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NAGLIS KARDELIS Universität Vilnius ORCID id: orcid.org/0000-0002-2179-3754
Forschungsgebiete: Sprachphilosophie, Philosophie der Antike, Philosophie des Mittelalters, Religionsphilosophie.
DOI: doi.org/10.35321/all84-16
SPRACHE UND WIRKLICHKEIT
Das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit ist das interessanteste und am schwersten zu lösende Problem der Sprachphilosophie. Es hat viele Aspekte, weil auch die Wirklichkeit selbst in unterschiedlichen Kontexten philosophischer Analyse verschieden verstanden und beschrieben wird.
So kann man etwa das untersuchen, was wir die innere Wirklichkeit der Sprache selbst nennen könnten – die immanente Natur der Sprache, die sich auf verschiedenen von der Sprachwissenschaft analysierten Ebenen zeigt. Die Sprachwelt, die sich eröffnet, wenn man die Sprache als geschlossenes System von innen betrachtet, und die nach den Maßstäben der Sprache selbst bewertet wird, unterscheidet sich völlig von der Welt, die sich jenseits der Grenzen der Sprache selbst eröffnet. Die immanente Wirklichkeit der Sprache fällt nicht mit jener Wirklichkeit zusammen, die sich jenseits der Grenzen der Sprache selbst eröffnet und die zu versprachlichen die Sprache berufen ist und von der sie Zeugnis ablegen muss. Die Wahrheit des Wortes als eines „Dings“ der Sprache selbst unterscheidet sich von der Wahrheit des Dings der außersprachlichen Wirklichkeit: Wenn wir beispielsweise die Etymologie eines Wortes klären und dadurch eine sprachliche „Wahrheit“ über das mit diesem Wort bezeichnete Ding enthüllen, erfahren wir dadurch noch nicht die Wahrheit über das Ding selbst, das jenseits der Sprache existiert, obwohl die Sprache uns wertvolle Einsichten darüber vermitteln kann, wie wir über dieses Ding denken sollten.
Oder nehmen wir ein anderes Beispiel: Obwohl in der immanenten Wirklichkeit der Sprache – in der Wirklichkeit der Wörter – die Unterscheidung zwischen Dinghaftigkeit und Prozessualität klar gezogen wird und auf der Ebene der Morphologie als Unterscheidung zwischen Substantiv und Verb erscheint, wirkt sie aus alltäglicher Sicht so, als würde sie den jenseits der Grenzen der Sprache existierenden Unterschied zwischen Objekten und Prozessen richtig wiedergeben; dennoch kann sie nicht ohne Weiteres – ohne wesentliche Vorbehalte und Korrekturen – als der außersprachlichen Wirklichkeit selbst eigentümlich gelten, die weitaus komplexer, seltsamer und rätselhafter ist als ihre von der Alltagserfahrung erschlossene Oberfläche: Denn, wie der altgriechische Philosoph Parmenides behauptete, ist das Sein monolithisch einheitlich, mit sich selbst identisch, unbewegt und unveränderlich, und moderne Physiker würden ihm vielleicht zustimmen, indem sie sagen, dass die gesamte physische Wirklichkeit so einheitlich ist, dass man überhaupt nicht von streng lokalisierten und voneinander getrennten Dingen sprechen kann; außerdem ist auch die Zeit selbst – und mit ihr das, was wir als zeitlich sich entfaltende
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verschiedenen Ereignisse wahrnehmen – lediglich eine Illusion der alltäglichen menschlichen Erfahrung, wenn auch eine sehr überzeugende.
Übrigens ist dies nur ein konkretes Beispiel, mit dem wir darauf aufmerksam machen wollten, dass wir die in der inneren Wirklichkeit der Sprache selbst – in der Wirklichkeit der Wörter, ihrer Bedeutungen sowie der morphologischen und syntaktischen Formen – hervortretenden „Wahrheiten“ nicht unkritisch mit der Wahrheit über die jenseits der Sprache existierende Welt gleichsetzen sollten. Das, was wir die innere Wirklichkeit der Sprache selbst nennen könnten, untersucht eher die Linguistik als die Philosophie (es sei denn, wir wären große Heidegger-Verehrer), während über das Verhältnis von Sprache und außersprachlicher Wirklichkeit – der wirklichen Wirklichkeit – die Philosophie nachzudenken berufen ist. Zwar ist anzuerkennen, dass sich die Sprachphilosophie ebenfalls dafür interessiert, wie sich in der Sprache ein sprachliches Weltbild konstituiert und wie die Sprache die außersprachliche Wirklichkeit auf verschiedenen Ebenen ihres Systems widerspiegelt und abbildet. Dennoch ist für die Philosophie die radikal gestellte Frage nach dem Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit selbst am interessantesten.
Philosophen verfallen bei der Erörterung dieser Frage bisweilen in zwei Extreme, die wir nun kurz besprechen und kritisieren werden.
Das erste Extrem hängt mit der Auffassung zusammen, dass die außersprachliche Wirklichkeit existiert, sich in der Sprache jedoch entweder überhaupt nicht widerspiegelt oder dass ihr sprachliches Abbild völlig verzerrt und inadäquat ist. Einige Philosophen, die diese Auffassung vertreten, betrachten Wirklichkeit und Sprache als zwei nicht miteinander verbundene Gefäße. Nach Überzeugung dieser Denker hat der Mensch keineswegs überhaupt keinen Zugang zur Wirklichkeit – er kann sie durch die körperlichen Sinne erfahren, vor allem durch das Sehen –, doch das, wovon die Sprache, insbesondere die von sinnlichen Inhalten abgelöste abstrakte Sprache, spricht, ist nicht einmal ein verzerrtes Abbild der außersprachlichen Wirklichkeit, sondern eher eine Pseudowirklichkeit, eine Fälschung der außersprachlichen Wirklichkeit. Eine solche Auffassung zwingt unweigerlich dazu, die Sprache misstrauisch, skeptisch und sogar nihilistisch zu betrachten, ohne zu erwarten, dass die Sprache jemals imstande sein werde, die Tiefen und Geheimnisse der außersprachlichen Wirklichkeit zu erschließen oder die Kraft philosophischer Einsicht zu verleihen. Diese extreme Bewertung der Sprache als, sagen wir, philosophisch und existenziell ohnmächtig ist unter logischem Gesichtspunkt fehlerhaft, weil sie auf unüberwindbare innere Widersprüche stößt.
Denn wenn die Sprache die Wirklichkeit in keiner Weise zu berühren vermag, mit anderen Worten, wenn sich die Sprache in ihrem Verhältnis zur Wirklichkeit als völlig ohnmächtig erweist, könnte man fragen, wie ein Philosoph, der über eine solche Ohnmacht der Sprache nachdenkt, fähig werden könnte, sie selbst zu erkennen und sie anderen nicht anders als gerade durch die Mittel der Sprache mitzuteilen, da Theorien von der Ohnmacht der Sprache in wissenschaftlichen philosophischen Abhandlungen in Sprache dargelegt werden. Einfacher gesagt: Wäre die Sprache in dieser Hinsicht völlig ohnmächtig, wäre sie nicht einmal dazu befähigt, Wissen über ihre eigene Ohnmacht zu vermitteln. Offenkundig wird bei der Formulierung solcher Theorien von der Ohnmacht der Sprache mithilfe der Mittel der Sprache und des sprachlichen Denkens gerade die Sprache – vor allem das sprachliche Denken – zum Maßstab der Gleich- oder Ungleichartigkeit von Sprache und außersprachlicher Wirklichkeit und – in der Person des denkenden und sprechenden Philosophen – zum Schiedsrichter, der diesen Maßstab anwendet. Wer von Geburt an blind ist, vermag den Unterschied zwischen Sehen und Blindheit nicht zu erfassen und zu bewerten, ebenso wenig wie jemand, der keinen Geschmackssinn besitzt, erfassen und bestimmen kann, worin sich Geschmack und Geschmacklosigkeit unterscheiden.
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wie auch derjenige, der keinen Geschmack empfindet, nicht erfassen und bestimmen kann, worin sich Geschmack und Geschmacklosigkeit unterscheiden.
Bei der Kritik dieser radikalen Auffassung des Verhältnisses von Sprache und Wirklichkeit könnte man auch anders fragen: Wenn nicht die Sprache, mit welchem Werkzeug genau – unabhängig davon, ob es sinnlicher oder übersinnlicher Art ist – vermag der Philosoph die Ohnmacht der Sprache zu erfahren und anderen die Kunde davon zu übermitteln? Unter der Annahme, dass Sprache und Wirklichkeit tatsächlich gleichsam zwei nicht miteinander verbundene Gefäße sind, und unter der weiteren Annahme, dass der Philosoph trotz der Ohnmacht der Sprache dennoch über einen anderen Zugang zur Wirklichkeit verfügt, etwa über die Kraft der Sinne oder einer nichtdiskursiven – nichtsprachlichen – Intuition, bleibt dennoch unklar, wie ein Philosoph mit einer solchen ohnmächtigen Sprache imstande sein soll, anderen die Kunde von der Ohnmacht der Sprache mitzuteilen.
Denker, die Sprache und außersprachliche Wirklichkeit gleichsam als zwei nicht miteinander verbundene Gefäße betrachten, stoßen auf einen weiteren unüberwindbaren Widerspruch. Wenn man die Auffassung vertritt, dass der Mensch trotz der Unfähigkeit der Sprache, die Wirklichkeit zu erschließen, dennoch einen sinnlichen Zugang zu ihr besitzt, wird die Bildhaftigkeit der Sprache, ihre Kraft zur Vermittlung übersinnlicher Repräsentationen sinnlicher Eindrücke im Medium der Sprachzeichen zu einem unerklärlichen Paradox: Denn jeder Dichter und Prosaautor kennt die Wahrheit sehr genau, dass es im Medium der Sprache möglich ist, unmittelbare sinnliche Eindrücke nachzuahmen – in Gedichten, Romanen und Dramen mit Worten Bilder zu malen, Geräusche und Gerüche zu verbreiten, Geschmacks- und Berührungserfahrungen zu vermitteln. Denn wenn man voraussetzt, dass die Sprache als angeblich radikal übersinnliches Medium keinerlei gemeinsames Maß mit der Sinnlichkeit besitzt, wird unklar, wie es in der Sprache möglich wird, wenn auch indirekt und vermittelt, subtile sinnliche Eindrücke genau und unmissverständlich wiederzugeben. Wenn wir anerkennen, dass gerade die Sinne uns Zugang zur Wirklichkeit verschaffen, müssen wir zugleich unvermeidlich anerkennen, dass die Sprache – zusammen mit den unmittelbaren, nicht vermittelten Sinnen – uns in eben dem Maß, in dem sie als sinnliche Eindrücke zeichenhaft vermittelndes Medium die Sinnlichkeit nachzuahmen vermag, ebenfalls einen gewissen, wenn auch schwächeren Zugang zur außersprachlichen Wirklichkeit gewährt.
Übrigens sollte als gesondertes Problem, das sich Philosophen stellt, die die Sphären von Sprache und Wirklichkeit allzu radikal voneinander trennen, die Frage erörtert werden, ob auch die sinnlichen Eindrücke selbst auf absolut reine, sprachlich nicht vermittelte Weise erfahren werden können. Denn sehr wahrscheinlich – oder vielmehr zweifellos – erfährt der Mensch sinnliche Eindrücke nicht nur aufgrund der Gesundheit und Stärke der Sinne selbst so intensiv und reich, sondern auch aufgrund jenes übersinnlichen „Farbstichs“ oder „Beigeschmacks“, den die vermittelnde Kraft des sprachlichen Mediums diesen Eindrücken während der sinnlichen Erfahrung verleiht: Eine körperliche Erfahrung, die mit Erinnerungen, von schöpferischer Einbildungskraft hervorgebrachten Vorstellungen, Zukunftsprojektionen, dem Spiel sprachlicher Figuren oder sogar bestimmten abstrakten Gedanken verbunden ist – mit anderen Worten, die mit dem verbunden ist, was im Medium der Sprache festgehalten wird, sich konstituiert oder einfach spontan entsteht –, wird erheblich stärker als eine reine, von der Sprache getrennte körperliche Erfahrung.
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Obwohl wir dies nicht unmittelbar überprüfen können, ist es sehr wahrscheinlich, dass der Mensch aufgrund der von der Sprache geleisteten übersinnlichen – symbolischen – Vermittlung und Verstärkung sinnlicher Eindrücke selbst sinnliche Erfahrungen stärker, reicher und expressiver erlebt als nicht sprechende Lebewesen. Sprache und sprachliches Denken ermöglichen es uns, über die sinnliche Erfahrung zu reflektieren und die Stärke und Fülle sinnlicher Eindrücke zu bewundern und zu genießen. Wesen, die nicht zu sprechen und sprachlich zu denken vermögen, ist dieses Privileg nicht gegeben. Bei dieser Gelegenheit sei darauf hingewiesen, dass selbst jene Denker, die die Sprache übermäßig abwerten und die Sinne erheblich überschätzen, ihre eigene Begeisterung für die Macht sinnlicher Erfahrung – ebenso wie übrigens den übermäßig betonten Abgrund zwischen der „ohnmächtigen“ Sprache und den „mächtigen souveränen“ Sinnen – anderen gerade durch die Sprache und nur durch die Sprache vermitteln können, nicht jedoch durch die Sinne, intuitiv, telepathisch oder durch irgendwelche anderen Werkzeuge des Körpers oder der Seele.
Offenkundig verleiht gerade die Sprache und nicht die Sinne an sich den Denkern, die die Macht der Sprache leugnen, die Fähigkeit, die Eindrücklichkeit der sinnlichen Erfahrung klar zu erfassen und gedanklich zu reflektieren. Wir können also tatsächlich nicht behaupten, dass dem Menschen ausschließlich die reinen Sinne Zugang zur außersprachlichen Wirklichkeit verschaffen – korrekter wäre zu sagen, dass einen solchen Zugang zur Wirklichkeit, wie er dem Menschen überhaupt möglich ist, nicht so sehr die reinen Sinne an sich oder die reine Sprache an sich gewähren, sondern vielmehr Sprache und Sinne gemeinsam, indem sie in der einheitlichen menschlichen Erfahrung miteinander wirken.
Das zweite Extrem der Bewertung des Verhältnisses von Sprache und Wirklichkeit zeigt sich in der Auffassung, dass eine „wirkliche“ Wirklichkeit überhaupt nicht existiert, sondern ihre Illusion sich in der Sprache konstituiert, außerhalb derer angeblich überhaupt nichts existiert. Dies ist eine Auffassung, die meist mit der postmodernen Philosophie verbunden wird und stark vom Bestreben der Strukturalisten und Poststrukturalisten beeinflusst ist, die Sprache als geschlossenes System zu analysieren, dessen jedes Element durch sein Verhältnis zu anderen Elementen und nicht durch das bestimmt wird, was außerhalb dieses Systems ist – oder sein könnte. Bei der strukturalistischen Analyse der Funktionsweise der Sprache als eines einheitlichen und geschlossenen Systems ist es nicht nötig, die Annahme zu machen, dass außerhalb dieses Systems irgendetwas existiert, weil alle Elemente des Sprachsystems, die auf verschiedenen Ebenen desselben funktionieren, mithilfe ihrer Beziehungen zu anderen Elementen des Systems eindeutig bestimmt werden können.
Die Erklärungen der strukturalistischen Linguisten dazu, wie sich auf der Grundlage bestimmter binärer Oppositionen Elemente der unteren Sprachebenen wie Phoneme konstituieren, deren phonologische Identität nicht isoliert, sondern im Verhältnis zu anderen Elementen derselben Ebene bestimmt wird, wurden von Poststrukturalisten und Postmodernisten auf weitaus höhere Ebenen des Sprachsystems extrapoliert, die mit der Konstitution von Bedeutungen und Sinn zusammenhängen. Aus postmoderner Sicht konstituiert sich die Bedeutung eines sprachlichen Zeichens jeder Ebene, etwa eines Wortes, aufgrund bestimmter differentieller Unterschiede, die die Beziehungen der Zeichen im System bestimmen, und nicht aufgrund der Verbindung des Signifikanten des Zeichens mit einem außerhalb der Sprache – in der „wirklichen“ Wirklichkeit – existierenden Signifikat, denn, wie die Postmodernisten behaupten, sind mit sich selbst identische Signifikate, die wir aus traditioneller Sicht als
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jenseits der Sprache existierend ansehen würden, in Wirklichkeit lediglich eine durch die Bewegung der Signifikanten im Medium der Sprache selbst hervorgerufene Illusion.
Wenn wir die postmoderne Auffassung von der Natur der Sprache annehmen, müssten wir die Sprache als ein „flaches“ und streng „horizontales“ – mit anderen Worten als ein rein syntaktisches – System verstehen, während wir die Realität der subjektiv erfahrenen „vertikalen“ semantischen Sprachebene, die angeblich die Verbindung der Sprache mit der jenseits ihrer Grenzen befindlichen Wirklichkeit bestimmt, als bloße sprachliche Illusion ansehen müssten, die durch die ständige Bewegung der Signifikanten auf der „horizontalen“ Ebene – der Syntax der Sprache – entsteht.
Nehmen wir ein stark vereinfachtes Beispiel eines bestimmten hypothetischen Sprachsystems, das aus drei Elementen besteht – a, b und c. Nach der gewöhnlichen klassischen Auffassung würde die Bedeutung des Sprachelements a in einem aus drei Elementen bestehenden System durch sein Verhältnis zu dem in der außersprachlichen Wirklichkeit existierenden Gegenstück A bestimmt; entsprechend würden die Bedeutungen der Elemente b und c durch ihre Beziehungen zu ihren außersprachlichen Gegenstücken B und C bestimmt (um die in der außersprachlichen Wirklichkeit existierenden Gegenstücke der Sprachelemente a, b und c zu bezeichnen, haben wir Großbuchstaben gewählt und damit ihre größere ontologische Realität im Vergleich zu den im Medium der Sprache selbst existierenden, mit Kleinbuchstaben bezeichneten Elementen hervorgehoben). Nach postmoderner Auffassung hingegen würde die Bedeutung des Sprachelements a eindeutig durch sein Verhältnis zu den Elementen b und c bestimmt; die Bedeutung des Elements b durch sein Verhältnis zu den Elementen a und c, die Bedeutung des Elements c durch sein Verhältnis zu den Elementen a und b.
Nach Überzeugung der Postmodernisten konstituieren sich die Bedeutungen der im gewöhnlichen Alltag (und überhaupt in jeder Sprache) verwendeten Wörter genau auf diese Weise – zirkulär: Nehmen wir etwa an, die Bedeutung des Wortes „Baum“ konstituiere sich nicht als Ergebnis der Verbindung eines bestimmten lautlichen oder grafischen Signifikanten mit einem jenseits der Sprache grünenden Baum (als Signifikat), sondern als Ergebnis der horizontalen Beziehungen des Wortes „Baum“ zu Wörtern wie „Feld“, „Erde“, „Himmel“, „Sonne“ usw.
Kehren wir zur Erörterung des Verhältnisses von Sprache und Wirklichkeit zurück, könnten wir fragen, wie sich gemäß der soeben knapp dargestellten postmodernen Auffassung von der Natur der Sprache in ihr die Bedeutung des Wortes „Sprache“ selbst konstituiert.
Anders als die übrigen in der Sprache verwendeten Wörter, die im Sprachsystem – als einer Menge von bestimmtem Umfang – als einzelne „punktuelle“ Elemente oder Teilmengen geringeren Umfangs existieren, würde im Fall des Wortes „Sprache“ dieses Sprachelement – als Teil der Menge der Wörter – mit der gesamten Menge der Wörter zusammenfallen. Das bedeutet, dass wir, um die Sprache „postmodern“ zu definieren, in ihr selbst – als der größten Menge sprachlicher Elemente – nach anderen Elementen suchen müssten, die die Möglichkeit böten, die Bedeutung des Wortes „Sprache“ zirkulär zu definieren. Sofort stießen wir auf ein unlösbares Paradox: Solche Elemente müssten, obwohl sie außerhalb der Grenzen des Wortes „Sprache“ liegen, zugleich dennoch innerhalb der Sprache als eines Systems liegen, das alle kleineren Elemente einschließt. Offenkundig wäre dies unmöglich – wir könnten solche Elemente innerhalb des Sprachsystems selbst als der größten Menge, die alle anderen Elemente
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umfassenden Menge – nicht finden, denn die Sprache hätte bereits im Voraus alles definiert und eingeschlossen, was sich in ihr sagen lässt.
Wenn wir also das Wort „Sprache“ auf die den Postmodernisten eigene zirkuläre Weise definieren wollten, müssten wir etwas finden, das nicht als ein bestimmtes Element innerhalb des Sprachsystems selbst existierte, sondern als ein unabhängig von ihm jenseits seiner Grenzen existierendes Element, das wir als Ausgangspunkt der Definition der Sprache heranziehen könnten. Nach der grundlegenden Annahme der Postmodernisten (zumindest in ihrer radikalsten Version) gibt es jedoch jenseits der Sprache nichts und kann es nichts geben – folglich gibt es jenseits der Sprache auch keine äußeren Elemente und kann es keine geben, die uns bei der zirkulären Bestimmung der Bedeutung des Wortes „Sprache“ als Ausgangspunkte dienen könnten.
Nach der Argumentationslogik der Postmodernisten selbst muss also, damit wir die Bedeutung des Wortes „Sprache“ definieren und somit verstehen können, was Sprache ist, nicht nur die Sprache, sondern auch irgendetwas jenseits der Grenzen der Sprache selbst existieren, unabhängig davon, was dies sein und wie es genannt werden mag. Unter der Annahme, dass es außerhalb der Sprache nichts gibt, muss man anerkennen, dass die Sprache in diesem Fall nicht mehr durch ihr Verhältnis zu dem, was außerhalb ihrer Grenzen läge, verstanden und definiert werden kann; das würde zugleich bedeuten, dass sie – gerade nach der postmodernen Logik der Bestimmung beliebiger Bedeutungen – überhaupt nicht mehr definiert werden könnte und somit auch nicht verstanden werden könnte, was Sprache überhaupt ist. In diesem Fall wäre die Sprache einfach alles, was existiert; sie fiele mit der Wirklichkeit zusammen und wäre selbst die Wirklichkeit – und übrigens wäre diese Wirklichkeit aufgrund der Identität von Wirklichkeit und Sprache nicht weniger illusorisch, weil der Maßstab ihrer Wirklichkeit oder Unwirklichkeit schlichtweg selbst nicht existierte.
Wie wir mit dem soeben dargelegten Argument gezeigt haben, führt die Überzeugung der Postmodernisten, dass es jenseits der Grenzen der Sprache nichts gibt und die Wirklichkeit selbst lediglich eine statisch im Medium der Sprache entstehende Illusion ist, gerade nach der Vorstellung der Postmodernisten davon, wie sich Bedeutungen im Sprachsystem konstituieren, unvermeidlich zu dem Schluss, dass, wenn es jenseits der Grenzen der Sprache nichts gibt, was wenigstens einen äußeren Ausgangspunkt liefern könnte, auf den wir uns bei dem Versuch stützen könnten, die Bedeutung des Wortes „Sprache“ zu bestimmen, dann die Sprache, die mit der größten Menge all dessen zusammenfällt, was überhaupt existiert, nicht mehr durch ihr Verhältnis zu dem, was sie nicht ist, definiert und verstanden werden kann; dann müssen wir anerkennen, dass Sprache Wirklichkeit ist, denn sie ist alles, was existiert.
Also müsste die wirkliche Wirklichkeit trotz der Überzeugung der Postmodernisten, dass sie lediglich eine sprachliche Illusion sei, in diesem Fall als real existierend anerkannt werden, obwohl sie mit der Sprache zusammenfiele, denn Sprache und Wirklichkeit wären einfach zwei verschiedene Weisen, ein und dasselbe geheimnisvolle und nicht definierbare Ganze der existierenden Dinge zu bezeichnen.
Paradoxerweise erweist sich die postmoderne Leugnung der Realität der Wirklichkeit, die auf einer eigentümlichen Vorstellung davon beruht, wie sich Bedeutungen in der Sprache konstituieren, als analytisch widersprüchlich und selbstwiderlegend – indem sie die außersprachliche Wirklichkeit leugnet, muss die Sprache selbst, die sich nicht mehr klar und bestimmt durch ihr
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Verhältnis zu irgendeiner außerhalb ihrer Grenzen existierenden Außenwelt als einem umfassenderen Kontext ihres eigenen Verstehens und ihrer Definition denken lässt, unvermeidlich als mit der Wirklichkeit identisch – ja als die einzig mögliche Wirklichkeit gedacht werden. Die vorgetragene Kritik beider extremer Auffassungen des Verhältnisses von Sprache und Wirklichkeit sollte uns zuversichtlich stimmen. Wir müssen folgende Schlussfolgerung ziehen: Gerade die Tatsache, dass wir – wenn auch vielleicht nicht ganz klar – erfassen, was Sprache ist, als auch die andere wichtige Tatsache, dass wir die Sprache als Brücke benötigen, die uns, die Sprechenden, nicht nur miteinander, sondern auch mit dem verbindet, was jenseits der Sprache liegt, zeigt offenkundig mindestens drei Dinge: erstens, dass Sprache und außersprachliche Wirklichkeit voneinander verschieden sind, denn wenn sie zusammenfielen, bräuchten wir die Sprache überhaupt nicht – wir würden überhaupt nicht verstehen und könnten nicht verstehen, was Sprache ist; zweitens, dass Sprache und Wirklichkeit, obwohl sie voneinander verschieden sind, nicht völlig getrennt sind, denn wenn sie völlig getrennt wären, wäre die Sprache für uns wiederum nicht als Brücke nützlich, die uns mit dem verbindet, was außerhalb ihrer Grenzen liegt; drittens, dass die Sprache, obwohl sie sehr reich ist, stets ärmer als die jenseits ihrer liegende Wirklichkeit ist, denn wenn sie ebenso reich wäre, würden wir in ihrem Inneren bleiben wollen und nicht über ihre Grenzen hinausgehen wollen – auch diesmal bräuchten wir die Sprache nicht als Brücke, über die wir in das uns verlockende gelobte Land schreiten möchten, das die Sprache an Seinsfülle und Reichtum übertrifft …
Eingegangen am 17. Mai 2021.
NAGLIS KARDELIS Universität Vilnius Philosophische Fakultät Universiteto g. 9/1, LT–01513 Vilnius, Litauen [email protected]
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