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Surinkimininkų repertuaro recepcija XIX a. antrosios pusės Prūsijos Lietuvos veikaluose

Inga Strungytė-Liugienė

Abstract

Straipsnio tikslas – tirti surinkimininkų giesmyno Visokios naujos giesmės arba evangeliški psalmai įtaką XIX a. antrosios pusės Prūsijos Lietuvos leidiniams, atskleisti lietuviškų parapijų dvasininkų, švietimo darbuotojų požiūrį į surinkimininkų repertuarą. Analizei pasirinkti šie šaltiniai: Frydricho Kuršaičio giesmynai Gieſmjû bey Maldû=Knygos Karalißkojo Pruſû Waiſko (1854, Karaliaučius) ir Trecʒioji Dalis Gieſmjû Knygû (1857, Karaliaučius), Karlo Wilhelmo Otto Glogau mokyklinis giesmynas 64 Gieſmes (1856, 1862, Tilžė), Karlo Rudolpho Jacoby’io chrestomatija Litauische Chrestomathie zum Schulgebrauch (1880, Klaipėda), Maximiliano Voelkelio skaitinių knyga Litauisches elementarbuch (1898, Heidelbergas), Karlo Theodoro Waldemaro Hoffheinzo melodijų rinkinys Gieſmiu Balſai (1894, Heidelbergas, Tilžė) ir tęstiniame mokslo darbe Mitteilungen der Litauischen litterarischen Gesellschaft skelbtos publikacijos himnodine tema. Tyrimui taikomas analitinis, gretinamasis ir tekstologinis metodas.

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Acta Linguistica Lithuanica 2025, Bd. 92, S. 1–26 Link zum Inhalt / Inhaltsverzeichnis ISSN 2669-218X (online / elektronisch) REZEPTION DES REPERTOIRES DER SURINKIMININKAI IN DEN VERÖFFENTLICHUNGEN DES PREUSSISCHEN LITAUENS IN DER ZWEITEN HÄLFTE DES 19. JAHRHUNDERTS Rezeption des Repertoires der Surinkimininkai in den preußisch-litauischen Werken der zweiten Hälfte des 19.th Jahrhunderts INGA STRUNGYTĖ-LIUGIENĖ Institut für litauische Sprache E-Mail: [email protected] ORCID-ID: https://orcid.org/0000-0003-1949-0874 Forschungsgebiete: das schriftliche Erbe der Surinkimininkai und der mährischen Bewegung in der Litauistik, der kulturelle und konfessionelle Kontext des preußischen Litauens im 18.–19. Jahrhundert, die Geschichte des Pietismus. https://doi.org/10.35321/all92-09 ZUSAMMENFASSUNG Ziel des Beitrags ist es, den Einfluss des Gesangbuchs der Surinkimininkai Visokios naujos giesmės arba evangeliški psalmai auf die Veröffentlichungen des preußischen Litauens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu untersuchen und die Haltung der Geistlichen litauischer Gemeinden sowie der im Bildungswesen Tätigen gegenüber dem Repertoire der Surinkimininkai offenzulegen. Für die Analyse wurden folgende Quellen ausgewählt: die Gesangbücher von Friedrich Kurschat Giefmių bey Maldū=Knygos Karališkojo Prūſų Wajko (1854, Königsberg) und Trečioji Dalis Giefmių Knygų (1857, Königsberg), das Schulgesangbuch von Carl Wilhelm Otto Glogau 64 Giefmes (1856, 1862, Tilsit), die Chrestomathie von Carl Rudolph Jacoby Litauische Chrestomathie zum Schulgebrauch (1880, Memel), das Lesebuch von Maximilian Voelkel Litauisches elementarbuch (1898, Heidelberg), die Melodiensammlung von Carl Theodor Waldemar Hoffheinz Giefmių Balfai (1894, Heidelberg, Tilsit) sowie die in der fortlaufenden wissenschaftlichen Publikation Mitteilungen der Litauischen litterarischen Gesellschaft veröffentlichten hymnologischen Beiträge. Für die Untersuchung wurden analytische, vergleichende und textologische Methoden angewandt. SCHLÜSSELWÖRTER: Gesangbuch der Surinkimininkai, kirchliches Gesangbuch, Soldatengesangbuch, Schulchrestomathien, Litauische Literarische Gesellschaft in Tilsit, das preußische Litauen im 19. Jahrhundert. ABSTRACT Der Beitrag untersucht den Einfluss des Gesangbuchs der Surinkimininkai Visokios naujos giesmės arba evangeliški psalmai auf litauische Bücher Preußens in der zweiten Hälfte des 19.th Jahrhunderts und legt die Haltung der Copyright © 2025 Inga Strungytė-Liugienė. Herausgegeben vom Institut für die litauische Sprache. Dies ist ein Open-Access-Artikel, der gemäß den Bedingungen der Creative-Commons-Namensnennungslizenz verbreitet wird. Diese gestattet die uneingeschränkte Nutzung, Verbreitung und Vervielfältigung in jedem Medium, sofern der ursprüngliche Autor und die Quelle genannt werden. // Herausgegeben vom Institut für die litauische Sprache. Dieser Artikel ist frei zugänglich und wird gemäß den Bedingungen der „Creative Commons“-Namensnennungslizenz verbreitet, die eine uneingeschränkte Nutzung, Verbreitung und Vervielfältigung des Inhalts in jedem Medium gestattet, sofern Autor und Quelle angegeben werden. Eingegangen: / Gauta: 2024–12–22. Angenommen: / Priimta: 2025–05–26. 1 Die Geistlichen in den litauischen Gemeinden sowie die Mitglieder der Litauischen Literarischen Gesellschaft in Tilsit, zu denen Vertreter der Lutherischen Kirche und Pädagogen gehörten, gegenüber dem Repertoire der Surinkimininkai offen. Für die Analyse wurden folgende Quellen ausgewählt: die Gesangbücher Giesmų̄ bey Maldū=Knygos Karališkojo Prūfų Waijko (1854, Königsberg) und Trečioji Dalis Giesmjų Knygų (1857, Königsberg) von Friedrich Kurschat, das Schulgesangbuch 64 Giesmes (1856, 1862, Tilsit) von Carl Wilhelm Otto Glogau, die Anthologie Litauische Chrestomathie zum Schulgebrauch (1880, Memel) von Carl Rudolph Jacoby, das Lesebuch Litauisches elementarbuch (1898, Heidelberg) von Maximilian Voelkel, die Melodiensammlung Giesmių Balfai (1894, Heidelberg, Tilsit) von Carl Theodor Waldemar Hoffheinz sowie die hymnologischen Beiträge in der wissenschaftlichen Zeitschrift Mitteilungen der Litauischen litterarischen Gesellschaft. Für die Untersuchung wurden analytische, vergleichende und textologische Methoden eingesetzt. SCHLÜSSELWÖRTER: Gesangbuch der Surinkimininkai, kirchliches Gesangbuch, Militär- und Schulgesangbücher, Schulchrestomathien, Litauische Literarische Gesellschaft in Tilsit, Rezeption, das preußische Litauen im 19.th Jahrhundert. EINLEITUNG „Ich fühle mich beinahe verpflichtet, dies öffentlich hervorzuheben, damit die Inspektoren und Pfarrer Litauens darauf aufmerksam werden und einem solchen Vorhaben, das die Litauer am Lernen und an ihrer Bildung hindert, ernsthaft entgegentreten“¹ – mit diesen Worten nahm der Kantor von Pillkallen, Kristijonas Gotlybas Milkus (Christian Gottlieb Mielcke, 1733–1807), die erste, 1800 in Königsberg erschienene Ausgabe des Gesangbuchs der Surinkimininkai² von Kristijonas Endrikis Mertikaitis (~1775 – vor 1856) Visokios naujos giesmės arba evangeliški psalmai auf. War die Kritik des Kantors wirksam? Wie standen die Pfarrer der litauischen Gemeinden zum Repertoire der Surinkimininkai? Betrachteten sie es als schöpferisches Erzeugnis einer marginalen Gruppe oder umgekehrt als von einer einflussreichen Gebetsgemeinschaft vertretene Texte, die sich zur Vertiefung der Frömmigkeit, für die Gesangspraxis und die religiöse Bildung eigneten? Das Gesangbuch der Surinkimininkai Visokios naujos giesmės arba evangeliški psalmai war ein neues Phänomen im Feld der religiösen Literatur und veränderte die seit dem 16. Jahrhundert entstandene, stärker kirchlich geprägte Tradition litauischer hymnologischer Sammlungen. Der Bedarf an einer besonderen Publikation entstand mit der wachsenden Zahl von Gläubigen sowie der zunehmenden Verbreitung und Ausweitung religiöser Zusammenkünfte, die in den litauischen Gemeinden Preußens als surinkimai bezeichnet wurden. Die Gesangsammlung unterschied sich von Anfang an von anderen lutherischen Gesangbüchern des preußischen Litauens. Kirchliche, Soldaten- und Schulgesangbücher (die letzten beiden erschienen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts) zeichneten sich durch offizielle Approbation, inhaltliche Stabilität und systematische Veröffentlichung³ aus. Das Gesangbuch der Surinkimininkai war dagegen eine inoffizielle, von der Zensur unberührte hymnologische Publikation. Seine Zusammenstellung wurde weder vom Königsberger Konsistorium noch von anderen staatlichen Institutionen kontrolliert. Denn das Gesangbuch war nicht für den Gottesdienst bestimmt, sondern wurde privat zu Hause und bei außerhalb der Kirche stattfindenden surinkimai verwendet. Die Übersetzungs- und Redaktionsarbeiten wurden nicht von einer eingesetzten Gruppe von Pfarrern ausgeführt, sondern von Laien aus der unteren sozialen Schicht, die keine Universität abgeschlossen hatten – von Leitern der Hausandachten, ¹ Mielcke 1806: XVI–XVII. ² Im Beitrag werden die im wissenschaftlichen Gebrauch etablierten litauischen Begriffe surinkimininkai oder maldininkai verwendet (vgl. Gaigalatis 1905; Žostautaitė 1996; Barasa 2018; Strungytė-Liugienė 2019). Sie bezeichnen eine lokale, konkret im Süden des preußischen Litauens beheimatete Gemeinschaft und ihre Mitglieder, betonen stärker die sprachliche, nationale und regionale Zugehörigkeit und geben die soziale Seite der religiösen Bewegung der Surinkimininkai besser wieder als der Begriff pietistai. ³ Kaunas 1996: 61–63, 388. 2 die als Prediger und Lehrer („šulmistrai“) bezeichnet wurden. Der inoffizielle Status des Gesangbuchs gab den Herausgebern (K. E. Mertikaitis, Johann Ferdinand Kelch (1801–1877)) die Freiheit, das Repertoire ungehindert zu gestalten und selbstständig über die Auswahlprinzipien für Werke litauischer und deutscher Autoren zu entscheiden⁴. Hervorzuheben ist, dass auch das qualitative Übersetzungskriterium sowie die Anforderungen an Versmaß und litauische Sprache (im Hinblick auf die ersten Ausgaben) keine wichtige Rolle spielten⁵. Die Herausgeber waren auch mit der Arbeit weniger gebildeter Autoren und Übersetzer zufrieden. Trotzdem stieß die Sammlung bei den Gläubigen auf Interesse und war verlegerisch äußerst erfolgreich. Daher ist für die Bewertung des Repertoires der Surinkimininkai ein wichtiger Faktor, was Geistliche litauischer Gemeinden, die zweifellos Kenner der protestantischen (evangelisch-lutherischen, evangelisch-reformierten und mährischen) Hymnologie waren, öffentlich in der Presse äußerten. Als Bewertungsmaßstab kann auch die Übernahme und Veröffentlichung von Texten in den von ihnen herausgegebenen Publikationen dienen. Ziel dieses Beitrags ist es, den Einfluss des Repertoires des Gesangbuchs der Surinkimininkai auf die Veröffentlichungen des preußischen Litauens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu analysieren. Die Aufgaben bestehen darin, die Position der Vertreter der Kirche des preußischen Litauens und der im Bildungswesen Tätigen gegenüber der Hymnologie der Surinkimininkai⁶ offenzulegen und die inhaltlichen Verbindungen ihrer Bücher und Publikationen mit dem Gesangbuch der Surinkimininkai zu untersuchen. Für die Analyse wurden hinsichtlich der Gattung unterschiedliche Veröffentlichungen ausgewählt (Gesangsammlungen und Schulchrestomathien), um Tendenzen der Vorherrschaft von Texten der Surinkimininkai im untersuchten Zeitraum sichtbar zu machen. Für die Untersuchung wurden analytische, vergleichende und textologische Methoden herangezogen. Analysiert werden Veröffentlichungen, in denen bezeugt ist, dass ein Lied aus dem Gesangbuch der Surinkimininkai übernommen wurde. Die Belege finden sich in deutschen Vorworten, Registern oder Kommentaren der Publikationen, in denen das Gesangbuch der Surinkimininkai gewöhnlich lediglich mit seiner litauischen Bezeichnung psalmų knygos oder mit der deutschen Bezeichnung Psalmbuch genannt wird, ohne eine konkrete Ausgabe des Gesangbuchs anzugeben (mit einer einzigen Ausnahme). Die übernommenen Texte der Surinkimininkai werden mit den Liedern verschiedener Ausgaben des Gesangbuchs der Surinkimininkai Visokios naujos giesmės arba evangeliški psalmai verglichen. Für den Vergleich wurden Ausgaben des Gesangbuchs der Surinkimininkai ausgewählt, die der jeweils analysierten Quelle chronologisch näherstehen. Eine Untersuchung der Geschichte der Lieder wäre nicht vollständig, wenn sie nicht auch die Identifizierung der Autoren und Übersetzer einschlösse. In den untersuchten Quellen werden die Lieder anonym präsentiert. Das Zuschreibungsproblem wird unter Heranziehung des Nachschlagewerks von Albert Friedrich Wilhelm Fischer Kirchenlieder-Lexicon (1967), der Geschichte der Lieder und Gesangbücher von Eduard Emil Koch Geschichte des Kirchenlieds und Kirchengesangs (4, 1868) sowie deutscher protestantischer Gesangbücher aus Königsberg und anderen Gebieten des Königreichs Preußen (später des Deutschen Kaiserreichs) gelöst, in denen die Urheberschaft der Lieder belegt ist. Die Namen der Übersetzer werden auf Grundlage der Forschungen der Autorin der Publikation angegeben⁷. ⁴ Zum Repertoire des Gesangbuchs der Surinkimininkai siehe Michelini 2009b: 220–245; 2010; Strungytė–Liugienė 2009: 189–204; 2012: 83–101; 2016: 83–118. ⁵ Strungytė–Liugienė 2019: 158–168. ⁶ Der Begriff surinkimininkų himnodija umfasst die Gesamtheit der Lieder, bezeichnet ihre textliche und/oder musikalische Gestalt sowie ihre Anpassung. ⁷ Vgl. Strungytė–Liugienė 2014: 31–34. 3 Arbeiten, die sich mit der Rezeption des Repertoires der Surinkimininkai befassen, liegen bislang nicht vor. Zu nennen ist die Veröffentlichung des Er Forschers der Gesangbücher des preußischen Litauens, Guido Michelini, „Jono Pipiro sudaryti giesmių rinkiniai vokiškame kontekste“ (2009). Der Autor behandelte darin die Frage nach den Ursprüngen litauischer Gesangbücher, indem er die Geschichte der Liedersammlung des lutherischen Pfarrers Jonas Pipiras (1833–1912) und ihre Verbindung zu deutschen Quellen analysierte. G. Michelini zeigte, dass J. Pipiras das Büchlein Pasiuntinýstės arpos (1890) um fünf Texte aus dem Gesangbuch der Surinkimininkai Visokios naujos giesmės arba evangeliški psalmai ergänzte. Der Pfarrer übernahm je ein Lied des Hallenser Pietisten Karl Heinrich von Bogatzky und des reformierten Pfarrers Friedrich Wilhelm Krummacher sowie mehrere Lieder anonymer Autoren. Nach G. Michelini modifizierte J. Pipiras einige Texte hinsichtlich ihrer Struktur und ihres Inhalts⁸. Der italienische Wissenschaftler untersuchte in seiner Monografie Mažosios Lietuvos giesmynų istorija: nuo Martyno Mažvydo iki XIX a. pabaigos (2009) das Schulgesangbuch von K. W. O. Glogau sowie die von F. Kurschat herausgegebenen Gesangbücher und deren Repertoire. Er erwähnte die Verbindung des Gesangbuchs der Surinkimininkai Visokios naujos giesmės arba evangeliški psalmai mit den Büchern dieser Geistlichen. Dennoch herrscht in G. Michelinis Forschungen eine gewisse Unklarheit; die Ausgabe von 1862 des Schulgesangbuchs 64 Giefmes von K. W. O. Glogau blieb unberücksichtigt⁹. Nicht in allen Fällen gelang es dem Autor, auch die Verfasser deutscher Lieder zu identifizieren¹⁰. 1. DAS LIED DER SURENKIMININKAI IN DEN GESANGBÜCHERN F. KURŠAITIS Das Gesangbuch der Surinkimininkai und sein Repertoire waren dem Königsberger Pfarrer F. Kurschat (1806–1884) bekannt. Es gibt Grund zu der Annahme, dass er es bei der Zusammenstellung des spezialisierten Gesangbüchleins Giesmių bey Maldū=Knygos Karališkojo Prūsų Waiſko (erschienen 1854, ohne Noten) für die litauischsprachigen Soldaten des preußischen Litauens berücksichtigte. Zu diesem Schluss führt ein vom Herausgeber hinterlassener Kommentar. F. Kurschat erwähnte am Ende des Gesangbüchleins bei einer kurzen Darstellung der Herkunft des Textkorpus, dass das mit der Nummer 92 versehene Lied aus dem Gesangbuch der Surinkimininkai (dt. littauſche Pfalmbuch) übernommen worden war: No. 92 iſt aus dem littauiſchen Pfalmbuch, die übrigens aus dem gewöhnlichen littauiſchen Gefangbuch entnommen¹¹. Es wurde festgestellt, dass der Herausgeber in das Soldatengesangbuch ein Werk des lutherischen Pfarrers von Berthelsdorf und deutschen religiösen Autors Johanna Andreas Rothe (Johann Andreas Rothe, 1688–1758) aufnahm: „Radau, radau jau Gruntą ſawo“, eine anonyme Übersetzung des Originals „Ich habe nun den Grund gefunden“. G. Michelini bemerkte in seiner Monografie, dass F. Kurschat bei der Zusammenstellung der Publikation auf das in Königsberg für deutsche Soldaten herausgegebene Gesangbuch Kirchenbuch für das Königliche Preußische zurückgriff ⁸ Michelini 2009a: 154. ⁹ Vgl. Michelini 2009b: 209–212. ¹⁰ Vgl. Michelini 2009b: 201. ¹¹ Kuršaitis 1854a: 154. 4 Krigsheer¹². Nach dem deutschen Vorbild übernahm er aus dem Gesangbuch der Surinkimininkai nicht den gesamten Text von J. A. Rothe, sondern fünf statt zehn Strophen. Die Übersetzung des Liedes von J. A. Rothe wurde erstmals im zweiten Teil des Gesangbuchs der Surinkimininkai veröffentlicht, der als Anhang der 1825 in Tilsit erschienenen Ausgabe des Gesangbuchs Visokios naujos giesmės arba evangeliški psalmai beigefügt war¹³. Bei der Vorbereitung des Gesangbüchleins für die Soldaten lag F. Kurschat somit eine zwischen 1825 und 1850 erschienene Ausgabe vor. Vgl. das Lied von J. A. Rothe (Strophen 1–3, 5) im Gesangbuch der Surinkimininkai mit seiner Variante im Gesangbüchlein von F. Kurschat: 1. Radau, radau jau Gruntą fawo.‖ Laikys amžʼnay tas Inkarą. ‖ Nẽs į Ronas įkibtʼ‖jis gawo. Cƶe Gruntas buvo wiffada. Tas‖ Gruntas amžinay ƒtowẽs, kad ir wfikas ƒu=‖ gaibʒtʼ turẽs. 2. Tas Grunts yrʼ amžʼna Malonybe, perll wiffą Umą einanti; jis Mẽilẽs Tojo yrʼ Di=‖dybe, kurs Griekinin̄kams dūdafi; Kuro be ‖ luʒtʼ wiffadʼ Sʒirdis, ar eitumʼ Iopʼ, ar nʼ lleitumʼ wis. 3. Kad ne prapultumʼ Diews norẽjo. Iſill nor, kad butʼ mums gẽlbẽta. Todẽley ir Su=‖nus atẽjo, todẽl wẽl ʒenge Danguna; todẽl‖tuzgẽnʼ dar wis uʒ wis į mufû kietafes Sʒirdis. ‖ 1. Rądau, rądau‖ jau Gruntą‖ fawo, laikys amžʼnay tas ‖ Inkarą, nẽs į Ronas įkibtʼ ‖ jis gãwo, czę jis gulėjo wi=‖ fada. Tas Gruntas amžinay‖ ƒtowẽs, kad wifas Swietas ‖ lufebkẽs. ‖ 2. Tas Grunts yrʼ amžʼna ‖ Malonybe, per wifą Umą ‖ einanti. Iis Mẽilẽs tojo ‖ yr Didybe, kurs Griekinin=‖ kams dūdafi, kurio be lubtll wifad Sʒirdis, ar eitum ‖ Iop, ar nʼ eitumʼ wis. ‖ 3. Kad ne prapultum, ‖ Diews norėjo, jis nor, kad ‖ but mums gẽlbẽta. Todẽ= ley ir Sunus atẽjo, todẽl ‖ wẽl ʒenge Danguna; todẽll tuzgẽnʼ jis wis uʒ wis įl mufû kietafes Sʒirdis. ‖ ¹² Michelini 2009b: 195–207. ¹³ Zur Ausgabe der Tilsiter Druckerei von 1825 und zur Datierung des zweiten Teils siehe Strungytė–Liugienė 2019: 152–156. 5 5. Indem ich mich in jene Tiefe, in das Blut=, versenke, vertraue ich auf seine Gnade und sein Erbarmen14. Denn ohne Gesetz finde ich bei Ihm Gnade; meine Sünden bereuend, schaue ich auf Gottes Herz.¶ 5. Į Gėlmę tą nufigramę= didams Kriftaus Krauju nufi= tiku; Griekų aß fawo atſimę= dams į S̆irdį Diewo nužiu= riu. Nẽs be Liowôs randu priell jo Malonės, Sufimillimo15.¶ Man muss sagen, dass die Sammlung der Surinkimininkai keinen großen Einfluss auf F. Kurschat ausübte. Mit dem Gesangbuch ist nur der erwähnte Text verbunden. Wie jedoch im Folgenden zu sehen sein wird, setzte sich das aus dem Buch der Gläubigen stammende Lied von J. A. Rothe in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Publikationen verschiedener Bestimmung durch und wurde zu einem anerkannten und beinahe repräsentativen Werk des Repertoires der Surinkimininkai. Im selben Jahr veröffentlichte F. Kurschat in der periodisch erscheinenden Zeitung Keleiwis iš Karaliaučiaus den Beitrag „Žalnieriškofios Giesmių bei Maldų Knygos“, in dem er über das Erscheinen eines neuen, eigens für die litauischen Soldaten des preußischen Litauens bestimmten Gesangbuchs berichtete. In dem nicht unbeträchtlichen Artikel sprach der Königsberger Pfarrer ausführlicher über die Gesangspraxis und ihre Bedeutung für das „evangelische Christentum“ und betonte den Nutzen der Psalmen des Alten Testaments sowie neuer Lieder, deren Mittelpunkt die Geschichte des Heilands Jesus Christus bildet. Der Autor widmete der täglichen religiösen Praxis und der Selbstdisziplin Aufmerksamkeit und hob hervor, dass jeder Christ die Gesangbücher persönlich besitzen müsse und die Liedtexte „pufėtìnay iß Galwôs mokėt[i]“16 müsse. Über die Lieder äußerte er sich auch im Hinblick auf das Gesangbuch der Surinkimininkai positiv, obwohl er einräumte, dass einige litauische Übersetzungen schlechter seien als die deutschen Originale: Taygi mums yra Giefmes did ey brangus Skarbas, kurį mufû ėwangelìßkoji Bažnyčia ney už kązin ką ne norėtu pardûti. Sßime Dalyke kaip ir daug kitûle yra ypaczey Wokėczey labai bagoti. Jie tur Tytweik daug gražių ir ßłow nû Giefmiû, wifokiơfa Knygofa randamû. Ale Diewui dėkuy! ir Lietuwininkai ne ſtokoj ßito Skarbo. Per Pono Diewo Meilingumą yra gers Dalykėlis gražiu Giefmiû iß Wokìßko i Lietuwißką ißwerftû, ir randasi taip mufû giedamofa Knygofa, kaip ir ewangelìßkûfe Pſalmûfe ſurinktos [Hervorhebung des Autors]. Rods kita Giefmė lietuwißkay ne taip gražey ißwerſta, kaip ta wokißkay randas, ale tacżiau mės ne norim nedėkingi buti, bet džiaugtis, kad mums Wießpats tiek suteikęs17. Der Königsberger Pfarrer kehrte später zum Repertoire der Surinkimininkai zurück, als er den eigenständigen Anhang Trecżioji Dalis Giefmių zum kirchlichen Gesangbuch Pagerintos Giefmių Knygos zusammenstellte 14 Wiffokios naujos Giefmes arba Ewangelìßki Pſalmai 1850: 495. 15 Kuršaitis 1854a: 75, Nr. 92. 16 Kuršaitis 1854b: 87. 17 Kuršaitis 1854b: 87. 6 Knygų (1857; ohne Noten). In diesen Anhang nahm F. Kurschat dasselbe Lied des religiösen Autors J. A. Rothe „Radau, radau jau Gruntą fawo“ auf. Daneben gab er auch die Quelle an: „JB Pfalmû Knygû imta“18. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das aus dem Repertoire der Gläubigen ausgewählte Lied von J. A. Rothe in den 1850er Jahren im lutherischen Gottesdienst gesungen wurde und auch den in der Armee des Königreichs Preußen dienenden litauischen Soldaten die Möglichkeit bot, seinen Inhalt kennenzulernen. 2. SURINKIMININKŲ REPERTUARAS MOKYKLINĖSE KNYGOSE Das Repertoire der Surinkimininkai setzte sich allmählich in Schulbüchern durch. Die Texte der Surinkimininkai wurden vom Superintendenten von Tilsit, K. W. O. Glogau (1805–1875), positiv bewertet. Dies zeigen seine Bemühungen, das Gesangbuch der Volksschulen (dt. Volksschulen) 64 Giefmes Szuilems19 um Texte aus dem Gesangbuch der Surinkimininkai zu ergänzen und sie mit Melodien in numerischer Notation20 vorzulegen. Es wurde festgestellt, dass in die Ausgabe des Schulgesangbuchs von 1856 die Übersetzung des Liedes „Unverfälchtes Chriftenthum“ von Heinrich Jonathan Werenberg (1651–1713), „Ak, tikrafis Krikščionum’s“21, sowie das von dem Pfarrer von Joneikiškiai (Naujieji), Kristijonas Lovynas, übersetzte Lied des Barockautors Paul Gerhardt (1607–1676), „Tikt Swẽczias ał ant Swieto“ (Original „Ich bin ein Gaft auf Erden“)22, aufgenommen wurden. Im Liederregister „Prirodijimas Giefmjû“ vermerkte K. W. O. Glogau, dass diese Lieder aus den „Psalmû=Knygû“ stammten. Der Herausgeber kennzeichnete die konkrete Ausgabe, auf die er sich stützte, nicht, fügte jedoch die Nummerierung der Lieder gemäß der Quelle hinzu. In den Anhang wurde die erste Strophe des Liedes „Krift aus Kraujas ir Teifybė“ (Original „Chrifti Blut und Gerechtigkeit“) übernommen. Im Register ist angegeben, dass dieses Lied aus den „Psalmû=Knygû“ stammt, wo es die Nummer 158 trägt. In der Ausgabe des Schulgesangbuchs von 1862 wurden zusätzlich fünf weitere Lieder abgedruckt, die mit dem Repertoire der Surinkimininkai verbunden sind. Im Vorwort zur dritten Ausgabe „Zur 3ten Auflage“ heißt es, dass die Zahl der Lieder auf 80 gestiegen sei. In diese Ausgabe wurden 16 Lieder aus verschiedenen Büchern aufgenommen: aus dem kirchlichen Gesangbuch (dt. Kirchengefangbuch), aus dem für Soldaten bestimmten Gesangbuch (dt. Militaĭrgefangbuch), aus dem älteren Teil des Gesangbuchs der Surinkimininkai (dt. Pfalmbuch) sowie eine Übersetzung des Herausgebers selbst: Die hinzugekommenen 16 Lieder wurden aus dem Kirchengefangbuch, aus dem ältern Theile des Pfalmbuchs und dem Militairgefangbuch entnommen, nur für das schöne Lied: „Wach auf du Geift der erften Zeugen“ (No 77.) fand ich keine angemeffene Ueberfetzung, weshalb fie vom Herausgeber fo treu und fließend, als es möglich war, angefertigt wurde23. 18 Kuršatis 1857: 38, Nr. 45. 19 Bei der Beschreibung des Gesangbuchs wurden Exemplare von 1856 und 1862 (d. h. der zweiten und fünften Ausgabe) zugrunde gelegt, da Exemplare der Ausgaben von 1855, 1858 und 1860 nicht bekannt sind; siehe LB I 113–114, Nr. 300–303; LBP 26, Nr. 301; LB II(2) 127–128, Nr. 3262. 20 Zu den Melodien in numerischer Notation im Gesangbuch von K. W. O. Glogau siehe ausführlicher Strungytė-Liugienė 2023: 159–180. 21 Glogau 1856: 30, Nr. 38; vgl. Wifókios naujos Giefmes arba Ewangelifki Pfalmai 1856: 533, Nr. 277. 22 Glogau 1856: 50, Nr. 63; vgl. Wifókios naujos Giefmes arba Ewangelifki Pfalmai 1856: 219, Nr. 101. 23 Glogau 1862: [2]. 7 Die Untersuchung ergab, dass K. W. O. Glogau den Anhang „Pridėjimas I“ um folgende Lieder ergänzte: „Ak, jeib Liežuwjú ab turėczau“ von Johann Mentzer (1658–1734) (Original „O, daß ich tausend Zungen hätte“), übersetzt von K. Lovynas²⁴, sowie „Žėngk toliaus:; Žion žėngk toliaus“ von Johann Eusebius Schmidt (1669–1745), in anonymer Übersetzung (Original „Fahre fort:; Zion! fahre fort im Licht“)²⁶. Im Liederregister vermerkte er, dass K. Lovynas’ Übersetzung aus den „Pſalmų=Knygų“ stamme, wo sie unter der Nummer 54 abgedruckt sei²⁷. Die Nummerierung des Liedes von J. E. Schmidt ist im Register der Ausgabe von 1862 fehlerhaft angegeben. Die Information wurde mit dem Lied „Žmogaus jau Kūną pakalkim“28 verwechselt Auch der zweite Anhang „Pridėjimas II“ enthält aus dem Gesangbuch der Surinkimininkai übernommene Lieder. Hier ist eine modifizierte Fassung des Liedes „Ich will’s wagen“ des mährischen Kirchenleiters Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1700–1760) abgedruckt, die mit der fünften Strophe „Pilnos Rankos“²⁹ beginnt. Beim Lied wurde der Kommentar beibehalten, dass es im Gesangbuch der Surinkimininkai unter der Nummer 155 zu finden sei: „[W]eiždek Pf. Knyg. Nr. 155: Ak tikt dryfu: 5 Perßelis: „Pilnos Rankos“³⁰. Hier wurde außerdem „Eikim Bėn, eikim Bėn“ des Förderers christlicher Missionen Gustav Friedrich Ludwig Knak (1806–1878) (Original „Laßt mich gehn“)³¹ aufgenommen, zusammen mit dem Kommentar, dass der Text im Gesangbuch der Surinkimininkai unter der Nummer 348 verzeichnet sei: „Weiždėk Pf. Knyg. Nr. 348“³². Die Veröffentlichung von Liedern aus der Sammlung der Surinkimininkai im Gesangbuch bezeugt, dass die Schüler bereits in den untersten Klassen der Volksschulen mit dem Repertoire der Gläubigen vertraut gemacht wurden. Hervorzuheben ist, dass das Gesangbuch von K. W. O. Glogau eine approbierte und zensierte Publikation war; der Herausgeber stimmte ihren Inhalt mit dem Königsberger Konsistorium und der Regierung des Regierungsbezirks Gumbinnen ab. Die Lieder stießen bei den Gutachtern und den Pfarrern der litauischen Gemeinden offenbar auf keinen Widerstand, da das Gesangbuch erfolgreich war und mehrere weitere Ausgaben erlebte. Bemerkenswert ist, dass das Schulgesangbuch keine festgelegte Liedersammlung besaß. Es wurde um neue Werke ergänzt, was die Flexibilität solcher Bücher hinsichtlich ihres Textkorpus veranschaulicht. Der Pfarrer der Memeler Kirche und Vorsitzende der Litauischen Literarischen Gesellschaft in Tilsit, K. R. Jacoby (1817–1881), nahm Lieder aus der Sammlung der Surinkimininkai in die Schulchrestomathie Litauische Chrestomathie zum Schulgebrauch (1880, Memel) auf. Der Bedarf an einem solchen Lehrmittel entstand, nachdem beschlossen worden war, den litauischen Sprachunterricht in das Gymnasium der Hafenstadt aufzunehmen 24 Glogau 1862: 67, Nr. 71; vgl. Wifókios naujos Giefmės arba Ewangelifßki Pſalmai 1861: 106, Nr. 54. 25 Das Zeichen <;:> kennzeichnet die Wiederholung eines Textfragments oder einer Phrase. Es kommt im Gesangbuch der Surinkimininkai häufig vor. 26 Glogau 1862: 68, Nr. 72; vgl. Wifókios naujos Giefmės arba Ewangelifßki Pſalmai 1861: 606, Nr. 322. 27 Glogau 1862: 91. 28 Glogau 1862: 93. 29 Glogau 1862: 81, Nr. III; vgl. Wifókios naujos Giefmės arba Ewangelifßki Pſalmai 1861: 314, Nr. 155. 30 Glogau 1862: 81. 31 Glogau 1862: 81, Nr. IV; vgl. Wifókios naujos Giefmės arba Ewangelifßki Pſalmai 1861: 650, Nr. 348. 32 Glogau 1862: 81. 8 Sprachunterricht33. Die von K. R. Jacoby zusammengestellte Chrestomathie war gefragt; sie wurde nicht nur am Memeler Gymnasium, sondern auch an anderen Schulen des preußischen Litauens verwendet34. Es ist anzumerken, dass der Herausgeber bei der Zusammenstellung des Buches weltliche und religiöse Werke miteinander verband. Neben den Fabeln Äsops, Auszügen aus Kristijonas Donelaitis’ Metų, litauischen Volksliedern, Rätseln, Sprichwörtern, Märchen, patriotischen und den preußischen Herrscher preisenden Werken ergänzte er das Buch um Fragmente aus dem Alten und Neuen Testament sowie um Lieder aus dem Gesangbuch der Surinkimininkai Wijókios naujos Giefmes arba Ewangelijbki Pfalmai35. Der Herausgeber widmete den Texten der Surinkimininkai das zweite Kapitel der Chrestomathie, „Evangelische Psalmen“. Für dieses Kapitel wählte er vier Lieder (ohne Noten) aus, die nach K. R. Jacoby in den surinkimai gern gesungen wurden und sich durch außergewöhnlich schöne Melodien auszeichneten: Diese Lieder werden neben den im kirchlichen Gesangbuche vorhandenen gern in den Surinkimen, d. h. den Privaterbauungsstunden, nach besonderen, meistens sehr schönen, Melodien gesungen36. Der Herausgeber schrieb die Texte aus der 1876 in Klaipėda erschienenen Ausgabe des pietistischen Gesangbuchs ab. Über die konkrete Ausgabe sprach er zu Beginn des Abschnitts: „Memel 1876, gedruckt und verlegt von Heinr. Holz“37. 33 Juška 2003: 693. 34 Juška 2003: 695. 35 In Juškas Buch Mažosios Lietuvos bažnyčia (XVI–XX) (1997) wird fälschlich angegeben, dass die Lieder für die Chrestomathie dem „1876 in Klaipėda erschienenen Buch D. Hollazas’ „Evangelškas malonės davadas“ (übersetzt von K. Lovynas)“ entnommen seien (Juška 1997: 282). In der später erschienenen Monografie des Autors Mažosios Lietuvos mokykla (2003) wurde dieser Irrtum jedoch korrigiert (vgl. Juška 2003: 694). 36 Jacoby 1880: 32. 37 Jacoby 1880: 32. 9 Abbildung 1. Das pietistische Lied „Išzeik, duszélé, džiaugkisi“ (Autor: P. Gerhardtas) in K. R. Jacobys Litauische Chrestomathie zum Schulgebrauch (1880, Klaipėda) 10 Abbildung 2. Das pietistische Lied „Ißeik, Dubele, džiaugkiſi“ (Autor: P. Gerhardtas) im Gesangbuch Wiſókios naujos Gieſmės arba Ewangeliſki Pſalmai (1876, Klaipėda) Die Analyse zeigte, dass der Geistliche Übersetzungen von Gotfrydas Ostermejeris (Gottfried Oster meyer, 1716–1800), der auf dem Gebiet der religiösen Schriften aktiv tätig war, in die Chrestomathie aufnahm38: des Klaipėdaer Simonas Dachas (1605–1659) „Be cė́so, Dė́we, tu esį“ (Original „Du Gott! bist außer aller Zeit“)39 und P. Gerhardts (1607–1676) „Iszeik, duszėlę, dzaúgkisi“ (Original „Geh’ aus, mein Herz, und suche Freud’“)40. Beide Lieder stammen aus dem alten (ersten) Teil des Gesangbuchs. Für die Chrestomathie wählte K. R. Jacoby zwei anonyme Lieder aus dem zweiten Teil des Gesangbuchs aus: „Dė́we, juk ant iszgánimo“41 und „Vė́ną mùszant kad girdì“42. Der Herausgeber der Chrestomathie behielt dieselben Rubriken wie in der Ausgabe von Klaipėda bei. P. Gerhardts „Iszeik, duszėlę, dzaúgkisi“ ordnete er der Rubrik „Apė liaúpsę ir dekawônę“ zu, 38 Die von Juška angegebene Zahl der Übersetzungen G. Ostermejeris’ ist nicht ganz genau: „<...> vorgelegt wurden <...> Psalmen aus dem 1876 in Klaipėda von H. Holz gedruckten Psalter, vier von G. Ostermejeris übersetzte Lieder“, Juška 2003: 694. In der Chrestomathie sind zwei, nicht vier seiner Übersetzungen abgedruckt. Die übrigen Werke sind anonymen Autoren zuzuschreiben. 39 Jacoby 1880: 37; vgl. Wiſókios naujos Gieſmės arba Ewangeliſki Pſalmai 1876: 205, Nr. 99. 40 Jacoby 1880: 32; vgl. Wiſókios naujos Gieſmės arba Ewangeliſki Pſalmai 1876: 92, Nr. 53. 41 Jacoby 1880: 34; vgl. Wiſókios naujos Gieſmės arba Ewangeliſki Pſalmai 1876: 403, Nr. 211. 42 Jacoby 1880: 35; vgl. Wiſókios naujos Gieſmės arba Ewangeliſki Pſalmai 1876: 588, Nr. 321. 11 S. Dachs „Be czėsó, Dėwė, tu esi“ ist als „Gėsmė apė smertį⁴³“ bezeichnet, „Dėwe, juk ant išgánimo“ als „Apė Dėwo žodį“ und „Vėną mùszant kad girdį“ als „Adýnų gėsmė“. Die übernommenen Lieder wurden in lateinischer Schrift abgeschrieben und strukturell verändert; beispielsweise wurden in P. Gerhardts Lied die Strophen 11, 12 und 15 und in S. Dachs’ Lied vier Strophen weggelassen. Es ist vollkommen verständlich, dass K. R. Jacoby als Vertreter der Kirche beschloss, den Inhalt der Chrestomathie um kanonische, für die christliche Gemeinschaft bedeutende Texte – Fragmente der Heiligen Schrift – zu ergänzen. Die Entscheidung, Lieder der Pietisten auszuwählen, zeigt, dass K. R. Jacoby mit ihrem gesungenen Repertoire vertraut war und einige ihrer Texte schätzte, obwohl das Gesangbuch niemals eine offizielle Approbation der Geistlichen erhalten hatte. Andererseits waren die deutschen Dichter P. Gerhardt und S. Dach herausragende Vertreter der protestantischen Hymnodie des Barockzeitalters; ihre Werke wurden sowohl in deutsche Königsberger als auch in litauische kirchliche lutherische Gesangbücher aufgenommen. Fast zwei Jahrzehnte später erschien eine weitere Publikation ähnlicher Art für Schulen, deren Herausgeber beschloss, sie um pietistische Lieder zu ergänzen. Bei der Zusammenstellung des Lesebuchs Litauisches elementarbuch (1898, 2. Auflage⁴⁴) berücksichtigte der Oberlehrer des Realgymnasiums in Tilsit und aktive Mitglied der Litauischen Literarischen Gesellschaft Maximilian Voelkel (Voelkel, bis zur Mitte des XIX. Jahrhunderts – ~1912) den Inhalt des pietistischen Gesangbuchs. M. Voelkel stellte die Lesestücke aus Texten der litauischen Belletristik und volkstümlichen Werken zusammen; außerdem griff er auf Fragmente des Alten und Neuen Testaments, kirchliche Lieder und von Pfarrer F. Kuršaitis übersetzte Lieder und Psalmen zurück und fügte das Gebet „Vater unser“ ein. M. Voelkel ergänzte den vierten Teil „Lesebuch“ um zwei Lieder (ohne Noten), die Bezüge zum pietistischen Gesangbuch aufweisen. In das Lesebuch wurden die von F. Kuršaitis positiv bewertete Übersetzung von J. A. Rothės Lied „Radau, radau jau gruntą łáwo⁴⁵“ und G. F. L. Knakos „Eikim Bėn, eikim Bėn“⁴⁶ aufgenommen. Beim Lied von J. A. Rothė vermerkte er, dass er es aus dem „Pſalmų Knygų“⁴⁷ entnommen habe. M. Voelkel wurde von Superintendent K. W. O. Glogau⁴⁸ zur Zusammenstellung des Lesebuchs angeregt. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Voelkel sich vor Beginn der Arbeit an dem Buch mit dem Inhalt von K. W. O. Glogaus Schulgesangbuch vertraut gemacht hatte. Vielleicht könnte seine Entscheidung, ein Werk des damals berühmten und auf dem Höhepunkt seiner Popularität stehenden deutschen religiösen Autors G. F. L. Knako aufzunehmen, durch die Aktualisierung dieses Liedes in dem zuvor erschienenen Gesangbuch K. W. O. Glogaus beeinflusst worden sein. Hervorzuheben ist, dass die Lieder nicht nur eine religiös-erzieherische Funktion erfüllten: Beim Singen oder Lesen der Lieder lernten die Schüler, Wörter richtig auszusprechen, und entwickelten ihre sprachlichen Fähigkeiten. Sowohl K. R. Jakoby als auch M. Voelkel hoben die betonte Silbe der Wörter grafisch (durch Hervorhebung oder prosodische Zeichen) hervor und wollten damit den sprachlichen Aspekt der Schulbücher betonen. ⁴³ smèr­tį korr. smèrti. ⁴⁴ In der ersten, 1879 erschienenen Ausgabe gab es keine pietistischen Lieder. ⁴⁵ Voelkel 1898: 91; vgl. Wifókios naujos Giefmės arba Ewangelijßki Pfalmai 1897: 479, Nr. 250. ⁴⁶ Voelkel, 1898: 92; vgl. Wifókios naujos Giefmės arba Ewangelijßki Pfalmai 1897: 630, Nr. 348. ⁴⁷ Voelkel 1898: 92. ⁴⁸ Citavičiūtė 2004: 266. 12 3. DIE LITAUISCHE LITERATURGESELLSCHAFT IN TILSIT UND DIE LIEDER DER SURENKIMININKAI In den letzten Jahrzehnten des XIX. Jahrhunderts war die pietistische Hymnodie Gegenstand des Interesses der Mitglieder der Litauischen Literarischen Gesellschaft (dt. Litauische Literarische Gesellschaft, tätig 1879 – ~ 1923) in Tilsit⁴⁹. Dies veranschaulichen die Bemühungen von K. R. Jakoby und M. Voelkelyo, den Inhalt von Schulbüchern um pietistische Texte zu ergänzen, ebenso wie die von anderen Mitgliedern der Gesellschaft gehaltenen öffentlichen Vorträge, die im fortlaufenden wissenschaftlichen Publikationsorgan der Gesellschaft Mitteilungen der Litauischen litterarischen Gesellschaft veröffentlichten Beiträge und die Herausgabe der Sammlung. Am 11. Oktober 1881 hielt Bischof K. T. W. Hoffheínzas (1823–1907), der ein Jahr später zum Vorsitzenden der Litauischen Literarischen Gesellschaft gewählt wurde, bei einer Versammlung der Gesellschaft in Tilsit einen Vortrag zur Geschichte litauischer lutherischer Gesangbücher. Der Bischof machte auf eine in der Pfarrwohnung gefundene handschriftliche Liedersammlung des Kantors K. G. Milkus aufmerksam und besprach außerdem in chronologischer Reihenfolge, mit Martynas Mažvydas beginnend, die Gesangbücher des XVI.–XIX. Jahrhunderts. K. T. W. Hoffheínzas stellte auch das in Priekulė herausgegebene pietistische Gesangbuch Wifokios naujos Giefmes arba Ewangelifki Pfalmai⁵⁰ kurz vor, das die Litauer in ihren Häusern verwenden und das nach Ansicht des Bischofs von ihnen deutlich höher geschätzt wird als das offizielle kirchliche lutherische Gesangbuch⁵¹. Die Bücher von Senofes Berentas, Glaferis und Schimmelpfennig mit ihren 542 Liedern werden noch heute verwendet, wiederholt verbessert und wiederholt überarbeitet, zuletzt von Professor Kuršaitis in Königsberg und schließlich von Precenter Kelkis aus Kretinga; dennoch sind sie noch immer die alten zweifachen Bücher ohne jede angemessene Gliederung der Abschnitte. Den Litauern haben sie in Wahrheit nie gefallen, und auch heute gefallen sie ihnen nicht; daher verwenden sie in ihren Häusern andere Gesangbücher, deren Titel lautet: „Wifokios naujos Giefmes arba Ewangelifki Pfalmai“⁵². K. T. W. Hoffheínzas beschränkte sich nicht auf den bei der Versammlung der Gesellschaft verlesenen Vortrag, sondern widmete sich gemeinsam mit Helfern einer aktiven Tätigkeit – er erfasste und notierte Melodien lutherischer Lieder und veröffentlichte sie. K. T. W. Hoffheínzas erkannte, dass es in Preußisch-Litauen ⁴⁹ Zum Charakter der Tätigkeit der wissenschaftlichen Gesellschaft vgl. ausführlicher Milius 1993: 42–87; Banytė-Rowell 2018: 117–130. ⁵⁰ [Hoffheinz] 1883: 46. ⁵¹ Eine ähnliche Ansicht äußerte auch ein anderes Mitglied der wissenschaftlichen Gesellschaft, Johannes Sembrzyckis. 1889 veröffentlichte er in der Zeitung Alpreussische Monatsschrift den Beitrag „C. G. Mielcke’s verschollenes litauisches Gesangbuch“, den er mit dem lateinischen Sprichwort abschloss: „Habent sua fata libelli!“ („Bücher haben ihre Schicksale“). Mit diesem Sprichwort fasste er das Schicksal dreier litauischer Gesangbücher Preußisch-Litauens (von G. Ostermejeris, K. G. Milkus und K. E. Mertikaitis) zusammen. Die kirchlichen Gesangbücher von G. Ostermejeris und K. G. Milkus ereilte dasselbe Schicksal – da sie keine wohlwollende Beurteilung durch die Geistlichen erhielten, gelangten die Gesangbücher zum Altpapier. Eine Ausnahme bildet die Sammlung der litauischen Pietisten, die Sembrzyckis zufolge bis heute sehr hoch geschätzt wird („noch heute das in hohem Ansehen stehende Hausgesangbuch der Litauer“) (Sembrzycki 1889: 369). ⁵² [Hoffheinz] 1883: 46. 13 nicht nur litauische Volkslieder, sondern auch die Melodien religiöser Lieder gesammelt und aufgezeichnet werden müssten. Wie andere Mitglieder der Gesellschaft war auch er der Ansicht, dass das litauische Volk aussterben könne und mit ihm ein wertvolles Erbe – die Lieder. Deshalb sei es notwendig, sich zu beeilen und dieses wertvolle Material der Litauer Preußisch-Litauens in gemeinsamer Anstrengung für wissenschaftliche Zwecke aufzuzeichnen und zu bewahren. Das Ergebnis dieses Vorhabens war der 1887 in der Monatsschrift der Gesellschaft Mitteilungen der Litauischen litterarischen Gesellschaft veröffentlichte Beitrag „Proben litauischer Choralmelodien“. K. T. W. Hoffheínzas betonte darin die religiöse Haltung und Frömmigkeit der Litauer, die durch eine von der deutschen Gesangstradition abweichende Gesangstradition repräsentiert werde. Er veröffentlichte 17 an verschiedenen Orten Preußisch-Litauens aufgezeichnete Melodien. Den Melodien fügte er auch Textfragmente – die ersten Strophen der Lieder – hinzu. Die Untersuchung ergab, dass sechs der 17 einstimmigen Lieder Bezüge zum pietistischen Gesangbuch Visokios naujos giesmės arba evangeliški psalmai aufweisen. Die Werke aus dem pietistischen Gesangbuch kennzeichnete K. T. W. Hoffheínzas im Beitrag mit der deutschen Abkürzung „Pslmbch“ (oder „Pslbuch“) zusammen mit der Textnummerierung der Quelle (eine Ausgabe des pietistischen Gesangbuchs wurde nicht angegeben). Aus dem pietistischen Gesangbuch gelangten folgende Lieder mit Melodien in die Publikation: „Ak Iezau, kurs Dangu“ (Original „Ach alles, was Himmel und Erde umschließet“)53, „Ak jus Waikai Karalystės“54 (Original Christophо Augusto Spoleders „O ihr auserwählten Kinder!“, übersetzt von Kristijonas Demkis), „Ak kur kelauji tu“55 (anonym), eine modifizierte Fassung von N. L. von Zinzendorfs „Aß tikt dryfū“ (Original „Ich will’s wagen“)56. Alle Werke stammen aus dem ersten Teil des Gesangbuchs. Die Sammlung wurde auch um Lieder aus dem zweiten Teil ergänzt: „Ar tai ne Džiaugsmas bus“ (Original „Wird dann57 nicht Freude sein“)58 und Benjamino Praetoriusos (1636–1674) „Triumph! Triumph! sżtay pergаlįs“ (Original „Triumph! Triumph! es kommt mit Pracht!“)59. Die Melodien dieser Lieder wurden in Tilsit und Wilkischken aufgezeichnet. Das Interesse an den pietistischen Liedern ließ nicht nach und erschöpfte sich nicht in der einmaligen Veröffentlichung eines Beitrags. K. T. W. Hoffheínzas und seine Gesinnungsgenossen setzten, wie geplant, die Sammlung und Aufzeichnung von Melodien fort. Nach sieben Jahren wurde auf Kosten der Gesellschaft sein umfangreiches Werk Giesmių Balfai (1894) veröffentlicht. Es handelt sich um eine Sammlung von 115 an verschiedenen Orten Preußisch-Litauens aufgezeichneten, für die Orgel eingerichteten und harmonisierten Melodien religiöser Lieder. Die Zusammenstellung einer solchen Sammlung war eine im Voraus durchdachte und von mehreren Mitgliedern der Gesellschaft koordinierte Arbeit. Einen großen Teil der Lieder harmonisierte der Organist der lutherischen Kirche in Tilsit, Wilhelm Wollf. Bei der Vorbereitung für den Druck und dem Abschluss der Arbeiten half Alexander Theodor 53 Hoffheinz 1887: 398; vgl. Wifókios naujos Giefmės arba Ewangelifki Pfalmаi 1879: 303, Nr. 156. 54 Hoffheinz 1887: 398; vgl. Wifókios naujos Giefmės arba Ewangelifki Pfalmаi 1879: 236, Nr. 113. 55 Hoffheinz 1887: 399; vgl. Wifókios naujos Giefmės arba Ewangelifki Pfalmаi 1879: 177, Nr. 79. 56 Hoffheinz 1887: 404; vgl. Wifókios naujos Giefmės arba Ewangelifki Pfalmаi 1879: 302, Nr. 155. 57 dann korr. das. 58 Hoffheinz 1887: 401; vgl. Wifókios naujos Giefmės arba Ewangelifki Pfalmаi 1879: 709, Nr. 389. 59 Hoffheinz 1887: 405; vgl. Wifókios naujos Giefmės arba Ewangelifki Pfalmаi 1879: 383, Nr. 195. 14 Kurschat, 1857–1944), Franz Siemering, Rudolf Schwedeʼ60, der unter anderem auch eine zusätzliche Tätigkeit übernahm – die wissenschaftliche Beschreibung der pietistischen Gesangbücher. K. T. W. Hoffheínzas leitete die Sammlung mit einer Einleitung ein, in der er die Besonderheit der litauischen Lieder hervorhob. Er betonte die Unterschiede zur deutschen Gesangstradition. Seiner Ansicht nach weisen Ton und Rhythmik regionale Färbungen auf. Ein Teil der Melodien sei aus litauischen Volksliedern überliefert, andere seien Bearbeitungen alter Kirchenmelodien; in einigen seien auch Merkmale deutscher Melodien erkennbar. Wo fie diefe Melodien her haben? – wer kann das jetzt noch erkunden? Gewiß sind viele aus alten Dainos=Melodieen entstanden, viele sind, wie gute deutsche Choralkomponisten sagen möchten, völlig veränderte, verdorbene alte Kirchenmelodieen, viele haben Anklänge an bekannte deutsche Melodieen61. K. T. W. Hoffheínzas stellte außerdem fest, dass Lieder in den litauischen Regionen mit unterschiedlichen Melodien oder unterschiedlichen Varianten derselben Melodie vorgetragen werden konnten: Hierdurch erklärt sich auch die Thatsache, daß dasselbe Lied in verschiedenen litauischen Gegenden teils ganz verschiedenen gesungen wird, teils dieselbe Melodie mit oft ganz bedeutenden Abweichungen zeigt62. Es wurde festgestellt, dass 29 der 115 aufgezeichneten Melodien mit dem Gesangbuch Visokios naujos giesmės arba evangeliški psalmai verbunden sind. Die Untersuchung zeigte, dass diesem Buch die wichtigste Stellung bei der Rezeption pietistischer Lieder zukommt. Die Sammlung wurde nach einem ähnlichen Prinzip zusammengestellt wie die zuvor erschienene Publikation des Autors. Die konkrete Ausgabe der Pietisten, auf die sich K. T. W. Hoffheínzas stützte, wird im Buch nicht genannt; angegeben sind lediglich der deutsche Titel (Pfalmbuch) und die Liednummer im pietistischen Gesangbuch. Im Hinblick auf die Repertoireauswahl zeichnet sich K. T. W. Hoffheínzas Sammlung durch Vielfalt aus. Sie enthält Texte, die die frühe Entwicklungsphase der pietistischen Hymnodie widerspiegeln und durch Übersetzungen von Werken deutscher Pietisten des XVIII. Jahrhunderts ins Litauische gekennzeichnet ist. zahlenmäßig übertreffen in K. T. W. Hoffheínzas Sammlung die Lieder des Halleschen Pietisten der jüngeren Generation, des Pfarrers von Bunzlau (heute Polen, Bolesławiec), Ernst Gottlieb Woltersdorf (1723–1761), die übrigen Werke (insgesamt 5). Zwei davon übersetzte der pietistische Laienprediger und Lehrer Mikelis Jurkšaitis. Vertreten sind Werke von Anhängern der Halleschen pietistischen Richtung wie K. H. von Bogatzki (1690–1774), C. A. Sporleder (1708–1763), Johann Ludwig Konrad Allendorf (1693–1773) und Joachim Lange (1670–1744). In die Melodiensammlung wurde das Lied des Herausgebers des pietistischen Gesangbuchs, K. E. Mertikaitis, „Amžę tu Dangaus63“, sowie J. A. Rothės „Rādau, rādau jau Gruntą savo“, das sich im litauischen Gottesdienst bereits etabliert hatte, aufgenommen. Ferner wurde beschlossen, die von K. T. W. Hoffheínzas selbst in Įsė und Skaisgiriai aufgezeichneten Melodien aufzunehmen, nach denen die Variante des Liedes „Als likt 60 Hoffheinz 1894: [II]. 61 Hoffheinz 1894: [I]. 62 Hoffheinz 1894: [I]–[II]. 63 Hoffheinz 1894: 10–11, Nr. 14–15. dryfu“ („Ich will’s wagen“) des mährischen Kirchenleiters N. L. von Zinzendorf vorgetragen wird (vgl. Tabelle). Dieses Lied war bei den Litauern besonders beliebt und, nach seiner Verbreitung zu urteilen, gegenüber anderen Liedern vorherrschend. In der folgenden Tabelle werden die identifizierten pietistischen Lieder in der Sammlung K. T. W. Hoffheínzas (1894) aufgeführt. Die Angaben aus dem pietistischen Gesangbuch richten sich nach der 1893 in Priekulė erschienenen Ausgabe Wifokios naujos Giesmės arba Ewangelißki Pfalmai. Tabelle. Pietistische Lieder in K. T. W. Hoffheínzas Sammlung Giesmių Balƒai (1894) und im Gesangbuch Wifokios naujos Giesmės arba Ewangelißki Pfalmai (1893) Liedautor | Lied in K. T. W. Hoffheínzas Sammlung (1894) | Lied (Seite und Nummer) im pietistischen Gesangbuch (1893, Priekulė) Allendorf, Johann Ludwig Konrad (1693–1773) | „Ißkank Dubia“ (Original „Einfт ruht die Seel’ in Ieƒu Armen“), 54, Nr. 59. | 693, Nr. 373 Bogatzky, Carl Heinrich von (1690–1774) | „Pon’ lėžau miels, atwerk man tawo Ronas“ (originalas „Nun öffne mir, mein Ieƒu, deine Wunden“), 90, Nr. 95. | 258, Nr. 117 Connow, Christian Friedrich (1612–1682) | „Kas Ieƒų tur fawÿi“ (Original „Wer Ieƒum bei fich hat“), 61, Nr. 66. | 523, Nr. 267 Lange, Joachim (1670–1744) | „Pone! kada budawofi“ (Original „Herr, wann wirft du Zion bauen“), 89, Nr. 94. | 603, Nr. 320 Meyfart, Johann Matthäus (1590–1642) | „Ieruſalę, aukßtais Dieẃ=Miefte“ (originalas „Ierusalem, du hoch gebaute Stadt“), 51, Nr. 56. | 697, Nr. 376 Mertikaitis, Kristijonas Endrikis (~1775 – prieš 1856) | „Amžę tu Dangaus“, 10–11, Nr. 14–15. | 673, Nr. 363 Praetorius, Benjamin (1636–1674) | „Triump! Triump! ßtay pergalis“⁶⁴ (Original „Triumph! Triumph! Es kommt mit Pracht“), 103–104, Nr. 109–110. | 399, Nr. 195, 602, Nr. 319 Rist, Johann (1607–1667) | „Sielwartai manę apftojo“ (Original „Jammer hat mich ganz umgeben“), 2 Melodien, 95–96, Nr. 100–101. | 470, Nr. 237 ⁶⁴ In den zweiten Teil des pietistischen Gesangbuchs gelangte Praetorius’ Liedübersetzung „Triump! Triump! ßtay pergalis“ nicht vollständig; ihre Fortsetzung findet sich im mit Nr. 319 bezeichneten Lied „Adoms jau kelaf“ (vgl. Wifokios naujos Giesmės arba Ewangelißki Pfalmai 1893: 602). 16 Rothe, Johann Andreas (1688–1758) „Rådau, rådau jau Gruntą savo“ (Original „Ich habe nun den Grund gefunden“), 92, Nr. 97. 495, Nr. 250 Sinold von Schütz, Philipp Balthasar; Creutzberg, Amadeus (1657–1742) „Kas pergales, tam dėlī́u“ (originalas „Wer überwindet, soll vom Holz genießen“), 62, Nr. 67. 658, Nr. 357 Sporleder, Christoph August (1708–1763) „Ak, jus Waikai Karalytės“ (Original „O ihr auserwählten Kinder“), übersetzt von Kristijonas Demkis, 6, Nr. 9. 252, Nr. 113 Woltersdorf, Ernst Gottlieb (1723–1761) „Daug Gero Wießpats mums darė“ (Original „Der HErr hat viel an uns gethan“), 27, Nr. 31. 107, Nr. 52 Woltersdorf, Ernst Gottlieb (1723–1761) „Eikß­te, Kudikei mielieji!“ (originalas „Kommt doch o ihr lieben Kinder“), 45, Nr. 49. 441, Nr. 228 Woltersdorf, Ernst Gottlieb (1723–1761) „Eikß­te mieli Waikái“ (Original „Kommt, o lieben Kinder“), übersetzt von Mikelis Jurkšaitis, 46, Nr. 50. 41, Nr. 12 Woltersdorf, Ernst Gottlieb (1723–1761) „Grunte Szirdies manofės“ (originalas „In meines Herzens Grunde“), 47, Nr. 51. 701, Nr. 378 Woltersdorf, Ernst Gottlieb (1723–1761) „Nekoks Garfas palinkimin“ (originalas „Welch ein Schall erquickt mein Ohr“), vertė Mikelis Jurkšaitis, 80, Nr. 85. 245, Nr. 110 Zinzendorf, Nicolaus Ludwig von (1700–1760) „Aß tikt dryfu“ (Original „Ich will’s wagen“), in der Sammlung mit der 5. Strophe „Pilnos Rankos“ beginnend, 86–88, Nr. 91–93. 318, Nr. 155 Anonimas „Ar tai ne Džiaugfmas bus“ (Original „Wird das nicht Freude sein?“), 12–13, Nr. 16–17. 725, Nr. 389 Anonimas „Ak Jezau, kurs Dangų“ (originalas „Ach alles, was Himmel und Erde umschließet“), 4, Nr. 6. 319, Nr. 156 Anonimas „Ach, bleib, bleib, du Seelchen“, 4, Nr. 7. 212, Nr. 91 Anonimas „Ach, wohin reist du“, 5, Nr. 8. 193, Nr. 79 Anonimas „Nun ist der himmlische Fürst“65, 22, Nr. 26. 385, Nr. 188; 669, Nr. 362 Das Lied „Dabar jau Princas dangißkas“ hat im pietistischen Gesangbuch zwei Varianten. Bei der zweiten Variante (Nr. 362) wurde ein Kommentar belassen, in dem gesagt wird, dass es sich nicht um ein Original handle, sondern um die Übersetzung eines anonymen, verstorbenen 17 Anonimas „Lobe Gott, o Taube“, 30, Nr. 34. 320, Nr. 157 Anonimas „Eik, eik bėgk Danguna“ (originalas „Fort, fort zum Himmel zu“), 44, Nr. 48. 303, Nr. 145 Anonimas „Kaip meilus ten Gywenimai“ („Wie lieblich ist die Wohnung dort“), vertė Mikelis Jurkšaitis, 58, Nr. 63. 247, Nr. 111 Anonimas „Kas lėzui nor pafi̇dūti“ (originalas „Wer will ein Jünger Iesu sein“), 60, Nr. 65. 196, Nr. 81 Anonimas „Wunderbar ist mein Liebchen“, 97–98, Nr. 102–103. 316, Nr. 154 Anonimas „Sɠlownas Džiaug͂mas! Ak Linkim̃bẏe!“, 100, Nr. 105. 502, Nr. 254 Anonimas „Trumps Cɜi̇ėžas Bis“, 106, Nr. 112. 740, Nr. 397 K. T. W. Hoffheínzas’ Sammlung war die umfangreichste, jedoch nicht die einzige veröffentlichte Sammlung dieser Art. 24 Melodien (darunter auch pietistische Lieder) sammelte und notierte in Tilsit, Priekulė, Lauksargiai und anderen Orten der Kantor der Kirche von Katinava, Albert Niemann (1846 – nach 1913). Das Heft mit dem Titel 24 litthauische Choräle wurde von Graf Bülow von Dennewitz für den Druck vorbereitet und 1902 in Königsberg gedruckt66. Es gibt keine Hinweise darauf, dass dieses Heft in irgendeiner Weise mit der wissenschaftlichen Gesellschaft in Tilsit verbunden war (Niemann war in der Tätigkeit der Gesellschaft „Birutė“ aktiv und leitete deren Chor); zweifellos jedoch beeinflussten die vom wissenschaftlichen Verein verbreiteten Ideen sowie die Initiativen von K. T. W. Hoffheínzas und seinen Helfern den Herausgeber der Sammlung. Zu der Zeit, als die Melodien litauischer religiöser Lieder aufgezeichnet und gesammelt wurden, erschien 1891 in der Monatsschrift der Gesellschaft ein Beitrag des Bibliothekars der Gesellschaft und Schulinspektors Rudolph Schwede „Zur Geschichte der litauischen Gefangbücher“. Schwede sammelte das Material, beschrieb in seinem Beitrag wissenschaftlich die litauischen lutherischen Gesangbücher Preußisch-Litauens und legte die erste typologische Klassifikation dieser Publikationen vor. Der Autor teilte die Gesangbücher in vier Gruppen ein: kirchliche, schulische, soldatische und pietistische (dt. Pfalmbuch). Unter den pietistischen Gesangbüchern widmete er der Analyse des Gesangbuchs Visokios naujos giesmės arba evangeliški psalmai die größte Aufmerksamkeit. In Schwedes Beitrag L. iš T. In der Sammlung Giefmių Balfai ist eine ältere Textvariante (Nr. 188) angegeben (vgl. Wifokios naujos Giefmes arba Ewangelifki Pfalmai 1893: 385). ⁶⁶ Von 24 Melodien stehen 4 mit Texten aus dem pietistischen Gesangbuch in Zusammenhang. In der Sammlung sind sie mit der Abkürzung L. Ps. (aus dem Dt. litauische Psalmbuch) gekennzeichnet. In Niemanns Sammlung wurden zwei Melodien von C. F. Connowos Lied „Kas Iezu tur sawy“ („Wer Iesum bei sich hat“) aufgenommen, die in Kinten und Būdviečiai aufgezeichnet wurden, ferner N. L. von Zinzendorfs Melodie „Pilnos rankos“, aufgezeichnet in Saugos. In das Heft gelangte J. A. Rothės Melodie „Radau, radau, jau Grünta sawo“, aufgezeichnet in Priekulė. In die Sammlung wurden die in Lauksargiai und Tilsit gehörten Varianten von Praetorius’ Melodie „Triump! triump! stai pergalys“ („Triumph! Triumph! Es kommt mit Pracht“) aufgenommen, Niemann 1902: 15, Nr. 13a–13b; 19, Nr. 19; 20, Nr. 21; 22–23, Nr. 23a–23b. 18 erwähnte mehrere Ausgaben des pietistischen Gesangbuchs – die von 1825, 1856 und 1876. Nach der Beschreibung zu urteilen, hatte er sich mit den beiden letztgenannten eingehender vertraut gemacht. Er sprach über die Struktur des Gesangbuchs und ihre Veränderungen, den Anhang mit Melodien in Ziffernnotation⁶⁷, hob mehrere Verleger hervor – Post in Tilsit, Heinrich Holz und Martynas Šernius in Klaipėda. Der Autor merkte an, dass ein Teil der Lieder Übersetzungen aus dem Deutschen, ein anderer Teil Originale seien. Über die nichtlitauischen Quellen des Gesangbuchs sprach er knapp. Angeblich fänden sich im dritten Teil des Gesangbuchs Lieder aus einem lettischen Gesangbuch („aus dem kurischen Gefangbuch“), eine große Zahl der Texte stamme aus der litauischen Quelle, der periodischen Publikation „Nūdidawimai apie Ewangelijos Praplatinimą tarp žydų ir Pagonų“⁶⁸. In Schwedes Beitrag wurde auch die Frage der Zuschreibung behandelt. Unter den Übersetzern und litauischen Autoren nannte er K. E. Mertikaitis, K. Demkis, M. Jurkšaitis, G. Ostermejeris und K. Lovynas. Er vermutete, dass in jüngster Zeit J. F. Kelchis einen Teil der Lieder aus dem Deutschen übersetzt habe. Als Überfetzer bezw. Dichter find genannt E. Mertikaitis, ein Lehrer Chriftian Demke, Michel Iurkßat, Gottlieb Oster­meyer, Chriftian Lovin. Aus der neueren Zeit find viele Überfețzungen mit K (Kelch?) bezeichnet⁶⁹. Die Autorschaft der deutschen Originale interessierte Schwede jedoch nicht. Wichtiger war ihm der lituanistische Aspekt. So hob Schwede die gefragte und von den Litauern hoch geschätzte Sammlung unter den anderen litauischen Gesangbüchern Preußisch-Litauens des XIX. Jahrhunderts hervor und zeigte ihren Platz im Gesamtpanorama der Publikationen dieses Genres. Er war der erste Autor, der das pietistische Gesangbuch in den wissenschaftlichen Diskurs einführte. ZUSAMMENFASSUNG Die Untersuchung ergab, dass das pietistische Gesangbuch Visokios naujos giesmės arba evangeliški psalmai in der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts eine einflussreiche Publikation war. Das Repertoire beeinflusste die kirchlichen und soldatischen Gesangbücher Preußisch-Litauens, für schulische Zwecke eingerichtete Bücher sowie hymnologische Arbeiten der Mitglieder der Litauischen Literarischen Gesellschaft in Tilsit. Dies wurde nicht dadurch verhindert, dass das Gesangbuch keine offizielle institutionelle Approbation besaß. Den Wert des Gesangbuchs steigerten seine Nachfrage, die positive Haltung der Litauer selbst gegenüber diesem Buch und ihre wertende Stimme, die die Vertreter der Kirche und des Bildungswesens Preußisch-Litauens nicht außer Acht lassen konnten. Bezüge zum pietistischen Repertoire finden sich im Gesangbuch des Königsberger Pfarrers F. Kuršaitis Giefmijų bey Maldū=Knygos Karalißkojo Prufų Waifko (1854, Königsberg). Aus dem pietistischen Gesangbuch Visokios naujos giesmės arba evangeliški psalmai wurde das Werk des lutherischen Pfarrers von Berthelsdorf, J. A. Rothe, „Rądau, rądau jau Gruntą ſawo“, übernommen. Einige Jahre später griff F. Kuršaitis erneut auf diesen Text zurück. Er veröffentlichte ihn im Anhang des kirchlichen Gesangbuchs Trecźioji Dalis Giefmijų Knygų (1857, Königsberg). Mit pietistischen Liedern wurde auch der Lehrplan der Schulen erneuert. Der Superintendent von Tilsit, K. W. O. Glogau, sorgte dafür, dass das Gesangbuch der Volksschulen 64 Giesmės ⁶⁷ Schwede 1891: 404–405. ⁶⁸ Schwede 1891: 404. ⁶⁹ Schwede 1891: 405. (1856, 1862, Tilsit) um Lieder aus dem pietistischen Repertoire zusammen mit Melodien in Ziffernnotation ergänzt wurde. K. W. O. Glogaus Vorhaben, sich auf ein inoffizielles Gesangbuch zu stützen, stieß bei dem Konsistorium in Königsberg und der Regierung des Regierungsbezirks Gumbinnen, mit deren Zustimmung die Sammlung erschien, nicht auf Widerstand. Texte aus dem Gesangbuch der Surinkimininkai wählte der Pastor der Memeler Kirche K. R. Jacoby für die Schulchrestomathie Litauische Chrestomathie zum Schulgebrauch (1880, Memel) und der Tilsiter Lehrer M. Voelkel für das Lesebuch Litauisches elementarbuch (1898, Heidelberg) aus. Die Auswahl von K. R. Jacoby und M. Voelkel war nicht einheitlich; die Auffassungen der Herausgeber in dieser Frage gingen auseinander. Für K. R. Jacoby erschienen die von G. Ostermeyer übersetzten Werke der Barockautoren S. Dach und P. Gerhardt sowie anonyme, möglicherweise originale litauische Texte beachtenswert, während M. Voelkel Übersetzungen von Kirchenliedern J. A. Rothe’ės und seines Zeitgenossen G. F. L. Knak bevorzugte. K. R. Jacoby gab eine konkrete Ausgabe der Surinkimininkai an, auf die er sich stützte. Die Texte schrieb er aus der 1876 in der Memeler Druckerei erschienenen Ausgabe ab. In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts geriet auch die Hymnodie der Surinkimininkai in den Interessenhorizont der Litauischen Literaturgesellschaft in Tilsit. Der Vorsitzende der Gesellschaft und Kirchenbischof K. T. W. Hoffheinezas veröffentlichte zusammen mit seinen Mitarbeitern aufgezeichnete Melodien von Surinkimininkai-Liedern in der wissenschaftlichen Zeitschrift der Gesellschaft Mitteilungen der Litauischen literarischen Gesellschaft sowie in der unter der Schirmherrschaft der Gesellschaft herausgegebenen Sammlung Giesmių Balfai (1894, Heidelberg, Tilsit). In die Sammlung nahm er 29 Surinkimininkai-Lieder mit harmonisierten, für die Orgel eingerichteten Melodien auf. Die Initiativen der Gesellschaftsmitglieder und die gebündelten Kräfte zur Aufzeichnung der Liedmelodien und ihrer Veröffentlichung im Druck zeigen, dass die Hymnodie der Surinkimininkai als wertvolles Material angesehen wurde, das wissenschaftlichen Zwecken dienen konnte. Nach der Untersuchung der Übernahme der Surinkimininkai-Lieder und ihrer Veröffentlichung in den besprochenen Publikationen zeichnen sich die Dominanztendenzen der Werke des betrachteten Zeitraums ab. Hervorzuheben sind J. A. Rothe’ės „Radau, radau jau Gruntą ławo“, die modifizierte Fassung von N. L. von Zinzendorfs „Aß tikt dryfu“, die mit der Strophe „Pilnos Rankos“ beginnt, „Eikim Bėn, eikim Bėn“ des damaligen religiösen Dichters G. F. L. Knak sowie die Werke des Pietisten der jüngeren Halleschen Generation E. G. Woltersdorf. Unter den litauischen Autoren wären der Sakytojas, Liedautor und erste Herausgeber des Gesangbuchs der Surinkimininkai K. E. Mertikaitis sowie sein Werk „Amžę tu Dangaus“ hervorzuheben. LITERATUR UND QUELLEN Citavičiūtė Liucija 2004: Karaliaučiaus universiteto Lietuvių kalbos seminaras [Litauisches Sprachseminar an der Universität Königsberg], Vilnius: Institut für litauische Literatur und Folklore. Banytė-Rowell Rasa 2018: Die Litauische Literaturgesellschaft in Tilsit und die Archäologie [Litauische Literaturgesellschaft in Tilsit und Archäologie]. – Kultūros paminklai 22, 117–130. Barasa Darius 2018: Die Maldininkai in Preußisch-Litauen: Massenhaftigkeit, Verbreitung und Erscheinungsbild im 3. Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts [Die Betenden in Preußisch-Litauen: Umfang der Bewegung, ihre Verbreitung und ihr Erscheinungsbild in den 1820er Jahren]. – Senoji Lietuvos literatūra 46: Pietizmo idėjos ir surinkimininkų raštija Prūsijos Lietuvoje, Herausgebergremium: M. Čiurinskas (Chefredakteur), O. Daukšienė, D. Dilytė, P. U. Dini, J. Gelumbeckaitė, D. Kuolys u. a.; zusammengestellt und vorbereitet von Ž. Sidabraitė, Vilnius: Institut für litauische Literatur und Folklore, 140–169. 20 Redakteur), O. Daukšienė, D. Dilytė, P. U. Dini, J. Gelumbeckaitė, D. Kuolys u. a.; zusammengestellt und vorbereitet von Ž. Sidabraitė, Vilnius: Institut für litauische Literatur und Folklore, 140–169. DOI: https://doi.org/10.51554/SLL.2018.28801. [Hoffheinz Karl Theodor W.] 1883: Iß Nuſidawimû lietuwiſkûjų „Giefmjų Knygû“ [Aus der Geschichte der litauischen „Gesangbücher“]. – Naujafis Keleiwis 5, 32–33; 6, 39–40; 7, 46–47. [Hoffheinz Karl Theodor W.] 1887: Proben litauiſcher Choralmelodien [Samples of Lithuanian choral melodies]. – Mittheilungen der Litauischen litterarischen Gesellschaft 2(12), [393]–406. [Hoffheinz Karl Theodor W.] 1894: Giefmiu Balfai. Litauiſche Kirchen-Gefänge [Hymn Melodies. Lithuanian Church Hymns] geſammelt durch W. Hoffheinz, Superintendent a. D. in Tilfit. <...>, Heidelberg: Carl Winters Universitäts-Buchhandlung. Gedruckt bei Otto v. Mauderode, Tilsit. Fischer A[lbert] F[riedrich] W. 1967: Kirchenlieder–Lexikon [Hymns lexicon], reprofraf. Nachdr. der Ausg. Gotha, 1878–1879, Hildesheim: Olms. [Gaigəlatis Wilijus] 1905: Ewangelijſki Surinkimai Lietuwoje, Ißtyrinėjimai apie jû Pradžią, Augimą bey dabartinį Bu wį [Evangelische Surinkimai in Litauen, Untersuchungen über ihren Ursprung, ihr Wachstum und ihren gegenwärtigen Zustand], herausgegeben von Pastor Dr. W. Gaigalatis, Prökuls. [Glogau Karl Wilhelm O.] 1856: 64 Giefmes Szuilėms [64 Kirchenlieder für Schulen], aus Giefmjų=Knygų iškirtos per Karališką Prowincôs=Szuil Kollėgijį Karaliaučiuje Sutarimė su Karališkuoju Konfiftoriju bey Karališkomfions Regierungenoms, o lietuwiſkay išleistos per C. W. O. Glogau, Tilžės Wyfku pą, (Antrą Kart’ Raštais išspauftos, ir wėl perweizdėtos.) Tilžėje. Gedruckt und Verlag von I. Reyländer. [Glogau Karl Wilhelm O.] 1862: 64 Giefmes [64 Hymnen <...> für Schulen], denen noch 16 hinzugefügt sind, sodass es insgesamt 80 Giefmes sind, nach königlicher Verordnung zusammengestellt, aus den Giefmjų=Knygų für die Schulen ausgewählt durch das Königliche Provinzial-Schul=kollegium in Königsberg in Übereinstimmung mit dem Königlichen Konsistorium und den Königlichen Regierungen, und litauisch herausgegeben von C. W. O. Glogau, dem Tilsiter Pfarrer, (zum fünften Mal gedruckt und erneut durchgesehen.) (Fünfte Auflage). In Tilsit. Gedruckt bei I. Reyländer. (Druck und Verlag von I. Reyländer.); KTUB: Cs 9745. [Jacoby Karl Rudolf] 1880: Litauische Chrestomathie zum Schulgebrauch [Lithuanian Chrestomathy for School Use], mit dem XX. Jahresberichte des Gymnasiums in Memel herausgegeben von Rudolph Jacoby, Pfarrer an der Landkirche in Memel, Leipzig, Kommissionsverlag von B. G. Teubner. [Gedruckt bei F. W. Siebert in Memel]. Juška Albertas 1997: Mažosios Lietuvos bažnyčia [Die Kirche Kleinlitauens], Klaipėda: Verlag der Universität Klaipėda. 21 Juška Albertas 2003: Mažosios Lietuvos mokykla [Die Schule Kleinlitauens], Klaipėda: Verlag der Universität Klaipėda. Kaunas Domas 1996: Mažosios Lietuvos knyga: lietuviškos knygos raida 1547–1940 [Das Buch Kleinlitauens: Die Entwicklung des litauischen Buches 1547–1940], Vilnius: Baltos lankos. [Koch Eduard Emil] 1868: Geſchichte des Kirchenlieds und Kirchengesangs der chr iftlichen [History of Hymns and Church Singing of the Christian], insbesondere der deutchen evangelifchen Kirche. <...>, Vierter Band <...> Stuttgart: Druck und Verlag der Chr. Belferſchen Verlagshandlung. [Kuršaitis Frydrichas] 1854a: Giesmjų bey Maldū Knygos Karaliszkojo Prusų Waisko [Gesang- und Gebetbücher der Königlichen Preußischen Armee], Karaliaucziuje: Druck und Verlag der Schulzen Hofbuchdruckerei. VUB LR 1267 (ohne Titelblatt). [Kuršaitis Frydrichas] 1854b: Zalnieriszkosios Giesmjų bey Maldū Knygos [Soldaten-Gesang- und Gebetbücher]. – Keleiwis iš Karaliaučiaus 22, 86–88. [Kuršatis Frydrichas] 1857: Treczioji Dalis Giesmjų Knygų [Der dritte Teil des Gesangbuchs], der eine beträchtliche Anzahl neuer christlicher Lieder enthält. Aus dem Deutschen frisch übersetzt und zusammengestellt von F. Kurbatis, litauischer Pastor in Königsberg (Zusammenstellung aller neuen Lieder, die sich im Soldaten-Gesangbuch sowie unter den 64 für Schulen bestimmten Liedern befinden.), Königsberg: Druck und Verlag der Hartungſchen Buchdruckerei. LNMMB: 593939–593941. LB I: Lietuvos TSR bibliografija. Serija A. Knygos lietuvių kalba [Bibliografie Litauens. Reihe A. Bücher in litauischer Sprache] 1: 1547–1861, Vilnius: Mintis, 1969. LB II(2): Lietuvos TSR bibliografija. Serija A. Knygos lietuvių kalba [Bibliografie Litauens. Reihe A. Bücher in litauischer Sprache] 2: 1862–1904, 2: R–Ž, Vilnius: Mintis, 1988. LBP 1990: Lietuvos bibliografija. Serija A. Knygos lietuvių kalba 1: 1547–1861. Papildymai [Bibliografie Litauens. Reihe A. Bücher in litauischer Sprache 1: 1547–1861. Ergänzungen], Vilnius: Mintis. Michelini Guido 2009a: Von Jonas Pipiras zusammengestellte Liedersammlungen im deutschen Kontext [Von Jonas Pipiras zusammengestellte Liedersammlungen im deutschen Kontext]. – Res humanitariae 5, 142–159. Michelini Guido 2009b: Mažosios Lietuvos giesmynų istorija: nuo Martyno Mažvydo iki XIX a. pabaigos [Geschichte der Gesangbücher Kleinlitauens: von Martynas Mažvydas bis zum Ende des 19. Jahrhunderts], Klaipėda: Verlag der Universität Klaipėda. Michelini Guido 2010: Pietistų „Psalmіų knygos“ istorinis kontekstas [Der historische Kontext des „Psalmenbuchs“ der Pietisten], Klaipėda: Verlag der Universität Klaipėda. Milius Vacys 1993: Mokslo draugijos ir lietuvių etnografija (XIX a. antroji pusė – XX a. pirmoji pusė) [Wissenschaftliche Gesellschaften und litauische Ethnografie (zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts – erste Hälfte des 20. Jahrhunderts)], Vilnius: Verlag für Wissenschaft und Enzyklopädien. 22 Mielcke C[hristian] G[ottlieb] 1806: Vorrede, Sė́nos ir naujos krikβčioniškos Giesmės [Alte und neue christliche Lieder], уpacзey Sennienſiems ant Gėroʃu didelėis Raβtais iβpáuſtos draug ʃu naujom’s Maldū Knŷgėlėmis, Karalauczuje: Knygdrukawonej’ Lebrekto Eringo, IX–XVII. VUB RSS: Lᵣ 777–778. [Niemann Albert] 1902: 24 litauische Choräle [24 Lithuanian Chorales] nach einer handschriftlichen Sammlung von Niemann Cantor in Katt enau ausgewählt und bearbeitet von C. Graf Bülow von Dennewitz. <...> Königsberg: Gräfe & Unzer, Buchhandlung. Semb rzycki Johannes 1889: C. G. Mielcke’s verschollenes litauisches Gesangbuch [C. G. 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Strungytė–Liugienė Inga 2009: Kristijono Endrikio Mertikaičio giesmynų „Wissokies Naujes Giesmes arba Ewangeliszk i Psalmai“ (1817) ir „Mažos Giesmju Knygeles“ (1819) sąsajos su Frantz[o] Alberto Schultzo giesmynu „Kern Alter und Neuer geistreicher Lieder, Als der Zweyte Theil“ [Relation of Kristijonas Endrikis Mertikaitis’s Hymn Book “Wissokies Naujes Giesmes arba Ewangeliszk i Psalmai” (1817) and “Mažos Giesmju Knygeles” (1819) to Frantz Albert Schultz’s Hymnbook “Kern Alter und Neuer geistreicher Lieder, Als der Zweyte Theil”]. – Archivum Lithuanicum 11, 189–204. Strungytė–Liugienė Inga 2012: Die Lieder der jungen Halleschen Pietisten in den Gesangbüchern von Kristijonas Endrikis Mertikaitis Wissokies Naujes Giesmes arba Ewangeliszki Psalmai (1817) und Mažos Giesmju Knygeles (1819) [Lieder der jungen Halleschen Pietisten in den Gesangbüchern von Kristijonas Endrikis Mertikaitis „Wissokies Naujes Giesmes oder Ewangeliszki Psalmai“ (1817) und „Mažos Giesmju Knygeles“ (1819)]. – Res humanitariae 11, 83–101. Strungytė–Liugienė Inga 2014: XIX amžiaus pirmosios pusės surinkimininkų giesmynų istorija (genezė ir kalba): Doktorarbeit [Geschichte der Gesangbücher der Surinkimininkai aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Genese und Sprache): Dissertation], Vilnius: Verlag der Universität Vilnius. Strungytė–Liugienė Inga 2016: Die Frage der Quellen und des Repertoires des Gesangbuchs von Gottfried Ostermeyer (1781) [Die Frage der Quellen und des Repertoires des Gesangbuchs von Gottfried Ostermeyer (1781)]. – Senoji Lietuvos literatūra 42: Untersuchungen zum litauistischen Erbe Gottfried Ostermeyers, Teil 2, Herausgebergremium: M. Čiurinskas (Chefredakteur), D. Dilytė, P. U. Dini, J. Gelumbeckaitė, D. Kuolys u. a.; zusammengestellt von L. Citavičiūtė, O. Aleknavičienė, vorbereitet und redigiert von O. Aleknavičienė, Vilnius: Institut für litauische Literatur und Folklore, 83–118. 23 Strungytė-Liugienė Inga 2019: Moderniųjų iniciatyvų ir tradicijos dialogas: surinkimininkų judėjimas Prūsijos Lietuvoje: Artikelsammlung [Dialog zwischen modernen Initiativen und Tradition: Die Bewegung der Surinkimininkai in Preußisch-Litauen: Eine Artikelsammlung], vorbereitet von I. Strungytė-Liugienė, Vilnius: Institut für litauische Sprache. Strungytė-Liugienė Inga 2023: Protestantische Bücher mit den Melodien von Liedern in numerischer Notation in Preußisch-Litauen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts [Protestant Books with the Melodies of Hymns in Numerical Notation in Prussian Lithuania in the Second Half of the Nineteenth Century]. – Archivum Lithuanicum 25, 159–180. [Voelkel Maximilian] 1898: Litauisches Elementarbuch von Maxim J. A. Voelkel [Lithuanian Elementary Book by Maxim J. A. Voelkel], zweite neu bearb. und vermehrte Aufl., Heidelberg: Carl Winter’s Universitätsbuchhandlung. Wifſokios naujos Gieſmės arba Ewangelijſki Pſalmai 1850: Wifſokios naujos Gieſmės arba Ewangelijſki Pſalmai [Verschiedene neue Lieder oder evangelische Psalmen], die bisher sowohl einzeln als auch zu mehreren in kleine Büchlein niedergeschrieben worden waren. <...>, zum sechsten Mal in Tilsit gedruckt, bei Endrikis Post. Wifókios naujos Gieſmės arba Ewangelijſki Pſalmai 1856: Wifókios naujos Gieſmės arba Ewangelijſki Pſalmai [Verschiedene neue Lieder oder evangelische Psalmen], die zuvor sowohl einzeln als auch zu mehreren in kleine Büchlein niedergeschrieben worden waren <...>, zum siebten Mal in Tilsit bei Endrikis Post gedruckt. Wifókios naujos Gieſmės arba Ewangelijſki Pſalmai 1861: Wifókios naujos Gieſmės arba Ewangelijſki Pſalmai [Verschiedene neue Lieder oder evangelische Psalmen], die zuvor sowohl einzeln als auch zu mehreren in kleine Büchlein niedergeschrieben worden waren <...>, zum achten Mal in Tilsit bei Endrikis Post gedruckt. Wifókios naujos Gieſmės arba Ewangelijſki Pſalmai 1876: Wifókios naujos Gieſmės arba Ewangelijſki Pſalmai [Verschiedene neue Lieder oder evangelische Psalmen], die zuvor sowohl einzeln als auch zu mehreren in kleine Büchlein niedergeschrieben worden waren <...>, Memel: Gedruckt und verlegt von Heinr. Holz. Wifókios naujos Gieſmės arba Ewangelijſki Pſalmai 1879: Wifókios naujos Gieſmės arba Ewangelijſki Pſalmai [Verschiedene neue Lieder oder evangelische Psalmen], die zuvor sowohl einzeln als auch zu mehreren in kleine Büchlein niedergeschrieben worden waren <...>, Memel: Gedruckt und verlegt von Holz & Sžernus. Wifókios naujos Gieſmės arba Ewangelijſki Pſalmai 1893: Wifókios naujos Gieſmės arba Ewangelijſki Pſalmai [Verschiedene neue Lieder oder evangelische Psalmen], die zuvor sowohl einzeln als auch zu mehreren in kleine Büchlein niedergeschrieben worden waren <...>, Prökuls: Gedruckt bei G. Traufchies. Wifókios naujos Gieſmės arba Ewangelijſki Pſalmai 1897: Wifókios naujos Gieſmės arba Ewangelijſki Pſalmai [Verschiedene neue Lieder oder evangelische Psalmen], die zuvor sowohl 24 einzeln als auch zu mehreren in kleine Büchlein niedergeschrieben worden waren <...>, Memel: Gedruckt und verlegt von Holz & Szernus Nachfolger. Žostautaitė Petronėlė 1996: Evangelische Surinkimai in Preußisch-Litauen [Evangelische Surinkimai in Preußisch-Litauen]. – Liaudies kultūra 4, 29–34. Rezeption des Repertoires der Surinkimininkai in preußisch-litauischen Werken der zweiten Hälfte des 19.th Jahrhunderts ZUSAMMENFASSUNG Das Gesangbuch der Surinkimininkai Visokios naujos giesmės arba evangeliški psalmai war ein neues Phänomen der religiösen Literatur und veränderte die Tradition preußisch-litauischer hymnographischer Veröffentlichungen, die seit dem 16.th Jahrhundert bestanden hatte. Die Notwendigkeit einer besonderen Sammlung entstand, als die Zahl der Gläubigen zunahm und religiöse Versammlungen (auf Litauisch surinkimai) in den litauischen Gemeinden populärer wurden. Von Anfang an unterschied sich die besprochene Liedersammlung von anderen lutherischen Gesangbüchern Preußisch-Litauens. Ihre Zusammenstellung wurde weder vom Königsberger Konsistorium noch von staatlichen Behörden kontrolliert. Übersetzung und Redaktion wurden nicht von einer eigens eingesetzten Gruppe von Pastoren vorgenommen, sondern von Leitern aus niedrigeren sozialen Schichten ohne Universitätsausbildung, den sogenannten sakytojai und Lehrern. Der inoffizielle Status des Gesangbuchs verlieh seinen Herausgebern die Freiheit, das Repertoire ohne Einschränkungen zu gestalten und die Auswahl der Lieder litauischer und deutscher Autoren selbstständig zu bestimmen. Es ist wichtig festzuhalten, dass die Qualität der Übersetzung sowie die Anforderungen an Verslehre und litauische Sprache eine untergeordnete Rolle spielten. Die Herausgeber begnügten sich mit der Arbeit weniger geübter Übersetzer. Die Veröffentlichung war nicht für Gottesdienste der lutherischen Kirche bestimmt, sondern für den privaten Gebrauch zu Hause und bei Versammlungen (surinkimai), die außerhalb der Kirche stattfanden. Dieser Artikel untersucht den Einfluss des Repertoires des Gesangbuchs der Surinkimininkai auf Veröffentlichungen aus der zweiten Hälfte des 19.th Jahrhunderts. Zu den Zielen gehören die Darstellung der Haltung der Herausgeber offizieller litauischer Gesangbücher und Schulanthologien sowie der Mitglieder der Litauischen Literaturgesellschaft in Tilsit – zu denen hochrangige Geistliche und Pädagogen aus dem preußisch-litauischen Bildungswesen gehörten – gegenüber der Hymnodie der Surinkimininkai sowie die Untersuchung der Zusammenhänge zwischen dem Inhalt der von ihnen erstellten Bücher und Veröffentlichungen und dem Gesangbuch der Surinkimininkai. Für die Analyse wurden Veröffentlichungen verschiedener Gattungen (Liedersammlungen und Schulanthologien) ausgewählt, um die vorherrschenden Tendenzen der Lieder der Surinkimininkai im betreffenden Zeitraum zu bestimmen. Die Untersuchung ergab, dass das Gesangbuch der Surinkimininkai Visokios naujos giesmės arba evangeliški psalmai in der zweiten Hälfte des 19.th Jahrhunderts eine einflussreiche Veröffentlichung war. Das Repertoire beeinflusste die Herausgeber litauischer Kirchen- und Militärgesangbücher, von Schulanthologien in Preußisch-Litauen sowie die hymnodischen Arbeiten der Mitglieder der Litauischen Literaturgesellschaft in Tilsit. Dies wurde nicht dadurch verhindert, dass dem Gesangbuch die offizielle institutionelle Anerkennung fehlte. Sein Wert wurde durch die Haltung der Litauer gegenüber dem Buch und ihre bewertende Stimme erhöht, die von den Vertretern der Kirche und den Pädagogen nicht ignoriert werden konnte, und 25 ihre bewertende Stimme, die von den Vertretern der Kirche und den Pädagogen nicht ignoriert werden konnte. Die Analyse zeigte, dass das Gesangbuch der Surinkimininkai für den Königsberger Pastor F. Kurschat eine Quelle bei der Zusammenstellung des Militärgesangbuchs Giełmõ bej Maldū=Knygos Karališkojo Prūſū Waiſko (1854, Königsberg) war. Aus dem Gesangbuch der Surinkimininkai übernahm er das Lied von J. A. Rothe „Rądau, rądau jau Gruntą ſawo“, das später in den eigenständigen Nachtrag Trečioji Dalis Giełmū Knygū (1857, Königsberg) zum Kirchengesangbuch Pagėrintos Giełmū=Knygos aufgenommen wurde. Das Repertoire der Surinkimininkai drang auch in Schulbücher ein. Der Tilsiter Schulinspektor C. W. O. Glogau sorgte dafür, dass das Schulgesangbuch 64 Giełmes (1856, 1862, Tilsit) um sieben Lieder aus dem Repertoire der Surinkimininkai sowie um Melodien in numerischer Notation ergänzt wurde. C. W. O. Glogaus Idee stieß weder beim Königsberger Konsistorium noch bei den Behörden des Regierungsbezirks Gumbinnen auf Widerstand; sie genehmigten die Sammlung. Texte aus dem Gesangbuch der Surinkimininkai wurden von C. R. Jacoby, einem Pastor der Memeler Kirche (insgesamt 4), für die Schulanthologie Litauische Chrestomathie zum Schulgebrauch (1880, Memel) und von M. Voelkel, einem Lehrer aus Tilsit (insgesamt 2), für das Lesebuch Litauisches elementarbuch (1898, Heidelberg) ausgewählt. Die Textauswahl von C. R. Jacoby und M. Voelkel beruhte nicht auf denselben Kriterien; die Auffassungen der Herausgeber in dieser Frage unterschieden sich. Für C. R. Jacoby erschienen die von G. Ostermeyer übersetzten Werke der Barockautoren S. Dach und P. Gerhardt sowie möglicherweise originale litauische Texte bemerkenswert, während M. Voelkel die übersetzten Lieder von J. A. Rothe und seinem Zeitgenossen G. F. L. Knak bevorzugte. Die Mitglieder der Litauischen Literarischen Gesellschaft in Tilsit interessierten sich für die Surinkimininkai-Gesangstradition und deren Gesangbuch und widmeten diesen Themen in den letzten Jahrzehnten des 19.th Jahrhunderts Aufmerksamkeit. Der Vorsitzende der Gesellschaft, C. T. W. Hoffheinz, nahm gemeinsam mit seinen Mitarbeitern Melodien von Surinkimininkai-Liedern in die wissenschaftliche Zeitschrift der Gesellschaft, Mitteilungen der Litauischen litterarischen Gesellschaft, sowie in die unter der Schirmherrschaft der Gesellschaft veröffentlichte Sammlung Giełmū Balſai (1894, Heidelberg, Tilsit) auf. Diese enthielt 29 Surinkimininkai-Lieder mit harmonisierten, für die Orgel bearbeiteten Melodien. Die Initiativen der Gesellschaftsmitglieder zeigen, dass die Surinkimininkai-Hymnodie als von bleibendem Wert und für wissenschaftliche Zwecke nützlich angesehen wurde. Nach der Untersuchung der Übernahme der Lieder der Surinkimininkai und ihres Erscheinens in den besprochenen Veröffentlichungen treten die vorherrschenden Tendenzen bestimmter Lieder im betreffenden Zeitraum hervor. Hervorzuheben sind: „Rądau, rądau jau Gruntą ſawo“ von J. A. Rothe, „Aß tikt dryſū“ von N. L. von Zinzendorf, „Eikim Bėn, eikim Bėn“ von G. F. L. Knak, die Lieder des Pietisten der jüngeren Halleschen Generation E. G. Woltersdorf sowie „Amžę tu Dangaus“ von K. E. Mertikaitis, dem ersten Herausgeber des Gesangbuchs der Surinkimininkai Viſokios naujos giesmės arba evangeliški psalmai. 26