Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2017 Alexander Fekete, Alex Lechleuthner, Ompe Aimé Mudimu, Celia Norf, Ulf Schremmer, Christiane Stephan Interdisziplinäre Perspektiven des Risikound Krisenmanagements Beiträge aus Wissenschaft und Praxis im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Risky Monday“ Edited by Celia Norf, Christiane Stephan & Alexander Fekete
2 Interdisziplinäre Perspektiven des Risikound Krisenmanagements Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2017 This document is published within the series 'Integrative Risk and Security Research'. All publications can be downloaded from https://www.th-koeln.de/anlagen-energie-undmaschinensysteme/schriftenreihe-integrative-risk-and-security-research_17446.php or you use http://tinyurl.com/oaj4r7a Despite thorough revision the information provided in this document is supplied without liability. The document does not necessarily present the opinion of the editors. EDITION NOTICE Editors of Series Alexander Fekete (Prof. Dr.-Ing.) Alex Lechleuthner (Prof. Dr. med. Dr. rer. nat.) Ompe Aimé Mudimu (Prof. Dr.-Ing.) Celia Norf (M. Sc.) Ulf Schremmer (Prof. Dr.-Ing.) Christiane Stephan (Dipl.-Geogr.) TH Köln University of Applied Sciences Institute of Rescue Engineering and Civil Protection Betzdorfer Str. 2 50679 Cologne Germany www.irg.th-koeln.de Editorship of Series - contact:
[email protected] Editors of this Volume Celia Norf (M. Sc.) Christiane Stephan (Dipl.-Geogr.) Alexander Fekete (Prof. Dr.-Ing.) Contact Celia Norf Email:
[email protected] Phone: + 49 (0) 221 8275 2739 Web: http://riskncrisis.wordpress.com Recommended Citation Surname, First Name (2017), Title. In: Norf, C, Stephan C & Fekete, A, (Eds.) Interdisziplinäre Perspektiven des Risikound Krisenmanagements - Beiträge aus Wissenschaft und Praxis im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Risky Monday“. Integrative Risk and Security Research, 1/2017, Page Reference. Cologne, February 2017
3 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2017 Danksagung Das Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr der Technischen Hochschule Köln veranstaltet seit November 2014 die abendliche Vortragsreihe „Risky Monday“, in der Experten aus Wissenschaft und Praxis verschiedene Ansätze, Themen und Denkweisen des interdisziplinären Risikound Krisenmanagements präsentieren und gemeinsam mit TH-Studierenden und Mitarbeitern sowie externen Zuhörern diskutieren. Diese Experten sind einerseits Alumni der Hochschule, die nun Einblicke in ihr Arbeitsleben geben und eine Verbindung zwischen Inhalten des Studiums und ihrer praktischen Anwendung schaffen, anderseits interne und externe Wissenschaftlicher und Praktiker, mit denen wir aufgrund gemeinsamer Interessen und Ziele in Forschung und Lehre kooperieren. So erlangen unsere Zuhörer neben Einblicke in gesellschaftliche und technische Aspekte des nationalen Bevölkerungsschutzes und der internationalen humanitären Hilfe, auch Wissen über die zugrunde liegenden konzeptionellen und wissenschaftlichen Ansätze. Wir bedanken uns herzlich bei allen Vortragenden des „Risky Monday“, die mit ihren Beiträgen uns und unsere Zuhörer einluden diese unterschiedlichen Themen und Denkweisen des interdisziplinären Risikound Krisenmanagements kennenzulernen und zugleich kritisch reflektieren zu dürfen. Nur dank ihnen wurde jede Veranstaltung zu einem interessanten und vielseitigen Austausch, der einen neuen Zugang zu Wissenschaft und Praxis ermöglichte und im Sinne des Selbstverständnisses der TH Köln forschendes, problembasiertes und projektorientiertes Lernen förderte. Zudem bedanken wir uns bei den Vortragenden für die Mühe und Bereitschaft, für diese Ausgabe der Schriftenreihe Informationen zu ihrer Person und ihres Hintergrunds bereit zu stellen und ihre Vortragsthemen aufzubereiten. Die Länge und Ausführlichkeit der Angaben und Beiträge war den Autoren überlassen, daher finden sich entsprechende Unterschiede. Auch spiegeln diese die Meinungen der Vortragenden wider und nicht des Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr der TH Köln Gerne möchten wir auch den Reviewern Philipp Blatt, Simon Schleiner und Florian Steyer für die Prüfung der Diskussionsbeiträge dieser Ausgabe danken. Bitte beachten Sie, dass in diesem Band nur Vorträge aufgenommen wurden, die bis einschließlich Wintersemester 2015/2016 stattgefunden haben. Eine Auflistung aller Vorträge finden Sie hier und unter https://riskncrisis.wordpress.com/events/weekly-events/risky-monday/ Vortragende(r) / Institution Vortragstitel Robert Bell Kingston University London „Game changers - events that change the risk landscape“ Barbara Brilmayer Bakti Universität Heidelberg/ Universität zu Köln „Wassermangel und Water Harvesting“ Peter Fischer Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe „Wasserversorgung in Extremsituationen - Umsetzung des Wassersicherstellungsgesetzes“ Peter Goxharaj Technisches Hilfswerk „Sicherheit im Auslandseinsatz“ / „Wandel in der internationalen humanitären Hilfe: World Humanitarian Summit 2016 und Core Humanitarian Standards"
4 Interdisziplinäre Perspektiven des Risikound Krisenmanagements Wolfgang Graß Kolpingstadt Kerpen „Aktuelle Herausforderungen in der Unterbringung von Flüchtlingen aus Sicht einer großen kreisangehörigen Kommune am Beispiel der Kolpingstadt Kerpen“ Tobias Hahn Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe „Koordination der Nachsorge, Opferund Angehörigenhilfe (NOAH)“ Mareike Illing I.S.A.R. Germany „I.S.A.R. Germany – internationale Katastrophenhilfe als UNklassifizierte Einheit“ Johannes Hamhaber TH Köln „The Social Construction of Risk” Thomas Lindemann Ehrenamt für Johanniter Auslandshilfe „Medizinischer Soforthilfeeinsatz nach dem Taifun “Haiyan” auf den Philippinen“ Magnus Magnusson & Martin Nesemann Dräger Safety AG & Co. KGaA „Einblick in die sicherheitstechnischen und logistischen Herausforderungen und Möglichkeiten zur effizienten Sicherheitsarbeit in der Schwerindustrie“ Merle Medick Studentin der TH Köln „Vergleichsanalyse der notfallmedizinischen Versorgung im ländlichen sowie städtischen Gebiet Keralas, Indien" Gerrit Meenen Technisches Hilfswerk „Humanitäre Nothilfe des THW in der Region Kurdistan – Irak“ Sabine Obermöller Rhein-Erft-Kreis „Aufgaben und Zuständigkeiten eines Landkreises im Bereich der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr“ Nadja Petrich Sozialarbeiterin/ Notfallseelsorgerin & PSU-Helferin „Hilfe für Helfer - Chancen und Risiken der Psychosozialen Unterstützung in Feuerwehren “ Christian Poschmann Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit „Katastrophenvorsorge in der internationalen Zusammenarbeit - Beispiele aus der Praxis“ Christine Prokopf Westfälische Wilhelms-Universität Münster „Risikogovernance: politikwissenschaftliche Perspektiven auf den Umgang mit Risiken“ Kerstin Rosenow-Williams Ruhr-Universität Bochum „Humanitarian Organisations and Climate Change Adaptation” Romy Schneider Medair „Einsatz moderner Technologien in der humanitären Hilfe“ Christiane Stephan TH Köln/ Universität Bonn „Disaster Resilience in Chiapas, Mexico – Different perspectives & strategies in a tense political context“ Jolanta Żółnowska The Main School of Fire Service „Bevölkerungsschutz in Polen” Dieser Sammelband vereint multidisziplinäre Schreibund Sichtweisen, um einen Dialog und eine Diskussion anzuregen. Wir bedanken uns für interessierte Zuschriften und Kommentare, die den Autoren helfen, die Beiträge inhaltlich weiterzuentwickeln und neue Netzwerke zu knüpfen. Alexander Fekete, Celia Norf & Christiane Stephan Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr Technische Hochschule Köln
5 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2017 Inhaltsverzeichnis Expertensteckbriefe Robert Bell ............................................................................................................................................................................................. 7 Game changers - events that change the risk landscape Wolfgang Graß ..................................................................................................................................................................................... 9 Aktuelle Herausforderungen in der Unterbringung von Flüchtlingen aus Sicht einer großen kreisangehörigen Kommune am Beispiel der Kolpingstadt Kerpen Johannes Hamhaber ........................................................................................................................................................................ 12 The Social Construction of Risk Thomas Lindemann ......................................................................................................................................................................... 14 Medizinischer Soforthilfeeinsatz nach dem Taifun “Haiyan” auf den Philippinen Gerrit Meenen .................................................................................................................................................................................... 17 Humanitäre Nothilfe des THW in der Region Kurdistan - Irak Nadja Petrich ...................................................................................................................................................................................... 20 Hilfe für Helfer – Chancen und Risiken der Psychosozialen Unterstützung in Feuerwehren Christine Prokopf .............................................................................................................................................................................. 22 Risikogovernance: Politikwissenschaftliche Perspektiven auf den Umgang mit Risiken Jolanta Żółnowska ............................................................................................................................................................................ 25 Bevölkerungsschutz in Polen Diskussionsbeiträge ......................................................................................................................................................................... 27 Der Führungsvorgang im Notfallund Krisenmanagement von Verwaltungsbehörden - Die Lage mit Hilfe einer angepassten Gefahrenmatrix bewerten ............................................................................... 28 Gerrit Meenen Psychosoziale Unterstützung (PSU) - Ein Konzept mit und für die Zukunft: Chancen, Risiken und Implementierung einer Hilfe für diejenigen, die helfen ....................................................... 33 Nadja Petrich Katastrophenvorsorge aus sozialwissenschaftlicher Perspektive: Risikodefinitionen und Stakeholder-Beteiligung als Ansatzpunkte für eine Reflexion des Sendai Framework for Disaster Risk Reduction ............................................................................................................ 38 Christine Prokopf
6 Interdisziplinäre Perspektiven des Risikound Krisenmanagements Expertensteckbriefe
7 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2017 Robert Bell „Game changers - events that change the risk landscape“ Email:
[email protected] Steckbrief Robert Bell is a risk and disaster management professional with 15 years’ experience in the field of Resilience. Rob has a background in emergency planning and response with local government planning for and responding to major events and is currently working as a Risk & Business Continuity Manager at the University of Kingston in London. Risky Monday On May 18th 2015 Robert Bell lectured on “Game Changers - events that change the risk landscape“. Risk management is often about looking backwards. Historically looking at past events to help us predict the future. However, there are incidents that completely change the way an industry or globally how we see particular risks. These are the game changers events such as the 911 attacks in the United States, the Piper Alpha and Deepwater horizon oil rig fires and environmental disasters such as the recent Nepalese earthquake.
8 Interdisziplinäre Perspektiven des Risikound Krisenmanagements Fragenbeantwortung 1. Is there a connection between your field of expertise and civil engineering/TH Köln? I'm interested about how universities respond to emergencies as institutions. Universities themselves are historically not brilliant at this. However, this is changing in part because Europe itself is changing. The unprecedented levels of violence and terrorism across Europe in 2016 alone. Mean that it's more important than ever universities plan and train for how they would respond to an emergency or disaster affecting their campus of students. 2. Which risk or security concept do you apply there? I'm not particularly interested in one concept. A multidisciplinary approach is essential but I do believe that the very basis of all these analysis should be sound risk assessment and threat analysis. 3. Which practical experiences helped you in your professional career? Before I worked for University were for a long time for local government emergency planning teams. In the United Kingdom there is a piece of legislation called the civil contingencies act 2004. This states that all emergency responders including local government must plan for emergencies, train for emergencies, and work together in a multidisciplinary way. This practical experience of working with multiagency partners means that I tend to see problems of multidisciplinary problems rather than limited to one field. 4. Interdisciplinary and cooperation between all fields - how does it work in reality? Not as well as it should. However, I think it's fair to say this is changing particularly in emergency response and recovery. For example, psychologists working with the ambulance service to find better ways of training their staff to make decisions under extreme pressure. Using sociologists to better understand movement of people within a geographical area allowing for better emergency planning. I personally feel that we should be adopting a more the merrier philosophy. 5. Can you offer any possibilities for bachelor or master theses at your institution and if yes, in which topics? Kingston does offer an undergraduate and master's degree in natural hazards. As a title suggests this does have a strong leaning towards the next environment. However, the emphasis is very much a multidisciplinary teaching involving: geographers, sociologists, psychologists and emergency services professionals.
9 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2017 Wolfgang Graß „Aktuelle Herausforderungen in der Unterbringung von Flüchtlingen aus Sicht einer großen kreisangehörigen Kommune am Beispiel der Kolpingstadt Kerpen“ Email:
[email protected] Steckbrief • Amtsleiter des Amtes für Feuerschutz, Rettungsdienst, Katastrophenschutz der Kolpingstadt Kerpen sowie der Kreisleitstelle Rhein-Erft-Kreis • Leiter der Feuerwehr der Kolpingstadt Kerpen • Leiter des Stabes für außergewöhnliche Ereignisse (SAE) der Kolpingstadt Kerpen • Bestellter Einsatzleiter des Rhein-Erft-Kreises • Fachplaner Besuchersicherheit (TH Köln) Risky Monday Am 07. Dezember 2015 skizzierte Wolfgang Graß, Amtsleiter für Feuerschutz, Rettungsdienst und Katastrophenschutz der Kolpingstadt Kerpen, dem gleichermaßen die Leitung des Stabes für außergewöhnliche Ereignisse (SAE) obliegt, sowohl grundlegende Aspekte und Erfordernisse, die die allgemeine kommunale Verwaltung betreffen, , als auch notwendige Maßnahmen aus Sicht der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr. Sein Vortrag „Aktuelle Herausforderungen in der Unterbringung von Flüchtlingen aus Sicht einer großen kreisangehörigen Kommune am Beispiel der Kolpingstadt Kerpen“ bot die Möglichkeit, die vielseitigen Arbeitsgebiete als auch aktuelle Themen zu diskutieren.
16 Interdisziplinäre Perspektiven des Risikound Krisenmanagements und (manchmal nicht offensichtlichen) Interessenvertretern gehören zu den wertvollsten Zugewinnen, die ich auch höher bewerten würde als die konkret erworbenen Fachkenntnisse. Dazu gehören auch Konfliktmanagement und „Trouble Shooting“ sowie das (nicht immer konsensuale) Hinarbeiten auf Kompromisslösungen. 4. Interdisziplinarität und der Wunsch nach mehr übergreifender Zusammenarbeit auf allen Ebenen - wie sieht die Realität aus? Aus meiner Sicht wird immer noch vielerorts ein eigenes „Fachsüppchen“ gekocht. In Sachen fachübergreifender Zusammenarbeit gibt es diverse Beispiele bei der Feuerwehr: Feuerwehr und Verwaltung, die auf engste Zusammenarbeit angewiesen sind, verstehen sich manchmal nicht, weil man eine „andere Sprache spricht“. Oder aber die Berücksichtigung von Methoden und Erkenntnissen anderer Disziplinen im Feuerwehrwesen: Feuerwehr und Wirtschaftlichkeitsmethoden, Feuerwehr und Operations Research, Feuerwehr und Informationssysteme – oder Feuerwehr und Soziologie. Auf der anderen Seite gibt es immer mehr „forschende Feuerwehren“, die sich im Rahmen von Forschungsprojekten mit Projektpartnern unterschiedlichen Fachhintergrunds zusammenarbeiten. 5. Sehen Sie Möglichkeiten für Abschlussarbeiten bei Ihnen - wenn ja, in welchem Themenfeld? Sowohl bei den öffentlichen Gefahrenabwehr-Organisationen als auch in der Beratungsbranche bestehen stets die Möglichkeiten für Abschlussarbeiten. Tatsächlich stößt man hier grundsätzlich auf Dankbarkeit bei den Themengebern, da häufig aufgrund des „Tagesgeschäfts“ keine Zeit für die Betrachtung von abschlussarbeitstauglichen Grundsatzfragen oder konkreten Fragestellungen bleibt, die dann entweder unbearbeitet bleiben, aufgeschoben werden oder nicht in der notwendigen und für fruchtbare Ergebnisse notwendigen Tiefe bearbeitet werden. Mancherorts hängt es jedoch davon ab, wie viele personelle Betreuungskapazitäten zur Verfügung stehen und wie nachwuchsund auch wissenschaftsaffin die handelnden Akteure (die selbst einen akademischen Hintergrund haben oder eben nicht) bei den jeweiligen Einrichtungen sind.
17 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2017 Gerrit Meenen „Humanitäre Nothilfe des THW in der Region Kurdistan - Irak” Email:
[email protected] Steckbrief Gerrit Meenen ist 1982 in Nordenham geboren und hat sich seit seinem 11. Lebensjahr in der Gefahrenabwehr vielfältig engagiert. Nach einem Abitur gehörte zum zweiten Jahrgang des Studiums Rescue-Engineering (heute Rettungsingenieurwesen) an der TH Köln. Hier beschäftigte er sich in seiner Bachelorarbeit mit Darstellungsmöglichkeiten zur Unterstützung in der Führungskräfteausbildung. Im Anschluss an das Studium erfolgten berufliche Stationen auf allen Ebenen der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk (THW). Vom Sachbearbeiter Einsatz in der Geschäftsstelle Gießen, zum Geschäftsführer in Geschäftsstelle Gelhausen, zum Sachbearbeiter Einsatz in der Dienststelle des Landesbeauftragten für Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland in Mainz bis hin zum Projektleiter Irak in der THW-Leitung in Bonn. Neben der Betreuung des Ehrenamtes war Herr Meenen auch in der Ausbildung im Bereich der EU und der Bewältigung von Großschadenlagen im Inund Ausland tätig. Nach dem Abschluss eines berufsbegleitenden Masterstudiums der Geoinformation an der Hochschule Mainz wechselte er im Sommer 2015 in das Bundesverwaltungsamt in Köln. Hier übernahm er die Funktion des IT-Notfallbeauftragten und wurde zum 01.01.2016 mit Leitung der Organisationseinheit Notfallmanagement betraut. Hier ist er zentral für das Notfallund Krisenmanagement im gesamten Bundesverwaltungsamt zuständig. Gerrit Meenen ist darüber hinaus ehrenamtlich bei der Feuerwehr Köln, im THW Ortsverband Gießen als auch als THW Auslandsexperte aktiv. Risky Monday An 30. März 2015 präsentierte Gerrit Meenen aktuelle Informationen zum Einsatz der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk im Norden des Iraks. Er berichtete aus den bisher durchgeführten Projekten für syrische Kriegsflüchtlinge und irakische Binnenvertriebene. Das THW unterstützt die lokalen Behörden als auch die Organisationen der Vereinten Nationen beim Ausund Aufbau von Flüchtlingslagern im Bereich der sanitären Infrastruktur, führte für den Lagerbetrieb notwendige Beschaffungen durch und wird sich zukünftig auch im Bereich der Ausbildung von lokalen Kräften zur Wartung der sanitären Infrastruktur einbringen.
18 Interdisziplinäre Perspektiven des Risikound Krisenmanagements Fragenbeantwortung 1. Gibt es Verbindung zwischen Ihrem Tätigkeitsbereich und Rettungsingenieurwesen, bzw. der TH Köln? Ich wende eine Vielzahl der Kenntnisse, die ich im Studium des Rettungsingenieurwesens erlernen durfte in meiner täglichen Arbeit an. Hier in der Organisationseinheit Notfallmanagement probieren wir herauszufinden, welche Auswirkungen bestimmte Szenarien auf unseren Geschäftsbetrieb haben und wie wir uns davor schützen bzw. die Auswirkungen minimieren können. Für uns ist es sehr hilfreich mit der TH Köln und dem Institut für Rettungsingenieurwesen eine Einrichtung in der Stadt zu haben, in der man sich über den aktuellen Stand der Wissenschaft informieren kann. 2. Welches Risikooder Sicherheitskonzept wird bei Ihnen gerade verwendet? Als zentraler Dienstleister des Bundes führen wir über 150 Fachaufgaben aus, die von allen Ministerien, einer Vielzahl von Behörden aber auch von Bürgern genutzt werden. Diese Bandbreite macht es erforderlich einzelne angepasste Konzepte zu erstellen. Im Bereich des Notfallund Krisenmanagement ist es uns wichtig, die handelnden Personen in die Lage zu versetzen nicht einfach nur Pläne zu befolgen sondern auch selbst lageangepasste Entscheidungen zu treffen. 3. Welche Praxiserfahrungen haben Sie auf Ihrem Arbeitsweg weitergebracht? Für fast jedes Problem gibt es auch eine Lösung. Man muss nur oft genug den Blickwinkel wechseln um diese zu finden. Das bedeutet man sollte immer für alles offen sein.
19 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2017 4. Interdisziplinarität und der Wunsch nach mehr übergreifender Zusammenarbeit auf allen Ebenen - wie sieht die Realität aus? Die Zusammenarbeit über die Fachund Behördengrenzen hinweg sind ein wichtiger Bestandteil einer erfolgreichen Notfallbewältigung. In der Bundesrepublik aber auch darüber hinaus in der Europäischen Union verfügen wir über eine Vielzahl von Ressourcen mit der wir fast jede Lage beherrschen können. Herausforderung ist es schon vorher den anderen und seine Möglichkeiten zu kennen, damit weiß, wo man im Notfall Hilfe und Unterstützung anfordern kann. 5. Sehen Sie Möglichkeiten für Abschlussarbeiten bei Ihnen - wenn ja, in welchem Themenfeld? Ja; zu den Themenfeldern zählen: • Stabsarbeit - mit all seinen Facetten • Notfallpläne - von einfachen bis komplexen Szenarien • Ausbildung und Übung – blended learning / e-learning Lösungen • und andere tagesaktuelle Themen
20 Interdisziplinäre Perspektiven des Risikound Krisenmanagements Nadja Petrich „Hilfe für Helfer – Chancen und Risiken der Psychosozialen Unterstützung in Feuerwehren“ Email:
[email protected] Steckbrief Nadja Petrich absolvierte 2011 das Bachelorstudium der Sozialen Arbeit an der Evangelischen Fachhochschule (mittlerweile Evangelischen Hochschule) Nürnberg. Aufgrund eines großen Interesses für rechtliche und juristische Aspekte der sozialen Tätigkeit und wegen ihres Wissens um die Bedeutung rechtlicher Kompetenzen für die Beratungsarbeit, ergänzte die staatlich anerkannte Sozialpädagogin ihren Bachelorstudiengang von 2011 bis 2014 durch den Masterstudiengang „Beratung und Vertretung im Sozialen Recht“ an TH Köln Diesen Studiengang schloss Nadja Petrich durch ihre Master-Thesis zum Thema „Hilfe für Helfer – Chancen und Risiken der Psychosozialen Unterstützung in Feuerwehren“ ab. Die umfangreiche empirische Arbeit fand große Anerkennung und besondere Auszeichnung durch die Hochschule und wurde in deren sogenannte „Hall of Fame“ aufgenommen. Seit Mai 2012 ist sie als Notfallseelsorgerin aktiv. Parallel dazu ist sie als Psychosoziale Fachkraft im PSU-Team einer Feuerwehr tätig und beschäftigt sie sich mit der Einsatznachsorge und der Psychosozialen Unterstützung von Einsatzkräften von Feuerwehren und anderen Hilfsorganisationen. Hauptberuflich arbeitet sie als Sozialpädagogin in einem Arbeitsfeld mit den Themenschwerpunkten Beratung, Krisenintervention und unterschiedliche Formen der Gewalt. Risky Monday Am 26. Januar 2015 berichtete Nadja Petrich über Chancen und Risiken der Psychosozialen Unterstützung in Feuerwehren. Neben einer kurzen Einführung in die PSUThematik und ihre E ntstehungshintergründe präsentiert sie auf Basis theoretischer und empirischer Erkenntnisse Opti mierungsmöglichkeiten und weitere Forschungsmöglichkeiten. Nadja Petrich ist beruflich als Sozialarbeiterin tätig und engagiert sich ehrenamtlich als Notfallseelsorgerin und PSUHelferin.
21 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2017
22 Interdisziplinäre Perspektiven des Risikound Krisenmanagements Christine Prokopf „Risikogovernance: Politikwissenschaftliche Perspektiven auf den Umgang mit Risiken“ Email:
[email protected] Steckbrief Christine Prokopf ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Nachhaltige Entwicklung des Instituts für Politikwissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Aus Ihrer Zeit als Mitarbeiterin bei einer humanitären Organisation hat sie das Interesse an Katastrophenvorsorge mit an die Universität genommen. In ihrem Promotionsprojekt untersucht sie internationale Einflüsse auf die Katastrophenvorsorgepolitik in Deutschland. Risky Monday Am 20. April 2015 stellte Christine Prokopf am Beispiel von Hochwasser drei politikwissenschaftliche Perspektiven vor, wie der Umgang mit Risiken analysiert werden kann. Dazu nutzte sie den Oberbegriff der Governance, um unterschiedliche Aspekte des Risikobegriffs in den Blick zu nehmen: • Die staatliche Regulierung von Risiken unter expliziter Nutzung des Risikobegriffs • Das Regieren in Form von Netzwerken, in denen private Akteure eine zentrale Rolle spielen • Die Herausforderungen einer inklusiven Partizipation
23 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2017 Fragenbeantwortung 1. Gibt es Verbindung zwischen Ihrem Tätigkeitsbereich und Rettungsingenieurwesen, bzw. der TH Köln? Als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Münster im Fach Politikwissenschaft habe ich keine direkte oder institutionelle Verbindung mit dem Fach Rettungsingenieurwesen an der TH Köln. Inhaltlich gibt es jedoch eine Verbindung, da ich dazu forsche, wie in Deutschland politisch mit Risiken umgegangen wird. Mein Schwerpunkt liegt im Bereich der Katastrophenvorsorge. 2. Welches Risikooder Sicherheitskonzept wird bei Ihnen gerade verwendet? In den Sozialwissenschaften – und eine solche ist die Politikwissenschaft – gibt es kein einheitliches Risikokonzept. Durch die Einbeziehung der gesellschaftlichen Dimension geht der Risikobegriff über berechenbare Werte hinaus und nimmt die normativen Setzungen „hinter“ dem Risiko und den sozialen Konstruktionscharakter (kritisch) in den Blick. Interessierten sei als Einstieg die Überblicksdarstellung bei Ortwin Renn (Renn, Ortwin et al. (2007): Risiko. Über den gesellschaftlichen Umgang mit Unsicherheit, München: Oekom) empfohlen. Ich selbst beschäftige mich mit der Frage, wie die Politik ganz grundsätzlich mit Risiken umgeht, wenn sie Regeln für Gesellschaften setzt. So kann sie beispielsweise versuchen, allen Bürger_innen so viel Sicherheit wie möglich zu geben und so das Risiko für jede_n so klein wie möglich halten oder sie kann im Sinne einer Risikogovernance Kriterien festlegen, um zu entscheiden, was schützenswert ist und was nicht. 3. Welche Praxiserfahrungen haben Sie auf Ihrem Arbeitsweg weitergebracht? Die meisten Erfahrungen, die mich weitergebracht haben, hatten keinen Projektbezug – wie z.B. aus der eigenen Komfortzone dessen, was ich bereits konnte, herausgehen zu müssen um mir einen neuen Bereich
24 Interdisziplinäre Perspektiven des Risikound Krisenmanagements zu erarbeiten. Es ist wichtig, innerhalb einer Hierarchie und auch mit ganz unterschiedlichen Ansprechpartner*innen kommunizieren zu lernen. Grundlegende Erfahrungen in der Arbeit mit Finanzen halte ich für wichtig. Meine ersten Praktika haben mir zudem gezeigt, welche Arbeitsfelder mich nicht so sehr interessieren, wie ich beim Blick von außen dachte. 4. Interdisziplinarität und der Wunsch nach mehr übergreifender Zusammenarbeit auf allen Ebenen - wie sieht die Realität aus? In der Wissenschaft ist Interdisziplinarität eine Herausforderung, da es oft bereits schwierig ist, sich auf gemeinsame Begriffe zu einigen. Dies gilt besonders, wenn sehr unterschiedliche Fachkulturen aufeinandertreffen: Ingenieure auf Geisteswissenschaftler, Sozialwissenschaftler auf Naturwissenschaftler. Wenn Praxispartner hinzukommen, macht dies die Situation noch anspruchsvoller. Gleichzeitig ist dies der Weg, wie Wissenschaft Veränderung mitgestalten kann und deshalb absolut erstrebenswert. 5. Sehen Sie Möglichkeiten für Abschlussarbeiten bei Ihnen - wenn ja, in welchem Themenfeld? Die konkreten Möglichkeiten sind leider dadurch begrenzt, dass ich nicht in einem Anwendungsfeld des Rettungsingenieurwesens arbeite. Ich ermutige Studierende jedoch zu interdisziplinären Arbeiten, die gesellschaftliche und technische Aspekte miteinbeziehen.
25 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2017 Jolanta Żółnowska „Bevölkerungsschutz in Polen“ Email:
[email protected] Steckbrief Dr. Jolanta Żółnowska ist Dozentin für Deutsch als Fremdsprache an der Haupthochschule für Feuerwehrdienst in Warschau und an der KoźmińskiUniversität in Warschau. Sie hat 2013 an der Fakultät für Journalistik und Politikwissenschaften der Warschauer Universität promoviert. In ihrer Dissertation hat sie sich mit Fragen der politischen Kultur in der Bundesrepublik Deutschland beschäftigt. Risky Monday Am 16.11.15 präsentierte Dr. Jolanta Żółnowska Einblicke in den Bevölkerungsschutz in Polen: Wir - Deutsche und Polen - können nebeneinander und miteinander existieren wie gute Nachbarn in einem großen Wohnkomplex, den man EU nennt. Von nicht zu überschätzender Bedeutung sind unsere gegenseitigen Kontakte, die uns näher bringen, insbesondere die auf dem Gebiet des Zusammenwirkens im Bevölkerungsschutz, denn Katastrophen und Gefahren kennen keine Grenzen. Solche Kontakte sind eine Möglichkeit zum gegenseitigen Kennenlernen und Austausch von Erfahrungen.
32 Interdisziplinäre Perspektiven des Risikound Krisenmanagements Verwaltungsbehörde keine operativen Kräfte zur Schadensabwehr in diesem Bereich gibt, können diese Gefahren zusammengeführt werden. Für ein vollständiges Lagebild ist es jedoch wichtig, dass auch sie bewertet werden, da sich daraus Maßnahmen zum Schutz der Mitarbeiter und Besucher sowie der Infrastruktur ableiten. Die praktische Anwendung der Matrix kann wie folgt aussehen: Für dieses Beispiel nehmen wir den Ausfall der Heizungsanlage und somit der Wärmeund Warmwasserversorgung an einem kalten Wintertag zum Beispiel. Wenn nun die einzelnen Spalten betrachtet werden, kann man zu folgendem Ergebnis kommen. Da es sich um einen Ausfall handelt, sollte diese Spalte auch zuerst betrachtet werden‘: Es ist zu einem Ausfall der Heizungsanlage (Sachwert) gekommen. Weder bei den Personen noch bei den Verfahren bzw. Informationen oder der Umgebung ist es zum jetzigen Zeitpunkt zu weiteren Ausfällen gekommen, daher brauchen die anderen Bereiche vorerst nicht weiter betrachtet zu werden. Ein solches Ereignis wird wahrscheinlich zu keinen Angstreaktionen bei Mitarbeitern, Kunden oder Personen in der Umgebung führen. Im Bereich Ausbreitung besteht die Gefahr, dass sich der Ausfall auf das Personal erweitert, da es für dieses nicht in der Kälte abrieten kann. Auch auf andere technische Einrichtungen (Sachwerte) kann sich die Lage ausweiten. Betroffen sind hier vor allem Einrichtungen die auf eine Wärmeund Warmwasserversorgung angewiesen sind. Eine entsprechende Abkühlung vorausgesetzt besteht zum Beispiel bei Wasser oder Heizungsrohren die Gefahr des Platzens. Die Ausbreitung der Kälte kann dazu führen, dass Büroräume (Sachwerte) nicht mehr genutzt werden können. Damit einher droht die Gefahr, dass Verfahren oder Dienstleistungen nicht mehr erbracht werden können. Eine Auswirkung auf die Umgebung ist nicht gegeben. Die Gefahr der Erkrankung und Verletzung kann vorerst vernachlässigt werden. Auch im Bereich der physischen Gefahren gibt es keine Informationen. Hier können Gefahren von der Heizungsanlage aufgrund Ihrer Fehlfunktion ausgehen. Dies muss jedoch erst noch erkundet werden. Somit ergeben sich eine Gefahr im Bereich des Ausfalls und mehrere im Bereich der Ausbreitung. Die Notfallorganisation kann nun basierend auf dieser Lagebewertung die strategischen Ziele treffen (z.B. 1. Ziel: Reparatur der Heizung, 2. Ziel: Verhinderung der Ausbreitung auf geschäftskritische Prozesse, 3. Ziel: Reduzierung des Personals und Einstellung nichtkritischer Prozesse bis zum Abschluss der Reparatur). Im weiteren Verlauf des Führungsvorgangs können die einzelnen Maßnahmen festgelegt sowie verfügt und die Umsetzung überwacht und dokumentiert werden. Das Notfallund Krisenmanagement in klassischen Verwaltungsbehörden kann von den Erfahrungen der Gefahrenabwehrund Sicherheitsbehörden profitieren. Viele etablierte Werkzeuge können mit kleinen Änderungen auch hier für die Gefahrenund Schadensbekämpfung genutzt werden. Die Nutzung der angepassten Gefahrenmatrix im Bundesverwaltungsamt ist ein Beispiel dafür. Dies sorgt nicht nur dafür, dass das Rad nicht ständig neu erfunden werden muss, sondern auch, dass eine gemeinsame Sprache und ein gemeinsamer Führungsprozess genutzt wird.
33 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2017 Psychosoziale Unterstützung (PSU) - Ein Konzept mit und für die Zukunft: Chancen, Risiken und Implementierung einer Hilfe für diejenigen, die helfen Nadja Petrich Email:
[email protected] Zusammenfassung Die PSU ist ein Angebot von Einsatzkräften (und psychosozialen Fachkräften) für Einsatzkräfte, welches – besonders durch Großschadenslagen, die mediale Aufmerksamkeit erfahren haben – innerhalb der letzten ca. 20 Jahre immer mehr in den gesellschaftlichen Blickpunkt gerückt ist und rückt. Für das Personal von Hilfsorganisationen (z.B. Rettungsdiensten, Feuerwehren) bietet es unter anderem die Möglichkeit, sich nach erlebten Einsatzsituationen zu entlasten und der Entstehung posttraumatischer Belastungsstörungen vorzubeugen. Es ist ein Konzept das unter Berücksichtigung einer bestimmten Angebotsund Ausbildungsgestaltung wirkungsvoll und gewinnbringend in Organisationen implementiert werden kann. Zentral für eine erfolgreiche Umsetzung ist die Haltung der Führungskräfte gegenüber dem Konzept und deren Offenheit und Engagement bezüglich des Aufbaus eines PSU-Teams in der eigenen Organisation. Einsatzkräfte, die das Angebot kennen, selbst durchführen oder bereits in Anspruch genommen haben, sprechen sich für dessen Weiterentwicklung und Ausbau aus. Es ist Zeit, das weitverbreitete Bild der harten, durch nichts zu erschütternden Einsatzkräfte durch ein realistisches zu ersetzen. Es ist Zeit, den Menschen, die für andere regelmäßig so viel riskieren, etwas zurückzugeben: Respekt, Anerkennung und den Ausbau effektiver Unterstützungsangebote. Entstehungshintergrund und Beschreibung des Konzepts Unfälle und Katastrophen können bei Einsatzkräften die gleichen psychischen Auswirkungen haben wie bei Augenzeugen, direkt Betroffenen und deren Angehörigen (vgl. Mitchell et al., 1982, S. 9). Mehrere Ereignisse verdeutlichten diesen Umstand: Einerseits das Flugzeugunglück in Ramstein 1988, das Ereignis in Eschede 1998 und der Amoklauf am Gutenberg Gymnasium in Erfurt 2002 (vgl. Karutz, 2012, S. 1). Hinzu kommen mittlerweile außerdem der Flugzeugabsturz der Germanwings Maschine am 24.03.2015 (vgl. Lufthansa Group, 2015) und das Zugunglück in Bad Aibling im Februar 2016 (vgl. Landesfeuerwehrverband Hessen, 2016). Auch Großschadenslagen aufgrund terroristischer Anschläge können ergänzend angeführt werden (vgl. Helmerichs, 2012). Infolge der drei erstgenannten Einsatzlagen wurden Unterstützungsangebote für Einsatzkräfte entwickelt, die darauf abzielen, der Entstehung und dem Fortdauern von Belastungsstörungen oder anderen psychischen Reaktionen nach schlimmen Einsatzerfahrungen entgegenzuwirken. Eines dieser Angebote ist die PSU von Einsatzkräften für Einsatzkräfte in Feuerwehren und anderen Hilfsorganisationen (vgl. Strang et. al., 2005, S. 13 ff.). Die PSU ist ein Angebot, das im Bereich der Prävention (BBK, 2009, S. 15) und der Krisenintervention (vgl. Strang et al., 2005, S. 20) angesiedelt ist. Es ist ein Strang der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) (BBK, 2009, S. 15) und bezieht sich auf die Betreuung von Einsatzkräften bezüglich (potentiell) belastender Einsatzereignisse. Das Unterstützungsangebot zielt auf die Vorbeugung psychischer Traumatisierungen, die
34 Interdisziplinäre Perspektiven des Risikound Krisenmanagements effektive Begegnung akut auftretender psychischer Reaktionen und auf die Unterstützung bei der Bewältigung (vgl. Reiprich-Meurer et al., 2007, S. 1 ff.). Durchgeführt wird die PSU durch speziell ausgebildete Einsatzkräfte (PSU-Helfer; PSU-Assistenten (vgl. Karutz, 2012, S. 5) / Peers (vgl. Mitchell et al., 20052, S. 98), Feuerwehrseelsorger / Fachberater Seelsorge und Sozialwissenschaftler, Pädagogen oder Psychologen. Die genannten Personengruppen können sich auch zu Einsatznachsorgeteams (ENT) zusammenschließen, die zusätzlich Fortund Ausbildungsangebote bezüglich psychosozialer Themenbereiche für Einsatzkräfte anbieten. Im Rahmen des Angebots geht es um die Unterstützung vor, während und nach Einsätzen in Form von Einzelund Gruppengesprächen sowie Psychoedukation und (bei Bedarf auch um) Weitervermittlung an psychosoziale Fachkräfte (vgl. Reiprich-Meurer et al., 2007, S. 1 ff.). Das PSU-Konzept auf dem Prüfstand – Eine empirische Untersuchung In einer empirischen Untersuchung wurden im September 2013 insgesamt 12 Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehr Hürth (Löschzug Hermülheim) zu den Chancen, Risiken und Optimierungsmöglichkeiten der PSU durch Einsatzkräfte in Feuerwehren befragt. Sechs Interviews wurden zur Auswertung herangezogen (2 PSU-Helfer / 2 PSU-Nutzer / 2 Potentielle Nutzer). Alle Personen waren männlich, verfügten über einen Mannschaftsoder Brandmeisterdienstgrad und waren zwischen 25 und 50 Jahren alt. Gefragt wurde unter anderem nach der PSU-Ausbildung und Ausbildungsinhalten, dem PSU-Angebot und der Angebotsgestaltung, den rechtlichen Rahmenbedingungen, den gruppendynamischen Aspekten, nach Belastung, Bewältigung und Zusatzbelastung sowie nach Erwartungen an und Sichtweisen auf das PSU-Angebot und die PSUAusbildungen. Zusätzlich wurden Verbesserungsmöglichkeiten und Optimierungspotentiale des PSUKonzepts innerhalb der Befragungen zum Thema gemacht (vgl. Petrich, 2016). Die Untersuchung ermöglichte im Abgleich mit theoretischen Erkenntnissen und Hintergrundinformationen nicht nur einen Überblick über Chancen und Risiken des PSU-Angebots, sondern auch die Ableitung von Optimierungspotentialen des Konzepts. Zusätzlich wurden weiterführende Forschungsmöglichkeiten deutlich. Ein besonderer Teil des Gesamtergebnisses ist eine Übersichtstabelle, die aufzeigt, wie das PSU-Angebot sowie PSU-Ausbildungen gestaltet werden können, damit sie gewinnbringend sind, und PSU-Teams erfolgreich in Feuerwehren implementiert und aufgebaut werden können (vgl. ebd.). Chancen und Risiken Die Untersuchung verdeutlicht, dass die PSU von Einsatzkräften für Einsatzkräfte, abhängig von der Angebotsund Ausbildungsgestaltung, bestimmte Chancen und Risiken für seine Nutzer, potentiellen Nutzer und ausführenden PSU-Kräfte mit sich bringt (vgl. ebd.). Chancen können sein (Liste zeigt Beispiele auf und ist nicht abschließend): • Stärkung des Mannschaftszusammenhalts und des Betriebsklimas (Mobbingprävention) • Entlastung und Unterstützung bei der Verarbeitung erlebter Einsatzsituationen • Erhalt / Stabilisierung der Einsatztauglichkeit • Sicherheit, Rückhalt und Entlastung während eines Einsatzes Risiken (Liste zeigt Beispiele auf und ist nicht abschließend): • Zusatzbelastung, Konflikte, Mobbing etc.
35 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2017 • Gruppensettings können zu Schuldgefühlen (v.a. bei Führungskräften), Retraumatisierung oder sekundärer Traumatisierung führen • Irritationen durch fehlende Standardisierung • Schweigepflicht nicht lückenlos geregelt und kein Zeugnisverweigerungsrecht Erfolgreiche Implementierung Einige Faktoren, die Einfluss auf die Akzeptanz und die erfolgreiche Umsetzung eines PSU-Angebots in einer Feuerwehr haben, und die sich aus der Untersuchung haben ableiten lassen, finden sich besonders im Bereich der Angebotsgestaltung. Einen großen Einfluss auf den Erfolg der PSU haben allerdings Haltung und Offenheit der Führungskräfte gegenüber dem Unterstützungskonzept. So besteht ein großer Zusammenhang zwischen der Akzeptanz der Wehrführung gegenüber der PSU und der Akzeptanz bei einzelnen Einsatzkräften. Spüren diese, dass auch ihre Vorgesetzten das Konzept fördern, sich für dieses einsetzen und hinter ihm stehen, so steigen auch ihre Offenheit und ihr Interesse für die PSU. Ist die Nutzung akzeptiert und wird sich von Führungskräften für diese und ihre positiven Auswirkungen und Chancen ausgesprochen, so geht damit eine höhere Nutzungsbereitschaft von Seiten der Einsatzkräfte einher. Sie müssen nicht fürchten, fälschlicherweise als „Weichei“ abgestempelt zu werden, wenn sie wissen, dass es sogar geschätzt wird, wenn sich Rettungskräfte bei Bedarf die benötigte Unterstützung holen. Im Folgenden werden einige Aspekte aufgelistet, die der Untersuchung folgend zu einer erfolgreichen Implementierung eines PSU-Teams innerhalb einer Hilfsorganisation beitragen können (Liste zeigt Beispiele auf und ist nicht abschließend) (vgl. Petrich, 2016): • Weiterbildungsmöglichkeiten im PSU-Bereich bieten und sich für deren Ausbau einsetzen • Eindeutige, sichere, allen bekannte Regelung der Verschwiegenheitspflicht / Schweigepflicht (für PSU-Kräfte) schaffen und garantieren • Angebot freiwillig, niedrigschwellig und kostenlos gestalten • PSU-Kräfte in Einsätzen direkt mit vor Ort nehmen • Arbeit nach dem Prinzip des Aktiven Zuhörens, im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe UND keine Aufdringlichkeit, Vorgaben oder Ratschläge durch PSU-Kräfte gegenüber Nutzern • Aufklärungsarbeit über das PSU-Angebot in den Organisationen ermöglichen • Bei Bedarf Information über / Weitervermittlung an psychologisches Fachpersonal • Kooperation zwischen Führungskräften und PSU-Kräften • Angebote der Psychohygiene für PSU-Kräfte vorhalten (Supervision etc.) Resümee und Ausblick Die Untersuchung und deren Abgleich mit theoretischen Erkenntnissen verdeutlicht im Besonderen den großen Wert der PSU für die Kräfte von Feuerwehren und andere Hilfsorganisationen. Die Thematik ist daher eine, die weiterhin Berücksichtigung in der öffentlichen Debatte finden sollte. Helferinnen und Helfer – Einsatzkräfte – geben viel, häufig ehrenamtlich und ohne etwas dafür zu erhalten oder zu verlangen. Sie sind ein wichtiges Element unserer Gesellschaft und die Menschen verlassen sich auf sie. Daher schließt dieser Artikel mit einem persönlichen Appell: Lasst uns Rettungskräften und Helfenden etwas zurückgeben. Lasst uns Einsatzkräften die bestmögliche Unterstützung für ihre wichtige Arbeit zukommen.
36 Interdisziplinäre Perspektiven des Risikound Krisenmanagements Lasst uns zusammen daran arbeiten, das Konzept der PSU weiterzuentwickeln, zu optimieren sowie landesweit (bezogen auf NRW), bundesweit und vielleicht sogar über die Grenzen Deutschlands hinaus, auszubauen. Das ist vor allem gemeinsam und in gegenseitigem Austausch möglich. „Es kommt in der Welt vor allem auf die Helfer an – und auf die Helfer der Helfer.“ (Albert Schweitzer) Literaturund Quellenverzeichnis1 Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) 2009, Psychosoziale Notfallversorgung: Qualitätsstandards und Leitlinien (Teil 1), Bonn. Everly, GS & Mitchell JT 2002, CISM. Stressmanagement nach kritischen Ereignissen, Wien. Faultas Verlagsund Buchhandels AG. Fischer, R 2011, Schweigepflicht, Zeugnisverweigerungsrecht und Zeugnispflicht von Feuerwehrangehörigen, Der Feuerwehrmann, vol. 6, no. 7, pp.179-183. Fischer, T & Schwarz, O 2008, Beck‘sche Kurzkommentare. Band 10. Strafgesetzbuch und Nebengesetze, C.H. Beck, München. Frank, P & Kohlen, M 2011, PSU für Einsatzkräfte Grundinformation. Begleittext zur Präsentation für Dozenten. Version 2.1. Arbeitskreise Psychosoziale Unterstützung Nordrhein-Westfalen (AK PSU NRW) / Unfallkasse Nordrhein-Westfalen (UK NRW) [u.a.] (Hrsg.). [o. O.]. Helmerichs, J 2012, Psychosoziale Hilfe für Opfer, Angehörige und Helfer in Katastrophenfällen und bei terroristischen Anschlägen. Available from: http://www.bpb.de/veranstaltungen/dokumentation/130103/psychosoziale-hilfe-fuer-opferangehoerige-und-helfer-in-katastrophenfaellen-und-bei-terroristischen-anschlaegen?p=all. [20.06.2016]. Karutz, H 2012, ‚Hilfen für Helfer: Eine kritische Bestandsaufnahme‘. Vortragsskript anlässlich des VII. Symposiums Psychosoziale Notfallversorgung, DRK Bremen. Krampl, M 2007, Einsatzkräfte im Stress. Auswirkungen von traumatischen Belastungen im Dienst. Kröning. Ansanger Verlag. Landesfeuerwehrverband Hessen 2016, Zusammenwirken der Bausteine der Psychosozialen NotfallVersorgung (PSNV). Available from: https://www.feuerwehr-hessen.de/fachinformationeneinsatzinfos/zusammenwirken-der-bausteine-der-psychosozialen-notfall-versorgung-psnv1464880520/2016/06/02. [20.06.2016]. Lasogga, F & Gasch, B 2002, Notfallpsychologie. (2ed.). Stumpf und Kossendey Verlag, Edewecht / Wien. Lasogga, F & Karutz, H 2012, Hilfen für Helfer. Belastungen – Folgen – Unterstützung. (2., überarbeitete Auflage). Edewecht / Wien. Stumpf und Kossendey Verlag. Lufthansa Group 2015, Lufthansa und Germanwings danken Einsatzkräften. Available from: http://www.lufthansagroup.com/de/presse/meldungen/view/archive/2015/april/01/article/3487.html. [13.08.2015]. Mitchell, JT & Everly, GS 2005, Critical Incident Stress Management. Handbuch Ein-satznachsorge. Psychosoziale Unterstützung nach der Mitchell-Methode. (2ed.). Stumpf und Kossendey Verlag, Edewecht / Wien. Mitchell, JT & Everly, GS 1998, Streßbearbeitung nach belastenden Ereignissen (SBE): ein Handbuch zur Prävention psychischer Traumatisierung in Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei. (2ed). Stumpf und Kossendey Verlag, Edewecht / Wien. Petrich, N 2016, Hilfe für Helfer. Chancen und Risiken der Psychosozialen Unterstützung in Feuerwehren. BODVerlag, Norderstedt. 1 Das Literaturverzeichnis ist nicht abschließend. Weitere wichtige Quellen und genutzte Literatur finden sich in dem Literaturverzeichnis von Petrich, 2016
37 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2017 Poschkamp, T 2008, Lehrergesundheit. Belastungsmuster, Burnout und Social Support bei dienstunfähigen Lehrkräften‘ in Angewandte Stressund Bewältigungsforschung, eds P. Buchwald, P & T Ringeisen, T., Band 1, Logos Verlag, Berlin. Pross, C 2009, Verletzte Helfer. Umgang mit dem Trauma: Risiken und Möglichkeiten sich zu schützen. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart. Reiprich-Meurer, H & Kunz, H-J 2007, Psychosoziale Unterstützung (PSU) in den Feuer-wehren des RheinischBergischen Kreises. Konzeptpapier. Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Feuerwehren des RheinischBergischen Kreises (eds.). Rheinisch-Bergischer Kreis. Strang, A & Günthner, C 2005, Krisenintervention. Psychosoziale Unterstützung für Einsatzkräfte. W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart. Strang, A & Günthner, C 2004, Arbeitsunterlage zum Seminar Modul 1. Thema: Kommunikation für Feuerwehrangehörige, die als Mitglieder in einem PSU-Team vorgesehen oder eingesetzt sind. Seminar S PSU 1. Stand: 2004. Arbeitskreise „Psychosoziale Unterstützung“ Nordrhein-Westfalen (AK PSU NRW) / Landesfeuerwehrverband Nordrhein-Westfalen (LFV NRW) [u.a.] (Hrsg.). [o. O.].
38 Interdisziplinäre Perspektiven des Risikound Krisenmanagements Katastrophenvorsorge aus sozialwissenschaftlicher Perspektive: Risikodefinitionen und Stakeholder-Beteiligung als Ansatzpunkte für eine Reflexion des Sendai Framework for Disaster Risk Reduction Christine Prokopf Email: christine.prokopf@uni-muenster Einleitung Vor dem Hintergrund der zukünftig wahrscheinlich steigenden Zahl von Naturkatastrophen – unter anderem durch die Folgen des Klimawandels – stellt der Ansatz der Disaster Risk Reduction (DRR) heute einen bedeutenden Bereich der Post-2015-Agenda der Vereinten Nationen dar. Die Vision des 2015 beschlossenen Sendai Framework for Disaster Risk Reduction (SFDRR) (UNISDR 2015) ist „the substantial reduction of disaster risk and losses in lives, livelihoods and health and in the economic, physical, social, cultural and environmental assets of persons, businesses, communities and countries” (UNISDR 2015: 12). Das SFDRR fordert somit Gesellschaften auf, ihre Katastrophenvorsorgemechanismen grundlegend zu überprüfen und zu reformieren. Um sein Ziel zu erreichen, sollen nicht nur Regierungen, sondern alle gesellschaftlichen Gruppen aktiv werden – so betrifft das SFDRR auch die Wissenschaft (Abs. 36b des SFDRR). Sozialwissenschaften haben die Aufgabe, gesellschaftliche Entwicklungen zu beobachten, zu verstehen und zu reflektieren. Dieser Diskussionsbeitrag stellt in diesem Sinne die politisch-gesellschaftliche Dimension von DRR unter dem SFDRR in den Fokus. Er weist in einem ersten Schritt darauf hin, welche komplexen gesellschaftlichen Definitionsfragen sich aus im SFDRR endgültig vollzogenen, konzeptionellen Verschiebung der Betrachtung nicht mehr von Gefahren sondern von Risiken entstehen. In einem zweiten Schritt betrachtet er die daraus abgeleitete Betonung der Verantwortung aller Stakeholder für die Umsetzung des SFDRR und diskutiert die Frage der Verantwortlichkeit für die Umsetzung des SFDRR. Der Beitrag zeigt somit zwei Wege auf, wie die Sozialwissenschaften ihren Beitrag zu den Herausforderungen zeitgemäßer Katastrophenvorsorgepolitik leisten können. Risiken als normative Entscheidungen Risiko ist als Begriff bereits seit den Anfängen des UN-Engagements gegen Naturkatastrophen präsent, auch wenn die Dekade der 1990er der Natural Disaster Reduction gewidmet war. Bereits in der Yokohama Strategy von 1994 (UNDHA 1994) war risk assessment und risk management Teil des Aktionsplans. Der Wandel, Risiken in allen Bereichen der Bearbeitung von Katastrophen ins Zentrum zu stellen, kündigte sich bereits im Vorgänger des SFDRR, dem Hyogo Framework for Action (HFA), an. Während der Implementierungsphase des HFA wurden weitergehende terminologische Neudefinitionen vorgenommen und das Konzept des Risikos selbst in die Bezeichnung des Aktionsfeldes aufgenommen (s. UNISDR 2009). So wurde Disaster Reduction zu Disaster Risk Reduction und Risiken somit zur Kenngröße, an der nun der Erfolg des Sendai Rahmenwerks gemessen werden soll. Um diese Veränderung vom „disaster management“ zum „disaster risk management“ (UNISDR 2015: 5) in ihrer Bedeutung zu verstehen, muss das Kontinuum zwischen dem Verständnis von Katastrophen als durch Unsicherheit gekennzeichnete Gefahren einerseits und als klar benennbare Risiken andererseits in den Blick genommen werden. Da Katastrophen erst durch das Aufeinandertreffen eines Gefahrenereignis und einer
39 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2017 gefährdeten Bevölkerung in ihrer jeweiligen Lebensgrundlage und Infrastruktur entstehen, ist die Umwandlung der Unsicherheit anhand ihre potentiellen Konsequenzen in ein vorhersehbares und so verwaltbares Risiko abhängig vom jeweiligen Kontext. Risiken zu reduzieren bedeutet im ersten Schritt, normative Entscheidungen darüber zu treffen, wen und was es zu schützen gilt und zu welchem Grad Risiken gesellschaftlich akzeptiert werden. Risiken und ihre Indikatoren müssen so im gesellschaftlichen Kontext politisch definiert werden. Politisch relevant wird dies für die Festlegung von messbaren Erfolgsindikatoren. Diese müssen bereits auf “a good understanding and constant monitoring of risk with its key drivers hazard, exposure and vulnerability” (Mysiak et al 2015: 3960) beruhen. Das SFDRR selbst definiert keine Indikatoren. Diese sollen durch eine intergouvernementale Arbeitsgruppe unter Beteiligung von Stakeholdern ergebnisoffen für eine globale Bewertung des Erfolgs des Rahmenwerks erarbeitet werden (UNISDR 2015: Abs. 50). Die Sozialwissenschaften können in diesem Prozess das Bewusstsein für die Normativität des Definitionsprozesses angesichts der Diversität der gesellschaftlichen Kontexte weltweit schärfen. Beteiligung aller Akteure oder Delegieren von Staatsaufgaben? Das SFDRR ist zudem durch eine neue Aufmerksamkeit für die Rolle nichtstaatlicher Akteure geprägt. Dies ist unter anderem durch die Mobilisierung einer Vielzahl von Nichtregierungsorganisationen um die UNKonferenz in Sendai erklärbar: Die Zivilgesellschaft organisierte sich in den in der Folge des Erdgipfels in Rio entstandenen Major Groups (s. UNISDR 2015b), aber daneben auch in einer Fülle anderer Initiativen (z.B. der Resilient Cities Initiative) oder rund um bis dahin vernachlässigte Themen und Gruppen (z.B. Menschen mit Behinderung) und beeinflusste so aktiv das Übereinkommen. Entsprechend stützt das SFDRR sich auf eine Vielzahl von Stakeholdern und widmet ihnen ein eigenes Kapitel (V.). Zwar trage der Staat die Hauptverantwortung dafür, Katastrophenrisiken zu vermindern (UNISDR 2015: Abs. 35), doch wird diese Aufgabe gleichzeitig als „shared responsibility“ (UNISDR 2015: Abs. 35) betrachtet, die ein “all-of-society and all-of-State institutions engagement” (UNISDR 2015: S. 5) erfordere. Regierungen sollten alle relevanten Stakeholder in der Politikformulierung und -implementierung mit einbeziehen. Explizit genannt werden Frauen, Kinder und Jugendliche, Menschen mit Behinderung, arme Menschen, Migranten, Indigene, Freiwillige, die „community of practitioners“ und alte Menschen (UNISDR 2015: Abs. 7). Privatwirtschaft, Zivilgesellschaft und Wissenschaft sollen hingegen stärker miteinander und mit dem öffentlichen Sektor zusammenarbeiten (UNISDR 2015: Abs. 7). Verbindet man die Risikoperspektive mit der so formulierten Rolle der Staaten, liest sich dies erst einmal positiv: Sie bringt für die Staaten eine Verpflichtung mit, sich mit allen gesellschaftlich relevanten Risiken zu beschäftigen und insbesondere die besonders vulnerablen Gruppen in die politische Bearbeitung von Risiken mit einzubeziehen. Diese Perspektive kann jedoch auch zu einer negativen Betrachtung führen: So sehen zum Beispiel Rothstein und andere (2011) solche sich auf Risiken stützende Governance-Ansätze kritisch: Sie seien Instrumente der Staaten, mit denen sie ihre eigene Verantwortung – den Schutz ihrer Bürger_innen – einschränken können. Wenn eine aktive Rolle der Zivilgesellschaft und des privaten Sektors eingefordert wird, kann dies auch ein Weg dahin sein, die Zivilgesellschaft in eine Verantwortung zu drängen, die der Staat nicht länger tragen kann oder will. Jones und andere (2015: 58) formulieren dies prägnant, wenn sie fragen: „[W]ho really governs DRR?“
40 Interdisziplinäre Perspektiven des Risikound Krisenmanagements Reflexion in der Katastrophenvorsorge als Aufgabe der Sozialwissenschaften Dieser Diskussionsbeitrag verortet sich in der Forderung von Kelman und Glanz nach „further reflective work to ensure that we all fully act on disaster risk reduction—including through keeping a sustained, watchful eye on the national governments tasked with carrying out the SFDRR“ (Kelman, Glantz 2015: 106). Er zeigt zwei Aspekte, an denen die Sozialwissenschaften ansetzen und diese Forderung unterstützen können: Indem sie an ein verstärktes Bewusstsein für die Normativität von Risikodefinitionen appellieren und die Verantwortungsverteilung für die Umsetzung von DRR zwischen Regierungen und anderen Stakeholdern kritisch im Blick behalten. Literaturverzeichnis Jones, S, Manyena, B & Walsh, S 2015, ‘Disaster Risk Governance: Evolution and Influences’ in Hazards, risks, and disasters in society. Amsterdam, eds. A Collins, S Jones, B Manyena; & J Jayawickrama, Waltham, Oxford, pp 45–61. Kelmann, I & Glantz, MH 2015, ‘Analyzing the Sendai Framework for Disaster Risk Reduction’ in International Journal of Disaster Risk Science, vol 6, no 2, pp.105-106. Mysiak, J, Surminski, S, Thieken, A, Mechler, R & Aarts, J 2015, ‘Brief Communication: Sendai Framework for Disaster Risk Reduction – success or warning sign for Paris?” in Natural Hazards and Earth System Sciences, vol 3, pp. 3955-3966. Rothstein, H, Borraz, O & Huber, M 2011, ‘From the ‘Neurotic’ to the ‘Rationalising’ State’ in Forecasting, warning, and responding to transnational risks, eds. Chiara de Franco und Christoph O. Meyer, Houndmills, Basingstoke, Hampshire, New York, pp.187-207. UNDHA 1994, Yokohama Strategy and Plan of Action for a Safer World. Guidelines for Natural Disaster Prevention, Preparedness and Mitigation. Available from http://www.unisdr.org/files/8241_doc6841contenido1.pdf [20.4.2016] UNISDR 2009, UNISDR Terminology on Disaster Risk Reduction. o.O.. Im Internet: http://www.unisdr.org/files/7817_UNISDRTerminologyEnglish.pdf [Stand: 20.4.2016] UNISDR (2015): Sendai Framework for Disaster Risk Reduction 2015 – 2030. Genf: UNISDR.o.O.. Im Internet: http://www.preventionweb.net/files/43291_sendaiframeworkfordrren.pdf [Stand: 20.4.2016] UNISDR (2015b): NGOs and other Major Groups Organisations. o.O.. Im Internet: http://www.wcdrr.org/majorgroups [Stand: 20.4.2016]
41 Integrative Risk and Security Research Volume 1/ 2017 Publication List - Integrative Risk and Security Research Volume 3/2015 Fekete, A, Grinda, C & Norf, C (Eds.) (2015), Macht allein Schaden klug? Wissen, Erfahrung und Lernen im Umgang mit Risiken – Beiträge aus Wissenschaft und Praxis zum 27. Treffen des Arbeitskreises Naturgefahren/Naturrisiken. In: Integrative Risk and Security Research, 3/2015, Cologne. Volume 2/2015 Baumgarten, C & Bentler, C (2015), Analyse der persönlichen Zufriedenheit von Einsatzkräften während der Hochwasserkatastrophe 2013 in Deutschland. Eine Umfrage zur Steigerung der Motivation von Helfern im Bevölkerungsschutz. In: Integrative Risk and Security Research, 2/2015, Cologne. Volume 1/2015 Grinda, C, Norf, C, Blätgen, T & Fekete, A (Eds.) (2015), Country Profiles of Climate and Disaster Extremes in 16 Countries. Results of the DAAD Alumni Summer School 2013. In: Integrative Risk and Security Research, 1/2015, Cologne. Volume 1/2014 Norf, C; Blätgen, T, Grinda, C & Fekete, A (Eds.) (2014), Coping with Disasters and Climate Extremes – Challenges & Cooperation Potential. Research Contributions to DAAD Alumni Summer School 2013. In: Integrative Risk and Security Research, 1/2014, Cologne. All publications can be downloaded from https://www.th-koeln.de/anlagen-energie-undmaschinensysteme/schriftenreihe-integrative-risk-and-security-research_17446.php or you use http://tinyurl.com/oaj4r7a Cologne, February 2017