Baltic “*jūrā-/-(i)i̯ā-” ‘sea’ & “*jaurā-̆ /-(i)i̯ā-̆” ‘wet soil, bog, deep water’
Abstract
This article analyses the Common Baltic term *jūr- ‘sea’ with its vr̥ddhi-formation *jaur- ‘wet soil, bog, deep water’, their toponymic traces in the macro-Baltic area, probable borrowings identifiable in Fenno-Permic *jürɜ ‘deep place in water’ and Fenno-Volgaic *järwä ‘lake’, probable external cognates in Armenian ǰowr ‘water’, and in the hydronyms Iuras & Zyras from Eastern Thrace and the Gaulish oronym Jura with regard to the semantic connection of the meanings ‘deep’ and ‘high’. These partial steps lead to the final conclusion that the primary meaning of the Baltic root *jūr- was ‘deep water’.
Full text
VÁCLAV BLAŽEK Masaryk-Universität ORCID-ID: orcid.org/0000-0002-6797-7188
Forschungsgebiete: indogermanistische Studien, insbesondere slawische, baltische, keltische, anatolische, tocharische, indo-iranische Sprachen; finno-ugrische; afroasiatische; Etymologie; genetische Klassifikation; mathematische Modelle in der historischen Linguistik.
DOI: doi.org/10.35321/all84-02
BALTISCH *JŪRĀ-/- (I)IĀ- ‘MEER’ & *JAURĀ-/- (I)IĀ- ‘NASSER BODEN, MORAST, TIEFES WASSER’
Baltisch *jūrā-/- (i)jā- ‘Meer’ und *jaurā-/- (j)iā- ‘nasser Boden, Morast, tiefes Wasser’
ANMERKUNG
Dieser Artikel analysiert den gemeinbaltischen Terminus *jūr- ‘Meer’ mit seiner vṛddhi-Bildung *jaur- ‘nasser Boden, Morast, tiefes Wasser’, ihre toponymischen Spuren im makrobaltischen Raum, wahrscheinliche Entlehnungen, die im finno-permischen *jūrs ‘tiefe Stelle im Wasser’ und im finno-wolgaischen *järwä ‘See’ erkennbar sind, wahrscheinliche externe Kognaten im Armenischen ǰowr ‘Wasser’ sowie in den Hydronymen Iuras & Zyras aus Ostthrakien und im gallischen Oronym Jura im Hinblick auf den semantischen Zusammenhang der Bedeutungen ‘tief’ und ‘hoch’. Diese Teilschritte führen zu der abschließenden Schlussfolgerung, dass die primäre Bedeutung der baltischen Wurzel *jūr ‘tiefes Wasser’ war.
SCHLÜSSELWÖRTER: Baltisch, finno-wolgaisch, finno-permisch, Armenisch, Thrakien, Gallisch, Appellativum, Hydronym, Toponym, Etymologie, semantische Parallele.
ANNOTATION
Der Artikel analysiert das gemeinbaltische Wort *jūr- ‘Meer’ und seine vṛddhi-Bildung *jaur- ‘nasser Boden, Morast, tiefes Wasser’, ihre toponymischen Spuren im Makroraum der Ostsee, wahrscheinliche Entlehnungen in den Sprachen der Permfinnen (*jūrs ‘tiefe Stelle im Wasser’) und der Wolgafinnen (*järwä ‘See’), eine mögliche Verwandtschaft mit armenischem ǰowr ‘Wasser’ und die Verbindung mit den Hydronymen Iuras und Zyras aus Ostthrakien sowie dem gallischen Oronym Jura unter Berücksichtigung des semantischen Zusammenhangs der Bedeutungen ‘tief’ und ‘hoch’.
30
Acta Linguistica Lithuanica LXXXIV
Baltisch *jūrā–/–(i)iā– ‘Meer’ & *jaurā–/–(i)iā– ‘nasser Boden, Morast, tiefes Wasser’
Zusammenhang. Die Untersuchung erlaubt die Schlussfolgerung, dass die ursprüngliche Bedeutung der baltischen Wurzel *jūr– ‘tiefes Wasser’ war.
SCHLÜSSELWÖRTER: baltisch, wolgafinnisch, permfinnisch, armenisch, thrakisch, gallisch, Appellativum, Hydronym, Toponym, Etymologie, semantische Parallele.
DOKUMENTATION DER BALTISCHEN APPELLATIVE UND IHRER URSPRACHLICHEN REKONSTRUKTIONEN
1. In den baltischen Sprachen gibt es einen spezifischen Terminus *jūr– für ‘Meer’, das Quasisynonym zum Litauischen mārios oder mãrės¹ f. Plurale tantum ‘Meer; durch Dünen vom Meer abgetrennte Bucht’, Lettisch mare, maրա ‘Bucht, Lagune’, Altpreußisch *mari ‘Bucht, Lagune, Nehrung’ [Elbinger Vokabular 65: mary ‘Haff’] (Mažiulis 2013: 582; Smoczyński 2018: 755). Der baltische Terminus wurde wahrscheinlich in die baltischen Finnsprachen übernommen: Finnisch, Olonetzisch, Wepsisch, Wotisch, Estnisch meri, Karelisch mérì, Livisch meŕ ‘Meer’. Der Umlaut *a > *e hat eine Parallele im Finnischen reki ‘Schlitten’, Karelisch, Olonetzisch regi, Wotisch reči, Gen. regé, Estnisch regi, Livisch reggos < Baltisch: Litauisch rãgės ‘Schlitten’, Lettisch ragus / raguvas / ragavas ‘flacher Schlitten’, abgeleitet vom baltischen Terminus für ‘Horn’: Litauisch rãgas, Lettisch rags ‘Horn’, Pl. ragi ‘Pfluggriffe’, Altpreußisch ragis [EV] ‘Horn’ (Thomsen 1890: 199, 210–211; SKES 341, 762; Smoczyński 2018: 1051, 1105).
1.1. Im Litauischen erscheinen zwei ablautende Varianten, jūr– und jaur–.
1.1.1. Litauisch jūra f. ‘Meer’, Pl. jūros; Var. jūria f., Pl. jūrios und jūrė² f., Pl. jūrės (Smoczyński 2018: 458) spiegeln jeweils das Protokeltische *jūrā–, *jūriā–, *jūriā– wider.
1.1.1.1. Der erste Beleg erscheint in Bretkūnas’ litauischer Übersetzung des Neuen Testaments (1579/1580) als Akk. Pl. jūres: Bet kaip Ekrutnikai... Walti [bateli] ing Iures nuleido ‘Da aber die Schiffsleute... das Boot ins Meer hinabließen’ (ALEW 423).
1.1.2. Lithuanian jáura, jáurė, jáuris ‘wet, heavy, infertile soil; soil with clay’, jáura or jáuras ‘bog, deep water’, adj. jaurùs ‘marshy’, reflect the vṛddhi-type formation *jaurof the root *jūr-, with similar nominal extensions (Smoczyński 2018, 459; Hill, ALEW 423: Das morphologische Verhältnis der tiefstufigen und vollstufigen Bildungen zueinander ist unklar. Es ist möglich, dass der Ablaut verschiedene Stammalternanten des grundsprachlichen Nomens reflektiert. Es ist aber auch nicht auszuschliessen, dass die vollstufige Bildung eine rezente
¹ Die entsprechenden Formen des Singulars tantum sind ebenfalls belegt: mariã & mãrė (LKŽ VII 858, 848).
² Zur Herleitung der Endung –ē aus *–iā siehe Bammesberger 1970.
Straipsniai / Articles
31
VÁCLAV BLAŽEK
Vṛddhi-Ableitung, die den im Litauischen jūra vorliegenden tiefstufigen Stamm fortsetzt.; Darms 1978: 435–436). Die semantische Beziehung zwischen ‘Meer’ und ‘Marschland’ entspricht dem Germanischen *mari- ‘Meer’ gegenüber der vṛddhi-Bildung *mōra- ‘Marsch, Sumpf’ (Darms 1978: 158–166, 435).
1.2. Lettisch jūra or jūra ‘Meer; große Wassermasse; See’, dial. jūre, jūris (ME II 122), Nehrungskurisch jūr(e) f. ‘Meer’ (vgl. ALEW 423) lassen sich ebenso wie ihre litauischen Entsprechungen aus demselben protobaltischen Muster *jūrā-, *jūriā-, *jūriā ableiten.
1.3.1./2. Die entsprechenden altpreußischen Termini erscheinen in zwei Hauptquellen, dem Elbinger Vokabular (die einzige bekannte Abschrift von Peter Holcweßcher ist auf etwa 1400 n. Chr. datiert, doch das Original dürfte wahrscheinlich ein Jahrhundert älter sein) und dem sogenannten Dritten Katechismus, genannt Enchiridion (gedruckt 1561 n. Chr.):
Altpreußisch luriay [EV 66: ‘Meer’] = Nom. Pl. m.³ *jūr’ai (Mažiulis 1981: 276; 2013: 319).
Altpreußisch iūrin ‘Meer’ = Akk. Sg. m.⁴ *jūr’an (Mažiulis 1981: 276; 2013: 319): K III, 67.11: Bhe rikauite kirschą juckans en iūrin ‘und er herrscht über die Fische im Meer’.
K III, 75.2: bke {= bhe} ſtan pertrinctan Pharao ſen wiſſan ſwaieis en urminan iūrin auſkandinnons ‘und den verhärteten Pharao mit all den Seinen im Roten Meer ertränkt’ (Mažiulis 1981: 206, 226; Toporov 1980: 93).
1.4. Die oben zusammengestellten Formen wurden von verschiedenen Forschern ins Protoindogermanische projiziert:
1.4.1. Darms (1978: 435): *iu̯ərovs. Vṛddhi-Ableitung *ieu̯əro-. 1.4.2. Irslinger (NIL 2008: 404–405): *iuHr-aH₂-/–(i)aH₂and *ieuHr-aH₂-. 1.4.3. Petit (2010: 9): *H₁uHrand *H₁euHr-; alternativ *iūr- (im Hinblick auf das Armenische ȳowr ‘Wasser’). 1.4.4. Hill (ALEW 2015: 423): *iuHr-. 1.4.5. Derksen (2015: 215): *uHr-/*eu̯r-.
DOKUMENTATION DER BALTISCHEN TOPONYME
2. Auch die Verwendung dieser Appellative in der baltischen Toponymie ist interessant.
³ Petit (2010: 144) sieht in –ay den femininen Dual in *–āi.
⁴ Trautmann (1910: 349) identifizierte im Altpreußischen iūrin das Femininum, das den litauischen und lettischen Entsprechungen entspricht.
32
Acta Linguistica Lithuanica LXXXIV
Baltisch *jūrā–/–(i)jā– ‘Meer’ & *jaurā–/–(i)jā– ‘nasser Boden, Morast, tiefes Wasser’
2.1.1. In Litauen sind beispielsweise die Flussnamen Jūra, Jūrė, Jūrupis und der Seename Jūr-ežeris (Vanagas 1981: 139) belegt, entsprechend dem Kompositum jurėžeris ‘sehr großer See’ (Toporov 1980: 93).
2.1.2. Die vṛddhi-Bildung wurde auch in der litauischen Hydronymie verwendet: die Flüsse Jāur-upė, Jāuros upėlis, Jauryklà, Jaur̃š, Jaurìukas (Vanagas 1981: 134).
2.2. Auch in Lettland gibt es aus diesen Appellativen gebildete Toponyme: die Wiese Jūra und die Wälder Jūras-mežs, Jūr-bierž usw. (Vanagas 1981: 139).
2.3. An der Südgrenze des Gebiets der historischen Jatwinger war der Fluss Jura bekannt (1426, 1428 Jura, 1432, 1540, 1565 Jura), heute Bronówka, der rechte Nebenfluss des Narew (Rozwadowski 1948: 125; vgl. auch Przybytek 1993: 91–92 zu Ortsnamen gleichen Ursprungs). Udolph (1990: 128–130) erwähnte zutreffend, dass die baltische Wurzel *jūr ins Slawische/Polnische als +Jyra und weiter als +Jira umgeformt worden sein sollte. Die Form Jura im slawischen Umfeld weist auf eine primäre vorschlawische Quelle des Typs *jaur- hin, die tatsächlich belegt ist (siehe §1.1.2.).
2.4. Im Einzugsgebiet der Moskwa, eines Nebenflusses der Oka, gibt es zwei Schluchten namens Jurin, die mithilfe des Litauischen jaurýnas ‘sumpfiger Ort’ etymologisiert werden können (Otkupščikov 2004: 91).
2.5. Der erste schriftliche Beleg eines möglichen Derivats der baltischen Wurzel *jūro in einem hypothetischen westbaltischen Dialekt könnte im Toponym Ἰούρουνον erkannt werden, das im sogenannten Manuskript Rᵗ der „Geographie“ des Ptolemäus [2.11.27.] aus der Mitte des 2. Jh. n. Chr. unter den Koordinaten [μδ′L′, νς′] = [44°30′, 55°00′] belegt ist, d. h. westlich der Mündung der Weichsel [με′, νς′] = [45°00′, 56°00′] und östlich der Mündung der Viadua [μβ′L′, νς′] = [42°30′, 56°00′] sowie der Mündung des Suevus [λθ′L′, νς′] = [39°30′, 56°00′] (siehe Ptolemäus 2.11.3.). Erwähnt sei, dass die alternative Lesung Οὐίρουνον mit den Koordinaten [μ′L′, νε′] = [40°30′, 55°00′] es nach Westen verschiebt, zwischen die Mündungen der Flüsse Viadua und Suebus (siehe Cuntz 1923: 66). Unter Annahme der Form Ἰούρουνον kann sie als die baltische Wurzel *jūr- plus das Suffix *-ūn- analysiert werden, das beispielsweise im preußischen Flussnamen Raudune (1316) erscheint, ohne das Suffix im litauischen Flussnamen Raudà, beide aus einem Adjektiv des Typs litauisch raūdas ‘rötlich’; entsprechend im altpreußischen Seenamen Sirgun gegenüber sirgis ‘Hengst’; litauisch Dumblūnai: dumblas ‘Sumpf’ (Gerullis 1922: 139, 254).
Straipsniai / Articles
33
VÁCLAV BLAŽEK
WAHRSCHEINLICHE BALTISCHE ENTLEHNUNGEN INS FINNO-PERMISCHE
3. Bemerkenswert sind wahrscheinliche Entlehnungen beider baltischer Varianten, *jūr- & *jaur-, ins finno-permische *jūrz ‘tiefe Stelle im Wasser’ beziehungsweise finno-wolgaische *järwä ‘See’.
3.1. Fenno-Permic *jūrz ‘deep place in water’ (UEW 635–36; SKES 128–29) > Finnish jyrä ‘Bach mit steilen Ufern, steil abfallender Kanal, Brunnen’, jyrämä ‘kleinerer Wasserfall, Wasserstrudel’; Saami jârem ‘slight widening of a river’ (N), L jårre ‘kleiner Talkessel, tiefes Loch, tiefer Kolk in einem See oder Fluß’, L jaŕem ‘kleiner Talkessel mit reicher Vegetation; kleine runde Ausbuchtung in einem Fluß oder einem Bach’, Ko. Not. jērem ‘tiefe Stelle im Wasser (bes. unterhalb eines Wasserfalls)’ (> Finnish dial. järämä ‘kleiner Wasserfall’; Udmurt jer ‘tiefe Stelle (im Wasser), Tiefe, Strudel’, Komi jir (S P) ‘tiefe Stelle im Fluß oder See’ (S), ‘Vertiefung; tief (bes. von Wasser, auch z.B. v. einer Grube’ (P), PO jör ‘tiefe Stelle (im Wasser)’.
3.2. Finno-wolgaisch *järwä ‘See’ (UEW 633; SKES 132) > Finnisch järvi, Wotisch jarvi, Estnisch järv ‘See’; Samisch N jaw’re Jule jau’re, T jāvre, Kld. jąvr, Not. javr ebda., Mokschamordwinisch (j)ɛŕ-k’é, Ersjanisch ɛŕ-k’é ‘ebda., Teich’, Mari KB jär, U B jer ‘See’ (Būga 1959: 273; Rozwadowski 1948: 127; Toporov 1980: 97; Baltisch > finno-wolgaisch; Bednarczuk 1976: 48: finno-wolgaisch > baltisch). Die Metathese der Sonoranten ist bei Entlehnungen baltischen Ursprungs regelmäßig, vgl. z. B. (a) Finnisch karva ‘Haar’, Estnisch karv ‘ebda., Farbe’ < Litauisch gaūras ‘Körperhaar eines Tieres’, Lettisch gauri Pl. ‘Schamhaar’ (Thomsen 1890: 171; SKES 166–167; Fraenkel 1962/1965: 140); (b) Finnisch tarvas ‘Reh, Elch’, Estnisch tarvas ‘Elchbulle, Auerochse’ < Litauisch taũras ‘Auerochse, Stier’, Preußisch tauris ‘Wisent’ (Thomsen 1890: 228–229; SKES 1240–1241).
4. Es scheint innerhalb des Indogermanischen nur ein einziges sicheres Kognat zu geben, nämlich Armenisch jōwr ‘Wasser’, Gen. Sg. jṙoy, Instr. Sg. jōwrb, Gen. Pl. jōwrc‘, jṙoc‘ (Meillet 1936: 52; Solta 1960: 320–322; Džaukjan 1967: 220; Schmitt 1981: 70; Olsen 1999: 50, 662, 674, 787, 855; o-/Konsonantenstamm).
4.1. Meillet (1936: 52), gefolgt von Džaukjan (1967: 221–222) und Martirosyan (2010: 556; in seinem etymologischen Wörterbuch fehlt das Lemma jōwr ‘Wasser’ überraschenderweise), führen ein weiteres Beispiel für die Entwicklung von *i- > armenisch j- an, nämlich Armenisch jān ‘Eifer, Anstrengung, Arbeit’ gegenüber Griechisch ζῆλος, Dorisch ζᾶλος ‘Eifer, Wetteifer, Eifersucht’, ferner armenischer Dialekt (Suć‘ava) glxi janal ‘Schaden zufügen, beschädigen’ gegenüber Griechisch ζημία ‘Verlust, Schaden, Strafe’, Jungawestiranisch auua-iiā- ‘Buße’. Džaukjan (1967: 222) fügte den Vergleich des Armenischen hinzu
34
Acta Linguistica Lithuanica LXXXIV
Baltisch *jūrā–/–(i)jā̄– ‘Meer’ & *jaurā–/–(i)jā̄– ‘nasser Boden, Morast, tiefes Wasser’
jōv ‘schießen, sprossen’ gegenüber vedisch yā́vasa– ‘Gras, Weide’, außerdem yā́va– ‘Getreide, Gerste, Hirse’; vgl. Griechisch φυτί–ζοος ‘Getreide hervorbringend’, Litauisch javaĩ ‘Getreide’ usw. (Pokorny 1959: 512).
4.2. Alexander Nikolaev (persönliche Mitteilung, 3. April 2021) lenkte meine Aufmerksamkeit auf ein hypothetisches Kognat des Baltischen *jur– ‘Meer’, das er im Griechischen Εὔοος ‘{Gott des} Südostwinds’ [Od. 5.295, 331; 19.205] sieht. Die bisherigen Etymologien sind nicht überzeugend: Curtius (1879: 398) verband es mit dem Verb εὔω ‘versengen’ < *H₁eus– ‘brennen’ (Beekes 2010: 486), doch dies stimmt nicht mit dem Epitheton ὑγρὸς ‘nass, feucht, wässrig, flüssig; schwach, weich’ dieses Windes überein, das durch Scholia zur Odyssee [5.295] überliefert ist. Kaibel (1885: 614) entwickelte die antike Vorstellung eines Zusammenhangs mit dem Griechischen αὔρα ‘Brise, frische Luft’, verwandt mit ἀχύ ‘Nebel, Dunst, Wolken’ < *H₂eus–ēr (Beekes 2010: 27, 171–172), doch die Anfangsdiphthonge ευ– und αυ– sind unvereinbar. Eine neue Etymologie könnte in der semantischen Opposition zwischen Ionisch Βορέης, Attisch Βοῤῥᾶς, Lesbisch Βορίας ‘Nordwind’, bei Aristoteles Βορέας καὶ ἀπαρκτίας, und Εὔρος ‘Südostwind’ bestehen. Wenn Βορέας als hypothetischer ‘Wind der Berge’ ein erstarrtes indogermanisches Wort *guorH– ‘Berg’ verbirgt (vgl. Beekes 2010: 227), liegt die Spekulation nahe, dass Εὔρος, der Feuchtigkeit bringt, mit einem ‘Meer’ verbunden sein könnte, vielleicht ‘Wind vom Meer im Südosten’. Die Unterschiede in der Anfangsposition bleiben zu erklären.
4.2.1. Petits Rekonstruktion *H₁euHr– und Derksens *eu’r– scheinen mit dem Griechischen Εὔρος vereinbar, nicht jedoch mit dem Armenischen jōwr ‘Wasser’, während Irsligers Rekonstruktion *iuHr–/*ieuHr– = Darms’ *iuəro–/*ieuəro– mit dem Armenischen jōwr ‘Wasser’ vereinbar ist. Es sei geprüft, ob sie auch mit dem Griechischen Εὔρος vereinbar sind. Im Griechischen gibt es zwei Fortsetzungen des indogermanischen *j–, nämlich ζ– und h– (spiritus asper) – siehe Schwyzer 1939: 303; Lejeune 1972: 165–166. Doch in Ionisch und Äolisch wirkte die Psilosis, durch die spiritus asper durch spiritus lenis ersetzt wurde, z. B. εἰνατέες Pl. ‘Ehefrau des Bruders des Ehemanns’, Sg. ἐνάτης [Inschrift; Anatolien] < *(H)ienH₂–ter–, mit Kognaten in Sanskrit yatar–, Armenisch ner, Latein ianitrīcēs ‘Ehefrauen von Brüdern’, Alt-Litauisch jentė ‘Brudersfrau, Schwägerin’, Altkirchenslawisch [G1 Meth] jǫtry ‘Schwägerin’ (Beekes 2010: 389; Smoczyński 2018: 447; Valčáková, ESJS 5: 292–293). Das bedeutet, dass auch das Griechische Εὔρος aus *ieuHr– ableitbar ist.
MÖGLICHE BALKANISCHE HYDRONYME ENTSPRECHUNGEN
5. Außerhalb des baltischen toponymischen Gebiets gibt es weitere Toponyme, die möglicherweise hiermit zusammenhängen.
Straipsniai / Articles
35
VÁCLAV BLAŽEK
5.1. Im Gebiet des historischen Thrakien verzeichnete Plinius der Ältere⁵ zwei Hydronyme, Zyras, heute vielleicht Batovska reka in der Dobrudscha (Detschew 1957: 196), und Iuras, heute vielleicht der südbulgarische Fluss Karaagač (‘schwarzer Baum’ auf Türkisch), auch als Kitenska reka bekannt (Beševliev apud Janakieva 2009: 77), die mehr oder weniger vielversprechende Kandidaten für eine Verbindung mit der baltisch-armenischen Isoglosse darstellen.
5.1.1. Tomaschek (1894: 98) verband Zyras (er schrieb Ζύρας & Ζούρας) mit dem Armenischen ǰowr ‘Wasser’, verortete den Fluss jedoch in der Umgebung von Thynias, wo Plinius den Iuras-Fluss verortet hatte. Vielleicht ging Tomaschek implizit davon aus, dass beide Hydronyme identisch sind, obwohl Plinius ihre geografischen Lagen unterschiedlich bestimmte (vgl. Janakieva 2009: 70–71). Erwähnt sei, dass Duridanov (1969: 34) Zyras für ein dakisches Hydronym hielt und es mit dem litauischen Flussnamen Žiūrà usw. verband.
⁵ Plinius, Naturalis Historia 4.44–45: ⁴⁴denn Thrakien besitzt, auf der einen Seite am pontischen Ufer beginnend, wo der Fluss Ister austritt, in diesem Teil die wohl schönsten Städte, Histropolis, eine milesische Gründung, Tomi, Callatis, das früher Cerbatis genannt wurde, und Herakleia; es hatte auch Bizone, das durch einen Erdspalt verschlungen wurde; jetzt besitzt es Dionysopolis, früher Cruni genannt; hinzu kommt der Fluss Zyras. Das gesamte Gebiet hielten die Skythen, genannt Aroteres. Ihre Städte waren Aphrodisias, Libistos, Zygere, Rhocoboe, Eumenia, Parthenopolis und Gerania, wo, wie berichtet wird, das Volk der Pygmäen ansässig gewesen sein soll; die Barbaren nannten sie Catizi und glauben, dass sie von Kranichen vertrieben wurden. ⁴⁵An der Küste liegt von Dionysopolis aus Odessus, eine milesische Stadt, der Fluss Pannysis und die Stadt Ereta, Naulochus. Das Hämusgebirge, das sich mit gewaltigem Kamm über das Meer erstreckt, hatte auf seinem Gipfel die Stadt Aristaeum; heute liegen an der Küste Mesembria und Anchialum, wo einst Messa lag. Die Region Astice hatte die Stadt Anthium; heute befindet sich dort Apollonia. Die Flüsse sind Panisos, Iuras, Tearus, Orosines; die Städte Thynias, Halmydesos, Develton mit einem See, der heute Deutum genannt wird, eine Veteranenkolonie, Phinopolis, in deren Nähe der Bosporus liegt. Plinius Secundus: Naturalis Historia, herausgegeben von G. Winkler, 1988. ‘The other side of Thrace now begins, on the coast of the Euxine, where the river Ister discharges itself; and it is in this quarter perhaps that Thrace possesses the finest cities, Histropolis, namely, founded by the Milesians, Tomi, and Callatis, formerly called Acervertis. It also had the cities of Heraclea and Bizone, which latter was swallowed up by an earthquake; it now has Dionysopolis, formerly called Cruni, which is washed by the river Zyras. All this country was formerly possessed by the Scythians, surnamed Aroteres; their towns were, Aphrodisias, Libistos, Zygere, Rocobe, Eumenia, Parthenopolis, and Gerania, where a nation of Pygmies is said to have dwelt; the barbarians used to call them Cattuzi, and entertain a belief that they were put to flight by cranes. Upon the coast, proceeding from Dionysopolis, is Odessus, a city of the Milesians, the river Panysus, and the town of Tetranaulochus. Mount Hæmus, which, with its vast chain, overhangs the Euxine, had in former times upon its summit the town of Aristaeum. At the present day there are upon the coast Mesembria, and Anchialum, where Messa formerly stood. The region of Astice formerly had a town called Anthium; at the present day Apollonia occupies its site. The rivers here are the Panisos, the Iuras, the Tearus, and the Orosines; there are also the towns of Thynias, Halmydessos, Develton, with its lake, now known as Deultum, a colony of veterans, and Phinopolis, near which last is the Bosporus.’ Pliny the Elder: The Natural History, übersetzt von John Bostock & H. T. Riley, London: Taylor & Francis, 1855.
36
Acta Linguistica Lithuanica LXXXIV
Baltisch *jūrā–/–(i)jā̄- ‘Meer’ & *jaurā–/–(i)jā̄- ‘nasser Boden, Morast, tiefes Wasser’
5.1.2. Duridanov (1969: 34–35) und Georgiev (1977: 82) verglichen Iuras mit dem Baltischen *jūr- ‘Meer’.
EIN HYPOTHETISCHES ORONYMISCHES ÄQUIVALENT
6. Es ist verlockend, über die Beziehung des Oronyms Mons Jura zu spekulieren, also der Juraberge im heutigen Westschweizer und ostfranzösischen Gebiet, die das Nordwestufer des größten und tiefsten Sees Westeuropas, des Genfersees (580 km²; 310 m), bilden. Bereits in der ersten antiken Quelle, in der die Juraberge erwähnt werden, in Caesars „Gallischem Krieg“, wurde die Höhe der Juraberge betont: altera ex parte monte Iura altissimo⁶ ‘auf der zweiten Seite durch den Jura, einen sehr hohen Berg’ [1.2.3.] oder inter montem Iuram et flumen Rhodanum,... mons autem altissimus impendebat⁷ ‘zwischen dem Berg Jura und dem Fluss Rhône... ragte außerdem ein sehr hoher Berg empor’ [1.6.1.]. Das Oronym Jura setzt sich in einigen Dialektformen aus dem französisch-schweizerischen Grenzgebiet fort (FEW V, 82–83): Alt-Neuenburg (1297) jour ‘Wald’, Montana
⁶ Caesar: De bello Gallico 1.2.3: Id hoc facilius iīs persuasit, quod undique loci natura Helvetii continerentur: una ex parte flumine Rheno latissimo atque altissimo, qui agrum Helvetium a Germanis dividit; altera ex parte monte Iura altissimo, qui est inter Sequanos et Helvetios; tertia lacu Lemanno et flumine Rhodano, qui provinciam nostram ab Helvetiis dividit. ‘Dies konnte er ihnen umso leichter glaubhaft machen, weil die Helvetier aufgrund der Natur ihrer Lage ringsum eingeschlossen waren: auf der einen Seite durch den sehr breiten und sehr tiefen Rhein, der das Gebiet der Helvetier von den Germanen trennt; auf der zweiten Seite durch den Jura, einen sehr hohen Berg, der zwischen den Sequanen und den Helvetiern liegt; auf der dritten durch den Genfersee und den Rhône, der unsere Provinz von den Helvetiern trennt.’
⁷ Caesar: De bello Gallico 1.6.1–2: ¹Erant omnino itinera duo, quibus itineribus domo exire possent: unum per Sequanos, angustum et difficile, inter montem Iuram et flumen Rhodanum, vix qua singuli carri ducerentur, mons autem altissimus impendebat, ut facile perpauci prohibere possent; ²alterum per provinciam nostram, multo facilius atque expeditius, propterea quod inter fines Helvetiorum et Allobrogum, qui nuper pacati erant, Rhodanus fluit isque non nullis locis vado transitur. ‘Es gab insgesamt zwei Wege, auf denen sie ihr Gebiet verlassen konnten: einen durch das Gebiet der Sequaner, eng und schwierig, zwischen dem Berg Jura und dem Fluss Rhône, kaum breit genug, dass einzelne Wagen hindurchgeführt werden konnten; außerdem ragte ein sehr hoher Berg empor, sodass sehr wenige sie leicht aufhalten konnten; der andere durch unsere Provinz, viel leichter und freier, weil der Rhône zwischen den Grenzen der Helvetier und der Allobroger fließt, die erst kürzlich unterworfen worden waren, und er an manchen Stellen durch eine Furt überquert wird.’ C. Julius Caesar: De bello Gallico, herausgegeben von T. Rice Holmes, Oxford: Clarendon Press, 1914. C. Julius Caesar: Gallic War, übersetzt von W. A. McDevitte & W. S. Bohn, New York: Harper & Brothers, 1869.
Straipsniai / Articles
37
VÁCLAV BLAŽEK
žur, Chamonix ður ebda., Neuenburg joux ‘Wald, besonders Bergwald’, jorat ‘kleiner Wald; mit Buschwerk bewachsener Ort’, Vionnaz dzorá ‘kleiner Tannenwald’, außerdem Mittellatein (Savoyen) joria ‘Bergwald’ usw.
6.1. Der semantische Zusammenhang zwischen den Bedeutungen ‘tief’ und ‘hoch’ sollte nicht überraschen. 6.1.1. Beispielsweise bedeutet Latein altus sowohl ‘hoch’ (ursprünglich ‘gewachsen’, wenn es von alo ‘ernähren, vermehren’ abgeleitet ist) als auch ‘tief’, vgl. sub ramis arboris altae [Cicero, Tusculanae disputationes 3.19.44] oder altis de montibus [Ovidius, Metamorphoses 3.181] gegenüber altissima flumina [Cicero, Tusculanae disputationes 3.6.13] oder altior aqua [Caesar, Bellum civile 3.77]. Bemerkenswert ist die Wortverbindung ‘hohes Meer’, die bereits in archaischen Texten als IN ALTOD MARID PVCNandod [Columna Duilii = CIL 25; siehe Wachter 1987: 359–60] oder tu qui permensus ponti maria alta velivola [Livius Andronicus apud Macrobius, Saturnalia 6.5.10] verwendet wird.
6.1.2. Andererseits sind Tocharisch A täp- „hoch werden“, neben A tpär, B tapre „hoch“, die *dʰubro- widerspiegeln, Ableitungen der Wurzel *dʰeubʰ- „tief sein“, vgl. Brittonisch *dubno- > Walisisch dwfn, Kornisch down, Bretonisch doun „tief“; Gotisch diups, Altnordisch djúpr, Altenglisch dēop, Altsächsisch diop, Althochdeutsch tiof „tief“; Litauisch dubùs „tief; (von einem Baum) mit einer Höhlung; konkav, eingefallen“, neben daubà „Schlucht, Klamm, Waldschlucht“, Altpreußisch [EV] padауbis „Tal“; beachte auch das r-lose Tocharisch A top, B taupe „Mine“ (Adams 2013: 296, 330; Smoczyński 2018: 199–200, 256–257). Es ist verlockend, auch die sigmatische Erweiterung im Keilschriftluvianischen dupša-⁸ in der Formulierung al-ta-an-ni-iš \ Du-up-ša-aš „die Quelle Dupša-“ [KBo II 7 Vo. 25] hinzuzunehmen (Starke 1990: 175; Melchert 1993: 235). Weitere r-Ableitungen sind auch außerhalb des Tocharischen bekannt: Litauisch dubrà „Schlucht in einem Wald“, dubrỹs „Delle, Vertiefung, Schlucht; Tiefen in einem Fluss oder See“, Lettisch dubra „Schlamm, Morast“, Kirchenslawisch (russische Redaktion) dъbъrъ „φάραγξ, Schlucht, Klamm“, Slowakisch dial. debra „durch Regenwasser ausgewaschener Graben; Schlucht, Rinne, Loch“, Ukrainisch dial. débра „Schlucht, Klamm, Tal“, Weißrussisch dial. dziеbra „Tal zwischen Bergen; Bach, Rinnsal zwischen Bergen“ usw. (Smoczyński 2018: 256); Keltisch *dubpo- „Wasser“ > Altirisch dobr, Mittelwalisisch dw(f)r, Walisisch dŵr, Kornisch & Mittelbretonisch dour ebenda, Altbrittonisch Dubris [Itinerarium Antonini], heute Dover, Gallisch *dubra > Douvres oder heute Tauber in der deutschen Region Tauber-gau (Dubra-gaue AD 807) usw. (Hamp 1972: 233–237; Matasović 2009: 107; Greule 2014: 529; Delamarre 2018: 152). Auch die Glosse δύβρις · κατὰ γλῶσσον θάλασσα [sch. Theoc. 1.118c] gehört zweifellos hierher, obwohl ihre Sprachzugehörigkeit ungeklärt ist; bevorzugt wurde das Illyrische (Beekes 2010: 358). Die Bedeutung „Meer“ stützt auch eine weitere Ableitung derselben Wurzel, Albanisch det, Italo-Albanisch dejt,
⁸ Der entsprechende s-Stamm könnte im Namen eines litauischen Sees, Būdasas, vorliegen, der gewöhnlich von *dubasas abgeleitet wird (Vanagas 1981: 93).
38
Acta Linguistica Lithuanica LXXXIV
Baltisch *jūrā−/−(i)jā− „Meer“ & *jaurā−/−(i)jā− „feuchter Boden, Moor, tiefes Wasser“
dejet, falls es die Vorform *dʰeubetā fortsetzt, entsprechend dem Urgermanischen *deupipō „Tiefe“ > Gotisch diupiba, Altnordisch dýpt, Altsächsisch diupitha, Mittelniederdeutsch dēpede, Mittelniederländisch diepde usw. (Orel 1998: 61).
6.1.3. Falls Iura ursprünglich „Bergwald“ bezeichnete, wie aus den romanischen Dialektismen wie Altneuenburg (1297) jour „Wald“, Montana zür, Chamonix our ebenda, Neuenburg joux „forêt, surtout forêt de montagne“, jorat „kleiner Wald; von Gestrüpp erfüllter Ort“, Vionnaz dzorá „kleiner Tannenwald“ sowie dem mittellateinischen (Savoyen) joria „Bergwald“ usw. hervorgeht (FEW V 82–83), könnte die primäre Semantik der die Iura bildenden Wurzel ebenfalls „hoch“ sein. Es gibt ein weiteres gallisches Oronym mit wahrscheinlich paralleler semantischer Motivation, den Wald von Arduenna: in silvam Arduennam oder per Arduennam silvam [Caesar, BG 5.3.4, 6.29.4] und Ἀρδουέννα ὕλη [Strabo 4.3.5⁹]. Allgemein wird akzeptiert, dass dieses Oronym vom Stamm *arduo- „hoch“ abgeleitet ist, vgl. Altirisch ard „hoch, groß“, Walisisch ardd „Hügel“; die Ardennen sind jedoch nicht durch ihre Höhe gekennzeichnet (der höchste Gipfel ist Signal de Botrange – 692 m), sondern durch ausgedehnte Wälder. Nach dem Vorbild des Lateinischen arbor „Baum“, arbustum „Gehölz“, ableitbar aus *H₃r̥dʰ-os „Höhe, Aufrechtsein“ (de Vaan 2008: 50), oder des Tschechischen strom „Baum“, abgeleitet von strmý „steil“, neben dem Polnischen strom „steiler Abhang“ gegenüber stromy „steil“ (Rejzek 2015: 666), bezeichnete Arduenna wahrscheinlich einen „Wald“, der aus hohen Bäumen bestand. Wenn man diese Idee akzeptiert, kann man über eine ähnliche semantische Motivation für das Oronym Iura spekulieren, ausgehend vom hypothetischen Adj. *jūro- „hoch, ausgewachsen“, über seine Substantivierung zu „Baum“ bis zum Kollektivum *jūrā „Wald“.
⁹ ὕλη γάρ ἐστιν οὐχ ὑψηλῶν δένδρων πολλὴ μὲν οὐ τοσαύτη δὲ ὅσην οἱ συγγραφεῖς εἰρήκασι, τετρακισχιλίων σταδίων, καλοῦσι δ’ αὐτὴν Ἀρδουένναν· κατὰ δὲ τὰς πολεμικὰς ἐφόδους συμπλέκοντες τὰς τῶν θάμνων λύγους βατώδεις οὔσας ἀπέφρακτον τὰς παρόδους· ἔστι δ’ ὅπου καὶ σκόλοπας κατέπηττον, αὐτοὶ δὲ κατέδυνον εἰς τὰ βάθη πανoίκιοι, νησίδια ἔχοντες ἐν τοῖς ἕλεσι: Strabo: Geographica, ed. A. Meineke, Leipzig: Teubner, 1877. „Sie besteht aus einem Wald mit niedrigen Bäumen; er ist von großer Ausdehnung, aber bei weitem nicht so groß, wie die Schriftsteller berichtet haben, nämlich 4000 Stadien. Man nennt ihn Arduenna. Bei kriegerischen Einfällen verflochten die Bewohner die biegsamen, dornigen Sträucher und versperrten so die Durchgänge [in ihr Land]. An verschiedenen Stellen stellten sie außerdem Pfähle auf und zogen sich dann mit ihren ganzen Familien in die Tiefen des Waldes zurück, auf kleine, von Sümpfen umgebene Inseln.“ Strabo: The Geography, übersetzt von H. C. Hamilton & W. Falconer, London: George Bell & Sons, 1903.
Straipsniai / Articles
39
VÁCLAV BLAŽEK
RELATION BETWEEN *i̯uHr–/*i̯euHr– AND *uH₁r–/*u̯eH₁r– ‘WATER’?
7. Es ist berechtigt zu fragen, ob zwischen dem oben erörterten *iuHr–/*ieuHr– und dem idg. *uHr–/*ueH₁r– „Wasser“¹⁰ ein Zusammenhang besteht.
7.1. Petits Rekonstruktion *H₁euHr– (§1.4.3.) ist wahrscheinlich sowohl mit dem Baltischen *jūr– „Meer“ als auch mit dem idg. *uH₁r–/*ueH₁r– „Wasser“ vereinbar, wenn diese Formen als *H₁uH₁r–/*H₁ueH₁r– neu interpretiert werden, nicht jedoch mit dem Armenischen jōwr „Wasser“ (§4.2.1.).
7.2. Ein gangbarer Ausweg könnte darin bestehen, *iuHr–/*ieuHr– als Zusammensetzung aus *iu–/*ieu– + *uH₁r– zu analysieren. Die erste Komponente scheint mit einer von zwei homonymen Wurzeln zusammenzuhängen:
7.2.1. *ieu– (< *H₁i̯-eu–¹¹ – siehe EWAI II 420) „sich bewegen“ > Khotan-Saka gyūna–, jūna– „Bewegung, Gang; Zeiten“, Paschtunisch yun, Pl. yānə „Bewegung, Gang, Schritt“, neben Avestisch yaona–, falls es „Weg“ anstelle der traditionellen Übersetzung „Ort“ bedeutete, und Vedisch yóni–, falls es „Route, Aufenthaltsort“ bedeutete (ESIJ 4: 94–95; NEVP 100; Bailey 1979: 112; Lubotsky 1988: 38).
7.2.2. *ieu– „trennen“ > Vedisch yúcchati „hält sich fern, trennt sich“, Konj. ví yāvanta „werden trennen“ usw., yutā-dveṣas– „von Feinden befreit“ (LIV 314; EWAI 2: 403–04; Turner 1966: #10442, 10497; MW 848, 852–53); Jungavestisch yūtā– „getrennt“; Mittelpersisch: manichäisch jwd̄y, buddhistisch ywdt „getrennt, geteilt“, Parthisch ywd „getrennt (von); ohne“; Neupersisch jūdā, Belutschisch jītā, Zazakisch jīyā, Qohruidisch yadā „getrennt“; Paschtunisch byal „getrennt, verschieden, abseits“ usw. (Cheung 2007: 215–16).
7.2.3. Es gibt einen spezifischen indo-iranischen Terminus *iau(i)iā– für einen „Wasserlauf“, fortgesetzt in Vedisch yāvyā– „Bach, Fluss, Kanal“ [RV 8.98.8], Aschkun yo „Bächlein“, Kati yū ebenda usw.; Altpersisch yau̯viyā– „Kanal“, zoroastrisches Pahlavi ywd /jōy/, Neupersisch jō(i) ebenda, Parachi žī „Rinnsal“ (EWAI 2: 405; ESIJ 4: 118–19; Turner 1966: #10442). Wasserläufe haben sich bewegt, wie etwa Bailey (1979: 112) erwähnte (vgl. §7.2.1.), aber sie können auch ihre Ufer trennen, wie etwa Turner (1966: #10442) vorschlug (vgl. §7.2.2.). Dasselbe kann über ein Meer gesagt werden. Deshalb lautet die hypothetische Zusammensetzung
¹⁰ Vedisch vār–, Jungavestisch vāra– „Regen“; Keilschriftluvianisch wā́rsa „Wasser“; Lateinisch ūrinārī „eintauchen“, Altenglisch wær „Meer“, Altnordisch vá́ri „Flüssigkeit, Wasser“, úr „Nässe, Feuchtigkeit“; Altpreußisch wurs „Teich“ usw. (NIL 715–17).
¹¹ Die Form *H₁ieu– stellt die Erweiterung der Wurzel *H₁ei̯– „gehen“ dar (LIV 232–233), wie *sreu̯– „fließen“ (LIV 588) gegenüber *ser– > Vedisch sar– „laufen, eilen“, Pali sarati „bewegt sich“; Sogdisch hrt „ging“, Kurdisch har „gehen“ (EWAI 2: 705–706; Blažek 2018: 74–76).
40
Acta Linguistica Lithuanica LXXXIV
Baltisch *jūrā-/- (i)jā̄- „Meer“ & *jaurā-/- (i)jā̄- „feuchter Boden, Moor, tiefes Wasser“
*iu–/*ieu– + *uH₁r– ist auf zwei alternative Weisen interpretierbar: (i) „fließendes Wasser“; (ii) „Wasser, das trennt“.
7.2.4. Die folgende Frage lautet, ob dieselbe Zusammensetzung auf das gallische Oronym *Jurā anwendbar ist.
7.2.4.1. Es mag paradox erscheinen, aber die Zusammensetzung *iu–/*ieu– + *uH₁r– mit der hypothetischen Bedeutung „fließendes Wasser“ könnte tatsächlich zur Bezeichnung von Bergen gedient haben, da gerade in den Bergen die Quellen der Flüsse liegen. In den Gebieten, in denen slawische Sprachen gesprochen werden, gibt es mehrere Berge namens Tok, also „Bach“. Ähnliche „Wasser“-Etymologien lassen sich für Berge wie Mons Abnоbae [Plinius der Ältere, Naturalis historiae 4.79] vorschlagen, heute Schwarzwald, wo die Quelle der Donau liegt. Das Oronym kann die lateinische Anpassung des Gallischen *moni̯os abnobi oder des späteren *abnobe „[an Flüssen] reiches Gebirge“ darstellen. Ein weiteres Beispiel kann der mythische avestische Berg Harā–/Haraitī– sein, dessen höchster Gipfel namens Hū̆kairiia– die Heimat der Göttin Arduui Sūrā Anāhita ist, die über alle Wasser herrscht [Yašt 5.121; 10.50; 10.88; 12.23–25] (Blažek & Šefčík 2011: 239–49). Im Juragebirge entspringen mehrere Flüsse, die zu den Einzugsgebieten der Rhône und des Rheins gehören: Ain (→ Rhône), Allaine (→ Doubs → Rhône), Birs (→ Rhein), Doubs (→ Saône → Rhône), Loue (→ Doubs → Rhône), Orbe (→ Thielle → Rhein), Seille (→ Saône → Rhône), Venoge (→ Genfersee → Rhône).
7.2.4.2. Die zweite semantische Interpretation, „Wasser, das trennt“, ist offenbar nicht auf Berge anwendbar. Uns steht jedoch die modifizierte Zusammensetzung *iu–/*ieu– + *H₂(o)r– zur Verfügung, deren zweite Komponente im kontinentalen Keltischen identifiziert werden kann: cisalpin-gallisch *orom-bouui *{of} Bergbewohner¹², rekonstruiert auf der Grundlage verschiedener Varianten des lateinischen Gen. Pl.: Oromobiorum / Orumboviorum / Orumbioiorum / Oromobiorum (Meid 1996: 13); Keltiberisch [Peñalba de Villastar] *oros- (s-Stamm) in der Syntagme eni.orosei̯ on/
¹² Siehe die von Plinius dokumentierte Interpretation, Naturalis historiae 3.124–125: oromobiorum stirpis esse comum atque bergomum et licini forum aliquotque circa populos auctor est cato, sed originem gentis ignorare se fatetur, quam docet cornelius alexander ortam a graecia interpretatione etiam nominis vitam in montibus degentium. in hoc situ interiit oppidum oromobiorum parra, unde bergomates cato dixit ortos, etiamnum prodente se altius quam fortunatius situm. „Von Cato erfahren wir auch, dass Comum, Bergomum und Liciniforum sowie einige andere Völker der Umgebung von den Orombouii abstammen; er gesteht jedoch, dass er über den Ursprung dieses Volkes nichts weiß. Cornelius Alexander hingegen berichtet, sie seien aus Griechenland gekommen, und deutet ihren Namen als „diejenigen, die in den Bergen leben“. In dieser Gegend ist Parra verschwunden, eine Stadt der Orombouii, von denen nach Cato die Einwohner von Bergomum abstammen; noch heute zeigt ihre Lage, dass sie höher gelegen war, als es ihrer Fruchtbarkeit entsprach.“ Plinius der Ältere: The Natural History, übersetzt von John Bostock & H.T. Riley, London: Taylor & Francis, 1855.
Straipsniai / Articles
41
VÁCLAV BLAŽEK
im Gebirge“, d. h. „montanus“, als Beiname des Gottes Lugus (Meid 1996: 13). Verwandt kann das Wort für „Grenze, Begrenzung“ im insularen Keltischen sein: Mittelirisch or m. „Grenze, Begrenzung, äußerster Punkt“ (DIL O–149); Alt-Walisisch (9. Jh.) or, Modern-Walisisch ŏr „Grenze, Begrenzung, Küste, Rand, Saum, Ufer, Kante“ (GPC), Kornisch or f., Pl. oryon, Altbretonisch orion Gl. „oram“, Mittelbretonisch euryen „bord d’une fontaine“ (LEIA II 26; Pedersen I: 207; II: 51). Außerkeltische Kognaten sind z. B. Griechisch ὄρος „Berg, Höhe“ [Il. 14.227; Od. 5.279], ὀρέστερος „in den Bergen lebend, aus Bergen bestehend“ [Il. 22.93; Od. 10.212]; Hethitisch haršar/haršn- „Kopf, Person, Vorderseite, Anfang“ < *H₃ersr̥, Gen. *H₃r̥snós (Kloekhorst 2008: 314–315); Altavestisch arašūua-, Vedisch r̥ṣvā- „hoch“ (EWAI 1: 262). In diesem Fall würde die Zusammensetzung *iu–/*ieu– + *H₃(o)r– + coll. *–eH₂ > Gallisch *Jūrā „*Berge, die trennen“ bedeuten, wahrscheinlich sowohl hinsichtlich ihrer Hänge als auch ihrer Wälder.
SCHLUSSFOLGERUNG
8. Die vorangegangenen Teilanalysen erlauben die Formulierung folgender Schlussfolgerungen:
8.1. Im Baltischen finden wir zwei Quasisynonyme für „Meer“, *jūra–, *jūr(i)ia– ebenda und *mar(i)iā– „Meer, Bucht, Lagune“. Falls der letztgenannte Terminus „flaches Meer“¹³ bezeichnete, müsste der erste ursprünglich „tiefes Meer“ bedeutet haben.
8.2. Die litauische v̥rddhi-Bildung jáura, jáurė, jáuris „feuchter, schwerer, unfruchtbarer Boden; lehmiger Boden“, jáura oder jáuras „Moor, tiefes Wasser“ kann semantisch über die Bedeutung „tiefes Wasser“ mit dem Gemeinbaltischen *jūr- „Meer“ verbunden werden, unter Berücksichtigung der traditionellen Vorstellung von Mooren als bodenlos.
8.3. Die Hydronyme Jura (Narew-Becken) & Jurin (Oka-Becken) liegen weit von jedem Meer entfernt, weshalb ihre ursprünglichen Bedeutungen „tiefes (Wasser)“ oder „sumpfig“ sein sollten. Dasselbe lässt sich für das Toponym Ἰούρουνον vorschlagen, das Ptolemaios südlich der Ostseeküste verortete. Vielleicht bezeichnete es ein
13 Ursprünglich allgemein „Meer“, im „alt-europäischen“ Gebiet weit verbreitet: Lateinisch mare „Meer(-wasser)“; Gallisch more „mare“ [Glossar von Vienne], Altirisch muir, Walisisch mōr „Meer“; Gotisch marei „Meer“, mari-saiws „See“, Altnordisch marr „Meer“, Althochdeutsch mari, meri „Meer, See“; Altkirchenslawisch morje „Meer“. Die primäre Bedeutung „Meer“ im Baltischen wird durch das baltische Lehnwort im Ostseefinnischen *mere „Meer“ bestätigt, das oben (§1) erörtert wurde. Außerhalb dieses Gebiets gibt es weniger sichere Kognaten mit ziemlich unterschiedlichen Bedeutungen: Hethitisch marmar(a)-, mammara- „wassergesättigtes Gehölz, überwachsener Sumpf, Feuchtgebiet, Morast, Moor, Sumpf“ (Puhvel 2004: 79–80); Armenisch mawr „Sumpf“ (*mamr- <?*mar mr-, obwohl es alternativ mit Litauisch máuras „Schleim, Schlamm, Morast“ usw. verbunden werden könnte – siehe Džaukjan, Saradževa, Arutjunjan 1983: 128); Ossetisch mal „stehendes Wasser“ < *māria– (Gamkrelidze, Ivanov 1984: 673, 943).
42
Acta Linguistica Lithuanica LXXXIV
Baltisch *jūrā–/–(i)iā̄- „Meer“ & *jaurā–/–(i)iā̄- „feuchter Boden, Moor, tiefes Wasser“
ein Dorf an einem tiefen See in der Kaschubischen Seenplatte (Pojezierze Kaszubskie), z. B. Jezioro Wdzydze: 14,55 km²; 69,5 m; oder in der Drawsko-Seenplatte (Pojezierze Drawsko), z. B. Jezioro Drawsko: 19,56 km²; 79,7 m.
8.4. Falls das fenno-permische *jürs „tiefe Stelle im Wasser“ und das finno-wolgaische *järwä „See“ jeweils Anpassungen des Baltischen *jūrā–/–(i)iā̄ „Meer“ & *jaurā–/–(i)iā̄- „Moor, tiefes Wasser“ darstellen, könnten sie die ursprünglichere Bedeutung widerspiegeln, vielleicht allgemein „tiefes Wasser“ beziehungsweise „tiefes Wasserreservoir“.
8.5. Das hypothetische Vorbaltische *jūr- „tiefes Wasser“ ist mit dem Armenischen յowr „Wasser“ und dem Griechischen Εὔρος „{Gott des} Südostwinds“ vereinbar. Ihre gemeinsame Vorform war nach Irslinger eher *iuHr-/ *ieuHr als *H₁euHr nach Petit oder *eu’r nach Derksen.
8.6. Beide von Plinius aufgezeichneten Hydronyme aus Ostthrakien, Juras und Zyras, könnten miteinander verbunden sein, wenn sie entweder zu tiefen oder zu sumpfigen Flüssen gehörten.
8.7. Das Oronym Jura bezeichnet Berge, die durch einen sehr steilen Abhang zum Genfersee hin gekennzeichnet sind. Es könnte daher durchaus denselben Ursprung haben. Der Zusammenhang der Bedeutungen „tief“ und „hoch“ wird in §6.1.2. erörtert. Adams (2013: 296) fügt hinzu: „Was von oben betrachtet tief ist, kann von unten betrachtet als hoch gelten“.
8.8. Die berechtigte Frage, ob *iuHr–/*ieuHr– eine alte Zusammensetzung aus *uH₁r- „Wasser“ darstellt, kann positiv beantwortet werden, wenn die erste Komponente als das Verb *ieu– (i) „sich bewegen“ oder (ii) „trennen“ identifiziert wird. Die Vorstellung von „fließendem Wasser“ ist auf Meere, Flüsse und sogar auf Berge anwendbar, wenn diese die Orte von Flussquellen sind. Die alternative Vorstellung von „trennendem Wasser“ ist ebenfalls auf Meere und Flüsse anwendbar, wahrscheinlich jedoch nicht auf Berge. Im Fall der Jura-Berge, die wahrscheinlich das Protokeltische *jūrā widerspiegeln, könnte die alternative Zusammensetzung *iu–/*ieu– + *H₃(o)r- + *–eH₂– „*Berge, die trennen“ zugrunde liegen. Es ist zu betonen, dass die Annahme der Zusammensetzung mit einer dieser semantischen Interpretationen die oben (§6.1.2.) erörterten Spekulationen über „tief“ gegenüber „hoch“ gegenstandslos macht.
BIBLIOGRAPHY
ALEW – Altlitauisches etymologisches Wörterbuch 1: A–M, 2: N–Ž, unter der Leitung von W. Hock und der Mitarbeit von E. J. Bukevčiūtė und Ch. Schiller bearbeiten von R. Fecht, A. H. Feulner, E. Hill und D. S. Wodtko, 3: Verzeichnisse und Indices, unter der Leitung von W. Hock und der Mitarbeit vieler anderer bearbeiten von R. Fecht, Hamburg: Baar, 2015.
Bailey Harold W. 1979: Dictionary of Khotan Saka, Cambridge: University Press.
Straipsniai / Articles
43
VÁCLAV BLAŽEK
Bammesberger Alfred 1970: Litauisch lapė und lateinisch zolpēs. – Donum Balticum: To Professor Christian S. Stang on the occasion of his seventieth birthday, 15 March 1970, ed. V. Rūke–Draviņa, Stockholm: Almqvist & Wiksell, 38–43.
Beekes Robert S. P. 2010: Etymological Dictionary of Greek 1–2, Leiden, Boston: Brill.
Bednarczuk Leszek 1976: Zapożyczenia ugrofińskie w językach bałtosłowiańskich. – Acta Baltico-Slavica 9, 39–63.
Billy Pierre-Henry 1993: Thesaurus Linguae Gallicae, Hildesheim, Zürich, New York: Olms & Weidmann.
Blažek Václav, Šefčík Ondřej 2011: Oronyms derived from water? – Mons Abnobae and Haraiti. Historische Sprachforschung 124, 239–249.
Blažek Václav 2018: K pramenům řek indoevropských. – Vesper Slavicus. Sborník k nedožitým devadesátinám prof. Radoslava Večerky, ed. P. Malčík, Praha: Nakladatelství Lidové noviny, 58–80.
Būga Kazimieras 1959: Rinktiniai raštai 2, ed. Z. Zinkevičius, Vilnius: Valstybinė politinės ir mokslinės literatūros leidykla.
Cheung Johnny 2007: Etymological Dictionary of the Iranian Verb, Leiden, Boston: Brill.
Curtius Georg 1879: Grundzüge der griechischen Etymologie 5. unter mitwirkung von E. Windisch umgearb. aufl., Leipzig: Teubner.
Darms Georges 1978: Schwäher und Schwager, Hahn und Huhn: die Vṛddhi-Ableitung im Germanischen, München: Kitzinger.
Delamarre Xavier 2018: Dictionnaire de la langue gauloise. Une approche linguistique du vieux celtique continental, Paris: Éditions Errance.
Derksen Rick 2015: Etymological Dictionary of the Inherited Baltic Lexicon, Leiden, Boston: Brill.
Detschew Dimiter 1957: Die thrakischen Sprachreste, Wien: Rohrer.
DIL – Dictionary of the Irish Language. Based mainly on Old and Middle Irish Materials (Compact Edition), ed. E. G. Quin et al., Dublin: Royal Irish Academy, 1998.
Douglas Q. Adams 2013: A Dictionary of Tocharian B 1–2, Revised and Greatly Enlarged Edition, Amsterdam, New York: Rodopi.
Duridanov Ivan 1969: Thrakisch-dakische Studien. 1. Teil: Die thrakischund dakisch-baltischen Sprachbeziehungen. – Balkansko ezikoznanie 13/2, 1–104.
44
Acta Linguistica Lithuanica LXXXIV
Baltic *jūrā-/-(i)iā- ‘sea’ & *jaurā-/-(i)iā- ‘wet soil, bog, deep water’
Džaukjan Gevork B. 1967: Očerki po istorii dopis’mennogo perioda armjanskogo jazyka, Erevan: Izdatel’stvo Akademii nauk Armjanskoj SSR.
Džaukjan Gevork B., Saradževa Lûdviga A., Arutjunjan Covinar R. (eds.) 1983: Očerki po sravnitel’noj leksikologii armjanskogo jazyka, Erevan: Izdatel’stvo Akademii nauk Armjanskoj SSR.
ESIJ – Rastorgueva Vera S., Ėdel’man Dž. I. 2000–2011: Ėtimologičeskij slovar’ iranskix jazykov 1–4, Moskva: “Vostočnaja literatura”.
ESJS – Etymologický slovník jazyka staroslověnského 5, ed. E. Havlová, Praha: Academia, 1995.
EWAI – Mayrhofer Manfred 1986–2001: Etymologisches Wörterbuch des Altindoarischen 1–3, Heidelberg: Carl Winter Universitätsverlag.
FEW – Walther von Wartburg et al. 1928–2003: Französischen etymologisches Wörterbuch: eine Darstellung des galloromanischen Sprachschatzes, Basel: Helbing & Lichtenhahn; Zbinden, Paris: H. Champion; Genève: Slatkine. Available at: https://apps.atilf.fr/lecteurFEW/index.php/page/view.
Fraenkel Ernst 1962–1965: Litauisches etymologisches Wörterbuch 2 Bde. (Indogermanische Bibliothek: 2. Reihe Wörterbücher), Heidelberg, Göttingen: Carl Winter Universitätsverlag, Vandhoeck & Ruprecht.
Gamkrelidze Tamaz V., Ivanov Vjačeslav V. 1984: Indoevropejskij jazyk i indoevropejcy. Rekonstrukcija i istoriko-tipologičeskij analiz prajazyka i protokul’tury, Tbilisi: Izdatel’stvo Tbilisskogo universiteta.
Georgiev Vladimir I. 1977: Trakite i texnijat ezik, Sofija: Izdatelstvo na Bălgarskata akademija na naukite.
GPC – Geiriadur Prifysgol Cymru. Available at: https://welsh-dictionary.ac.uk.
Greule Albrecht 2014: Deutsches Gewässernamenbuch. Etymologie der Gewässernamen und der dazugehörigen Gebiets-, Siedlungsund Flurnamen, Berlin, unter Mitarbeit von S. Hackl-Rößler, Boston: de Gruyter.
Hamp Eric P. 1972: Keltic dubro- ‘water’: the story of a lexeme. – Studies in Linguistics in honor of George L. Trager, ed. M. E. Smith, Hague, Paris: Mouton, 233–237.
Janakieva Svetlana 2009: Trakijskata xidronimija, Sofija: Akademično izdatelstvo “Prof. Marin Drinov”.
Kaibel Georg 1885: Antike Windrosen. – Hermes: Zeitschrift für klassische Philologie 20/4, 579–624.
Straipsniai / Articles
45
VÁCLAV BLAŽEK
Kloekhorst Alwin 2008: Etymological Dictionary of the Hittite Inherited Lexicon, Leiden, Boston: Brill.
LEIA II – Lexique étymologique de l’irlandais ancien 2: M–P, par J. Vendryès, Dublin: Dublin Institute for Advanced Studies, 1960.
Lejeune Michel 1972: Phonétique historique du mycénien et du grec ancien, Paris: Klincksieck.
LIV – Helmut Rix, Martin Kümmel, Thomas Zehnder, Reiner Lipp, Brigitte Schirmer 2001: Lexikon der indogermanischen Verben. Die Wurzeln und ihre Primärstammbildungen, Wiesbaden: Reichert.
LKŽ – Lietuvių kalbos žodynas, vols. I–XX, Vilnius: Mokslas, 1941–2002.
Lubotsky Alexander M. 1988: The System of Nominal Accentuation in Sanskrit and Proto-Indo-European, Leiden, New York, Köbenhavn, Köln: Brill.
Matasović Ranko 2009: Etymological Dictionary of Proto-Celtic, Leiden, Boston: Brill.
Mažiulis Vytautas 1981: Prūsų kalbos paminklai 2, Vilnius: Mokslas.
Mažiulis Vytautas 2013: Prūsų kalbos etimologijos žodynas, Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidybos centras.
ME – Mühlenbach Karlis, Endzelin Janis 1923–1932: Lettisch-deutsches Wörterbuch IV. Band, Riga: Herausgegeben vom lettischen Kulturfonds.
Meid Wolfgang 1996: Kleine keltiberische Sprachdenkmäler, Innsbruck: Innsbrucker Beiträge zur Sprachwissenschaft, Vorträge und Kleinere Schriften 64.
Meillet Antoine 1936: Esquise d’une grammaire comparée de l’arménien classique, Vienne: Imprimerie des P. P. Mekhitharistes.
Melchert H. Craig 1993: Cuneiform Luvian Lexicon, Chapell Hill, N. C.: self-published.
MW – Monier-Williams Sir Monier 1899 (reprint 1993): A Sanskrit-English Dictionary, Delhi: Motilal Banarsidass. Available at: http://www.sanskrit-lexicon.uni-koeln.de/cgi-bin/tamil/recherche.
NEVP – Morgenstjerne Georg 2003: A New Etymological Vocabulary of Pashto, ed. J. Elfenbein, D. N. MacKenzie, N. Sims-Williams, Wiesbaden: Reichert.
NIL – Wodtko Dagmar S., Irslinger Britta, Schneider Carolin 2008: Nomina im Indogermanischen Lexikon. (Indogermanische Bibliothek, Reihe 2: Wörterbücher), Heidelberg: Carl Winter Universitätsverlag.
46
Acta Linguistica Lithuanica LXXXIV
Baltic *jūrā-/-(i)iā̄- ‘sea’ & *jaurā-/-(i)iā̄- ‘wet soil, bog, deep water’
Nobbe C. F. A. (ed.) 1966: Claudii Ptolemaei Geographia, Hildesheim: Olms.
Olsen Birgit A. 1999: The Noun in Biblical Armenian. Origin and Word-Formation, Berlin, New York: de Gruyter Mouton.
Orel Vladimir 1998: Albanian Etymological Dictionary, Leiden, Boston, Köln: Brill.
Otkupščikov Jurij V. 2004: Drevnjaja gidronimija v bassejne Oki. – Balto-slavjanskie issledovanija 16, 83–114.
Pedersen Holger 1909–1913: Vergleichende Grammatik der keltischen Sprachen, 2 vols: I. Einleitung und Lautlehre, II. Bedeutungslehre (Wortlehre), Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Petit Daniel 2010: Untersuchungen zu den baltischen Sprachen, Leiden, Boston: Brill.
Przybytek Rozalia 1993: Ortsnamen baltischer Herkunft im südlichen Teil Ostpreußens, Stuttgart: Steiner.
Puhvel Jaan 2004: Hittite Etymological Dictionary, vol. 6: Words beginning with M, Berlin, New York: de Gruyter Mouton.
Rejzek Jiří 2015: Etymologický slovník, 3. (2. přeprac. a rozšíř.), Praha: Leda.
Rozwadowski Jan 1948: Studia nad nazwami wód słowiańskich, Kraków: Nakładem polskiej Akademii umietności.
Schmidt Rüdiger 1981: Grammatik des Klassisch-Armenischen mit sprachvergleichenden Erläuterungen, Innsbruck: Institut für Sprachwissenschaft der Universität Innsbruck (Innsbrucker Beiträge zur Sprachwissenschaft, Bd. 32).
Schwyzer Eduard 1939: Griechische Grammatik auf der Grundlage von Karl Brugmanns Griechischer Grammatik, 1. Band, München: Beck.
SKES – Suomen kielen etymologinen sanakirja, ed. Y. H. Toivonen et al., Helsinki: Suomalais-Ugrilainen seura, 1955–1981.
Smoczyński Wojciech 2018: Lithuanian Etymological Dictionary, ed. A. Holvoet, S. Young, assist. W. Browne, Berlin, Bern, Bruxelles, New York, Oxford, Warszawa, Wien: Peter Lang.
Solta Georg R. 1960: Die Stellung des Armenischen im Kreise der indogermanischen Sprachen, Wien: Mechitharisten-Buchdruckerei.
Starke Frank 1990: Untersuchung zur Stammbildung des keilschrift-luwischen Nomens, Wiesbaden: Harrassowitz.
Thomsen Vilhelm 1890: Beröringer mellem de finske og de baltiske (litauisk-lettiske) Sprog, Kobenhavn: Dreyer.
Straipsniai / Articles
47
VÁCLAV BLAŽEK
Tomaschek Wilhelm 1894: Die alten Thraker: eine ethnologische Untersuchung II: Die Sprachreste 2: Personen und Ortsnamen. – Sitzungsberichte der Philosophisch-historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften 131.1, Wien: Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 1–103.
Toporov Vladimir N. 1975–1980: Prusskij jazyk: slovar’ (A–D), (I–K), Moskva: Nauka.
Trautmann Reinhold 1910: Die altpreussischen Sprachdenkmäler, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
Turner Ralph L. 1966: A Comparative Dictionary of the Indo-Aryan Languages, Oxford: University Press.
Udolph Jürgen 1990: Die Stellung der Gewässernamen Polens innerhalb der alteuropäischen Hydronymie, Heidelberg: Carl Winter Universitätsverlag.
UEW – Uralisches etymologisches Wörterbuch, ed. K. Rédei, Budapest: Akadémiai Kiadó, 1986–1988.
Vanagas Aleksandras 1981: Lietuvių hidronimų etimologinis žodynas, Vilnius: Mokslas.
Vries Jan de 1962: Altnordisches etymologisches Wörterbuch, Leiden: Brill.
Wachter Rudolf 1987: Altl ateinische Inschriften. Sprachliche und epigrafische Untersuchungen zu den Dokumenten bis etwa 150 v. Chr., Bern, Frankfurt am Main, New York, Paris: Lang.
Walde Alois, Hofmann J. B. 1954: Lateinisches etymologisches Wörterbuch, vol. 2, Heidelberg: Carl Winter Universitätsverlag.
Winkler Gerhard 1988: C. Plinii Secundi Historiae Naturalis, Libri III/IV, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
Acknowledgement
The present study was prepared thanks to the support of the Specific Research Fund of Masaryk University, Nr. 2817. I am grateful to John D. Bengtson and Stefan Zimmer for their comments and correction of English. My thanks also belong to Alexander Nikolaev for his mention of the Greek data and to two anonymous referees for their useful comments.
48
Acta Linguistica Lithuanica LXXXIV
Baltic *jūrā–/(i)ijā– ‘sea’ & *jaurā–/(i)ijā– ‘wet soil, bog, deep water’
Baltų *jūrā–/(i)ijā– ‘jūrą’ ir *jaurā–/(i)ijā– ‘šlapias dirvožemis, pelkė, gilus vanduo’
SANTRAUKA
Straipsnyje analizuojama proto-baltų šaknis *jūr-. Ji paliudyta lietuvių kalbos žodyje jūra f., pl. jūros; var. jūria f., pl. jūrios ir jūrė f., pl. jūrės ir lat. jūra arba jūra ‘jūra; didelis vandens telkinys; ežeras’, dial. jūre, jūris (ME II 122), kuršininkų jūr(e) f. ‘jūra’. Šios formos atitinkamai gali būti sietinos su proto baltų *jūra–, *jūria–, *jūri̯ā–. S. prūsų lurīay [Elbingo žodynas 66: ‘Mer’] = nom. pl. *jur’ai ir iurin [Enchiridion] ‘jūra’ = acc. sg. *jur’an atspindi protobaltišką formą *jūriā–. Nagrinėjamajai šakniai giminiški ir liet. jūra, jūrė, jūris ‘šlapia, sunki, nederlinga dirva; dirvožemis su moliu’, jūra arba jūrās ‘pelkė, gilus vanduo’, būdvardis jūrus ‘pelkėtas’, atspindintys šaknies *jūr– vṛddhi– darybos tipą *jaur–su panašiais vardžodominiais plėtiniais. Nagrinėjamasis žodis yra gana plačiai paliudytas Lietuvos ir Latvijos hidronimijoje, taip pat ir už rytinio Baltijos regiono teritorijos ribų, pavyzdžiui, Jura (Narevo intakas, pirmasis paminėjimas 1426 m.) ir Jurin (dvi griovos Maskvos upės baseine), pastarasis atitinka liet. jaurýnas ‘pelkėta vieta’. Pirmasis rašytinis galimai baltiškos šaknies *jūro darinio paminėjimas gali būti atpažįstamas vv. ‘loúrquovov’, lokalizuojamo į vakarus nuo Vistula upės žiočių ir į rytus nuo Viadua upės žiočių, kuris fiksuotas vadinamame Ptolemajaus Geografijos rankraštyje Rt [2.11.27.] (II a.). Abu baltų variantus *jūr– & *jaur– pasiskolino Permės finai – *jürs ‘gili vieta vandenyje’ ir Volgos finai – *järwä ‘ežeras’. Kitose indoeuropiečių kalbose patikimai paliudytas tik vienas gimin iškas žodis – armėnų jowr ‘vanduo’. Esama galimybės jį sieti su s. graikų Εὔρος ‘Pietryčių vėjo {dievas}’. Šiuo atveju galima rekonstruoti bendras protoformas *iuHr– ir *ieuHr–. Pateikiamos ir dvi perspektyvios Plinijaus Vyresniojo iš istorinės Trakijos užrašytos hidroniminės paralelės: Zyras, galbūt dabartinė Batovska reka Dobrudžoje, ir Iuras, dabar galbūt upė Karaagač (Pietų Bulgarija). Problemiškesnis siejimas su galų oronimu Mons Iura. Siūlomas naujas etimologinis sprendimas – formą *iuHr–/*ieuHr– galima analizuoti kaip seną junginį, sudarytą iš *ieu– (i) ‘judėti’ arba (ii) ‘atskirti’ ir *uHr̥– ‘vanduo’.
Įteikta 2021 m. kovo 15 d.
VÁCLAV BLAŽEK
Department of Linguistics and Baltic Studies Masaryk University Nováka 1, CZ–60200 Brno [email protected]
Straipsniai / Articles
49