Filosofija ir gimtoji kalba
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NAGLIS KARDELIS
Universität Vilnius
ORCID id: orcid.org/0000-0002-2179-3754
Forschungsgebiete: Sprachphilosophie, Philosophie der Antike, Philosophie der Antike, mittelalterliche Philosophie, Religionsphilosophie.
DOI: doi.org/10.35321/all89-13
FILOSOFIJA IR GIMTOJI KALBA
Die Frage, in welcher Sprache ein Philosoph philosophieren sollte, scheint ebenso einfach zu sein wie die Antwort darauf: Man sollte in der Sprache philosophieren, in der man denkt – schließlich ist das Element der Philosophie das Denken, jedoch nicht irgendein Denken, sondern gerade ein zum Sprechen gebrachtes und sprachlich artikuliertes Denken. Wenn der Mensch nicht völlig denationalisiert ist, denkt er in seiner Muttersprache, genauer gesagt in der Sprache der Mutter; daher erscheint die Antwort auf die Frage, welche Sprache sich zum Philosophieren am besten eignet, von selbst völlig klar und einfach, insbesondere aus der Perspektive der alltäglichen und persönlichen Erfahrung: Man sollte in der eigenen Muttersprache, in der Sprache der Mutter, philosophieren.
Dennoch ist die Frage, in welcher Sprache ein Philosoph philosophieren sollte, trotz ihrer tatsächlichen oder scheinbaren Leichtigkeit eine grundlegende philosophische Frage, die des Nachdenkens und einer tieferen theoretischen Analyse bedarf. Obwohl die der Alltagserfahrung und dem gesunden Menschenverstand entsprechende anfängliche, noch unreflektierte Intuition, dass sich die eigene Muttersprache besser zum Philosophieren eigne, als solche für richtig gelten kann, ist es wünschenswert, auch theoretische Argumente vorzulegen, die diese Einsicht stützen – genau das wollen wir in diesem Aufsatz versuchen.
Warum aber sollten wir diese Frage überhaupt aufwerfen und erörtern? Ist sie – und aus welchen konkreten Gründen – für die Pflege der Muttersprache und für die Philosophen selbst relevant? Vielleicht ist es möglich, in jeder später erlernten Sprache ebenso gut zu philosophieren; geht also beim Philosophieren in fremden Sprachen weder die Muttersprache noch die Philosophie selbst verloren?
Wenn wir einen Blick auf die Weltgeschichte der Philosophie werfen, sehen wir deutlich, dass die absolute Mehrheit der großen Denker – von der Antike bis in unsere Zeit – ihre philosophischen Werke in ihrer Muttersprache verfasste. Ist es vorstellbar, dass Platon und Aristoteles mündlich und schriftlich in einer anderen Sprache als dem Altgriechischen philosophiert hätten, ebenso Sokrates (obwohl er nichts schrieb), der die Bürger Athens ansprach – oder mit seinem eigenen inneren Daimonion kommunizierte – in irgendeiner Sprache der Fremden? Oder Kant, Hegel, Nietzsche und Heidegger, die nicht auf Deutsch philosophierten? Und erst recht Sartre oder Derrida, die nicht auf Französisch schrieben? Dennoch gibt es in der Weltgeschichte der Philosophie Fälle, in denen Texte von höchstem theoretischem Niveau und sprachlicher Ausdruckssubtilität
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in einer Nicht-Muttersprache geschaffen wurden. Die herausragendsten, wenn auch nicht einzigen Beispiele sind die auf Latein verfassten Werke der Vertreter der mittelalterlichen scholastischen Philosophie, vor allem des heiligen Thomas von Aquin. Einige römische Denker, etwa Cicero, beherrschten das Altgriechische so ausgezeichnet, dass sie nicht nur Platons Dialoge daraus ins Lateinische, ihre Muttersprache, übersetzten, sondern auch auf Griechisch philosophieren und Reden halten konnten; doch selbst Cicero – der Schöpfer der philosophischen lateinischen Sprache – entfaltete seine Fähigkeiten des Denkens und der Beredsamkeit am besten im Element des muttersprachlichen Lateins. Der intellektuelle römische Kaiser Mark Aurel schrieb während eines Feldzugs auf Griechisch ein nicht zur Veröffentlichung bestimmtes, nur für sich selbst verfasstes Tagebuch. Nach dem Tod des Feldherrn wurden diese Aufzeichnungen, in denen die intimsten Geheimnisse einer nach dem Sinn des Lebens suchenden Seele in einer Nicht-Muttersprache vor ihr selbst enthüllt waren, wohl gegen den Willen des Autors veröffentlicht und sind seitdem der ganzen Welt unter dem vom Herausgeber gegebenen beredten Titel „An sich selbst“ bekannt.
Wenn wir uns der Geschichte der litauischen Philosophie zuwenden, sehen wir, dass im Zeitalter des Großfürstentums Litauen die alte Philosophie Litauens von den Vertretern der verschiedenen in diesem Staat lebenden Völker, darunter auch ethnischen Litauern, überwiegend auf Latein geschaffen wurde – dies war dem damaligen Status des Lateinischen als Medium der universalen Entwicklung und Verbreitung der europäischen Wissenschaft geschuldet. Die Konturen der modernen litauischen Philosophie begannen sich Ende des 19. Jahrhunderts abzuzeichnen, als die nationale Wiedergeburtsbewegung einsetzte; deren Rufer erkannten die Bedeutung der litauischen Muttersprache für die Erweckung und Bildung des Bewusstseins der wiedererwachenden Nation sehr gut und betonten sie in ihren Schriften ständig. Dennoch wurden auch die philosophischen Dissertationen der bedeutendsten Denker dieser Zeit, etwa von Stasys Šalkauskis, die wir als Gründungsväter der modernen litauischen Philosophie betrachten könnten, in einer Nicht-Muttersprache verfasst, während ihre Autoren im Ausland studierten. Obwohl Stasys Šalkauskis, Pranas Kuraitis, Antanas Maceina, Juozas Girnius und andere herausragende litauische Denker der Zwischenkriegszeit philosophische Texte in fremden Sprachen ausgezeichnet zu verfassen vermochten, bewerten wir ihren Beitrag zur litauischen Philosophie vor allem im Hinblick auf die auf Litauisch verfassten philosophischen Texte dieser Denker sowie auf ihre eigentliche Arbeit an der Schaffung einer philosophischen litauischen Sprache, insbesondere an der Herausbildung der litauischen philosophischen Terminologie. Beredt ist auch der Fall des im Litauen der Zwischenkriegszeit wirkenden russischen Philosophen Lev Karsavin: Dieser Denker erlernte die litauische Sprache nahezu vollkommen und vermochte daher nicht nur Werke zur Philosophie und Kulturgeschichte, sondern auch eigene philosophische Texte auf Litauisch zu verfassen; dennoch sind Karsavins wertvollste philosophische und theologische Arbeiten in seiner russischen Muttersprache geschrieben.
Es ist nicht schwer, eine gewisse Gesetzmäßigkeit zu erkennen, die mit konkreten historischen Umständen zusammenhängt und erklärt, warum Denker in bestimmten Perioden der Entwicklung der Philosophie in einer Nicht-Muttersprache philosophieren mussten: Jedes Mal, wenn in Europa, in einem anderen Zivilisationsraum oder weltweit eine bestimmte Kultur und die mit ihr verbundene Sprache als Medium ihres Ausdrucks zur Grundlage einer Kultur wurde, die einen höheren oder geringeren Grad an Universalität beanspruchte,
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wurden diese Kultur und Sprache in der betreffenden geografischen Region und historischen Zeit vorherrschend. Nicht nur das kulturelle Prestige der dominierenden lingua franca, sondern auch die bloße Erleichterung der kulturellen und akademischen Kommunikation führte zur Durchsetzung der einen oder anderen Sprache, die universal geworden oder sogar formell als solche anerkannt war, im Bereich von Wissenschaft und Kultur. So verfassten in dem christlichen Europa des Mittelalters und der Neuzeit Denker jüdischer Herkunft ihre philosophischen Werke auf Latein, im islamischen Zivilisationsraum dagegen auf Arabisch. Interessant und aussagekräftig ist auch das Beispiel des genialen jüdischen Philosophen und Dichters Salomon ibn Gabirol (Avicebron): Religiöse und säkulare Dichtung schuf er auf Hebräisch, die Philosophie von außerordentlicher Subtilität dagegen auf Arabisch. In dem geografischen Raum, in dem die indische Zivilisation lange Zeit kulturell dominierte, verfassten Denker verschiedener Völker ihre philosophischen Texte meist auf Sanskrit, das die lingua franca dieses Raumes war.
Wenn man anerkennt, dass jede wirkliche Wissenschaft ihrem Inhalt und ihrer Form nach universal und universell gültig sein muss, und zugleich davon ausgeht, dass die Philosophie eine bestimmte Art von Wissenschaft ist, ist leicht zu verstehen, warum man unter bestimmten zivilisatorischen Bedingungen von der Philosophie erwartete, dass sie zu einer universalen Wissenschaft werde, die sich einer universalen Sprache bedient. Die Anerkennung des Status der einen oder anderen universalen Sprache beruhte auf der Annahme, dass die menschliche Natur selbst ebenso wie die gesamte menschliche Erfahrung ihrem tiefsten Wesen nach universal und von den Unterschieden lokaler Kulturen unabhängig sei und daher durch universell gültige philosophische Begriffe ausgedrückt werden könne, die, so glaubte man, alle Sprecher einer universalen philosophischen Sprache zu schaffen und einheitlich zu verwenden vermöchten.
Anders als in der semantisch plastischen Sprache literarischer Texte, deren Wörter durch Mehrdeutigkeit gekennzeichnet sind und in der sich die Schichten der direkt und übertragen gebrauchten Wörter spielerisch miteinander verflechten und überlagern, operiert die wissenschaftliche Sprache mit Termini von streng bestimmter Bedeutung. Die Bedeutungen der in den Naturwissenschaften verwendeten Termini, mit denen die empirische Wirklichkeit bezeichnet wird, hängen nicht von der Eigenart konkreter menschlicher Kulturen ab, die sich in der in verschiedenen Sprachen geschaffenen Literatur ausdrückt, und spiegeln diese Eigenart auch nicht wider. Da wissenschaftliche – insbesondere naturwissenschaftliche – Termini der kulturellen Spezifik entbehren, die sich leicht in der Muttersprache, auf dem Boden der eigenen Kultur gereift, ausdrücken lässt, jedoch nur schwer in anderen Sprachen, die die Eigenart anderer Kulturen zum Ausdruck bringen, zu vermitteln ist, lassen sich wissenschaftliche Texte wegen der Eindeutigkeit der in ihnen verwendeten Termini leicht in andere Sprachen übersetzen. Genau genommen besteht kein großer – oder überhaupt kein – Unterschied darin, in welcher Sprache ein naturwissenschaftlicher Text verfasst ist, denn unabhängig von der Sprache vermittelt er dennoch dieselbe wissenschaftliche Information, die in keinerlei Zusammenhang mit der Eigenart konkreter menschlicher Kulturen steht. Wenn man annimmt, es mache keinen Unterschied, in welcher Sprache wissenschaftliche Texte verfasst werden, bildet sich ganz natürlich die Auffassung heraus, dass die Vielfalt der Sprachen, in denen Wissenschaft betrieben wird, und die dadurch bedingte Notwendigkeit, wissenschaftliche Texte aus einer Sprache in andere zu übersetzen, lediglich dazu zwingt, menschliche Ressourcen zu verschwenden
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für die Übersetzung, der Wissenschaft selbst jedoch keinen zusätzlichen Wert verleiht. Daher wird konsequent der Schluss gezogen, dass man angesichts der Universalität und Globalität der Wissenschaft und zur Erleichterung der wissenschaftlichen Kommunikation Wissenschaftler verschiedener Nationalitäten, die verschiedene Muttersprachen sprechen, dazu auffordern müsse, im wissenschaftlichen Austausch zu einer der bereits heute in der Wissenschaft weit verbreiteten Sprachen überzugehen. Ähnlich wie das Latein im akademischen Europa des Mittelalters ist Englisch zur lingua franca der globalen Wissenschaft unserer Zeit geworden.
Selbst wenn wir dennoch annehmen wollten, dass die in einer dominierenden Sprache betriebene Weltwissenschaft an sich nichts verlöre, vielleicht sogar etwas gewänne, müssten wir doch anerkennen, dass die bewusste Verdrängung der lokalen Sprachen aus dem Bereich der Wissenschaft die nationalen Sprachen und Kulturen sehr verarmen ließe. Wissenschaft ist nicht nur eine besondere Form des intellektuellen Verhältnisses des Menschen zur Wirklichkeit, sondern auch ein wichtiger Teil der Hochkultur, der, sagen wir, ein eigenes Register menschlicher Erfahrung bildet; verzichten wir also auf unser Recht und unsere Pflicht, Wissenschaft in nationalen Sprachen zu betreiben, eliminierten wir daraus ein ganzes Register menschlicher Erfahrung samt der Möglichkeit seines sprachlichen Ausdrucks. Wissenschaften und Künste sind Gipfel der geistigen Tätigkeit des Menschen, seiner erhabensten geistigen Erfahrung; wenn diese höchste geistige Tätigkeit und Erfahrung in der Nationalsprache keine Stimme erhält und nicht sprachlich artikuliert wird, verliert diese das, was wir in übertragener Bedeutung ihre obere Etage und ihr Dach nennen könnten – geistiges und soziales Prestige, Würde, Attraktivität und kommunikative Charisma –, weshalb allmählich auch die unteren Etagen des Sprachhauses bröckeln und einstürzen: Zunächst zieht sich die gedemütigte und verarmte Nationalsprache, die sich aus dem Bereich der höchsten geistigen Erfahrungen in den Bereich des Alltags zurückgezogen hat, später auch aus dem Alltag zurück. Eine Sprache, in der man nur noch in der Küche über Kartoffeln spricht, wird unweigerlich später zusammen mit den Kartoffelschalen im Küchenabfalleimer landen.
Auch wenn das Verfassen wissenschaftlicher Texte und die Schaffung wissenschaftlicher Terminologie in lokalen Sprachen der globalen Wissenschaft selbst keinen zusätzlichen Wert verleihen, bilden und entwickeln sie doch nationale Kulturen, die allein durch ihre Existenz und ihr Gedeihen wesentlich zur Entwicklung der Weltkultur beitragen. Ebenso muss betont werden, dass Wissenschaft erheblich mehr ist als bloße Naturwissenschaft, obwohl diese wegen ihrer Genauigkeit nicht selten als Maßstab der Wissenschaft gilt. Wenn wir die geisteswissenschaftlichen Disziplinen überhaupt als Wissenschaften, nämlich als Wissenschaften vom Menschen, betrachten, müssen wir anerkennen, dass sie die menschliche Wirklichkeit nicht nur unter dem Aspekt der Universalität menschlicher Erfahrung, sondern auch unter dem ihrer Lokalität analysieren. Anders als die Naturwissenschaft richtet die Geisteswissenschaft, der sowohl die Universalität menschlicher Erfahrung als auch ihre an einem geografischen Ort und in einer historischen Zeit sich manifestierende Vielfalt wichtig ist, ihre Aufmerksamkeit nicht nur auf die Eigenart der Kulturen, sondern nimmt diese eigens als einen Gegenstand der Untersuchung in den Blick, der größtes Interesse und größte Achtung verdient. Obwohl auch in den Geisteswissenschaften angestrebt wird, ein System strenger wissenschaftlicher Termini zu schaffen und diese Wissenschaften selbst so präzise wie möglich zu machen, sind die Gegenstände der Geisteswissenschaften, wie auch immer sie beschaffen sein mögen,
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untrennbar mit der Eigenart der Kulturen verbunden; daher ist es keineswegs dasselbe, in welcher Sprache wissenschaftlich über sie gesprochen wird. Geisteswissenschaftliche Texte, die in einer bestimmten Sprache verfasst sind, lassen sich zweifellos ebenfalls in andere Sprachen übersetzen, jedoch nicht ohne einen zumindest minimalen Verlust oder eine Verzerrung der vermittelten Bedeutung. Werke der Geisteswissenschaften sind wesentlich schwerer in andere Sprachen zu übersetzen als naturwissenschaftliche, weil bestimmte Sachverhalte, die mit der Eigenart der Kulturen zusammenhängen, in manchen Sprachen leichter benannt und besser erklärt werden können als in anderen. Selbst wenn wir die geisteswissenschaftlichen Disziplinen als Wissenschaft betrachten (und dafür haben wir guten Grund), ähneln die in verschiedenen Sprachen verfassten geisteswissenschaftlichen Texte daher ein wenig den in diesen Sprachen verfassten literarischen Werken – obwohl beide zumindest zufriedenstellend in andere Sprachen übersetzt werden können, lässt sich keines von beiden vollkommen übersetzen, ohne einen größeren oder geringeren Mangel, Überschuss oder eine Verzerrung der Bedeutung. Ebenso wenig wie der Übersetzer eines in einer lokalen Sprache verfassten geisteswissenschaftlichen Textes in eine als universal geltende Sprache der globalen Wissenschaft jemals fähig sein wird, diesen Text ohne den Verlust wichtiger Bedeutungsnuancen zu übersetzen, wird der Geisteswissenschaftler, der von Anfang an versucht, über seine Tätigkeit nicht in seiner Muttersprache, sondern in der Sprache der globalen Wissenschaft zu schreiben, seine Gedanken so vermitteln können, wie er es beim Schreiben in seiner Muttersprache vermöchte.
Dem eindringlichen Aufruf zu folgen, dass auch die Geisteswissenschaftler ähnlich wie die Vertreter der Naturwissenschaften allmählich zu einer universalen Wissenschaftssprache übergehen sollten, würde noch größeren Schaden anrichten als im Bereich der Naturwissenschaft: Die Verdrängung der lokalen Sprachen aus den Geisteswissenschaften bedeutete nicht nur – wie im Fall der Naturwissenschaft – die Verarmung der einen oder anderen Nationalsprache und -kultur und damit auch der Weltkultur, ohne der globalen Wissenschaft selbst notwendigerweise zu schaden, sondern auch die Zerstörung des Potenzials der globalen Wissenschaft selbst, nämlich der weltweiten Geisteswissenschaften. In den Fällen, in denen der Untersuchungsgegenstand selbst wesentlich mit der Eigenart von Sprachen und Kulturen zusammenhängt, hängt die Möglichkeit, diesen Gegenstand angemessen zu verstehen und adäquat wissenschaftlich zu erklären, zumindest teilweise sowohl vom Blickwinkel ab, den die konkrete Sprache dem Forscher eröffnet, als auch allgemein von den Mitteln subtilen sprachlichen Ausdrucks.
Kehren wir jedoch zur Erörterung des Verhältnisses von Philosophie und Muttersprache zurück. Die Frage, was der Philosoph verliert, wenn er darauf verzichtet, in seiner Muttersprache zu denken, zu sprechen und zu schreiben, hängt mit zwei anderen Fragen zusammen: Ist die Philosophie überhaupt eine Wissenschaft, und wenn ja, welcher steht sie ihrer Natur nach näher – der Naturwissenschaft oder der Geisteswissenschaft?
Die in Griechenland der Antike entstandene westliche Philosophie kann als Mutter aller Wissenschaften und als Wiege der Wissenschaft gelten. Sowohl die Philosophie als auch die von ihr hervorgebrachten Wissenschaften entspringen dem Wunsch des Menschen, die ihn umgebende Welt zu erkennen und zu verstehen; sie beruhen auf den kritischen Fähigkeiten des Verstandes und kultivieren ein rationales Verhältnis zur Wirklichkeit. Dennoch übertrifft die Philosophie die Einzelwissenschaften an Abstraktheit – indem sie methodologische Zugänge der einzelnen Wissenschaften formt, reflektiert und verallgemeinert sie die von anderen wissenschaftlichen Disziplinen erzielten Ergebnisse und erweist sich so als Überwissenschaft oder Wissenschaft von den Wissenschaften (Metawissenschaft). Doch die Philosophie, insbesondere so verstanden, wie ihre griechischen Schöpfer sie auffassten, ist dazu berufen,
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nicht nur die äußere Wirklichkeit, sondern auch die innere Welt des Menschen und die geistige Erfahrung des Denkenden zu reflektieren sowie kühne Visionen der Verwandlung des menschlichen Daseins anzubieten.
Die Philosophie ist, selbst wenn sie in gewisser Hinsicht als Wissenschaft, Überwissenschaft oder Metawissenschaft gelten kann, bei Weitem nicht nur Wissenschaft – sie ist auch den Künsten verwandt, denn sie lädt dazu ein, die Welt nicht nur zu erkennen und zu verstehen, sondern auch ihre Größe, Schönheit und Harmonie zu kontemplieren, indem sie einen von empirischen Tatsachen unabhängigen Bereich ethischer und ästhetischer Werte enthüllt und die ästhetische Erfahrung des Menschen sowie die Folgen seiner ethischen Entscheidungen in abstrakter Sprache artikuliert. In der klassischen Auffassung der sieben freien Künste – septem artes liberales – wird die Idee der Verwandtschaft der vom freien Menschen kultivierten Künste und Wissenschaften deutlich sichtbar: Denn die sieben freien Künste kann man auch sieben freie Wissenschaften nennen, da das lateinische Wort ars und sein griechischer Vorläufer technē, die Meisterschaft auf einem bestimmten Gebiet bezeichnen, sowohl Kunst als auch Wissenschaft benennen können. Unter den sieben freien Künsten finden wir sowohl Disziplinen, die wir heute als Wissenschaften bezeichnen würden, nämlich Arithmetik, Geometrie und Astronomie, als auch solche, die wir ohne Zögern als Kunst betrachten würden, etwa Musik. Die klassische Idee der Verwandtschaft von Wissenschaften und Künsten kommt auch in den von den neun Musen betreuten Bereichen zum Ausdruck – einen Teil davon würden wir heute als Wissenschaften bezeichnen, den anderen als Künste.
Die Umstände der Entstehung und Entwicklung der Philosophie im antiken Griechenland zeigen deutlich, wie kurzsichtig es ist, die Philosophie nur als Wissenschaft zu betrachten, obwohl sie als Wiege der Wissenschaften, Mutter der Wissenschaften, Wissenschaft aller Wissenschaften oder als eine bestimmte Art von Überwissenschaft gelten kann. Dass die Philosophie nicht nur Wissenschaft ist – oder dass sie keine gewöhnliche Wissenschaft beziehungsweise einfach noch eine Wissenschaft ist –, bezeugt unter anderem auch das unterschiedliche historische Schicksal der Ergebnisse philosophischen Denkens im Vergleich zum Schicksal wissenschaftlicher Errungenschaften. Einerseits hat die Philosophie, anders als die Wissenschaft, die darauf abzielt, ewig gültige Naturgesetze aufzudecken und in ihren strengen mathematischen Ausdrücken die „endgültige Wahrheit“ über sie zu enthüllen, niemals beansprucht, endgültige Antworten auf die grundlegenden Fragen des Seins zu geben, es sei denn, sie bot hypothetische Varianten solcher endgültigen Antworten an. Dennoch ist trotz dieser der Philosophie eigenen Bescheidenheit keine Philosophie, die bereits in der Antike geschaffen wurde, so hoffnungslos veraltet wie irgendeine Wissenschaft der Antike. So bleibt etwa die antike griechische Metaphysik nicht nur für die Philosophiegeschichte, sondern auch für die zeitgenössische Philosophie interessant und aktuell; das jedoch, was wir als antike griechische Physik bezeichnen würden (nicht in der antiken, sondern gerade in der modernen Bedeutung des Wortes „Physik“), ist für niemanden außer Wissenschaftshistorikern von Bedeutung. Wir könnten mit gutem Grund behaupten, dass die Philosophie im Allgemeinen nicht altert – oder dass sie nicht dazu neigt, so schnell zu altern, wie die Wissenschaft altert.
Die moderne westliche Kultur hat leider nicht nur die Idee der „museischen“ Einheit von Wissenschaften und Künsten bewahrt, sondern auch die Auffassung der klassischen Philosophie verloren, die darauf abzielt, die Erfahrung der einzelnen Wissenschaften und Künste theoretisch zu umspannen und zu verbinden und sie zugleich auf eine noch höhere Stufe der Universalität zu heben. Das auf instrumenteller Rationalität beruhende moderne westliche Bewusstsein bestimmte fatal, was wir als die Trennung der Wissenschaften
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von den Künsten beziehungsweise als Schisma der Register wissenschaftlicher und künstlerischer Wirklichkeitserfahrung in der modernen westlichen Kultur bezeichnen könnten. Dieses Schisma zeigt sich nicht nur – im großen Maßstab – in der gesamten sozialen und kulturellen Praxis der modernen Gesellschaft, in der die Welten der Wissenschaft und der Kunst gleichsam zwei Gefäße sind, die nicht miteinander kommunizieren, sondern auch – in kleinerem Maßstab – in der zeitgenössischen Philosophie selbst, die gleichsam durch ein radikales philosophisches Schisma in die sogenannte analytische (die vor allem in den angelsächsischen Ländern entstand und praktiziert wird) und die sogenannte kontinentale (die sich im kontinentalen Europa herausbildete) Richtung gespalten ist.
Dieses philosophische Schisma ist grundlegend, wenn man über die Bedeutung der Muttersprache für die Philosophie nachdenkt. Die analytische Philosophie versteht und definiert sich selbst nicht einmal bloß als Wissenschaft, sondern beinahe als Naturwissenschaft oder als eine ihr verwandte besondere Art exakter Wissenschaft. Sie hat aus der altgriechischen Philosophie das Streben nach rationaler Erforschung der Wirklichkeit übernommen, dabei aber leider zu einem beträchtlichen Teil die existenzielle und sinnhafte Dimension des philosophischen Denkens verloren. Errungenschaften der Physik, der Neurowissenschaften, der Evolutionspsychologie und der Informationstheorie, ganz zu schweigen von den neuesten Richtungen der Logik, sind für sie wesentlich interessanter und wichtiger als das, was in irgendeiner geisteswissenschaftlichen Disziplin geschieht. Obwohl die Philosophie als Ganzes traditionell den Geisteswissenschaften zugerechnet wird, ist ein sehr wichtiger Teil von ihr, könnte man sagen ihre größere und einflussreichere Hälfte, nämlich die analytische Philosophie, so stark dehumanitarisiert und dehumanisiert, dass es beinahe eine contradictio in adjecto wäre, sie als geisteswissenschaftliche Disziplin zu bezeichnen. Die in der Sprache analytisch-philosophischer Texte verwendeten Termini sind streng definiert und daher eindeutig; häufig werden gewöhnliche Wörter durch logische Formeln ersetzt. In der Sprache dieser Texte spiegeln sich meist weder die singuläre existenzielle Erfahrung des Menschen noch die Eigenart lokaler Kulturen wider. Die Autoren analytisch-philosophischer Arbeiten vermeiden methodisch Metaphern und andere Tropen; deshalb lassen sich Texte der analytischen Philosophie, ebenso wie Werke der exakten Wissenschaften, vergleichsweise leicht in andere Sprachen übersetzen.
Da die Muttersprache beim Verfassen analytisch-philosophischer Texte – insbesondere bei der Formulierung von Argumenten – keinen zusätzlichen Wert schafft, besteht überhaupt kein Unterschied darin, in welcher Sprache man sie schreibt; und da sich diese Richtung historisch in der angelsächsischen Welt herausgebildet hat, werden Texte der analytischen Philosophie traditionell unabhängig von der Nationalität ihrer Autoren meist gerade auf Englisch verfasst. So werden menschliche Ressourcen gespart und die wissenschaftliche Kommunikation erleichtert, zumal die analytische Philosophie selbst nahezu vollständig entpersonalisiert ist und als kollektives Denkprojekt und nicht als Ergebnis autorischer philosophischer Schöpfung verstanden wird. Ähnlich wie das Latein in der scholastischen Philosophie des Mittelalters dominiert in der zeitgenössischen analytischen Philosophie, die wir als säkularisierte und entmetaphysierte Scholastik unserer Tage bezeichnen könnten, die englische Sprache. Die Blindheit der analytischen Philosophie gegenüber der menschlichen Existenz, dem menschlichen Streben nach Sinn und auch der Eigenart lokaler Kulturen bietet im Übrigen keinerlei Grundlage dafür, die Leistungen der analytischen Philosophie zu schmälern,
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die in der Tat beeindruckend sind und in ihrer Bedeutung und Fundamentalität an die Ergebnisse der modernen Naturwissenschaft erinnern.
Anders als in der analytischen Philosophie, die mit eindeutigen Begriffen operiert, stützt sich die kontinentale Philosophie trotz ihrer ebenfalls ausgeprägten Technizität wesentlich stärker auf die Plastizität der Alltagssprache und die Reserven tropischer Ausdrucksweise; das Spiel der Wörter und der verschiedenen Bedeutungen ein und desselben Wortes wird herangezogen, um das Wesen philosophischer Intuitionen zu vermitteln. Auch Existenzialismus, Phänomenologie, philosophische Hermeneutik, Poststrukturalismus und postmoderne Philosophie verfügen über ein eigenes Fachvokabular; die Autoren, die diese Strömungen des philosophischen Denkens vertreten, wenden sich bei der Schaffung neuer philosophischer Konzepte jedoch auch den elementaren Kräften der lebendigen Alltagssprache und ebenso ihrer persönlichen existenziellen Erfahrung zu, die gerade ihre Muttersprache am besten zur Sprache zu bringen vermag. Bei der Begegnung mit Werken der kontinentalen philosophischen Tradition erkennen wir deutlich, dass die Muttersprache ihrer Autoren selbst einen offensichtlichen und erheblichen Einfluss auf die in dieser Sprache ausgedrückten philosophischen Intuitionen ausübt. Einige subtile Einsichten Martin Heideggers oder Jacques’ Derridas lassen sich überhaupt nicht ohne einen erheblichen Bedeutungsfehler in andere Sprachen übersetzen, etwa in eine „universale“ Wissenschaftssprache wie das Englische. Heidegger werden wir erst angemessen verstehen können, wenn wir die deutschen Originale seiner Werke lesen, und Derrida erst, wenn wir das Wortspiel seiner philosophischen französischen Sprache in den Originaltexten dieses Denkers genussvoll auskosten.
Zwar lassen sich auch die Texte der Philosophen der kontinentalen Tradition in andere Sprachen übersetzen, jedoch nur annäherungsweise und nicht ohne Bedeutungsverlust, -verzerrung oder unerwünschte zusätzliche Bedeutungsnuancen. Von den Texten Heideggers und Derridas sowie von den Arbeiten der meisten anderen Denker der kontinentalen philosophischen Tradition können wir daher – anders als von den Werken der Vertreter der analytischen Philosophie – keineswegs sagen, es mache keinen Unterschied, in welcher Sprache sie verfasst sind. Offensichtlich waren sich auch diese Denker dieses Unterschieds vollkommen bewusst – sie hätten gewiss nicht gedacht, dass sie imstande wären, ihre Gedanken in einer anderen Sprache als ihrer Muttersprache ebenso präzise auszudrücken, geschweige denn in irgendeiner lingua franca der Philosophie.
Eine ähnliche Abhängigkeit philosophischer Gedanken von der Sprache, in der sie zum Ausdruck gebracht werden, erkennen wir auch in der klassischen Philosophie, in der dies noch vor der verhängnisvollen Spaltung der westlichen Philosophie in eine analytische und eine kontinentale gilt. Obwohl die altgriechische Philosophie, die durch Achtung vor der Rationalität und das Streben nach einem klaren und transparenten Gedanken gekennzeichnet ist, und die moderne analytische Philosophie zahlreiche Berührungspunkte und gemeinsame Züge aufweisen, pulsiert in den plastischen Texten der antiken Denker noch immer das Leben der natürlichen Sprache, sodass wir behaupten können, dass die antike Tradition philosophischen Denkens in mancher Hinsicht auch der modernen kontinentalen Philosophie ähnelt. Alle, die Gelegenheit hatten, die griechischen Originale der Dialoge Platons zu lesen, sind sich klar darüber bewusst, dass keine Übersetzung in andere Sprachen ihnen jemals gleichkommen wird – weder an Genauigkeit noch an Ausdruckskraft. Die Kluft
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zwischen den griechischen Originalen und ihren Übersetzungen in die modernen Sprachen wird noch deutlicher, wenn man sich den Fragmenten der Werke der Vorsokratiker zuwendet, insbesondere so tief denkender und vieldeutig sprechender Denker wie etwa Heraklit. Selbst den Gedanken Aristoteles’, dessen philosophische Begriffe bereits zu strengen Termini geworden sind, erfassen wir leichter, wenn wir nicht Übersetzungen, sondern die griechischen Originale seiner Abhandlungen lesen – ungeachtet dessen, dass wir vielleicht das Altgriechische schlechter beherrschen als unsere Muttersprache oder die neuesten Fremdsprachen. Daher käme uns nicht einmal allgemein der absurde Gedanke, für die altgriechischen Philosophen habe es keinen Unterschied gemacht, in welcher Sprache sie ihre unsterblichen Werke schrieben, ebenso wie es für uns, die wir diese Texte lesen, keinen Unterschied macht, in welcher Sprache wir sie lesen.
Die alten Griechen wollten mit ihrem Entwurf der westlichen Philosophie als einer völlig neuen geistigen Beziehung zur Wirklichkeit eine solche philosophische Sicht der Welt erreichen, in der die persönliche existenzielle Erfahrung des Denkenden mit der wesentlich universelleren Erfahrung der gesamten ethischen oder politischen Gemeinschaft vereinbar wäre. Anders als bisweilen angenommen, war das Denken des antiken Menschen nicht entpersonalisiert und nicht von der Erfahrung losgelöst. Im Gegenteil: Gerade die philosophisch reflektierte konkrete existenzielle Erfahrung des antiken Menschen ermöglichte es ihm, das zu erfassen, was die individuelle Erfahrung jedes einzelnen Menschen übersteigt und ihr eine universelle Dimension verleiht. Wir müssen auf die im Kontext des antiken Denkens äußerst wichtige Verbindung von Erfahrung und Natur achten: Wie die Erfahrung einer konkreten Person für die gesamte Gemeinschaft bedeutsam werden kann, indem sie Teil ihrer Erfahrung wird, oder sogar eine noch universellere kosmische Dimension erlangen kann, lässt sich nur verstehen, wenn man die natürliche Gemeinsamkeit des einzelnen Menschen, der den Einzelnen übersteigenden Gemeinschaft und der die menschliche Gemeinschaft selbst übersteigenden nichtmenschlichen Wirklichkeit erkennt. Als eine völlig neue Form der Beziehung zur Wirklichkeit begründet, musste die griechische Philosophie, indem sie die Welt und die in ihr ablaufenden Prozesse reflektierte, sowohl die individuelle Natur der Person als auch die natürlichen Seinsgrenzen einer konkreten politischen Gemeinschaft und die universelle Natur des gesamten Kosmos, der gesamten geordneten und harmonischen Wirklichkeit widerspiegeln.
Gerade die ständige Hinwendung zur Natur, die für das antike Denken charakteristisch ist, lässt auch die Bedeutung der natürlichen Sprache – anders gesagt, der Muttersprache – für das nach dem Vorbild der alten Griechen verstandene philosophische Denken erkennen. Die grundlegende Verbindung von Erfahrung und Natur, auf die wir aufmerksam machen wollen, lässt nicht nur für die antike, sondern auch für die Philosophie anderer Epochen einen äußerst wichtigen Zusammenhang von Konkretheit und Abstraktheit, Einzelheit und Universalität, Lokalität und Globalität erkennen: Schließlich verbinden wir Erfahrung naturgemäß mit Konkretheit und Individualität, Natur hingegen mit Abstraktheit und Universalität; deshalb begründet die Weise, in der wir durch persönliche Erfahrung den natürlichen Kern unserer selbst und der gesamten Wirklichkeit entdecken, eine allgemeinerer Art Regel, die offenlegt, wie wir, ausgehend von persönlicher Erfahrung, unsere natürliche Individualität mit der natürlichen Universalität verbinden und in ihr verwurzeln könnten.
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Die Schlussfolgerungen dieser Überlegungen gelten nicht nur für die antike, sondern auch für jede andere von ihr inspirierte Philosophie, die, genährt von den Säften der Muttersprache, ihre Universalität nicht verliert, sondern sie im Gegenteil noch leichter entdeckt, indem sie die verschiedenen Wirklichkeitsebenen verbindende Brücken der Natur beschreitet. Der konkrete natürliche Ausgangspunkt des philosophischen Denkens, der durch die Muttersprache zum Sprechen gebracht wird, wird zu einem Ort, an dem die Eiche authentischen Denkens heranwächst, deren Krone sich in den Höhen der Universalität und Abstraktheit ausbreitet.
Nicht nur viele von uns, den heutigen Denkern, sondern auch die alten Griechen wären geneigt, Heideggers Gedanken zuzustimmen, dass das philosophische Denken auch den Denkenden selbst einbeziehen muss – schließlich muss sich jede theoretische Reflexion auf Erfahrung stützen, die unserem Denken Authentizität und Natürlichkeit verleiht. So tritt eine weitere wesentliche Verbindung von Erfahrung und Natur hervor: Wenn wir uns beim Denken nicht nur auf das stützen, was wir gelesen oder von anderen erfahren haben, sondern auch auf unsere persönliche Erfahrung, machen wir unser Denken aufgrund der ihr eigenen Evidenz wesentlich authentischer, man könnte sagen „natürlicher“, denn wir befreien uns von der Künstlichkeit, die oberflächlichem, der Evidenz und Unmittelbarkeit ermangelndem Denken eigen ist; und die Verbindung des Natürlichen mit dem Naturgemäßen ist ohnehin unmittelbar klar – schließlich bedeutet das lateinische Wort natura gerade Natur, Geburt und Wesen. Naturgemäßheit ist einfach dieselbe Natürlichkeit, nur mit einem eigenen Wort der litauischen Muttersprache und nicht mit einem fremden Wort lateinischer Herkunft bezeichnet.
Tiefes, nicht oberflächliches philosophisches Denken, das stets bei dem beginnt, was evident ist, ermöglicht es, sogar das – evident zu erfassen –, was an sich oder von Anfang an bei Weitem nicht evident ist. Denken, dem Natürlichkeit fehlt, wird niemals Tiefe erreichen – es wird gerade wegen seiner Künstlichkeit, als Gegensatz zur Natürlichkeit, oberflächlich bleiben, gleich in welcher Gestalt diese Künstlichkeit auftritt. Übrigens lenkt das griechische Substantiv logos, das sowohl Wort als auch Gedanke bedeutet, mit anderen Worten sowohl Sprache als auch Denken, die Aufmerksamkeit auf die Verbindung zwischen der Natürlichkeit der Sprache und der Natürlichkeit des Denkens. Die Natürlichkeit der Sprache und des Sprechens ist ihre Naturgemäßheit, die uns unsere Muttersprache verleiht, denn sie ist unsere authentische natürliche Sprache. Die Natürlichkeit des Gedankens und des Denkens wiederum ist ihre Naturgemäßheit, die aus der Naturgemäßheit des Sprechens hervorgeht, anders gesagt aus dem Sprechen in der Muttersprache. Selbst wenn wir nicht laut mit anderen sprechen, sondern nur still in unserem Inneren denken, sprechen wir gleichsam in unserer Seele mit uns selbst in der Sprache, die wir am besten beherrschen, in der wir uns am wohlsten fühlen und die wir als den authentischsten Ausdruck unseres Selbst verstehen; und fast immer ist dies unsere Muttersprache. Wenn wir also authentisch denken, indem wir uns auf unsere eigene und nicht auf fremde Weisheit und Erfahrung stützen, denken wir in der Muttersprache; und wenn wir in ihr denken, sollten wir auch in ihr sprechen und schreiben, wenn wir mit unserem Sprechen und Schreiben größtmögliche Authentizität sowie die genaueste Übereinstimmung von Gedanken und Wort anstreben.
Für denjenigen, der mit seinem eigenen und nicht mit fremdem Verstand denken und authentisch philosophieren will, ist die eigene Erfahrung stets wichtiger als die Erfahrung anderer, doch auch die eigene Erfahrung unterscheidet sich
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im Grad ihrer Unmittelbarkeit. Je unmittelbarer die Erfahrung des Denkenden ist, desto authentischer, klarer und tiefer ist das Denken dessen, der sich auf sie stützt. Unmittelbare Erfahrung erlaubt es, so könnte man sagen, den Schleier zu erweitern, der den Philosophen von der äußeren Wirklichkeit trennt, und im idealen, wenn auch schwer erreichbaren Fall einen solchen Schleier gänzlich zu vermeiden. Bei der Erörterung des Verhältnisses von Philosophie und authentischer Erfahrung tritt die Paradoxie des Sprachphänomens hervor. Einerseits ist abstraktes philosophisches Denken ohne Sprache, ohne ein sprachliches Medium des Denkens, unmöglich; andererseits schafft dieses sprachliche Medium, wie jedes andere Medium auch, unvermeidlich einen Abstand zwischen dem Denkenden und der gedachten Wirklichkeit und hebt oder schwächt dadurch gerade durch die sprachliche Vermittlung des Denkens dessen Unmittelbarkeit auf. Die paradoxe Ambivalenz des Verhältnisses von Sprache und Philosophie beruht darauf, dass zwar sprachlich unvermitteltes Denken überhaupt unmöglich ist, die sprachliche Vermittlung des Denkens selbst, anders gesagt seine Vermittlung, jedoch die Unmittelbarkeit des Denkens vermindert und unvermeidlich zu einem größeren oder kleineren Hindernis für das nach größtmöglicher Unmittelbarkeit strebende Denken wird.
Stellen wir uns vor, wir hätten als äußere Beobachter der Wirklichkeit aus irgendwelchen Gründen keine Möglichkeit, sie ohne eine Glasscheibe zu beobachten, die sie von uns trennt. Als Beispiel für einen solchen Fall kann die Beobachtung der Meeresfauna in einem riesigen Aquarium eines Meeresmuseums dienen, in dem eine dicke Wand aus durchsichtigem Glas die Beobachter von den beobachteten Tieren trennt: Da wir selbst keine Meeresbewohner sind, wären wir keineswegs in der Lage, die Meerestiere unmittelbar, ohne das uns von ihnen trennende Glas, zu beobachten – ein Glas, das die Beobachtung zugleich ermöglicht und behindert; deshalb muss die Glasscheibe, die diese Beobachtung ermöglicht und sie zugleich vermittelt – zwischen sie tritt –, entweder überhaupt völlig unbemerkt, gleichsam unsichtbar, oder zumindest so durchsichtig wie möglich sein. Das Glas muss so beschaffen sein, dass wir beim Blick durch es auf das, was sich jenseits davon öffnet, das Glas selbst aufgrund seiner Durchsichtigkeit nicht sehen. Wäre das Glas undurchsichtig, gesprungen oder zerkratzt, würde unser Auge, statt die draußen sich öffnenden Objekte zu untersuchen, unvermeidlich seine Aufmerksamkeit auf die Unvollkommenheiten des eigentlichen Beobachtungsmediums – eben des Glases – richten und dadurch ständig gestört und abgelenkt werden.
Auf Grundlage dieser Analogie können wir die Sprache selbst – das sprachliche Medium des Denkens – als Glas von unterschiedlicher Durchsichtigkeit und Glätte vorstellen. Das angeführte Beispiel lässt einen wichtigen Unterschied zwischen der Muttersprache und jeder Nichtmuttersprache erkennen, der für das Verständnis der natürlichen Verbindung von Philosophie und Muttersprache besonders bedeutsam ist. Seit unserer Kindheit sind wir so sehr mit unserer Muttersprache, mit jedem ihrer Wörter, das die Dinge der äußeren Welt bezeichnet, verwachsen, dass die Muttersprache und jedes ihrer Wörter gleichsam zu einem Teil unserer eigenen geistigen Natur geworden sind: Die Muttersprache ist uns so nahe, dass wir sie beim Sprechen gar nicht wahrnehmen und ihr Vorhandensein in uns oder neben uns nicht sehen. Sie ist wie reine, geruchlose Luft, die für uns lebensnotwendig ist, obwohl wir beim Atmen gerade wegen ihrer Reinheit keine Aufmerksamkeit auf sie richten. Wenn wir uns unsere Seele – unsere geistige Natur – als mit einem bestimmten geistigen Körper ausgestattet vorstellen, könnten wir jede Nichtmuttersprache, die wir später im Leben erlernt haben, mit der Kleidung vergleichen, die dieser geistige Körper der Seele trägt, die Muttersprache dagegen mit dem geistigen Körper der Seele selbst, in dem die Seele verkörpert ist, ohne ihn überhaupt zu spüren.
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diesem vom geistigen Körper der Seele getragenen Gewand, die Muttersprache hingegen dem geistigen Körper der Seele selbst, den die in ihm verkörperte Seele überhaupt nicht wahrnimmt.
Indem wir seit frühester Kindheit mit den Wörtern der Muttersprache die Dinge der uns umgebenden alltäglichen Welt benennen, insbesondere jene, die uns unendlich nah und lieb sind, weil wir täglich mit ihnen leben, sie täglich sehen und uns täglich an ihnen erfreuen, bleiben wir, wenn wir diese Wörter aussprechen, nicht an ihnen hängen, sondern sprechen gleichsam unmittelbar die Dinge selbst aus. Wenn wir die Objekte der äußeren Welt mit den Wörtern der Muttersprache zum Sprechen bringen, vermitteln uns diese Wörter die Erfahrung der Welt nur minimal, unaufdringlich und unmerklich, wie eine durchsichtige Glasscheibe, die wir nicht sehen; deshalb werden die Wörter der Muttersprache, die wir natürlich, spontan und ohne Anspannung aussprechen, nicht zu sprachlichen Objekten zweiter Ebene oder sekundärer Natur, anders gesagt zu künstlichen Dingen der Sprache selbst, die unsere Aufmerksamkeit zerstreuen und sie von den wirklichen Dingen der äußeren Welt abziehen – der eigentlichen Sonne, der Erde oder dem Fluss, dem eigentlichen Himmel, der Wolke, dem Wind, dem Vogel, dem Baum... Die Muttersprache, deren Wörter den Blick unserer Seele unmittelbar, gleichsam ohne jede Vermittlung, auf die Dinge der äußeren Wirklichkeit richten, eröffnet uns die Welt als ein vertrautes – oder macht sie durch ihr bloßes Zum-Sprechen-Bringen in gewisser Hinsicht sogar vertraut. Wenn wir in der Muttersprache sprechen – und uns in ihr wohlfühlen –, fühlen wir uns auch in der von der Muttersprache zum Sprechen gebrachten Welt wohl.
Wenn wir die Wörter fremder Sprachen erlernen und sie später jedes Mal aussprechen, erfahren wir sie selbst als Objekte sekundärer Ebene und sekundärer Natur, gleichsam als irgendwelche künstlichen Dinge der Sprachwelt, die beim Denken und Sprechen unsere Aufmerksamkeit von den wirklichen Dingen der äußeren Welt ablenken – oder sogar beginnen, diese überhaupt zu beobachten, ihre Beobachtung zu behindern, sich mit ihnen zu hybridisieren und zu amalgamieren. Wir sind gezwungen, die Wörter einer Nichtmuttersprache ständig wie einzelne Objekte zu betrachten, die mit den wirklichen Dingen der nichtsprachlichen Welt „konkurrieren“, die wir ohne jede Störung erfahren möchten. Dies geschieht, weil wir aufgrund von Unsicherheit und des Mangels an Natürlichkeit und Spontaneität des Sprechens unser Sprechen ständig kontrollieren, es übermäßig überprüfen und objektiv reflektieren und durch eben diese Bewegung der Reflexion die Wörter der fremden Sprache in misstrauisch beobachtete Objekte verwandeln – gleichsam in Dinge einer gesonderten künstlichen Sprachwelt. Statt die Objekte der äußeren Wirklichkeit möglichst unmittelbar zu eröffnen, werden die Wörter fremder Sprachen selbst zu sekundären Objekten, die wir aufmerksam beobachten: Die Nichtmuttersprache wird in unserer Erfahrung des Denkens und Sprechens zu einer unebenen und stark zerkratzten Glasscheibe, an deren Undurchsichtigkeiten, Kratzern und anderen Unvollkommenheiten – gleich neuen künstlichen Dingen – unser Auge ständig hängen bleibt, obwohl es lieber über die Wiesen der äußeren Welt schweifen würde, zwischen den wirklichen Dingen der nichtsprachlichen Wirklichkeit. So gut wir auch irgendeine Fremdsprache beherrschen mögen, wir werden sie niemals so gut beherrschen wie unsere Muttersprache. Indem wir dies klar erkennen – und es uns an Sicherheit des Sprechens, an Spontaneität und Natürlichkeit des sprachlichen Ausdrucks fehlt –, räumen wir schließlich ein, dass sowohl in den
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fremden Sprachen als auch in der von ihnen eröffneten äußeren Welt wir uns niemals so wohl fühlen werden wie in der Muttersprache und der von ihr eröffneten Wirklichkeit. Als Heidegger die Sprache das Haus des Seins nannte, meinte er, dass das menschliche Sein im Inneren dieses Hauses „wohne“ und sich konstituiere, wenn wir die unbestimmte, chaotische Lebensumgebung begrenzen, indem wir sie mit einem bestimmten sprachlichen Umriss gleichsam durch Hauswände definieren. Das Verhältnis von Sprache und Sein lässt sich jedoch auch anders vorstellen, indem man eine völlig entgegengesetzte – oder entgegengesetzt interpretierte – Analogie heranzieht: Man kann sich die Sprache als ein Haus vorstellen, in dem das Sein selbst nicht wohnt, sondern dem Betrachtenden durch dessen Fenster erscheint. Das Sein, das tatsächlich nicht im Inneren des Hauses des Seins, sondern außerhalb davon lebt, offenbart sich dem Sterblichen niemals unmittelbar jenseits des Raumes dieses Hauses, den man nicht verlassen darf, sondern nur mittelbar, vermittelt, indem man im Haus des Seins, genauer gesagt im Haus der Sprache, lebt und aus dessen Innerem durch das klare oder an Klarheit mangelnde Fensterglas dieses Hauses nach außen blickt. Wenn wir durch die Fenster der Muttersprache blicken, sehen wir das Sein so klar, als erschiene es jenseits durch durchsichtiges Glas, beinahe unmittelbar; blicken wir dagegen durch die Fenster fremder Sprachen, erscheinen die Gestalten des Seins aufgrund der Undurchsichtigkeit, Unebenheiten oder Kratzer des Glases verschwommen.
Wenn wir anerkennen, dass eine eigenständige Philosophie, in der das besondere authentische Zeichen der Existenz des Denkenden ausgeprägt sein muss, aus möglichst unmittelbarer Erfahrung erwachsen muss, müssen wir zu dem Schluss kommen, dass man nur in der Muttersprache im Modus eigenständigen Denkens philosophieren kann. In dieser Hinsicht ähnelt die eigenständige Philosophie sehr der Dichtung, die schon ihrer Definition und ihrem Geist nach stets eigenständig ist: Wirklich tiefgehende Werke eigenständiger Philosophie werden wir ebenso wenig wie gute Gedichte jemals in fremden Sprachen schreiben lernen. Die eigenständige Philosophie ähnelt der Dichtung darin, dass beide der Singularität und Unwiederholbarkeit persönlicher menschlicher Erfahrung eine universelle Dimension verleihen wollen. Der Unterschied besteht nur darin, dass die Dichtung die individuellen Erfahrungen des Einzelnen in Gestalten universeller, für alle Menschen bedeutsamer Erfahrung übersetzt, indem sie die sprachlichen Kräfte nutzt, die die Konkretheit des Ausdrucks bestimmen, insbesondere konkrete sprachlich geschaffene Bilder und Vorstellungen; die Philosophie dagegen stützt sich nicht nur auf die sprachliche Darstellung des Konkreten, sondern auch auf die Kräfte abstrakter Begriffe.
Wie gute Dichtung unterwirft sich auch eine authentische eigenständige Philosophie weder den Trugbildern reiner Objektivität noch den Launen reiner Subjektivität, sondern erwartet das Wunder der Erkenntnis stets nur an kreativ entdeckten Schnittpunkten von Objektivität und Subjektivität, an denen sich auch jedes Gefühl und jede Einsicht in einen Sinn eröffnet, der ebenfalls niemals ausschließlich objektiv oder ausschließlich subjektiv ist. Sowohl die Dichtung als auch die eigenständige Philosophie wollen die Erfahrung der Welt als einer einheitlichen sinnvollen (oder im Gegenteil sinnentleerten) Ganzheit vermitteln, die jedoch nicht anonym, sondern nur aus dem Blickwinkel erscheint, der sich gerade diesem Dichter oder Denker eröffnet. Die eigenständige Philosophie strebt wie die Dichtung auch danach, nicht nur die räumlich, sondern auch die zeitlich sich entfaltende Einheit der singulären persönlichen menschlichen Erfahrung zu vermitteln. Der Philosoph spricht wie jeder andere Sterbliche von frühester Kindheit an seine Muttersprache – wesentlich
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länger als jede andere später erlernte Sprache; daher vermag gerade die Muttersprache des Philosophen, in deren Haus er am längsten lebt, die zeitliche Existenz seines als in der Zeit fortbestehende Person, ihre ganzheitliche Integration besser zu vermitteln und so den Abstand zwischen der Existenz und ihrer authentischen Wiedergabe durch sprachlich artikuliertes Denken zu verringern. Dies ist ein weiteres, unseres Erachtens beachtenswertes Argument dafür, warum eigenständige Philosophie wie gute Dichtung leichter in der Muttersprache geschaffen werden kann und in bestimmten Fällen überhaupt nur in ihr geschaffen werden kann.
Sowohl die Dichtung als auch die eigenständige Philosophie wollen nicht nur die Wirklichkeit offenlegen – so, wie sie bereits ist –, sondern auch mit poetischen Bildern oder abstrakten philosophischen Begriffen Visionen alternativer Wirklichkeiten, einer besseren und sinnvolleren Welt, schaffen. Die Fähigkeit, mit Gedanken und sprachlichen Bildern Alternativen zur bestehenden Wirklichkeit zu schaffen, hängt in hohem Maße von der Fähigkeit der Sprache ab, in der Dichtung oder Philosophie geschaffen wird, sich von den bestehenden Gestalten der Wirklichkeit zu lösen; diese Fähigkeit wiederum hängt von der Plastizität der verwendeten Sprache ab. Wenn der Dichter oder Philosoph seine nationale Identität noch nicht vollständig verloren und seine Muttersprache vergessen hat, war und bleibt seine Muttersprache das plastischste Medium seines Denkens, Schaffens und sprachlichen Ausdrucks; in ihr ist es am leichtesten, die bewusste Bewegung der Fokussierung und Defokussierung des geistigen Blicks auszuführen, das in der Sprachmedialität fokussierte Bild der Wirklichkeit näher heranzuholen und zu entfernen und sich so entweder geistig mit der Wirklichkeit zu identifizieren und mit ihr zu verschmelzen oder sich im Gegenteil emotional und intellektuell von ihr zu entfernen, sich ihr zu entfremden und eine größere geistige Distanz zu ihr zu schaffen. Gerade die Muttersprache vermag aufgrund ihrer Durchsichtigkeit als sprachliches Medium die bestehende Wirklichkeit am leichtesten und zuverlässigsten vertraut zu machen und sich an einer solchen Welt zu erfreuen, wie sie bereits jetzt ist, obwohl sie noch verwandelt werden muss, indem sie den poetischen und philosophischen Blick auf die erfreulichsten Aspekte der Wirklichkeit lenkt und eine geistige Verschmelzung mit der Wirklichkeit sowie eine emotionale Identifikation mit ihr ermöglicht. Andererseits erlaubt die Muttersprache aufgrund ihrer außergewöhnlichen Plastizität und der damit verbundenen Fähigkeit zur Defokussierung des poetischen und philosophischen Blicks besser als fremde Sprachen, alternative Varianten der bestehenden Wirklichkeit zu schaffen, und gibt sowohl dem Dichter als auch dem Philosophen die Möglichkeit, sich, so könnte man sagen, ein wenig von unserer noch verwandelten Lebenswelt zu erholen, wenn diese allzu rau und unwirtlich wird, indem sie sich von jener Welt entfernen und gleichsam in vollkommenere und der Seele gastfreundlichere Welten der Dichtung und Philosophie fliehen.
Keine andere Sprache ist der Philosophie so großzügig wie die Muttersprache, insbesondere wenn wir die Philosophie selbst als etwas betrachten, das mehr ist als nur eine gewöhnliche Wissenschaft. Die Muttersprache ermöglicht es uns, zu den eigentlichen Ursprüngen der Philosophie zurückzukehren, zu dem von den alten Griechen überlieferten authentischen Verständnis der klassischen Philosophie, und in der Tiefe der Philosophie das Element der Dichtung, in der strengen Form der Wissenschaft jedoch die brodelnde Magma der Künste zu entdecken.
Und vor allem: Indem Philosophie und Muttersprache gemeinsam wachsen, fördern und bilden sie einander. Die von den Säften der Muttersprache gereifte authentische eigenständige Philosophie ermöglicht es der Muttersprache, die höchsten geistigen Erfahrungen des Menschen zum Sprechen zu bringen – so
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spricht die Muttersprache in ihrem reichsten, subtilsten und erhabensten Register, und indem sie so spricht, verdient sie eine solche Achtung von uns, die wir sie sprechen, und sogar von Fremden, dass uns nicht einmal der Gedanke kommt, sie zugunsten irgendeiner anderen, angeblich reicheren, wertvolleren, angeseheneren und prestigeträchtigeren Sprache zu vergessen und aufzugeben.
Gerade die von der Muttersprache großgezogene Philosophie ermöglicht es später, dass die Spitze der grünenden Eiche der Muttersprache selbst sich entfaltet, und zugleich lässt sie diese Eiche so tiefe Wurzeln in die Erde schlagen, dass sie unausreißbar und unsterblich wird...
Eingegangen am 27. November 2023
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