativpaar, das für sie in Anspruch genommen wurde, ist anders zu erklären (gehört eben wohl zur Wurzel uridg. *uleikū- ‘befeuchten’). Die rein ony­mischen sonstigen mutmaßlichen Belege für die Existenz der Wurzel sind wertlos, da aus rein ony­mischem Material nie auf irgendwelche Bedeutungen von irgendwas geschlossen werden kann. 4.8.3. Auf der Grundlage der Wurzel uridg. *plek- ‘flach’ bzw. *pleh₂k- ‘(platt) schlagen’ lassen sich sowohl die Formen des Gewässernamens als auch die keltischen Appellative problemlos herleiten. Die in den belegten Wortund Namenformen fortgesetzte urkeltische Geminate ist lautgesetzlich aus uridg. *-kn-́ > urkelt. *-kkentstanden. Nicht zu klären ist vorläufig, ob die Gewässernamenbelege ohne Geminate auf einer abweichenden Stammbildung beruhen (uridg. *pl̥(h₂)k-ó-/éh₂-) oder nur auf ungenauer Wiedergabe des keltischen Wortes. Eine sinnvolle Bedeutung für einen Flussnamen ergibt sich bei Annahme eines adjektischen nó-Stamms vorurkelt. *pl̥(h₂)k-nó- ‘flach’ (> ‘seicht’), eine bereits früher des Öfteren angenommene Bedeutung ‘die Steinige’ kann hergeleitet werden, wenn man vorurkelt. *pl̥(h₂)k-(m)n-óals possessivische ó-Ableitung zu einem (me)n-Stamm uridg./vorurkelt. *plé(h₂)k-(m)n n., *pl̥(h₂)k-(m)͂n- ‘Flachheit, Fläche’ > ‘Steinfl äche’ > ‘Stein(fl äche)’ auffasst. Je nachdem, wie weit dann zum Zeitpunkt der Adjektivbildung die semantische Entwicklung des (me)n-Stamms im (Spät-)Urkeltischen / Voralpengallischen 170 Acta Linguistica Lithuanica LXXXIII Anmerkungen zu den Flussnamen lit. Lieḱe, Lieḱā und ihrer Sippe schon fortgeschritten war, bedeutete die Ableitung dazu entweder ‘Flachheit habend’, ‘Steinfläche(n) / Steinplatten habend’ oder ‘Steine habend’ = ‘steinig’. 60 4.8.4. Welches nun die genaue Bedeutung des Namens war, wird sich wohl nie entscheiden lassen. 5. ERGEBNIS Aus der vorgelegten Untersuchung ergibt sich somit: Die Wurzel uridg. *(h₁)leikist appellativisch nicht nachzuweisen, existierte folglich wohl auch nie. Falls sie doch existiert haben sollte, tat sie das nur in onymischen Wortformen, weshalb folglich ihre Bedeutung nicht bestimmt werden kann. Somit ist für die Sippe der Gewässernamen um lit. Lieḱe, Lieḱā am ehesten von der Wurzel uridg. *uleikᵘ- ‘befeuchten’ als Grundlage auszugehen. Diese kann auch slawischen Gewässernamen wie kroat. Lika, slowak. Likava etc. zugrundeliegen – sowohl wenn diese echt slawische Bildungen sind als auch wenn sie nur slawisierende Umformungen vor slawischer Bildungen sein sollten. Für den Namen des Lech hingegen ist eine Herleitung aus der Wurzel uridg. *uleikᵘ- ‘befeuchten’ unmöglich; eine solche Erklärung erfordert Sonderannahmen, die nirgends Parallelen haben. Vielmehr ist der Name aus einer rein keltischen Bildung hervorgegangen, die am ehesten auf einer Vorform uridg. *pl̥(h₂)k-(m)n-ó- > urkelt. *(φ)likko- ‘steinig’ beruht; daneben mag es eine Parallelbildung uridg. *pl̥k-ó- > urkelt. *(φ)liko- (bzw. uridg. *pl̥(h₂)k-ó- → urkelt. *(φ)liko- [mit geneuertem Vokalismus]) gegeben haben. Daraus folgt, dass die in älterer Literatur öfter begegnende Verbindung von lit. Lieḱe, Lieḱā mit dem keltischen Gewässernamen *Lik(k)o/ānicht haltbar ist. Die beiden Namen(sippen) beruhen auf Bildungen von zwei verschiedenen urindogermanischen Wurzeln – nur die einzelsprachlichen Ergebnisse sind sich ähnlich. Es handelt sich somit um einen klassischen Fall von ‘falschen Freunden’ – bzw. um die verderbliche Wirkung der ‘Sirene des Gleichklangs’. 60 Die Möglichkeit, diese Bedeutung ‘steinig’ für die belegten Namenformen überhaupt herleiten zu können, wurde in Bichlmeier (2010: 44) noch wesentlich skeptischer beurteilt; jene Skepsis ist nach den hier nun vorgelegten Überlegungen nicht mehr berechtigt. Straipsniai / Articles 171 HARALD BICHLMEIER LITERATUR ALEW – Altaltaiisches etymologisches Wörterbuch (ALEW). Vol. 1: A–M. Vol. 2: N–Ž. Unter der Leitung von Wolfgang Hock und der Mitarbeit von Elvira-Julia Bukevičiūtė und Christiane Schiller bearb. von Rainer Fecht, Anna Helene Feulner, Eugen Hill und Dagmar S. Wodtko. Bd. 3: Verzeichnisse und Indices. Unter der Leitung von Wolfgang Hock und der Mitarbeit vieler anderer bearb. von Rainer Fecht. (Studien zur historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft 7), Hamburg: Baar, 2015. 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Jeigu tokia šaknis *(h₁leikir būtų egzistavusi, jos neįmanoma susieti su jokia reikšme. Gal būtų prasmingiau abu lietuvių upėvardžius kildinti iš praindoeuropiečių šaknies *uleikū- ‘drėkti, šlapti’. Sąsajos su baltų kalbų leksika galimos, bet sunkiai pagrindžiamos. Taip pat reikia pripažinti, kad upėvardis Lech, kurį aiškinant minėtomis šaknimis buvo gana dažnai remiamasi, taip pat negali būti kildinamas iš praindoeuropiečių šaknies *(h₁leik-, kadangi tokios šaknies greičiausiai nebūta kaip ir praindoeuropiečių *uleikū-, nes nesama jų fonologinių siejimo motyvų. Veikiausiai galima kalbėti apie keltišką darinį, kurio reikšmė būtų siejama su ‘akmeninga(-s), akmenuota(-s)’: praindoeuropiečių *pl(h₂)r̥-(m)néh₂- > ankstyvoji prakeltiška *φlikrā- > prakeltiška *likkā. Taigi paaiškėja, kad liet. Liėkė, Liėką ir kt. bei vok. Lech etimologiškai nesusiję. Įteikta 2020 m. rugsėjo 2 d. HARALD BICHLMEIER Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig Arbeitsstelle Jena: Etymologisches Wörterbuch des Althochdeutschen Zwätzengasse 12a D-07743 Jena [email protected] Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg Institut für Orientalistik Seminar für Indogermanistik und Allgemeine Sprachwissenschaft Ludwig-Wucherer-Str. 2 D-06108 Halle (Saale) [email protected] Straipsniai / Articles 177